A/N: Pallada ~ sorry it will take awhile until Chase and House meet again… Blythe does her best to make Chase comfy and at home, but in this chapter he realises that he needs House more than he would have imagined.

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Instinktiv tastete er nach House, als er am nächsten Morgen aufwachte, nur um verblüfft festzustellen, dass das Bett schmaler geworden war und House nicht da. Es dauerte eine Weile, ehe ihm dämmerte, wo er sich befand. Offenbar hatte er im Schlaf geweint; das Kissen war nass, sein Gesicht und seine Augen schmerzten. An seine Träume erinnerte er sich nicht und erwog angesichts seiner Verfassung, dass es sich nicht lohnte, sie heraufzubeschwören und sich damit herumzuschlagen.

Der gestrige Tag stürzte auf ihn ein. Er war schön gewesen. Entspannend trotz der anfänglichen Aufregung. Als besuche man die einem alles von den Augen ablesende Verwandte. Zutrauen hatte er dank Mrs. House' mütterlicher Ader rasch wieder gefasst. Wahrscheinlich hatte er im Traum geweint, weil er ihren Sohn vermisste. Während des Fernsehens am Abend hatte er sich auf einmal schrecklich danach gesehnt, House' Oberschenkel unter der Wange zu spüren und sich gefühlt wie auf Entzug. Telefonate oder E-Mails ersetzten nicht seine Berührungen.

Blythe hatte seine Unruhe mit einem leichten Nicken zu Kenntnis genommen und irgendwie wissend dabei ausgesehen.

Ein zukünftiges Leben ohne ihn mochte er nicht mehr planen, obwohl es Sünde war und House ihm mehr oder weniger unter die Nase rieb, dass es kein Dauerzustand sein konnte. Er hatte ja recht.

Doch der Gedanke, ihn zu verlassen, schmerzte mit jedem Tag mehr. Alles würde er vermissen: seine Zärtlichkeit, sein Verständnis, auch seinen Körper, der trotz der Behinderung so großartig war, sich so lebendig anfühlte und immer häufiger so, als wäre er ein Teil von ihm, nicht nur während ihrer Intimität.

Aber vor allem die Vertrautheit, ihre kleinen Rituale würden ihm fehlen. In einer Beziehung, gleich mit wem, würde er nie wieder Vergleichbares aufbauen können, und das machte ihm Angst. Er hatte nicht oft Gelegenheit gehabt, das Gefühl der absoluten Hingabe in einer Partnerschaft auszuleben, und war umso positiver überrascht, dass es mit House kein Problem war. Genau genommen hatte der es erst in ihm wach gekitzelt, ihm gezeigt, wie sehr diese ihn ihm schlummernde Eigenschaft sie beide erfüllte und ihre Beziehung charakterisierte.

Niemand sonst würde ihn so gut verstehen und fördern wie House. Unabhängig davon, was er tat oder sagte, hatte er vor ihrer persönlichen Verbindung eine berufsbedingte Loyalität als selbstredend betrachtet. Was sie jetzt vereinigte, ging tiefer und geschah nicht mehr aus Kadavergehorsam. Er war ein eigener Mensch, zu dem House ihn gemacht hatte, indem er etwas zugelassen hatte, das ihnen beiden normalerweise widerstrebte. Gespräche, Nähe, das zärtliche Zusammensein und – Sex. Wobei er nicht unbedingt den Höhepunkt ihrer Beziehung bildete, aber dazugehörte. So erregend, wie er es sich niemals hätte vorstellen können zwischen zwei Männern.

Wenn er sich das letzte Mal zurückrief, fühlte er immer noch die Röte in sein Gesicht schießen. Und dennoch hatte House damit etwas bezweckt außer dem augenscheinlichen, ihnen beiden Vergnügen zu bereiten. Nämlich dass es unnötig war, Scham zu empfinden in seiner Gegenwart, weil er ihn außen so liebte wie innen, und Chase als der Jüngere ihm, dem Führenden, in der außerdienstlichen Zweierbeziehung tatsächlich ebenbürtig war und respektiert wurde.

