Jinai: ...

Raffael: ...

Jinai: ...

Raffael: ... Fängst du jetzt bald man an, oder bauen wir hier eine Straße?

Jinai: Ja, ich mach ja schon. Also, an alle, die so lange gewartet haben, erst einmal ein großes DAAAAANKEEEESCHÖÖÖÖÖN für eure Geduld und eure reviews und euer Durchhaltevermögen und hach - für alles, Leute! Ich bin die wohl lahmste Schreiberin der Welt und ihr habt euch ein neues Chap wirklich verdient für - wie gesagt, für alles!

Raffael: Was sie damit sagen will: Sie hat es endlich mal geschafft, neben Studium und BLAH auch wieder hieran zu arbeiten.

Jinai: Nenn es nicht Blah ++ Ich nehms mir immer fest vor, aber...

Raffael: Du machst es dann doch nicht.

Jinai: Kusch! Ab in den Schrank! Nur weil Yunaria dich gegrüßt hat! Wirst du gleich eingebildet!

Raffael: Dann mach deinen Disclaimer halt selbst.

Jinai: ... Okay, aber DANACH verschwindest du in den Schrank.

Raffael: ... Deine zukünftigen Kinder tun mir jetzt schon leid, bei DER Erziehung.

Jinai: Ja, hat bei dir auch nicht funktioniert, du bist das beste Beispiel, du faules Stück.

Raffael: Höhö, daaaa spricht die Richtige!

Jinai: So, jetzt zack, die Leser haben lange genug gewartet!

Rated: T (Sie hat sich aber bemüht, es schön zu umschreiben. Ich kann euch auch nen Unschärfefilter drüberlegen, wenn ihrs nicht sehen wollt)

Disclaimer: Nichts an DGM gehört Jinai. Ihr wollt nicht wissen, was sie damit anstellen würde, wenn es so wäre.


10. Die kleine Welt

Buchstäblich hinausgeworfen, setzte sich Jinai rasch von der Gruppe ab, bevor sie mit Fragen bestürmt werden konnte. Stattdessen flüchtete sie sich auf die Plattform und kletterte wieder zu dem kleinen Vorsprung hinauf, auf dem sie letztes Mal schon gesessen hatte. Dort zu sitzen, brachte Erinnerungen zurück an alles, was davor und danach passiert war, und verblüffenderweise machte es ihr auch klar, wie dumm sie vor ihrer Abreise nach Szeged gewesen war. Wie hatte sie nur jemals glauben können, es wäre einfach, diese Welt zu vergessen? Oder überhaupt –machbar? Allein der Gedanke war absurd.

Obwohl es geschneit hatte, war der Vorsprung trocken, denn der ganze Schnee war zu schwer gewesen und über die Fassade hinuntergerutscht. Dann, als der Schneefall aufgehört hatte, hatte der Wind den letzten Rest Feuchtigkeit verblasen und nur den kalten Stein übrig gelassen. Ansonsten wäre sie wohl das eine oder andere Mal auf dem Weg hierherauf abgerutscht. Es war nicht hoch, nur ein paar Meter über der Plattform, und sie hätte genug Zeit gehabt, ihre Flügel auszubreiten, bevor sie aufgeschlagen wäre, aber trotzdem war es ein unheimlicher Gedanke. Sie war erst vor wenigen Tagen dem Tod entronnen; sie schätzte ihr Leben. Und sie hatte verdammtes Glück gehabt, denn die Macht der Göttin hatte nicht nur die Herzwunde geheilt, sondern auch die anderen beiden, von denen jetzt nicht einmal mehr eine Narbe zu sehen war.

Die Narbe der tödlichen Wunde war aber geblieben, genauso wie der siebenzackige Stern und seine Linien. Ironischerweise war nicht nur die Schnittwunde genau in der Mitte des Sterns, sondern als sie aufgewacht war, war auch die letzte Linie gezogen gewesen. Quasi ein Abschiedsgeschenk der Götter, dachte sie sarkastisch. Schließlich war Cuigadem, das Mal, letztendlich nur ein Test gewesen: Sollte sie Ceathan besiegen, bevor die letzte Linie gezogen war, würden ihr die Götter einen Wunsch gewähren, wenn nicht, dann… Als die Göttin ihr das erklärt hatte, hatte sie das Ende bewusst offen gelassen, sodass sich Jinai an einem Finger ausrechnen konnte, was dann passiert wäre: Die Göttin hätte ihre Seele nach getaner Arbeit mit sich genommen und sie hätte ihren Körper nie wieder gesehen.

