Jinai: Mal ein etwas anderes Kapitel...

Raffael: Man sollte erst zweihundert Meilen in den Mokkassins eines anderen gelaufen sein, bevor man ihn verurteilt.

Jinai: Tja, ob ihr's glaubt oder nicht, das hier ist mal die andere Seite! Ich weiß, unglaublich...

Rated: T

Disclaimer: Es macht gar keinen Spaß mehr, das zu sagen... aber wann hat es je Spaß gemacht, zu erklären, dass der Lieblingsmanga nicht einem selbst gehört, sondern wem anderen, in diesem Falle Katsura Hoshino? *seufz* Und die scheffelt die Kohle, nicht ich... *doppelseufz*

4. Leviathan


Der große Mann saß in seinem Lieblingssessel und las. Nicht dass das Buch ihn sonderlich interessiert hätte, aber wenigstens musste er dann nicht mit ihr spielen. Sie war unerträglich, wenn sie wieder einmal damit ankam, was eigentlich ständig war. Also hatte er sich hier mit einem Buch verkrochen und versuchte, wie der schlechteste Spielgefährte der Welt auszusehen.

Das Mädchen ist eindeutig unterbeschäftigt. Oder einfach nur hyperaktiv.

Vielleicht sollte er Bücher über Kindererziehung lesen, damit er wusste, wie er damit umgehen sollte. Besser, wie er ihr dann aus dem Weg gehen konnte. Aber er glaubte kaum, dass es Bücher gab, in denen beschrieben war, wie man einem Noah, der in zwei Sekunden am anderen Ende der Welt sein konnte, aus dem Weg gehen konnte.

Er fuhr zusammen, als er sie nach ihm rufen hörte. Sie hatte wieder diesen Ton in ihrer Stimme, der einem direkt ins Gehirn fuhr und schrie: ‚Beachte mich! Spiel mit mir!'. Grauenhaft.

Er musste seine Anstrengungen, langweilig und spielunwürdig auszusehen, noch erhöhen. Sonst würde sie ihn nicht in Ruhe lassen.

Warum kann sie nicht mit dem Gräflein spielen? Ihm würde es nichts ausmachen.

Die Tür wurde aufgerissen. Rhode stand im Türrahmen, laut und überdreht wie immer.

„Ticky! Warum antwortest du denn nicht? Seit Stunden ruf ich nach dir."

„Was willst du, Rhode? Ich lese, wie du siehst." Zur Bestätigung hielt er das Buch hoch.

„Lesen kannst du später. Hör auf damit."

„Um was zu tun?"

„Spiel mit mir!"

Als hätte er es nicht bereits geahnt. "Wieso sollte ich das tun?"

„Du bekommst auch was dafür."

Das waren ja ganz neue Töne. Normalerweise nervte sie ihn, bis er nachgab und sie beschäftigte, lange genug, um zu verschwinden. „Was wäre das?"

„Ein Geheimnis. Eines, das dich interessieren wird."

„Glaubst du das oder weißt du-"

„Ich weiß, dass es dich interessieren wird. Es geht um jemanden, den du kennst." Der verschlagene Ton in ihre Stimme ließ darauf schließen, dass es sich dabei nicht um einen Noah handelte. Er legte das Buch beiseite.

„Spucks aus."

Sie schüttelte den Kopf. „Nur wenn du dann mit mir spielst. Ich kenne dich, du hast, was du willst und haust ab. So läuft das nicht."

Er fuhr sich mit den behandschuhten Fingern über die Stirn, um sie zu massieren. Rhode war nicht dumm, sie würde früher oder später bekommen, was sie wollte. Also brachte er es lieber hinter sich. „Okay, ich verspreche, später mit dir zu spielen, wenn du mir jetzt sagst, was du weißt."

„Wann später?"

„Sobald ich das Buch ausgelesen habe." Wobei er sich natürlich alle Mühe geben würde, genau das nicht zu tun.

