Raffael: Es ist Sonntag.

Jinai: Scharf beobachtet, Watson.

Raffael: Und du stellst ein neues Chap on.

Jinai: Noch schärfer beobachtet. Ich sage dir eine lange Zukunft ohne Brille voraus.

Raffael: Ich bin bloß erstaunt. Du bist ja wieder richtig ... zuverlässig.

Jinai: Verlass dich nicht drauf.

Psychomantium: Neeeeeiiin, das sag ich dir doch nicht direkt :D Aber so viel kann ich verraten, es ist was ... großes :D Rawr, die PM hat vielleicht eine Endorphinexplosion bei mir ausgelöst, das kann ich dir sagen *-* Und erst die zweite *-* Jetzt kontrollier ich täglich meine Dealer, aka Mangalieferanten. Den Satz ignorier ich nicht, aber sagen wir mal so: Du müsstest mich besser kennen xDDD

sternenhagel: Verspätet hättest du dich nur, wenn du erst reviewt hättest, wenn ich schon das neue Chap hochgeladen und on gestellt hätte. Oder gar nicht o.o Dann hätte ich aber Raffael mit dem Erste-Hilfe-Koffer in einen Heli gesetzt und rübergeschickt, darauf kannst du Gift nehmen o.o Das mit Rhode ... das ist so spontan entstanden o.O Die war auf einmal da und hat sich geweigert, wieder zu gehen ... Jetzt muss ich sie wohl oder übel einbauen, hab ich mir gedacht, wenn sie nicht verschwinden will xD Ich bin inzwischen so ziemlich unbestechlich geworden xP Alles, was Zucker enthält, muss ich dankend ablehnen, sorry :D

Yunaria: Besser spät als nie *dich glomp* Ja, ich würde auch sagen, Jinai ist eher eine rote Socke und Rhode ... naja, wenn nicht pink, dann lila o.O Ticky hatte zu viel zu tun, darum hat er Rhode als Vertretung geschickt - macht sie ihre Sache nicht gut? Danke, aber Cola darf ich nicht mehr trinken, leider. Ich bin seit drei Wochen auf Zuckerentzug x.x

Rated: T

Disclaimer: Siehe alle vorangegangenen Chaps. Mir gehört rein gar nichts außer den Ideen, die meinen Kopf fast zum Platzen bringen.


19. Neue Zerwürfnisse

Inzwischen war es März geworden.

Der März in England war keine besonders spektakuläre Sache. Die Engländer mochten an die hier herrschenden Temperaturen gewöhnt sein und das Wetter schon beinahe frühlingshaft nennen – für alle anderen war das bei weitem nicht. Es war immr noch kalt und feucht und das Wetter konnte jederzeit umschlagen, sodass sich jeder Nicht-Brite fragte, wie sich dieses Wetter vom Winter in England unterschied.

Auf der Krankenstation des Hauptquartiers des schwarzen Ordens merkte man es vor allem daran, dass der 'frische Luftzug', wie die Krankenschwestern es nannten, der durch das Fenster kam, nicht mehr ganz so kalt war. Eine wirkliche Verbesserung stellte er aber nicht dar und die Patienten, die jetzt schon immerhin drei Wochen hier verbrachten, konnten ihn nicht zu schätzen wissen, so sehr sie sich auch bemühten. Dass in schlecht gelüfteten Räumen niemandn gesund wurde, war der einzige Trost, den sie hatten, wenn sie sich zitternd und frierend unter ihren Decken verkrochen, bis es wieder einigermaßen warm im Raum war.

Soweit die Mädchen wussten – beziehungsweise, soweit sie es aus den Krankenschwestern herausgekitzelt hatten – war von den Exorzisten im anderen Raum noch niemand entlassen worden, was für die Schwere der Verletzungen sprach, die sie sich zugezogen hatten. Andererseits waren sie auch immer noch vollzählig versammelt, obwohl die Oberschwester und die Ärzte bereits erste vorsichtige Bemerkungen machten, dass sie wohl bald entlassen werden könnten. Sie hielten sich allerdings sehr damit zurück und sprachen nie von einem bestimmten Zeitraum.

