A/N: Seit Jahren fast unangefochten mein Lieblingslied. Hier das woran ich immer bei diesem Lied denke. Mir geht es ziemlich dreckig, darum auch ein sehr deprimierendes Werk.
Charaktere/Pairing: Tony und Abby, vllt. als Tabby deutbar
Lied: "My Immortal" by Evanescence
Wortanzahl: 818 Wörter
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My Immortal
Ruhig, ohne Hast zieht sie sich an.
Schwarzer Slip und schwarzer BH.
Schwarze Strumpfhose.
Schwarzer Rock und schwarze Bluse.
Schwarze Schuhe mit Absatz und schwarze Armreife.
Schwarzes Make-up.
Weißes Gesicht.
Ein normaler Anblick sieht ihr aus dem Spiegel entgegen.
Schon seit Wochen, Monaten oder vielleicht auch Jahren sah sie nichts anderes.
Dunkle Augen umrahmt von schwarzen Wimpern und dunklem Lidschatten.
Schwarzer Lippenstift anstatt roter.
Langsam bürstet sie ihr Haar zurück.
Ein Pferdeschwanz links.
Ein Pferdeschwanz rechts.
Ein gerader Pony vorne.
So oft hatte sie schon diese Bewegungen gemacht.
Es war immer das Gleiche.
Dies war gleich geblieben.
Nur alles andere hatte sich verändert.
Keine Besuche mehr in der Nacht.
Kein stundenlanges Tanzen mehr um zu vergessen.
Kein Trösten mehr, wenn die Alpträume zu schlimm werden.
Kein Wegwischen der Tränen mehr, wenn sie fallen, wenn sie nicht mehr zurück zu halten sind.
Kein warmer Körper mehr zum Umarmen.
Nur noch ein Schatten, ein Gefühl, dass er noch hier war.
Dass sie ein starker Körper umarmt. Arme, die sie umfangen. Ein Kopf der sich an sie schmiegt.
Er war nicht mehr da.
Es gab keine Alpträume mehr.
Keine Tränen zum Trocknen.
Keine Hand, die sie mehr halten konnte.
Es gab nur noch die Erinnerung daran.
Nur noch Erinnerungen an Träume, die sie geteilt hatten.
Erinnerungen an Erlebnisse von ihnen.
Erinnerungen an ihn.
An ihn, wie er vor Jahren war, bevor es anfing.
Oder.
Bevor er sie hineinließ.
Bevor er anfing von seinen Gedanken zu erzählen.
Seinen Träumen.
Seinen schlaflosen Nächten.
Seiner Vergangenheit.
Seiner Vorstellung von der Zukunft.
Sie hörte jedes Mal zu.
Hörte zu, wie er sich hasste.
Wie er alle um sich hasste.
Wie er sie manchmal hasste.
Hörte ihm zu und tröste ihn.
Trocknete die Tränen.
Wischte das Blut von seiner Haut.
Umarmte ihn.
Ließ zu, dass er sie zerbrach.
Und nun?
Nun, wo er nicht mehr da war, sah sie ihn immer noch.
Sein Gesicht.
Lächelnd, weinend, leer ohne Ausdruck, bespritzt mit Blut.
So viele Gesichter, aber immer nur seins.
Nur seins sah sie in ihren Träumen.
Sie schrie nach ihm.
Klammerte sich an ihn.
Wollte ihn nicht loslassen.
Wollte ihn nie wieder sehen.
Sie wollte bei ihm sein.
Ihn spüren.
So wie damals.
Sie wollte ihn vergessen.
Sie wollte ihr altes Leben wieder haben.
Ein Leben, bevor sie ihn kannte.
Ein Leben, wo er einfach nur er war.
Ein Leben, wo er sie nicht brauchte.
Ein Leben, wo er lebte.
Ein Leben, wo er nicht ihr Leben Stück für Stück nahm.
Ein Leben, wo sie nicht so müde war.
Ein Leben, wo sie Angst haben durfte.
