Betreten schlich Chase am Abend alleine ins Büro; die Kollegen hatten sich pünktlich zum Feierabend davongemacht, ihn nicht zu einem Drink überreden können. Manchmal fragte sich House, ob er der Grund dafür war. Chase ließ ihn ungern allein.
Er nahm die Lesebrille ab und schwenkte sie an einem Bügel, ihn abwartend musternd.
Endlich hüstelte er. „Hat Dr. Wilson es Ihnen gesagt?" Selbstverständlich hatte er.
Seine Antwort fiel milder aus als geplant. Das Häufchen Elend vor ihm machte es schwer genug, seine Prinzipien nicht über Bord zu werfen und ihm zu sagen, dass er alles entschuldigte, was er vergeigte und er ihn selbst vor Gericht verteidigt hätte, wenn er dem Hepatitis C-Patienten mutwillig eine letale Chemotherapie untergejubelt hätte.
„Machen wir kein Drama draus. Sie sind nicht auf der Höhe zurzeit, das kann vorkommen, und ich denke, ich kenne die Ursache hierfür. Aber die Verantwortung für Ihre Dummheiten trage ich, das ist Ihnen doch klar?"
Unmerklich nickte er, den Blick auf die Spitzen seiner Chucks geheftet. House hatte sich seinem Beispiel folgend ein Paar dieser leichten Sportschuhe besorgt und war erstaunt, wie bequem sie waren. Er lief fast wie auf Sprungfedern damit, trotz seiner Behinderung. Kein Vergleich zu den Tretern, die er normalerweise trug.
„Ich werde besser aufpassen."
„Sie werden gar nichts tun. Bis auf weiteres sind Sie suspendiert."
Sein schmaler Unterkiefer klappte herunter, während er fassungslos die Augen aufriss. „Wieso? Ich – habe keinen umgebracht, oder? Ich will arbeiten, House, bitte. Ich kann hier sein und Patientenakten durchgehen, bis..." Ja Chase, bis was?
Frustriert unterbrach er sich und wandte sich von ihm ab, bis er die richtigen Worte gesammelt und seine Entrüstung etwas gemäßigt hatte. „Geben Sie mir ein bisschen Zeit. Mir fällt die Decke auf den Kopf, wenn Sie mich einsperren."
Dazu wäre er fähig. Mehr als einmal hatte er es bewiesen. Aber er bereute es aufrichtig. Was das Festhalten in vier Wänden anging, war Chase im selben Maß vorbelastet wie er. Überdies war er nicht sein Eigentum, auch wenn er ihm dieses Etikett hin und wieder gerne umhängte.
Ächzend erhob er sich und winkte den völlig konsternierten Jungen mit einer entsprechenden Geste zur Tür. „Kommen Sie. Ich habe etwas mit Ihnen zu besprechen."
Zuhause in aller Ruhe und Vernunft bei einem Glas Rotwein. Das Büro kam ihm zu steril vor für ein Privatgespräch. Als Chase hinter ihm auf der Honda Platz genommen hatte, fühlte er die kräftigen Arme fester um sich als sonst. Du lieber Himmel, er hatte Angst, von ihm verlassen zu werden. So wie von allen, die in seinem jungen Leben wichtig gewesen waren.
Kurzerhand überlegte er es sich anders und brauste auf der Bundestrasse aus Princeton hinaus zu ihrem Park. Es war lange her, dass sie ihn zuletzt gemeinsam besucht hatten, obwohl er wusste, dass Chase meist an den Wochenenden hier her kam, um die vom Alltagsstress verbrauchte Energie aufzutanken und über Probleme nachzudenken, die er mit House nicht zu teilen bereit war. Stundenlang konnte er in der Anlage herumstromern, Steine über den See flitzen lassen und dabei die Zeit vergessen. Wenn ihn der Hafer stach, nahm er sein Skateboard mit, um auf der Halfpipe halsbrecherische Kunststücke zu riskieren. Zugesehen hatte House dabei nie, um seine Nerven zu schonen, aber er konnte sich vorstellen, dass Chase in dieser Sportart geschickter war als so mancher dickliche US-Teenager. Halfpipes waren etwas für Lebensmüde oder kleine Buben, ergo auch für den gewandten Chase. Immerhin war er wie durch ein Wunder jedes Mal ohne größere Verletzungen heimgekommen. Darüber, dass House darauf bestanden hatte, seine Abschürfungen und Schrammen zu desinfizieren, hatte er gelacht und ihn mit der Frage aufgezogen, warum er ihm nicht gleich eine Tetanusspritze in den Hintern rammte. Woraufhin er ernsthaft erwogen hatte, mit ihm zum Hospital zu fahren und sich lächerlich zu machen mit seiner Gluckenmanie. Glücklicherweise hatte Chase es ihm ausreden können und sich selbst verarztet, nachdem House keine Ruhe gegeben hatte.
