HARRY POTTER UND DAS ANKH VON KHEPRI
Kapitel 31 – Auf Wiedersehen, Hogwarts
Der Rest von Harrys Schuljahr in Hogwarts verging in einem Strudel aus Partys und Feierlichkeiten. Da er der jüngste Mensch war, der je einen Orden des Merlin Erster Klasse, erhalten hatte, wurde er mit jeder Woche berühmter, und bis zum letzten Schultag waren bereits zwei Biographien erschienen, die auf der Bestseller-Liste bei Flourish und Blotts ganz oben standen. Schon zu bald war Harrys allerletzter Tag in Hogwarts gekommen. Er verbrachte ihn mit seinen Freunden lachend und scherzend in den Schlossgründen. Sie teilten sich Süßigkeiten und bereiteten sich auf den Abschlussball, der an diesem Abend stattfinden würde, vor.
Harry freute sich darauf. Es war quasi Tradition, dass sich die Schüler auf dem Abschlussball betranken, doch natürlich sahen die Lehrer nie den Alkohol, und machten sich auch nicht die Mühe, jemandem Strafarbeiten zu geben. Es ging das Gerücht um, dass sich die Lehrer den Feierlichkeiten auch selbst oft anschlossen.
Nach einem abendlichen Picknick am See machten sich Kainda und Hermine auf den Weg zum Schloss, um sich umzuziehen; sie ließen Ron, Draco und Harry mit dem Rest der Sandwiches zurück. Ron erzählte ihnen von dem Kleid, das Hermine anziehen würde.
„Und sie sagt, dass sie eine lila Schärpe um die Hüfte trägt. Satin oder Seide, keine Ahnung, welches Material. Hermine meint, dass am Bein ein langer Schlitz ist, aber ich weiß nicht, ob sie hoch-lang oder Hermine-lang meint."
„Vermutlich Hermine-lang", meinte Draco. „Auch bekannt als kurz. Du gehst mit Kainda, oder Harry?"
Harry nickte und versuchte, sich ein Lächeln zu verkneifen. Er hatte Kaindas Festumhang noch nicht gesehen, aber Ginny hatte ihm zugeflüstert, dass er „sehr nett" sei.
„Mit wem gehst du?", fragte Ron Draco, nahm ein paar Trauben und steckte sie in den Mund, sodass er ein wenig wie ein Hamster aussah.
„Mit niemandem", sagte Draco cool. „Es ist aber nicht so, als hätte ich keine Angebote bekommen. Millicent Bulstrode und Pansy Parkinson haben mich erste heute Morgen gefragt."
„Und du hast nein gesagt?", sagte Harry. „Ich dachte, du magst Pansy."
„Das war einmal", gähnte Draco und streckte sich auf dem Gras aus. „Aber jetzt nicht mehr. Ich habe höhere Standards. Ab diesem Moment werde ich nur noch mit Frauen ausgehen, die eine Aphrodite sind, sonst nichts."
„Was ist mit Snapes Schwester?", sagte Ron.
Dracos Mundwinkel zuckten ein wenig. „Nun. Vielleicht mache ich eine oder zwei Ausnahme."
Harry und Ron grinsten sich an und aßen weiter. Der Ball begann um acht Uhr, und hatte ein offenes Ende. Wenn alles so ablief wie bei anderen Partys, würden sie tanzen und trinken, bis man sie am nächsten Morgen zum Hogwarts-Express brachte. Harry hatte bereits seine Sachen gepackt, denn er hatte den vagen Verdacht (oder vielleicht die Hoffnung) dass er am Morgen einen zu starken Kater haben würde.
„Das würde Sirius aber nicht gefallen", meine Ron.
„Oh? Würde es nicht? Und wieso?", sagte Draco kalt.
Ron dachte einen Moment nach und begann dann, wild gestikulierend, zu erklären. „Sirius ist der Cousin deiner Mutter … und Andralyn ist Snapes Halbschwester. Wenn du also mit Andraly durchbrennst, dann wären Sirius und Snape verwandt."
