Raffael: Von deiner Zuverlässigkeit ist inzwischen nichts mehr zu sehen.
Jinai: Ja, und einkaufen war ich auch nicht.
Raffael: Verdammt.
sternenhagel: Also, ein Kapitel Pause wird es wohl nicht. Sooo gemein bin ich auch wieder nicht zu meinen Charas. Und da wäre immer noch die *hust*künstlerische Freiheit*hust* die ich mir nehmen darf :D Mach dir ruhig weiter um Jeremy Sorgen, der braucht das im Moment. Viele, viele Leute, die lieb an ihn denken. Aber in einer Sache kann ich dich beruhigen: Er wird kein Gefallener. Dafür hab ich ihn viel zu lieb. Kanda ist doch nicht eifersüchtig, nooooiiin. Und im Himalaya gibts keinen Schnee xP Die Tomaten nehm ich, aber Mozzarella ist nicht so meins. Machen wir halbe-halbe?
Psychomantium: Nein, ich kenne das Character Book nicht, ich habe nur davon gehört und mein Postfach wartet jetzt darauf, dass du es mit Fakten fütterst :D Solche bösen Ablenkungen kenn ich, die springen mir auch immer ins Gesicht *ähem* Sudokus und Bücher und aufräumen und ich könnte doch mal wieder ausmalen ... In den Ferien fährt meine Krea Achterbahn und meine Konzentration sucht im Keller nach verborgenen Schätzen. Ich weiß nicht, was sie dort unten zu finden hofft, aber es wird wohl das Niveau sein xD Fragen gibts in diesem Chap leider nicht, zumindest werden sie nicht Kanda gestellt. Das musst du mir verzeihen, aber meine armen Leutchen - und erst die von Hoshino-sensei - die müssen jetzt erst mal rasten. Quäl mich nicht mit 'Kanda könnte noch leben'. Ich hatte mich damit abgefunden. Er war für mich tot. Und jetzt, nur weil du das gesagt hast, hab ich alle Chaps vom Beginn seiner Erinnerungen an Alma nochmal gelesen, um einen Hinweis zu finden, dass er vielleicht noch lebt, und jetzt bin ich mir ganz und gar nicht mehr sicher und die Unsicherheit bringt mich halb uuuuum. Gnah. *Hirn und Raffael mit deinen beruhigenden Keksen fütter*
Rated: T
Disclaimer: Es geht an alles an Katsura Hoshino - Idee, Umsetzung, Rechte, Geld.
18. Krankgeschrieben
Das Innere der Arche behagte Jinai nicht. Es war eine freundliche, mediterran anmutende Stadt mit weißen Häusern und einem ebenen Straßenpflaster, aber es war von der Hand des Grafen erschaffen. Was so schön und so feindselig gleichzeitig war, dem konnte sie nicht trauen. Während der kurzen Zeit, die sie hier verbringen musste, die Allen brauchte, um sie an einen anderen Ort zu bringen – warum das ausgerechnet Allen tun musste, hatte ihr auch niemand erklärt – hatte sie sich weder auf das gemütliche Sofa gesetzt, das in dem Raum mit dem Klavier stand und zum Teil von den beiden Bewusstlosen eingenommen wurde, noch sonst mehr getan, als äußerlich ruhig dazustehen und zu warten.
Sie hatte die ganze Zeit das Gefühl, dass die Arche nicht so leer war, wie die anderen es glaubten. Als ob irgendetwas oder irgendjemand die Exorzisten beobachten und jeden ihrer Schritte verfolgen würde. Natürlich leuchtete ihr ein, dass das die schnellste Art wäre, sie alle zurück zu bringen, ins Hauptquartier, wo sie medizinisch versorgt werden und ausruhen konnten. Aber es war eine Technologie, die sie da verwendeten, von der sie sich nicht sicher sein konnten, ob sie ihr vertrauen durften. Jinai war zu Recht beunruhigt, wie sie fand, und hielt sich ein wenig abseits der Gruppe von Exorzisten, die sich um Allen und das Klavier versammelt hatten, mit dem er sie offenbar von Japan zurück nach Europa bringen sollte. Aufmerksam sah sich die Exorzistin um, die Arme um sich selbst geschlungen, und wartete auf … Ja, worauf eigentlich? Darauf, dass die Wand sich auftat und der Graf auf einmal mitten unter ihnen stand? Darauf, dass Allen befand, es wäre alles nur ein Trick der Noah gewesen und sie würden nun zwischen den Dimensionen festsitzen und sich weder vor noch zurück bewegen können? Darauf, dass sie von denselben Noah angegriffen wurden, die diese Arche bis vor kurzem ihr Eigentum genannt hatten?
