Raffael: Da geht deine Zuverlässigkeit hin.

Jinai: EIN Tag, ich bitte dich.

Raffael: Ja ja, so fängt es an. Ein Tag ... zwei Tage ... und ehe du dich versiehst, ist wieder ein Monat rum.

Jinai: Ein Monat Rum? Klingt verlockend.

Raffael: Du verstehst mich absichtlich falsch!

Jinai: Aber natürlich.

sternenhagel: Ha, über das Lied hab ich mich köstlich amüsiert :D Besonders über die Stelle 'Acht Männer verhauen und fünf Kinder gezeugt' :D Und meine Charas müssen ganz schön was aushalten, stimmt schon ... andererseits: Je tiefer die Tiefs, desto höher die Hochs? Oder so ähnlich. Ooooh, ich krieg Apfelkuchen? Welche Ehre *-*

Psychomantium: So kreativ, wie du mir das zutraust, bin ich nicht :D Und so viele Leute gleichzeitig an einem Ort zu versammeln, ist nicht leicht, glaub mir. Da musst du schön den Überblick behalten - und ich verzettel mich jetzt schon ständig, vergess jemanden oder schreib Lavi ständig nach Edo anstatt in die Arche ... Danke für das schöne Kompliment *-* Ich warte brav auf deine story. Hat schon wieder Motivation an deine Tür geklingelt? Wenn nicht, würde ich mir an deiner Stelle Amazon anschauen, da krieg ich immer meine Geduld her ;P

Rated: T

Disclaimer: Alles gehört Katsura Hoshino und sie verdient als einzige Geld damit, was gut so ist, sonst würde sie nicht weitermachen, und das wäre sehr sehr schade.


17. Der Weg der Arche

Sie landeten vergleichsweise weich.

Zu verblüfft, um argwöhnisch zu sein, sahen die Exorzisten sich um und erkannten, wo sie gelandet waren.

„Ihr seid sicher, dass die Akuma weg sind?", erklang die Stimme von Noise Mari und der Exorzist hielt Jinai trotz seiner Blindheit die Hand hin, um ihr aufzuhelfen. Hinter ihm standen die beiden Matrosen, wie die Exorzistin bemerkte, als sie sich aufhelfen ließ, und Miranda kniete ein Stück weiter weg auf der einen Seite von einer auf dem Boden liegenden Gestalt. Da Anna auf der anderen Seite dieser Person saß und Tiedoll gerade Marie auf die Beine half, war nicht schwer zu erraten, wer die liegende Person war.

Sie waren im Inneren einer weißen Kuppel, die sich über ihnen spannte, als hätte sie sich nie unter ihren Füßen geöffnet. Die Decke und Wände sahen aus, als wären sie aus weißen Bäumen gewachsen und hätten sich dann bogenförmig über sie gebogen; die Baumkronen bildeten den Abschluss des Gebildes am einen Ende. Auch der Boden schien aus weißem Holz gewachsen, aber das Holz war … weich und nachgiebig.

„Ja, wir sind sicher", entgegnete Jinai. „Was ist das hier?"

„Embracing Garden", antwortete Tiedoll an Maris Stelle. „Ich kann es aber nicht sehr lange aufrecht erhalten. Wir müssen wirklich hundertprozentig sicher sein, dass die Akuma weg sind, sonst werde ich es nicht rückgängig machen. Die Gefahr ist zu groß."

„Beenden Sie es", verlangte Jinai. „Jedes Akuma, das noch am Leben sein könnte, hätte uns schon längst angegriffen, als wir hierher kamen. Beenden Sie es."

Der Marschall sah sie einen Moment prüfend an, als versuche er herauszufinden, ob ihrem Urteil zu trauen sei, dann nickte er.

Schließlich konnten sie den Himmel über sich wieder sehen, als das Innocence von Froi Tiedoll wieder in seine ursprüngliche Form zurückkehrte. Die weißen Bäume, die sie wie eine Muschel eingeschlossen und beschützt hatten, zogen sich zurück und verschwanden dann ganz. Übrig blieben nur Sand, Gestein und der leere Himmel.