„Das sind sie doch schon irgendwie", sagte Harry. Seit der Nacht des Sieges über Voldemort hatten Sirius, Snape und Peter ständig versucht, ihn zu schützen und sie ließen ihn kaum noch aus den Augen. Snape hatte es ihm erklärt. Obwohl Voldemort geschlagen war, gab es auf der Welt noch viele Todesser, die ihn verfolgen würden um Rache für die Niederlage ihres Meisters zu nehmen. Snape hatte jedoch auch gute Nachrichten für Harry; er zeigte ihm seinen linken Unterarm. Das Dunkle Mal war verschwunden, ebenso wie Dracos.
Harry überlegte, welchen von den dreien gerade auf ihn aufpasste und sah in Richtung des Schlosses. Auf der Treppe sah er Pebblebank, Sirius und Lupin sitzen und sich unterhalten. Pebblebanks glitzernder oranger Umhang leuchtete im Sonnenlicht.
„Ich frag mich, was mit Rookwood passiert ist", sagte Ron nachdenklich und nahm sich noch ein Sandwich.
„Ich weiß, dass das Anwesen durchsucht wurde", sagte Draco. „Es stand im Tagespropheten. Sie fanden ein paar seiner Brüder, seine Frau und seine Schwester, aber nicht ihn. Isabis ist nach Askaban gebracht worden. Ich denke, das Kind ist bei ihrer Schwester, bis sie ein permanentes Zuhause finden."
Harry legte sich auf die Decke und streckte sich gähnend. Es war ein angenehmer Abend. Die Sonne leuchtete über dem Horizont und alles wurde langsam dunkel, bereitete sich auf die Nacht vor. Er sah auf die Uhr. Es war halb acht.
„Wir sollten besser gehen", sagte er. „Der Ball beginnt in einer halben Stunde und Draco muss noch seine Haare glätten."
„Muss ich nicht", gab Draco zurück. Eine seiner Hände fuhr in sein Haar und begann, einzelne Strähnen glatt zu ziehen.
Ron gluckste. „Klar, Malfoy." Er setzte sich auf, streckte sich, und kam auf die Beine. Er steckte alle Reste in den Korb, während Harry die Decke aufrollte. Draco nahm ihre Taschen und die drei machten sich auf den Weg zum Schloss, wobei sie aufgeregt über den Ball sprachen.
Um Viertel vor acht waren alle Gryffindor Siebtklässler fertig und warteten im Gemeinschaftsraum auf ihre Verabredungen. Ron ging natürlich mit Hermine, Seamus wartete auf Lavender, Dean und Parvati gingen gemeinsam und Neville war alleine. Draco hatte angeboten, ihm ein Date mit Millicent Bulstrode zu verschaffen, aber Neville hatte abgelehnt. Harry würde um acht Uhr Kainda in der Eingangshalle treffen, und deshalb wartete er jetzt mit Ron.
Sie hörten, wie am Ende der Mädchentreppe eine Tür aufging. Ron wirbelte herum, um zu sehen, wie Hermine, Parvati und Lavender erschienen. Parvati trug ein hübsches, goldenes Kleid und gut ausgewählten Schmuck. Lavender hatte ein spitzenbesetztes Kleid in Pink, und ihr Haar war zu einem Knoten gebunden, zu dem sie eine glänzende Haarspange in Form eines Schmetterlings trug. Als Ron Hermine sah, fielen ihm fast die Augen aus dem Kopf. Harry musste zugeben, dass sie sehr hübsch aussah. Sie trug ein bodenlanges, lila Satinkleid mit einem Schlitz an der Seite und einer cremefarbenen Schärpe um die Hüfte. Sie hatte ihr Haar zurückgebunden und auf ihrem Kopf glitzerte eine kleine Tiara.
Ron stand auf und ging zu ihr. Hermine lächelte scheu. „Wie findest du mich?", sagte sie. Als sie keine Antwort erhielt, legte sie ihre Hand auf Rons Kinn, um seinen Blick von ihrer Brust abzulenken. „Ron."
Seamus nahm Lavenders Arm und sie verließen den Gemeinschafsraum gefolgt von Dean und Parvati. Harry und Neville folgten Ron und Hermine. Harry war nicht überrascht, als draußen Sirius grinsend auf sie wartete.
„Da seid ihr ja", sagte er. „Ich dachte schon, ich müsste einbrechen und euch rausholen. Katie wartet in der Eingangshalle auf dich."