Jinai hatte diesen Traum in diesem Zeitraum noch ein- oder zweimal, aber sie konnte sich keinen Reim darauf machen. Dass die Noah das Kernstück der alten Arche zurückhaben wollten, das es ihnen ermöglichte, Akuma zu produzieren, war klar, aber was sie mit Allen wollten, wusste sie nicht. Und sie hatte niemandem davon erzählt, was sie träumte, weil sie hoffte, dass es nur ein Alptraum war, mit dem ihr Unterbewusstsein versuchte, das Erlebte zu verarbeiten. Obwohl dieses beteuerte, dass es nicht seine Schuld wäre. Und die dritte Forderung der Noah Road konnte sie sich auch nicht erklären: Wen sollten sie töten? Das war alles mehr als verwirrend.

Umso dankbarer war sie über die Besuche, die sie alle erhielten – allen voran Linali, die jeden Tag mindestens einmal von Komui besucht und mit Geschenken überhäuft wurde – aber auch nach ihnen erkundigten sich manche Mitarbeiter oder Finder. Da die Exorzisten, wenn sie überhaupt Kontakt zueinander pflegten, meistens unter sich blieben, war das keine Selbstverständlichkeit. Marschall Tiedoll kam auch vorbei, um nach ihnen zu sehen, sogar Cross wurde einmal widerstrebend zur Tür hereingeschoben. Ihn hatte man unter strenge Aufsicht gestellt, weil ihm die Obrigkeit nicht ganz traute, aber einen Krankenbesuch hatte man ihm erlaubt. Was hieß erlaubt – aufgedrängt. Die Vermutung der Mädchen war, dass er zuerst zu den Jungs genötigt worden war, weswegen er einem weiteren Krankenbesuch direkt danach ziemlich ablehnend gegenüberstand, aber in einem Raum voller hübscher Mädchen schien er sich dann doch sehr schnell wohlzufühlen. So wohl, dass ihn die Oberschwester schließlich rauswarf.

Langweilig wurde es so jedenfalls nicht.

Schließlich kam der Tag, an dem sie entlassen werden konnten, und da Komui in einem seiner lichten Momente, in dem er nicht gerade den Verlust von Linalis Haarpracht beweinte, erklärt hatte, dass derzeit keine Missionen für sie anstünden, zog es sie alle zuerst in ihre eigenen Betten. Drei Wochen auf der Krakenstation ließen die Einsamkeit und Ruhe des eigenen Zimmers auf einmal sehr angenehm erscheinen.

Mit einer Ausnahme.

Als Kanda die Tür zu seinem eigenen Zimmer öffnete, sah er Jinai bereits auf seinem Bett sitzen. Es überraschte ihn mehr als der Verband, der um ihren Oberkörper gewickelt war und unter ihrem für sie typischen Oberteil zu erkennen war: Lange, ihre Handgelenke eng umschließende Ärmel, knielange Stoffbahnen an Vorder- und Rückseite, die an den Seiten bis zu Hüfte geschlitzt waren, dunkler Stoff, diesmal in Dunkelblau. Nur der dreieckige Ausschnitt, der sehr viel von ihrem Schlüsselbein und den Schultern zeigte und sie damit irgendwie verletzlich wirken ließ, war neu, denn normalerweise war ihre Kleidung eher hochgeschlossen. Der weiße Verband unter dem Gewand unterstrich den Ausdruck von Verletzlichkeit noch, aber die Haare waren schon ordentlich und streng zu einem Zopf an ihrem Hinterkopf zusammengefasst. Das musste eine Krankenschwester für sie gemacht haben, denn Kanda konnte sich nicht vorstellen, dass sie das alleine schon tun konnte.

