HARRY POTTER UND DAS ANKH VON KHEPRI

KAPITEL 29 – Die Beurteilung

Plötzlich nahm um sie herum alles Gestalt an und die Welt existierte wieder. Harry warf einen Blick nach unten und bemerkte, dass er nicht mehr seinen Pyjama trug, sondern einen langen, schwarzem Umhang mit goldenem Saum und schwarze Handschuhe aus Samt, auf deren Rücken eine Art Spinnennetz gestickt war. Snape war ähnlich gekleidet. Als er sich umsah erkannte Harry, dass sie in einem Korridor waren, der sich endlos zu erstrecken schien. Eine Tür nach an der anderen führte in andere Räume, aber sie hatten keine Türklinken und keine Schilder.

„Wo sind wir?", fragte Harry leise.

„In deinem Geist", murmelte Snape. „Unser physisches Ich haben wir in der Wirklichkeit zurückgelassen. Wir sind jetzt in den Korridoren deines Gehirns. Die Türen führen zu den verschiedenen Abteilungen deines Unterbewusstseins."

„Woher wissen Sie das?", sagte Harry.

„Eine Zeit lang habe ich mich gefragt, ob du vielleicht tatsächlich die Wahrheit gesagt hast ... ich habe darüber gelesen." Snape ging nach vor. Harry folgte ihm leise. Jeder ihrer Schritte schien in der Dunkelheit endlos zu hallen, und der hölzerne Boden unter ihnen knarrte leise. „Wir müssen den Zaubergamot finden. Sie sind bestimmt irgendwo in deinem Geist."

„Wo ist Voldemort?"

„Vergiss diese Frage. Wir werden darüber nachdenken, wenn wir es müssen."

Sie erreichten die erste Tür. Harry trat davor. Feurige Worte, in roten und goldenen Flammen, erschienen vor ihm – „RON". Harry streckte vorsichtig die Hand aus und die Tür öffnete sich knarrend. Er und Snape traten ein.

Alles war in grellen Farben gehalten und in der Mitte des Zimmers war eine große Säule. Darum waren in einem großen Haufen Gegenstände angeordnet. Harry kniete sich davor hin und hob ein paar davon auf. Einige erkannte er, einige nicht. Er hob ein altes, mitgenommenes Schulbuch auf und Snape nahm es. „Mm. Zu wenig Aufmerksamkeit für die Schulbildung; die wichtigsten Informationen sind gerade eben vorhanden. Keine zusätzlichen Arbeiten oder Stolz für die Schulaufgaben. Nicht organisiert." Er blätterte durch das Buch. Harry sah, dass viele Seiten fehlten, die durch handgeschriebene Notizen ersetzt worden waren, die im Buch klebten. „Stümperhafter Ersatz für fehlendes Wissen", sagte Snape. „Wie typisch für Weasley."

„Also zeigt alle diesen Dinge hier Ron", sagte Harry und sah sich genauer um. Es gab viele Dinge, die Hermine gehörten, oder auf denen ihr Bild war. „Sie muss ihm wirklich viel bedeuten."

„Nicht unbedingt", sagte Snape. „Dies hier zeigt, wie du Weasley siehst. Vielleicht weißt du tief drinnen, wie viel Granger für Weasley bedeutet." Er hob eine Augenbraue und legte das Buch zurück. „Dies mag faszinierend sein, aber es gibt noch hunderte Räume. Komm, Potter."

Harry und Snape verließen den Raum und gingen auf die nächste Tür zu. Flammende Worte erschienen, als sich Harry der Tür näherte. „HERMINE." Sie traten ein. Es war genau das Gegenteil zu Rons Zimmer. Die Farben waren eher Brauntöne und Cremefarben, und alles war ordentlich in Regalen im ganzen Zimmer verstaut. Alles war geordnet und Schilder hingen an den Wänden.

