Eine ganze Zeit lang ist es still im Haus. Pain sitzt noch immer auf dem Fensterbrett und starrt scheinbar ins Nichts. Den Gedanken freien Lauf lassend und sich nicht weiter um Jenny kümmernd.
Diese ist jedoch nicht ganz so relaxt. Allein um sich wieder komplett zu fassen, vergehen einige Minuten, bis sie schließlich ein paar leise Schritte ins Zimmer wagt. Dort lässt sie sich geräuschlos auf ihrem Bett nieder und sieht, völlig in Gedanken versunken, zu Boden.
Einige Stunden gehen so ins Land, in denen sich weder die eine noch die andere Seite in irgendeiner Weise rührt. Jenny hat auch vollkommen vergessen, darüber nachzudenken, wie sie die Sache ihrer Mutter und ihrer Schwester erklären soll. Da muss sie wohl wieder auf ihre spontane Kreativität hoffen, denn genau in diesem Moment hört man das Klicken im Schloss und eine geräuschvoll aufgeschlagene Haustür.
„Jenny? Ich bin zu Hause!", ertönt die leicht erschöpfte Stimme ihrer Schwester. Erschrocken zuckt die Angesprochene zusammen, als sie die Stimme ihrer Schwester vernimmt. Verunsichert gleitet ihr Blick durch das Zimmer, ehe sie auch bemerkt, wie Pain sie eingehend mustert. Eindeutig möchte er wissen, wer denn nun nach hause gekommen ist und Jennifer gibt ihm auch prompt die Antwort, bevor er noch ein Mal so reagiert. Ihre Worte verlassen ihre Lippen schon beinahe geflüstert, aus Angst, dass ihre Schwester sie hören könnte.
„Das ist meine Schwester. Sie heißt Carolin und ist nur am Wochenende hier." Nickend macht Pain Jenny bemerkbar, dass er verstanden hat. Dann würde nun das Schauspiel beginnen. Er müsste sich ein wenig verstellen, wenn alles glatt laufen müsste, aber darin sieht er keinerlei Probleme. Vor allem, da die Schwarzhaarige ebenfalls ihre Rolle gut spielt, und das ohne es ihr aufzuzwingen.
Mit schnellen Schritten verlässt Jenny das Zimmer, auf dem Weg zur Treppe, um ihre Schwester zu begrüßen. „Hi Caro! Endlich Wochenende, was?", fragt Jenny mit einem leichten Lächeln auf den Lippen. Die Angesprochene steht am Fuß der Treppe, die Hände die Hüfte gestemmt sieht sie die Jüngere vorwurfsvoll an. Ihre Figur ist ebenfalls sehr sportlich, was größtenteils auch daran liegt, dass sie mehrmals die Woche, abends ins Fitness-Studio geht. Soweit es ihr Studium nun mal zulässt. Als Schuhe dienen ihr einfache schwarze Turnschuhe mit zwei dicken schwarzen Streifen und schwarz-weißen Schnüren. Darüber trägt sie eine hellblaue, an den Oberschenkeln leicht ausgewaschene, Jeans mit einem breiten braunen, westernartigen, Gürtel. Die Schnalle ist groß, rund und silbern und sticht dadurch ein wenig hervor. Als Oberteil dient ihr ein luftiges weinrotes Shirt mit V-Ausschnitt. Die Ärmel gehen ihr bis zu den Ellenbogen, ein weißer Adler mit einem schwarzen Schriftzug dienen als Muster. Zwei kleine Silberohrringe funkeln unter ihrer leicht lockigen dunkelbraunen Haarmähne hervor. Diese hat sie mit einigen blonden Strähnen ein wenig aufgehellt. Die Augen sind in der gleichen smaragdgrünen Farbe, wie die ihrer Schwester und untermalen ihre leicht freche Art. Von der Größe her könnte man meinen, dass sie deutlich jünger wäre als Jenny, diese überragt sie um circa einen halben Kopf.
„Lässt Madame sich auch mal blicken.", fährt sie Jenny auch gleich gespielt beleidigt an. Diese lächelt gekünstelt weiter. „Tja, du kennst mich ja." Im Hinterkopf überlegt sich die Größeren bereits, wie sie ihre Schwester am Besten darauf vorbereiten könnte, dass Pain da ist. Ohne dass sie gleich denkt, dass Jenny in ihn verliebt wäre. Das passiert häufig und das könnte äußerst peinlich werden.
„Ach, ich habe noch Besuch oben. Aus der Schule, ist jemand aus der Parallel-Klasse, der mir ein wenig helfen kann.", erfindet sie kurzerhand eine Notlüge, auf die Caro glücklicherweise anzuspringen scheint. Immerhin konnte Jenny schlecht sagen, dass diverse Leute aus ihrem Manga lebendig wurden und jetzt einer von Ihnen unter ihrem Dach säße. Der nebenbei noch einige Menschenleben auf dem Gewissen hat und sechs verschiedene Körper besitzt. Das wäre vermutlich sehr schlecht gekommen.
