Mitten in der Nacht ein viel zu üppiges Frühstück und You are my Lucky Star. Zu welchen Extravaganzen er Chase' wegen fähig war, erschreckte ihn zuweilen. Als sie sich zu Quando quando quando vorgearbeitet hatten, hätte House heulen mögen, so ernst meinte er den albernen Text, den er intonierte, nachdem Chase ihm erklärte, dass seine Mutter mit ihm dazu im Wohnzimmer herumgehüpft war.

Tell me when will you be mine
Tell me quando quando quando
We can share a love divine
Please don't make me wait again

Every moment's a day
Every day seems a lifetime
Let me show you the way
To a joy beyond compare

oOo

Chase verehrte House' Singstimme, die sich so sehr von seiner normalen unterschied und doch nicht aufdringlich oder angestrengt klang. Und was noch schöner war: er fühlte sich plötzlich wie der Junge auf den Foto. Begünstigt und froh, weil Mum wieder lachte und er keine Bürde mehr war. Und weil House sich nicht über die Schmetterlinge lustig gemacht hatte. Keiner hatte ihm geglaubt, dass Insekten lachten. Natürlich taten sie das nicht. Nur für Mum und vielleicht noch für House, der sie besser verstanden hätte als Dad. Ein bisschen verrückt war er schließlich auch.

Zwischen den Schenkeln klatschte er lautlos im Takt des Liedes, das er mit seinem Tenor begleitete, während sie am Tisch saßen, Kaffee schlürften und Pfannkuchen aßen. House hatte es wieder einmal geschafft.

Er war der einzige Mensch, der einem Unglück in all seiner Tristesse noch das Positive abtrotzte, obwohl er als unverbesserlicher Misanthrop galt. Das war wahre Ironie.

Voller Übermut leuchteten ihn die blauen Augen an. Seine eigene Freude spiegelte sich darin, und er konnte auf einmal kaum atmen vor Glück.

Als House aufstand, um zum Klavier zu gehen, tapste er hinter ihm her, willenlos wie ein Hündchen. Vor dem Flügel blieb House stehen und taxierte den Jüngeren aufmerksam. Regungslos verharrte er; nur die Arme breitete er aus, gerade weit genug, um ihn einzulassen. Chase spürte sein Herz schneller schlagen. Wie in Zeitlupe stolperte er ihm entgegen, fast so, als hätte er unter einem Gehfehler zu laborieren und nicht sein Mentor, der ihn sehnsüchtig umfing und sich jetzt in seinen Liebhaber verwandelte, ihn benebelte mit seiner Körperlichkeit. In seiner zunächst rücksichtsvollen, ihn fast nicht berührenden Umarmung versank er, genoss es, den herben Moschus zu riechen, die bewundernswert ausgeprägten Muskeln und den pochenden Herzschlag unter dem Hemd zu ertasten, mit allen Sinnen da zu sein für ihn.

Es gelang ihm nicht, seinen Körper unter Kontrolle zu bekommen, der seinem Verstand wie immer voraus war, wenn es um House ging. Aber es war ihm gleichgültig. Manchmal stoppte ihn der Gedanke, dass er sündigte. Heute nicht. Er ergriff selten die Initiative, auch wenn House ihm das Gefühl gab, alles in der Hand zu haben. Doch für ihn war es viel schöner, sich treiben zu lassen. Dass er es unter House gelernt hatte, machte ihn auf groteske Weise stolz.

House flüsterte in sein Ohr. „Sie sind für Gründlichkeit, wie konnte ich das vergessen? Sie wollen es noch nicht zu Ende gehen lassen."

„Nein", sagte er, heiser vor Aufregung und hoffte, dass seine nächsten Worte nicht schwülstig oder dumm klangen. „Ich liebe Sie. Ich kann es. Bitte."

„Okay", flüsterte er in einem beschwichtigend brummenden Timbre. „Lassen Sie es uns umgekehrt machen. Ich habe extra für Sie das hellblaue Hemd angezogen, das Sie so mögen. Mir gefällt es leider gar nicht."

Er verstand sofort. Ein Code. Die Erlaubnis dafür, ihn auszuziehen. Er gestattete es ihm nicht oft, und er wusste das Angebot zu schätzen. Genauso bedacht und traumsicher wie House ihn gehalten hatte, knöpfte er ihm das Hemd auf. Ausnahmsweise trug er darunter keines seiner üblichen Schmuddel-T-Shirts, sondern nur ein Unterhemd, in dem er verboten begehrenswert aussah mit den breiten nackten Schultern.