„Sauberkeit und Ordnung, die fast nicht mehr ausführbar ist"; sagte Snape ruhig. Er fuhr mit der Hand über ein Bücherregal und wandte sich dann dem sauberen Tisch in der Mitte des Zimmers zu. Ein Notizbuch lag offen darauf, die Feder war mit Tinte gefüllt und wartete darauf, dass jemand damit schrieb; die Textbücher auf dem Tisch waren geöffnet, um die nötigen Informationen zu bieten. „Und trotzdem höchst nützlich und praktisch. Eine gute Eigenschaft."

„Hier drinnen ist nichts über Ron", sagte Harry. Er warf einen Blick in die Ecke und sah ein winziges, voll bepacktes Regal. Winzige Fotos von Hermines Freunden standen darauf, unauffällig und nicht im Weg. „Warten Sie ... ein kleines Bild. Also denke ich nicht, dass wir für Hermine so wichtig sind, obwohl wir es wahrscheinlich sind."

„Kluger Junge", sagte Snape. Er legte eine Hand auf Harrys Schulter und steuerte ihn aus dem Zimmer.

Sie arbeiteten sich leise den Korridor entlang und überprüften jeden Raum, obwohl sie nirgends einen Hinweis auf den Zaubergamot oder Voldemort fanden. Sie sahen Zimmer über Harrys Eltern, Zimmer über Sirius, über Snape, Kainda, Draco, Crabbe und Goyle, die Dursleys, Mrs Figg, Ludo Bagman, fast alle Menschen, die Harry je gekannt hatte. Als sie die Personen hinter sich hatten, fanden sie Zimmer über Orte und Gegenstände, Harrys Gefühle, seine Meinungen über Schulfächer, seine Lieblingsdinge, vergangene Träume und Albträume, einfach alle möglichen Dinge. Harry merkte, dass bis jetzt alle Räume von seinen Meinungen gehandelt hatten, aber das änderte sich, als sie sich einer großen Doppeltür näherten.

„HALLE DER ERINNERUNGEN", schrieben die feurigen Buchstaben. Sie brannten ein paar Sekunden lang und erloschen dann. Harry warf Snape einen Blick zu und öffnete dann die Tür. Beide gingen hindurch, in die Dunkelheit, die sich ewig auszustrecken schien. Ein gläserner Pfad wand sich vor ihnen durch die Dunkelheit. Harry und Snape folgten ihm, bis sich der Weg teilte und um etwas führte, das aussah wie eine riesige Kristallkugel. Harry ging näher hin und legte die Hände auf das Glas. Drinnen sah es aus, als würden Millionen kleine Spinnen ein weißes Netz weben, das sich von einer Seite zur anderen erstreckte. Harry erkannte, dass es die gleiche Substanz wie in einem Denkarium war.

„Sind das da drinnen meine Erinnerungen?", fragte er Snape.

Snape nickte. „Sieh mal nach oben ..."

Harry hob den Kopf und sah weitere Kugeln, die in der Dunkelheit hingen und mit dieser Substanz gefüllt waren. Etwas bewegte sich in der Dunkelheit. Instinktiv trat Harry einen Schritt näher zu Snape. Im nächsten Moment war eine weiße, schattenhafte Spinne aus dem Nichts aufgetaucht und wand sich um die kleinste Kugel. Dünne Schnüre erschienen darin und füllten sie. Die Spinne krabbelte davon in die Dunkelheit. Ein paar Augenblicke später war der Inhalt der Kugel verschwunden.

„Was passiert hier?", fragte Harry.

Snape deutet auf die große Kugel. „Deine frischesten Erinnerungen. Mit der Zeit werden die Kugeln langsam kleiner. Die größte enthält die Dinge, die gerade geschehen sind. Unwichtige Details werden vernichtet und der Rest kommt in die nächste Kugel. So geht es eine bestimmte Zeitdauer weiter, und alles, was wirklich wichtig ist, kommt in diese größte Kugel." Er deutete auf die größte Kristallkugel. Eine weitere Spinne erschien und zog Erinnerungen aus einer Kugel und brachte sie zur nächsten. „Sie bewegen die Erinnerungen und entscheiden für dich, was wichtig ist und was nicht. Wenn irgendwelche Erinnerungen deine Meinungen beeinflussen, wird die Information weitergegeben und die Räume im Korridor werden sich daran anpassen."