Ihn zierten keine Verbände, schon lange nicht mehr. Im Gegenteil, der Exorzist sah aus, als wäre er gerade von der Arbeit gekommen – allerdings nicht seiner üblichen. Nur in einem normalen weißen Hemd und einer normalen dunkelblauen Hose hätte er beinahe als gewöhnlicher Mensch durchgehen können, aber schon sein exotisches Aussehen machte das unmöglich. Wie üblich ließen seine Verletzungen keine Narben oder ähnliches zurück, wie andere Menschen sie zurückbehielten, sodass es nicht weiter verwunderlich war, dass es Jinai schwer fiel, sich vorzustellen, dass er gerade aus dem Krankenflügel kam und drei Wochen dort Patient gewesen war. Sie hatte ihn nie gefragt, woher seine eigentümlichen Selbstheilungskräfte kamen, und er hatte es ihr nie gesagt. Vielleicht sollten sie das bei Gelegenheit einmal klären, aber heute nicht … es sei denn, es ließ sich nicht verhindern, dass das Gespräch darauf kam.

„Ich hätte gedacht, du wärst vor mir da", sagte Jinai zur Begrüßung leise und blieb sitzen, wo sie war. Sie war aus dem Krankenflügel entlassen worden, doch der gebrochene Flügel war noch nicht ganz verheilt und bereitete ihrem Rücken weiterhin leichte Probleme. Darum war sie nur unter der Auflage entlassen worden, sich noch mindestens eine Woche zu schonen, und darum war Sitzen am einfachsten für sie.

„Ich wäre schon vor über einer Woche entlassen worden", entgegnete der Japaner, schloss die Tür und setzte sich zu ihr. „Gesund war ich jedenfalls, aber man ließ mich nicht."

„Wer ließ dich nicht?"

„Marschall Tiedoll."

„Ach." Leichte Belustigung schwang in ihrer Stimme mit und wieder war da die Unterlippe, die zwischen die Zähne gezogen worden war, um ein Lächeln zu verhindern, woran sie wieder einmal scheiterte.

„Du findest das wohl lustig." Nur eine erhobene Augenbraue offenbarte, dass Kanda darüber nicht so verärgert war, wie er sich den Anschein gab.

„Nein", log Jinai. „Marschall Cross wollte uns auch nicht gehen lassen."

„Ausgerechnet der?"

„Er meinte, so viele hübsche Mädchen auf einem Fleck dürfe man nicht trennen und er werde noch öfter zu Besuch kommen."

„Che."

„Man ließ ihn aber nicht."

„Che."

„Stattdessen kamen ein paar Mitarbeiter des Ordens."

„Che."

„Und ein paar Finder."

„Che."

„Und der Weihnachtsmann."

„Che. … Was?"

„Und Rudolph und alle anderen Rentiere."

„Sehr witzig."

„Ich war mir nur nicht sicher, ob du mir noch zuhörst." Jinai grinste breit.

„Ich höre dir sehr wohl zu."

„Das habe ich an deiner Reaktion gemerkt."

„Ich hatte mich nur auf ein wenig Stille gefreut, nachdem ich den Krankenflügel endlich verlassen durfte." Kanda lehnte sich gegen die Wand hinter dem Bett, einen Fuß auf der Matratze, einen über dem Rand des Bettes. Er sah so entspannt aus, dass es Jinai direkt überraschte. So hatte sie ihn noch nie gesehen. Zumindest konnte sie sich nicht daran erinnern, dass er je so wenig darauf bedacht gewesen wäre, abweisend und unnahbar auszusehen. Wahrscheinlich zeigte er sich für gewöhnlich nicht so in der Anwesenheit anderer. Darum ehrte und berührte es sie umso mehr, dass er für die eine Ausnahme machte.

„Soll ich lieber schweigen?", fragte sie so sanft, dass sie dafür sogar einen überraschten Blick von dem Exorzisten geschenkt bekam.

„Nein. Erzähl mir, was in Edo passiert ist", antwortete Kanda. „Mari hat nicht viel gesagt."