„Nein. Nach dem Abendessen. Nicht später." Rhode verschränkte trotzig die Arme.

Abendessen war in ein paar Minuten. Er hatte also nur wenig Zeit, um zu erfahren, was sie geheim hielt, bevor es zu spät war. Wenn er sich bis zum Abendessen nicht entschieden hätte, wäre ihr Angebot null und nichtig.

„Abgemacht. Rede."

Sie jauchzte und sprang auf seinen Schoß, dass ihm die Luft wegblieb. Wie ein Kleinkind hockte sie da und sah in aus großen Augen an. Sie hätte so unschuldig ausgesehen, wäre da nicht das boshafte Funkeln in ihren Augen gewesen.

„Also…?" fragte er gedehnt.

„Also. Du erinnerst dich doch sicher an die Gruppe Exorzisten, die du in Ungarn getroffen hast? Die, die danach auf einmal verschwunden ist?" Sie sah ihn mit unverhohlener Neugier an.

Seine Reaktion enttäuschte sie allerdings. Gelangweilt zog er eine Augenbraue hoch. „Und?"

„Sie sind wieder da. Aber nicht vollzählig." Diesmal wurde sie mit einem verblüfften Blick belohnt. Sie kicherte. „Anscheinend ist ihnen unterwegs einer verloren gegangen."

„Wer?" Er versuchte, gelassen und ruhig auszusehen.

„Ein Mädchen. Aber nicht das, mit dem ich gespielt habe."

Die Gruppe hatte nur zwei Mädchen gehabt. Eines davon war das Mädchen, mit dem Rhode gespielt hatte. Das andere… war sein Spielzeug gewesen.

„Also ist Jinai verschwunden?"

„Tot." Rhode grinste. „Ihr Innocence hat ihr scheinbar nicht viel genützt." Wieder kicherte sie. „Was hältst du davon?"

„Schade. Sie war unterhaltsam."

Rhode sah ihn verblüfft an. Dann verfinsterte sich ihre Miene. „Mehr nicht? Das ist alles?" Sie stieß ihn gegen die Brust. „Du bist gemein, Ticky!"

Sie sprang auf und stürmte zur Tür. Offensichtlich hatte sie sich eine andere Reaktion erwartet.

In der Tür blieb sie stehen. Sie hielt die Tür so fest umklammert, dass ihre Fingerknöchel weiß hervortraten. Dann lockerte sie sie und lächelte ihn über die Schulter an.

„Ach, übrigens. Allem Anschein nach hat das Gräflein einen Job für uns. Wir sollen uns bereithalten, sagt er."

„Du verschweigst mir doch nicht absichtlich etwas, oder, Rhode?"

„Aber nicht doch, Ticky. Ich bin genauso ratlos wie du." Wieder lächelte sie, dann knallte sie die Tür hinter sich zu.

Zurück blieb ein großer Mann in einem alten Ohrensessel mit einem aufgeschlagenen Buch über dem Knie.

Ticky starrte einem Moment blicklos auf die geschlossene Tür. Jinai war also tot. Sein Kätzchen.

Er schüttelte den Kopf. Er sollte sich diesen Spitznamen abgewöhnen. Erstens war sie eine Exorzistin gewesen und zweitens war sie gestorben. Zeit, damit aufzuhören.

Das erste Mal, dass er sie gesehen hatte, stand ihm noch klar vor Augen. Er war in einer kleinen französischen Stadt gewesen, weil das Gräflein geglaubt hatte, dort irgendein Innocence entdeckt zu haben. Aber es war nicht mehr dort und die Akuma, die das Gräflein hingeschickt hatte, auch nicht mehr. Anscheinend waren die Exorzisten schneller gewesen. Bevor er zurückging, um seinen Bericht abzuliefern, wollte er noch ein wenig hier bleiben. Das Städtchen hatte seinen eigenen Charme, mit seinen kleinen Häusern, den Weinbergen und Feldern rundherum und den einfachen Leuten. Es war ruhig und beschaulich, trotz der lauten Lebensweise der Franzosen. Also war er durch die Gassen gewandert und hatte genossen.