Denen machen solche Spielchen wohl Spaß, maulte ihr Unterbewusstsein.

Es war ein Test meiner Treue zu ihnen. Und meines Pflichtbewusstseins. Daran ist nichts falsch.

Doch, wenn es am Ende heißt: entweder du tust, was wir sagen, oder du kratzt ab.

Du bist so respektlos wie immer.

Wen kümmert's? Sie haben hier keine Macht. Oder was glaubst du, was sie tun? Durch Portale hindurch mit Karotten schießen?

Haha, sehr witzig. Trotzdem, Blasphemie bleibt Blasphemie.

Hey, sag das mal drei Mal schnell hintereinander.

Sag mal, du bist wohl überhaupt nicht glücklich, dass du wieder hier bist? Oder dass Kanda dich, aus welchem Grund auch immer, auch liebt?

Was soll das denn heißen, ‚aus welchem Grund auch immer'?

Na ja, irgendwie immer noch schwer vorstellbar, dass er dazu in der Lage ist.

Du bist mal wieder unglaublich charmant.

Ja, ja, Liebe macht blind. Hoffen wir, dass das auf Gegenseitigkeit beruht.

Bitte was? Erklär das mal.

Erinnerst du dich noch an das Mal? Die Wunde? Das Innocence in deinem Rücken, das die Stelle so unappetitlich verfärbt?

Ja? Und?

Also, zur Schönheitskönigin macht dich das nicht gerade.

Musstest du mich daran erinnern? Ich hatte es gerade verdrängt.

Kann ich doch nicht wissen!

Doch! Du bist mein Unterbewusstsein –ach, vergiss es.

Und wieder bin ich die Böse.

Das hast du gesagt.

Ich mein ja nur: Was, wenn er… du weißt schon.

Nein, weiß ich nicht.

Was, wenn er es… abstoßend findet?

Woher willst du das wissen? Außerdem, bis dahin ist es noch lang hin, also brauch ich mir darum noch keine Sorgen machen.

Aber das ist die letzte Nacht, bevor ihr euch was-weiß-ich-wie-lang nicht mehr seht! Willst du keine Erinnerungen?

Ich weiß nicht… Meinst du nicht, das wäre überstürzt?

Hey, ich sag dazu nichts, das musst du schon selbst wissen!

Stimmt ja, sonst heißt es nachher wieder, ich bin schuld!

Jinai wachte aus ihrer Starre auf; jemand hatte die Plattform betreten. Noch bevor sie ihn sehen konnte, wusste sie, dass es Kanda war. Ohne zu zögern, drehte er sich um und sah zu ihr hinauf. Der Wind trug seine Stimme zu ihr hinauf.

„Ich dachte mir, dass ich dich hier finde."

Sie konnte nicht anders, sie musste lächeln. Er kennt mich eben. Eigentlich hätte sie es auch nicht anders erwartet. Rasch kletterte sie hinunter, wobei sie darauf achtete, dass sich ihre Beine nicht in ihrem Mantel verfingen. Jetzt abzurutschen und zu stürzen war so ziemlich das Letzte, was sie wollte. Endlich war sie unten angekommen und hatte wieder festen Boden unter den Füßen. Zwar hatte sie sich schon längst an das Gefühl gewöhnt, zu fliegen, aber der Unterschied zwischen Fliegen und Fallen war nicht so klein, dass man ihn leugnen konnte; sie zog es vor zu fliegen.

Jinai richtete sich auf und lächelte. „Entschuldigung, dass ich einfach abgehauen bin."

Kanda zuckte mit den Schultern. „Ich habe dasselbe gemacht, außerdem weiß ich, wo ich dich finde, also wo ist das Problem?"

Sie wurde verlegen. „Im Wald… also, ich habe einiges gesagt, aber ich glaube, wir haben längst noch nicht alles besprochen."

„Kein Wunder, wir wurden unterbrochen." Er trat einen Schritt näher. „Und was genau wolltest du besprechen?"

Es ging, solange sie ihn nicht ansah. Solange sie zur Seite blickte, wusste sie noch, was sie sagen wollte. Verdammt.

Nein, ich glaube, das wolltest du nicht sagen.

Ruhe.

