oOo

Wilson brachte unerwarteten Besuch mit. Gegen acht Uhr stand er mit Foreman vor der Tür, der halb hinter ihm in Sicherheit gegangen war.

„Poker spielt sich nicht gut zu zweit", erklärte Wilson ungeschickt seine Anwesenheit. „Und da Chase nun nicht da ist ..."

„Ich dachte, wir weichen auf Canasta aus."

Er konnte sich nicht erinnern, Foreman je in seine Wohnung gelassen zu haben, der jedoch so tat, als sei er bei ihm zuhause. Wie selbstverständlich bewaffnete er sich mit Bier, einer Tüte Chips und Käse aus der Küche und besaß die Unverfrorenheit, jedes Spiel für sich zu entscheiden, so dass House bald argwöhnte, er schummelte. Ehemalige Autodiebe waren offenbar auch sonst mit allen Wassern gewaschen.

Ein triumphierendes Lachen ausstoßend, das er ihm nach dem zweiten Sieg gerne aus dem glänzenden Gesicht gewischt hätte, strich Foreman sämtliche Einsätze ein, so dass Wilson und er sich auf Naturalien wie Bierdosen und ein Essen verlegten, als ihr Bargeld zur Neige ging.

„Bleiben Sie bei der Diagnostik, Mann", tönte Foreman arrogant, während er mit dem Geschick eines Taschenspielers neu mischte. „Karten sind echt nicht Ihr Ding. Oder fehlt Ihnen Ihr Glücksbringer?"

Wilson warf ihm einen reumütigen Blick zu. Der große Knall stand noch bevor; er kannte seine Pappenheimer und besonders den Gutmensch-Charakter seines Freundes und Kollegen. Mitunter befremdete es ihn, dass sie beides trotz aller Differenzen blieben. Doch Wilson verfügte über eine wertvolle Eigenschaft, an der es ihm und auch Chase mangelte. Beständigkeit.

Die ungestüme Komponente, die der Junge in sein Leben eingeführt hatte, musste von Wilsons moralinsaurem Naturell ausgeglichen werden, damit er auf dem Teppich blieb. Pures Glück, so wie er es mit Chase empfand, brauchte hin und wieder Dämpfer von außen, und dazu eigneten sich keine besser als die von Wilson.

Irgendwann wendete sich das Blatt, und gegen Mitternacht war House' Selbstbewusstsein allmählich wieder auf dem Vormarsch. Den Großteil seines Einsatzes gewann er zurück und weidete sich an Foremans Flunsch, den er fast so gut hinbrachte wie Chase.

Chase! Er hatte nicht telefoniert, obwohl er bereits vor etlichen Stunden in San Diego hätte ankommen sollen, wenn alles nach Plan verlaufen war. Eine solche Pflichtvergessenheit sah ihm nicht ähnlich. Nachrichten im Radio oder Fernsehen hatte er keine gehört. Sollte die Maschine-…?

Blitzartig erhob er sich, der Stuhl kippte, und er hinderte ihn in letzter Sekunde daran, umzufallen, bevor er selbst mit ihm hingesunken wäre. Unter seinen Achseln fühlte er Schweiß an den Seiten entlang rinnen, und ein durch die rasche Bewegung verursachter Schwindel ließ ihn kurz aufstöhnen und reglos verharren.

„House?" Alarmiert packte ihn Wilson am Arm. „Alles okay mit dir?"

Ohne Antwort machte er sich los und hinkte zum Telefon, zwei verdutzte Pokerkumpel zurücklassend. Sein Mobiltelefon, dessen Nummer er zuerst wählte, war ausgeschaltet; die Mailbox meldete sich. Panik kroch in seine Adern und machte ihn zittern. Einer Selbstanklage nahe versuchte er es bei seiner Mutter. Den Hörer am Ohr, zog er sich ins Klo zurück, vorbei an den beiden Männern, die konsternierte Blicke miteinander wechselten. Während Wilson im Begriff war, ihm als personifizierte Besorgnis nachzuschnellen, bewies Foreman Taktgefühl, indem er den Onkologen zurückhielt. Was er ihm zuraunte, verstand House nicht, doch es verlieh der Atmosphäre einen noch alptraumhafteren Charakter. Er verriegelte die Tür und wankte zur Toilette, um sich auf dem Sitz niederzulassen. Mit der rechten Hand massierte er rabiat den auf einmal unerträglich schmerzenden Oberschenkel.