Hirngespinste, erklärte Jinai sich selbst. Aber sie konnte sich des Gefühls einfach nicht erwehren, dass sie nicht alleine waren. Cross hatte sich zumindest dazu herabgelassen, zu erklären, dass sie verhindert hätten, dass diese Arche von der neuen zerstört worden wäre, indem sie das Herzstück bewahrt hätten. Damit wäre ein Teil der neuen Arche nicht zu gebrauchen.
Und das würden die Noah einfach so hinnehmen?
Nie im Leben, entschied Jinai. Das war es, was diesen kalten Zug in ihrem Nacken verursachte, der sie warnen wollte. Die Noah würden einen Weg finden, sich zu rächen oder ihnen sogar die Arche wegzunehmen, die die Exorzisten praktisch erbeutet hatten, und ihr Instinkt warnte sie genau davor. Die anderen waren viel zu leichtsinnig und vergaßen, wo sie sich befanden, sogar Kanda.
Jinai, die sich einmal um ihre eigene Achse gedreht und den Raum von der Decke bis zum Boden inspiziert hatte, sah wieder zu der Exorzistengruppe. Oder vielmehr dorthin, wo eine Exorzistengruppe gewesen war.
Der Raum war leer.
Kein Kanda. Kein Lavi. Keine Linali. Kein Allen, keine Miranda, niemand von Froi Tiedolls Gruppe, nicht einmal der Marschall selbst, auch Cross und die Matrosen, sogar die beiden bewusstlosen Exorzisten waren verschwunden. Jinai war komplett allein.
Was sie befürchtet hatte, war eingetreten. Aber wie hatten die Noah es geschafft, alle außer Gefecht zu setzen und wegzubringen, ohne dass sie es bemerkt hatte? Jinai starrte die Möbel anklagend an, aber diese brachten kein Wort der Verteidigung hervor. Niemand da, der ihr sagen konnte, wo ihre Freunde waren oder was mit ihnen passiert war.
Fast niemand.
Jinai spürte die Anwesenheit einer anderen Person jetzt noch stärker als zuvor. Wer auch immer sich hier verborgen hatte, war nun in Erscheinung getreten. Sie wusste schon, wer es war, bevor sie sich umdrehte, um dieser Person von Angesicht zu Angesicht gegenüber zu stehen.
Und dann stellte sie fest, dass sie sich geirrt hatte.
Ein kleines Mädchen, noch nicht einmal alt genug, um einen nennenswerten Ansatz von weiblicher Reife zu zeigen, stand ihr gegenüber. Es trug ein ausgefallen buntes Kleid mit einem weit ausgestellten, gerüschten Rock, der gerade bis zu den Knien reichte. Sie hätte harmlos ausgesehen, selbst in dieser Situation, wenn da nicht die graue Haut und die Male auf ihrer Stirn gewesen wären, die sie eindeutig als Noah kennzeichneten.
Jinai kannte sie nicht, doch sie hatte das ungute Gefühl, dass das Lächeln auf den Lippen ihres kleineren Gegenübers bedeutete, dass sie dem Mädchen sehr wohl bekannt war. „Wo sind meine Freunde?", fragte sie trotzdem oder vielleicht gerade deswegen. Solange sie nicht angegriffen wurde, schien es sicher, Fragen zu stellen. Noah spielten gerne mit ihrer Beute, soweit Jinai aus ihren eigenen Erfahrungen wusste.
„Was glaubst du?", antwortete das Mädchen unerwartet sanft.
„Sie sind tot."
„Dann wird es wohl so sein."
„Und ich?"
„Du bist nicht tot."
Das hatte sie auch so gewusst. „Werde ich es bald sein?"
„Ja."
„Wirst du mich töten?"
„Das weiß ich nicht."