Fragen wurden laut und füllten die Stille.

„Woher kam das weiße Licht?" „Wieso habt ihr euch versteckt?" „Wohin sind die Akuma verschwunden?" Gleichzeitig stellten Anna, der Bookman und Jinai diese Fragen, sodass sie ineinander verschlungen und unverständlich waren.

Aber niemand schenkte ihnen Beachtung. Es verwirrte die drei Exorzisten einen Moment lang, dann fiel ihnen auf, was die anderen schon längst bemerkt haben mussten, sonst würden sie auf ihre Fragen antworten.

Die Ebene schien heller zu sein als zuvor. Es gab keinen Mond und auch keine andere Lichtquelle am Himmel – das Leuchten schien von Sand und Gestein selbst auszugehen. Es sah fast so aus, als würde der Erdboden zufrieden glühen.

Bevor sie sich allerdings über dieses seltsame Phänomen Gedanken machen konnten, passierte noch mehr als das: Als ob das Verschwinden der Akuma ein Warnzeichen gewesen wäre, tauchte ein weißes Rechteck am nachtschwarzen Himmel auf. Mittlerweile wunderte sich niemand mehr darüber, was das bedeuten könnte, aber keiner von ihnen hatte damit gerechnet, noch einmal eines von diesen Lichtfenstern zu sehen.

Kam der Graf etwa zurück? Um sich ein paar lästiger Exorzisten zu entledigen?

Wie gebannt starrten alle auf die schwindelerregende Abfolge von weißen Rechtecken, die nacheinander am Himmel auftauchten und einen Kreis über ihren Köpfen zogen. Das beruhigende Glühen der Ebene wurde verdrängt von dem unheimlichen Leuchten des Kreises und dem, was darin entstand: weiß und strahlend und erschreckend und zugleich erleichternd vertraut und mit einem Hauch von Unheil behaftet.

Die weiße Arche.

Eine riesige Stadt war hinter den Wänden der aufeiander gesetzten Würfel zu erkennen, eine runde Stadt, die auf Säulen und Bögen stand, wie man sie von römischen Vidaukten kannte, und in deren Stadtmitte sich noch einmal unglaublich hohe Säulen erhoben, die einen weiteren Teil der Stadt trugen. Aufgrund seiner hervorgehobenen Position musste er etwas besonderes sein, aber dafür hatte im Moment niemand auch nur einen Gedanken übrig.

Sieht so aus, als wäre er doch zurück, hm?

Jinai liefen die Tränen über die Wangen. Sie war viel zu erleichtert, um mit ihrem Unterbewusstsein zu streiten. Erst meldete es sich stundenlang nicht – was vielleicht ganz gut war, weil es sie bei den vielen Akuma, die sie töten wollten, nur abgelenkt hätten – dann suchte es sich ausgerechnet diesen Augenblick aus, um einen höchst unpassenden Kommentar abzugeben. Aber es war ihr Unterbewusstsein und damit wusste sie, dass die innere Jinai, die darin hockte, genauso erleichtert und froh über die Rückkehr der Arche war. Auch wenn sich keine von beiden erklären konnte, wie das geschehen hatte können.

Vor Erleichterung wurden ihr die Knie weich und die Beine der Exorzistin gaben unter ihr nach und knickten ein, als ein ähnliches Portal, wie sie es schon einmal gesehen hatte, vor ihrer verblüfften Exorzistengruppe auftauchte. Dann saß sie im Sand, schwarze Sterne funkelten vor ihren Augen, verdrängten das Licht des Portals, schlossen es aus, ließen die Geräusche der Welt um sie herum verstummen, und Jinai dachte nur noch: Ich neige nicht zu Ohnmachten.

Dann war sie vor Erschöpfung zusammengebrochen.