Harry beobachtete, wie eine weitere Spinne Fäden aus der kleinste Kugeln in die riesige direkt vor ihm brachte. Nach einem Augenblick sagte er: „Also, bei Gedächtniszaubern ... können nur die frischesten Erinnerungen gelöscht werden. Die Kugel wird einfach entleert und deshalb kann man sich nicht mehr erinnern."

„In der Tat", sagte Snape. „Niemand ist sicher, wie lange die Kette der Erinnerungen hält. Die Bücher behaupten, dass die längste Kette, die je durch einen Zauber gelöscht worden ist, die Erinnerungen von zehn Jahr beinhaltete, aber in seltenen Fällen kann die größte Kugel gelöscht werden. Jede einzelne Erinnerung wird gelöscht und nichts bleibt zurück."

„Das ist mit Lockhart passiert", sagte Harry nickte. „Aber ... er hat auch Informationen vergessen, oder? Und Informationen und Erinnerungen sind nicht das gleiche. Man kann etwas wissen, aber sich nicht erinnern, es gelernt zu haben."

„Niemand versteht diese komplizierten Prozesse genau", sagte Snape. „Ich habe als Schüler den Geist studiert. Die meisten Informationen kommen von Menschen, die körperlich einen Geist betreten haben, wie wir es gerade tun. Niemand hat je eine Kammer gefunden, die Informationen enthält. Manchmal beeinträchtigen Gedächtniszauber auch Informationen, manchmal nicht. Lockhart konnte noch immer sprechen und wusste, wie man überlebt, aber er hatte kein Wissen über sich selbst und sein Leben ... obwohl ich nicht sicher bin, ob das nicht auch als Erinnerung gelten kann."

„Wie könnten man also eine einzelne Erinnerung entfernen?", fragte Harry. „Nur eine einzige, nicht alle. Wenn ich zum Beispiel vergessen will, dass ich meine UTZ Prüfungen gemacht habe."

„Die Erinnerungen müssen entnommen werden", sagte Snape ruhig. „Und dann zerstört werden, indem man verschiedene Zauber an einem Denkarium verwendet. Erinnere mich daran, dich in meine Bibliothek zu bringen, damit ich es dir detaillierter erklären kann."

Hinter ihnen hörten sie Schritte am Beginn des gläsernen Wegs. Harry und Snape wandten sich um. Jemand kam durch die Dunkelheit auf sie zu. Zuerst dachte Harry, er würde ihn nicht erkennen, aber dann trat die Gestalt ins Licht der größten Kugel. Das weißliche Leuchten glitzerte auf dem silber-blonden Haar und den kalten, grauen Augen. Lucius Malfoy war im Tod noch genauso furchteinflößend, wie er während seines Lebens gewesen war.

„Mein Lord", rief er. „Sie sind hier."

„Ah ... gut gemacht, Lucius ..."

Harry ging näher zu Snape, dessen Hand sich wieder auf seine Schulter legte und beide zogen gleichzeitig ihre Zauberstäbe, als eine dunkle Gestalt hinter Malfoy erschien und auf sie zu kam. Voldemorts blasses, schreckliches Gesicht starrte Harry aus der Dunkelheit heraus an. Seine leuchtend roten Augen beobachteten Harry mit purem Hass und Abscheu, und dann wandte er sich Snape zu.

„Severus", sagte Voldemort sanft und es war mehr ein Zischen als eine normale Stimme.

Snape sagte nichts. Lucius trat nach vorn und lächelte Snape sanft zu, eine Augenbraue nur ein wenig gehoben. Die Blicke der beiden trafen sich.