Das überraschte Jinai nun allerdings. Sie hätte gedacht, dass es der Noah ein besonderes Vergnügen bereiten würde, erst ein wenig mit ihr zu spielen und sie dann zu töten, aber wie es aussah, war die Noah in dieser Sache auch nicht schlauer als sie selbst. Oder …
„Bist du alleine hier?" Ließ sie das Ratespiel eben noch ein wenig weiterlaufen, spielte ein wenig auf Zeit. Was machte das schon. Wann bekam man schon einmal die Gelegenheit, solch ein Gespräch mit einem Noah zu führen?
Die Noah verzog keine Miene. „Das weiß ich nicht", antwortete sie wieder kryptisch. „Aber wenn ich dir nicht sagen kann, ob ich es sein werde, die dich tötet, wirst du dir diese Frage wahrscheinlich selbst beantworten können, nicht wahr?"
So weit war Jinai auch schon gewesen. Das Gespräch war bizarr, aber auf die gleiche bizarre Weise fesselnd. „Warum tötest du mich nicht einfach sofort?"
„Ich finde dich unterhaltsam."
„Wie bitte?"
„Es macht Spaß, dir zuzusehen. Wie du durchs Leben stolperst und versuchst, das Richtige zu tun, ohne dabei Erfolg zu haben. Warum soll ich etwas beenden, das Spaß macht?"
So ähnlich hatte wohl auch Ticky gedacht. Nur dass der Noah nicht gewusst hatte, dass sie ihn genauso an der Nase herumführte, wie er gedacht hatte, sie zu täuschen. „Ist das alles? Du siehst gerne Menschen zu, wie sie sich abmühen, Tag für Tag versuchen, das Leben zu bewältigen, und beziehst dein Vergnügen aus Schadenfreude?"
„Bei dir klingt das irgendwie so abwertend." Jetzt erlaubte sich die Noah ein kleines Lächeln.
„Warum dann meine Freunde töten? Waren sie dir nicht unterhaltsam genug?" Jinais Geist raste fieberhaft. Es musste einen Weg geben, wie sie hier herauskam, sie hatte ihn nur noch nicht gefunden. Ob sie das Klavier bedienen könnte? Wahrscheinlich nicht, denn sonst hätten die anderen nicht Allen die ganze Arbeit überlassen. Und obwohl sie jetzt weg waren und Jinai die Gewissheit, dass sie tot waren, ziemlich deutlich zu spüren bekam, war da diesmal kein Schmerz über den Verlust. Ganz egoistisch dachte sie nur an ihre eigene Sicherheit.
„Ich dachte, ich hätte dir gesagt, dass ich für sie nicht verantwortlich bin", entgegnete das Mädchen nun wieder sanft und ohne das Lächeln, das Jinai als eindeutig böse eingestuft hatte. Die Exorzistin stutzte. „Hatte ich dir das nicht gesagt? Nun, jetzt weißt du es. Wenn deine Freunde tot sind, sind sie tot, aber nicht durch meine Hand. Ich bin nur deinetwegen hier."
Auf einmal sah Jinai die Dinge klar. Sie lebte noch, weil das Mädchen ihr etwas sagen wollte. Sie war weder hier, um mit ihr zu spielen, noch um sie zu töten, sondern um ihr eine Botschaft zu überbringen. Eine Noah als Botin – die Situation wurde immer bizarrer. „Was willst du mir sagen?"
„Ihr habt etwas, das uns gehört", sagte die kleine Noah und ein klirrend kalter Unterton schlich sich nun in ihre Worte. „Wir wollen es wiederhaben. Und … wir wollen Allen."
Jinai registrierte erstaunt, wie sich bei der Erwähnung des Exorzisten die Stimme des Mädchens wieder veränderte. Hätte sie es nicht besser gewusst, hätte sie gedacht, die Noah hätte etwas für den weißhaarigen Jungen übrig. Dann fiel ihr auf, wie unlogisch das war, was das Mädchen sagte.
„Allen ist tot, das hast du selbst gesagt."
„Wie oft noch?" Eine Spur Ungeduld. Als ob Jinai etwas ganz offensichtliches übersähe, das sich direkt vor ihrer Nase befände. „Wenn die anderen tot sind, dann nicht durch meine Hand. Und Allen würde keiner von uns etwas tun."