Dann war er auf den Hauptplatz gekommen, wo ein Springbrunnen stand, an dem ein paar Kinder Blumen verkauften. Dass sich so eine kleine Stadt einen Springbrunnen leisten kann…

Eine Weile lang hatte er nur beobachtet, wie die Leute an den Kindern vorbeigingen, ohne sie eines Blickes zu würdigen. Nur wenige blieben stehen und kauften ein paar Blumen. Anscheinend konnten sie nicht viel damit anfangen oder sie wollten einfach nicht. Die Kinder ließen enttäuscht die Köpfe hängen. Aber dann kam ein neuer potenzieller Kunde vorbei und sofort waren sie wieder Feuer und Flamme. Vielleicht wollte er… Er wollte nicht. Dann fiel ihnen ein neuer Passant auf. Wieder hofften sie…

Und tatsächlich, das Mädchen blieb vor einem der Kinder stehen und lächelte freundlich. Das kleine Mädchen erwiderte das Lächeln und hielt ihr eine violette Blume hin. Sie nahm sie und schnupperte daran. Dann hielt sie ihr ein Geldstück hin und sagte etwas. Die Augen des Kindes wurden groß. Hastig zählte es seine Blumen ab, dann schüttelte es den Kopf. Es fuchtelte wild mit den Händen, um ihr zu bedeuten, kurz zu warten. Dann rannte es zu einem der anderen Kinder hinüber und ließ sich von ihm noch mehr Blumen geben. Schnell kam es zurück, den vorher halbvollen Korb jetzt über und über mit Blumen eingedeckt, sodass nur noch der Henkel zu sehen war. Eilig gab es ihr den vollen Korb und erhielt dafür das Geldstück. Das Mädchen lächelte wieder und zog eine besonders schöne Blume aus dem Korb, die es dem Kind hinters Ohr steckte. Dann ging sie weiter, den vollen Korb unter einem Arm.

Ticky hatte die ganze Szene beobachtet. Das Gesicht des Mädchens hatte er zwar nicht sehen können, da sie mit dem Rücken zu ihm gestanden hatte, aber was er sah, gefiel ihm. Sie war vielleicht ein wenig jung für seinen Geschmack, ungefähr siebzehn oder achtzehn, aber sie hatte etwas an sich, dass ihn reizte. Etwas an ihr unterschied sie von den anderen Mädchen in ihrem Alter, die auch jetzt noch jedes Mal kicherten und die Gesichter versteckten, wenn ihnen jemand ein Kompliment machte. Sie wirkte… reifer.

Sein Blick folgte ihr über den Hauptplatz. Sie ging auf den Ausgang zu, der zum Bach führte und bewegte sich durch die Menge, als wäre sie allein auf dem Platz. Die anzüglichen Blicke der Männer ignorierte sie, die verächtlichen Mienen der Frauen schienen ihr gar nicht aufzufallen. Anscheinend hatte sie nicht den besten Ruf, aber das hieß nichts. Oft genug waren die Gerüchte, die kursierten, nach denen dieser und jener das und das getan haben sollte, genau das: Gerüchte. Auch wenn ihm in paar Gerüchte nichts ausgemacht hätten.

Aus einem Impuls heraus folgte er ihr. Sie ging tatsächlich zum Bach, wo sie sich ins Gras setzte und das Gesicht in die Herbstsonne hielt. Es war gerade mal Mitte September und hier im Süden Frankreichs war es noch ziemlich warm. Eine Weile lang saß sie nur da, die Augen geschlossen und ein leichtes Lächeln auf den Lippen. Dann sah sie sich kurz um, wobei sie ihn zum Glück nicht entdeckte, und stand auf. Sie zog ihre halbhohen Stiefel aus und schob ihre Pumphose bis zu den Knien hoch. Dann watete sie ins Wasser, wo sie stehen blieb und das kalte Wasser an ihren Knöcheln vorbeifließen ließ.