„Sie heißt Kainda", sagte Harry grinsend. „Kommst du auch?"
„Würde ich jemals eine Party verpassen?", sagte Sirius. Er trug einen dunkelroten Umhang und sein Orden des Merlin war an seine Brust gesteckt. Seit der Zeremonie wohnte er bei Lupin und hatte die Medaille immer getragen. Harry hatte einmal Lupin besucht, und hatte tatsächlich gesehen, wie Sirius das Badezimmer verlassen hatte, den Orden an das Handtuch um seine Hüfte gesteckt.
Sie gingen gemeinsam zur Eingangshalle. Sie war voller Siebtklässler die aufgeregt miteinander redeten. Harry fand Kainda schnell und ging zu ihr. Sie lächelte ihn an. Harry fand, sie sah noch hübscher als Hermine aus. Ihr Kleid war dunkelgrün und war aus glänzendem Samt. Um ihren Hals glitzerte ein smaragdgrüner Anhänger an einer dünnen, silbernen Kette.
„Du siehst hübsch aus", sagte Harry und umarmte sie.
„Du auch", sagte sie grinsend.
Draco kam von der anderen Seite der Halle auf sie zu. Harry war nicht überrascht, zu sehen, dass er ziemlich pompös angezogen war; er trug einen schwarzen Seidenumhang über einem Frackhemd. Sein Haar war mit einem schwarzen Band zurückgebunden. Er warf Harry ein Lächeln und ein Nicken zu, als er näher kam. Dann lehnte er sich zu Harry und flüsterte in dessen Ohr: „Ich habe einen Versorger gefunden."
„Wofür?", sagte Harry.
„Feuerwhiskey", sagte Draco mit einem gerissenen Lächeln. „Er meint, er könnte uns auch Zaubererwein besorgen. Hat er vorhin aus der Küche geholt, wo die Flaschen für die Abschiedsfeier der Lehrer bereitgestellt waren." Er steckte die Hand in eine Tasche und zeigte Harry einen kleinen Gegenstand, der aussah wie ein blauer Kieselstein, der halbiert worden war. „Das ist ein Privatsphäre-Schutz. Häng ihn einfach an eine Tür und kein Zauber der Welt kann sie öffnen. Er schafft auch einen starken Stille-Zauber. Interessiert?"
„Nein, danke", sagte Harry mit einem kleinen Lächeln. „Ich glaub nicht, dass ich die Gelegenheit haben werde, ihn zu benutzen. Ron wird schon vor uns im Schlafsaal sein."
„Kostet nur fünf Galleonen", sagte Draco. „Gutes Angebot. Wenn du willst, verkauf ich Weasley einen, der nicht funktioniert und stattdessen Aufmerksamkeit auf sich zieht und einen Sonorus-Zauber ausführt. Wenn ich muss, geb ich dir auch noch eine Liste mit Passwörtern dazu."
Harry grinste. „Wenn Hermine und Ernie das herausfinden …"
Draco schnaubte. „Wissen sie schon. Ich hab Hermine versprochen, keine mehr zu verkaufen und die restlichen an McGonagall zu übergeben, und ich musste Macmillan einen Privatsphäre-Schutz gratis geben, damit er den Mund hält."
Die Türen zur Großen Halle gingen langsam auf. Harry legte seinen Arm vorsichtig um Kaindas Hüfte und sie gingen gemeinsam hinein. Der ganze Raum war mit glitzernden, weißen Girlanden geschmückt, Konfetti fiel von der Decke und Funken zierten die Wände. Ein langer Tisch voller Speisen stand an einer Wand, und eine Tür führte in einen Innenhof, in dem Harry kleine Tische mit Kerzen sah. Die Plattform, die Professor Pebblebank für Gemischte Magie nutze, war aufgebaut, und während die Siebtklässler die Halle betraten, begann dort eine Band zu spielen. Harry nahm Kainda an der Hand und führte sie auf die Tanzfläche. Ron machte sich auf den Weg zum Buffet, aber Hermine zog ihn zu Harry und Kainda. Immer mehr Paare schlossen sich ihnen an und begannen, zu tanzen. Hermine legte ihre Hand auf Rons Schulter um ihn unbemerkt ein wenig von ihr wegzuschieben. Kainda hingegen lehnte sich gegen Harry. Er legte seine Arme um sie.