„Was ist mit dir passiert?", fragte Malfoy leise.

„Erkenntnis", antwortete Snape.

„Du widersprichst dir, alter Freund", sagte Malfoy. „Bei einer solch faulen Kreatur zu stehen, welche Erkenntnis hat dir das gebracht?"

„Ich könnte das gleiche sagen", flüsterte Snape.

Plötzlich erschien in der Luft vor ihnen ein Flackern, schnell von einem weiteren gefolgt und zwei Kreaturen schwebten vor ihnen. Eine war Khepri, die andere sah ihm sehr ähnlich, hatte aber schwarzes Fell und eine Schlange als Schwanz.

„Kein Blutvergießen", sagte Khepri. „Der Kampf beginnt erst nach der Beurteilung."

Der schwarze Khepri nickte mit einem düsteren Lächeln. „Ich will euch informieren, bevor der Zaubergamot eintrifft ... der Junge wird zweiundvierzig Fragen des Zaubergamots beantworten. Für jede Frage, die er wahrheitsgetreu mit ‚nein' beantworten kann, bekommt er entweder eine Waffe, einen weiteren Kämpfer oder eine Minute Vorsprung."

„Wenn die Fragen vorbei sind, könnt ihr mit eurem Kampf beginnen", sagte Khepri. „So einfach ist es. Gewinner leben. Verlierer sterben."

In diesem Moment ertönte irgendwo in der Dunkelheit ein Gong und Harry erstarrte. „Was ist das?", sagte er zu Khepri.

Khepri lächelte. „Dein Zaubergamot kommt ... den ägyptischen Rat gibt es schon lange nicht mehr, aber ihre Geister haben Menschen ausgewählt, die du kennst, um sie zu vertreten. Du bist derjenige, der hierher gezwungen wurde, also werden es deine Bekannten sein, die kommen."

Flammen brachen nacheinander aus der Dunkelheit hervor. Harry versuchte, sie zu zählen, aber verlor schnell den Überblick und starrte sie nur an, als die Flammen erschienen. Sie verteilten sich in einem brennen Ring um ihn herum. Der schwarze Khepri führte Voldemort und Malfoy aus dem Ring, während Khepri auf Snape zukam und lächelte.

„Sie werden gebraucht, Sir", sagte er. „Serapis. Retter im Leben und im Tod, Erlöser der Kranken." Er deutete auf eine der Flammen im Ring. „Du bist dort."

Snape legte seine Hand auf Harrys Schulter. Einen Moment lang sahen sie sich in die Augen, dann ging Snape davon und stellte sich vor die Flamme. Harry sah sich um, während immer mehr Leute aus den Flammen erschienen und verwirrt um sich blickten. Er sah Ron, Hermine, Draco, all seine Freunde, Menschen, die er aus dem Ministerium kannte, sogar Peter.

„Was ist hier los?", rief Ron. „Harry? Wo sind wir?"

Khepri glitt in die Mitte des Kreises über Harry und klatschte in die Hände. „Ihr seid alle hier, um Richter zu sein. Ihr müsst nur wissen, dass ihr euch Fragen überlegen müsst, von denen ihr denkt, dass Harry sie wahrheitsgetreu mit ‚nein' beantworten kann. Umso öfter ihm das gelingt, desto besser sind seine Chancen. Denkt nach. Sie müssen über Harry sein, sein Leben und seine Sünden."

Alle verstummten. Ein paar sahen misstrauisch und zweifelnd aus, die meisten sahen Harry an und ein paar dachten offenbar nach. Harry konnte fast sehen, wie sich die Rädchen in Hermines Kopf drehten. Auf der anderen Seite des Rings versuchte Draco, seinen Vater nicht anzusehen.