Damit war sichergestellt, dass zumindest Allen noch lebte. Aber die Noah hatten ihn auch nicht in ihrer Gewalt. Wieso verlangten sie gerade von ihr die Herausgabe des Exorzisten, wenn Jinai selbst nicht einmal wusste, wo er war? Sie konnte sich denken, was es war, das die Noah noch haben wollten, aber das konnte sie ihnen ebenso wenig geben wie den unsichtbaren Exorzisten. „Wie kommst du darauf, dass ich dir beides geben kann?"
„Ob du kannst oder nicht, schert mich nicht. Du wirst, weil du keine andere Wahl haben wirst. Und wenn ich dir noch einen Rat geben darf", fügte die Noah hinzu und begann, an den Rüschen ihres Rocksaums zu nesteln wie ein nervöses Kind, „dann töte den Jungen. Es wird uns milder stimmen. Vielleicht überleben dann mehr von euch, wer weiß." Sie strich den Rock glatt und … flackerte.
Jinai war zu verwirrt von dem Flackern, um richtig zu registrieren, was die Noah gesagt hatte und wie wenig Sinn das alles ergab. Das Flackern irritierte sie, weil es jetzt immer wieder auftrat und die Noah nichts dagegen zu unternehmen schien. Anscheinend wollte sie das gar nicht. Zu spät erkannte Jinai, was das bedeutete, und bemühte sich zu erinnern, was das Mädchen gesagt hatte, um ihr noch eine letzte Frage zu stellen, bevor die Noah entweder verschwand oder sie tötete, aber sie konnte sich nicht erinnern. Und nun begann auch der Raum um sie herum zu flackern. Zerbrach die Arche etwa gerade ein zweites Mal? Hatten die Noah sich in der Zwischenzeit geholt, was das Mädchen von ihr verlangt hatte?
Mit einem tiefen Atemzug verhallten alle Geräusche aus dem Inneren der Arche und kehrten andere Geräusche ein. Stimmen, die sich unterhielten. Das Rascheln von Stoff. Schritte auf glattem Boden. Kleine Geräusche, die ihr verrieten, dass noch andere Leute anwesend waren.
Sie lag in einem weichen Bett unter einer warmen Decke und hatte einen Arm unter das Kopfkissen geschoben. Beim Öffnen der Augen sah sie weißen Kissenbezug und dahinter ein Bett, das auch weiß bezogen war. Darin lag Miranda und schlief.
Langsam erinnerte Jinai sich daran, was passiert war. Sie hatten die Arche bestiegen und waren heimgekehrt. Zurück ins Hauptquartier. Dort waren ihre Verletzungen nach der Deaktivierung von Mirandas Innocence behandelt worden und jetzt erholten sich alle beteiligten Exorzisten von ihren Verletzungen.
Sie hatte nur geträumt. Ein beunruhigend überzeugender Traum. Die Noah, die sie im Traum nicht erkannt hatte, war dieselbe, die den anderen Exorzisten auch in der Arche begegnet war. Road hatte Linali sie genannt, das Mädchen aus der Stadt, in der die Zeit stehen geblieben war. Aber eigentlich hatte Road bloß einen Narren an Allen gefressen; Jinai konnte sich nicht erklären, warum sie dann in ihrem Traum auftauchte. Sie hatte Allen für die Noah gefordert, aber sie hatte mit Jinai gesprochen. Und von Allen war in diesem Traum nichts zu sehen gewesen.
Es war nur ein Traum. Vermutlich hatte es nichts zu bedeuten – eine der Auswirkungen der vergangenen Wochen wahrscheinlich.
Wenn deine Träume etwas zu bedeuten hätten, wären wir wohl alle in großen Schwierigkeiten, meldete sich ihr Unterbewusstsein, das wohl auch gerade aufgewacht war. Bei dem Schwachsinn, den du immer träumst.
Entstehen Träume nicht im Unterbewusstsein?
Ja, und? Ich hab auch geträumt, was du geträumt hast, aber bin ich deswegen dafür verantwortlich? Glaub mir, wenn ich die Wahl hätte, hätte ich mir einen anderen Traum für uns ausgesucht.
Manchmal wünschte ich, du wärst bloß ein Traum.