Er war müde.

Ihm ging das Gequatsche der anderen furchtbar auf die Nerven.

Sein Innocence war kaputt und sah sich in grauenerregend naher Zukunft einer schmerzhaften Reparatur gegenüber.

Seine Kleider waren angesengt, zerrissen, durchlöchert und größtenteils nicht mehr zu gebrauchen – höchstens, um daraus einen Beutel für die Splitter seines Schwerts zu machen.

Sein letztes Haarband war gerissen.

Ihm tat die linke Schulter weh, was aber nicht vom Tragen des bewusstlosen Krorys herrührte, sondern von der Tätowierung, die darauf brannte.

Und er fände es sehr nett, wenn die anderen sich endlich dazu entschließen könnten, diesen unseligen Ort zu verlassen.

Allerdings waren die Bohnenstange und der dumme Bookman junior noch immer damit beschäftigt, Marschall Cross niederzuschreien, während Linali mit hochrotem Kopf danebenstand, Krory immer noch bewusstlos war und Chao Zhi ein wenig grün um die Nase aussah.

Es sah nicht so aus, als würden sie bald hier wegkommen.

Ein Vorschlag von Kandas Seite würde nicht viel bringen, darum sagte der Exorzist nichts, sondern saß an der Wand neben der Tür, den Beutel mit seinem zersplitterten Innocence in der Hand, und wartete darauf, dass es nicht mehr so laut war. Er wäre gegen das Geschrei der anderen ohnehin nicht angekommen und so wenig er sich normalerweise darum scherte, ob er irgendjemanden unterbrach, diesmal hielt er sich heraus, saß hier und zählte seine Wehwehchen.

„Wieso sagst du eigentlich nichts dazu?", wandte sich in dem Moment Linali an ihn, als sei ihr jetzt erst aufgefallen, dass er auch im Raum war.

Mit einem Mal lag die ganze Aufmerksamkeit der anderen schlagartig auf ihm, jegliches Gezeter der anderen war verstimmt.

Kanda starrte durch seine langen Stirnfransen hindurch zurück. Wieso fragten sie ihn überhaupt? Die Antwort lag doch klar auf der Hand. „Ich sage, wir verschwinden endlich von hier", entgegnete er kalt.

Und sah, wie sich Verstehen auf ihren Gesichtern ausbreitete. Wie leicht war es für die anderen gewesen, zu vergessen, was draußen auf sie wartete. Ihre Familie. Ihre Freunde. Stattdessen ergingen sie sich hier in unsinnigen Streitereien.

„Zur Abwechlsung hat er mal etwas Vernünftiges gesagt", ließ sich nach einem Moment des Schweigens ausgerechnet die Bohnenstange vernehmen. Kanda quittierte diese Unverschämtheit ausnahmsweise mal nur mit eisigem Schweigen.

„Ach was, er will nur zu Jinai zurück", stichelte Lavi. Als der Japaner aber auch ihn ignorierte, verstummte sogar der Rotschopf. Jemanden zu ärgern, der sich davon nicht provozieren ließ, machte keinen Spaß. Und dass Kanda es nicht abstritt, zeigte deutlich, wie ernst ihm das war, was Lavi nur im Spaß dahergesagt hatte.

Jetzt war ihnen das Streiten vergangen, stellte Kanda mit einem nicht geringen Ma an Zufriedenheit fest. Sie gaben sich alle Mühe, möglichst beschäftigt auszusehen, als ob sie irgendetwas dazu beitragen könnten, dass sie wieder nachhause kamen, aber so viel hatte Kanda schon verstanden: Zurückbringen konnte sie nur die Bohnenstange.