„Ist dein Magen in Ordnung?", fragte er.
Sie nickte und lächelte. „Natürlich geht es mir gut. Nur weil ich ein Kleid trage bestehe ich nicht plötzlich aus Glas." Sie legte ihre Arme um seinen Hals und seufzte. So tanzten sie. Sie waren nicht so energiegeladen wie die anderen Paare, aber das machte Harry nichts aus. Kaindas Haar roch seltsam süß, und der Geruch machte sich in seiner Nase breit, während sie tanzten.
„Mein Shampoo riecht nach Kiwi", sagte sie und beantwortete somit seine Frage, bevor er sie stellen konnte. Sie lächelte. „Ich denke, es gefällt dir."
„Mm-hmmm", sagte er und lächelte in ihr Haar. „Du wirst nicht glauben, was Draco mir vorhin angeboten hat."
„Privatsphäre-Schutz?", sagte sie.
„Woher weißt du das?"
„Er hat mir auch einen angeboten", sagte sie leise lachend. Sie küsste seine Wange. „Ich denke, Ron hat einen gekauft."
Harry grinste. „Hab ich mir gedacht." Sie drehten sich vorsichtig und langsam, wobei er den Geruch ihres Haares und ihre Wärme genoss. „Hey, Kainda?"
„Mm?"
„Morgen … wohin wirst du mit dem Zug fahren? Ich meine … du fährst nach Hause, oder? Zurück zu deinen Eltern …?"
„Das sollte ich", sagte Kainda seufzend. „Aber ich will eigentlich nicht. Es wird nicht lange dauern, bis man herausfindet, dass meine Eltern Todesser waren, und dann werde ich sowieso rausgeworfen. Aber ich habe sonst nichts, wo ich hingehen kann …"
„Natürlich hast du das", sagte er lächelnd. „Du kannst zum Grimmauld Platz kommen, mit mir, Draco, Sirius und den Weasleys."
„Wirklich, Harry?" Sie sah ihn an, Hoffnung und Dankbarkeit in ihren Augen. „Du bist so lieb", sagte sie und fuhr mit der Hand über seine Schläfe. „Danke …"
Er grinste. „Kein Problem. Es wird schön sein, wenn du bei uns bist."
„Ist es noch dein Haus, oder gehört es jetzt wieder Sirius Black? Er ist ja immerhin von den Toten zurückgekehrt."
„Es gehört uns beiden", sagte Harry. Das Lied ging zu Ende und er legte eine Hand um ihre Hüfte, um sie zum Buffet zu führen. „Er sollte Spaß machen, dieser Sommer. Ich meine, wir werden ihn alle gemeinsam verbringen."
„Wohin fährt Professor Snape?", fragte sie.
Harry fühlte ein kleines Stechen in der Brust. „Er bleibt in Hogwarts." Mit dieser Sache kam er noch nicht ganz klar. Severus blieb in der Schule, wohin Harry vermutlich nie zurückkehren würde, und sie würden sich nur noch selten treffen können. Die Arbeitszeiten von Professoren und Auroren waren immens. Von nun an würde es auch keine Treffen des Ordens des Phönix mehr geben. Harry wusste, dass sie noch ihre telepathische Verbindung hatten, und der Beschützerbund würde sie mehr oder weniger weiter verbinden, doch sie würden sich nicht mehr so nahe stehen.
Snape stand gerade am Buffet, als Harry und Kainda dort ankamen. Er warf Harry ein fast unsichtbares Lächeln zu und gab ihm einen Teller. Harry, dessen gute Laune durch die Aussicht, Snape nie wieder zu sehen, etwas gedrückt war, nahm den Teller und legte ein paar Kleinigkeiten zu Essen darauf.
„Ich werd versuchen, einen Tisch in der Nähe von Ron und Hermine zu bekommen", sagte Kainda und verschwand wieder auf der Tanzfläche und ließ Harry und Snape alleine. Harry hatte das Gefühl, dass sie das absichtlich gemacht hatte und er war ihr dafür sehr dankbar.
„Ähm", sagte er als Begrüßung.
Snape hob eine Augenbraue. „Ist alles in Ordnung, Potter? Wie ich sehe, bist du noch nicht betrunken."