Als sie endlich abnahm, räusperte er sich mehrmals, um seine Stimme freizubekommen. Die Maßnahme blieb fruchtlos; sie klang verräterisch belegt. „Robert ist nicht angekommen, richtig?"

Kaum dass er die Frage verständlich hervorwürgte. Plötzlich ging ihm auf, dass nicht unbedingt ein Unglück geschehen sein musste. Chase konnte einen anderen Flug genommen haben. Vor Kurzschlussreaktionen war er nicht gefeit, das hatte er bitter erfahren. Vielleicht hatte er festgestellt, dass ein Zusammenleben mit seinem Chef doch nicht das versprach, wonach seine reine Seele sich verzehrte. Oder er hatte ganz einfach beschlossen, für ihn keine Last mehr zu sein, als die er sich unwiderruflich fühlte, sobald er ihm einen Tapetenwechsel auf eigenen Füßen vorschlug. War ausgezwitschert zu Tante Amy, seinem Freund Daniel oder ganz einfach verschwunden. Die Erde war groß genug und wurde auch durch multimediale Kommunikationsmöglichkeiten nicht kleiner. Im Busch würde er ihn nicht einmal mit einer Wünschelrute auftreiben.

Wie konntest du nur so dumm sein, ihn wegzuschicken? Und warum kannst du ihm die fixe Idee, dir hinderlich zu sein, nicht ausreden? Du bist ein Meister im Manipulieren, aber wenn's um Zwischenmenschliches geht, ein kompletter Versager. Da gäbe es noch viel zu lernen. Jetzt ist es zu spät. Du hast es wieder vermasselt.

Aber verdammt, er war ja so stur, der Junge. Hatte er ihn so oft angelogen, dass er ihm jetzt die Wahrheit, seine Gefühle ihm gegenüber, nicht mehr abkaufte? Wie im Märchen vom Wolf? Oder hatte er tatsächlich so wenig Selbstbewusstsein?

Am anderen Ende der Leitung herrschte eine Sekunde – eine Ewigkeit für ihn - nervenzerfetzendes Schweigen. Schließlich rauschte ihr fröhliches Lachen über den Äther, das er mit einem erleichterten Schluchzen begleitete. Abrupt verstummte ihr Heiterkeitsausbruch. Sie war seine Glucke; das würde sie mit Haut und Haaren sein, bis sie ihn überlebte.

„Greg. Was ist? Hast du Schmerzen?"

Herzschmerz. Und mein Baby nicht.

Unbeirrt wiederholte er seine Frage, nun etwas sicherer. Immerhin lachte sie ihn aus, das war ein gutes Zeichen.

„Natürlich ist Robert da, wie kommst du darauf, er wäre es nicht? Du störst uns gerade bei einer Partie Scrabble. Ach, er ist so ein lieber Junge – ich habe seit Ewigkeiten kein Scrabble mehr gespielt, von Parcheesi ganz zu schweigen. Dad hat uns alle darin geschlagen, weißt du noch?" Er konnte ihr vor Nostalgie glühendes Gesicht förmlich vor sich sehen.

„Gib ihn mir", verlangte er ohne Umschweife. „Robert, nicht Dad." Erst wenn er seine Stimme hörte, den wundervollen gedehnten Akzent an seinem Ohr, wäre er beruhigt.

„Mich hast du wohl abgeschrieben." Ein amüsierter Unterton schwang in dem nicht ernst gemeinten Tadel. „Ich hätte nicht gedacht, dass ihr so eng miteinander befreundet seid. Eigentlich habe ich angenommen, du bräuchtest ein bisschen Urlaub von ihm."

Im Hintergrund hörte er das Scharren von Stuhlbeinen, dann ihre Stimme, die Chase (Oh Chase – er war wirklich dort!) überflüssigerweise darüber informierte, wer am Apparat hing.

„Chase", seufzte er, als dessen leicht keuchender Atem den Hörer ausfüllte. So weit weg und doch so nah. Die Tatsache, dass er ans Telefon gerannt war, um ihn zu sprechen, kribbelte in seinen Gliedern und Synapsen mit einer Glückseligkeit, die ihn an die Decke hätte steigen lassen, wäre er nicht der Schwerkraft unterworfen.