„Bereit? Gut ... lasst mich sehen, wo wir beginnen ..." Khepri schwebte zu Boden, sah sich um und erblickte dann Mad-Eye Moody. Zu Harrys Überraschung sah Moody nicht misstrauisch aus und versuchte nicht, jeden in seiner Nähe zu verhexen. Khepri ging lächelnd auf ihn zu. „Horus", sagte er. „Im Kampf gegen das Dunkel ein Auge verloren. Hast du deine Frage?"

„Die hab ich", knurrte Moody.

„Stell sie ihm", sagte Khepri und wandte sich Harry zu.

Moodys normales Auge richtete sich auf Harry, während er fragte: „Schon jemals getötet, wenn es nicht Selbstverteidigung war, Potter?"

„Nein", sagte Harry bestimmt.

„Falsch", sagte der schwarze Khepri. Er glitt in den Ring und starrte Harry an. „Als er zwölf war, hat er in diesem Auto Tausende Spinnen getötet, als er aus dem Wald geflohen ist."

„Das war Selbstverteidigung", sagte Harry feurig. „Sie haben versucht, uns zu töten!"

„Nicht die winzigen am Boden", sagte der schwarze Khepri.

„Oh, komm schon, es waren nur Spinnen", sagte Harry. „Ich hatte nicht vor, sie zu töten."

„Es waren trotzdem Leben", sagte der schwarze Khepri. „Seine Antwort war nicht wahr. Stellt die nächste Frage."

Khepri ging weiter. Lupin stand vor der nächsten Flamme. Er sah ziemlich blass und schwach aus, aber er hob den Kopf, als Khepri ihn ansprach, und leiser Mut lag in seinen Zügen.

„Anubis", sagte Khepri. „Wir spüren einen Wolf tief in dir. Stell ihm deine Frage."

Lupin wandte sich Harry zu und warf ihm ein freundliches Lächeln zu, als wären sie nur im Unterricht. „Hast du je jemandem im Stich gelassen, wenn er dich am meisten gebraucht hat, Harry?"

„Nein", sagte Harry.

„Er lügt", sagte der schwarze Khepri. „Er ließ seinen Beschützer im Stich, vor dem Krankenflügel."

Khepri nickte und ging weiter. Harry fühlte sich inzwischen verzweifelt. Khepri wandte sich Hagrid zu und sagte: „Geb ... Gott der Erde und der Natur. Deine Frage?"

Hagrids schwarze Augen waren von Wärme erfüllt, als sie auf Harrys Blick trafen. „Haste jemals mit Absicht getötet, Harry?"

„Nein", sagte Harry und schüttelte den Kopf.

Der schwarze Khepri lachte hohl. „Ich sehe, dass der Basilisk hier nicht zählt?"

Khepri ging weiter. Harry fühlte sich sehr, sehr krank. Er konnte Madam Sprouts Frage nicht wahrheitsgetreu beantworten oder auch nicht die Fragen von noch ein paar Leuten nach ihr, aber endlich wurde er von Hermine erlöst.

„Maat", sagte Khepri. „Göttin der Ordnung, Wahrheit und Gerechtigkeit ... deine Frage?"

Hermine lächelte Harry aufmunternd zu. „Hast du jemals jemanden verletzt, ohne einen guten Grund dafür zu haben?"

Harry fühlte Hoffnung in sich aufwallen. „Nein", sagte er schnell und schüttelte den Kopf.

Der schwarze Khepri war still. Harry wandte sich ihm zu. Er nickte – nur einmal. „Das ist wahr. Wähle, Junge ... ein weiterer Kämpfer, eine Minute Vorsprung oder eine Waffe?"

Harry hielt inne und sagte dann: „Eine Minute Vorsprung." Mehr Kämpfer oder Waffen würden ihm nichts bringen, wenn er nicht genug Vorsprung hatte, um sie zu benützen.

Khepri ging weiter. Er konnte die Fragen von Professor Sinistra, Mr. Weasley und Professor Pebblebank nicht beantworten, bevor Khepri vor Ron hielt. Ron sah entschlossen aus.