Aber gerade in dem Moment, in dem sie wieder wusste, was sie sagen wollte, zog der Japaner sie einfach an sich und küsste sie. In der ersten Sekunde war sie zu überrascht, um zu reagieren, aber dann erwiderte sie den Kuss.

Kanda nahm das als Zustimmung, noch weiter zu gehen, und presste sie enger an sich; eine Hand in ihrem Haar, glitt er mit der anderen unter ihren Mantel und presste ihre Hüften an seine. Erschrocken keuchte sie an seinem Mund und wollte sich von ihm lösen, aber es gelang ihr nicht, den Kuss zu unterbrechen oder auch nur einen Zentimeter von ihm abzurücken. Einzig ihre Arme waren frei, sodass sie ihre Hände gegen seine Schultern stemmen konnte, um ihre Lippen frei zu machen, wenn auch nur für eine Sekunde; gerade lange genug, um Luft zu holen.

„Warte."

„Worauf? Ich habe drei Monate gewartet", sagte der Japaner, bevor er erneut seinen Mund auf ihren presste.

Schlagartig wurde ihr bewusst, dass das die letzten Stunden waren, die sie mit ihm hatte; ihr Widerstand erlahmte, stattdessen griff sie mit ihren Händen unter seinen Mantel, wärmte sich an ihm und seinem Kuss. Sie erinnerte sich daran zurück, wie sie sich gefühlt hatte, als sie noch gedacht hatte, sie müsse sterben; damals hatte sie ihre Zeit doch auch nicht mit Warten vergeuden wollen, oder? Sie hatte sie mit ihm verbringen wollen, hatte ihn extra nach Seaiathan mitgenommen –und jetzt musste sie sich ein zweites Mal von ihm trennen. Der Gedanke, dass es diesmal nicht für immer war, tröstete sie nur wenig; einer Trennung auf unbestimmte Zeit entgegenzusehen war genauso schlimm.

Sie war doch für ihn zurückgekommen, oder etwa nicht?

Trotzdem wurde sie das Gefühl nicht los, dass das der falsche Ort war. Auch wenn sie diesen Platz liebte, sie würde eine andere Atmosphäre vorziehen… bevorzugt eine ohne Wind und Schnee.

Die Frage, wie sie ihm das sagen sollte –sobald sie ihre Lippen freibekam- erübrigte sich, als die Tür aufgestoßen wurde. „Oh –oh, Entschuldigung, ich wusste nicht –ich dachte-" Linali brach ab, hochrot im Gesicht. Hastig schlug sie die Tür wieder zu und ihre sich rasch entfernenden Schritte waren zu hören.

Kanda gab ein unwilliges Geräusch von sich. „Warum werden wir eigentlich ständig gestört?"

Jinai lächelte nur. „Das liegt vielleicht daran, dass wir uns die denkbar schlechtesten Orte aussuchen."

Er zog zweifelnd die Augenbraue hoch. „Eher daran, dass die alle nichts zu tun haben. Außerdem, was würdest du denn sonst vorschlagen?"

„Das kommt ganz darauf an. Fällt dir ein Ort ein, den niemand betreten würde, ohne vorher anzuklopfen?" Sie konnte sich ein Grinsen nicht verkneifen; die Frage hatte sie bewusst so formuliert. Reden konnten sie später.

Wie erwartet, fiel nur wenige Sekunden später Kandas Zimmertür hinter ihnen ins Schloss. Und wie erwartet, hatte sich dort nichts verändert, seit sie das letzte Mal hier gewesen war. Der Japaner war gerade damit beschäftigt, ihre beiden Mäntel auf den Kleiderständer zu hängen, während sie mit den Fingern die Risse und Sprünge in seinen Fensterscheiben nachfuhr.

Unwillkürlich musste sie daran denken, was für einen Aufstand es zuhause gegeben hätte, wenn man auch nur einen Sprung, so fein wie ein Haar, in einem der gut fünfhundert Fenster des Palastes gefunden hätte; dann verdrängte sie den Gedanken. Das war jetzt ihre Welt, ihr Zuhause, und nicht mehr Leharein mit all seinen Magiern und Magierinnen. Trotzdem erlaubte sie sich, sich kurz die Frage zu stellen, ob es Elaine wohl gut ginge. Aber natürlich tat es das, sie hatte ja Nana; die würde auf sie aufpassen.