Als stünde er neben sich wie auf einem irren Drogentrip, konnte er sich und House beobachten und staunen über dessen athletische Erscheinung, der das verkrüppelte Bein keinen Abbruch tat. Irgendetwas musste dem Kaffee beigemischt gewesen sein; House kam ihm vor wie ein Wesen aus einer anderen Welt. Wäre es nicht Blasphemie, hätte er wie ein Gott gesagt, doch allein daran zu denken, verwehrte er sich.

Atemlos und beeindruckt strich er über die überraschend dunklen Arme, in denen sich die Sehnen anspannten, als er ihn mit Leichtigkeit auf den Flügel hob und ihn mit einem leisen Stöhnen an sich presste. Wie beim ersten Mal, als er dort auf ihn gewartet hatte.

Fiebrig, wie von selbst, knetete er House' Brust, die unter Stoff verborgen nicht gar so imposant wirkte wie jetzt und sein Schutzschild war. Obwohl sie sich hart und muskulös an seine Handflächen drängte, berauschte es ihn derart, dass er hoffte, ihm mit seiner derben Massage nicht wehzutun, als er in eindeutiger Absicht die Finger weiter hinunter über die feste, gebräunte Haut wandern ließ. House' behagliches Grunzen verriet ihm das Gegenteil.

Ein seliges Lächeln zuckte in seinem Gesicht, während er die Befriedigung seiner Tat auskostete. Sein Mund wurde trocken, um sich überraschend mit Speichel einzuschießen in dem Moment, in dem House ihn ihm aufzwang.

Ein Quietschen entwich ihm, und er rutschte instinktiv ein Stück zurück. Ohne ein Zeichen von Ungeduld oder Aufregung holte House ihn wieder zu sich her, quetschte seine Lippen und öffnete die Kordel der Jerseyhose, dann den eigenen Gürtel. Er blieb so sanft, dass Chase ein wenig ruhiger wurde. Trotzdem war etwas nicht so, wie es sein sollte.

Bangigkeit schnürte ihm die Kehle zu, und er wusste nicht, welche Kraft größer war. Die Angst oder das Verlangen nach Nähe, das vorher eine so abrupte Wende genommen hatte. Entsetzt stellte er eine Unsicherheit an sich fest, die nicht existiert hatte, bevor House ihn um das Foto gebeten hatte. Sie hatten gebalgt, gespielt, und daraus entwickelte sich im besten Fall mehr. Den verspielten House zog er dem vor, der er jetzt gerade war. Der oft einschüchternd wirkte, wenn er ihm eine Seite an sich offenbarte, die er niemanden sonst sehen ließ.

„Vorsichtig", bat er verwirrt und ließ den Kopf auf seine Schulter sinken. Sein euphorischer, bebender Zustand konnte nicht allein eine Droge auslösen. House war mitschuldig, wenn nicht sogar der Hauptverdächtige, der nun zu keuchen begann, die Hand schützend an Chase' Hinterkopf legte und seinen Oberkörper hinunter aufs Piano drückte. Hechelnd vor Erregung griff Chase nach ihm.

„House ... bitte."

„Ganz ruhig", murmelte House. „Sie müssen nichts tun oder mir etwas beweisen. Wenn Sie nicht bereit sind, ist das keine Schande."

„Ich bin", widersprach er fast wild zwischen einladenden Stoßseufzern. „Ich ... möchte es."

Tapfer und vielleicht mit Rücksicht auf die schlafenden Nachbarn, die es nach House' Dafürhalten nicht gebraucht hätte, verbiss er sich einen Schrei, um sich nach einer kurzen, befremdlichen Phase der Disharmonie seiner Dynamik anzupassen, inständig und feurig, beinahe zu ungestüm. Sein fein geschnittenes Gesicht war schweißüberströmt, seine Lippen zitterten unter der Anstrengung, sie nicht zu öffnen, und er bäumte sich auf, unregelmäßig durch die Nase atmend und nun doch wimmernd. House war sich nicht sicher, ob er Schmerz empfand. Der Anfang war selbst für ihn schwierig gewesen, weil Chase nicht so angstfrei war wie in Paris.