„Und wie lange wollen Sie noch da hinten stehen bleiben und mich beobachten?"

Er zuckte leicht zusammen. Dann lächelte er. „Sie haben die ganze Zeit gewusst, dass ich da war, nicht wahr?" Er kam auf sie zu. Jetzt sah er ihr Gesicht zum ersten Mal ganz. Sie war hübsch, mit hüftlangen dunklen Haaren, die in der Sonne leuchteten, feine Gesichtszügen und dunklen Augen, die keine Spur von Furcht zeigten. Sie gefiel ihm gleich noch besser.

Und ihre Figur war ja schließlich auch nicht zu verachten. Hätte er es in einem Satz zusammenfassen sollen, hätte er gesagt, dass alles vorhanden war, was an die entsprechenden Stellen gehörte. Natürlich drückte er sich nicht so geschraubt aus. Als er näher kam, betrachtete er sie genüsslich.

Sie quittierte diese Unverschämtheit mit einem kurzen eisigen Blick, dann lächelte sie wieder, als seine Augen wieder auf ihrem Gesicht verharrten. „Sie glauben doch nicht, dass ich es nicht bemerke, wenn ich verfolgt werde, oder?" Sie stieg aus dem Bach und ließ sich ins Gras fallen.

Er blieb neben ihr stehen. Sie lächelte immer noch. „Und was wollen Sie von mir?"

„Also entweder sind Sie sehr dumm oder sehr mutig, da hab ich mich noch nicht entschieden. Laden Sie jeden Mann, der ihnen nachgeht, dazu ein, so nahe an Sie heranzukommen?"

„Ich kann gut auf mich selbst aufpassen, vielen Dank. Aber Sie haben meine Frage noch nicht beantwortet."

Er setzte sich neben sie und zuckte mit den Schultern. „Reine Neugier."

Sie lachte. „Das ist mal eine neue Ausrede. Bisher waren die Leute immer viel direkter." Sie grinste. „Sie sind doch nicht etwa schüchtern, oder?"

Ticky lachte ebenfalls. „Nicht, dass ich wüsste. Aber ich habe ja schon gesagt, dass ich neugierig bin. Also würde ich gerne Ihren Namen wissen."

„Nennen Sie mir zuerst Ihren."

Damit hatte er nicht gerechnet. „Wieso stellen Sie die Bedingungen?"

„Aus dem einfachen Grund, dass Sie mir gefolgt sind. Also gelten meine Bedingungen." Immer noch lächelte sie.

Er ließ sich von ihrem Lächeln anstecken. „Ticky Mick."

„Tja, ich kann leider nicht mit so einem tollen Namen aufwarten. Ich heiße einfach nur Jinai."

„Ein ungewöhnlicher Name."

„Ha! Wie viele Männer kennen Sie, die Ticky heißen?"

„Auch nur einen und der sitzt neben Ihnen."

„Eben." Sie fuhr sich mit den Händen über die fast trockenen Füße. Danach schob sie ihre Hose wieder über ihre Schenkel. Schade, er hätte gerne noch mehr davon gesehen.

Sie nahm ihre Stiefel in eine Hand und den Korb in die andere. Dann stand sie auf. „Also, es hat mich gefreut, Ihre Bekanntschaft zu machen, Ticky Mick. Vielleicht sehen wir uns ja irgendwann mal wieder."

„Und wo gehen Sie jetzt hin?"

„Ich muss weiter. Als Streunerin kann man es sich nicht leisten, den ganzen Tag im Gras zu sitzen und mit wildfremden Männern zu quatschen. Irgendwo muss ich ja auch schlafen, und wenn ich noch einen guten Platz bekommen will, dann muss ich mich beeilen."