„Ich hätte noch angerufen. Ganz bestimmt. Es ist so schön hier, und Ihre Mutter hält mich ordentlich auf Trab, ich hätte den Anruf fast vergessen. Aber ich habe es nicht", wiederholte er nachdrücklich. „Ich hätte mich noch gemeldet."

Nach der letzten Runde Scrabble. Seiner Meinung nach immerhin intelligenter als Parcheesi. Er verkniff sich, ihn zu fragen, ob er die Spielregeln kannte oder seine Mutter sie ihm erst hatte erläutern müssen. Brettspiele spielte man in der Regel zu zweit, und außer zu einer Partie Schach hatte House ihn nie aufgefordert. Als Kind hatte Chase vermutlich Patiencen gelegt; er war das untypischste Einzelkind, das er sich vorstellen konnte. Ohne Geltungsdrang, ohne Forderungen zu stellen; die Genügsamkeit in Fleisch und Blut. Immer noch. In gewisser Hinsicht war das tragisch, doch es lehrte diejenigen Demut, die stets um sich selber in ihrem eigenen Geschmorten kreisten. In anderen Worten, auch ihn – Gregory House.

Er klang anders als in den letzten Tagen. Optimistisch und froh. Was ihn mit Erleichterung durchflutete. Die Entscheidung war richtig gewesen. Selbst seine Mutter blühte offenbar auf. Während des ersten Besuchs hatte sie ihn ihren Sonnenschein genannt, wenn sie über ihn sprach. Er vergaß oft, dass sie seit Dads Tod einsam war und hätte ihr wohl kein größeres Geschenk machen können als Chase.

„Sie fehlen mir", sagte er nüchtern. Und doch offenbarte die Art, wie er sich äußerte, seine irrational unbändige Sehnsucht nach ihm. Chase schien es zu merken; einen Moment war er sprachlos.

„Sie mir auch."

„Was macht Mom mit Ihnen?"

Es interessierte ihn nicht wirklich; einzig seine Stimme wollte er hören, in ihr versinken, sich mit ihr umhüllen wie mit einer samtigen Decke. Chase enttäuschte ihn nicht. Normalerweise war es viel schwieriger, ihn zum Reden zu bringen; wenn er etwas hören wollte, das Chase vor ihm verbarg, bediente er sich nicht selten unlauterer Tricks, die dem Jungen die Zunge lösten. So weit fortgeschritten, dass man Alkohol oder sonstige Flüssigkeiten über den Äther transferierte, war die Technik noch nicht.

Voller Begeisterung, war er kaum zu zügeln. Aufgeregt erzählte er ihm von seinem Tag, seinen neuen Hobbies Botanik und Backen und seinen unbegründeten Ängsten, Mom wieder zu sehen. Wie ein aufgeregtes kleines Kind, das zum ersten Mal ohne elterlichen Anhang auf einen Abenteuertrip geschickt wird und Nachricht nach Hause gibt, sprudelte er seine Erlebnisse hervor. Belustigt konstatierte House, dass er in diesem Moment die Vaterrolle einnahm.

Dann und wann dominierte der ozeanische Akzent so stark, dass er höchstens die Hälfte verstand, doch er bremste ihn nicht, um nachzuhaken. Wie berauscht hörte er zu; gelegentlich, wenn der ungewohnte Redefluss versiegte, ein begieriges und weiter? einwerfend.

Ein Klopfen an der Tür ließ ihn zusammenschrecken. Es überwand 2700 Meilen quer durchs Land vom Atlantik zum Pazifik. Chase klang alarmiert.

„Sind Sie allein?"

„Mir geht's gut", rief er zur Tür. „Kann ein Mann nicht mal mehr in Ruhe aufs Klo?"

„Ist Dr. Wilson bei Ihnen?" Misstrauen und latente Eifersucht, die ihm schmeichelte, untergruben die bislang unbeschwerte Jungenstimme.

„Er markiert zusammen mit dem schwarzen Meister Proper Kindermädchen. Wir machen uns einen vergnüglichen Abend. Nicht so spaßig wie Ihrer mit Mom und Parcheesi, aber es ist ganz nett. Ich glaube, Wilson fürchtet, ich könnte Sie zu sehr vermissen."