Er hatte seine Einsamkeit und Unschuld verloren und das große Los gezogen, nachdem er jahrelang Nieten oder Trostgewinne eingestrichen hatte, die sich nicht gerade als beständig erwiesen hatten. Ausgerechnet die zu dem auf den ersten Blick unnahbaren House schien es zu sein (er klopfte schnell auf Holz).

Kurz vorm Schlafengehen hatte er noch einmal ein Fotoalbum durchgeblättert, das er in der Kommode neben dem Bett aufgestöbert hatte. Aufnahmen von House im Alter von fünf bei der Einschulung bis vierzehn zu seiner Konfirmation – es verblüffte ihn, dass House sie begangen hatte - religiös schien die Familie im Allgemeinen nicht zu sein, er hatte keine Hinweise darauf in der Wohnung gefunden. Das einzige, woran der konservative Mr. House geglaubt hatte, waren die Marines gewesen. Und an die Dogmen, die sie vermittelten.

Er musterte den schmächtigen Jungen, der auf den Bildern abgelichtet war, beinahe mit dem Glücksgefühl von heute. Schön oder gar niedlich war er nie gewesen, was er durch eine äußerlich erkennbare Zähigkeit wettgemacht hatte, die fast aggressiv anmutete. Wenn man genau hinsah, blitzte hier und da der erwachsene House in ihm auf. Die Zeit, in der er herangewachsen war, kannte Chase nur aus Geschichtsbüchern, und doch tauchte er ohne Schwierigkeiten in sie ein und vergaß völlig die Außenwelt. Allerdings musste er sich bei jedem Foto sagen, dass der Junge House war, denn er wirkte ganz anders als heute.

Die angeborene Übellaunigkeit musste House erfunden haben, oder er war schon immer ein guter Schauspieler gewesen. Auf vielen sah man ihn lachen, das störrische Haar rötlich in der Sonne reflektieren und in gewollt imposanten Posen, wie sie für männliche Teenager typisch waren. Die meisten Fotos waren im Freien aufgenommen worden. Als Kind schien House sehr sportlich gewesen zu sein; sogar einem Amateurfootballteam hatte er angehört. Für Mannschaftssport hatte er selbst sich nie begeistern können, obwohl er ein guter Läufer war.

Behutsam strich er über eine Porträtaufnahme, auf der der etwa zwölfjährige Greg ergreifend würdevoll wirkte mit den großen blauen Augen, die in seinem sommersprossigen, knochigen Gesicht dominierten. Plötzlich merkte er, dass sie im Begriff war, sich an zwei Ecken vom Papier zu trennen. Verstohlen rückte er das Bild solange herum, bis es sich vollständig löste. Er nahm es und verstaute es zwischen den Seiten seines Tagebuchs. Entsetzt über sich selbst, gelang es ihm trotz des schlechten Gewissens nicht, das Diebesgut zurückzulegen.

Vereinzelte Fotos waren achtlos mit Rückständen von Kleber auf dem Papier herausgerissen und entfernt worden. Mancher Schriftzug verriet noch, dass Prankster darauf verewigt gewesen war. House verleugnete, einen Hund besessen zu haben, was ihn im Nachhinein nicht überraschte. Zuerst hatte er Selbstschutz dahinter vermutet, weil die Erinnerung zu peinsam war, doch später war ihm klar geworden, dass er es aus der Angst heraus tat, für weich gehalten zu werden.

Der dreizehnjährige Greg war es für seinen Vater gewesen, indem er einen Hund zum Freund erkoren und darauf verzichtet hatte, ihn zu Unterwerfung zu erziehen, während der Vater es lieber gesehen hätte, dass der Sohn durch das Tier Disziplin lernte, auf die er offenkundig von klein auf pfiff. Wer wusste, welche Strafe er dafür auf sich hatte nehmen müssen außer derjenigen, nach dem Krankenhausaufenthalt von Pranksters Tod erfahren zu müssen, was an sich schon traumatisch genug war.

