6. Dezember 1994
Der Anblick ist schon beeindruckend. Etwas großes, nicht zu identifizierendes steht mitten auf Gleis 9¾. Der Bahnsteig ist eingedeckt in knöchelhohen Schnee und es ist kälter als in den Gefriertruhe, die die Muggel in ihren Supermärkten haben. Das Große, was das steht ist der Hogwarts-Express. Eingedeckt in Schnee. Von der roten Farbe der Lok ist nicht viel zu sehen. Auch die Waggons sind einheitlich weiß. Alle, bis auf den letzten. Dort ist das Fenster zum Gang von innen erleuchtet, jedenfalls wirkt der Schnee dort wärmer. Gabriele ist wohl gerade in ihrem Lager. Wollen wir ihr doch mal einen kleinen Schreck bereiten. Ich ziehe meinen Zauberstab, richte ihn auf den langen Zug und lasse ihn in die Höhe schnellen. Gefühlte zwei Tonnen Schnee erheben sich vom Hogwarts-Express und schweben brav Richtung Muggel-London. Das Dach vom Buckingham Palast hält das aus. Gabriele hat anscheinend nichts gemerkt. Schade aber auch.
Fährt heute überhaupt irgendwer mit ? Bestimmt nicht. Mein Wagen kann getrost in der Kammer stehen bleiben. Und meine Taschen fülle ich trotzdem. Draußen ist es dermaßen kalt und weiß, dass die Eismäuse heute außen vor bleiben. Lieber viel Schokolade, die hält warm. Ich gehe auf den Gang und schließe die Tür hinter mir. Ein Blick nach draußen zeigt mir einen weiterhin eingeschneiten Bahnhof Kings Cross. Aber warum kann ich durch das Fenster schauen ? War da nicht vorher alles voll mit Schnee ? Tony muss wohl da sein. Ich schlendere durch den Zug und klopfe an die Tür. Fast augenblicklich öffnet Tony, der noch seinen dicken Umhang trägt. Ich ziehe etwas aus meiner Tasche und drücke es ihm in die Hand. Er schaut darauf nieder. „Was ist das ?", will er wissen. „Ein Schokoladennikolaus. Heute ist der ", erinnere ich ihn. „Aber das feiern wir Zauberer doch gar nicht, oder ?" „Trotzdem. Er sieht gut aus und schmeckt köstlich. Glaub mir!" Ich drehe mich um, und kann mir das Lachen über sein Gesicht gerade so verkneifen.
Gabriele, Gabriele...Die ist vielleicht komisch drauf. Aber wen wundert das ? Wer jeden Tag von London nach Hogwarts und wieder zurück fährt, ohne Fahrgäste, mit vielen Süßigkeiten...das hinterlässt Spuren.
Ich überprüfe erstmal die Lok. Ein paar Zauber später weiß ich,dass alles in Ordnung ist. Welch Überraschung ! Ich schaue auf meine Uhr (die draußen ist immernoch verschneit). Eine Minute vor Elf. Ich starte die Maschinen mit einem Wink meines Zauberstabs.
Ich gehe durch den Zug. In ein paar Tagen fangen die Weihnachtsferien an. Dann muss der Zug tiptop aussehen und alles sollte heile sein. Für ersteres sind ein paar Hauselfen zuständig. Die Qualitätsprüfung übernimmt offiziell allerdings niemand, daher tu ich das. Ich habe sowieso nichts besseres zu tun. Und weil ich ja eigentlich Narrenfreiheit habe, überprüfe ich zuerst den Platz, den ich am liebsten mag. Er ist im vierten Waggon, im hinteren Drittel, das vorletzte Abteil auf der linken Seite, der Platz am Fenster in Fahrtrichtung. Vor einigen Jahren war dieser Sitz von einer Katze zerkratzt und im Anschluss von einigen Zaubern getroffen worden. Anstatt den Sitz zu reparieren, wurde ein neuer eingebaut. Von außen sieht er genau so aus, wie die anderen. Aber er ist so furchtbar gemütlich. Man versinkt in dem Sitz und kann seinen Kopf gegen die Kopfstütze legen, die dreimal weicher ist, als jedes Kissen. Ich liebe diesen Platz und niemand hat etwas dagegen, wenn ich mich hier jetzt hinsetze. Ach ja!