Ausgerechnet. Jedem verdorrten Grashalm hätte Kanda diese Fähigkeit eher zugetraut als dem weißhaarigen, kindischen Exorzisten, aber aus irgendeinem Grund konnte er die Arche steuern. Sah man darüber hinweg, wie wenig er ihn ausstehen konnte, war es ganz praktisch, jemanden auf ihrer Seite zu haben, der das konnte.Über die Frage, ob er dadurch vom Verbündeten zum Feind geworden war, würde Kanda sich jetzt nicht auslassen. Nicht, solange er nicht wieder echte Erde unter den Füßen hatte.

Gib's zu, dass er das kann, fordert dir Respekt ab.

Es macht ihn einem Noah ähnlicher als einem Menschen.

Aber ein Noah kann kein Innocence berühren, oder nicht? Und er ist ein Kompatibler, also kann er kein Noah sein. Das eine schließt das andere aus.

Als Exorzist sollte er aber auch nicht in der Lage sein, etwas zu kontrollieren, das der Graf erschaffen hat.

Dass er ein Exorzist ist, kannst du aber nicht abstreiten, oder?

Nein. Dass er Fähigkeiten hat, die ein Exorzist nicht haben kann, aber auch nicht. Fähigkeiten, die besser zu einem Noah passen als zu einem Exorzisten.

Wie man es drehte und wendete, die Bohnenstange war weder das eine noch das andere. Und gleichzeitig beides. Es war ein beunruhigendes Paradoxon, über das Kanda jetzt nicht näher nachdenken wollte. Wenn man erst im Hauptquartier davon erfuhr, wozu die Bohnenstande fähig war, würde es genug Leute geben, die sich darüber den Kopf zerbrachen, und beizeiten würde man den Exorzisten auch mitteilen, zu welchem Ergebnis man gekommen war. Das würde seine Sorge nicht sein.

Seine Sorgen galten unmittelbaren Dingen. Wie Jinai, deren Anwesenheit hier er verhindert hatte, indem er sie von den verschwindenden Exorzisten weggestoßen hatte und an ihrer Stelle gesprungen war. Er hatte nicht den blassesten Schimmer, was in der Zwischenzeit passiert war, ob die anderen in Sicherheit waren und ob sie wussten, was mit ihnen passiert war, aber jetzt war die Möglichkeit, Gewissheit darüber zu erlangen, zum Greifen nah. Dann würde er sie wiedersehen und sich persönlich davon überzeugen können, dass es ihr gut ging.

Sich Sorgen um jemanden zu machen, der einem wichtig war, war Kanda nicht neu; davon hatte er in den vergangenen Monaten mehr als genug gehabt. Aber erst einmal war es eine wirklich lebensbedrohliche Situation gewesen, von der er geglaubt hatte, dass sie sie nicht beide lebend überstehen würden, und nachdem er diese Erfahrung erst einmal gemacht hatte, konnte er sich nur zu deutlich daran erinnern, wie sich das angefühlt hatte. Ein bitterer Geschmack auf seiner Zunge begleitete diese allzu lebhafte Erinnerung und ungeduldig schlossen sich die Finger des Exorzisten fester um den Stoffbeutel in seiner Hand. Wieso dauerte das so lange?

„Offen", tönte die Stimme der Bohnenstange durch den Raum.

Kanda blickte auf. Einen Finger auf eine Taste des Klaviers gelegt – nicht zum ersten Mal fiel dem Japaner auf, dass die schwarzen Tasten dieses Klaviers weiß und die weißen Tasten schwarz waren – sah der weißhaarige Exorzist zu einer Seite des Raumes hinüber, wo just in diesem Moment eine Tür erschien. Als Lavi sie öffnete, führte sie aber nur nach draußen auf die Straße. Eine, die Kanda deutlich erkannte, nachdem sie vorhin durch die ganze Stadt gewandert waren, auf der Suche nach einem Ausgang. Nachdem der Bohnenstange jetzt offenbar aufgegangen war, dass er sie mithilfe dieses Klaviers hier rausbringen konnte, fehlte ihm offenbar nur noch das, was man Übung nannte.