Jetzt schmollte ihr Unterbewusstsein offenbar, denn eine Antwort bekam Jinai nicht von ihm. Sie wandte sich von der schlafenden Miranda ab und drehte sich um. Auf der anderen Seite lag Linali in ihren eigenen Bett und schlief ebenfalls. Das dunkle Fenster an der Kopfseite ihrer Betten sagte Jinai, dass es auch noch lange nicht Zeit zum Aufwachen war. Sie war mitten in der Nacht wach geworden, geweckt von diesem dummen Traum. Wo waren dann aber die Schritte und Stimmen, die sie geweckt hatten?
Mühsam setzte Jinai sich ein Stück weit auf. Ihr gesamter Rücken schmerzte, eine Folge der Verletzung ihres Flügels. Die Oberschwester hatte sehr lange und ausführlich mit ihr geschimpft, weil sie ihren Flügel so stark belastet hatte, obwohl der Bruch nicht verheilt gewesen war. Vermutlich hatte man ihr Gemecker noch bis ins andere Patientenzimmer gehört. Die Mädchen teilten sich ein Zimmer zusammen, alle männlichen Exorzisten waren in ein anderes Zimmer verfrachtet worden. Seit ihrer Rückkehr hatte Jinai sie weder gesehen noch mit ihnen gesprochen, weil sie das Bett nicht verlassen durfte und für alle anderen vermutlich das gleiche galt.
Als sie sich endlich hochgekämpft hatte, sah sie die Ursache für ihr Erwachen: Anna und Marie saßen zusammen auf einem Bett und unterhielten sich leise miteinander. Da Maries Bett am anderen Ende des Raumes lag, war sie wohl durch den ganzen Raum geschlichen, um zu Anna zu gelangen. Beide blickten auf, als sie bemerkten, wie Jinai sich aufsetzte, tauschten einen verschwörerischen Blick und winkten sie dann zu sich.
Jinai war sich dessen bewusst, dass sie alle Ärger bekommen würden, wenn sie erwischt wurden, da sie alle strenger Bettruhe unterlagen, aber es war keine Krankenschwester im Raum. Sie riskierte es, schlug die Decke beiseite und schob die Füße aus dem Bett. Der Boden war eiskalt. Ihr Rücken war ihr keine große Hilfe, während sie sich zu den anderen beiden hinüberkämpfte und sich dabei immer wieder auf den Rahmen der Betten abstützen musste. Bei Anna und Marie angekommen, setzte sie sich vorsichtig, wobei ihr die beiden helfen und ihr ein Kissen unterschieben mussten, damit sie aufrecht sitzen bleiben konnte. Vielleicht hatte die Oberschwester doch nicht so Unrecht damit, dass sie liegen bleiben sollte.
„Was ist los?", flüsterte sie.
„Marie hat gerade gehört, wie sich zwei Schwestern auf dem Gang unterhalten haben", flüsterte Anna zurück. Maries Bett war der Tür zum Gang am nächsten.
„Ja, sie machen sich Sorgen, weil weder Krory noch Jeremy bisher aufgewacht sind", wisperte Marie besorgt. „Ihre Herzen schlagen und sie atmen, aber sonst tun sie nichts. Sie können ihnen kein Essen geben oder sie aufwecken, sondern ihnen nur immer wieder kleine Mengen Flüssigkeit einflößen, damit sie nicht während ihrer Ohnmacht verdursten."
Jinai rechnete zurück. Sie befanden sich schon seit vier Tagen im Krankenflügel, aber das hätte den Ärzten und Schwestern mehr als genug Zeit verschaffen sollen, um die beiden Exorzisten zu wecken. Oder den beiden Exorzisten, aufzuwachen, aber weder das eine noch das andere war geschehen.
„Sie wissen nicht einmal, ob die beiden mitbekommen, was um sie herum geschieht", sagte Anna. „Tauschen möchte ich nicht mit ihnen."
„Mi wäre es lieber, wenn sie es nicht mitbekommen würden", meinte Marie dumpf. Auf Jinais fragenden Blick hin fügte sie hinzu: „Stell dir das doch vor. Du liegst da, kannst dich nicht rühren, kannst nicht sprechen, niemanden auf dich aufmerksam machen … du bist in deinem eigenen Körper gefangen."