Irgendwie sah sie viel zu gepflegt aus für eine Bettlerin. Und Geld hatte sie anscheinend auch, sonst hätte sie die Blumen nicht gekauft. Aber bevor er noch irgendetwas sagen konnte, war sie schon die Straße hinunterspaziert.

Ticky saß da und starrte ihr verblüfft hinterher. Es wäre gelogen, zu sagen, dass sie ihn nicht interessierte. Also entschied er sich, noch ein wenig mehr in Erfahrung zu bringen, solange er noch hier war. Er stand auf und ging zurück in die Kleinstadt. Sicher konnten ihm die Bewohner ein wenig erzählen, sie schienen sie immerhin zu kennen.

Es war eine langwierige Angelegenheit, den anscheinend wussten die Leute doch nicht so viel über sie, wie sie selbst gedacht hatten. Nicht, woher sie kam, warum sie hier war oder wer sie überhaupt war. Außer den Gerüchten, die natürlich kursierten. Wenn er nach ihr fragte, warfen ihm die Männer verständnisvolle Blicke zu und grinsten, die Frauen hingegen rollten mit den Augen, als ob sie sagen wollten: ‚Noch einer.'

Alles in allem wusste er danach nicht viel mehr als er vorher gewusst hatte, außer dass sie anscheinend in einem Gasthof in der Nähe des Stadtrandes wohnte. Da es in der ganzen Stadt nur fünf Gasthöfe gab, aber alle von ihnen am Stadtrand lagen, konnte er also nur aufgeben und die Sache auf sich beruhen lassen, oder einen nach dem anderen abklappern. Aber seine Neugierde war geweckt worden und jetzt, nachdem er mit den Leuten gesprochen hatte, erst recht. Also entschied er sich für letzteres.

Schon nach dem zweiten hatte er Glück. Die ersten beiden waren zwar Nieten gewesen, aber in dem dritten Gasthaus fand er sie. Sie saß in der Schenke, rund um sie ungefähr zwanzig Männer, die sich förmlich überschlugen, um ihr jeden Wunsch von den Lippen abzulesen.

So hat sie es also gemacht.

Sie machte ihnen schöne Augen und bekam dafür Essen, Trinken und ein Dach über dem Kopf. Ticky fragte sich, wie weit sie dafür ging.

Vor ihr auf dem Tisch stand eine Platte mit Brot, Käse, Fleisch und Trauben, daneben ein Glas mit Rotwein.

Sie trinkt Wein?

Er war ehrlich verblüfft, aber dann dachte er, dass ihr wahrscheinlich jemand ein Glas angeboten hatte. Wollte sie nicht die Gunst ihrer Gönner verlieren, musste sie akzeptieren. Aus den Gesprächen, die die Männer in der Gruppe führten, konnte er schließen, dass sie schon eine ganze Weile so dasaßen: Das Mädchen hielt Hof und die Männer hingen ihr an den Lippen. Zugegebenermaßen machte sie das ziemlich geschickt. Sie hatte es geschafft, genug Abstand zwischen sich um die Leute zu bringen, um nicht berührt zu werden, aber nicht zu viel, damit sie nicht als Außenseiter dasaß. Nie hielt sie länger als zwei Sekunden Augenkontakt mit jemandem, verteilte ihre Aufmerksamkeit auf alle gleichzeitig und…

Sah aus wie die Versuchung in Person. Sie beherrschte ihr Handwerk offensichtlich.

Schon damals hatte er sich gefragt, wie es wohl wäre, sie zu küssen. Normalerweise machte Ticky sich nicht besonders viel aus diesen zerbrechlichen, schwachen Menschen, aber ein paar Ausnahmen gab es. Er hatte Freunde unter den Menschen, Leute, die ihm wichtig waren, aber das war etwas anderes. Auf einmal konnte er Rhode verstehen, die so gerne mit den Menschen spielte. Er wollte sie zu seiner Puppe machen, seinem Spielzeug, mit dem er verfahren konnte, wie er wollte.