Entnervt ließ Kanda den Kopf wieder sinken, als Lavi die Tür schloss, woraufhin diese verschwand, und moyashi etwas über die Definition von 'draußen' faselte und wie sich 'raus aus diesem Raum' wohl von 'raus aus der Arche' unterschied.

„Versuch es doch einmal mit Edo", half ihm Linali weiter, für die das sprachliche Dilemma des Exorzisten also offenbar war, wo Kanda nicht verstand, wo das Problem lag.

Jetzt mischte sich auch Cross ein und es entsponn sich wieder eine angeregte Diskussion darüber, woher Cross wusste, wie die Arche zu bedienen war. Genau das gleiche hatten sie doch vorhin auch schon gehabt, als es darum ging, wie sie die Arche aus dem leeren Raum zwischen den Dimensionen nach Edo zurückbrachten. Derjenige mit dem Fachwissen war eindeutig Cross, aber der einzige, der damit die Arche auch wirklich bedienen konnte, war die Bohnenstange und nicht ihr Meister. Kanda sollte es recht sein, solange er von dieser verdammten Arche herunterkam.

Wieder öffnete sich eine Tür und als Lavi diesmal die Tür öffnete, war keine Straße zu sehen. Nur Licht füllte diese Tür und die Exorzisten tauschten einen beunruhigten Blick. Also eigentlich alle bis auf Kanda, der diesen Moment nutzte, um aufzustehen und dabei niemanden anzusehen.

Und weil es Lavi gewesen war, der die Tür geöffnet hatte, war es auch Lavi, der als erstes hindurchschritt. Er verschwand in der Wand aus weißem Licht, aber sie glaubten, seine Stimme zu hören, und während sich die anderen vor der Tür versammelten und warteten, ob er zurückkam, formte sich in ihnen langsam die Erkenntnis, dass es ungefährlich wäre. Einer nach dem anderen folgten sie ihm und fanden sich in einer wüstenähnlichen Ebene wieder, geformt aus weißem Sand und schwarzen Trümmern, die von dem weißen Portal beschienen wurden.

Und dort standen die anderen Exorzisten, noch entfernt von Lavi, als würden sie ihren Augen nicht trauen. Vielleicht glaubten sie, dass sie sich nur einbildeten, dass sie wieder da waren.

„Hey, Yuu-chan, was ist denn mit dir los? Du siehst ja aus, als hätte dich der Schlag getro-"

Lavi kam nicht mehr dazu, den Satz zu vollenden, denn Kanda war mittendrin einfach losgestürmt, in einem Wirbel aus langen Haaren und langen Gliedern, und hatte ihn an Tor der Arche stehen lassen. Verwundert darüber, dass er für den Namen nicht eine auf den Deckel bekommen hatte, sah er dem Japaner hinterher, wie er auf die Gruppe um Tiedoll zuhastete. Dann sah er, was den Exorzisten so erschreckt hatte.

„Imouto!"

Zwischen den Exorzisten lag eine Gestalt mit dunklen Haaren und unnatürlich blassem Gesicht, der einer der Matrosen gerade seinen braunen, ausgefransten Mantel als Kissen unter den Kopf schob. Lavi hätte sich denken können, dass Kanda sie gleich erkennen würde, dass er nach ihrem Gesicht Ausschau halten würde, aber nachdem er ihn seit Jahren kannte, war es immer noch ungewohnt, den Japaner bei einem derartigen Gefühlsausbruch zu erleben. Er ignorierte den Rest der Anwesenden komplett, einschließlich Mari und seinen eigenen Marschall, fiel neben der leblosen Gestalt auf die Knie und schob den Mann, dem sie das Kissen verdankte, mit einer herrischen Geste beiseite.

Lavi allerdings duldete er, als dieser sich neben ihm im Sand niederließ. Die beiden hatten gewusst, dass es nicht der Rettung durch Allen zu verdanken war, dass sie nun mit heiler Haut aus der Arche gekommen waren. Die Wunden hatte Miranda geheilt, als ihr Innocence wieder zu ihnen durchgedrungen war, also wieso funktionierte es jetzt nicht bei Jinai?