Ob die Prophezeiung wohl schon veröffentlich wurde? Ob die Leute mich schon für tot halten?

„Alles in Ordnung?"

Sie hatte gar nicht bemerkt, dass Kanda neben sie getreten war. Auf seine Frage konnte sie sich aber keinen Reim machen. „Was meinst du?"

Er zuckte nur mit den Schultern. „Du hast irgendwie… traurig ausgesehen."

Jinai lächelte traurig. „Ich musste an Elaine und Nana denken. Du weißt doch, nach meinem ‚Tod' wird die Prophezeiung der Öffentlichkeit zugängig gemacht; dann erfährt jeder die Wahrheit über die sieben Hexen."

„Und?"

„Und ich mache mir Sorgen um meine kleine Cousine. Ob sie zurechtkommt. Und…", sie drehte sich ganz zu ihm herum. „Wie lange es wohl dauert, bis sie mich vergessen haben."

„Es gibt keinen Weg zurück, oder?"

„Nein. Aber auch wenn ich mit Leharein abgeschlossen habe… sie bleiben meine Familie. Natürlich will ich nicht, dass sie mich vergessen, genauso wenig, wie ich sie vergessen will." Sie schwieg einen Moment, dann lächelte sie entschuldigend. „Tut mir Leid, dass ich davon angefangen habe. Das sollte eigentlich nicht dein Problem sein –oder überhaupt Thema im Moment."

Der Japaner schüttelte leicht den Kopf. „Weißt du noch, als Elaine auf einmal aufgetaucht ist, um sich von uns zu verabschieden?"

„Klar weiß ich das; ich habe schon befürchtet, sie könnte auch in den Kampf verwickelt werden. Warum?"

„Hat sie dir gesagt, was sie zum Abschied gesagt hat?" Jinai schüttelte den Kopf; sie wusste nicht, worauf er hinauswollte. „Danke. Sie hat sich dafür bedankt, dass ich mich nicht wie ein Mubeito verhalten habe. Sie meinte, das hätte dich glücklich gemacht."

„Ein –du weißt schon, was das heißt, oder?" Kanda nickte. Jinai brauchte ein paar Sekunden, um zu verstehen, was Elaine getan hatte. Bis zum letzten Moment hatte sie sich um sie gesorgt; nicht um ihre eigene Sicherheit, sondern um sie, Jinai. Ob sie glücklich wäre. Sie musste gegen die Tränen anschlucken; wie hatte sie je glauben können, Elaine würde sie vergessen? „Danke. Das bedeutet mir viel." Sie sah auf. „Wie schaffst du das, immer genau das zu sagen, was ich hören will?"

„Reine Übungssache. Aber jetzt weiß ich endlich, wie du mich damals genannt hast, als du mich in meinem Essen ertränken wolltest."

Sie musste grinsen. „Ich war so wütend damals, das sich um ein Haar nicht mehr losgelassen hätte."

„Und was hatten die anderen Worte eigentlich zu bedeuten? Dieses Mantra…"

„Das ist schon wieder etwas, bei dem du mir geholfen hast. Ich musste mir immer wieder vorsagen, dass ich nichts tun konnte, dass es ihre Entscheidung war, zu sterben, um mich zu retten. Manchmal hat es geholfen, manchmal nicht." Sie hielt ihre Hände hoch. „Aber es ist alles verheilt; das ist wohl auch das Werk der Göttin."

„Und was du im Zug gesagt hast? Über Caluhein?"

Sie seufzte. „‚Amerein se Cularein se Caluhein mari to torata um ignata. Deote to amero tamo ondem so puradem.' Wir verabschieden den letzten und begrüßen den ersten. Finde der Erste Gott Einsicht und Demut. Der Trinkspruch, der immer auf Caluhein ausgebracht wird." Sie zögerte. „Und in diesem Zusammenhang… ich sollte… setz dich, bitte. Ich muss dir noch etwas erklären."