Auf dem Gesicht von Caro bildet sich ein überlegenes Grinsen ab und Jenny ist klar, was jetzt kommen muss. „Aha, ist das dein neuer Lover?" Innerlich seufzend schließt die Schwarzhaarige kurz die Augen. Immer das Gleiche. „Nein.", antwortet sie nur knapp, wohlwissend, dass ihre Schwester es nicht bei der einen Frage belassen würde. „Dann ist es aber der, von dem du mir neulich erzählt hast. Der, von der Klassenfahrt?"
Jennys Gehirn arbeitet auf Hochtouren. Über wen hat sie mit Caro gesprochen? Hat sie einen Namen genannt? Doch dann macht es ‚Klick'. Es war ein gewöhnlicher Klassenkamerad, sogar aus ihrer eigenen Klasse, aber die Parallel-Klasse war ebenfalls dabei. Das könnte sie sich jetzt so zurechtbiegen, wie sie es brauchte. Wenn sie keinen Namen genannt hatte und auch nicht sagte, um wen es sich handelt, dann könnte sie Pain einfach als besagten Schüler ausgeben, der dann eben in die andere Klasse ging. Das war es! Der Plan war sicher, jetzt muss sie sich nur noch die Feinheiten aus den Fingern saugen.
„Ja, genau das ist er.", antwortet sie nur knapp, denn gerade hat sie den Schlüssel gefunden, wie sie Probleme lösen konnte. Zwei Fliegen mit einer Klappe. Jenny weiß, das Pain nicht viel reden würde und auch, dass er erst ein Mal wohnen bleiben muss. Also warum nicht beides miteinander verknüpfen? Perfekt!
„Uh~", ertönt das aufziehende Geräusch von Caro, woraufhin Jenny nur die Augen rollen kann. „Also stehst du doch auf ihn? Ich wusste es.", beantwortet sie sich soeben selbst die Frage, ohne der Schwarzhaarigen auch nur die Chance dazu zu geben, ihr zu antworten. „Ich sollte vielleicht wieder hoch gehen.", beendet Jenny das Gespräch vorerst. Es würde sowieso zu keinem vernünftigen Ende führen.
Gerade als Jenny wieder im Flur verschwinden will, hört sie ihre Schwester rufen. „Und wann lerne ich ihn kennen?", ruft sie ihr empört nach. Seufzend bleibt die Schwarzhaarige stehen und dreht sich leicht in die Richtung, aus der die Stimme kam. „Später!", gibt sie ihr nur zur Antwort, ehe sie sich weiter auf den Weg in Richtung ihres Zimmers macht.
Dort angekommen bemerkt sie, dass Pain sich mittlerweile vom Fenster wegbegeben und dieses geschlossen hat. Wartend sitzt er auf Jennys Schreibtischstuhl und blickt schließlich auf, als er sie durch die Tür kommen sieht. Sofort steht er auf, bleibt jedoch an seinem Platz stehen.
Jennys Hände beginnen wieder unwillkürlich zu schwitzen und nervös reibt sie sich die Handflächen an ihrer Hose trocken. Als sie vollends im Raum steht, schließt sie hinter sich die Tür, um sich dann unter einem lauten Seufzer auf ihr Bett fallen zu lassen.
„Was hast du ihr gesagt?", durchbricht die monotone Stimme des Leaders das Schweigen, weshalb die Schwarzhaarige sich leicht aufsetzt, dennoch etwas zurückgelehnt und sich mit den Händen hinter sich auf dem Bett abstützend. „Ich habe ihr gesagt, dass du ein Schüler aus der Parallel-Klasse wärst. Das hat sie mir auch geglaubt soweit, meine Mutter kommt auch bald nach hause. Mit ihr muss ich dann klären, dass du auch bleibst."
Pain zieht eine Augenbraue hoch, was sollte eigentlich heißen ‚Das er auch bleibe'! Er würde bleiben, so viel steht schließlich schon fest und daran kann auch Jennys Mutter nichts mehr ändern. Nervös kaut sich das Mädchen auf der Unterlippe herum, da hat sie sich wohl etwas unverständlich ausgedrückt. Jetzt muss sie schnell handeln.
„Also ich meine, ich werde ihr Bescheid geben, dass du bleibst. Wenn ich ihr das soweit ich mir das zu Recht biege, gesagt habe, dann wird sie sowieso nichts dagegen haben.", antwortet sie auch unverzüglich und atmet erleichtert aus, als sich die Gesichtszüge des Orangehaarigen merklich entspannen.