„Tun Sie's?"

Jetzt schlich sie sich doch hinein, die Angst. Die Angst davor, dass er zu trinken anfing aus Verzweiflung und der Befürchtung, Chase zu verlieren. Es wäre nicht das erste Mal. Nach Chase' vorübergehendem, jedoch zunächst endgültig scheinendem Abschied hatte er sich mit einer Mischung aus Vicodin und Whisky schier um den Verstand gesoffen.

Schnalzend rollte er die Zunge über den Gaumen.

„Ich verzehre mich nach Ihnen. Aber ich bin artig."

„Gut für Sie."

Da er erst vor wenigen Stunden angekommen war, ergo sein Gesprächsstoff allmählich versickerte und er sich in seinem Taumel verausgabt hatte, verstummte er nachdenklich und doch irgendwie glücklich. Seine Atmung ging ein wenig schneller nach dem Bericht ohne Punkt und Komma. Fast wie in ihren besonderen Momenten.

An seiner Freude schuld zu sein, wagte er sich nicht einzubilden, wenngleich er es ehrlich gemeint hatte mit dem versprochenen Anruf. Mom machte einen guten Job; er war mächtig stolz auf sie. Anders als er konnte Chase von Fürsorge und Zuneigung nicht genug bekommen. Wählerisch zeigte er sich dabei nicht, sonst hätte er sich nicht an House gehängt. Cameron und sogar Wilson hätten ihm mehr geben können – sie schwammen geradezu in sozialen Gefühlen und Gutmensch-Manierismen.

Und doch hatte gerade Cameron ihn gekränkt, indem sie ihm deutlich zu verstehen gegeben hatte, dass sie nicht treu sein konnte oder wollte und er nur zweite Wahl nach ihm – House – gewesen wäre. Der Schlag, der dieses Verhalten Chase versetzt hatte, war ironischerweise von ihm selbst abgemildert worden. Mehr noch, er hatte ihm gezeigt, dass ihm das gelang, was der perfekten Kollegin vollkommen gleichgültig gewesen war. Machte das Cameron zu einer kälteren Ausgabe von ihm selbst? Beinahe schien es so. Merkwürdig, wie leicht man sich blenden ließ, wenn eine Person es darauf anlegte, das in den Augen anderer zu sein, für das man sie halten sollte.

Dieser Mechanismus wirkte auch bei Chase – hatte gewirkt. Zumindest er ließ sich von ihm nicht mehr bluffen. Nicht dass er bezweifelt hatte, dass sich hinter der abgeklärten Fassade von Robert Chase ein unglücklich nach Zuwendung Dürstender verbarg, doch er verstand es nach wie vor gut, seine Bedürfnisse und seinen wahren, hingebungsvollen Charakter zu tarnen. Nur House genoss das Privileg, ihn zu erforschen. Umgekehrt hätte House es Chase genauso gestattet. Es war eine spannende Reise, die hoffentlich nie zu Ende ging.

Plötzlich durchzuckte ihn die Erkenntnis, dass Chase womöglich doch wählerisch war und sein „Opfer" gezielt angepeilt hatte: beharrlich hatte er sich all die Jahre ihrer Zusammenarbeit in House' Nähe aufgehalten, hatte ihm in medizinischen Fällen beigepflichtet und wenn nötig auch Kontra gegeben; nie jedoch auf schroffe oder kampflustige Art wie die beiden Teamkollegen. Seine fachliche Dialektik war wie seine Handlungen an Patienten oder im Labor von einer wohltuend sachlichen Bedachtsamkeit, gegen die er als der Boss in der ersten Zeit anzugehen versucht hatte. Warum? Weil er sich von ihm und der Gelassenheit, die er ausstrahlte, provoziert gefühlt hatte? So musste es wohl gewesen sein. Lange hatte er sich eingeredet, seinen Stoiker aufstacheln zu wollen, ihm eine Regung zu entlocken, doch es war genau umgekehrt gewesen.