Er hätte ihn gerne beschwichtigt, doch das einzige, das er ihm bieten konnte, waren seine Hände, da seine mit der Ekstase dahinwehende Stimme nur zu einem ersterbenden Stöhnen taugte. Enger und enger schloss sich der Strudel mit den zusammenziehenden, seidigen Muskeln um ihn, ließ ihn wanken und zittern und gedämpft seufzen, bis Chase sich entspannte und seinen Blick suchte, um ihm zuzulächeln. Dasselbe Lächeln, das ihm damals versichert hatte, dass er es gut machte.

Erleichtert, es zu sehen, war er entschlossen, Chase' Mut zu honorieren, indem er das Optimum ihrer Sinnesempfindungen durch bedachte Bewegungen ausdehnte, die auf uneingeschränkte Zustimmung stießen. Chase gab kleine, beglückte Geräusche von sich, unter die sich gelegentlich ein überwältigtes Schluchzen stahl. Man konnte nichts verkehrt machen mit ihm, das unterschied ihn von jeder Frau, die er bisher gehabt hatte. Er war ein Wunderwerk an erogenen Zonen, fast zum Neidischwerden. Und das sensationell fühlbare Spiel seiner Muskeln, innen und außen, machte House noch schärfer auf ihn. Es fiel ihm schwer, sich zurückzuhalten. Als Chase sich ihm entgegenbäumte und ein erlösender Schrei aus seiner Kehle brach, umschloss er ihn zitternd mit einem lauten Keuchen, während er seinen nahenden Orgasmus hinauszögerte, bis ein warmer Teil aus ihm flutete und der Chase erschöpft an ihn fiel.

In angenehmer Ermattung nahm er ihn wieder in die Arme, wo sie allmählich zur Ruhe kamen. Verschwitzt lehnte der Junge an ihm; seine Glieder umschlangen ihn fest, und er fasste ein wagemutiges Vorhaben, das Chase aus seiner Trance rüttelte.

Er ging tiefer, kniete sich vor ihn und spreizte seine Beine. Chase, der der Annahme gewesen war, es sei vorüber, barg das Gesicht in den Händen, doch es kam ihm nicht in den Sinn, ihn zurückzustoßen. Nichtsdestoweniger schien er zu ahnen, was er plante.

Aber es war Zeit für etwas Neues. Etwas, das sie beide noch nicht erlebt hatten und das neben bedingungslosem Vertrauen in den Partner auch Selbstvertrauen forderte. Behutsam saugte er an Chase' flachem Bauch, wanderte nach unten und hinterließ eine glitzernde Spur seines Speichels vom Abdomen bis zum Darmbeinmuskel.

Schreckensstarr ließ Chase ihn gewähren. In einem letzten verzweifelten Versuch, ihn zurückzuweisen, ziepte er halbherzig an seinem Haar, was House jedoch nicht tangierte. Wollüstig fuhr seine Zunge über die Hüfte, leckte den milden und zugleich würzigen Schweiß an den Innenseiten seiner Gliedmaßen auf. Er schmeckte so gut, so urwüchsig und jugendlich, dass er sich völlig vergaß, während er die schlanken Beine streichelte, in denen sich die Muskeln abermals verkrampften. Um einigermaßen Halt zu haben, glitt Chase jetzt vom Klavier. Tränen liefen aus den vor Scham geschlossenen Augen über seine Wangen.

„Oh, Gott ... nicht! Das ist … schmutzig …"

„Es ist nicht schmutzig. Sie sind schön. Wie kann etwas schmutzig sein, das mit Ihrem schönen Körper zu tun hat?"

„Hören Sie auf", flehte er. „Ich habe Angst. Ich habe das noch nie-..."

House sah zu ihm auf, sein Atem ging schwer.

„Ich auch nicht, ist das nicht aufregend? Lassen Sie uns ein bisschen experimentieren. Ich tue Ihnen nicht weh. Es wird Ihnen Spaß machen, das verspreche ich. Vertrauen Sie mir."

Kein Eigentlich sollten Sie hier unterwürfig zwischen meinen Beinen japsen, nicht die Spur von Spott in seiner heiseren Stimme. Irgendwie stärkte das sein Selbstgefühl, zumal er sich der magnetischen Anziehungskraft des Mannes vor ihm, seinem Duft und der Schwüle zwischen ihnen keineswegs entziehen konnte. Möglicherweise war es nicht richtig, nein, ganz sicher nicht, aber er spürte, dass House nicht davon abzubringen sein würde. Dass es neu für sie beide schien, machte das Ganze zu einem Abenteuer. Er hätte nicht gedacht, dass es etwas gab, auf dem House sich als Anfänger erwies (und auch noch die Größe hatte, es einzugestehen) und trotzdem relativ nüchtern handelte. Eine Nüchternheit, die ihm zusätzlich Sicherheit vermittelte. Er durfte ihm vertrauen. Das war eine der wundervollsten Lektionen, die House ihn gelehrt hatte.

