Jinai: Das sind keine echten Geister, keine Angst. Obwohl ich die Echtheit von Kandas Hallus nicht anzweifeln würde...
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Disclaimer: Gehört alles wem anderen. Nix mir. Alles Katsura Hoshino.
Komui stand am Steg, als sie anlegten. Die Finder saßen vorne im Boot, aber die vier Exorzisten hatten sich am Bug zusammengedrängt, als ob das Boot nur halb so groß wäre. Als er einem der beiden Finder einen fragenden Blick zuwarf, schüttelte der nur den Kopf. Dann stieg er aus.
Es war ein Mann, um die fünfzig, mit schlohweißen Haaren und wasserblauen Augen. Seine wettergegerbte Haut zierten ein paar Narben, seine Nase war gebrochen. Er hatte einen stechenden Blick, der sich allerdings milderte, als er die Gruppe von Exorzisten ansah. Dann wandte er sich wieder an Komui.
„Sie haben kein Wort gesagt, seit wir in den Zug eingestiegen sind. Und seit wir abgelegt haben, haben sie sich kein einziges Mal vom Fleck bewegt."
Das erschreckte Komui nun doch. Natürlich war es schlimm, wenn ein Freund starb, aber was war passiert, um sie derart zu verstören? Sie konnten doch nicht…
„Haben sie etwa mit angesehen, wie das Mädchen starb?" Baku hatte kein Wort davon gesagt, aber es war die einzige Erklärung, die ihm in den Sinn kam.
„Wir wissen nicht mehr als ihr." Er blickte zu Allen, der gerade Linali aus dem Boot half. Sie trug eine große Tasche um die Schulter gehängt. Beide vermieden es, einander anzusehen. „Sie sind wie…"
„Ich weiß. Aber wir werden uns gut um sie kümmern. Richten Sie Baku meinen Dank aus."
Der Finder nickte und stieg zurück ins Boot zu seinem Kollegen. Die vier Exorzisten sahen teilnahmslos zu, wie es ablegte und davonschwamm.
„Willkommen daheim." Bei Komuis sanften Worten drehten sie sich zu ihm um.
Linali schossen die Tränen in die Augen. „Nii-san…" Sie war mit zwei schnellen Schritten bei ihm und umarmte ihn fest.
Komui war zuerst überrascht, aber dann legte er sanft die Arme um seine kleine Schwester. „Willkommen daheim, Linali-chan." Er sah die anderen drei an.
Sie vermieden es, seinen Blick zu erwidern. Stur starrten sie zu Boden.
„Eure Zimmer warten auf euch. Wir können später reden." Er ging mit seiner Schwester voraus, die anderen folgten ihm.
Zum Teufel, was ist passiert?
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„Kuso."
Kanda drehte sich auf die andere Seite. Seit mindestens einer Stunde lag er in seinem Bett, aber der Schlaf wollte nicht kommen.
Kein Wunder, wenn er ihn um jeden Preis vermeiden wollte. Er wusste, was passieren würde, wenn er einschlief.
Als er in sein Zimmer gekommen war, hatte es schon schlecht angefangen. Wieder sah er sie auf dem Bett schlafen, genau so wie er sie damals vorgefunden hatte. Er war fast versucht, sofort kehrtzumachen und von Komui ein anderes Zimmer zu verlangen. Aber erstens wusste er nicht, wie er das begründen sollte, und zweitens war das schlicht und einfach erbärmlich. Das war sein Zimmer. Kein Tagtraum hatte hier was zu suchen.
Also hatte er sich hingelegt und an die Decke gestarrt. Schlafen wollte er nicht, aber Ruhe brauchte er. Also wollte er einfach nur daliegen und warten, bis der Morgen kam. Leichter gesagt als getan.
Sie verfolgte ihn im Wachen genauso. Egal, ob er die Augen offen oder geschlossen hatte, ob er stand, lag oder saß. Immer wieder tauchte ihr Geist auf und verfolgte ihn mit diesem Lächeln. Egal, wie oft er sich auch einredete, dass sie nicht da war, dass dieses Lächeln falsch war, sie ließ ihn nicht in Ruhe. Der Geist war sein Mahnmal an die unerledigten Dinge, die ungesagten Worte und die Fehler, die er begangen hatte, jedes Mal, wenn er sich dagegen entschieden hatte.