„Erzählst du mir dann, was in der Arche passiert ist?", fragte Jinai und bemerkte, wie sich bei ihren Worten ein vorsichtiger Ausdruck auf sein Gesicht legte. Sie konnte sich denken, dass er bereits bereute, etwas zu diesem Thema gesagt zu haben, aber wenn sie ihm etwas darüber erzählte, was während seiner Abwesenheit in Edo passiert war, dann hatte sie auch das Recht zu erfahren, was sich in der Zwischenzeit in der Arche abgespielt hatte. So unangenehm es vielleicht auch zu hören sein würde.

„In Ordnung."

„Gut." Jinai drehte sich ein wenig mehr zu ihm um und setzte sich auf ihre Füße. Eigentlich sollte sie das nicht tun, aber manche Angewohnheiten gewöhnte man sich nicht ab, egal wi schlecht sie für einen waren. Und für sie war diese haltung auf jeden Fall entspannend. „Als ihr verschwunden seid, sind Akuma aufgetaucht. Mari sagte, es wären mindestens dreißig von diesen Riesen-Akuma, die uns vor der Zerstörung von Edo schon angegriffen hatten, und sie würden genau auf uns zukommen. Während Miranda und die beiden Seeleute unter der Brücke Schutz suchten, versuchten wir, sie gegen die Akuma zu verteidigen."

„Du hast dich natürlich wie immer wider besseren Wissens in den Kampf gestürzt", sagte Kanda nüchtern. Das war keine Frage, das war eine Feststellung. Er kannte Jinai gut genug.

„Ja, okay, ich gebe zu, ich hatte Glück, dass mein Flügel nicht irreparabel beschädigt wurde, aber …"

„Du hattest Glück, dass du dabei nicht draufgegangen bist."

„Lässt du mich nun erzählen?", bat Jinai sichtlich gereizt. Sie wusste selbst, dass ihr Verhalten in Edo nicht gerade vernünftig genannt werden konnte, doch Kanda konnte nicht behaupten, dass es nicht die Aufgabe eines Exorzisten wäre, zu kämpfen bis zum Tod. Exorzisten starben nun einmal auf dem Schlachtfeld und nicht daheim im eigenen Bett. Und mit ihrem letzten Wechsel in diese Welt war Jinai endgültig zu einer Exorzistin geworden. „Wir haben gekämpft und wurden dabei nicht allzu schwer verletzt", fuhr sie fort. „Als dann aber eure Arche vom Himmel verschwand … Das hat alle ziemlich aus der Bahn geworfen. Wir dachten, ihr wärt tot. Und die Akuma haben die Ablenkung genutzt, um uns anzugreifen, wodurch wir voneinander getrennt wurden. Und da ich als einzige fliegen konnte und damit nicht so leicht von den Akuma angegriffen werden konnte, war es meine Aufgabe, die verstreuten Exorzisten zu Marschall Tiedoll und Miranda zurückbringen, bevor die Akuma sie finden konnten. Als ich aber Marie und den Bookman holen wollte, war da auf einmal … ein weißes Licht … blendend hell … und als es wieder dunkel wurde, waren die Akuma verschwunden und die Stelle, wo ich die Gruppe um den Marschall zurückgelassen hatte, war leer."

Davon hatte ihm niemand erzählt, das sah sie an seinem Gesichtsausdruck. Jinai fragte sich, wie viel Mari noch für sich behalten hatte, als er Kanda seine gekürzte Version der Ereignisse präsentiert hatte. Aber der Japaner schwieg und wartete darauf, dass sie weiterredete. „Marie, der Bookman und ich kehrten zu der Stelle zurück, wo ich sie zuletzt gesehen hatte, und stellten dann fest, dass Marschall Tiedoll sich und die anderen mithilfe seines Innocence geschützt hatte .. in den Boden eingegraben. Erst als wir ihnen versicherten, dass die Akuma verschwunden seien, machte er es rückgängig. Und dann … tauchte die Arche wieder am Himmel auf und ihr seid durch das Portal gekommen."