Fotoalben von den Auslandsreisen gab es nicht. Vielleicht besaß House eines bei sich in der Wohnung, doch eingedenk der Tatsache, dass er nicht gerne verreiste, war das eher unwahrscheinlich. Ob John House ihm fremde Orte genauso madig gemacht hatte wie Disziplin, die in Maßen konsumiert bestimmt nicht verkehrt war? Er selbst hätte seinen Vater gerne öfter auf Geschäftsreisen begleitet. Doch an die wenigen Male, die sie als Familie im Ausland verbracht hatten, konnte er sich nur noch dunkel entsinnen. Später hatte er auf Mum aufpassen müssen, und Dad war nicht mehr da gewesen. Nach der Scheidung hatte er sich allen familiären Verpflichtungen entzogen.

Er fand, dass es trotz John House' Härte ein feiner Zug von ihm war, Frau und Kind bei sich haben zu wollen, selbst wenn dies eventuell nur aus Prestigegründen geschehen war.

Geschirr klapperte, doch es roch nicht nach Kaffee. Wahrscheinlich war er zu früh. Gern hätte er seine Hilfe angeboten, aber mit den verquollenen Augen würde er Blythe alarmieren, sie letztlich sogar erschrecken und glauben machen, sie sei keine gute Gastgeberin, weil er nachts heulte wie ein Wickelkind. In der Hoffnung, eine Dusche würde den nächtlichen Kummer fortspülen, tappte er ins Bad, bevor er ihr Gesellschaft leistete. Er mochte es, dass sie ihn überhaupt nicht wie einen Besucher behandelte. Eher wie ein Familienmitglied. Gestern Abend hatten sie nicht mehr viel miteinander geredet, aber sie war fähig, selbst Schweigen nicht peinlich werden zu lassen. Wenngleich Chase nicht wusste, wer House' wirklicher Vater war, meinte er, dass er wohl viel mehr mit der sensiblen Mutter gemein hatte.

Nachdem er fertig geduscht in die Küche trat, richtete sie einen Picknickkorb und blinzelte ihm zu. „Was halten Sie von einem Ausflug an den Strand? Ich hoffe, Sie haben Ihre Badehose eingepackt?"

Die vom blauen Himmel brennende Sonne und der feinkörnige, von Wasser überspülte Sand unter seinen Füßen ließen ihn an Daheim denken, den letzten Abstecher dorthin, aber ohne House wollte sich der Zauber nicht so recht einstellen. In luftigem Strandkleid und großem Strohhut ging Blythe neben ihm her, die Riemensandalen in der Hand schwingend. Ihre Beine konnten sich immer noch sehen lassen.

Um die Mittagszeit stießen sie kaum auf Strandgänger.

„Ich mag den überfüllten Strand nicht", erklärte sie, als sie im Schatten eines Felsens die Decke für das Picknick ausbreitete. „Darum bin ich zu den unmöglichsten Zeiten da. Nur nachts brauche ich meinen Schönheitsschlaf." Sie quetschte Sonnenöl aus einer Tube und verteilte sie auf den Handflächen. „Darf ich?"

Es war so heiß, dass er sich unüberlegt seiner Klamotten entledigt hatte, sobald Blythe sich für ein Plätzchen entschieden hatte. Er war unsicher. Sein Körperkontakt beschränkte sich auf House. Von klein auf hatte er stumm nach Umarmungen und Liebkosung gegiert, bis er irgendwann aufgegeben und sich distanziert hatte, indem er sich selbst und anderen vorspiegelte, ohne sie auszukommen. Auch in dieser Hinsicht hatte House Pionierarbeit geleistet, was ihm mit Sicherheit mehr abverlangt hatte als Chase. Die Kollegen zogen schon in Erwartung eines Rüffels den Nacken ein, wenn ihre Kittel das Sakko des Chefs zufällig beim Vorbeigehen streiften.

