Jinai: Die Pause war lang...

Raffael: DAS ist die Untertreibung des JAHRTAUSENDS.

Jinai: Das Jahrtausend ist erst zehn Jahre alt.

Raffael: Dann eben die Untertreibung des letzten Jahrtausends! Du weißt, wie das gemeint war! Die Leser haben SECHS MONATE gewartet!

Jinai: Ich hatte... Stress... vergebt mir T.T ich machs kurz und komm gleich zum neuen Chapter. Raffael, du weißt, was zu tun ist.

Raffel: Jajaja...

Rated: T

Disclaimer: DGM gehört KH. J verdient nichts daran und R kriegt deswegen auch nichts zum Geburtstag.

Jinai: Was sollen die Abkürzungen?


Gut der halbe Orden hatte versucht, in Komuis Büro zu kommen, um Jinais Geschichte zu hören, aber schließlich war es der Forschungsabteilung gelungen, sie hinauszuwerfen, nur um dann selbst hinausgeworfen zu werden. Nur Komui, Bookman und die Exorzisten blieben zurück.

„Also…" zog Komui das Wort in die Länge. Er war der einzige, der Jinai gegenübersaß, die anderen hatten sich um sie auf dem Sofa oder um das Sofa geschart.

Das Mädchen holte tief Luft, bevor sie zu erzählen begann. Sie berichtete von ihrer Geburt als zukünftige Herrscherin von Leharein, dem Attentat auf ihre Eltern und ihrer Kindheit, versteckt und geschützt durch ihre Großmutter. Sie wusste, dass Komui ihr nicht glaubte, aber es war ihr herzlich egal. Sie schilderte, wie sie den Thron bestiegen hatte, als sie vierzehn geworden war, wie Ceathan sie dann im Sommer des letzten Jahres angegriffen hatte, wie sie fliehen musste und sich in dieser Welt wiedergefunden hatte. An diesem Punkt erreichten Komuis Augenbrauen fast schon seinen Haaransatz, aber er sagte nichts. Jinai erzählte, warum sie kein richtiges Innocence gehabt hatte, warum sie Ticky ausspioniert hatte, warum sie auf reines Innocence mit so heftigen Schmerzen reagiert hatte. Als sie das erzählte, schluckten die meisten der Anwesenden; sie hatte ihnen nie erzählt, welche Qualen sie dabei wirklich durchlitten hatte.

Dann kam sie an den Punkt, an dem sie und die anderen vier Exorzisten aus Szeged verschwunden waren. Ihre Beschreibung ihres Verschwindens deckte sich zu Komuis Leidwesen genau mit der Beschreibung der Finder, auch wenn er es vorgezogen hätte, nicht so sehr davon überzeugt zu sein, dass sie die Wahrheit sprach. Jinai erklärte, warum sie erst nach zwei Wochen zurückgekehrt waren, aber an dem Punkt, an dem sie ihren eigenen Tod beschreiben sollte, stockte sie plötzlich. Stattdessen rezitierte sie die Prophezeiung, die sie fast das Leben gekostet hätte, um den anderen verständlich zu machen, was passiert war.

Doch sie wurde von Linali unterbrochen, gerade als sie die letzten Worte der Prophezeiung ausgesprochen hatte. „Warum sind Lavi und Kanda erst so spät zurückgekehrt? Sie hätten doch gemeinsam mit Allen und mir durch das Portal treten sollen." Keiner der beiden hatte bisher erklärt, warum sie geblieben waren, und was genau passiert war, während die beiden anderen Exorzisten in ihrer Welt nach ihr gesucht hatten.

Jinai schien nicht zu wissen, was sie sagen sollte, also sprach Lavi. „Wir waren auch schon in Reichweite des Portals, aber… als wir zurückblickten, sahen wir, wie jemand versuchte, Jinai umzubringen."

„Aaron", flüsterte Linali.

Der Rotschopf nickte. „Er hätte sie fast erstochen. Wir konnten es gerade noch verhindern, aber Jinai hat die ganze Zeit darauf bestanden, dass wir durch das Portal gehen. Sie wollte uns unbedingt in Sicherheit bringen und hat dafür sogar riskiert, verletzt zu werden."

Jinai blickte nur stumm zu Boden. Es war ihr unangenehm, das zu hören. Sie hatte nichts Heldenhaftes getan, nur versucht, sie aus dem Kampf herauszuhalten. Zum einen war das nicht ihr Kampf gewesen und zum anderen hätte Ceathan Hackfleisch aus ihnen gemacht, wenn sie sie nicht dazu gezwungen hätte, zu verschwinden. Daran war nichts Ruhmreiches, nur der selbstsüchtige Wunsch, die einzige zu sein, die sterben musste.

„Warum bist du dann wieder hier?", riss Komui sie aus ihren Gedanken. Lavi hatte weitererzählt, während sie nachgedacht hatte und war an dem Punkt angelangt, an dem das Schwert ihre Brust durchbohrt und das Portal sich geschlossen hatte.

Alle Blicke wandten sich ihr zu.

Jinai musste daran denken, was passiert war, als sie wieder aufgewacht war. Sie hatte gedacht, tot zu sein, aber die höllischen Schmerzen hatten nicht ganz ins Bild gepasst. Als sie immer stärker geworden waren, hatte sie sich gezwungen, die Augen aufzumachen.