Das heftige Aufwallen in seinen Venen und Lenden erschreckte ihn dennoch. Er bat sich Zeit aus, indem er House sachte und unmotiviert, aber unmissverständlich wegschubste. Leise zischend gab der Andere ihm nach und kam dann unbeirrt wieder, die langen, schmalen Finger schlossen sich um seine Taille, hielten ihn.

Er schwankte und hoffte, nicht ohnmächtig zu werden vor Leidenschaft und Scham. Noch nie hatte er jemandem gestattet, ihm auf diese Weise näher zu kommen. Unerwartete Feuchtigkeit von House' Zungenspitze an seinem Bauch, die sich tiefer arbeitete, ließ ihn alarmiert und unterschwellig schluchzend keuchen. Und dann geschah etwas, das er nicht beschreiben konnte, das ihn hinauswarf in eine aufpeitschende Flut aus Entzücken und ziehendem, merkwürdig wohligem Schmerz. Er weinte, bis er schließlich nicht mehr weiter wusste und sich vergeblich zu artikulieren versuchte. Ein verständliches Wort bekam er nicht heraus. Einzig ein wonnevoller Laut, der in seinen Ohren dröhnte. Danach eine Reihe von schnappenden Atemzügen, als er House' Schultern haltsuchend umklammerte. Jeder Muskel in seinem Körper spannte sich, während er allmählich in eine Versunkenheit driftete, die ihn sanft umfing. Mit seiner Stimme konnte der Ältere ihn nicht mehr beruhigen, aber er beschrieb langsame Kreise auf seinen Hüften, ließ die Hände von dort über die Pobacken wandern. Ein Schauer lief über seine schweißtriefende Haut und ließ ihn erzittern, aber es war schön, nicht bedrohlich oder schmerzhaft; unwillkürlich kippte er das Becken vor, um mehr davon zu haben.

Er wagte es nicht, die Augen aufzumachen. Was House jedoch nicht weiter schlimm fand. Auf diese Weise war es leichter für Chase, zumal er deutlicher in seinen Körper hineinhorchen und in dessen Empfindungen schwelgen konnte. Ein tierhaftes Stöhnen vibrierte in seiner Kehle und brach heraus, als er jäh den Kopf zurückwarf und erbebte. House grub die Finger in das feste Fleisch unterhalb des Pos, wobei ihm bewusst wurde, dass er womöglich Chase' Schamgefühl aufs Schwerste verletzte. Aber er wollte ihm zeigen, dass er ihn auf gleichwertiger Basis respektierte, er nicht der Lakai war, der auf Abruf bereitstand, wenn House als der Ältere und Arbeitgeber es wünschte. Außerdem erfüllte ihn die Lust, die beide nicht zu bemänteln imstande waren, mit einem unbändigen Taumel, in dem er sich mit Chase verlor.

Sein Bein gab nach, woraufhin sie beide auf den Boden fielen, Chase über ihn. Er konnte nicht sprechen vor Aufruhr, auch ein Lächeln wäre zuviel verlangt, doch seine Augen hatte er selten so glänzen sehen. Heftig und roher, als er es von ihm gewöhnt war, nahm er nach einem kurzen Robben über den Teppich House' Nasenspitze in den Mund, nagte an ihr und drückte das Knie impulsiv in seinen Lendenmuskel. Er war außer sich, aber nicht verletzt. Und er merkte, dass es in Ordnung war, nicht nur für Chase, der trotz der aufputschenden Wirkung von Koffein und den in Unmengen ausgeschütteten Hormonen Endorphin und Oxytocin kurz danach wie ein Stein ins Bett fiel.

„Vielleicht wäre meine Kindheit behütet gewesen mit Ihnen als Vater", resümierte er im Halbschlaf und schlang besitzergreifend den Arm um ihn, um sich dicht an ihn zu kuscheln. „Das Erwachsensein aber sicher nicht aufregender."