Carolin ist mittlerweile in ihrem Zimmer angekommen, es liegt im Erdgeschoss. Ihr Zimmer ist noch immer so eingerichtet, wie sie es verlassen hatte. Sie hat ihrer Mutter auch gesagt, dass sie es ruhig auch für andere Sachen nutzen könne, doch diese lehnte das strickt ab. Sie nennt es ‚eine kleine Erinnerung'. Erschöpft wirft sie ihre dunkelbraune Umhängetasche in die nächstbeste Ecke und schlurft zu ihrem großen, mit himmelblauem Lacken bezogenem, Bett. Müde lässt sie sich darauf nieder und streift ihre Schuhe ohne große Mühe ab. Schnell schlüpft sie in ihre schwarzen, sandalenähnlichen Hausschuhe und lässt sich seufzend zurück in die Kissen fallen.
In Gedanken ist noch beim heutigen Tag. Immer wieder ist es stressig, von der um einige Kilometer entfernten Universität zu ihrem Elternhaus zu fahren. Und das auch noch mit Bus und Bahn, auf die man sich ja sowieso genauso verlassen konnte, wie auf Wettervorhersagen. Nämlich gar nicht. Doch dann muss sie wieder schmunzeln, als ihre Gedanken zu ihrer jüngeren Schwester Jenny abdriften. Da hat sie doch tatsächlich Besuch von diesem Kerl bekommen. Insgeheim ist Caro schon gespannt, wie dieser mysteriöse Junge aus der Parallel-Klasse so ist. Eine Zeit lang hängt sie noch ihren Gedanken nach.
Jenny wendet ihren Blick wieder von Pain ab und starrt geistesabwesend zur Decke, immer noch auf den Handflächen abgestützt. Erneut ist sie so in Gedanken vertieft, dass sie schon wieder nichts in ihrer Umgebung bemerkt. Ebenso bleibt es ihr völlig unbeachtet, wie Pain sie weiterhin eingehend mustert, sein Blick über ihren Körper streift und er schließlich auf sie zu geht.
Erst als der Orangehaarige absichtlich mit seinem Fuß gegen ihren stößt, gelangt Jenny wieder in die Realität. Und auch erst dann bemerkt sie, in welcher Situation sie sich gerade befindet.
Mit undefinierbarem Blick sieht er auf sie hinab, während sie diesem Blick mit einer Mischung aus Angst und Ungewissheit entgegen sieht. Gerade als Jenny ihre Beine hoch aufs Bett ziehen will, um ein wenig Abstand zwischen sich und den Leader zu bringen, drückt er mit leichter und dennoch bestimmender Gewalt ihren Oberschenkel wieder nach unten. So kann sie sich nicht mehr rühren, zumindest ihre Beine nicht, aber was konnte sie so auch schon groß ausrichten?
Die Angst macht sich weiter in ihr breit und genau das spiegelt sich auch in ihrem Blick wieder. Jenny hat keine Ahnung, was Pain bezwecken will, doch so ganz geheuer ist ihr die Sache ja nicht und dennoch gefällt ihr dieses Gefühl und sein Verhalten.
Die Hand weiterhin ruhig auf Jennys Oberschenkel ruhend sieht er dem Mädchen genau in die Augen. Er genießt ihre aufkommende Angst und saugt dieses unterwürfige Gefühl förmlich auf. Erneut bestätigt sich seine Theorie und gleich wird sich zeigen, ob er damit Recht behält. Doch warum sollte er falsch liegen?
Jennys Arme fangen leicht an zu zittern, am liebsten würde sie sich jetzt aufrichten und erst ein Mal ein wenig Ruhe tanken. Doch dazu würde sie erst ein Mal nicht kommen, denn immer noch gibt es keine Ausweichmöglichkeit. Dann bemerkt sie auch noch, wie Pain ihr immer näher kommt. Sich Stück um Stück weiter nach vorne beugt.
„Pain-sama.", entweicht es nur flüchtig ihren Lippen, doch der Angesprochene reagiert gar nicht darauf, lässt sich in seinem Tun nicht unterbrechen. Der Leader nimmt seine rechte Hand von ihrem Bein und drückt Jenny aus ihrer instabilen Position zurück aufs Bett. Diese kann sich sowieso kaum dagegen wehren. Zunächst ein Mal, da sie keinerlei Kraft mehr in den Armen verspürt hat und zum Anderen, da sie einfach unter einer Schockstarre steht und somit unfähig ist, sich zu bewegen oder zu wehren.
Langsam realisiert sie, was da passiert. Sie liegt auf dem Bett, kann sich nicht wirklich bewegen und hat auch keine Fluchtmöglichkeiten, über steht Pain und sie trennen nicht ein Mal mehr zehn Zentimeter, sodass sie seinen Atem auf ihrem Gesicht spürt. Die Röte steigt immer weiter und sie ist sich immer noch nicht sicher, was Pain vorhat. Hofft jedoch nicht gerade das Schlimmste, aber wäre es schlimm?