Lavis Blick wanderte einen Moment lang umher und registrierte einen weiteren Bewusstlosen im Sand, der mit Jinais Exorzistenmantel zugedeckt war. Sie war also nicht die einzige, die das Bewusstsein verloren hatte, aber wieso gerade sie und Jeremy?

Miranda traute sich nicht, Kanda anzusprechen, also wandte sie sich an Lavi: „Es muss die Erschöpfung sein. Sie hat hart gekämpft."

Kandas Blick, als er endlich aufsah, sprach Bände. Das haben die anderen auch. Wieso waren dann nicht alle Exorzisten, die in Edo verblieben waren, bewusstlos? Sicher hatten doch alle gekämpft.

Dann, als hätte Mirandas Recovery nur mit ein wenig Zeitverzögerung gewirkt, schlug Jinai die Augen auf, sah Kana neben sich und fiel ihm um den Hals, ehe der Exorzist Zeit hatte zu reagieren. Sie hielt sich an ihm fest, zuerst vor lauter Erleichterung, dann, weil er ihr Halt geben musste, weil ihr schwindlig war, nachdem sie sich zu rasch aufgesetzt hatte. Sie hatte ein seltsam taubes Gefühl in beiden Ohren, als wären sie so voller Blut, das durch ihre Ohren pulsierte und das sie trotzdem nicht spürte. Und sie hörte nicht, was Lavi dann sagte, also schüttelte sie nur verständnislos den Kopf.

Das kommt davon, wenn du dich zu schnellt aufsetzt, schalt ihr Unterbewusstsein.

Was, dass ich jetzt taub bin? Wie soll denn das gehen?

Ach, das ist doch nur vorübergehend, wiegelte ihr Unterbewusstsein ab.

Es stimmte, noch während Lavi sich aufgeregt mit Miranda unterhielt und dabei seine Ohren zuhielt – was darauf schließen ließ, das es um ihre plötzliche Taubheit ging – begann sie ihre Ohren langsam wieder zu spüren und der Ton kehrte graduell zurück. „Mir geht es gut", unterbrach Jinai die beiden. „Ich kann euch wieder hören. Es lag nicht an Miranda."

Da Lavi zumindest in diesem Moment genug Taktgefühl besaß, um zu bemerken, wann sie störten, zog er sich mit Miranda unauffällig ein Stück zurück und tat so, als würde er den noch nicht wieder aufgewachten Jeremy in Augenschein nehmen.

Die beiden Exorzisten sahen sich einen Moment lang an, dann holte Jinai aus und verpasste Kanda einen Faustschlag gegen den Oberarm. „Lass mich noch einmal zurück", sagte sie warnend, „und du bekommst schlimmeres an den Kopf als Dosengemüse!"

„Stürz noch einmal so blindlings drauf los und die Zahl deiner unfreiwilligen Ohnmachten wird sprunghaft ansteigen", konterte er im gleichen Tonfall.

Zuerst presste Jinai stur die Lippen aufeinander und sah aus, als wolle sie etwas sehr Bissiges erwidern, dann löste sich der verbissene Ausdruck auf ihrem Gesicht und sie zog die Unterlippe zwischen die Zähne. Es war diese Geste, bei der sich ein Knoten in Kandas Magengegend löste, den er bis zu diesem Moment nicht bemerkt hatte. Ihm fiel auf einmal auf, das ein drückender Schmerz, der nicht sein sollte, jetzt fehlte. Die unbewusste Reaktion der Exorzistin war so etwas wie das stumme Zeichen, das alles in Ordnung war. Dazu musste er nicht das Lächeln sehen, das jetzt versuchte, ihre Mundwinkel zu erobern. Schwach, aber vor jemandem wie Kanda, der seine eigenen Gesichtszüge fast perfekt unter Kontrolle hatte, nicht zu übersehen.