Kanda sah sie kurz zweifelnd an, sagte aber nichts und ließ sich auf die Bettkante sinken, so ziemlich der einzige Platz, wo man sich hinsetzen konnte. Jinai trat vor ihn, gerade außer Reichweite. „Du weißt, unsere Götter sind streng; du kennst unsere Gesetze. Aber die sieben Hexen sind ein Sonderfall: wir werden mit anderen Maßstäben gemessen als andere. Verfehlungen, die uns vom Ziel, der Erfüllung der Prophezeiung, abbringen könnten, werden nicht geduldet. Und damit wir keine solchen begehen…", sie zögerte kurz, bevor sie ihr Hemd über den Kopf zog, aber dann entschied sie sich, dass es jetzt auch schon keinen Unterschied mehr mache. Mit einem Ruck hatte sie sich von dem Stoff befreit; nur noch der dünne Verband bedeckte ihren Oberkörper, der die noch etwas beleidigte Narbe schützen sollte.

Schon durch den Verband hindurch konnte man die schwarz verfärbten Linien des Mals sehen; es wunderte sie nicht, dass Kandas Augen sich erstaunt weiteten. „Cuigadem. Das Mal. Ursprünglich war es nur der Stern, aber mit jeder neuen Blasphemie kam eine neue Linie dazu. Bis zu meinem achtzehnten Geburtstag waren es sechs Linien, die siebente hatte ich, als ich wieder aufwachte, nachdem ich geglaubt hatte, zu sterben."

„Und die Narbe in der Mitte? Ist das…"

Jinai nickte; sie entfernte den Verband. „Die einzige Wunde, die nicht ganz verschwunden ist. Man konnte zwar die Wunden in Rekordzeit heilen, aber diese Narbe ist trotzdem geblieben. Und zusammen mit dem Innocence in meinem Rücken ist das eine Kombination, die jedem Seemann zur Ehre gereicht", versuchte sie, unbekümmert zu klingen. Tatsächlich aber zitterte sie schon fast vor Angst, er würde sich von ihr abwenden, jetzt wo er gesehen hatte, wie entstellt sie war. Sie beschwerte sich nicht über ihr Innocence, das nicht, aber es verhielt sich damit ähnlich wie mit Allens linkem Arm: Insgeheim empfand jeder anfangs Abscheu, mehr oder weniger. Dann noch ihre vernarbte Brust…

Kanda sagte gar nichts, sondern hielt seinen Blick stur auf die schwarzen Linien gerichtet. Aus ihren Worten ging hervor, dass sie ihm noch längst nicht alles gesagt hatte; bestimmt war das Ziehen dieser Linien jedes Mal mit großen Schmerzen verbunden, die sie bewusst verschwieg. Sie war immer so; es war ihr unangenehm, wenn man sich um sie Sorgen machte, sie empfand sich selbst dann immer als Bürde für denjenigen, weswegen sie die Schmerzen herunterspielte. Das zweite, das er zwischen den Zeilen und der gespielten Heiterkeit herauslesen konnte, war, dass es offensichtlich war, dass sie sich für diese Dinge schämte. Wahrscheinlich dachte sie, das Mal, das wie auftätowiert gewirkt hätte, wenn er die Narben nicht gesehen hätte, die Narbe, die von dem Schwert zurückgeblieben war, und die Flecken auf ihren Rücken, dort, wo sich das Innocence befand, entstellten sie.

Immer noch wortlos streckte er die Hand aus und wartete geduldig darauf, dass sie sie ergriff und sich von ihm näher ziehen ließ, bis sie direkt vor ihm stand. Er ließ sie nicht los, sondern hob die andere Hand, verharrte aber kurz, um einen Blick in ihr Gesicht zu werfen. Er fand kein Nein in ihren Augen und bewegte seine Hand nach vorne, bis er die schwarzen Linien fast berührte; noch einmal überzeugte er sich davon, dass sie nicht sofort weglaufen würde, bevor er langsam und vorsichtig mit den Fingerspitzen über die Linien strich. Jinai zuckte kurz zusammen und er verstärkte den Druck seiner Hand um ihre um eine Winzigkeit, aber sie rührte sich nicht von der Stelle.

Kanda fuhr über die vernarbten Stellen und versuchte, sich vorzustellen, wie sie es geschafft hatte, geheim zu halten, welche Schmerzen sie ihr verursacht hatten. Er wusste, dass sie es niemandem erzählt hatte, weder den anderen Exorzisten noch ihrer Familie –ihre Großmutter hätte einen Aufstand gemacht, der einem Erdbeben gleichkam und so voller blasphemischer Ausdrücke und Sätze war, dass es für eine Flutwelle gereicht hätte. Und sie hätte schärfstens über jedes Wort gewacht, das ihre Enkelin sprach, noch schärfer, als sie es ohnehin tat.