Unvermittelt machte sich Wehmut in ihm breit. Gelegentlich hatte ihr Verhältnis tatsächlich wie eine Vater-Sohn-Beziehung angemutet, in der er Chase wie einen Dreijährigen behandelt hatte. Beleidigt war er deswegen nie. Wenn einer es genießen konnte und es obendrein verdient hatte, als junger Mann verhätschelt zu werden, dann war es Chase.
Er blieb sitzen, als House das Motorrad tarierte, den Gehstock aus der Halterung der Karosserie zog und absaß. Seine Wimpern flatterten, und er sah blass und verhärmt aus. Ganz und gar nicht so proper wie der Robert Chase, den er kannte. Auf einmal hätte er ihn gerne in den Arm genommen und ihn getröstet.
„Es tut mir leid, dass ich Ihnen soviel Ärger mache", sagte Chase unglücklich. „Aber bitte werfen Sie mich nicht raus. Wenn ich meine Arbeit nicht mehr habe, dann – bin ich nutzlos für Sie, und Sie wollen mich nicht mehr - "
Glaubte er das im Ernst? Hatte er ihm nicht deutlich gezeigt, wie sehr er ihn brauchte, nicht nur als um die Ecke denkender Angestellter? Bevor er etwas darauf erwiderte, fiel ihm ein, dass Chase' Lebensumstände ihn so geprägt hatten und auch er nach der grausamen Devise von Chase senior verfahren war. Entweder man funktionierte oder blieb auf der Strecke. Doch er hatte sich geändert. Natürlich erwartete er fähige, kompetente Mitarbeiter in seinem Team. Aber er hatte Verständnis für Chase, und was ihn am meisten überraschte, war, dass er es für jeden anderen in vergleichbarer Situation ebenfalls gehabt hätte.
„Irgendwann werden Sie gehen, das müssen Sie sogar. Aber vor allem müssen Sie zu Ihrer alten Form finden. Ich habe viel Geduld, das sollte niemand besser wissen als Sie. Wenn Sie weiterhin so fahrlässig handeln wie in der letzten Zeit, wird mir allerdings nichts anderes übrig bleiben, als Sie zu feuern."
Gott, er sollte so etwas Rohes doch nicht sagen. Vor allem wollte er nicht, dass er sich von ihm trennte. Aus medizinischer Neugier und einer späteren Gewohnheit war mehr geworden. Mehr als er sich je erträumt hatte. Er würde ihn vermissen und sich jeden Tag, der ohne ihn zu Ende ging, in den Schlaf heulen. So wie seinerzeit, als Chase sein Priesterseminar wieder hatte aufnehmen wollen und eine nicht mehr platonische Wohngemeinschaft sich mit seiner Moral nicht mehr hatte vereinbaren lassen. Es waren die schlimmsten Wochen seit Langem gewesen.
Aufseufzend wippte sein Assistenzarzt vom Sattel. House' Erklärung nahm er ohne Widerspruch hin. Tief im Inneren wussten sie beide, dass die Zeit miteinander begrenzt sein würde. Vermutlich schmerzte House diese Erkenntnis mehr als Chase, der zwar wie er Veränderungen skeptisch gegenüber stand, sich jedoch schneller mit ihnen arrangierte. Für House war er das, was man als Lebenskünstler bezeichnete; jederzeit fähig, sich anzupassen, würde er auch über eine Trennung von House hinwegkommen. Aber er nicht über eine von Chase.
„Ich habe von Ihrem neuen Hobby gehört, dem Sie mit Cuddy frönen in der Cafeteria", fing er an, als sie nebeneinander den Kiesweg entlang schlenderten. „Ahnenforschung, richtig? Haben Sie ihre Ursprünge als Hexe ins Mittelalter zurückverfolgt? Ich muss sagen, das hat was."
„Ihre Familie ist italienischer Abstammung."
