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Die nächsten Tage hörte House nichts von Chase, was ihn härter traf, als er vermutet hätte. Als ob es ihn nicht gäbe. Aufgrund Foremans Anwesenheit war es ihm nicht einmal vergönnt, einen Fetisch zu bemühen, sich beispielsweise ein über der Brust spannendes T-Shirt von ihm überzuziehen oder sein Rasierwasser zu schlürfen, das er vergessen hatte. Es hätte ihn tatsächlich brüskiert, mit einer solchen Verrücktheit Foremans Spott auf sich zu laden. Außerdem würde er es Cameron erzählen, die keine Hemmungen hätte, schnurstracks das Jugendamt zu informieren.

Anrufe untersagte er sich, obwohl es ihn jedes Mal in den Fingern juckte, sobald ein Telefon in Reichweite geriet, und es gab plötzlich viel zu viele. An jeder Ecke.

Seine Mutter behauptete, er leide darunter und wirke verstört. Er glaubte ihr. Der Junge sollte sich fangen, sich an ihrer Mutterbrust ausweinen.

„Keine Nachrichten sind gute Nachrichten", hatte sie ihn mit der alten Leier am Telefon besänftigt. „Sei stark. Für Robert. Es ist besser für ihn, wenn er dich vergessen kann, solange er hier ist. Du neigst dazu, Menschen einzuschränken, über jeden ihrer Schritte unterrichtet sein zu wollen. Mit ihm darfst du das nicht tun. Er ist so jung und unerfahren. Was er jetzt nötig hat, sind sein Freiraum und mütterliche Fürsorge."

Aber es fiel ihm schwer, und es war herzlos. Er ging in dieser Zeit fast vor die Hunde, so sehr vermisste er ihn. Foreman hielt ihn davon ab, im übertragenen Sinn von der Meute zerfleischt zu werden. Dem Beispiel seiner servilen Vorfahren gerecht werdend, begleitete er ihn nach Dienstschluss überall hin und wachte eisern darüber, dass er keinen Tropfen zuviel trank.

Einmal hatte er sich breitschlagen lassen, mit ihm und Cameron auszugehen in ihren hippen Club, von dem ihm Chase erzählt hatte. Es war ein Desaster gewesen. Cameron hatte ihn mal misstrauisch, mal aggressiv flirtend beäugt und dabei viel zu offensichtlich versucht, ihn nach pikanten Einzelheiten über sein Verhältnis zu Chase auszufragen, während Foreman ihn bereits nach dem zweiten Glas Gin getadelt und dem Bartender mehr oder weniger durch die Blume zu verstehen gegeben hatte, dass House ein ehemaliger Anonymer war und er sein Bewährungshelfer. Die Demütigung war unvergleichlich, und ihm war nicht einmal eine Retourkutsche eingefallen. Unter Vergnügen verstand er etwas anderes.

Seitdem zog er es vor, zuhause zu sitzen, bis sein Bodyguard beim Mitternachtsgong zurückkehrte. Wenigstens sperrte er ihn nicht ein, aber er hätte ohnehin nicht gewusst, wohin er gehen sollte. Wilson hatte diese Woche Spätschicht und war um die Uhrzeit nicht zuhause.

In der vorwurfsvoll hochgezogenen Braue manifestierte sich bald ein Sie verderben mir den ganzen Spaß, House.

„Ich will auch, dass Chase wiederkommt", brummte er und prostete ihm provokant mit dem letzten Rest Whisky zu, während er die Gitarre wegstellte, auf der er Pale Blue Eyes improvisierte, bis ihm die Augen tränten und seine Fingerkuppen kaum mehr vorhanden schienen. „Dann muss ich mich nicht schon am frühen Abend ins Koma saufen."

„Hören Sie auf damit", sagte Foreman. Er war erstaunt, so etwas wie Besorgnis aus seinem rüden Ton herauszufiltern.

Zweifellos hatte Foreman seine Macken und war nicht so pflegeleicht wie Chase, mitunter unerträglich großspurig und besserwisserisch, aber zuhause verhielt er sich angenehm unauffällig, wenn auch gewohnt langweilig, und sie sprachen nur über das Nötigste, bevorzugt über Banales wie den Haushalt. Wann der Kaffee alle war oder die Zahnpastaspritzer am Badeschrankspiegel entfernt werden sollten, die seit dem Einzug seines unfreiwilligen Gastes eine Bedeutung erhielten, die dem des Universums schon recht nahe kam.