„Ich hätte dich für immer", murmelte er; Chase' verblüffendes Vertrauen und die Tatsache, dass er sich nicht schämte für House' zugegebenermaßen frivole Aktion, hatten ihn in eine sentimentale Stimmung versetzt. „Und ich würde nicht wissen, was mir entgangen wäre."

Seinen Geschmack hatte er immer noch im Mund. Mentholhaltig wie das Harz von Nadelhölzern und einen Hauch Fruchtsüße.

Die Nase an seiner verführerisch duftenden Haut, folgte er ihm ins Reich der Phantasien, wo er von Mrs. Chase und sich als glücklich vereinigtes Paar träumte, auf dessen Weg zum Altar Wilson und Cuddy Jim Beam und Jack Daniels ausgossen als symbolischen Akt dafür, dass er Mrs. Chase vollständig von der Trunksucht geheilt hatte. Und dann sah er den kleinen Robert, der ihm entgegen rannte, sich übers ganze Gesicht strahlend von ihm herumwirbeln ließ und Daddy zu ihm sagte.

oOo

Cuddy schneite ins Büro und erwischte ihn bei seiner Lieblingsbeschäftigung, dem Dösen auf dem Ruhesessel. Sein Team war in der Klinik unterwegs, ein neuer Fall noch nicht in Sicht. An diese Arbeitseinteilung könnte er sich gewöhnen. Nicht jedoch an Cuddys mürrischen Gesichtsausdruck, der sie älter machte als sie war.

„Wir müssen reden." Ihr scharfer Ton verhieß nichts Gutes, so dass er beschloss, sich nach einem kurzen Blick aus dem linken Auge weiterhin schlafend zu stellen. Allerdings unterschätzte er ihre Unbeugsamkeit. Mit dem Gehstock, der auf dem Boden neben ihm lag, hieb sie gegen das Polster. Erschrocken fuhr er auf und blickte in ihr grimmiges Gesicht. Was war los? Er konnte sich nicht erinnern, heute schon einen Finger gerührt und damit ihren Unmut auf sich geladen zu haben.

„Kriege ich endlich ein Date mit Ihnen?" versuchte er zu scherzen, doch sie verzog keine Miene.

„Chase macht mir Sorgen", eröffnete sie ihm, mit der Tür ins Haus fallend. Als ob er es nicht vermutet hätte. „Seit Sie beide aus Paris zurück sind, benimmt er sich eigenartig, und das fällt nicht nur mir auf. Geben Sie ihm frei, bis er wieder der alte ist. Wenn Sie es nicht tun, muss ich ihn vom Dienst freistellen."

„Inwiefern eigenartig?" Damit konnte sie ihm nicht kommen. Er war anders als die meisten, das wohl, aber seine Arbeit erledigte er in der Regel gewissenhaft bis auf den Ausrutscher mit dem Heuschnupfen, der ohne Konsequenzen geblieben war.

„Er ist so ... nun ja ... so abwesend. Ich weiß nicht, was geschehen ist auf Ihrem Wochenendtrip, und ich nehme an, Sie werden es mir nicht verraten, aber es scheint, dass ihn persönliche Dinge seitdem weitaus mehr interessieren als das Wohl unserer Patienten. Die Sache mit der Kalziuminjektion ist Gott sei Dank glimpflich verlaufen, aber wer kann sagen, ob er nicht einmal einen größeren Fehler macht, der sich nicht als Kunstgriff tarnen lässt."

„Er vermisst seine Mom", erwiderte er vollkommen ernst. „Und hofft, dass Sie ihm eine sein können. Andererseits würde er Sie kaum jeden Tag zum Lunch einladen. Ich strenge mich an, aber in Rock und Blazer mache ich keine so gute Figur wie Sie. Wenn Sie mich heiraten, können wir Vater-Mutter-Kind spielen. Ich glaube, das würde Chase gefallen. Und nicht nur ihm. Wir hätten zwei Fliegen mit einer Klappe geschlagen. Eventuell sogar drei? Geben Sie's zu. Sie sind heiß auf mich, ich seh's an Ihren steilen Nippeln."

Ein spöttisches Lächeln kroch in ihre Mundwinkel, und er richtete sich auf, damit sie nicht mehr auf diese herablassende Art auf ihn herunterschaute. „Das hätten Sie gern. Halten Sie mich nicht zum Narren, House. Seine Mutter ist schon lange tot und er erwachsen."

Es gelang ihm, ihr seinen Gehstock zu entreißen. Ein gespielt furchtsames „Uuuh!" von sich gebend, wich sie zurück.