„Den Göttern sei Dank, sie wacht auf!"

Angestrengt blinzelte Jinai gegen das helle Tageslicht an. Die Mittagssonne hatte die unangenehme Eigenschaft, genau in ihr Zimmer zu scheinen, da ihre Fenster nach Süden gingen. Deswegen hielt sie sich nie zu dieser Zeit hier auf –nicht, dass sie die Zeit dazu gehabt hätte. Warum war sie dann jetzt hier? Und warum fühlte sich ihr Innerstes an, als hätte man ihr ohne Betäubung sämtliche Organe entnommen?

Und wer, im Namen aller sieben Götter, hatte da gerade so geschrieen?

Sie schaffte es, die Augen ganz zu öffnen, als jemand geistesgegenwärtig die schweren Vorhänge schloss. „Besser so, Großtante?"

„Ja viel besser." Eine raue, faltige Hand strich ihr über die Stirn. „Jinai, mein Schatz, hörst du mich?"

Natürlich, meine Ohren hab ich ja noch. Nur der Rest ist kaputt.

„Oh, ihr Götter, ich danke euch!"

Hatte sie das gerade etwa laut ausgesprochen? Ihr Blickfeld klärte sich und verschwommen sah sie eine Person mit weißen Haaren, die sich über sie beugte. Daneben ein kleineres Gesicht unter blonden Haaren. „Nana? Elaine?", riet sie mit tauber Zunge.

Die Umrisse wurden schärfer und sie sah, dass sie richtig geraten hatte: beide saßen neben ihrem Bett und heulten. Okay, das muss ein Traum sein. Nana weint nie.

„Wir sind so froh, dass es dir gut geht. Eine Zeit lang hatten wir wirklich Angst, du würdest nicht mehr aufwachen", sagte Elaine mit tränenerstickter Stimme.

Gut? Gut war relativ. Es ging ihr den Umständen entsprechend, immerhin war sie tot. „Wartet! Was macht ihr hier? Ich bin tot, also warum sitzt ihr hier neben mir und heult?"

„Ein bisschen mehr Respekt vor deiner Großmutter, Jinai!"

„Und vor deiner zukünftigen Königin, wenn ich bitten darf", ergänzte Elaine.

„Dann darf ich um Aufklärung bitten, Eure Hoheit."

„Zuallererst: Du bist nicht tot, Jinai", erklärte Elaine, „aber sehr schwer verwundet, deswegen musst du liegen bleiben, bis deine Wunden verheilt sind. Wir… wir haben es nicht ausgehalten, so lange zu warten, und als wir dann den Wirbelsturm sahen, der das Dach des Palastes durchbrochen und das halbe Schloss damit in Schutt und Asche gelegt hat, da sind wir zurückgekommen. Wir sind in dem Moment angekommen, in dem die Priester gerade in den Thronsaal gestürmt sind. Und dann haben wir dich da liegen sehen, inmitten von all den Trümmern und das blutige Schwert neben dir…" Elaine rannen neue Tränen über die Wangen. „Auch wenn die Prophezeiung gesagt hat, dass du sterben solltest… wir konnten doch nicht…" Sie verstummte.

„Also habt ihr mich geheilt", sagte Jinai in die Stille hinein.

„Ja, aber erst, nachdem du wieder aufgewacht bist, erinnerst du dich nicht?", wunderte sich Daralea.

„Ich bin aufgewacht? Wann? Ich dachte, ich sterbe, warum sollte ich aufwachen?"

Elaine schien auf einmal noch aufgeregter als vorher. „Aber genau das ist passiert; du hast plötzlich die Augen aufgeschlagen, dich aufgerichtet und uns angelächelt, obwohl aus deiner Brust das Blut strömte. Du hast es anscheinend gar nicht gespürt; stattdessen hast du uns erklärt, wir sollen uns keine Sorgen machen, aber ich müsste mich beeilen, um die Wunden rechtzeitig zu verschließen, du würdest mir etwas Kraft dafür leihen, denn als Wassermagierin könnte ich das tun, Großtante und die Priester könnten mir dabei nicht helfen. Dann hast du meine Hände genommen und auf deine Brust gelegt, genau auf die Wunde, und ich habe richtig gespürt, wie die mir Kraft gegeben hast, mehr, als ich je aufbringen könnte!"

„Das habe ich getan?", murmelte Jinai. Sie konnte sich an gar nichts erinnern, nur noch daran, wie sie in der Halle gelegen und auf den Tod gewartet hatte.

Ihre Cousine nickte heftig. „Die Wunden haben angefangen, sich zu schließen, und du hast die ganze Zeit über gelächelt und mir Mut gemacht und gesagt ‚Halt durch' und…" Die Lippen des Mädchens zitterten. „Dann war das Blut versiegt und die Wunden alle geschlossen und du hast nur gelächelt und gesagt ‚Danke, Elaine' und dann bist du plötzlich wieder vornüber gekippt und warst nicht mehr ansprechbar…" Sie musste die Hand auf die Lippen pressen, um sie am Zittern zu hindern.

„Es hat Stunden gedauert, bis du endlich aufgewacht bist", schloss Daralea für sie.

„Wie lange?" Hatte sie vielleicht sogar einen ganzen Tag so verbracht? Halb tot?