Chase hatte ihn aufgeregt mit einem Verhalten, das viel zu reif schien für sein Alter. Und weil er selbst sich gern eine Scheibe davon abgeschnitten hätte und sich fühlte wie ein verzogenes Gör in seiner Gegenwart, hatte er ihn bis zur Schmerzgrenze getriezt und gepiesackt. Jeder andere wäre eingeknickt und hätte gekündigt. Nicht jedoch Chase, der gewusst hatte, dass sich seine Geduld mit ihm irgendwann auszahlte. Auf anhängliche, ihn nicht überrumpelnde, aber ausdauernde Weise hatte er ihm zu verstehen gegeben, dass er ihn wollte. Als Daddy und seinen potentiellen Liebhaber. Allenfalls war er gar nicht das ungebärdige Fohlen, das sich nicht zähmen ließ, sondern tat nur so. Vielleicht war House ein alter, lahmer Zirkusgaul, der der Kunststücke müde geworden war und Erfüllung in der sanften Obhut eines Gnadenhofmitarbeiters gefunden hatte.

Den großen Zampano zu verkörpern, war nicht mehr nötig, nachdem er erfahren hatte, dass man – Chase - ihn um seiner selbst willen liebte. Es war ein erhebendes Gefühl. Anders als Cameron gehörte er damit nicht mehr zu denen, die sich maskieren mussten; er war ihr weit voraus, weil er sich auf den unbequemeren Pfad begeben hatte mit ihrem gemeinsamen Lustobjekt, das für ihn soviel mehr bedeutete. Er hatte beide mit demselben Kniff auf unterschiedliche Art – wie sie es verdient hatten - ausmanövriert: Cameron mit dem völligen Verzicht auf Chase, und diesen wiederum mit einer Liebe, zu der er sich zuvor nicht fähig geglaubt hatte.

In der Leitung knackte es.

„Chase?" Der bange Ton seiner Stimme entging weder ihm noch seinem Gesprächspartner. Er nahm ihn mit in ein anderes Zimmer; eine Tür wurde behutsam, aber geräuschvoll geschlossen.

„Ich bin noch da."

Kam jetzt die Ich-liebe-Sie-und-kann-nicht-ohne-Sie-sein-Nummer, von der Mom nichts erfahren durfte? Er war selbst kurz davor, es herauszuschreien und wurde von der Befürchtung geplagt, dass Chase weit weg von seinem Einfluss einem hübschem Surfergirl oder einem Beachboy verfallen könnte, die am Strand in Scharen ausschwärmten. Unter seinesgleichen fand er denkbarerweise schneller Anschluss als im Hospital.

Chase sammelte sich für etwas, das er ihm sagen wollte. Scheinbar etwas Bedeutungsvolleres als das, was er vermutete.

Wenn er die Augen schloss, sah er ihn vor sich, die Lippen halbgeöffnet, wie er sie nur an den Innenseiten dezent mit der Zunge anfeuchtete, eigentlich mehr die Rückseite seiner Schneidezähne. Immer, wenn er sich für etwas wappnete und nervös war, führte er unbewusst diese Geste aus. Er würde mit angewinkelten Beinen auf dem Boden hocken oder rittlings auf einem Stuhl federn und aus dem Fenster in den kalifornischen Sonnenuntergang schauen, der fast so romantisch anmutete wie der in Melbourne. Vielleicht in dem muffigen, seit Jahrzehnten unveränderten Gästezimmer, das seine Mutter wie einen Schrein gestaltete, indem sie es mit Bildern und Zeugnissen (nur die guten) aus seiner Kinder- und hochnotpeinlichen Jugendzeit zugekleistert hatte. Gekrönt vom dem schrecklich kitschigen Bild der Abschlussfeier, das ihn als unbeholfenen, widerstrebenden Prom-King zeigte, am Arm eine zweite Ausgabe von Janis Joplin, die zu laut gelacht und schon vor zehn Uhr einen derart intensiven Geruch nach Marihuana, Schweiß und feuchtem Schaffell verströmt hatte, dass ihm übel geworden war. Für Chase musste das Foto bieder wirken, wie ein Relikt aus grauer Urzeit. Ihm selbst ging es ja schon so. Er wusste nicht mal mehr, ob er Janis ins Bett gekriegt hatte oder sie ihn. Oder ob er nicht schon vor dem Besäufnis gegangen war.

Abermals beschleunigte sich die Atmung des Jungen. Entweder es kam etwas Wichtiges oder aber er war genauso aufgeregt darüber, ein Lebenszeichen von ihm zu erhalten wie er.