„Jüdischer auch. Sie haben etwas gemeinsam mit ihr. Ich weiß nicht, wie Sie das sehen, aber ich an Ihrer Stelle wäre nicht stolz darauf."
„Hm", machte er vage und kickte ein paar Kiesel vor sich her, die Hände in die Taschen seiner Hose gestemmt, die Schultern hochgezogen, als sei ihm kalt. Anstalten, sich bei ihm einzuhaken, machte er zu House' Bedauern keine. Sein Gang war schlurfend. In seine Bredouille versunken, die er sich selbst nicht erklären konnte, hörte er nur mit halbem Ohr zu. House tat, als bemerke er es nicht. Sowie er Anteilnahme ausdrückte, würde Chase in Tränen ausbrechen, labil wie er gerade war.
„Ziemlich brisante Mischung. Kein Wunder, dass die Frau mit zweitem Namen Lüge heißt und vor Geltungssucht nur so strotzt. Sie behauptet, Sie wollten indiskrete Details über mich wissen. Tut sie sich da nur wichtig oder ist das die Wahrheit? Bis dato haben Sie sich diesbezüglich nicht besonders abgestrampelt. Und ehrlich gesagt möchte ich Sie lieber unwissend. Ihre Gleichgültigkeit gegenüber meiner bestimmt wenig ruhmreichen Vergangenheit als menschliches Wesen habe ich sehr geschätzt."
Aus waidwunden Rehaugen streifte ihn ein tragischer Blick, der sich sofort wieder auf den Weg konzentrierte. „Ich schnüffle nicht bei Dr. Cuddy. Was sie mir über Sie erzählt hat, wusste ich schon, und ich habe sie nicht dazu gedrängt. Sie hört sich eben gern reden. Das italienische Erbe, nehme ich an."
Einen Grund, ihm nicht zu glauben, hatte er nicht. Cuddy war als Quasselstrippe unter Kollegen gefürchtet, ein Sturm im Wasserglas, wogegen Chase metaphorisch gesprochen das stille Wasser repräsentierte. Gegensätze ziehen sich an, lautete ein Sprichwort, das sich wohl selten als so unwiderlegbar herausstellte wie zwischen der extrovertierten Klinikchefin und dem zurückhaltenden Intensivisten. Sie pflegten keinen innigen Umgang, aber seine Scheu gepaart mit Verletzlichkeit hatte gleich nach seiner Einstellung unaufdringlich an Cuddys Fürsorglichkeits-Gen appelliert.
„Es ist übrigens nichts, wofür Sie sich genieren müssten", fügte er hastig hinzu. „Es war ganz nett, etwas über Ihre Zeit in der MSU zu erfahren."
„Huch!" Wie ertappt schlug er sich die Hand vor den Mund. „Unseren One-Night-Stand? Diese heißblütigen Italienerinnen! Nichts können sie für sich behalten. Verzeihen Sie mir den. Es ist lange her. Ich war jung und brauchte das Geld."
Er grinste ein wenig und knuffte ihn in die Rippen. „Davon hat sie nichts gesagt. Nur darüber, wie brillant Sie schon damals waren und dass sie für Sie wie ein Schulmädchen aus der Ferne geschwärmt hat. Wenn es zu persönlich wurde, habe ich das Thema gewechselt."
Jetzt fasste er doch nach ihm und legte ihm den Arm um die Mitte. Zu seiner heimlichen Freude wurde sein Überfall mit einem Lächeln und der flüchtigen Neigung des Kopfes an seine Schulter belohnt, während sie ein paar Schritte gingen.
„Im Ernst? Etwas anderes hat Sie gar nicht interessiert?"
Stumm verneinte er und nagte an seiner Unterlippe. „Ich will nichts über irgendjemanden aus zweiter Hand wissen", stellte er schließlich klar, ehe er sich zu einer Offenherzigkeit durchrang, die House erstaunte. Über Befindlichkeiten zu reden, war ein untypischer Charakterzug an seinem Assistenzarzt. Nicht mehr so sehr, seit er mit ihm zusammen war, doch als er über Cuddy sprach, nahm seine Stimme eine fast liebevolle Klangfarbe an, die ihm verriet, dass er sie zu etwas idealisierte, das sie nie sein konnte, erst recht nicht für Chase. Der jedoch auch viel zu objektiv dachte, um sich Chancen auszurechnen.