Früher oder später würden auch die anderen es herausfinden, aber fürs Erste war er der einzige, der davon wusste; und wahrscheinlich auch derjenige, auf dessen Meinung sie diesbezüglich den größten Wert legte. Auch, wenn es nichts gab, das er kritisieren konnte. Sie hatte es sich nicht ausgesucht, weder das Mal, noch die Wundnarbe oder die Verfärbung durch das Innocence, und es war auch nichts Abstoßendes daran –es gehörte jetzt zu ihr, genauso wie das Lächeln, mit dem sie ihm immer den Kopf verdrehte, ihr Beschützerinstinkt und Märtyrerkomplex, die Art, wie sie es verstand, Leute zu führen, und ihr aufbrausendes Temperament. In dem letzten Punkt war er ja auch nicht anders.

Noch einmal zog er sie näher zu sich, bis sie sich schließlich auf die Bettkante knien musste und auf seinen Beinen saß. Unsicher sah sie ihn an, bevor sie den Blick senkte; dann atmete sie plötzlich erschrocken ein, als er seine Hand nach oben gleiten ließ und zwischen ihren Brüsten entlang strich, bis hinauf zu ihrem Hals. Er legte die Hand in ihren Nacken und zwang sie so, ihn anzusehen. „Als du mit Anna trainiert hast, und danach in den Speisesaal kamst, musste ich mich schon sehr zusammenreißen", gab er unumwunden zu. „Aber jetzt brauche ich noch mehr Selbstbeherrschung, um nicht über dich herzufallen", spielte er auf ihren entblößten Oberkörper an.

Jinai wurde rot, aber sie hatte den Wink verstanden. Es macht ihm nichts aus; mit diesem Gedanken fiel ihr ein riesiger Stein vom Herzen. Sie musste lächeln und sah etwas in seinen Augen flackern; offenbar war es mit seiner Selbstbeherrschung nicht weit her. Was ihr nur recht war. Seine Hand noch immer in ihrem Nacken, legte sie ihrerseits ihre freie Hand auf seinen Nacken und küsste ihn. Die letzten beiden Küsse waren von ihm ausgegangen und sie wollte auch einmal den ersten Schritt machen; sie wollte Erinnerungen mit ihm, so viele, dass in ihrem Gedächtnis kein Platz mehr war für den allerersten, erzwungenen Kuss, den sie so gerne vergessen wollte.

Der Japaner erwiderte den Kuss mit der gleichen Leidenschaft, mit der sie ihn begonnen hatte; mit seinen Händen strich er über ihren nackten Oberkörper, streichelte ihren Rücken, ihre Arme, ihren Bauch, ihre Brust, und sorgte so dafür, dass sie noch näher rückte, sich in seine Berührung lehnte. Er musste sein Tun nur kurz unterbrechen, damit sie ihm sein Hemd ausziehen konnte und ihrerseits seinen Oberkörper erkundete. Als könnte sie sie durch ihre geschlossenen Augenlider hindurch sehen, fuhr sie die Tätowierung auf seiner Schulter nach.

Kanda löste seine Lippen von ihren und wanderte ihren Hals hinunter, was ihren Atem noch einmal beschleunigte; er musste sich merken, dass ihr Hals anscheinend sehr empfindlich war. Natürlich hielt ihn das nicht davon ab, ihn ausgiebig zu erforschen und seine Berührungen anhand ihrer Reaktion zu bewerten. Schon nach wenigen Minuten fing Jinai an, unruhig zu werden und auf seinem Schoß hin und her zu rutschen; damit hatte er sich quasi ein Eigentor geschossen. Um sie daran zu hindern, die Sache weiter unnötig zu beschleunigen, legte er beide Arme um ihre Mitte und hielt sie ruhig, bevor er aufsah.

Das hätte er nicht tun dürfen. Noch mehr als ihre Ungeduld erregte ihn der Anblick ihres Gesichts; der geschwollenen Lippen, der geröteten Wangen, der verhangenen Augen. Ihre eigene Begierde verschleierte ihren Blick; nur einen Moment glaubte er zu sehen, wie sich ihr Blick klärte und Furcht in ihren Augen aufflackerte, als er in einer unbewussten Reaktion den Griff um ihren Körper verstärkte und ihren Schoß dadurch fester an seinen presste. Doch der Eindruck war so schnell verschwunden, wie er gekommen war, sodass er zu dem Schluss kam, dass er sich ihn nur eingebildet hatte. Er hatte nur ein einziges Mal gesehen, dass sie Angst offen gezeigt hatte, und das war in dem Moment gewesen, in dem sie um sein und Lavis Leben fürchten musste, als sie Ceathan gegenüber gestanden hatten. Das war auch der Moment gewesen, in dem er die größte Angst um sie gehabt hatte; genauso wie er war sie immer beherrscht und zeigte nicht, wie sie dachte und fühlte.