„Nur vier Stunden", beruhigte Daralea sie, denn sie bemerkte natürlich, wie aufgebracht ihre Enkelin war.

Also konnte noch nicht allzu viel passiert sein in der Zwischenzeit und sie hatten noch genug Zeit, sich zu überlegen, was zu tun sei. Für sie stand außer Frage, dass die Göttin des gerechten Zorns es gewesen war, die sie gerettet hatte, aber wieso? Sie hätte doch sterben sollen.

Auf einmal kam es ihr so vor, als könnte sie die Seele der anderen immer noch spüren, als wäre sie immer noch da, obwohl sie, seit sie aufgewacht war, wusste, dass sie alleine war. Und sie spürte, wie die andere ihr ihre Fragen beantwortete und sie beruhigte. Ohne Worte erklärte sie, dass das ihr Geschenk an Jinai wäre, dafür, dass sie ihr gezeigt hatte, was sie vergessen habe, nämlich wie menschlich sie selbst wäre. Und außerdem, ergänzte sie –und Jinai konnte ihr Grinsen förmlich sehen- habe in der Prophezeiung mit keinem Wort gestanden, dass auch die menschliche Seele den Körper verlassen würde, und sie habe sich sofort nach ihrer Rückkehr dafür eingesetzt, dass das auch nicht passieren würde. Als Jinai das Bewusstsein verloren hatte, hatte sie sich gezwungen, auszuharren, und dem Körper von ihrer Energie gegeben, bis Hilfe eintraf. Erst, nachdem sie sichergestellt hatte, dass sie es überleben würde, hatte sie ihren Teil der Prophezeiung erfüllt und den Körper verlassen.

Und dann war das Gefühl wieder fort, so plötzlich, wie es gekommen war. Jinai richtete sich ruckartig im Bett auf, trotz der Verbände um ihre Brust. „Sag mir noch einmal die letzten Passagen der Prophezeiung", bat sie ihre Großmutter.

„Nie wieder soll es die sieben Hexen geben.

Die Linie der Auserwählten wird aussterben.

An ihre Stelle-"

„Nein, früher…", unterbrach Jinai Daralea und begann, selbst zu rezitieren:

Zwei Seelen werden in ihrer Brust wohnen,

denn ihrer ist eine eigene, menschliche Seele.

Jährt sich die Geburt der siebenten Hexe zum achtzehnten Mal,

so wird der erste Gott sein wahres Gesicht zeigen.

Die Macht der sieben Hexen wird erwachen und ihn besiegen.

So werden der erste Gott und seine Richterin gemeinsam den Tod finden.

Er wird dazu verdammt werden, auf ewig ein Machtloser zu sein,

verbannt von den Göttern und einzigartig unter den Menschen,

denn die Kräfte werden nie wieder die seinen sein.

Nie wird er herrschen und nie erlöst.

Damit bricht denn auch der Bann der Göttin.

Du, o große Göttin, wirst wieder in den Götterhimmel emporsteigen,

um von dort aus über den Geächteten zu wachen.

Deine Schuld, o Göttin des gerechten Zorns, ist getilgt.

Nie wieder soll es die sieben Hexen geben.

Die Linie der Auserwählten wird aussterben.

An ihre Stelle wird ein neues Herrschergeschlecht treten,

welches das Schweigen über dies Pergament brechen

und das Opfer dieser sieben Frauen würdigen soll."

Jinai stellte die Knie auf und stützte das Gesicht in die Hände. „Sie hat Recht… wie konnten wir nur so dumm sein…"

„Was meinst du? Wer hatte Recht?", fragte Elaine nach. Als Jinai das Gesicht hob und sie anlächelte, erschrak sie. „Aber Cousine, du weinst ja! Ist alles in Ordnung? Hast du Schmerzen?"

Trotz der schmerzenden Wunde zitterte Jinai; sie weinte vor Glück und bekam fast einen Schluckauf. „Es war mir nie bestimmt zu sterben, versteht ihr das nicht? Nur die Seele der großen Göttin sollte diesen Körper verlassen, aber nie meine. Ich sollte… ich sollte leben. Allmächtige Götter, ich lebe." Die Wucht dieser Erkenntnis schickte noch mehr Tränen über ihre Wangen und sie ließ sich zurück aufs Bett fallen. Einen Arm über die Augen gelegt, weinte sie hemmungslos, glücklich darüber, erleichtert, noch am Leben zu sein. Sie hatte sich schon mit dem Tod abgefunden, mit dem Leben abgeschlossen, und trotzdem lag sie hier, ein schlagendes Herz in der Brust und ihre Seele noch in ihrem Körper.

Als sie den Arm leicht verschob und ein Auge öffnete, sah sie, dass auch die beiden anderen Frauen wieder zu weinen begonnen hatte; sich an den Händen fassend, sahen sie fast so aus, als würden sie beten und den Göttern für dieses Geschenk danken. Sie alle weinten, bis sie keine Tränen mehr zu haben schienen und ihre Kehlen rau waren.

Jinai gönnte sich noch ein paar Sekunden Ruhe, bevor sie sich wieder zwang, praktisch zu denken. Ein letzter Teil der Prophezeiung war noch nicht erfüllt worden: Elaine musste gekrönt werden und öffentlich machen, was passiert war. Sie selbst hatte keinen Platz mehr in dieser Welt, kein Aufgabe. Immer war sie Königin gewesen, aber jetzt… jetzt gab es eine neue Königin, eine neue Zukunft für Leharein und die Welt. Doch was sollte sie tun?