Das war nicht der Moment, um in aller Ruhe über das Geschehene zu sprechen. Sie waren weder allein noch körperlich dazu in der Lage, denn auch wenn ihre Wunden nicht schmerzten, war das nur Mirandas Innocence zu verdanken. Und die Exorzistin würde das Recovery nicht mehr lange aufrecht erhalten können. Ihr war anzusehen, dass es an ihr zehrte, und das schon seit Stunden. Seit dem Erreichen von Edo hatte sie mehr Wunden heilen und mehr Zeit zurückdrehen müssen und mehr Exorzisten mit ihrem Innocence verbinden müssen als je zuvor. Sie hielt sich tapfer, doch keiner von ihnen wollte ihre Gabe ausnutzen, nicht einmal Kanda.

„Kannst du aufstehen?", fragte er Jinai. Der Blick, den sie ihm für diese Frage schenkte, zeigte deutlich, dass sie das für selbstverständlich hielt, aber er dachte dabei eher daran, dass sie trotz Mirandas Innocence ohnmächtig geworden war. Und der zweite, der das getan hatte, war noch nicht einmal wieder aus seiner Ohnmacht erwacht. Der Japaner machte sich Sorgen.

Jinai schaffte es allerdings alleine auf die Füße. Von der Schwäche, die ihr die Füße weggezogen hatte, war nichts mehr zu sehen, was ein weiteres Mal Mirandas Innocence zu verdanken war. Und dem natürlichen Drang der ehemaligen Königin, sich Schwäche nicht anmerken zu lassen. Als sie aufstand, erhob sich auch Kanda, und Allen fing den Blick von Jinai auf, den diese ihm hiner dem Rücken des Japaners zuwarf. Er war voller Fragen, auf die er noch früh genug antworten musste. Fürs erste musste Jinai sich mit einem Nicken zufrieden geben und damit, dass er die anderen durch das Portal in die Arche brachte.

Auch Linali und Lavi wurden mit einem ähnlichen Blick bedacht. Jinai wollte wissen, was in der Arche vorgefallen und ob mit ihnen alles in Ordnung war. Beide schenkten ihr ein Lächeln, das beruhigend wirken sollte, aber eher einen müden und abgekämpften Eindruck machte. Die Arche musste ein genaus gefährlicher Ort wie dieses Schlachtfeld der Akuma sein und Jinai zögerte einen Moment, als sie Kanda zu dem Portal folgen sollte, das sie allem Anschein nach genau an diesen gefährlichen Ort bringen sollte.

„Chao Zhi sagt, dort gibt es keine Akuma", sagte Kie, der plötzlich wie aus dem Boden gewachsen neben ihr stand. Sie hatte ihn nicht kommen hören. Beunruhigend. Ein Zeichen ihrer Schwäche und Müdigkeit oder offenbarte der Chinese plötzlich ungeahnte Talente? Nicht nur die Fähigkeit, sich lautlos anzuschleichen, sondern auch aus ihrem Gesicht ablesen zu können, woran sie dachte?

„Und Noah?", fragte Jinai in nüchternem Tonfall nach.

„Nicht mehr", antwortete Kie mit einem verschmitzten Lächeln. Unwillkürlich entlockte ihr das eine ähnliche Reaktion, woraufhin der Matrose plötzlich das Gesicht abwandte und vorausging. Ein wenig irritiert von seiner seltsamen Wandlung von einer Sekunde auf die andere folgte Jinai ihm und sah, dass Kanda nicht durch das Portal gegangen war. Er war stehen geblieben und hatte sie beobachtet. Sein Blick ruhte jetzt auf Kie, während dieser an ihm vorbeiging, ohne ihn seinerseits anzusehen, und erst, als der Chinese durch das Portal zur Arche geschritten war, sah Kanda zu ihr zurück.