Ein Leben, wo sie etwas anders fühlte als Taubheit.
Ein Leben, dass nicht wie seins war.
Sie wollte so viel.
Die Wunde sollte sich schließen.
Sie sollte ewig offen bleiben.
Bluten.
Eitern.
Ihr Schmerzen bereiten.
Sie langsam töten.
Sie mit ihm vereinen.
Arme, die sich um sie schlangen.
Ein Körper, der sich an sie schmiegt.
Er war bei ihr.
Er war immer bei ihr.
Er ließ sie nie alleine.
Ebenso wie seine Vergangenheit ihn nie verließ, verließ sie ihn nie.
Sie war immer für ihn da.
Würde ihn nie verlassen.
Im Leben und im Tod.
Er brauchte sie.
Brauchte sie, damit sie ihn trösten konnte.
Damit sie seine Hand halten konnte.
Damit sie seine neueste Wunde verband.
Damit sie seine Rasierklingen wegwarf.
Damit sie ihn anflehte damit aufzuhören.
Damit sie ihn anschrie endlich Hilfe zu suchen
Damit sie ihn verstand und zu sah.
Damit sie einfach nur bei ihm war.
Sie verstand all dies.
Hatte es schon lange verstanden.
Kämpfte schon lange nicht mehr dagegen an.
Stattdessen strich sie wie jeden Tag ein letztes Mal über ihren Rock.
Strich ihn glatt.
Spürte den Verband unter ihrer Strumpfhose.
Fest um ihren Oberschenkel gewickelt.
Spürte wie einer der Schnitte langsam verheilte.
Wie aus einem anderen neues Blut hervorquoll.
Spürte den Schmerz, der sich ausbreitete.
Spürte nur noch, dass sie am Leben war.
Spürte keine Tränen, die ihre Wangen herunterrinnen.
Spürte keine Trauer, die sie zerriss.
Spürte nur den Schmerz.
Spürte das Leben.
Und dies war das einzig Wichtige.
Sie war am Leben, solange sie dies spürte.
Solange sie dies spürte, konnte sie lächeln.
Konnte sich umarmen lassen.
Sich trösten lassen.
Und konnte ihn verabschieden.
Konnte seinen Geist um sich spüren.
Dies war das Wichtigste.
Sie konnte ihn spüren.
Er war bei ihr.
So wie er ihr Leben lang bei ihr sein würde.
Würde ihn das ganze Leben lang neben sich spüren.
Würde ihr ganzes Leben lang die Einsamkeit spüren, die er schon so lange mit sich brachte.
Nur so war es ihr möglich.
Nur so schaffte sie es.
Nur so konnte sie die Abby spielen, die man erwartete, wenn man ihren besten Freund beerdigt.
Nur so war sie die Abby sein, die Tony erschaffen hatte.
Und mehr, mehr brauchte sie doch gar nicht zu sein, dachte sie mit einem falschen Lächeln auf ihren Lippen, als sie ihren Mantel nahm.
Ende
A/N: Zuerst mal, ich weiß, dass es ein Liebeslied ist, aber meiner Meinung nach kann man es auch als Lied über eine wirklich feste Freundschaft sehen.
Außerdem noch eine kleine Erklärung.
In „Schmetterling" habe ich aufgezeigt, dass man es manchmal alleine durch die Unterstützung von Freunden schafft. Doch dies ist wirklich die Ausnahme.
Diese Fic zeigt die traurige Realität. Es ist toll, wenn man sich traut sich jemanden anzuvertrauen und endlich den Mut findet seine Sorgen/Probleme einzugestehen, aber dabei vergisst eins nie.
Freunde können als Unterstützung wunderbar sein, aber denkt daran, dass ihr sie gleichzeitig selbst auch belastet.
Wenn ihr Mut habt mit ihnen zu sprechen, habt auch den Mut professionelle Hilfe aufzusuchen. Nicht nur für euch, sondern auch für eure Freunde.
Egal wie schwer es euch fällt.