Sie dachte an ihre Freunde, an Lavis und Kandas verzweifelte Gesichter, als sie sie da liegen hatten sehen, voller Blut, und nichts hatten tun können… Sie dachte an Kanda. Neue Tränen wollten aufsteigen, aber sie war leer geweint. Der Gedanke, ihn nie wieder zu sehen, schmerzte erneut so stark, dass er nach Tränen verlangte, Tränen, die sich nicht mehr hatte. Plötzlich wusste sie, was sie tun wollte: Mehr als alles andere wünschte sie sich, an seiner Seite zu sein. Den griesgrämigen Exorzisten nur zu sehen, hatte sie immer glücklicher gemacht als alles andere und sie wünschte sich dieses Glück zurück. Auch wenn sie ihm egal sein sollte, sie wollte zu ihm.

Noch einmal schloss sie die Augen und atmete dann tief durch. Auch wenn das ihr sehnlichster Wunsch war, sie konnte nicht einfach ein Portal öffnen lassen, nicht wegen ihrer eigenen egoistischen Wünsche. Zumal keiner der sieben Priester die Kraft dafür aufbrachte. Sie würde sich einfach damit abfinden müssen, hier zu bleiben.

„Bis auf die sieben Priester und uns weiß noch keiner, dass du am Leben bist", sagte Elaine plötzlich. „Alle denken, du bist in diesem plötzlichen Wirbelsturm und dem halb eingestürzten Schloss ums Leben gekommen. Wir sollten ihnen sagen, dass du noch lebst." Sie wollte schon aufstehen, aber Daralea hielt sie am Handgelenk zurück.

„Wir sollten sie in dem Glauben lassen."

„Aber wieso?"

„Du kennst die Prophezeiung: ‚Die Linie der Auserwählten wird aussterben.' Damit ist auch Jinai gemeint. Niemand darf wissen, dass sie noch lebt", meinte sie, ins Leere starrend.

„Was sollen wir sonst tun?", fragte Elaine, die sich wieder gesetzt hatte.

Daralea sah ihre Enkelin liebevoll an und strich ihr mit einer Hand über den Kopf. „Mein Schatz, du liebst ihn, nicht wahr? Aus ganzem Herzen."

Jinai konnte nur nicken; ihre Kehle war wie zugeschürt.

Ihre Großmutter schloss, wie sie vorhin, die Augen und atmete einmal tief durch. „Wenn niemand wissen soll, dass du noch lebst, dann müssen wir dich verstecken. Und zwar gut, denn dein Gesicht ist in allen sieben Ländern bekannt. Sag mir, an welchem Ort sollen wir dich verstecken, wo dich nie jemand findet, der die Prophezeiung kennt?"

Jinai brauchte etwas, bevor ihr die Erkenntnis dämmerte, worauf ihre Großmutter hinaus wollte. Sie lächelte traurig. „Du weißt genauso gut wie ich, dass das unmöglich ist."

„Es stünde in der Macht der Götter. Wenn wir darum bitten, vielleicht erfüllen sie dir den Wunsch, nachdem du für sie die Welt gerettet hast."

Jinai hatte noch nie erlebt, dass Daralea auf die Macht der Götter vertraute. Auch wenn sie es kaum bis nie aussprach, war sie immer zynisch und zweifelnd gewesen, denn wie mächtig und gut konnten die Götter sein, die ihr ihre Familie nahmen, eine nach der anderen?

„Du willst gehen, oder?", fragte Elaine traurig, obwohl Jinai nicht gedacht hatte, dass man ihr das angesehen hätte. „Nachdem wir dich gerade erst zurück bekommen haben?" Jinai antwortete nicht, aber Elaine musste die Antwort wohl schon geahnt haben, denn sie schien keine zu brauchen. Ihre kleine Cousine seufzte, so ernst, wie sie sie noch nie erlebt hatte. „Ich weiß nicht, wie tief deine Liebe ist und das kann ich wahrscheinlich auch erst ermessen, wenn ich es selbst erlebe, aber… wenn sie dich durch Welten hindurch zu ihm zieht, kann ich wohl nicht damit mithalten, oder? Was sollst du hier, wenn dein Herz dort ist?"

Aber du kannst nicht sterben! Du kannst mich doch nicht alleine lassen!" Elaines Worte hallten in ihren Ohren wieder. Noch vor wenigen Tagen hatte sie sich mit solcher Macht an sie geklammert und sie beschworen, es nicht zu tun, aber jetzt resignierte sie schon fast. Denn wenn sie jetzt ging, dann war es für immer; es kam ihrem Tod gleich. Niemand könnte sie zurückholen, denn niemand wüsste, dass sie noch lebte. Niemand außer Daralea und Elaine.

„Ihr", sie musste sich räuspern, um ihre Stimme wieder zu finden. „Ihr wollt, dass ich gehe?"

„Willst du gehen?", fragte Daralea sanft.

Jinai schloss die Augen. „Ja." Sie traute sich nicht, sie anzusehen, wenn sie das sagte, wollte die Enttäuschung in ihren Augen nicht sehen, wenn sie den Mann, den sie nur drei Monate gekannt hatte, ihnen vorzog, ihrer eigenen Familie.