„Da sprechen Sie ein großes Wort gelassen aus. Ein kleiner Junge verspürt eher das Bedürfnis nach einer Familie als ein großer. Er war klein, als er keine hatte. Und irgendwie ist er immer noch nicht richtig erwachsen."

Und wenn er es nie sein wird, soll es mir recht sein.

„Sie vermuten Nachholbedarf? Dafür ist es ein wenig spät, oder? Bisher schien es kein Problem zu sein, damit fertig zu werden. Und falls Sie andeuten, er plaudere mit mir aus dem Nähkästchen in der Cafeteria, muss ich Sie leider enttäuschen. Ich spreche mit ihm. Er will alles Mögliche wissen über meine Herkunft. Manchmal fragt er nach Ihrer. Es scheint fast, als glaube er, ich könnte ihm mehr über Sie mitteilen als Sie selbst. Ich frage mich, wieso?"

Die Augen verengend, lehnte er sich an den Schreibtisch und jonglierte einhändig mit dem Filzball. Interessant. Chase mimte Sherlock Holmes. Und das, obwohl er behauptete, dass ihn sein Privatleben nichts anginge und er nichts darüber erfahren wolle, ehe House nicht selbst dazu bereit war, die Karten auf den Tisch zu legen. Eigentlich hatte er keines, ein Privatleben. Jedenfalls nicht vor der Zeit mit Chase. Was vorher gewesen war, versandete in Bedeutungslosigkeit, denn er versuchte, für den Augenblick zu leben, auch wenn es nicht immer leicht war.

Von Stacy hatte er ihm berichtet, auch teilweise von seinen Eltern, obwohl Chase ihn nicht dazu ermutigt hatte. Aber dass er nun auf Umwegen an Informationen heranzukommen gedachte, indem er Cuddy löcherte, schien ihm ein kluger Schachzug. Passte zu seinem cleveren Angestellten. Allerdings hatte er sich keine besonders verlässliche Quelle ausgesucht. Wenn überhaupt, hätte er sich selbst anzapfen müssen, denn er war derjenige, dem House das Meiste über sich erzählt hatte. Viel gab es nicht, das spannend genug war, weiter zu verbreiten, abgesehen davon, dass Chase solche Dinge absorbierte und grundsätzlich für sich behielt.

Er wusste, dass das hartnäckige Gerücht kursierte, er und die Administratorin des PPTH seien liiert gewesen, doch wer immer es in die Welt gesetzt hatte, fand Spaß daran, seine Mitmenschen in die Irre zu führen und Geschwätz heraufzubeschwören. Gelegentlich argwöhnte er, dass Cuddy selbst es gestreut hatte. Irgendwie würde ihm das schmeicheln.

„Erwähnen Sie bloß nicht unsere uneheliche Tochter. Weiblicher Konkurrenz fühlt er sich nicht gewachsen."

Mit einem verächtlichen Schnauben raffte sie ihren Blazer über der Bluse zusammen, die mehr enthüllte als verbarg, und stakste auf ihren fatal hohen Absätzen zur Tür, wo sie sich noch einmal umdrehte und wütend ihre Locken ausschüttelte.

„Ich mache keine Witze. Geben Sie ihm Urlaub, bevor Sie einen neuen Fall haben, dem Chase' momentane Unachtsamkeit zum Verhängnis wird."

„Über was reden Sie denn so mit Chase?" erkundigte er sich ehrlich interessiert, doch so beiläufig wie möglich und verschränkte die Hände im Nacken, während er den Drehstuhl nachlässig hin und her schwang und das kranke Bein unter Einsatz des überkreuzten gesunden auf das Pult hievte. Es war besser geworden, aber er hatte nicht darauf geachtet, seit wann. Die Medikation brachte er nicht mehr häufig zum Einsatz. Chase' Verdienst. „Ich würde gern ein bisschen mehr über Sie erfahren. Und über mich."

„Berufsgeheimnis", schmetterte sie ihn ab und presste die Lippen zu einem weißen Strich aufeinander. „Nur soviel. Mein Einfallsreichtum, Sie in gutes Licht zu rücken, nimmt von Tag zu Tag mehr ab. Darum sorgen Sie dafür, dass er sich eine Auszeit nimmt. Am besten gleich morgen."