„Wissen sie wenigstens, warum die beiden überhaupt in diesem Zustand sind?", hakte Jinai nach. Bei Jeremy war es die Explosion gewesen, so vermuteten es zumindest diejenigen, die dabei gewesen waren. Aber die erklärte auch nicht, warum er noch nicht aufgewacht war. Wie Krory in diese Lage gekommen war, wusste niemand. Linali sagte, die anderen wären nicht dabei gewesen, als er mit Jasdevi in der Bibliothek zurückgeblieben war. Er hatte sie gedrängt, weiterzugehen. Was die beiden ihm wohl angetan hatten, um ihn in diesen Zustand zu versetzen …
Marie schüttelte den Kopf. „Sie stellen nur Vermutungen auf, konkretes wissen sie nicht. Dazu müssten sie die beiden wohl fragen können."
Einen Moment lang schwiegen alle drei, bedrückt durch die Ausweglosigkeit der Situation. Wenn die beiden nun nie wieder aufwachen würden? Das würde nicht nur bedeuten, dass der Orden zwei gute Exorzisten verloren hatte, sondern die Exorzisten auch zwei gute Freunde.
„Glaubt ihr …", unterbrach Marie die Stille zögernd und nachdenklich. „Glaubt ihr, dass Jeremy für das weiße Licht verantwortlich ist, das wir in Edo gesehen haben?"
Sowohl Maries als auch Jinais Blick ruhte nun auf Anna. Von den dreien war sie die einzige gewesen, die bei der Gruppe um Jeremy gewesen war, als das blendend weiße Licht die Ebene gefüllt hatte. Sie wüsste es am ehesten, aber die Dänin zuckte nur mit den Schultern.
„Niemand von uns hat gesehen, woher das Licht kam", sagte sie. „Es war … als wären wir mitten drin. Das war einfach überall, blendend weiß, ohne einen eindeutigen Ursprung."
„Dann könnte es aber rein theoretisch möglich sein, oder?", fragte Jinai. „Immerhin war es ja keiner von euch, nicht wahr?"
Anna schüttelte den Kopf. „Niemand von uns. Es wäre also möglich … aber wie soll er das gemacht haben? Er war doch bewusstlos."
Es gab vieles, das sie nicht wussten und nur vermuten konnten, nicht nur das weiße Licht, das sie alle gesehen hatten und von dem sie überzeugt waren, dass es sie gerettet hatte. Sie wussten kaum etwas darüber, was in der Arche passiert war, denn Linali hatte ihnen nur wenig erzählen können. Natürlich hatte sie berichtet, wie erst Kanda und dann Krory zurückgeblieben waren, um mit den Noah zu kämpfen und ihnen den Weg freizumachen, aber was danach mit den beiden Exorzisten passiert war, blieb ihrer Spekulation überlassen. Krory lag noch immer in einem komaartigen Zustand und konnte niemandem irgendetwas erzählen und Kanda hatte niemanden eingeweiht. Isoliert in ihrem eigenen Zimmer hatten die Mädchen seitdem auch keinen Kontakt zu den männlichen Exorzisten am anderen Ende des Ganges mehr gehabt, seit sie hier einquartiert worden waren.
Marie versuchte, sich mit einer Hand eine Strähne aus dem Gesicht zu streichen, kam dabei aber nicht mit dem Verband um ihre linke Hand zurecht und gab den Versuch auf. Da ihr rechter Arm eingegipst in einer Schlinge hing, konnte sie diesen auch nicht dazu verwenden; die Arme war darauf angewiesen, dass Anna oder Jinai ihr bei so einfachen Sachen halfen, bei dem gebrochenen Unterarm und der aufgeschnittenen Hand, die sie leicht bewegungsunfähig machten. „Trotzdem könnte es in seinem bewusstlosen Zustand passiert sein", wandte sie ein und versuchte beim Reden ständig, sich die Strähne aus der Stirn zu pusten. „Vielleicht hat sein Innocence sich selbständig gemacht. Angeblich soll das ab und zu vorkommen."
„Aber er hatte es doch erst seit so kurzer Zeit", widersprach Anna und half ihr, die Strähne endlich hinters Ohr zu schieben. „Geht das denn?"