„Ich …. möchte mit Ihnen reden", sagte Harry. „Über … den Abschied."
„Ja, ich habe mir gedacht, dass das bald passieren würde." Snape legte etwas Knoblauch auf seinen Salatteller. „Du gerätst in Panik, weil du mich nicht wiedersehen wirst. Korrekt?"
„Korrekt", sagte Harry. Es machte keinen Sinn, lange um den heißen Brei zu reden.
„Dann muss ich dich enttäuschen", sagte Snape. „Du wirst mich wieder sehen. Auroren müssen einige Jahre der Ausbildung in Form von Kursen und Training absolvieren. Ich unterrichte den Kurs für Verteidigung gegen die Dunklen Künste. Ich werde dich für die nächsten drei bis fünf Jahre unterrichten."
Harry versuchte, nicht zu glücklich auszusehen. „In Hogwarts?"
„Nein", sagte Snape. „Im Ministerium. Es gibt dort einen Unterrichtsraum, wo die Kurse normalerweise stattfinden. Ich wähle die Termine so, dass sie in meinen Stundenplan in Hogwarts passen. Sie beginnen im September, aber bis dahin wird es dich freuen, dass ich jede Woche vorbeikommen werde, um zu sehen, wie es dir geht und den Schaden zu begutachten, den Black in meiner Abwesenheit anrichten wird."
„Jede Woche? Immer?"
„Immer." Snapes Augen glitzerten ein wenig. „Du entkommst mir nicht so einfach."
Harry lachte. Er nahm sich etwas zu Essen und verließ Snape, der ein Gespräch mit Professor McGonagall begann, und ging hinaus in den Hof. Das sanfte Licht von Elfen ließ alles glitzerten; sie flogen an den efeubedeckten Wänden entlang. Seine Freunde hatten Tische nebeneinander gefunden. Er ging mit seinem Teller zu ihnen. Lange Zeit sprachen sie miteinander, aßen, und genossen die Gesellschaft der anderen, bis Draco aufstand und in die Große Halle ging. Ein paar Minuten später kam er mit einer schwarzen Tasche zurück. Hermine beobachtete mit gerunzelter Stirn, wie er damit zu ihnen kam.
„Und was ist das?", sagte sie besorgt.
Draco setzte sich, öffnete die Tasche und nahm sechs rote und orange Flaschen heraus. „Feuerwhiskey", grinste er. Er öffnete eine Flasche und nahm einen Schluck. Er zitterte. „Wunderbar."
Ron nahm ihm die Flasche ab. Hermine öffnete den Mund, um sich zu beschweren, aber er hatte schon einen Schluck genommen und hustete. Draco klopfte auf seinen Rücken und lachte.
„Weicher Abgang", sagte er und bot Harry die Flasche an. „Komm schon Harry. Es ist unsere letzte Nacht in Hogwarts."
Harry nahm die Flasche und trank, bevor er es sich anders überlegen konnte. Der Whiskey brannte in seinem Hals, nicht so warm wie Butterbier, sondern kräftiger und irgendwie pfeffrig. Er schaffte es, ein Husten zu unterdrücken und gab Draco grinsend wieder die Flasche. „Wow."
Draco lachte und nahm noch ein paar Schlucke, bevor Kainda ihm die Flasche wegnahm und selbst trank. Harry war darauf bedacht, nicht zu viel Feuerwhiskey zu trinken, denn er wollte unbedingt sehen, wer die Auswirkungen am längsten aushalten konnte. Draco war immer noch vollkommen ruhig und cool als drei der sechs Flaschen leer waren, aber Rons Gesicht wurde wunderbar rot und er lachte dauernd ohne Grund. Kainda redete ziemlich laut, und schon nach ein paar Schlucken kicherte Hermine ständig.
Draco wedelte mit der Flasche vor Harrys Gesicht. „Komm schon … du hast fast nichts getrunken. Die letzte Chance, bevor wir die Schule verlassen und verantwortungsbewusste Erwachsene werden."