„Dann brauchen wir nur noch das Einverständnis der Götter", sagte Daralea.

Erstaunt riss Jinai die Augen auf.

„Und Kleider. Sie kann ja nicht im Nachthemd dort auftauchen", ergänzte Elaine.

„Ihr… Ihr habt nichts dagegen? Ihr seid nicht enttäuscht?"

„Natürlich wäre es uns lieber, du würdest bleiben, aber wir können dich ja nicht zwingen, oder? Außerdem… ich könnte mich selbst nicht mehr leiden, wenn du deswegen traurig wärst, weil wir dich hier behalten haben." Elaine zog sie aus dem Bett und auf die Füße.

Seltsamerweise verschwand mit jeder Sekunde, die sie wach war, der Schmerz. Jetzt spürte sie ihn kaum noch. War das das Werk der Göttin?

Elaine half ihr, ihre Pumphose und das lange, an den Seiten geschlitzte Hemd anzuziehen, Sachen, die sie nur tragen konnte, wenn niemand sie sah. Sie war Königin gewesen und immer in Kleider gezwungen worden; ihre Hofdamen wären in Ohnmacht gefallen, wenn sie sie so gesehen hätten.

„Wir müssen uns beeilen, wer weiß, wie weit das Portal schon weitergewandert ist. Außerdem, je länger du hier bleibst, desto größer ist die Gefahr, dass jemand erfährt, dass du noch am Leben bist." Daralea nickte kurz, als sie ihre fertig angezogene Enkelin sah und hielt ihr die Stiefel hin. „Zieh dich schnell an, dann können wir beginnen."

Sie knieten sich auf den Boden und zogen Jinai mit sich hinunter. Alle drei schlugen das siebenzackige Gebetszeichen und schlossen die Augen, während sie versuchten, das Gehör der Götter zu erlangen.

Mit einem Mal tat sich vor ihnen an der Wand des Zimmers ein neues Portal auf; Jinai wusste, wer es geschickt hatte. Die Göttin des gerechten Zorns hatte ihr einen letzten Wunsch erfüllt. Sie stand auf und sah ihre Familie an, die letzten, die ihr geblieben waren; Arita hatte sie nie wirklich dazu zählen können. „Ihr wollt das wirklich?"

„Es wäre gelogen, zu sagen, wir wären glücklich darüber, dass du gehst, aber es macht uns glücklich, wenn du dein Glück findest", erwiderte Elaine; Daralea nickte. „Also geh, bevor jemand kommt."

Jinai umarmte beide, dann trat sie zurück. „Elaine, ich erwarte von dir, dass du eine neue Ära einleitest, hast du verstanden? Werde eine würdige Vorfahrin für deine Nachfahrinnen und Nachfahren. Okay?"

„Okay", sagte Elaine lächelnd.

„Nana… danke. Für alles."

Ihre Großmutter lächelte nur liebevoll, dann sagte sie: „Leb wohl."

„Leb wohl", fügte Elaine hinzu.

„Lebt wohl", bot Jinai die letzten Tränen auf, die sie finden konnte, lächelte ein letztes Mal und trat durch das Portal.

In wenigen Worten erklärte Jinai, wie es dazu gekommen war, wobei sie wohlweislich die Rolle ihrer Gefühle für Kanda wegließ; einerseits wusste sie nicht, ob es ihm recht wäre, das so vor den anderen auszubreiten, andererseits kam es ihr ein bisschen ungerecht gegenüber den anderen vor. Sie hatte sie alle vermisst… aber ihn eben am meisten.

Sie erzählte, dass sie, als sie durch das Portal zurückgekommen war, fast Cross erschlagen hätte, denn das Portal hatte sich schließlich im zweiten Stock befunden, als sie es betreten hatte, und dem entsprechend hoch war sein Pendant in dieser Welt. Dabei hatte sie ihm auch noch das Innocence abgenommen, dass er gerade vor ein paar Akuma gerettet hatte, und es hatte auf sie reagiert. An diesem Punkt der Geschichte musste sie ihre Flügel herzeigen, bevor sie schlussendlich berichten konnte, wie Cross sie und Jeremy, den er dabei gehabt hatte, in einen Zug nach Europa gesteckt hatte und dann verschwunden war.

Als sie geendet hatte, herrschte ein paar Sekunden lang Schweigen, dann fragte Bookman schließlich: „Und wieso sollen wir dir das glauben?"

Jinai sah ihn ernst an. „Also, dann sehen Sie sich mal das an." Sie zog einfach ihr Hemd hoch, bis knapp unter ihre Brust. Deutlich zeichnete sich auf der gebräunten Haut die breite, rote Narbe ab, sowohl auf der Brust als auch auf dem Rücken. „Wonach sieht das für Sie aus?" fragte sie, als sie das Hemd wieder fallen gelassen hatte.

„Nach einer Schwertwunde", erwiderte der alte Mann unbeeindruckt. „Aber das heißt noch lange nicht-"

„Lass es, Panda, damit stehst du allein da." Alle starrten Lavi an, der seinen Lehrmeister wütend ansah. „Wir alle, Linali, Allen, Kanda und ich waren dort. Wir haben ihre Welt gesehen, sogar zwei Wochen lang dort gelebt. Wenn du behauptest, Jinai lügt, dann lügen wir alle. Und außerdem haben Kanda und ich gesehen, wie sie getroffen wurde –auch, wenn ich wünschte, ich könnte dieses Bild vergessen", fügte er hinzu.