„Ich glaube nicht, dass das einen Einfluss darauf hat", vermutete Jinai. „Und wenn es das hat, dann könnte man auch behaupten, sein Innocence hätte sich selbständig gemacht, weil er es noch nicht richtig unter Kontrolle hatte, eben weil er es erst so kurz hat. Aber ihr dürft nicht vergessen, dass er es schon benutzt hat, bevor Cross ihn gefunden hat. Jeremy wusste damals nur noch nicht, was der Bogen wirklich war, der ihm die Akuma vom Leib hielt."
„Es könnte auch einen ganz anderen Ursprung haben. Das Licht, meine ich." Anna betastete mit den Fingern einer Hand den Verband um ihren Kopf. „Vielleicht war es gar kein Innocence."
„Was sollte es denn sonst gewesen sein?", warf Marie ein und schüttelte den Kopf. „Es steht eindeutig fest, dass es die Akuma vernichtet hat, und nichts außer Innocence vermag das zu tun."
„Das ist nicht ganz richtig", erinnerte sie Jinai. „Allen hat mir erzählt, dass die Noah die Fähigkeit haben, den Akuma die Selbstzerstörung zu befehlen." So sollte es sich zumindest in der Stadt, die einen bestimmten Tag immer und immer wieder wiederholte, zugetragen haben. Da hatte die Noah, die Jinai in ihrem Traum gesehen hatte, vor den Augen von Allen und Linali ein Akuma gezwungen, sich selbst zu zerstören, und damit nicht nur die Maschine, sondern auch die daran gebundene Seele vernichtet.
„Ein Noah hat dieses Licht aber sicher nicht verursacht", meinte Marie kritisch. „Welchen Sinn sollte das haben? Die wollen uns doch alle tot sehen."
„Wer von uns kann schon behaupten zu wissen, was im Kopf eines Noah vorgeht?", sagte Anna düster. „Das kann genauso gut nur eine Taktik von ihnen sein, die wir nicht durchschauen."
„Sie spielen gerne mit uns", ergänzte Jinai im gleichen Tonfall. „Das müssen wir als Erklärung ebenso in Erwägung ziehen wie Jeremys Innocence, das sich selbständig macht."
„Ich kann es mir trotzdem nur schwer vorstellen", entgegnete Marie mit skeptisch hochgezogener Augenbraue.
„Weil wir eben nicht wissen, was die Noah denken", erwiderte Anna. „Nur weil wir es für unwahrscheinlich halten, heißt das nicht, dass sie es nicht trotzdem gewesen sein könnten. Skrupel, ihre eigenen Akuma zu töten, haben sie ja offenbar nicht."
Marie schwieg zu diesem Thema und auch Jinai erwiderte nichts, sodass jedes der Mädchen eine Weile lang seinen eigenen Gedanken nachhing. Dann sagte Anna plötzlich: „Ich wüsste zu gerne, wie es den anderen geht."
Der Blick aller drei Exorzistinnen richtete sich auf die Tür am anderen Ende des Raumes. Die Krankenschwestern hatten ihnen nichts erzählt, auch nach eindringlichen Bitten nicht, und aus der Oberschwester etwas herauszukommen, war schier unmöglich. Nur durch das Belauschen der Gespräche unter den Schwestern erfuhren sie etwas Neues über den Zustand der anderen Patienten.
„Vielleicht sollte mal jemand nachsehen", sagte Jinai betont beiläufig. Es juckte sie in den Fingern, selbst hinüber zu gehen, aber mit ihrem Rücken war sie mehr als bedient. Maries Hände waren beide nicht zu gebrauchen, die Tür würde sie also nicht aufmachen können, obwohl sie einwandfrei laufen konnte. Anna hatte als einzige nur einen Haufen Schnittwunden und eine leichte Gehirnerschütterung, aber keine Verletzungen, die sie bewegungsunfähig machen würden. Sie könnte nach den anderen Exorzisten sehen. Ihre inneren Verletzungen behinderten sie nicht so sehr wie die anderen beiden.
Anna war sich dieser Tatsache ebenso bewusst wie die anderen beiden Mädchen. „Aber so dringend, dass ich mit der Oberschwester anlegen würde, will ich's dann doch lieber nicht wissen", nuschelte sie und rutschte tiefer unter die Decke.
Beide, Marie und Jinai, setzten dazu an, ihr diese Vorsicht auszureden, als die Tür aufgemacht wurde, das Licht anging und alle drei zusammenzuckten.