„Ihre Mutter hat mir von Ihrem Hund berichtet, den Sie als Junge hatten. Prankster. Sie haben ihn nie erwähnt."

Unwillkürlich fuhr seine freie Hand zur Kehle. Doch er hatte sich erstaunlich rasch wieder in der Gewalt. „Warum sollte ich? Sie haben nie danach gefragt."

Ein hörbares Schlucken leitete seine nächsten Sätze ein; er merkte, dass es ihn Überwindung kostete, darüber zu reden. Doch die Geschichte beschäftigte ihn.

„Ich habe nicht gefragt, sie hat von selbst damit angefangen. Aber – es wäre schön gewesen, wenn Sie es mir erzählt hätten. Ich glaube, dass ich Sie jetzt besser verstehe."

Er schnaubte geringschätzig. Vielleicht war die Idee doch nicht so gut gewesen. Vor seiner Mutter war kein Geheimnis sicher. Er hatte keine, nicht vor Chase, aber sie sollte es ihm überlassen, zu entscheiden, welche Episoden aus seinem Leben einer Auskunft wert waren. „Nehmen Sie nicht alles für bare Münze, was Mom Ihnen auftischt. Prankster ist ein ziemlich pathetischer Name für einen Hund. Passt nicht zu mir, oder?"

„Ich kann Sie nicht in Kategorien einordnen oder Dinge, die zu Ihnen passen. Vor allem, da ich Sie als Kind nicht kannte."

„Ich liebe Sie dafür so bald wie möglich", erwiderte er, während er einen Blick zur verriegelten Tür warf, an der der Knauf ruppig von links nach rechts gedreht wurde. Wilson rief herrisch seinen Namen.

„Sie hätten mich nicht kennen lernen wollen. Ich war hässlich, pickelig, immer mies drauf und ein Raufbold. Ich hätte Sie höchstens als Ventil für meine Aggressionen missbraucht. Im Ernst. Ich bin ganz krank vor Verlangen nach Ihnen und sitze hier im Bad und hol mir einen runter, während ich Sie vor mir sehe in der Vollendung, mit der Ihr Gott Sie geschaffen hat. Ich muss auflegen, aber Sie rufen morgen wieder an, okay? Oder ich Sie. Ich warte nicht mehr so lange wie heute."

„Sie waren nicht hässlich. Ich habe Fotos gesehen. Und ich wäre gern Ihr Freund gewesen."

Albern, doch ehe er sich versah, hauchte er in einem Anfall von überfließendem Zusammengehörigkeitsgefühl einen Kuss in den Hörer, der mit einem Kichern quittiert wurde. Er wusste nicht, ob er ihn akzeptiert hätte, und das war Gott sei Dank nur Theorie. Obwohl selbst ein Eigenbrötler, hatte er früh gelernt, Schwächen an anderen zu erkennen und bloßzulegen, wenn nötig auf recht verletzende Art. Er hätte dem kleinen, verträumten Chase – wären sie gleichaltrig gewesen – schlimmer zugesetzt als der langjährige, ambivalent handelnde und launische Freund Daniel, dessen Gemeinsamkeiten zu ihm auffallend und erschreckend zugleich gewesen waren.

„Es ist besser so, wie es ist. Sonst hätte ich vielleicht nie Ihre Reize entdeckt. Sie jedenfalls garantiert nicht meine. Das wäre ein Jammer für uns beide. – Tragen Sie gerade die knappen Höschen, in denen Ihr runder süßer Hintern so gut zur Geltung kommt? Das würde mich mächtig anheizen. Und Mom sicher auch. Ich beneide sie."

Erst jetzt wurde ihm qualvoll bewusst, wie sehr er sich an ihn gewöhnt hatte, wie selbstverständlich es geworden war, ihn um sich zu haben.

Allein daran zu denken, ihn vielleicht nie mehr wieder zu sehen, weil er mit ihr in einer schwachen Stunde über ihre Beziehung philosophierte und sie ihm zu seinem eigenen Besten abriet, weiterhin mit ihm zusammen zu sein, setzte eine ungeahnte Menge von Adrenalin frei. Auf die Lebenserfahrung älterer Leute gab sein junger Liebhaber viel, es war nicht komplett auszuschließen, dass er mit ihr Konversationen über Angelegenheiten führte, in die er im Grunde niemanden einweihte.