Komui erhob sich; alle Blicke richteten sich auf ihn. „Ich möchte mit ihr zu Hevlaska gehen und ihr Innocence überprüfen. Kein Wort, das hier gesprochen wurde, verlässt diesen Raum, verstanden? Und auch ihr bleibt hier, allesamt, bis wir wieder zurück sind."

Er ging um den Schreibtisch herum zur Tür und Jinai folgte ihm, nachdem sie den anderen Exorzisten noch kurz zugelächelt hatte. Dann fiel die Tür hinter ihnen ins Schloss.

„So war das also", meinte Jeremy plötzlich.

„Was meinst du?" fragte Allen.

„Na ja, ich hab gesehen, wie sie durch das Portal kam… und Cross förmlich erschlagen hat, als sie aus mehr als vier Meter Höhe plötzlich auf ihn gefallen ist. Aber sie hat mir nie gesagt, was es damit auf sich hatte… oder welche Vorgeschichte dahinter steckte." Er lächelte traurig. „Da denkt man, schlimmer als einem selbst kann's keinem gehen und dann taucht jemand auf, der das, was du durchgemacht hast, wie das reinste Schlaraffenland aussehen lässt."

„Dein Leben war dann wohl das reinste Zuckerschlecken, nehm ich mal an?" sagte Lavi sarkastisch.

„Klar. In den Slums von London aufgewachsen, mit sechs in ein Waisenhaus gesteckt, das noch schlimmer war als die Straße, mit acht auf Umwegen zu einem Bauern gekommen, bei dem ich den lieben langen Tag lang auf dem Feld gearbeitet und die Nacht in der Scheune geschlafen hab, zusammen mit den Tieren und noch drei Waisenkindern. Dann wird der Hof von Akuma überfallen, meine ‚Geschwister', der Bauer und seine Frau getötet, ich verstümmelt und erst nach zwei Tagen gefunden. Nachdem mich der Doktor notdürftig zusammengeflickt hat, ging's zurück ins Waisenhaus." Er seufzte. „Ich bin einfach abgehauen, raus aus dem Haus, raus aus der Stadt, hab mich in irgendeinem Dorf weitab von London versteckt und geklaut. Ein knappes Jahr lang ging das gut, dann haben die Bauern dort mich geschnappt und ich musste wieder aufs Feld. So gesehen war das gar nicht so schlecht, es hätt auch schlimmer kommen können. Ich hatte ja schon ein bisschen Erfahrung mit so was, also hat's mir nicht so viel ausgemacht. Irgendwann haben sie mich vom Feld geholt und mit ein paar andern Leuten auf die Jagd geschickt. Da war ich", er rechnete nach „fünfzehn. Da hab ich auch den Bogen bekommen. Und schließlich, nach etwa zwei Jahren, sind wir auf der Jagd dann von Akuma überrascht worden. Ihr könnt euch vorstellen, wie wir geguckt haben, als die mit einem einzigen Pfeil erledigt waren, obwohl keiner von den andern sie treffen konnte. Ein halbes Jahr lang ging das so, dann sind größere gekommen, die schwerer zu erledigen waren. Schlussendlich ist der Typ aufgetaucht mit den roten Haaren und hat sie platt gemacht. Er hat mich mitgenommen und quer durch Europa geschleppt, angeblich als sein Schüler. In Wirklichkeit war ich nicht mehr als ein Arbeitssklave, der seine Rechnungen bezahlen sollte."

„Ja, das kennen wir irgendwoher, nicht, Allen?" meinte Lavi an den weißhaarigen Exorzisten gewandt.

Der grinste schief. „Ich war früher sein Schüler und das jahrelang. Erinnere mich bloß nicht daran."

„Du hast mein aufrichtiges Beileid", sagte Jeremy. „Ich hatte den Job gerade mal ein Monat, vielleicht ein bisschen länger, dann ist Jinai aufgetaucht. Cross hat daraufhin gemeint, jetzt müsse er mich nicht mehr mit sich herumschleppen, sie solle mir den Kram beibringen, und hat uns einfach in den nächsten Zug Richtung Westen gesteckt."

Währenddessen:

„Es freut mich, dich wieder zu sehen, Jinai."

Jinai lächelte. „Mich auch, Hevlaska." Sie warf einen Seitenblick auf Komui. „Ihr traut mir immer noch nicht, stimmt's?"

„Du musst zugeben, es klingt ziemlich unglaubwürdig, was du erzählt hast", entgegnete der Wissenschaftler.

„Ja, das würde ich auch denken, wenn ich es nicht selbst erlebt hätte." Sie ließ sich von der Exorzistin hochheben und untersuchen, genau wie beim letzten Mal. Doch diesmal war etwas anders; sie spürte viel intensiver, wie Hevlaska nach dem Innocence suchte, wie sie ihre telepathischen Fühler ausstreckte und schließlich fündig wurde.