Harry nahm sie und öffnete den Verschluss. Er trank, wobei er immer nur kleine Schlucke nahm, damit sein Hals nicht zu stark brannte, doch schon bald gewöhnte er sich an das Gefühl. Er genoss es sogar. Er hörte zu, wie die anderen über vollkommen lächerliche Dinge lachte, und langsam sah er ein, wie lustig sie waren. Ron ahmte Professor McGonagall wunderbar nach. Draco gab ihm mehr, und dann versuchte Ron, zu tanzen und fiel hin. Ein paar andere Dinge passierten auch noch; sie verschwammen in einem Abend aus Lachen und Witzen, und dann kam Sirius zu ihnen. Draco verließ sie und kam bald mit mehr Alkohol zurück. Die nächste Zeit war noch verschwommener und glücklicher, und Sirius lachte so laut, dass die Vögel im Verbotenen Wald aufgeschreckt wurden. Endlich wurde es dunkel, und sie waren immer noch draußen im Hof. Harrys Gedanken wurden ein wenig klarer, als er merkte, dass sich die Tür öffnete. Er drehte sich nicht um, um zu sehen, wer es war. Er nahm noch einen tiefen Schluck, und dann merkte er, wie alle still wurden. Er drehte sich um; seine Augen waren nur halb geöffnet und er hielt immer noch die Flasche in der Hand. Die Welt schien sich langsam von links nach rechts zu wiegen, aber er erkannte trotzdem Snape, er vor ihm stand und missbilligend die Stirn runzelte.
Harry versuchte, die Flasche unter dem Tisch zu verstecken, und schaffte es sogar, ein Rülpsen zu unterdrücke, aber im nächsten Moment entkam es ihm als lauter Schluckauf.
„Ich bin nicht betrunken", sagte er mit dem nächsten Hicksen.
Snapes Stirnrunzeln wurde tiefer. Er wandte sich Sirius zu. „Und das ist deine Vorstellung davon, auf den Jungen aufzupassen?"
Sirius, der mindesten doppelt so viel Feuerwhiskey wie Harry getrunken hatte, war zu sehr mit Lachen beschäftigt, um zu antworten. Schließlich fiel er sogar fast vom Stuhl, lachte jedoch wie verrückt weiter.
Eine Hand legte sich auf Harrys Nacken und zog seinen Kopf zur Seite. Zu seiner Überraschung stand Snape direkt neben ihm. Er hatte sich schnell bewegt, ohne dass Harry es bemerkt hatte. Harry fragte sich, wie er das geschafft hatte, bevor er wieder versuchte, eine unschuldige Miene aufzusetzen. Sein linkes Auge war fast geschlossen, und ihm war bewusst, dass sein Haar noch unordentlicher war als sonst. Er hickste wieder.
Ein Grinsen machte sich auf Snapes Gesicht breit. „Nun gut. Malfoy, geht zu Boot und hol noch mehr zu trinken." Er ließ ein paar Goldmünzen in Dracos Hand fallen. „Ich werde Potter beibringen, wie man ein paar Drinks aushält."
Alle jubelten. Draco kam mit mehr Feuerwhiskey zurück, und Harry und Snape begannen, zu trinken.
Das erste Gefühl, dessen sich Harry bewusst wurde, als er am nächsten Morgen aufwachte, war, dass er auf etwas Hartem und Schmerzhaften lag, das eine seltsame Form hatte. Stufen, erkannte er. Er hatte auch Kopfschmerzen, die einen Büffel umbringen konnten. Er stöhnte und öffnete ein Auge. Alles war so schmerzhaft hell, dass er es wieder schloss. Wie viel hatte er letzte Nacht getrunken? Er erinnerte sich schemenhaft an ein Trinkspiel, und dass er auf dem Tisch getanzt hatte. Von dem Schmerz in seinem rechten Schienbein schloss er darauf, dass er auch vom Tisch gefallen war. Er stöhnte und kuschelte sich näher an die Person, die er festhielt, wer auch immer es war.
Dann wurde ihm bewusst, was er da tat und öffnete schlagartig die Augen. Er sah sich um. Er lag auf der Treppe vor dem Schloss und trug die Schärpe von Hermines Kleid wie einen Schal um den Hals. Er trug zudem Schuhe, die wie Kaindas High-Heels aussahen. Er blinzelte und hob den Blick. Ron kuschelte sich an ihn; er trug Hermines Kleid und festliches Make-Up. Harry starrte ihn nur ungläubig an, bis Ron schläfrig grunzte und aufwachte.