Sie stand ganz alleine in der weiten Ebene. Nicht eine Spur war von ihnen geblieben, nicht der Fetzen eines Umhangs, vermutlich nicht einmal ein einziger Blutstropfen. Die Schuhabdrücke ihrer Stiefel würden bald vom Wind verweht werden. Dabei war das hier gestern noch eine große Stadt voller Leben gewesen, in deren Straßen sich die Menschen tummelten und … Nein. Es war eine Stadt der Akuma gewesen. Alles, was hier gelebt hatte, war längst tot gewesen. Und jetzt waren auch die Spuren der Toten getilgt. Dass die Akuma, die diese schwarze Energiewelle des Grafen vielleicht nicht überlebt hatten, nicht erlöst worden waren, war dem Millenium-Grafen wahrscheinlich völlig egal gewesen. Sie waren nur seine Bauern in diesem Spiel und er hatte ganze Heerscharen davon. Was kümmerten ihn da ein paar mehr oder weniger?

„Kommst du?"

Kandas Stimme riss sie aus ihren Gedanken. Es musste doch die Müdigkeit sein, der es Kie verdankt hatte, dass er sich ihr unbemerkt nähern konnte. Jetzt stand sie schon sinn- und nutzlos in der Gegend herum und dachte über Dinge nach, die diese Zeit und Mühe nicht wert waren, anstatt endlich den anderen zu folgen, die wahrscheinlich alle nur noch auf sie warteten.

Gedankenverloren nickte Jinai und kam auf Kanda zu, ging mit ihm gemeinsam durch das Portal, das sich ein paar Sekunden, nachdem sie darin verschwunden waren, auflöste. Abgelenkt, wie sie war, hatte sie nicht den nachdenklichen Blick bemerkt, mit dem der Japaner sie gemustert hatte.

Zurück blieb nur die Stille, als die Arche aus dem Himmel über der ehemaligen Hauptstadt Edo verschwand, leise und ohne auch nur ein Sandkorn aufzuwirbeln. Ein schwacher, kaum merklicher Wind strich sanft über den Sand, der immer noch warm strahlte, schichtete ihn zu Dünen auf und schob ihn vor sich her. Die Dünen wanderten über die Ebene, glätteten die Bruchstellen des schwarzen Steins, der einmal der vom Grafen geschaffene Boden war, und mit der Zeit wurden die Steine zu Findlingen, die keine Ähnlichkeit mit ihrer ursprünglichen Form mehr hatten. Langsam, sehr langsam breitete sich der leuchtende Sand weiter aus, zog über vereinzelte Landstriche Japans in der näheren Umgebung und legte sich auf Boden, Bäume und Wände. Lange, lange Zeit war es sehr still in der Gegend um Edo, das nun endgültig zur Geisterstadt geworden war und in dem nun weder Menschen noch Akuma lebten. Und die Stadt war zur Wüste geworden und ging, immer noch mit der gleichen Leuchtkraft der ersten Nacht, auf Wanderschaft.

Irgendwann durchbrach der gequälte Schrei eines Akumas die Stille der Geisterwüste.


Raffael: NOCH ein Cliffhanger.

Jinai: Ach was. Wir wissen doch, was jetzt passiert.

Raffael: Und was soll das mit dem Swoosh-Swoosh-Verteile-dich-über-das-Land-Sand und dem schreienden Akuma? Ein Versuch, ein wenig Suspense reinzubringen?

Jinai: Das geht dich gar nichts an.

Raffael: Ich bin DU!

Jinai: Bist du nicht, du bist NERVIG.

Raffael: Man muss eine Mervensäge sein, um eine zu erkennen.

Jinai: Bist du wohl still!

Raffael: Und was, wenn nicht? *zunge zeig*

Es ist wieder einmal soweit: Sie prügeln sich. Das Kapitel beendet sich selbst und hofft, dass die Leser ihm wohlwollend gegenüberstehen und vielleicht einen kleinen review hinterlassen. Auf Wiedersehen, bis zum nächsten Mal. Punkt.