„Sie hat Innocence, Komui…", teilte die Exorzistin dem Wissenschaftler mit. „In ihrem Rücken… befindet sich eine Innocence-Einheit… verbunden mit ihrer Wirbelsäule… knapp unter den Schulterblättern…" Hätte Hevlaska Augen gehabt, hätte man gesehen, wie sie angestrengt die Augenbrauen zusammenzog „Ich kann… nichts mehr finden… von dem, das ihr vorher ihre Fähigkeiten gegeben hat…"

„Nichts?"

„Nein… da ist nichts mehr…"

Das Gefühl wurde noch stärker, geradezu schmerzhaft; Jinai spürte jeden einzelnen Nerv in ihrem Körper, als würde flüssiges Feuer durch die Nervenbahnen fließen. Kein Wunder, das Krory so mitgenommen ausgesehen hat, dachte sie, aber es ist zu ertragen. Gerade, als der Schmerz sein Maximum erreicht hatte, brach Hevlaska den Kontakt ab und ließ sie zurück auf die Plattform gleiten.

„Deine Synchronisationsrate… liegt bei 78 %…", hallte die Stimme der Exorzistin von den Wänden.

Jinai brauchte ein paar Sekunden, bis ihre Beine sie wieder trugen. Was die Synchronisationsrate war, wusste sie schon, das brauchte man ihr nicht erklären –aber wieso, zur Hölle, hatte man ihr nie gesagt, wie wackelig man danach auf den Beinen war? Sie schüttelte den Kopf, um das taube Gefühl loszuwerden und sah Komui an. „Zufrieden?"

Der Chinese erwiderte den Blick ein paar Sekunden lang, dann rückte er seine Brille gerade und streckte ihr die Hand entgegen: „Willkommen zurück von den Toten. Ich denke, deinen Tod verschweigen wir mal, sonst werden uns die da oben noch misstrauisch. Und deine Welt klingt nicht gerade so, als ob sie sich mit Akuma vertragen würde."

Jinai schlug ein. „Ich nehme an, die würden dort einfach nicht funktionieren."

Komui lächelte. „Dein Mantel wartet auf dich."

In Komuis Büro:

Langes Schweigen.

„Sie sind jetzt schon verdammt lange weg, oder?" Lavi lehnte halb auf der Seitenlehne des Sofas, die Arme verschränkt und den Kopf in den Nacken gelegt.

„Nii-san macht wahrscheinlich hunderttausend Experimente vor lauter Misstrauen", erwiderte Linali, die neben ihm auf der Rückenlehne saß, die Füße zwischen Allen und Marie auf der Sitzfläche.

„Was gibt es da zu misstrauen? Das ist eindeutig Jinai, das weiß er genauso gut wie wir", meinte Lavi missmutig. „Ich meine, das hat sie doch bewiesen, oder?"

„Uns schon, aber ihm anscheinend noch nicht. Apropos: Allen, was war das für eine Sache; die sie da vor dem Tor gesagt hat? Wegen Elaine und dem Arbeitszimmer?"

Der weißhaarige Exorzist sah auf. „Da müsst ihr sie selbst fragen, ich bin an mein Versprechen gebunden und das gilt so lange, bis sie mich davon entbindet. Aber es ist nichts Schlimmes, keine Angst."

„Es geht darum, dass du in ihrem Arbeitszimmer warst, moyashi." Drei Köpfe ruckten verblüfft zu Kanda auf der anderen Seite des Sofas hinüber. „Richtig?"

„Woher-"

„Was glaubt ihr, wo ich die ganze Zeit war, wenn ihr mich gesucht habt?"

„Keine Ahnung, das haben wir ja bis heute nicht herausgefunden."

„Auf den Zinnen der Schlossmauer. Von wo aus man auch das Fenster des geheimen Arbeitszimmers sehen kann."

„Dann hätte ich vielleicht ab und zu mal aus dem Fenster sehen sollen", sagte Jinai auf der Türschwelle, neben ihr Komui.

„Endlich! Das hat ja-" Lavi stockte. Einen Moment lang glaubte er, einen Geist zu sehen, denn das Bild, das sich ihnen bot, war eines, das sie schon lange nicht mehr gesehen hatten; genauer gesagt, kam es ihnen wie eine Ewigkeit vor. Der knöchellange, schwarze Kapuzenmantel mit dem schwarzweiß gestreiften Gürtel, den weißen und silbernen Verzierungen und dem Silberkreuz auf der Brust, den Jinai trug, war derselbe, den sie auch zuvor schon getragen hatte.

„Das heißt ja…" Linali sprach nicht zu Ende, aus Angst, es wäre nicht wahr.

Jinai nickte nur. „Ich bin wieder eine Exorzistin, mit demselben Mantel, demselben Kreuz und demselben Golem. Sogar mein altes Zimmer habe ich wieder."

„Und da hört die Heiterkeit leider auch schon wieder auf", sagte Komui, der inzwischen vor dem Sofa Aufstellung bezogen hatte, während Jinai näher gekommen war. „Jeremy, hat Cross dir gegenüber jemals erwähnt, was sein Ziel war? Weißt du irgendetwas über seine Pläne?"

Der Engländer schüttelte den Kopf. „Er hat mich bis nach Russland geschleppt, ans schwarze Meer. Am Ural haben wir dann Jinai getroffen und danach ist er alleine weitergereist."