„Ich kratze nicht."

Sie lächelte ihn entwaffnend an, und so wandte er ihr den Rücken zu und ließ sich eincremen. Wohlbehagen und mütterliche Fürsorge strömten mit dem ewig und überall gleichen Duft des Öls auf ihn ein wie ein lang vergessener Sinnesreiz aus den Tiefen seiner Kindheit. Mit einer Wehmut, die ihn mitten ins Herz traf, dachte er an Mum und ihre ihn versunken streichelnden Hände. Da er selten berührt worden war, bewahrte er die Erinnerung daran in seinem Gedächtnis auf wie einen Schatz.

„Greg hatte so empfindliche Haut. Ihre ist fast wie seine damals. So weich und zart. Das muss man pflegen. Aber er hat Sonnenöl gehasst."

„Ich habe nicht gewusst, dass sein Haar rötlich gewesen ist", nahm Chase den Faden auf, da er ihr ein wenig entgegenkommen wollte und ihn das Kompliment peinlich berührte. Mit welcher Herzenswärme sie ständig über House sprach, schnürte ihm die Kehle zu. Er sollte sie öfter besuchen kommen. „Davon sieht man heute gar nichts mehr."

„Das schottische Erbe."

Energisch massierte sie seine Schultern und den Nacken; er neigte den Kopf nach vorne und stützte die Unterarme auf die Knie. Sprach sie von seinem Vater? Dem richtigen? John House entstammte einer holländischen Linie, das hatte House ihm gesagt.

„Meine Eltern kamen von dort. Brave Leute, aber engstirnig. Presbyterianer. Da haben Frauen wenig zu sagen. Der Patriarch bestimmt, die Frau Gemahlin und die Töchter haben zu gehorchen. So wurden meine Schwester und ich erzogen. Ich fürchte, das hat mir die Lust auf Kirche ordentlich verleidet. Mein Mann ging sonntags mit Greg, aber als er anfing, den Gottesdienst durch Gähnen und Rülpsen zu stören, nicht mehr. Ich denke, er hätte sich weniger über den Glauben lustig gemacht, wenn John ihn nicht gezwungen hätte, sich damit zu befassen. Im Grunde war er ein sehr aufgeschlossener Junge. Aber gegen alles, was nur im Entferntesten nach Drill roch, lehnte er sich auf. Besonders, wenn John dahinter stand. Meine Erziehung war da keine große Hilfe. Ich war daran gewöhnt, dass das Familienoberhaupt die Richtung angibt. Gebote und Regeln zu brechen, die einem eingeimpft wurden, ist schwierig. Außerdem wollte ich John nicht noch mehr aufbringen. Heute wäre ich wahrscheinlich klüger. Das sagen alle alten Leute, oder?"

Ihr Blick umwölkte sich, und sie sah einen Moment verbittert aus, als sich die Falten um ihren Mund vertieften. Dann öffnete sie die Alufolie über der Ananas, die sie zuhause in mundgerechte Stücke geschnitten hatte, und reichte ihm die Schale.

House hätte ihm die Häppchen einzeln genussvoll zwischen die Lippen geschoben und manche vorher abgeleckt, um sie mit seiner Spucke zu veredeln. Mitunter hatte er abstruse Einfälle.

Chase sah ihn vor sich, wie er ihm gegenüber sitzen würde – das kranke Bein gestreckt, das linke angewinkelt, einen amüsierten Ausdruck im Gesicht. Das letzte übrige Stück würde er zur Hälfte selbst in den Mund schieben, nicht wieder hergeben und die Augenbrauen wölben. Was danach wäre, versetzte ihn in unheilige Aufregung. Wieder wünschte er sich, er wäre hier. Mit ihm ganz allein.