„Und du lagst ohnmächtig im Sand" ergänzte Kanda noch durch das eine kleine Detail, das sie vergessen hatte zu erwähnen.

„Ein wenig erschöpft, das ist alles", wiegelte Jinai ab.

„Als du das letzte Mal ohnmächtig wurdest, war das, weil du nächtelang nicht geschlafen hast. Du kippst nicht wegen ein bisschen Stress und Anstrengung um."

„Nur zu, du darfst nach Herzenslust mit mir schimpfen – nachdem du deinen Teil der Geschichte erzählt hast." Jinai hätte gerne zur Unterstreichung ihrer Forderung die Arme verschränkt, aber angesichts des Zustandes ihres Rückens ließ sie das lieber bleiben.

Darauf wusste er nichts zu erwidern, was Jinais Befürchtung über die Schwierigkeiten, die die Noah ihnen bereitet hatten, noch vergrößerte. Nach einer kurzen Weile, in der Kanda mit sich selbst zu ringen schien, begann er schließlich ebenfalls zu erzählen.

„Sie wollten sich bloß ein Spiel mit uns erlauben", meinte er angewidert. „Nur darum haben sie Linali in die Arche gezogen und alle, die ihr folgten. Sie gaben uns einen Schlüssel, der uns zu einer von Roads Türen auf dem höchsten Punkt der Stadt führen sollte; durch diese Tür sollten wir angeblich aus der Arche entkommen können. Aber natürlich taten sie uns nicht den Gefallen, uns unbehelligt mit dem Schlüssel ziehen zu lassen, sondern stellten sich uns in den Weg, nachdem sie ihn uns gegeben hatten. In dem ersten Raum, den wir mithilfe des Schlüssels betraten, erwartete uns ein Noah, Skin, der Marschall Tiedoll schon seit Europa den ganzen Weg nach Japan gefolgt war. Während die anderen weitergingen, auf die nächste Tür zu, stellte ich mich ihm und gewann." Wieder schien der Exorzist zu zögern, als wisse er nicht, ob er sagen solle, was er sagen müsse, aber schließlich beendete er seine Erzählung. „Aber nicht bevor der Download des Raumes, in dem ich mich befand, von der alten Arche auf die neue Arche fertig war. Er stürzte ein, ehe ich den Ausgang erreichen konnte."

„Soll das heißen, du warst tot?", fragte Jinai erstaunlich nüchtern. Aber jeder, der sie kannte, wusste, dass sie etwas gerade dann besonders aufwühlte, wenn sie sich am wenigsten anmerken ließ.

„Nein, ich war nicht tot. Ich befand mich … nur außerhalb der Dimensionen. Ich lebte, aber ich konnte den Raum nicht verlassen."

„Läuft das nicht auf dasselbe hinaus?", entgegnete die Exorzistin. „In diesem Raum konntest du nicht zurückkehren, wenn du tot bist, kannst du nicht zurückkehren. In beiden Fällen hätte ich dich nie wiedergesehen, wenn Allen die Arche nicht zurückgebracht hätte. Welchen Unterschied macht es da, ob du tot bist oder nur zwischen den Dimensionen feststeckst?"

„Ich bin wieder da und mir fehlt nichts", entgegnete Kanda wesentlich ruhiger, als Jinai es jetzt war. Sie hatte sich richtig in Rage geredet.

„Und darüber kannst du heilfroh sein, denn dein eigener Verdienst war das ganz sicher nicht! Du hast es riskiert, draufzugehen, du bist sogar draufgegangen, nur um einen einzigen Noah zu erledigen, und was danach passiert, war dir vollkommen egal!" Es machte sie umso wütender, je ruhiger er war. Kanda hatte gefälligst nicht ruhig zu sein, er war immerhin eine Zeit lang buchstäblich tot gewesen und wenn ihm das schon nicht zusetzte, dann sollte er sich gefälligst dafür schämen, dass er so wenig nachgedacht hatte, wie dieser Kampf ausgehen würde.