„Ich glaube, ich frage aus Verlegenheit. Weil ich ... in ihrer Nähe sein will. Was sie erzählt, ist gar nicht so wichtig. Ich weiß, ich bin nur ein unbedeutender Angestellter für Dr. Cuddy, aber - ich möchte auch nicht mehr sein. Ich weiß nicht, was es ist, aber es bringt mich ganz durcheinander, wenn sie mit mir an einem Tisch sitzt. Bitte denken Sie nicht, es hätte mit Ihnen zu tun, aber ... sie hat etwas, das mir gut tut. Nichts ... Aufreizendes. Es ist schön, bei ihr zu sitzen und ihr zuzuhören. Vielleicht weil sie eine Frau ist. Ich meine, nicht auf die Art wie Cameron. Eher – ich weiß, das klingt blöd – wie eine Mutter."
Er hatte seine Bestätigung. Niedergeschlagenheit und Erleichterung darüber hielten sich die Waage.
In der Nacht, als Chase bei M*A*S*H auf der Couch eingeschlafen war, rief er seine Mutter in Kalifornien an. Sie freute sich auf Robert und würde ihn umhegen wie ihren eigenen Sohn.
„Entschuldige, Greg, das war nicht abwertend gemeint. Aber er war so eine Ermunterung nach dem Tod deines Vaters. Und du bist viel zu früh ausgezogen."
Keine andere Reaktion hatte House erwartet.
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„Weshalb treffen Sie Entscheidungen über mich, ohne meine Meinung dazu einzuholen?" schmollte Chase. „Schicken Sie mich doch nicht fort."
Seine Kinderaugen blickten ihn beschwörend an; er wich ihnen aus und schluckte, bevor er wehrlos herumgestammelt hätte.
„Sie sind nicht für immer weg. Außerdem bleiben Sie in der Familie. Eine neue Umgebung wird Ihnen gut tun, und Sie meiner Mutter auch. Sie würde Sie gern wieder sehen. Es ist nur vorübergehend. Wenn Sie genug von ihr haben, rufen Sie an, und Sie sind ruckzuck wieder bei mir. Bis dahin lassen Sie Mom einfach freie Hand und sich ein bisschen verwöhnen. Sie mag Sie, das wissen Sie doch. Und ich freue mich umso mehr, wenn ich Sie wieder habe."
„Versprochen?" Die Angst, herumgestoßen zu werden, war doch gründlicher in ihm verankert als er vermutet hatte. Bei ihm hatte er ein Zuhause gefunden, mit ihm gemeinsam etwas aufgebaut, das ihm viel bedeutete und er nicht kampflos aufgeben würde. Wenn er ihm doch sagen könnte, dass er dasselbe über ihn dachte. Er küsste ihn auf den samtigen Mund und fühlte Selbstmitleid aufbranden, weil er ihn nun so lange nicht berühren durfte. Mit diesem Gedanken im Hinterkopf fiel der Zärtlichkeitsaustausch ein wenig grob aus, aber Chase lächelte, nachdem er sich schweren Herzens von ihm gelöst hatte.
„Versprochen. Ich kann Sie doch nicht bis an Moms seliges Ende entbehren."
Da weiterer Protest vergeudete Zeit war und Chase seinen Stolz hatte, der fast ebenso stark in ihm wurzelte wie das Bedürfnis, Gehorsam gegenüber seinen Vorgesetzten und Daddys zu zeigen, eilte er ins Schlafzimmer, um seine Tasche zu packen. Rebellion lag ihm nicht. An ihm hätte nicht nur ein Elternteil von ihm seine helle Freude gehabt. Im Gegensatz zu Daddy Chase hatte sich John House durchaus mit dem Sohn befasst, aber er wollte keine Aufmerksamkeit von jemandem, der alles besser wusste, auf Andersdenkende in vulgärer Weise schimpfte und ihn bei jeder sich bietenden Gelegenheit auf den seiner Meinung nach rechten Pfad zurückführen musste, der ziemlich schmal und dem er überdies nicht zu folgen gewillt gewesen war. Er hatte ihn zurückgewiesen und sich störrisch verweigert, bis John eines Tages verbittert resigniert hatte. Es hatte ihm nicht einmal leid getan. Selbst am offenen Sarg nicht, in dem er aufgebahrt gewesen war, im Tod so streng und unnachgiebig wie im Leben. Es hatte ihn erschreckt, dass er so hart sein konnte.