„Jetzt habe ich wirklich genug geplappert. Wie läuft es eigentlich bei Greg und Ihnen? Ich war erstaunt zu hören, dass Sie immer noch bei ihm wohnen. Was ist sein Geheimnis, dass Sie es so lange mit ihm aushalten?" Wieder dieses unheimlich hintersinnige Zwinkern. „Sie dürfen ehrlich sein, Sie sprechen mit einer Leidgeprüften."

Vor der Frage hatte ihm gegraut. Jetzt war er seltsamerweise froh, dass sie gefallen war. Achselzuckend richtete er die Augen aufs Meer. Weit draußen rollte eine hohe Welle zum Ufer, auf der zwei Surfer im nahezu senkrechten Zickzackkurs tanzten und dann von der nächsten verschluckt wurden, um als winzig kleine Punkte wenig später neben ihren Brettern herzupaddeln.

Sollte er? Sie spekulierte zumindest auf etwas, er war sich sicher. House machte oft zweideutige Anmerkungen, um seine Mitmenschen ein bisschen zu schockieren. Andererseits hatte sie seitdem nur sporadisch mit House telefonischen Kontakt gehabt. An einen obligaten Anruf vor Weihnachten erinnerte er sich, und natürlich hatte er sie vor ein paar Tagen über seinen Besuch informiert.

Sonderbarerweise hielt sich House ungewöhnlich zurück, was die Innigkeit ihrer Beziehung betraf, obwohl er sonst kindisch mit seinen Eroberungen – auch käuflichen - prahlte. Nicht einmal Dr. Wilson wusste davon, der doch immer wieder in seinem Privatleben herumstocherte auf der Suche nach Beweisen, die er hoffentlich nie finden würde. Doch wenn er es ihr sagte, verriet er nicht nur House, sondern musste vor sich selbst etwas eingestehen, das er nie laut auszusprechen wagte.

„Bestens", antwortete er lapidar. Es war utopisch zu glauben, sie gäbe sich mit einer Floskel zufrieden, schließlich war ihr Name House. Zu seinem Erstaunen tat sie es jedoch.

„Sie waren richtig für ihn. Von Anfang an", meinte sie im Brustton der Überzeugung und strich ihm abermals über die Wange. Er konnte ein leichtes Zusammenzucken nicht verhindern. Über seinen Rücken kroch eine Gänsehaut, als er in ihre wissenden Augen starrte und dann seine abwandte aus Angst, sie lese in ihnen. „Viel besser als Stacy."

Der Muskelinfarkt vor einigen Jahren war der Trennungsgrund gewesen. Zweifellos kündigte eine solche Situation eine Zerreißprobe für jedes Paar an und war nicht einfach zu meistern, doch insgeheim hielt er die Frau für hartherzig und egoistisch.

Sie hatte die Einwilligung zur Entfernung des Muskelgewebes unterschrieben, weil Cuddy House aufgrund der Schmerzen in ein künstliches Koma hatte versetzen lassen. Insofern zeichnete Stacy dafür verantwortlich, dass er lebenslang auf den Gehstock angewiesen war, und ein halbes Jahr später hatte sie sich von House getrennt. Aber gerade in schweren Zeiten sollte jemand da sein. Er hatte selbst erfahren, wie es war, alleingelassen zu werden mit etwas, an dem man zerbrach, weil man die Katastrophe aus eigenem Antrieb nicht abwehren konnte. Aus diesem Grund mochte er Stacy Warner nicht und war froh, dass sie ihren Job als Anwältin beim PPTH gekündigt hatte, bevor sich mehr zwischen House und ihm entwickelt hatte. Und er war sich ziemlich sicher, dass er ihn nicht im Stich gelassen hätte.