„Ra", sagte Khepri. „Gott der Sonne. Deine Frage?"

Ron wandte sich Harry zu, holte tief Luft und sagte: „Hat dir schon jemals die Freundin eines Kumpels gefallen?"

„Nein", sagte Harry.

Eine Pause folgte. Der schwarze Khepri sah sehr geringschätzig aus. „Das war keine richtige Frage, und er hat in seiner Antwort sowieso gelogen. Cedric Diggory, und Cho Chang."

„Cedric war kein Kumpel", sagte Harry stur. „Und ich mochte sie vor ihm."

„Ich denke, es war eine komplett faire Frage", sagte Khepri und sah seinen Partner mit gehobener Augenbraue an.

Der schwarze Khepri seufzte ungeduldig. „Oh, nun gut. Wähle eine weiter Belohnung."

„Waffe", sagte Harry.

Zu seinen Füßen hörte er ein Klirren und als er nach unten sah, lag vor ihm ein goldener Schild. Khepri ging wieder weiter. Er kam zu Neville, Dumbledore, McGonagall, Luna und Ginny, Kainda, Flitwick, Madam Pince und weiter und weiter an fast allen vorbei, bis nur noch vier übrig waren. Harry bettelte, dass sie ihm Fragen geben mochten, die er beantworten konnte. Snape, Alrister, Draco und Rookwood sahen ihn an, als Khepri zu ihnen trat. Er ging zuerst auf Snape zu.

„Serapis ... deine Frage bitte."

Snape und Harry sahen sich in die Augen. „Hast du Angst, Harry?", fragte Snape.

Zuerst war Harry von dieser Frage überrascht. Er dachte nach und antwortete schließlich, noch immer überrascht: „Nein."

Stille folgte. Der schwarze Khepri hob eine Augenbraue. „Interessante Frage. Er sagte die Wahrheit. Wähle, Junge."

„Eine weitere Minute", sagte Harry. Er dachte, dass ihm mehr Waffen nichts bringen würden, und falls es ein körperlicher Kampf werden würde, und er noch mehr Kämpfer wählte und sie verloren, würden sie mit ihm sterben. Er konnte das seinen Freunden nicht antun.

Khepri ging weiter zu Draco. Harry schaffte seine Frage über Eifersucht nicht und das gleiche geschah mit Rookwood, aber Harry hatte auch nicht erwartet, dass Rookwood versuchen würde, ihm zu helfen. Alrister war der letzte im Kreis. Er sah Harry an, lächelte und sagte dann: „Hast du jemals Ehebruch begangen, Harry?"

„Ich bin nicht verheiratet, oder?", sagte Harry überrascht. „Also ... nein."

„Das war eine unfaire Frage", sagte der schwarze Khepri wütend. „Der Junge ist noch nicht alt genug, um zu heiraten."

„Nein, ist er doch", sagte Alrister mit einem Lächeln. „Wenn er die Erlaubnis seines legalen Vormunds bekommt. Und ich denke, das wäre Snape. Severus? Würdest du ihm die Erlaubnis geben, falls er darum fragt?"

„Was, mich zu heiraten?", fragte Snape und starrte ihn an.

„Nein, jemand anderen zu heiraten."

„Nun ... ja."

„Da habt ihr es", sagte Alrister und lächelte den schwarzen Khepri an. „Es war eine komplett faire Frage. Harry könnte inzwischen leicht verheiratet sein, falls er es wollte, und er hat seine Frau noch nicht betrogen."

Der schwarze Khepri sah sehr wütend aus. „Gut", spuckte er. „Junge! Wähle etwas!"

Harry dachte einen Moment lang nach. „Was wird passieren, wenn ich einen Kämpfer wähle, der bereits tot ist, und wir verlieren?"

„Nichts", sagte Khepri schulterzuckend. „Er wäre schon tot, also würde er wieder dorthin gehen."