Und dabei hatte er sich selbst schon für einen Ordnungsfanatiker gehalten. Foremans pedantische Hygiene toppte seine mit einer Verve, die ihn insgeheim belustigte. Kein einziges Kleidungsstück lag nachlässig über Sessellehnen oder auf dem Boden. Selbst wenn er hundemüde oder angesäuselt war, bügelte Foreman am späten Abend die Wäsche und sortierte sie fein säuberlich nach Farben in Schrank und Schubladen. Dabei schreckte er nicht einmal vor seinen Hemden zurück. Er wusste nicht, ob es ihm recht sein oder er der Unbefugtheit in seine Intimsphäre Einhalt gebieten sollte. Falls Foreman aus Langeweile anfing, seine Boxershorts zu glätten, musste er in Hinblick auf sein Image ein Veto einlegen.

Als er das Sakrileg beging, die Reste von Chase' thailändischem Risotto aus dem Kühlschrank zu entsorgen – das letzte Gericht, das sie gemeinsam gegessen hatten, quasi seine Henkersmahlzeit – wäre er ihm um ein Haar an die Kehle gefahren.

Dass er morgens mindestens eine Stunde das Badezimmer besetzte, störte ihn nicht. Aus seiner äußerlichen Eitelkeit machte Foreman keinen Hehl, was er sogar recht sympathisch fand, wenngleich er nicht viel für Äußerlichkeiten übrig hatte. Wenn er gegen acht Uhr mit täglich schlimmer schmerzendem Bein durch die Wohnung humpelte, hatte sein neuer Mitbewohner bereits das Frühstück gerichtet und schenkte ihm mit einem süffisanten Grinsen schwarzen Kaffee ein, ohne Milch, ohne Zucker.

„Sie lernen schnell."

„Schwarz ist doch Ihre Farbe", kommentierte er anzüglich. „Das Rätsel war nicht schwer zu lösen."

An einen Hausboy wie ihn könnte er sich gewöhnen. Allerdings ersetzte er Chase nicht und würde es nie tun. Allein seine pragmatische, phantasielose Art unterschied sich von ihm. Er redete auch mit Chase nicht viel, doch nun erkannte er, dass sie eine eigene Sprache untereinander etabliert hatten. Eine, die ohne Worte auskam. Er hatte nie darauf geachtet, doch Chase erkannte seine Stimmungen häufig an seinem Gang, einem Blick oder einer Geste und reagierte darauf, genauso wie er Chase beobachtete und in ihm las.

Bei Foreman dagegen fühlte er sich wie ein Stück Holz, das einem zweiten aufgebürdet wurde. Im privaten Miteinander waren sie beide so produktiv wie selbiges.

„Schmerzen im Bein?" fragte er aus rein medizinischem Interesse, als sie am Tisch saßen und House den Becher mit zitternder Hand an den Mund führte, ihn dann resigniert stöhnend absetzte und heftig die schmerzende Stelle rieb.

„Nicht mehr so schlimm, wenn Sie Ihre Wunderhände auflegen", knirschte er zwischen den Zähnen. „Vielleicht erleben wir ja eine Überraschung, und Sie sind besser als Chase."

„Phh", machte er und zuckte die Achseln. „Lassen Sie sich ein neues Rezept ausschreiben. Ich bin nicht Ihr Goldjunge."

Das einzige, das ihn wirklich an den Rand des Wahnsinns beförderte, war die Enttäuschung darüber, dass Foreman seinem Seifenopern-Marathon nichts abgewann und sehr viel früher zu Bett ging als er und Chase. Zuerst erlaubte ihm House gnädig, sich ins Schlafzimmer zurückzuziehen, wo er dann erst lautstark etwas hörte, das er Musik nannte und anschließend quer über der Matratze schlummerte wie ein Gorillababy, schnarchend alle viere von sich gestreckt.