Unvermittelt umfasste Blythe sein Kinn und drehte es frontal zu sich her. Sie redete so eindrücklich mit ihm, dass er es fast mit der Angst zu tun bekam.

„Ich weiß, Sie sind der einzige Mensch, der ihm etwas bedeutet, um den er sich sorgt. Er hätte Sie nicht zu mir geschickt, wenn es nicht so wäre. Und wenn ich Sie mir so ansehe, kann ich verstehen, weshalb. Ich habe es schon bei unserer ersten Begegnung gespürt. Sie haben etwas, das er nie hatte. Sie wollen geliebt werden und Liebe zurückgeben. Dass Sie es können, erkenne ich an Gregs Veränderung. Schon im Oktober war er anders, als Sie zusammen hier waren. Er hat endlich wieder Hoffnung geschöpft, die er nach Stacy verlor. Ich dachte, er findet niemanden mehr. Aber Sie sind ihm ähnlich. Sie sind die sonnige, die liebenswerte Version meines Gregory. Er glaubt, er hätte mich enttäuscht, weil er nicht so ist, wie er seiner Meinung nach sein sollte. Aber Eltern lieben ihre Kinder, sie können gar nicht anders. Wenn Sie sich beide ergänzen, soll es mir recht sein."

Ihre offenen Worte irritierten ihn so sehr, dass er nach Luft schnappte und automatisch zu einer Lüge griff. „Wir sind nicht-… wir sind kein Paar."

„Oh." Amüsiert lehnte sie sich zurück. „Das habe ich nicht behauptet. Ich sagte nur, dass ich nichts gegen Ihre Männerwirtschaft einzuwenden habe, solange er sich wohl fühlt mit Ihnen. Was für eine Mutter wäre ich denn, wenn mir das Glück meines einzigen Sohnes nicht über alles ginge?"

Würde sie das sagen, wenn sie volle Kenntnis darüber hätte, wie das Verhältnis geartet war? Angesichts ihrer kompromisslos calvinistischen Erziehung sicher nicht. An ihrer Stelle hätte die Wahrheit ihn erschüttert; vielleicht hätte er House sogar enterbt.

„Ich gehe schwimmen", sagte er mit belegter Stimme. Er brauchte Zeit für sich, um seine Gedanken zu ordnen und den Aufruhr loszuwerden, der ihn heiß überwältigte. Eine Abkühlung kam ihm gerade recht.

„Nicht zu weit raus. Und nicht zu lange drin bleiben", rief sie ihm besorgt nach.

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Ihr Gespräch verfolgte ihn, und er beging den Fehler, zu viel hinein zu interpretieren. Grübelnd wälzte er sich von einer Seite zur anderen in der Nacht. Vornehmlich machte es ihn um House' Willen traurig, den er heute nicht angerufen hatte wie versprochen und sich deswegen schlecht fühlte. Aber auch er hatte sich nicht gemeldet. Na schön, es war spät geworden, sein Mobiltelefon hing unbrauchbar am Akku, aber er hätte doch wenigstens eine E-Mail schreiben können. Seine Adresse hatte er gespeichert.

Ihn beschlich die fatalistische Ahnung, dass es unaufhaltsam zu Ende ging und House ihn mit Absicht zu seiner Mutter geschickt hatte, damit sie beide die Trennung besser verkrafteten. Damit sie ihn bestenfalls inoffiziell adoptierte, weil er ja die nette House-Variante repräsentierte. Auf diese Weise hätte House noch Kontakt zu ihm, sogar bindenden verwandtschaftlichen, würde ihn aber nicht tagtäglich sehen. Höchstens einmal im Jahr als Bruder an Weihnachten, dem man eine Krawatte und ein paar Socken schenkte. Aber er wollte das alles nicht. So nett es bei Mrs. House war, er wollte zurück zu ihm. Heim. Hin und her gerissen begann er ins Kissen zu wimmern und mit den Beinen auf die Matratze einzuschlagen.