„Ich würde Sie gern hier haben. Wir könnten mit einem Glas Wein auf der Veranda sitzen und die Sonne untergehen sehen", flüsterte Chase sehnsüchtig, beinahe entrückt. „Ihre Finger in meinem Haar... " Erschrocken über sich selbst hielt er inne.

Es war so phantastisch, von ihm vermisst zu werden, dass House sich mit Mühe Tränen der Rührung verbiss und froh war, dass er keine Antwort darauf erwartete, denn er redete sofort weiter, schnell das Thema wechselnd.

„Wir schauen uns jetzt Jeopardy an. Ich kenne die Show gar nicht."

Auch Mom pflegte ihre schlechten Gewohnheiten.

„Dann wird es Zeit."

Merkwürdig, dass sie beide den Sendetermin immer versäumt hatten, wo er sein Bein verwettet hätte, dass sein kleiner Aussie mit dem US-Fernsehprogramm inzwischen vertrauter war als mit dem Rechtsverkehr. Jeopardy sollte jeder anständige Bürger kennen. Er konnte sich nicht vorstellen, dass es seinen Siegeszug noch nicht in Oz angetreten hatte. Aber mit Quizsendungen schien Chase es nicht so wirklich zu haben. Dann vielmehr mit alten Filmen, die ihm eine angenehme Erinnerung seiner ansonsten wenig unbeschwerten Kindheit wieder brachten. Hollywoodklassiker würde er Mom auch noch schmackhaft machen. So wie sie ihm das Gärtnern. Die Vorstellung des so auf Reinlichkeit bedachten Chase mit Dreck unter den Fingernägeln war komisch. Dass er Rosenstauden pflanzte und Obstbäume zurechtstutzte, über die sie jedes Mal schimpfte, weil sie so rasant wuchsen, dass sie alle paar Monate den Profi bemühen musste. Oder ihn, wenn er gerade zur Verfügung stand, was in den letzten zwanzig Jahren nicht besonders häufig vorgekommen war. Außerdem ließ ein körperliches Gebrechen kein Erklimmen von Leitern mehr zu.

Sein Vater hatte Gartenarbeit als überflüssigen Kram verunglimpft und war sich selbst als Captain a.D. zu fein gewesen, um Hecken und Bäume zu stutzen. Er hoffte, sie würde Chase damit verschonen, aber inmitten von Rosen und Gemüsebeeten hätte er gerne ein Foto von ihm, wenn er ihn schon nicht in natura bewundern konnte.

Der ausgefranste Strohhut, mit dem Dad sich vor der prallen Sonne geschützt hatte, würde ihm wunderbar stehen und seine zarten Gesichtszüge unterstreichen. Dazu Shorts, ein durchgeschwitztes Achselshirt und Gummistiefel über den kräftigen Waden oder überhaupt keine Schuhe, stattdessen der Blick auf seine gebräunten Füße und Zehen, zwischen denen die Erde hervorquoll, und seine Phantasie kannte kein Halten mehr. Eigentlich brauchte er gar keine Aufnahme.

„House", sagte er gehetzt, bevor er auflegte, denn er selbst wäre ganz sicher nicht der erste, der den Kontakt unterbrach; die ganze Nacht hätte er ihm lauschen und ihn sich somit vergegenwärtigen mögen. Allerdings fiel es Chase wohl ebenfalls schwer, die Leitung metaphorisch zu kappen.

Vermutlich drängte ihn im Hintergrund seinen Mutter schon, indem sie an die Tür klopfte oder ein Tablett voller knuspriger, dampfender Kekse auffordernd in seinen Rücken stieß. Was hätte er darum gegeben, jetzt bei ihnen sein zu können. „Danke, dass Sie mich zu ihr geschickt haben. Ich fühl mich schon richtig zuhause. Und das Wetter ist herrlich. Vielleicht geh ich tatsächlich mal surfen, wenn Ihre Mutter mich lässt."

„Tun Sie, was Sie möchten. Sagen Sie ihr, Sie hätten meinen väterlichen Segen für jede Verrücktheit, die Ihnen vorschwebt. Dagegen wird sie sich nicht sträuben. Enkel wünscht sie sich schon lange. Und wer hat schon von drakonischen Grannies gehört? Ihnen zuliebe wird sie auch noch das Surfen anfangen. Sie haben so was an sich, das einen Dinge tun lässt, die man sich vorher nie zugetraut hätte."