Er nahm Platz und beobachtete er sie von seiner dunklen Ecke aus. Wie sie mit den Männern redete, scherzte und lachte. Er wusste, dass sie ihn bemerkt hatte, auch wenn sie nicht zu ihm hinüber sah. Anscheinend kümmerte es sie nicht, dass er ihr schon wieder gefolgt war. Es wunderte ihn allerdings, dass sie sich so wenig Sorgen um ihre Sicherheit zu machen schien. Ihre ganze Art war so sorglos, dass es ein Wunder war, dass sie nicht schon längst irgendwo in einem Straßengraben lag. Alleine die Art und Weise, wie sie reagiert hatte, als er am Bach auf sie zugegangen war. Er hätte ja alles Mögliche vorhaben können, so weit, wie sie von der Stadt entfernt waren. Er hätte ein Dieb, Räuber, Vergewaltiger oder Mörder sein können.

Beinahe hätte er bei dem Gedanken laut aufgelacht. Er war ein Noah, gefährlicher als alles andere für Menschen. Auch wenn sie einen fabelhaften Job machten und dem Gräflein viel Arbeit ersparten, indem sie sich ständig gegenseitig umbrachten, war ihre eigene Rasse nicht so gefährlich für sie wie er.

Frei nach Thomas Hobbes: Der Mensch ist dem Mensch ein Wolf.

Ticky musste sein Grinsen verstecken. Hobbes hatte keine Ahnung von Akuma gehabt. Oder von Noah.

Wenn man es genau nahm, waren Akuma zum Teil ja auch Menschen, genau wie Noah. Nur stärker.

Er fuhr fort, sie zu beobachten. Genau wusste er noch nicht, was er tun wollte.

Irgendwann stand sie dann auf, mit der Begründung, dass alle braven Mädchen wie sie um diese Uhrzeit schon längst schlafen sollten. Die Menge antwortete mit brüllendem Gelächter, aber sie schien es selbst nicht ernst gemeint zu haben, denn sie lachte mit ihnen. Geschickt bahnte sie sich einen Weg durch die Menge, wich den Männern aus, die sie zum Bleiben bewegen wollten, und verschwand unter lauten Abschiedsrufen über die Treppe nach oben.

Ticky überlegte, was er jetzt tun sollte. Er entschied sich, ihr einen Besuch abzustatten. Danach würde er weitersehen. In dem Moment, in dem Jinai verschwunden war, hatte sich die Menge aufgelöst. Einheimische verließen das Gebäude, Gäste folgten ihrem Beispiel und begaben sich zu Bett. Er nutzte den Trubel, um über die Treppe nach oben zu kommen.

Aus dem Augenwinkel sah er noch, wie sie am Ende des Flurs durch eine Tür verschwand. Er ging zu der Tür und blieb einen Moment davor stehen. Sollte er es wie ein gewöhnlicher Mensch machen und die Tür per Hand öffnen oder sollte er einfach durchmarschieren? Als er durch den Türschlitz sah, wie das Licht ausging, entschied er sich für die letztere Möglichkeit. Er wartete ein paar Augenblicke, dann betrat er das finstere Zimmer.

Sie hatte es sich in dem Bett vor dem Fenster gemütlich gemacht. Das Mondlicht fiel auf ihre schlafende Gestalt, übergoss das Bett und beleuchtete den leeren Korb daneben. Einen Moment fragte er sich, was sie wohl mit den Blumen gemacht hatte, dann schob er den Gedanken beiseite und konzentrierte sich wieder auf das Mädchen. Sie lag auf der Seite, das Gesicht ihm zugewandt, sodass es im Schatten lag. Einen Arm hatte sie unter den Polster geschoben, der andere hielt die dünne Decke auf ihrer Brust. Sie atmete tief und gleichmäßig, ihre Gesichtszüge waren entspannt.