O Gott, er war völlig hysterisch. Seine Glieder kribbelten unangenehm bis in die Fingerspitzen und Zehen, sein Mund wurde trocken. Er würde eine Panikattacke erleiden oder sterben, wenn er noch länger liegen blieb.

Fieberhaft erhob er sich, schlüpfte in House' zu langen Morgenrock, den er eng um sich raffte, und setzte sich draußen mit einem Glas Wasser auf die Schaukel in der Hoffnung, ein wenig ruhiger zu werden. Er fröstelte und spürte Tränen über seine Wangen laufen, die er nicht abwischte.

Ein wenig später ging das Licht vor dem Haus an. Blythe ließ sich neben ihm nieder und nahm seine Hand, während sie ihm wachsam ins Gesicht spähte.

„Robert? Geht es Ihnen nicht gut?"

Er konnte die Tränen nicht verstecken. Zu allem Überfluss stiegen nach der mitfühlend gestellten Frage neue in seine Unterlider und jagten die angetrockneten fort. Es hatte keinen Sinn. Er musste es ihr sagen; vielleicht, hoffentlich fühlte er sich danach besser.

„Warum mag mich keiner? Warum schicken mich alle weg oder gehen fort? Was habe ich an mir, dass mich keiner so will, wie ich bin?"

Sie zog ihn in ihre Arme, in die er sich bedenkenlos schmiegte. „Ist es wegen Greg? Hat er etwas Gedankenloses getan?"

Bitte nicht House. Aber wenn er doch nur mit ihm spielte, was dann? Verzweifelt barg er das Gesicht an ihrer Schulter. Sie war so weich, dass er darin versank und das Gefühl hatte, zu ersticken an seinem Kummer, wenn er ihn nicht mit Blythe teilte. Er legte scheu die Arme um sie und wurde mit einem mütterlichen Kuss auf die Stirn belohnt, der ihn noch kläglicher werden ließ. Urplötzlich flossen die Tränen wie Sturzbäche.

„Es stimmt nicht, was Sie heute Nachmittag gesagt haben. Meine Eltern konnten anders. Niemand hat sich je-... und ich ... habe gedacht, dass er-... er hat nicht angerufen ..."

Sie ließ ihn weinen, ermutigte ihn sogar dazu und streichelte ihn unablässig, während sie die Schaukel in sanften Schwingungen hielt, die ihn einlullten. Er hasste sich für seine Überreaktion. Es war eine Seite an ihm, die ihn befremdete. Impulsivität oder gar Geltungsdrang, den er hiermit implizierte, entsprach ihm nicht. Aber es tat gut, alles herauszulassen, schwach sein zu dürfen. Und dass Blythe so gefasst blieb, als hätte sie damit gerechnet.

„Er hat angerufen, Schatz", murmelte sie nach einer Weile tröstend in sein Haar und ließ einzelne Strähnen durch die Finger rinnen wie House es vor dem Fernseher zu tun pflegte. Nur waren seine kräftiger, weniger zartfühlend und packten manchmal zu, wenn Chase wegzudämmern drohte und er ihn wach halten wollte, um sich nachher mit ihm über die alberne Sendung zu unterhalten, die sie angeschaut hatten. Ihm war alles recht, solange er ihm nicht die berüchtigte Pornosammlung servierte. „Ich habe ihm gesagt, dass ich es nicht möchte, jedenfalls nicht jeden Tag. Du warst durcheinander heute Morgen, und ich nahm an, es hatte mit dem Telefonat zu tun. Manchmal kann er roh sein, ohne es zu merken. Wenn du Probleme mit ihm hast, sprich darüber. Ich höre zu. Dafür bin ich da. Greg hat mir nie etwas anvertraut, was ich immer sehr bedauert habe."