Er schnaufte verlegen und ein bisschen geschmeichelt.

„Gute Nacht, House."

„Gute Nacht, Sweetheart."

Sein glückliches Lachen war das Letzte, das zu ihm durchdrang, bevor das Freizeichen tutete. Wie betäubt klappte er das Gehäuse des Telefons zu.

Ihm war, als hätte man ihn mutterseelenallein auf der ganzen weiten Welt zurückgelassen; der letzte Mensch, der das Zünden der Atombombe wie durch ein Wunder unfreiwillig im stillen Örtchen überlebt hatte. Er kniff seine Nasenwurzel und schüttelte den Kopf, um seine trübsinnigen Gedanken zu vertreiben. Chase war nur in einem anderen Staat, verflixt noch mal, und er kam wieder.

Sogar ein Besuch wäre möglich; Cuddy würde es gestatten, wenn er im Gegenzug versprach, sich danach mit Feuereifer auf die Dezimierung der überfälligen, da verhassten Sprechstunden zu stürzen. Ob er es dann tat, stand auf einem anderen Blatt. Entlassen würde sie ihn so oder so nicht.

Als er ins Wohnzimmer zurückkehrte, war Wilson verschwunden. Foreman fläzte sich auf dem Sofa, die Beine lässig gespreizt, die Arme auf der Rückenlehne. Nichts deutete darauf hin, dass er zum Aufbruch bereit war. Ein eigentümlich versonnenes Lächeln umspielte seine dunklen Lippen, mit dem er zu ihm aufsah, indem er den Kopf in den Nacken legte.

Irgendwie hatte seine Haltung etwas Kokettierendes, das ihn zu einer Anzüglichkeit bewegte, während er ihn abwägend von oben herab musterte und schließlich die Mundwinkel hochzog.

„Wenn Sie auf eine Beförderung scharf sind, müssen Sie die Hosen runterlassen und vor dem Meister auf die Knie gehen."

„Chase ist nicht befördert worden." Deutlichen Widerwillen demonstrierend und gänzlich humorlos schloss Foreman die Beine, langte nach einer Dose Bier auf dem Tisch und lehnte sich wieder zurück. An seinem Kinn zuckte ein Nerv. „Und ich bin ein Idiot, dass ich nicht woanders bin. Ich habe die Handwerker im Haus. Das Dach tropft, ich mach kein Auge zu und Dr. Wilson meinte, ich könnte solange hier unterkommen, bis Chase wieder ... bis der Schaden behoben ist."

House ächzte. „Okay. Raus damit. Welchen Stundenlohn hat Wilson Ihnen denn geboten?"

„Hören Sie, House. Ich lasse mich nicht bestechen. Schon gar nicht, um Nanny für bockige Kindsköpfe zu spielen. Wenn Sie mir nicht glauben, gehen Sie in meine Wohnung. Da herrscht das Chaos. Und es muss schon ziemlich übel sein, wenn ich dafür Ihre Gastfreundschaft in Anspruch nehme."

„Das beweist nur, dass Sie nicht besonders beliebt sind. Freunde sind rar gesät für Möchtegernweiße und Parvenüs."

Foreman verschränkte die Arme und brummelte in sein sorgfältig getrimmtes Rapperbärtchen, während er House sein Profil darbot. Die hervorstehenden Lider flatterten. Erstaunlicherweise unternahm er keinen weiteren Versuch mehr, seine Ehre zu retten. Zum ersten Mal war es House gelungen, Foreman ernsthaft zu ärgern. Ernsthaft in dem Sinn, dass er argwöhnte, er würde gleich zu weinen anfangen.

„Na schön", sagte er, um es zu verhindern. „Sie können bleiben. Hat vielleicht sogar was für sich. Sie dürfen auf der Couch Quartier beziehen. Wie ich meinen Morgenkaffee bevorzuge, dürfte Ihnen bekannt sein."

Eine Entschuldigung brachte er nicht über die Lippen. Murrend hieb sich Foreman ein Kissen vors Gesicht, in das er hineinstöhnte.

„Stets zu Diensten, Massa."