Chase hingegen ließ sich gerne führen; auch er hatte ihn zu einem großen Teil geformt, und wer konnte sagen, ob ihm eine disziplinierte, elterliche Erziehung nicht besser gefallen hätte als die, die man ihm durch Kindermädchen und Eliteschulen hatte angedeihen lassen. Allerdings waren John und Rowan auf der Punkteskala der väterlichen Anerkennung etwa gleichauf, falls sie überhaupt einen Platz gutmachen würden. Und die zählte für ein Kind mehr als ständige Bevormundung.
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Zum Flughafen eskortierte er ihn. Normalerweise hasste er Abschiede, besonders die von Chase. Auf unabsehbare Zeit hatte Cuddy ihn beurlaubt, nachdem House sie von seinen Plänen unterrichtet hatte. Von Cameron und Foreman hatte er sich am Vortag verabschiedet.
Cameron mit ihrem sechsten Sinn für Tragödien hatte ihn umarmt und versichert, dass Mrs. House ihn bestimmt nach Strich und Faden verwöhnte und er sich gewiss so schnell einlebe, dass er gar nicht mehr zurück wollte. Sie sei furchtbar neidisch auf ihn. Was nicht zuletzt damit zusammenhing, dass House Chase' Urlaub salopp als Abstecher zur Schwiegermutter definierte.
Foremans Rat war mehr pragmatischer Natur. In San Diego sei es um die Jahreszeit heiß wie im Glutofen, er solle nicht zuviel im Freien flanieren und das Sonnenöl nicht vergessen, sonst sei er reif fürs Barbecue.
Sie waren knapp; der Flug ging in einer Stunde. Am Tor kurz vor dem Abfertigungsschalter drehte sich Chase zu ihm um. Mit aller Macht bemühte er sich, die Traurigkeit über die Trennung zu verschleiern, doch seine Augen waren umschattet, sein sonst so rosig frischer Teint wirkte fahl. In der Nacht hatte er kaum geschlafen und somit auch House wach gehalten.
„Auf Wiedersehen."
„Wir telefonieren. Jeden Tag", gelobte House zum hundertsten Mal und wischte ihm eine unsichtbare Träne vom Gesicht. Seine weiche Pfirsichhaut jagte ihm einen Schauer über die Arme hinauf zu den Schultern. In der Absicht, einen guten Eindruck auf Mrs. House zu machen, hatte er sich noch einmal rasiert. Aber den machte er sowieso, ob mit oder ohne Flaum auf den Wangen. Das Sakko, das er über dem gestreiften Hemd trug, sowie die extra gebügelte Hose unterstrichen die Illusion eines uniformierten Schuljungen oder eines Dressman für Teenagermagazine.
„Ich rufe an, sobald ich angekommen bin."
Auch das war eine einstudierte Formel wie der Text eines Schauspielers, den House ihm eingebleut hatte.
Vergessen Sie bloß nicht, mich zu benachrichtigen. Ich mache kein Auge zu, wenn ich nicht weiß, ob Sie's über Kansas City schaffen.
Es rührte ihn, wie er auf harten Kerl machte. Man konnte es förmlich in ihm kochen hören. Abschiede gehörten zu Chase' Lebenslauf wie das tägliche Brot, und dennoch würgte es ihn sichtbar in der Kehle, als er House ein zaghaftes Lächeln schenkte und kurz die Achseln hob, so als hätte er alles gesagt, was zwischen ihnen gesagt werden musste und das Wichtigste nicht ausgesprochen werden durfte.
Den Riemen seiner Kuriertasche umklammerte er mit beiden Händen, an denen die Fingerknöchel weiß hervortraten.
Von der Veranschaulichung seiner Beklommenheit überwältigt, zog House ihn im Gewimmel der Vorbeieilenden und Wartenden an sich, spürte ihren Herzschlag im Takt miteinander wetteifern. Hoffentlich würde er sich zusammenreißen können. Ein Fremdkörpergefühl in den Augen sagte ihm, dass er drauf und dran war, loszuheulen. Seine Stimme klang rauh.
„Gute Reise. Grüßen Sie Mom von mir. Sagen Sie ihr, sie soll mit Ihnen in den Zoo gehen. Es gibt zwei wunderschöne, sogar mit Känguruhs."
Er fingerte an House' Jackenkragen herum, spielte nervös mit dem Zipper seiner Brusttasche. Seine Stimme bebte ein bisschen.
„Schade, dass Sie nicht mitkommen können. Es hätte mehr Spaß gemacht zu zweit. Ihre Mutter sieht Sie so selten."