Die Lippen aufeinander gepresst, schüttelte er den Kopf. Mittlerweile hatte er sich einigermaßen beruhigt und schämte sich seiner Tränen, die immer noch heiß in den Augen brannten. „Vielleicht hat er ein Problem mit mir."

„Das kann ich mir gar nicht vorstellen. Warum sollte er das haben mit einem so netten Jungen?"

Weil er klammerte, House nicht loslassen konnte und ihn einengte, dem seine Freiheit über alles ging. Chase dagegen hatte zuviel davon gehabt und für sich erkannt, dass Freiheit ein Euphemismus seiner Einsamkeit war, die er durch House überwunden hatte. Endlich war er angekommen, und doch traute er dem Frieden nicht. House war in keiner Weise wie er. Sie täuschte sich. Rigoros rieb er sich die Augen.

„Ich will ihn nicht verlieren."

Als er hart aufschluchzte, drückte sie ihn fester, wiegte ihn und gab beschwichtigende Laute von sich.

„Das wirst du nicht. Er braucht dich. Wenn die Zeit reif ist, ihn zu verlassen, wirst du es merken, und es wird nicht mehr wehtun. Im Moment spielt er gerne ein bisschen Vater, und das nicht mal schlecht, wie mir scheint. Das macht mich stolz auf ihn, weißt du, weil ich denke, er tut es nicht aus dem Drang heraus, sich etwas beweisen zu müssen wie bei seiner Arbeit, sondern weil er dich liebt. Ihr werdet immer freundschaftlich miteinander verbunden sein. Seine Vorzüge sind nicht auf den ersten Blick sichtbar, aber wenn er jemanden mag, tut er das mit vollem Einsatz. Das ist wahrscheinlich das Positive an Menschen wie ihm. Oberflächlichkeit ist ihm zuwider. In dir hat er einen Seelenverwandten entdeckt. Das ist etwas ganz Seltenes und Wertvolles."

„Ich hätte gern, dass er den ersten Schritt geht, wenn es sein denn muss. Aber er überlässt mir die Entscheidung, und das ... macht es so schwer. Ich will ihm nicht lästig fallen und andererseits nicht das aufgeben, was er mir gibt. Was wir haben. Ich glaube, es ist wichtig für uns beide."

Eben hatte er sie denunziert, House und sich. Die Bombe platzen lassen. Ergeben schloss er die Augen und erwartete ein Donnerwetter oder eine schallende Ohrfeige. Nichts dergleichen geschah.

„Liebling", sagte sie ernst, nahm sein Gesicht zwischen die Hände und drückte ihm einen Kuss auf die Stirn. „Dir steht Liebe und Geborgenheit zu wie jedem anderen Mensch. Dafür, dass du deine Kindheit nachholst und das bei meinem Sohn tust, darfst du dich nicht schuldig fühlen. Du bist doch auch etwas wert. Greg hat das viel schneller erkannt als du. Und wie du schon sagst, profitiert auch er davon. Ich habe mich davon überzeugen können, dass es stimmt."

Er fühlte sich besser. Die Worte fielen in sein Herz, und er konnte endlich aufhören zu weinen. Sie schaukelten noch einige Minuten schweigend, ehe sie mit dem Kinn zum Haus wies.

„Gehen wir wieder nach drinnen? Es wird kalt."

Gemeinsam leerten sie auf ihren Vorschlag hin im Stehen eine Dose Bier; Blythe im Morgenrock, einen halben Kopf kleiner als er und überhaupt nicht nach einer Stehtrinkern aussehend, rührte ihn. Sie hatte sich ziemlich genau über ihn informiert. Oder House sie. Bei Einschlafproblemen hatte sich der Gerstensaft oft als hilfreich erwiesen.

Ihrem überwältigenden und nicht zuletzt liebenswürdigen Angebot, zu ihr ins Schlafzimmer zu kommen und auf der unbesetzten Hälfte zu schlafen, trotzte er in letzter Sekunde. Für heute hatte er sich kindisch genug benommen.