„Hat er zu dir irgendetwas gesagt, dass uns Aufschluss über seinen Aufenthaltsort geben könnte?" Jinai musste ebenfalls verneinen. Komui rückte erneut seine Brille zurecht; das Zeichen, dass er eine Entscheidung getroffen hatte. „Dann werde ich dich mit Allen, Linali, Krory und Lavi schicken; Jeremy bleibt fürs Erste hier. Ihr müsst Cross finden."

„Warum?", fragte Jinai verwirrt. Ihr Ausdruck wandelte sich in Entsetzen, als sie erfuhr, was passiert war und warum der Wissenschaftler den Entschluss gefasst hatte, sie den Marschällen als Verstärkung mitzugeben. Bedrückt senkte sie den Kopf. „Dann… bin ich ja wohl gerade noch rechtzeitig von einer Katastrophe in die andere gewechselt, hm?"

Ein paar Sekunden herrschte gedrücktes Schweigen, dann schrie Lavi auf einmal so laut „Ha!", dass alle einen Satz machten. Er grinste triumphierend.

„Bist du wahnsinnig geworden?", keuchte Anna, eine Hand auf dem Herzen.

Der rothaarige Exorzist deutete auf Kanda. „Ich hab euch gesehen! Abstreiten gilt nicht mehr!"

„Was abstreiten? Was meinst du, Lavi?", fragte Allen verwirrt. Der Rotschopf schien sich über irgendetwas wahnsinnig zu freuen und konnte anscheinend nur mit Mühe –und der Erinnerung daran, dass der Bookman anwesend war- den Drang unterdrücken, einen Freudentanz aufzuführen.

„Was hab ich gesehen, als ich auf die Lichtung kam?", fragte Lavi grinsend an Kanda gewandt.

„Und da hast du so lang gebraucht, bis du das kapiert hast?," gab der Japaner kalt zurück.

„Und das ganz ohne meine Hilfe. Ich bin ja so stolz auf euch."

Kanda ruckte hoch, Jinai lehnte sich abrupt vor. „Du hast es gewusst?", fragten beide unisono.

Der Rotschopf winkte ab. „Das war offensichtlich."

„Kann mir mal einer erklären, was los ist? Ich versteh nämlich nur Bahnhof", mischte sich Jeremy ein, unterstützt durch heftiges Kopfnicken von fünf anderen Exorzisten, während die sechste rot anlief.

Linali sprang von der Sofalehne und erregte damit die Aufmerksamkeit der anderen, woraufhin ihre Gesichtsfarbe noch dunkler wurde. Sogar ihr Bruder sah sie besorgt an, aber das bemerkte sie gar nicht, denn sie befand sich mitten in einem Blickwechsel mit Jinai. Als diese dann zögernd nickte, fing auch die Chinesin zu strahlen an, sodass sich keiner mehr auskannte.

Lavi zog die allgemeine Aufmerksamkeit wieder auf sich und die beiden Exorzisten, die der Gruppe der anderen gegenübersaß/stand. „Aber eines sag ich dir, Yuu" –Todesblick des Genannten- „Du bist Hackfleisch, wenn du ihr wehtust. Exorzist hin oder her."

Spätestens jetzt hatte auch der letzte verstanden, wovon er sprach, woraufhin sie verblüfft das Paar anstarrten, von denen einer immer noch in seinen Todesblick vertieft war, während die andere verzweifelt versuchte, unsichtbar zu werden.

Kanda war es egal, ob die anderen davon wussten, aber Jinai wünschte sich, nicht so angestarrt zu werden, vor allem, da es erst knapp eine Stunde her war, dass sie selbst davon erfahren hatte. Es wäre ihr nur Recht gewesen, sich erst an den Gedanken zu gewöhnen, dass ihre Liebe erwidert wurde, bevor es in die Welt hinausposaunt wurde. Außerdem war sie im Moment sowieso nicht besonders sicher auf den Beinen, weil ihr von der Examination durch Hevlaska immer noch die Knie zitterten. Es waren Momente wie dieser, die sie wünschen ließen, ein Talent für Ohnmachten zu haben. Aber solange sie nicht k.o.-geschlagen wurde, passierte leider gar nichts.

Kanda nahm ihr die Entscheidung, in Ohnmacht zu fallen oder wegzulaufen, ab, indem er einfach den Kopf drehte. „Komui." Der Wissenschaftler merkte auf. „Wie spät ist es?"

Alle starrten ihn entgeistert an; sie hatten sich eigentlich etwas anderes erwartet. Der Chinese warf ihm einen zweifelnden Blick zu, dann sah er auf die Uhr. Entsetzt riss er die Augen auf. „Verdammt! Ich habe vollkommen die Zeit vergessen; ab mit euch auf eure Zimmer. In wenigen Stunden geht euer Zug und es bleibt euch nicht mehr viel Zeit, also haut euch jetzt aufs Ohr, bevor ihr überhaupt keine Gelegenheit mehr dazu habt. Los, Abmarsch!"


Raffael: Du weißt, dass du deinen Lesern jetzt mehr als nur ein läppisches Kapitel schuldest, oder?

Jinai: Erinnere mich nicht dran.

Raffael: Aber es ist wahr, ich meine, du hast sie so lange warten lassen-

Jinai: Ja, und das nächste Kapitel kommt auch... bald... Gomen, ich muss euch noch ein bisschen warten lassen... aber das nächste braucht nicht wieder sechs Monate, I promise.