Wir fahren schon eine kleine Weile. Manchmal frage ich mich wirklich, warum ich diesen Job hier überhaupt habe. Die Lok würde auch von alleine fahren. Aber ein paar Kleinigkeiten hab ich doch zu tun. Zum Beispiel sicherstellen, dass die Lok nicht zu schnell fährt. Nach Absatz 2 des Paragraphen 148 aus der Ordnung für das magische Verkehrswesen von 1745 darf eine dampfbetriebene Lok mit einer zulässigen Gesamtlast von weniger als 50 Tonnen nicht schneller als 80 Meilen pro Stunde fahren. Ich hasse diese Beamtensprache ! Als Dumbledore mir von diesem Gesetz erzählte, hielt ich das für einen Witz. Von der Sinnlosigkeit abgesehen, bezweifelte ich damals stark, dass der Hogwarts-Express je eine solches Tempo erreichen könnte. Doch ich hatte mich geirrt. In einem unachtsamen Moment hatte die Lok knapp 115 Meilen pro Stunde geschafft (Dumbledore musste 35 Galleonen Bußgeld an das Ministerium schicken).
Was muss ich sonst noch tun ? Überwachen, dass die Überwachungszauber für die Maschinen nicht an Wirkkraft verlieren. Ich überwache also die Wächter. Klingt sehr nach Dumbledore. Ich setze mich an das Fahrerpult und lausche dem stetigen Rhythmus der Lok.
Noch immer sitze ich auf meinem Lieblingsplatz und träume vor mich hin. Wie bin ich eigentlich hier her gekommen ? Ich erinnere mich noch. Damals arbeitete ich noch im Honigtopf. Eines Tages kam Dumbledore ins Geschäft. Er war öfter da, fast schon ein Stammgast. Allerdings kaufte er diesmal nichts. Er sagte, dass er einen wichtigen Posten zu besetzen hätte und dass ich die perfekte Wahl sei. Der Mann war wirklich komisch, aber ich hatte angenommen. Und nun sitze ich hier. Glücklich !
Geschwindigkeit okay, Zauber okay, Lok okay, Strecke okay. Ich hab mal wieder nichts zu tun. Früher habe ich versucht mich abzulenken. Zu meinen liebsten Hobbys gehörten Bäume am Rand zählen, Städtenamen raten und Figuren in Wolken zu erkennen. Doch auf Dauer war auch das nicht sonderlich spannend. Ich hatte mich auch schon öfter gefragt, warum ich mir das antue. Aber ich schuldete es Dumbledore. Er hatte damals vor dem Zaubergammot dafür gesorgt, dass ich nicht nach Askaban musste. Er hatte an meine Unschuld geglaubt. Er hatte mir geglaubt, dass nicht ich eine Muggelfamilie gefoltert hatte, sondern ein Todesser mit meinem Zauberstab Amok gelaufen war. Seitdem arbeitete ich für Dumbledore und war froh darüber. Lieber etwas Langeweile als ewige Hoffnungslosigkeit. Und gegen Langeweile habe ich ja inzwischen etwas gefunden...
Wir sind zwar erst drei Stunden unterwegs, aber ich fühle mich schon etwas gelangweilt. Warum muss dieser Zug auch wirklich jeden Tag fahren ? Ja klar, ab und zu fährt wirklich jemand mit, aber die meiste Zeit fahren wir leer. Die vier Termine im Jahr, wo tatsächlich Schüler mitfahren, sind auf das ganze Jahr gesehen, wirklich wenig. Ohne die Naschereien hätte ich wahrscheinlich schon gekündigt. Und ohne Tony hätte ich wahrscheinlich ebenfalls gekündigt. Ich gehe wieder nach vorne, klopfe diesmal nicht, sondern gehe einfach hinein. „Ich hab schon auf Dich gewartet", höre ich eine Stimme hinter der Tür. Ich muss lachen. „Und ich hab mich schon drauf gefreut" Ich ziehe ihn hinter der Tür hervor und schließe ihn in eine feste Umarmung. Doch, das Leben ist schön.
Nachwort
So, die Zugfahrt ist für uns vorbei und aus Pietäts- und Jugendschutzgründen wird die letzte Szene nicht weiter beschrieben. Ihr könnt euch euren Teil ja denken :)
Wer bis hierher gelesen hat: Danke. Über eine Review würde ich freuen
Tschüss und bis zum nächsten Mal
routerf
Facts zu der Geschichte
Der Name Tony ist eine winzige Hommage an Coldmirror, die in „Harry Potter und der Plastik Pokal" einen Tony erwähnt, der Hagrid Flirttips gibt :) Ich dachte, das passt ganz gut zu einem alten Eisenbahner, der seinen Spaß im Zug hat.