„Hättest du anders gehandelt?"

Damit hatte er Jinai allerdings kalt erwischt. Das war ihrer Situation in Leharein nicht ganz unähnlich, nur mit dem Unterschied, dass sie gar nicht damit gerechnet hatte, den Kampf zu überleben, und dass Kanda nichts geahnt hatte, wie sie für ihn fühlte. Geschweige denn, dass sie über seine Gefühle für sie Bescheid gewusst hatte. Konnte man das dann überhaupt noch vergleichen? Immerhin hatte Kanda im vollen Bewusstsein, was er ihr damit antun würde, den Tod gesucht.

„Sag mir nur eines: Hast du geglaubt, dass du diesen Kampf überleben würdest?", fragte Jinai nun wieder betont nüchtern.

„Was?"

„Beantworte die Frage."

„Nein."

Jetzt kamen ihr die Tränen. Ruckartig richtete Kanda sich auf; mit wütenden Vorhaltungen hatte er gerechnet, aber nicht damit, dass sie zu weinen anfangen würde. Da sie sich nur selten so von ihren Gefühlen beeinflussen ließ, erwartete er das gar nicht und es brachte ihn in die unangenehme Situation, nicht angemessen reagieren zu können. Höchstens ein wenig überfordert. Es war unfair, wenn sie zu weinen begann; Tränen hatte er zuletzt bei ihr gesehen, als sie zu ihrer Mission mit den anderen aufgebrochen war, um Cross zu finden, aber das war eine völlig andere Situation gewesen als diese hier.

„Ich schätze, damit sind wir jetzt quitt", erklärte die Exorzistin und wischte die Tränen beiseite, die ihre Wangen benetzten, wie um Platz für neue zu schaffen. Dadurch, dass sie wieder sprach, versiegten die Tränen nämlich leider nicht.

„Es tut mir leid", sagte Kanda sanft und strich ihr eine der typischen widerspenstigen Strähnen aus dem Gesicht, die in einer Tränenspur hängen geblieben war. Dass sie das zuließ, nahm er als gutes Zeichen.

„Oh, ich weiß, dass es dir leid tut. Mir tat es ja auch leid. Ich schätze, keiner von uns beiden hat die Garantie, dass der andere nicht noch einmal so handeln würde, wenn er vor die Wahl gestellt wäre", meinte Jinai verschnupft. „Das ist einfach … unsere Art. Und dann müssen wir eben auch mit den Folgen leben."

In gewisser Weise war Kanda froh, dass sie das eben gesagt hatte – so hatte er es nicht aussprechen müssen. Jinai hatte Recht damit: Keiner von ihnen würde einem Kampf aus dem Weg gehen und wenn sie dabei ihr Leben lassen würden. Das hatten sie beide oft genug bewiesen, zuletzt in Edo, und daran würde sich so rasch nichts ändern. Dass Jinai dabei im Gegensatz zu ihm keine Heilkräfte besaß, die ihr größere Überlebenschancen verschafften, hielt sie auch nicht davon ab.

Jinais Gedanken schienen den gleichen Weg eingeschlagen zu haben, denn unvermittelt fragte sie: „Und wie kommt es, dass du so früh wieder ganz gesund warst? Wieso heilst du schneller als andere Menschen? Erzähl mir nicht, du wärst nicht genauso schwer verletzt gewesen wie alle anderen."

Diese Frage hatte Kanda befürchtet. Wie er darauf antworten sollte, war ihm ein Rätsel. Konnte er ihr die ganze Wahrheit erzählen oder sie glaubhaft belügen? Wenn sie von den Experimenten erfuhr, die der Schwarze Orden durchgeführt hatte, würde sie vielleicht nicht mehr für ihn kämpfen wollen. Aber eine schwache Lüge würde sie ihm niemals glauben und das Thema würde ihr vermutlich keine Ruhe lassen, bis sie eine vernünftige, plausible Erklärung bekam.