„Dann will ich einen Kämpfer", sagte Harry. „Ich will Sirius. Sirius Black."

Khepri nickte. Er wandte sich dem Zaubergamot zu. „Ihr werdet jetzt in die Realität zurückgeschickt und eure Erinnerungen werden gelöscht." Er klatschte in die Hände und die Flammen des Zaubergamots verschwanden und nahmen die Menschen mit. Snape trat nach vorn und stellte sich wieder neben Harry, und in diesem Moment entstand in der Nähe eine Flamme aus dem Nichts. Khepri warf Harry einen schnellen Blick zu. „Ab dem Moment, in dem er erscheint, habt ihr zwei Minuten, um euch in den Räumen deines Geistes zu verstecken. Dann werden euch die anderen beiden verfolgen. Gewinner leben, Verlierer sterben. Ihr dürft nur die Reinen Künste, Geisteskünste und körperliche Angriffe verwenden. Bereit?"

Harry nickte. Seine Augen waren auf die Flammen fixiert, die knisterten und tanzten. Ein Schatten erschien in ihrer Mitte und trat dann hustend und verwirrt dreinblickend heraus. „Was ... wo ...?"

„Sirius! Komm schon!", rief Harry und packte seinen Paten am Arm; er zog ihn aus dem Raum, während Snape ihnen folgte. Sie rannten den gläsernen Weg entlang, krachten durch die Tür und stürmten hinaus in den Korridor. Sirius sah sich komplett verwirrt um.

„Was ist hier los?", fragte er.

„Halt den Mund", knurrte Snape. „Und lauf weiter."

Harry blieb endlich schlitternd vor einer Tür stehen. Er hielt nicht einmal lange genug an, um zu sehen, wie das Wort LIEBE aufflammte. Er riss die Tür auf, schob Sirius und Snape hinein und schlug die Tür hinter ihnen zu. Er und Snape schafften es, einen Schutzschild vor der Tür anzubringen und ein einfaches, aber wirksames Schloss zu machen. Dann wandte sich Harry endlich Sirius zu. Sein Pate starrte den roten Glitzer an, der überall schwebte, die sanften weißen Blitze, die ab und zu zuckten, und die Fotos von geliebten Menschen, die überall hingen.

„Sirius", sagte Harry.

„Bereit mir zu sagen, was zum Teufel hier los ist?", fragte er.

„Das hier ist mein Geist", sagte Harry. Er ging vorsichtig auf Sirius zu. „Es ist der letzte Kampf. Ich und Voldemort. Ich konnte Menschen aussuchen, die mir helfen und ich wollte dich ... derjenige, der den anderen tötet, wird gewinnen und seine Seite überlebt. Also ... wenn wir Voldemort töten, werden wir überleben. Wenn Voldemort Seite mich tötet, sterben wir alle."

Sirius wandte den Blick von Harry zu Snape. Er und Snape starrten einander an und einen Moment lang machte sich Harry Sorgen, dass er die falschen Kämpfer ausgewählt hatte. Dann streckte Sirius die Hand aus. Snape nahm sie ohne Zögern an.

„Natürlich nur für Harry", sagte Sirius.

„In der Tat", erwiderte Snape.

„Warum bist du hier?", fragte Sirius. „Er hat dich nicht um Hilfe gebeten, oder?"

„Das hat er", sagte Snape kühl. „Und ich bitte dich darum, Potters Entscheidung zu akzeptieren. Wenn wir nur hier herumstehen und die Skandale im Tagespropheten diskutieren, sind wir schon so gut wie tot. Wir brauchen eine Strategie und einen Plan. Black, kennst du dich mit zauberstabloser Magie aus?"

Sirius warf ihm einen fragenden Blick zu.

„Reine Künste", sagte Snape. „Geisteskünste. Nein?"

Sirius' Blick blieb fragend.