Wilson, der ihm wenig später seine Aufwartung machte, stieß ins selbe Horn. „Ich dachte, im Labor wäre er keine so große Gefahr wie in der Klinik. Aber er hätte Proben vertauscht, wenn Cameron nicht ein Auge darauf gehabt und die Krankengeschichten beider Patienten noch einmal abgeglichen hätte. Ein Lapsus, der verheerende Konsequenzen hätte haben können. Das passiert ihm doch sonst nicht. In seiner momentanen Verfassung ist er ein Risiko fürs Hospital, House. Ich kann Cuddy nur zustimmen. Beurlaube ihn. Am besten wäre ein Tapetenwechsel. Weit weg von dir. Die Reise nach Paris und Chase' Veränderung haben die Verdächtigungen deines übrigen Teams dir gegenüber wieder angeheizt. Du musst zugeben, dass dich deine letzten Eskapaden nicht gerade als Heiliger dastehen lassen. Dass Chase sich jetzt an Cuddy, eine Frau, hängt, ist schon sehr suspekt. Wer weiß, mit was du ihn in Paris schockiert hast. Ich kenne dich. Du würdest nicht davor zurückschrecken, ihm etwas anzutun. Und Chase wäre zu schamhaft, sich jemandem anzuvertrauen."

Die Rüge entlockte ihm nicht mehr als ein müdes Lächeln. Von seiner angeblichen Scham hatte er sich heute Nacht ein genaues Bild machen können. Ganz unrecht hatte der Onkologe gleichwohl nicht. Nur wenn er sich sicher fühlte, wenn jemand da war, der ihn hinter seinem Schatten auffing, sprang er über selbigen. Aber er war unvergleichlich darin.

„Du glaubst, ich habe mich vergessen wie du dich, als du ihn in deiner Wohnung überrumpelt und um ein Haar in die Kiste gezerrt hast."

Die Röte in Wilsons Gesicht hielt sich nicht lange.

„Er spricht mit niemandem, House. Frisst alles in sich rein, wie er es immer schon getan hat. Was soll ich denn deiner Meinung nach glauben? Und Cameron? Foreman? Sie machen sich Sorgen um Chase. Das Arbeitsklima leidet darunter."

Er fragte sich, weshalb Cameron ihn noch nicht mit ihrer Mutter Teresa-Tour konfrontiert hatte, wenn es wirklich so sein sollte. Sie war die Erste gewesen, die sexuellen Missbrauch gewittert hatte und sich als Rächerin ohne hieb- und stichfeste Beweise aufführte. Bislang hatte sie die Krallen nicht ausgefahren. Aber er hätte keinen Grund, zu leugnen, dass selbst etwas zuvor Undenkbares für beide zu ihrer Beziehung gehörte. Chase profitierte von ihm; was sie verband, waren keine Machtspielchen, keine Rohheiten, sondern Respekt und – er konnte nicht mehr drum herum reden – Liebe. Was ihn anbelangte, verzehrte sie ihn mitunter so heftig wie ein in ihm loderndes Feuer.

„Ich denke darüber nach", versprach er und rieb sich die plötzlich schmerzende Stirn.

Die Vorstellung, sich von ihm zu trennen, und sei es nur, bis er wieder zu sich gefunden hatte, schlug ihm schon jetzt aufs Gemüt. Er mochte Chase fast noch mehr, wenn er außer Rand und Band war und an etwas knabberte.

Aber wenn er genauer darüber nachdachte, war Wilsons Vorschlag nicht so einfach von der Hand zu weisen. Abgelenkt und über seine Vergangenheit brütend, schlampte Chase ob seiner Entscheidungen, von denen unter Umständen ein Leben abhing. Es war ja nicht so, dass es ihm nicht selbst schon aufgefallen wäre. Das häufige Grübeln, das ruhelose Wälzen in den Laken. Wenn er ihn fragte, was ihn bekümmerte, antwortete er entweder gar nicht oder ausweichend. Alpträume plagten ihn immer öfter, jedoch nicht mehr über die Vergewaltigung von vor fast einem Jahr. Dessen ungeachtet bestritt er sie, wenn House nachbohrte. Er ahnte, dass er ihm trotz aller Zuneigung nicht das geben konnte, wonach er sich seit Kindesbeinen an sehnte und das er seit ihrer Rückkehr bei Cuddy suchte. Mütterlichkeit, die sie ihm genauso wenig zu geben imstande war wie Mrs. Chase. Eine pralle Bluse und wiegende Hüften machten keine Frau zur perfekten Mutter.