Schlussendlich, nach einer langen Schweigepause, entschied er sich für eine der beiden Optionen. „Wenn ich dir das erzähle, musst du es für dich behalten", sagte er entschieden. „Erzähl es weder Lavi noch Linali noch sonst jemandem."

Wenn Jinai überrascht von seinen Worten war, zeigte sie davon nichts, sondern nickte nur bedächtig und ernst.

„Ich-"

„Jeremy ist aufgewacht!"

Beide blickten abrupt auf, als Anna hereinplatzte, die frohe Botschaft verkündete und dann betreten stehen blieb.

„Oh. Entschuldigung." Gesagt hatte keiner von beiden etwas, aber die Dänin merkte auch so, dass sie gerade gestört und die beiden bei etwas ziemlich wichtigem unterbrochen hatte. „Ich, ähm … geh dann mal wieder. Aber … Jeremy wollte uns sehen. Alle … ähm … bis dann."

Schweigen folgte auf ihr Verschwinden. Als Kanda aufstehen wollte, hielt Jinai ihn zurück. „Nein. Das kann warten", sagte sie bestimmt. „Aber das nicht. Sag es mir."

Widerstrebend setzte sich der Japaner wieder hin, beide Füße auf dem Boden, was ihr den Eindruck vermittelte, dass er nur auf eine Gelegenheit wartete, wieder aufzuspringen und zu flüchten. Die einfache – oder auch nicht so einfache – Frage, warum er schneller heilte als andere Menschen schien eine ziemliche Belastung für ihn darzustellen. Er war ihr gegenüber nicht dazu verpflichtet, ihr die Wahrheit zu sagen, aber sie würde es sich wünschen und das wusste er. Das drückte auf sein Gewissen und wog beinahe genauso schwer wie eine Verpflichtung.

„Ich habe keine Mutter. Keinen Vater", sagte Kanda emotionslos. „Das Programm der Zweiten Exorzisten sah vor, dass das Innocence von Exorzisten, die im Kampf gefallen waren, noch weiter verwendet werden konnte. Dazu erschuf man aus der DNA der Toten neue Exorzisten, die sich mit dem Innocence synchronisieren konnten. Unsere Heilkräfte brauchten wir für diese Synchronisation, da das Innocence uns anfangs abstieß."

Es dauerte lange, bis Jinai etwas erwiderte. Diesmal hatte sie ihre Miene nicht so gut unter Kontrolle; Entsetzen und Ungläubigkeit waren ihr deutlich anzusehen. Kanda wandte den Blick ab. Er konnte sich vorstellen, dass ihr jetzt einiges klar wurde, das sie vorher nicht begriffen hatte, und dass sie noch einiges mehr zu begreifen hatte. Nach dem Geständnis, das er gerade abgelegt hatte, war das auch kein Wunder. Er hatte das bisher noch niemandem erzählt, obwohl es natürlich ein paar Menschen gab, die darüber Bescheid wussten. Weil sie damals in die Experimente verwickelt gewesen waren. Weil sie aufgrund ihrer Position davon erfahren hatten. Aber nie, weil er mit irgendjemandem darüber gesprochen hätte.

Kanda fragte sich zum ersten Mal, was das in ihren Augen aus ihm machte. Bisher hatte ihn das ja nie interessiert, aber es interessierte ihn nun, was sie über ihn dachte. Jinai hatte gesagt, sie hätte sich in ihn verliebt, aber ob sie das jetzt noch behaupten würde? Damals hatte sie nicht gewusst, wer – oder besser gesagt, was er wirklich war. Als menschlich betrachtete er sich selbst nicht ganz, auch wenn er einen menschlichen Körper hatte. Man könnte vielleicht sagen, dass er kein gewöhnlicher Mensch war, aber das drückte nicht annähernd aus, mit welchem Makel seine Entstehung in seinen Augen behaftet war.

„Gibt … gibt es noch andere?", fragte Jinai schließlich.

„Andere wie mich? Nein."