„Zerbrechen Sie sich darüber mal nicht das hübsche Köpfchen. Sie sind ein vollwertiger Ersatz, mehr als das. Ich komm Sie abholen, wenn es die Zeit erlaubt oder sie Sie nicht mehr rausrücken will, was ihr ähnlich sähe." Einen Moment stutzte er. „Sie haben das Haar anders."
Verlegen zupfte er an den fransigen Strähnen. Hatte nicht damit gerechnet, dass er es bemerken würde.
„Ich habe es ein wenig geschnitten. Scheint, dass ich nicht besonders gut darin bin."
Wie süß. Sein Anliegen, Eindruck zu schinden, beschränkte sich nicht nur auf eine porentief reine Rasur.
„Keine Angst. Sie werden trotzdem geliebt."
Tief einatmend bog er den Nacken, schluckte krampfhaft und blinzelte, bevor er House in die Augen sah. Seine schönen gewölbten Lippen deuteten einen Schmollmund an.
„Wir haben immer noch Paris", sagte House in Anspielung auf den legendären Schlussdialog aus Casablanca, und er prustete.
Eine monotone Frauenstimme rief den Flug nach San Diego auf. Derartig schwer, Chase ziehen zu lassen, hatte er es sich nicht vorgestellt. Er war sein einziger Freund, der einzige, der ihn so nahm wie er war, mit allen Ecken und Kanten, ihn dafür sogar bewunderte und ihn nie verbiegen wollte. Selbst da er es auf subtile Art zu seinem Besten getan hatte.
Chase drückte sich kurz an ihn und stob dann davon, ohne einen Blick zurückzuwerfen.
Das ist kein Lebewohl für immer, rief sich House zur Ordnung. Und Mom wird ihn schon nicht auffressen.
Obwohl er zum Anbeißen war. In der hektischen Aufbruchstimmung entschwand er bald seinem Blickfeld. Beinahe hätte er ein Ticket gekauft, um es einzulösen und ihm hinterher zu laufen. Plötzlich überfiel ihn die Furcht, dass er der Auslöser sei für Chase' psychosomatische Verwirrung. In den letzten Wochen hatte er sich viel herausgenommen, um dessen Treue und Vertrauen zu testen; etwas, das jemanden, der eine Priesterkarriere angestrebt hatte, zwangsläufig befremdete. Künftig musste er behutsamer mit ihm sein und sich zu Besonnenheit mahnen. Manchmal vergaß er, dass Chase in ihrer Beziehung dem physischen, unwiderlegbar prickelnden Aspekt weniger abgewann als er (weil es Sünde war), obwohl er es ihn nie spüren ließ. Er war froh, dass Mom diesbezüglich ihre Ambitionen aufgegeben hatte. Sie würde gut für ihn sein und ihm jeden Wunsch von den herzzerreißend großen Augen ablesen.
Seufzend wandte er sich um. Ein Kartenabend mit dem nörgeligen Wilson stand als Nächstes auf dem Programm. Er hoffte, dass er durchhielt und nicht wieder zu härterem Stoff griff, um sich von Chase' In absentia abzulenken, so wie er es schon einmal getan hatte. Immerhin besaß er die Telefonnummer und seine Adresse. Im schlimmsten Fall musste er hinfliegen.
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Fünf Stunden Zeit, um sich auf ein Wiedersehen mit House' Mutter vorzubereiten. Er rief sie sich in Erinnerung, wie er sie zuletzt gesehen hatte. Eine auf den ersten Blick herbe Frau, Anfang bis Mitte Siebzig, mit dunkelblondem, kinnlangem Haar, das entweder getönt oder eine Perücke war; ihr Sohn hatte bereits graue Stellen. Doch hinter ihrem Miss Ellie-Charme verbarg sich eine warmherzige Frau, die ihn damals unbesehen adoptiert hätte. Ihre Herzlichkeit hatte ihn angesichts der Verschlossenheit von House überrascht. Sie hatte überhaupt nichts Schwermütiges oder Reserviertes an sich wie er. Zu seinem Erstaunen hatte er sich ihr geöffnet, schneller als House, der ihn monatelang bearbeitet hatte. Aber jetzt konnte er sich gar nicht mehr vorstellen, mit jemandem anderen zu reden als mit ihm.