Leise trat er näher heran und ging in die Knie, um ihr Gesicht eingehender zu betrachten. Ihm fiel auf, dass ihre Augen unter den Lidern sich nicht bewegten. Anscheinend träumte sie nicht. Langsam ließ er den Blick schweifen. Er war nahe genug, um das Pochen der Halsschlagader zu sehen, die Bewegung ihres Brustkorbs auf die Millisekunde genau vorauszusagen, wenn sie ein- oder ausatmete. Das Hemd, das sie trug, war wohl eine Art provisorisches Nachthemd, schwarz, unüblich für ein Nachthemd, aber seltsam passend für seine Puppe.

„Was an dir fasziniert mich so?" murmelte er.

Ticky strich ihr behutsam eine Strähne aus dem Gesicht, darauf bedacht, sie nicht aufzuwecken. Es wäre ein Leichtes, die winzige Distanz zwischen ihnen zu überbrücken und ihre Lippen zu berühren, aber irgendetwas hielt ihn davon ab. Er richtete sich auf, warf einen letzten Blick auf sie und ging. Es tat ihm nicht leid um die verpasste Chance. Er würde früher oder später noch Gelegenheit dazu haben.

Am nächsten Tag hätte er sich für diesen Gedanken am liebsten geohrfeigt. Sie war beim ersten Morgengrauen verschwunden, ohne irgendeinen Hinweis zu hinterlassen, wohin.

Aber nach nur zwei Wochen war sie ihm wieder über den Weg gelaufen. Diesmal hatte er sich vorgenommen, sie nicht so leicht aus den Augen zu lassen, aber –was war noch mal passiert? Ach ja, er hatte getrunken und sie wieder aus den Augen verloren. Danach war es immer wieder ähnlich abgelaufen. Irgendwie lief es überhaupt nicht so, wie er es vorhatte. Nicht er spielte mit ihr, sondern sie mit ihm.

Er seufzte. Und dann hatte er sie in Szeged gesehen. In diesem Exorzistenmantel, umringt von anderen Exorzisten. Seine Puppe, sein Kätzchen. Natürlich war er wütend gewesen. Aber das zu zeigen, hätte bedeutet, zuzugeben, dass er auf sie hereingefallen war.

Ticky ignorierte meisterhaft, dass er das tatsächlich getan hatte und es auch noch zugegeben hatte, als er sie gesehen hatte.

Kätzchen!?" „Hallo, Ticky."

Er hatte sich in seine Aufgabe gerettet, den Grund, weswegen er eigentlich dort war. Aber leider hatte sie ihn von dem Innocence und den fliehenden Findern ferngehalten. Dann war einer ihrer ‚Freunde' verletzt worden und das hatte sie abgelenkt. Ohne nachzudenken hatte er zugegriffen, als sich ihm die Chance geboten hatte. Eigentlich hätte sie ihm hilflos ausgeliefert sein sollen. Wer ahnte denn auch schon, dass sie noch eine Trumpf im Ärmel hatte, der sie beide umbringen würde. Offensichtlich war ihr ihr Leben nicht wichtig oder es war ein geschickter Bluff. Er hatte sie ja schon bei der ‚Arbeit' gesehen und wusste, dass er vorsichtig sein musste. Das Mädchen konnte einfach zu gut bluffen.

Einen Moment hatte er ernsthaft in Erwägung gezogen, ihr einfach das Herz aus der Brust zu reißen. Wo er schon mal die Chance hatte…

Aber dann hatte er sich dafür entschieden, ebenfalls zu bluffen und abzuwarten, was passieren würde. Er hatte ihr ein Angebot gemacht, dass sie ohne zu zögern ausgeschlagen hatte.

Wenn ich sterbe, stirbst du aber auch, das ist dir doch bewusst, oder, Kätzchen? Ich halte dein Herz in meiner Hand."

Sie hätte mit ihm gehen können. Wenn sie aufgegeben hätte, hätte sie überleben können. Und sie hätte ihm gehört. Es wäre sein Triumph gewesen und ihre Niederlage, aber sie hätte überlebt.