Das zeigte sie nur ihm.

Wohl eine volle Minute lang sahen sie sich einfach nur an, die Stille des Raumes nur durch ihr stoßweises, abgehacktes Atmen unterbrochen, bevor Kanda langsam seinen Griff löste und sich mit ihr zur Seite drehte, um sie aufs Bett zu legen; ruhig ließ sie ihn gewähren und beobachtete jede seiner Bewegungen, als er zuerst sie, dann sich selbst von den restlichen Kleidungsstücken befreite.

Ihre Augen weiteten sich kurz, als sie schließlich zu Gesicht bekam, was sie vor Monaten einmal nur vor ihrem geistigen Auge gesehen hatte; der Teil ihres Bewusstseins, der nicht mit Starren beschäftigt war, erwartete schon halb, dass die sarkastische, rechthaberische Stimme ihres Unterbewusstseins sich melden und sie damit aufziehen würde, dass sie jetzt tatsächlich sämtliche Worte verloren hatte, wie sie es ihr prophezeit hatte, aber das Erwartete blieb aus. Anscheinend verbrachte ihr Unterbewusstsein die kostbaren Sekunden, in denen es sie nerven konnte, damit, jede Einzelheit des Gesehenen zu studieren, zu dokumentieren und fest in ihr Gedächtnis einzugraben, damit sie es ja nie wieder vergesse. Nie war sie ihm so dankbar gewesen wie in diesem Augenblick.

Als hätte ihnen ein Zauber die Stimmen gestohlen, lagen sie stumm zusammen auf dem schmalen Bett, damit beschäftigt, lautlos zu erkunden, wovon sie wahrscheinlich schon seit ihrer ersten Begegnung träumten. Kein Wort fiel, kein Laut erklang, auch nicht, als der scharfe Schmerz Jinai dazu brachte, ihre Fingernägel in seine Schultern zu bohren; ohne Worte beruhigte Kanda sie und brachte sie dazu, sich zu entspannen. Keiner von beiden wagte es, auch nur mit einem Wort den Mantel der Stille zu durchbrechen, der sich über sie gesenkt hatte; als sie gemeinsam den Höhepunkt erreichten, küssten sie sich erneut, bevor Kanda sich vorsichtig aus ihr zurückzog und die Decke über sie beide ausbreitete.

Die Angst vor dem Morgen hielt sie wach; bis in die frühen Morgenstunden hinein fanden sie keinen Schlaf, aus Angst vor dem Verrinnen der Zeit. Jede Berührung, jeder Kuss, jede zärtliche Liebkosung sollte die Realität von ihnen fernhalten und ihre eigene, kleine Welt aufrechterhalten, in der die Zeit stillstand und sie einfach nur zusammen sein konnten. Es gab keine Verpflichtungen, keine Exorzisten, keine Akuma oder Noah, nur das Geräusch ihres Atems, das Gefühl von nackter Haut an nackter Haut und das Gesicht des anderen.


Raffael: Wo du so viel Schmalz her hast...

Jinai: Du bist sowas von unromantisch.

Raffael: Besser zu wenig als zu viel.

Jinai: Ob das zu viel oder zu wenig war, überlass mal den Lesern, die können das besser beurteilen als du. Eigentlich könnte das sogar ein blinder Karpfen besser beurteilen als du.

Raffael: Was kein Kompliment an die Leser ist.

Jinai: Ich gebe es auf! Hiermit ist es offiziell: Ich habe bei seiner Erziehung auf ganzer Linie versagt! Los, steinigt mich! - bekommt Stein an den Kopf- HEY! DU darfst nicht mitmachen! -auf Raffael stürz-

... Und weil das jetzt SCHON WIEDER ausgeartet ist, beendet sich das Kapitel wieder selbst. Es freut sich schon darauf, wenn der Platz neben ihm bald gefüllt wird. Punkt.