Er starrte Harry an, der den Blick erwiderte. Ein Moment Stille folgte, bis Ron langsam sagte: „Ich glaube, das ist einer der Momente, über den wir nie wieder reden werden."
„Einverstanden", sagte Harry.
„Ähm … weißt du, warum ich ein Kleid trage?"
„Nein. Warum hab ich Kaindas High-Heels an?"
Ron setzte sich müde stöhnend auf und rieb sich die Augen. „Ich erinnere mich … an irgendeine Wette … wir mussten zu Hagrid laufen, aber wir wurden ausgesperrt …" Er sah seine Hände an, die mit rotem Lippenstift und Eyeliner beschmiert waren. „Ähm …"
Harry fühlte sich, als wäre er gerade von einem Auto überfahren worden, aber er kam irgendwie auf die Beine und stützte sich am Schlosstor ab. „Wie spät ist es?"
Ron sah auf die Uhr. „Ich glaube, das ist eine Sechs."
„Komm schon", sagte Harry schläfrig, und versuchte, das Pochen in seinem Kopf zu ignorieren. „Wir sollten zum Gryffindorturm gehen und dein Make-Up loswerden, bevor es die ganze Schule sieht ..."
Er schob das Tor auf und sie fielen fast in die Eingangshalle. Harrys Beine wollten nicht funktionieren. Beim Versuch, mit den High-Heels zu laufen brach er sich fast den Knöchel, weshalb er sie schnell auszog. Ron folgte ihm in Hermines Kleid und ignorierte dabei stur das Kichern, das von den Portraits ausging. Als sie den Korridor der Fetten Dame erreichten sahen sie Sirius. Er lag mit dem Gesicht nach unten, alle Viere von sich gestreckt, auf dem Boden und schnarchte markerschütternd. Harry ging zu ihm und stieß ihn an. Sirius stöhnte und versuchte, ihn zu verscheuchen.
„Sirius", stöhnte Harry. Er drehte ihn um. „Komm schon … wach auf …"
Im Korridor hinter ihnen ertönten Schritte. Harry sah sich müde um und erblickte Snape, der vollkommen wach schien. „Ah", sagte er frisch. „Guten Morgen. Und wie habt ihr geschlafen?"
Harry stöhnte nur als Antwort.
Snape gluckste leise. „Und ihr werdet euch freuen zu erfahren, dass ich Mr. Malfoy überreden konnte, mir die Filmrolle seiner Kamera für zehn Galleonen zu verkaufen. Es sind wirklich interessante Fotos dabei. Vielleicht möchtet ihr sie eines Tages sehen."
Harry bedeckte das Gesicht mit den Händen und ließ Sirius weiter schlafend auf dem Boden liegen. „Oh, was hab ich letzte Nacht getan? Sagen Sie es mir einfach jetzt, bringen wir es hinter uns."
Snape grinste. „Ah, vieles, Potter, doch ich denke, das wirst du noch bald genug erfahren. Übrigens, Weasley, Granger möchte vermutlich ihre Unterwäsche zurück. Ich schlage vor, du entfernst sie bald vom Kopf des Wasserspeiers vor Dumbledores Büro, bevor die Erstklässler die Gelegenheit haben, sie zu sehen."
Die Reise mit dem Hogwarts-Express war für Harry sehr emotional. Keiner wollte wirklich sehen, wie das Schloss in der Ferne immer kleiner wurde, während der Zug dem Horizont entgegen fuhr und einen sehr glücklichen Teil ihres Lebens beendete. Hermine hatte sie zwar daran erinnert, dass nun ein besserer Teil begann, doch Harry fand es schwer, sich daran zu erinnern, als ihm klar wurde, dass er zum allerletzten Mal im Hogwarts-Express saß. Er hatte sich in der Eingangshalle von seinen Lehrern verabschiedet, und sie alle hatten ihm viel Glück für die Zukunft gewünscht. Es war besonders schwierig, sich von Lupin, Alrister und Dumbledore zu verabschieden. Er wusste, dass Lupin ihn während des Sommers besuchen würde, und Alrister hatte angekündigt, dass er ein paar Mal zum Abendessen kommen würde, aber letzten Endes wusste Harry, dass er sie nicht mehr wirklich sehen würde. Abschiede waren einfach schwierig.