Snape seufzte. „Nun gut ... du wirst wohl unser physischer Angreifer sein. Harry, wenn du mit mir in Kontakt bist, verwende die Geisteskünste, aber bis dahin muss ich auf das vertrauen, was Alrister dir beigebracht hat. Obwohl ich es später wahrscheinlich bereuen werde. Verlasst euch auf nichts und bleibt zusammen."

Sirius nickte und verwandelte sich in den riesigen, zotteligen, schwarzen Hund. Er hockte sich auf den Boden und knurrte, wobei er die Zähne fletschte und das Fell auf seinem Rück zu Berge stehen ließ.

„Sehr einschüchternd", sagte Snape. „Harry, komm her."

Harry ging ein paar Schritte näher. Snape bückte sich zu ihm hinunter, hob die Hand und legte sie flach auf Harrys Stirn. Harry fühlte ein Brausen, als seine Kraft in diesem Moment zurückkehrte. Beide schlossen die Augen.

„Das wird die schnellste Lektion deines Lebens", sagte Snape. „Und sie wird weh tun. Mach dich bereit."

Harry machte sich bereit. In der nächsten Sekunde fand er heraus, was genau schmerzen würde, als ein heißer Schmerz durch seine Narbe schoss. Er fühlte, wie sein Geist gewaltvoll auseinander gerissen wurde und etwas in die Spalten flog, hier und da anhielt und ihn plötzlich mit Informationen füllte. Er merkte, wie er zitterte. Snape ebenfalls, aber er ließ Harry nicht los. Harry schrie auf. Er hörte weit entfernt ein Knurren, als Sirius nach vor sprang und seine Zähne in Snapes Bein versenkte, aber Snape schien es nicht zu bemerken. Es dauerte noch etwa eine halbe Minute, und dann brach Snape die Verbindung. Harry stolperte zurück und fiel fast auf den Boden, aber Snape packte ihn am Umhang und stellte ihn wieder auf die Beine.

„Hat es funktioniert?", fragte er und senkte den Blick. „Black! Lass mein Bein los!"

Harry sah tanzende Sterne. Es fühlte sich an, als wäre er soeben mit Wissen gefüllt worden. Plötzlich wusste er Dinge, die er überhaupt nicht erklären konnte. Es war, als lernte man, wie man mit einem Stab hantiert und man plötzlich ein Schlachtschiff bekommt und seltsamerweise wusste, wie man es bediente.

„Wow", hauchte er.

Sirius war als Hund zu Harry gelaufen und leckte ihm übers Gesicht, als wäre er verletzt. Harry lachte und stieß ihn leicht weg.

„Mir geht's gut, Sirius", sagte er. „Nur ein bisschen ... schwindlig. Ich werde später alles erklären, okay?"

„Das ist etwas optimistisch", sagte Snape. „Woher weißt du, dass es ein ‚später' geben wird?"

Harry stand wieder auf. „Einfach nur Arroganz."

Snape schnaubte amüsiert. Er warf Harry einen Blick zu und hielt einen Moment inne. Er legte eine Hand auf Harrys Schulter, wobei er Sirius' Knurren ignorierte. „Du weißt, dass die Chance besteht, dass wir deinen Geist nicht lebendig verlassen."

„Es lief doch immer darauf hinaus", sagte Harry schulterzuckend. „Wenn ich sterben muss, dann sterbe ich. Ich gehe lieber jetzt als Held unter, als in zweihundert Jahren als Feigling, wenn Voldemort die Weltherrschaft an sich gerissen hat."

„Interessante Philosophie", sagte Snape. Er nickte. „Nun gut, Harry. Lass uns als Helden untergehen. Black? Komm schon. Es ist an der Zeit, uns unserem Schicksal zu stellen."

Die drei wandten sich der Tür zu und öffnete sie. Sie traten hinaus in den Korridor, Seite an Seite. Einst waren sie alle verbitterte Feinde gewesen. Harry blickte den langen Flur entlang und wusste, dass er bereit war. Die Zeit war gekommen.