„Was muss ich denn da sehen?" Die habichtartige Gestalt der Oberschwester füllte den Türrahmen. „Patienten aus ihren Betten und das unter meiner Aufsicht!"
Der Versuch, rasch wieder in ihr eigenes Bett zurückzukommen, scheiterte daran, dass Marie mit der Schlinge ihres Gipsarmes am Bettgestell hängen blieb und Jinai sich so ruckartig aufzusetzen versuchte, dass sie mit Tränen in den Augen zurück in die Kissen sank. Jetzt konnte sie sich erst recht nicht rühren und brauchte die Hilfe von zwei Krankenschwestern, um in ihr Bett zurücklaufen zu können. Die Oberschwester half Marie, womit das amre Mädchen eindeutig das schlimmere Los gezogen hatte.
Der Aufruhr weckte schließlich auch Linali und Miranda und die Oberschwester konnte allen ihren Patientinnen eine Strafpredigt halten, sogar denen, die überhaupt nichts getan hatten, um diese zu verdienen. Schließlich endete sie mit den Worten: „… Entgegen meiner ausdrücklichen Anweisung, dass Sie alle strengster Bettruhe unterliegen, gefährden Sie ihre Heilung und verzögern diese um unbestimmte Zeit, nur um mitten in der Nacht irgendwelche geflüsterten Gespräche zu führen! Alle von ihnen", rief die Oberschwester und ihre Handbewegung schloss alle fünf weiblichen Exorzisten mit ein, „sind schwer verletzt und es ist meine Aufgabe, dafür zu sorgen, dass Sie so schnell wie möglich wieder gesund werden, aber dazu müssen Sie auch befolgen, was ich Ihnen anordne. Muss ich erst auch in diesem Raum schlafen, bevor Sie das beherzigen? Denn anscheinend kann ich mich nicht darauf verlassen, dass Sie wieder gesund werden wollen, und muss Sie erst dazu zwingen!"
Fünf Exorzistinnen schüttelten rasch die Köpfe, zwei hielten sich danach den Kopf wegen der damit verbundenen Schmerzen. Dass die Oberschwester hier ihre Zelte aufschlug, wollte keine von ihnen.
„Uns geht es aber schon viel besser", widersprach Jinai für eine Achtzehnjährige, die vor wenigen Monaten noch Königin gewesen war, erstaunlich kleinlaut.
„Dass ich nicht lache! Sie konnten gerade nicht einmal alleine aufstehen, Miss Lehar", fuhr sie die Oberschwester an.
„Aber wollen Sie sich meinen Rücken nicht noch einmal ansehen?", bat Jinai daraufhin. „Sie werden sehen, es ist viel besser geworden."
Zerknirscht aussehen konnte sie, das musste man ihr lassen. Und alle im Raum kannten ihre Motive dafür, die Oberschwester um diesen Gefallen zu bitten: Kanda würde schneller wieder auf den Beinen sein als sie alle zusammen. Es war schon lange ein offenes Geheimnis seit Jinais Rückkehr in diese Welt, dass die beiden ein Paar waren, auch wenn sie sich nach nur zwei Tagen miteinander monatelang nicht gesehen hatten. Und dass Jinai möglichst rasch wieder aus der aus der Krankenstation entlassen werden wollte, überraschte daher niemanden mehr.
Von dem Blick der Exorzistin ließ sich schließlich sogar die Oberschwester erweichen. Man merkte es zuerst an den deutlich entspannteren Schultern, die ein wenig herabsanken, als sie endlich nachgab.
„Na gut, zeigen Sie mal her."
Raffael: Und was war der Sinn von diesem Chap?
Jinai: Was war der Sinn von jedem vorangegangenen Chap?
Raffael: Stimmt auch wieder.
Jinai: Manchmal haben meine Chaps auch nur den Sinn, etwas anzudeuten ... etwas ... MYSTERIÖSES.
Raffael: Also zu deutsch, du hast selbst keinen blassen Schimmer, was du da eigentlich tust.
Jinai: Doch, ich teile meine Weisheit nur nicht mit dir. Zumindest ... nicht vor den Lesern.
Raffael: Dann gehen wir jetzt und du weihst mich ein?
Jinai: Ja, gehen wir und ich weihe dich ein. Ausnahmsweise.
Raffael: Bleibt ihr gewogen! *zisch und weg*