In seinem Gepäck, das im Bauch des Jumbojets verschwunden war, hatte er einige seiner T-Shirts eingepackt, damit er sich ihn vergegenwärtigen konnte, wenn er sie in der Nacht trug (als reguläre Kleidung waren sie ihm ein paar Nummern zu groß).
Schleunigst verscheuchte er den pubertären Gedanken. Er benahm sich wie ein Baby oder ein Fetischist, der er vielleicht sogar war. Es gab wahrhaftig keinen Grund, vor Angst zu schlottern oder seinem Mentor und Freund nachzutrauern. Nichtsdestoweniger tat er es. Mit House wäre er sich nicht so verloren und deplatziert vorgekommen im Flugzeug. Auch nicht so unsicher, was das Treffen anbelangte. Trotz aller damaliger Vertrautheit war Mrs. House eine Fremde. Voll Bedauern, dass House ihn nicht begleiten konnte, schob er das Handgepäck in das Fach über seinem Sitz. Er hatte einen Raucherplatz gebucht, obwohl er wusste, dass Chase nur gelegentlich paffte. Wenn er aufgeregt war, beispielsweise. In seiner Tasche hatte er eine verknitterte Packung Zigaretten entdeckt und war lächerlich dankbar dafür.
Wie sie ihn wohl empfangen würde? Würde sie ihn gleich wieder erkennen und ihn so herzlich willkommen heißen wie seinerzeit, nachdem sie ihn von oben bis unten skeptisch beäugt hatte?
Mehr als ein halbes Jahr war seit der Leichenfeier ihres Mannes verstrichen, zu der House ihn im Oktober mitgeschleppt hatte.
So sehr viel veränderte man sich trotzdem nicht in der kurzen Zeit, und senil war sie bestimmt nicht geworden. Den scharfen Verstand hatte House offenbar von ihr geerbt. Von seinem Vater hatte er kein gutes Bild. Allerdings waren Söhne ihren Vätern oft ähnlicher, als sie es wahrhaben wollten. House konnte immerhin sagen, dass es nicht sein richtiger gewesen war und er ihn verachtet hatte. Trotzdem hatte er ihn wahrscheinlich stärker beeinflusst, als er zuzugeben bereit wäre.
Er kramte den iPod aus der Tasche und lehnte sich im Sitz zurück, wobei er immer noch zitterte. Die Musik amüsierte ihn wider Willen. Zusätzlich zu dem gewohnten Programm aus R&B, Velvet Underground und den Animals hatte House ihm ein paar alte Hollywoodschlager herunter geladen. Cheek to Cheek von Fred Astaire war der erste. Vor sich hindösend, fand er ein wenig Entspannung. Es gab keinen Anlass zu Verdruss, so dass er entschied, sich auf Blythe House und ihre Kochkünste zu freuen. Und auf warmes Wetter, das er in New Jersey oft schmerzlich vermisste. Foreman brauchte sich keine Sorgen um seinen empfindlichen Teint zu machen: als Australier wurde man mit Sunblocker auf dem Nasenrücken praktisch geboren. Auch ansonsten war alles im grünen Bereich. Er hatte House' Versprechen, wieder zu kommen, weiter bei ihm wohnen zu dürfen, und seine Stelle am Princeton Plainsboro blieb frei. Soweit konnte er sich nicht beklagen.
Wenn er nur wüsste, was eigentlich los war mit ihm, was der Grund seiner Zerstreutheit war. House schien ihn zu erkennen, aber er hatte nichts gesagt, und er nicht nachgefragt.
Fakt war, dass er seit Kurzem an nichts anderes denken konnte als an Mum und das, was er mit ihr versäumt hatte. Oft holten ihn die positiven Augenblicke vor den negativen ein, weil sie weniger zahlreich und daher prägnanter gewesen waren. House' verrückte Spontanaktion des nächtlichen Frühstücks und ihrer Improvisation von alten Schmalzliedern, die sie zu seiner Kinderzeit mit ihm verinnerlich hatte, hatte all das wieder ans Tageslicht gezerrt. Ausschlaggebend war jedoch die Reise nach Paris gewesen, wo House ihn gezwungen (gebeten) hatte, sich mit seiner Vergangenheit auseinanderzusetzen. Er träumte sogar von ihr, und nicht immer waren es schöne Träume. Wenn sie sich in ein DT getrunken oder Entzugserscheinungen gehabt hatte, hatte er sich vor ihr verstecken müssen und um seine Knochen gebangt.