Das würdest du, wenn es noch mir gehören würde."

Mit diesem lächerlichen, einfachen Satz hatte sie ihn härter getroffen, als wenn sie ihm mit der Faust ins Gesicht geschlagen hätte. Sie würde nie ihm gehören.

Jetzt konnte er seiner Wut freien Lauf lassen. Kein Grund, sich länger zurückzuhalten.

Aber er hatte sie trotzdem nicht umgebracht. Stattdessen hatte er diesen Moment, den Moment, in dem er ihr Leben beenden würde, noch etwas hinausgezögert. Eine Sache gab es da noch. Wenn er sie umbringen würde, sollte nichts mehr zwischen ihnen stehen. Er wollte keine Reue empfinden, wenn er beobachtete, wie ihr Blick leer wurde und die Wärme ihren Körper verließ. Der Moment, in dem er sie umbringen würde, sollte ihm gehören, nur ihm allein. Sie hatte vielleicht ihr Leben einem anderen gewidmet, aber im Tod würde sie ihm gehören. Bevor es aber so weit war, wollte er noch diese eine Sache tun. Er wollte sich den Kuss holen, der ihm gehörte.

Was er dann ja auch getan hatte.

Ticky leckte sich die Lippen bei der Erinnerung daran. Sie war weich und warm gewesen, so voller Leben. Und Wut. Deutlich hatte er ihren Widerwillen gespürt, doch es war ihm egal. Sein Griff war unerbittlich gewesen, aber sie hätte sich ohnehin nicht bewegt. Sie schätzte ihr Leben also doch. Das war sein Kätzchen. Sie würde immer wieder auf den Füßen landen.

Anscheinend hatte er sich geirrt. Obwohl, auch die zäheste und stärkste Katze überlebte nicht lang, wenn sie die Gefahr suchte. Das hatte sie allem Anschein nach auf die harte Tour lernen müssen.

Auch wenn er es sein hatte wollen, der für ihren Tod verantwortlich zu machen war, so war es ihm auch recht. Er hatte, was er wollte. Außerdem hatte es keinen Sinn, herauszufinden, welches Akuma ihm das Vergnügen abgenommen hatte. Erstens gab es einfach viel zu viele und außerdem hatten sich ihre ‚Freunde' bestimmt schon gerächt.

Was soll's.

Er würde ein neues Spielzeug finden.

Eines der Akuma, die das Gräflein als Diener beschäftigte, klopfte an die Tür und richtete ihm aus, dass das Dinner fertig sei und man auf ihn warte.

Ticky stand auf. Das Buch, das er sich über das Knie gelegt hatte, fiel zu Boden. Er grinste, als sein Blick noch einmal über den Titel streifte. Dann ging er, ohne es aufzuheben.

Leviathan. Von Thomas Hobbes'


Jinai: Als ich das Chap schrieb, wollte ich einerseits zum Ausdruck bringen, was Ticky denkt, wenn er das erfährt, andererseits eine kurze Pause für unsere Exorzisten einlegen. Und der Titel Leviathan hat einfach gepasst, weil die Noah auch Menschen sind und sich sozusagen Mensch gegen Mensch wendet. Homo Homini Lupus, ursprünglich ein Zitat des Römischen Komödiendichters Titus Maccius Plautus, wurde durch Hobbes' Buch 'Leviathan' berühmt.

Raffael: Ja, alles sehr schön. Sehr wissenschaftlich. Hochphilosophisch.

Jinai: Halt die Klappe, es geht hier darum, dass Hobbes meint, dass im Naturzustand jeder gegen jeden kämpft. Die Menschheit dezimiert sich selbst.

Raffael: Und was hat das hiermit zu tun?

Jinai: *faucht* Ein kleiner Denkanstoß und eine passende Philosophie für Ticky. Und jetzt lass mir meine Philosophie in Ruhe! -Wir sehen uns im fünften Kapitel 'Abschiedsbriefe'. Sayonara!