Kanda stand auf. Es brachte nichts, diese Dinge immer wieder im Geiste durchzugehen, sich vorzustellen, was er hätte anders machen können, was hätte sein können, aber er konnte nichts anderes tun.
Er musste hier raus, irgendwohin, wo er nicht an sie erinnert werden konnte.
Das Dach. Nein.
Der Wald. Fällt auch flach.
Anscheinend konnte er nirgends hin, wohin ihn dieses Mädchen nicht verfolgen würde.
Plötzlich hatte er eine Idee. Er riss die Tür auf und knallte sie hinter sich zu. Mit schnellen Schritten machte er sich auf den Weg zu dem wohl einzigen Ort im ganzen Gebäude und der Umgebung, an den sie ihm nicht folgen würde. Es war mitten in der Nacht. Er würde ungestört sein.
Dachte er. Als er das Bad betrat, fand er schon jemanden in einem der Becken sitzen.
„Setz dich." Es war kein Befehl, keine Bitte, vielmehr eine Einladung. Kein ‚Yuu', keine überdrehte Heiterkeit. Es waren die ersten Worte, die sie seitdem miteinander gesprochen hatten.
„Anscheinend hatten wir dieselbe Idee." Er ließ sich neben Lavi ins Wasser gleiten. Erleichtert stellte er fest, dass sich außer ihnen niemand hier befand. Auch keine Tagträume.
„Ich wollte dich schon seit längerem was fragen."
Kanda sah vorsichtig zu dem anderen hinüber. Lavi hatte sein linkes Auge geschlossen und den Kopf gesenkt. Er sah aus, als ob er beten würde.
„Was?"
„Sie war dir nicht egal, oder?"
Es war das erste Mal, dass ihn jemand das direkt fragte. Eine einfache Frage, die er normalerweise mit einem verächtlichen Geräusch abgetan hatte. Aber jetzt war es auch schon egal.
„Nein." Eine ebenso einfache wie ehrliche Antwort.
„Es war mehr."
„Ja."
„Verdammt. Also hatte ich Recht."
„Hattest du." Nie wieder würde er das zugeben.
„Es wäre einfacher gewesen, wenn ich nicht Recht gehabt hätte."
Kanda starrte auf seine Knie. „Im Nachhinein sagt sich das leicht."
„Trotzdem."
„Für wen wäre es einfacher gewesen?"
„Mich." Überrascht sah ihn Kanda an. Lavi wandte nicht mal den Kopf, um ihn anzusehen. „Dann hätte ich wütend auf dich sein können. Aber so kann ich nicht mal das. Ich kann nichts tun außer sie zu vermissen und mich gleichzeitig dazu zu zwingen, nach vorne zu schauen."
„Da bist du nicht der einzige."
Eine Weile sagte keiner von beiden etwas. Dann zog Lavi die Knie an und schlang die Arme darum. Er legte das Kinn auf die Knie, behielt sein Auge aber zu.
„Scheiße."
Kanda nickte nur, obwohl er wusste, dass Lavi ihn nicht sehen konnte. Das war es. „Verfolgt sie dich auch?"
Lavi schüttelte den Kopf. „Nein. Aber das letzte Mal, als ich sie gesehen hab."
Die Leiche. Kanda musste ein Schaudern unterdrücken. Er konnte dieses Bild auch nicht vergessen.
„Wie sieht sie aus?" Beide wussten, dass er die Tagträume meinte.
Er zuckte mit den Schultern. „Wie sonst auch. Halbdurchsichtig halt."
„Glücklich?"
„Meistens."
„Sie wollte von Anfang an nichts mit uns zu tun haben. Hätten wir nur auf sie gehört."
„Zu spät."
„Ich weiß. Außerdem würde ich das auch nicht wollen. Lieber so als gar nicht. Auch wenn es schwer ist." Er stand auf. „Ich sollte schlafen. Morgen müssen wir Komui unsere Geschichte präsentieren. Was wir bisher haben, ist nicht sehr überzeugend. Gute Nacht."
„Nacht."