Wieder folgte langes Schweigen, dann meinte Jinai schließlich in einem Anflug von Galgenhumor: „Wir zwei sind vielleicht ein Paar, was?" Beide wagten es nicht, einander anzusehen. „Du, geboren aus Tod, und ich, geboren, um zu sterben. Da wünscht man sich doch manchmal, ein hundsgewöhnlicher Sterblicher zu sein, nicht wahr?"

Kanda wusste nicht ganz, wie er ihre Worte zu interpretieren hatte. Sie hatte nicht gesagt, dass sie das akzeptieren konnte, was er war, aber auch nicht, dass es für sie unmöglich wäre. Möglicherweise konnte er Hoffnung daraus beziehen, dass sie sie immer noch als Paar bezeichnet hatte, aber das musste nichts heißen. Der Exorzist bekam auch keine Gelegenheit, etwas zu erwidern, denn schon eine Sekunde danach stand Jinai auf.

„Wir sollten gehen. Jeremy und die anderen warten sicher schon auf uns." Nicht eine Sekunde lang sah sie ihn an, wie er enttäuscht feststellte. Aber was konnte er schon erwarten.

Kanda stand ebenfalls auf und ging zur Tür, hielt sie für sie auf, schloss sie hinter ihr und ging neben ihr den Gang entlang. Den gleichen Weg, den er gerade erst vom Krankenflügel hierher zurückgelegt hatte. Während des ganzen Weges fiel kein Wort zwischen ihnen.

Es gab unterschiedliche Arten von Stille, angenehme und unangenehme, und obwohl Kanda Stille mochte, war es diesmal eine von der unangenehmen Sorte. Eine, die eigentlich mit Worten gefüllt werden sollte, aber da Jinai von sich aus nichts mehr sagte, wollte er sie nicht dazu drängen. Dass es ihm einmal unangenehm sein würde, wenn sie nicht sprach …

Es begegnete ihnen auch niemand. Alle schienen bei der Arbeit zu sein oder, im Falle der anderen Exorzisten, schon in Jeremys Krankenzimmer, das er bis heute Morgen noch mit dem Bewusstlosen geteilt hatte. Jetzt war er wach und wollte sie sehen – sie alle. Kanda konnte sich nicht erklären, warum, denn er hatte bisher nicht viel mit dem anderen Exorzisten zu tun gehabt und hätte eher erwartet, dass Jeremy nur seine engsten Freunde sehen wollte … aber sie alle? Nun ja, das konnte Jeremy ihnen sicher gleich erklären.

Sie betraten die Krankenstation und gingen zu der Tür, hinter der Kanda die letzten drei Wochen verbracht hatte. Leise Stimmen waren zu hören und als Kanda die Hand auf die Türklinke legte, um zu öffnen, legte sich plötzlich Jinais Hand über seine. Verblüfft hielt er inne und sah sie an.

„Gib mir Zeit", bat sie leise.

Kanda verbarg seine Erleichterung. Er verbarg sie so gut, dass er sie selbst kaum mehr wiederfand, nickte und öffnete die Tür zu Jeremys Zimmer.


Raffael: 22, 20 ... wie lang wird es diesmal?

Jinai: Was meinst du?

Raffael: Na, wie viele Kapitel hat diese Story noch? Das bringst du ja jetzt nicht in einem einzigen Kapitel ins Reine.

Jinai: Ähm ... nein?

Raffael: Das ist so typisch für dich! Erst machst du so viel wie möglich kaputt und DANN überlegst du dir, wie du es wieder hinbiegst!

Jinai: Reg dich ab. Das mit dem Sequel ist ja schon semi-offiziell und jetzt ist es eben offiziell, DASS ES EIN SEQUEL GEBEN WIRD.

Raffael: Das hast du jetzt extra so groß geschrieben, damit es auch ja keiner übersieht.

Jinai: Ich bin ja so kluk. K-L-U-K.

Raffael: *headdesk* Bleibt ihr gewogen. Wenigstens ihr. Ich weiß nämlich nicht, wie lange ICH das noch mitmache.