Die Sonne ging unter, als der Hogwarts-Express um eine Kurve fuhr und Bahnsteig 9 ¾ erreichte. Sie sprachen darüber, was sie nun mit ihrem Leben machen würden.
„Mum und Dad haben mir ein wenig Geld gegeben, damit ich mir in Hogsmeade ein kleines Haus kaufen und nach einem Job suchen kann", sagte Hermine fröhlich.
Neville zuckte mit den Schultern. „Ich glaub, ich fahr zurück zu Gran, zumindest vorerst. Ich möchte aber schon mal ein eigenes Haus haben."
„Und alle anderen kommen mit zu mir", sagte Harry.
„Ähm", sagte Ron. Harry sah ihn an. Ron rutschte ein wenig näher zu Hermine. „Ich zieh bald bei ´Mine ein", sagte Ron mit einem Lächeln. „In Hogsmeade, weißt du."
Harry grinste. „Großartig! Ihr müsst uns aber trotzdem besuchen kommen, mindestens jede zweite Woche. Und uns zum Abendessen einladen."
Der Zug blieb am Gleis stehen und Rauch stieg von der Lokomotive auf. Harry und seine Freunde holten ihr Gepäck, verließen den Zug und schlossen die Tür. Sie blieben stehen, bis der Hogwarts-Express die Station wieder verließ und aus ihrem Blickfeld verschwand. Harry fühlte sich seltsam. Irgendwie traurig, aber auch stolz und unabhängig. Den Schulzug zum letzten Mal zu sehen war das Zeichen, dass er erwachsen war. Eine ganz neue Welt wartete nun auf ihn.
Ron legte einen Arm um Hermine. Sie umarmte und küsste ihn. „Ich seh dich bald", sagte sie lächelnd. Dann umarmte sie alle anderen, wünschte ihnen viel Glück und fuhr mit ihrem Gepäckwagen zurück durch die Barriere in die Muggelwelt. Neville verabschiedete sich winkend und ging zu seiner Großmutter, und dann kam schon Lunas Vater auf sie zu. Er sah so aus wie sie, mit etwas hervortretenden Augen und einem verträumten Blick.
Zu Harrys Überraschung folgte ihm Professor Feather. Luna umarmte ihren Vater und dann die Professorin. Sie begrüßte sie mit: „Hallo, Tantchen …"
„Sie ist deine Tante?", sagte Harry überrascht. „Warum hast du das nie gesagt?"
Luna zuckte mit den Schultern. „Ihr habt nie gefragt."
„Warte", sagte Ron, als Luna sich umdrehte, um zu gehen. Er lief zu ihr, steckte die Hand in seine Tasche und holte Sneezy heraus. „Er möchte sich von Bucket verabschieden."
Luna hielt Bucket fest und zeigte ihn Sneezy. Sneezy tätschelte Buckets Nase. „Wiedersehen, Kate." Bucket miaute und streckte die Pfote nach Sneezy aus. Alle winkten, als Luna mit ihrem Vater vom Bahnsteig verschwand.
„Nun", sagte Harry und wandte sich Ron, Ginny, Kainda und Draco zu. Er lächelte. „Sollen wir nach Hause gehen?"
Kainda nahm seine Hand und die anderen nickten. Gemeinsam gingen sie durch die Barriere in den King's Cross Bahnhof. Harry fühlte ein Stechen als ihm bewusst wurde, dass er vermutlich zum letzten Mal durch diese Wand ging. Er warf einen Blick zurück, wollte ein letztes Mal den Bahnsteig sehen, aber es war zu spät. Die Barriere hatte sich schon geschlossen.
Doch es war gar nicht das letzte Mal, dass er den Bahnsteig 9 ¾ sah. Denn in diesem Moment kümmerte sich ein Angestellter des Ministeriums um die UTZ Ergebnisse; er suchte nach einer Eule, um sie nach Hogwarts zu schicken. In der Mitte der Liste stand „Harry James Potter", und nachdem seine Ergebnisse auf Professor McGonagalls Schreibtisch landeten, erhielt er eine unerwartete Überraschung.