Lavi ging Richtung Umkleide, während Kanda sich bis zum Kinn in das heiße Wasser sinken ließ.
Ein Königreich für traumlosen Schlaf.
Aber den würde er nicht bekommen, das wusste er. Das Leben war kein Wunschkonzert.
Mit offenen Augen tauchte er unter. Er blieb unter Wasser, bis er kaum noch Luft hatte. Dann erst kam er wieder an die Oberfläche und strich sich die nassen Strähnen aus dem Gesicht. Er hatte Angst vor dem, was er sehen würde, wenn er die Augen schloss. Leider bekam er so allerdings auch keinen Schlaf. Er wüsste gerne, wie die anderen das hinbekamen. Wenn sie überhaupt schliefen.
Seit sie aus dem Wald gekommen waren, hatte er nur wenig geschlafen und immer nur dann, wenn er sicher sein konnte, so erschöpft zu sein, dass er sofort einschlief, tief und traumlos. Aber jetzt würde ihm dieses Geschenk nicht gemacht werden, das wusste er. Also blieb er wach. Schlafen konnte er später noch. Irgendwann würde auch diese Phase vorbei sein und er würde wieder ruhig einschlafen können. Bis dahin musste er eben warten.
Eine Weile saß er da und genoss die Einsamkeit. Keine Geister oder Tagträume, die ihn verfolgten. Er war vollkommen allein.
Doch die Erinnerungen konnte er nicht so einfach draußen lassen. Die trug er mit sich herum, wohin er auch ging.
Was würde er tun, wenn er sie noch einmal sehen könnte? Nur einmal?
Kanda wusste nicht, woher dieser Gedanke auf einmal kam, aber er kannte die Antwort darauf.
Er würde die Worte sagen, die ihm auf der Seele brannten. Nicht weniger durfte er sich selbst abringen, sonst würde er es ewig bereuen. Was danach kommen würde, das wusste er nicht. Aber selbst wenn sie höhnisch lachen und sich abwenden würde, er würde es tun. Er wollte, dass sie es wusste, wollte sehen, wie sie reagierte.
Natürlich war das reines Wunschdenken. Das würde nie passieren.
Aber träumen wird man ja wohl noch dürfen.
Sie hatte Recht gehabt. Auch er hatte Träume.
Ein Traum ist ein Traum. Etwas, das nicht wahr ist und es auch nie werden wird.
Und genau deswegen würde er es ihr nie sagen können. Es war nur ein Traum.
Irgendwann stand er schließlich auf. Im heißen Wasser zu sitzen machte ihn langsam müde. Und das wollte er ja verhindern. Nur etwas müde zu sein, reichte nicht aus. Er brauchte bleierne Schwere, Augenlider, die er kaum noch offen halten konnte und Aufmerksamkeitsnachlass.
Auf dem Weg zurück fielen Kanda dann schon fast die Augen zu, aber noch immer war es ihm nicht genug.
Wieso kann mich nicht einfach jemand k. o. schlagen?
Er wusste, dass der Geist eigentlich nicht da war und ihm auch nicht antworten konnte, aber einerseits war sein Unterbewusstsein verstummt und andererseits schien er ihn verstehen zu können, denn er zuckte lässig mit den Schultern, genau so wie sie es getan hätte.
Wahrscheinlich wurde er einfach nur verrückt. Sollte ja in den besten Familien vorkommen.
Erschöpft fiel er auf sein Bett. Gerade hatte er noch gedacht, dass er wach bleiben musste, da war er auch schon in einen tiefen, traumlosen Schlaf gefallen. Seliger, gnadenreicher Schlummer.
Raffael: SCHNAAARRRCCCCHHH!!!
Jinai: Guten Morgen, Sonnenschein. Gerade aufgestanden?
Raffael: Mjamjam. Jep.
Jinai: Du hast alles verpasst. Das Kapitel ist schon wieder zu Ende.
Raffael: *gähn* Und, was ist passiert?
Jinai: ... Lies es dir selbst durch?
Raffael: Mjamjam. Zu anstrengend. Gute Nacht. *schnarch*
Jinai: ... *sweatdrop* Wir sehen uns im nächsten Kapitel...