Nach zwei Nächten war es ihm zu dumm geworden, ihn aufzuscheuchen, damit er ins Wohnzimmer übersiedelte wie vereinbart. Nicht gerade zartfühlend zerrte er das Bettzeug unter dem massigen Körper hervor und bequemte sich auf das Sofa. Er brachte es nicht über sich, mit ihm in einem Bett zu schlafen. Es war schon mit Chase nicht leicht gewesen am Anfang. Und jetzt konnte er nicht mehr darauf verzichten.

Mit jemandem an seiner Seite aufzuwachen, war ein Gefühl, das er nicht mehr missen mochte. Es musste nichts Körperliches dabei sein, keine Berührungen, die im Schlaf dann doch unweigerlich stattfanden. Ein Arm um seine Brust, ein flüchtiger Hautkontakt oder ein zufälliges Streifen von weichen Haaren an seiner Schulter. Nein, es genügte, zu wissen, dass jemand da war.

Lange Zeit hatten Chase und er es so gehandhabt, nachdem der Missbrauch auf der einen Seite Angst vor zuviel Nähe und auf der anderen die Einsamkeit mit der Dunkelheit gelauert hatten. Ab und zu war er von selbst hinübergerutscht, um sich schutzsuchend an ihn zu schmiegen, und er hatte seinen Duft nach Moschus und frisch gewaschener Baumwolle eingeatmet und sich gut gefühlt.

Trotzdem besaß er genügend Anstand, Foreman nicht zu erschrecken, der garantiert wie von der Tarantel gestochen aus dem Bett stürzen würde, wenn er ihn am Morgen neben sich liegen sähe. Abgesehen davon verwehrte er ihm durch seine großzügige Standardschlafposition die äußerste Kante des Bettes, in dem Chase meist Platz sparend schlief, wobei wunderschöne, erregende Ausnahmen die Regel bestätigten. Daran zu denken, tat körperlich weh und erfüllte ihn zugleich mit einer bittersüßen Rührseligkeit, der er nicht Herr wurde. Er konnte sich auf nichts anderes konzentrieren als auf ihn. Zu überlegen, was er gerade machte, wie er mit Mom auskam, ob er viel lachte oder neue Leute kennen lernte. Letzteres erfüllte ihn mit leichtem Unbehagen.

Geh nicht, Robert. Du musst zurückkommen.

Wenn er ihm wenigstens schreiben würde. Nur einen Satz, um ihm zu versichern, dass seine Mutter ihn anständig behandelte. Natürlich vertraute er ihr, wusste, dass Chase in besten Händen war. Nichtsdestoweniger hätte er sich über einen persönlichen Bescheid gefreut.

Eine kurze E-Mail hatte er versendet, die bisher unbeantwortet geblieben war. Entweder beschämte sie ihn in ihrer dick aufgetragenen Schwülstigkeit oder sie hatte sein Notebook recycelt, um ihn von der Außenwelt komplett abzuschirmen.

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Nach wie vor verdächtigte er Wilson, Foreman als Bodyguard beauftragt zu haben, aber der verneinte hartnäckig und viel zu entrüstet, um glaubwürdig zu erscheinen, jegliche Komplizenschaft.

In der Kantine spendierte er ihm ein Essen, als Foreman einen neuen Patienten einwies, dessen Akte ungeöffnet auf House' Schreibtisch lag. Verblüfft darüber, dass House zahlte, konnte der Onkologe nicht ablehnen. Gewollt forsch leitete er die Unterhaltung ein.

„Du siehst schlecht aus, seit der Aussie mit deiner Mutter Solana Beach rockt."

„Ich habe wenigstens einen Grund", kanzelte House ihn ab. „Du nicht. Hör mal. Ich halte das im Grunde für völligen Blödsinn, aber du und Chase – ihr seid euch doch näher gekommen damals nach der Sache mit Moms Herkunft, durch die ihr ja praktisch Brüder geworden seid. Hat er dir irgendetwas erzählt?"

Enerviert seufzte Wilson auf und spießte das Besteck links und rechts neben sein T-Bone-Steak, das ausnahmsweise akzeptabel war. House nutzte die Gunst der Stunde und zupfte ein weiteres Stück von der Gabel, ehe Wilson sie in den Salat senkte.

„Wenn du dich von Chase und Cuddy hast anstecken lassen mit der Ahnenforschung, dann fang bitte vor der eigenen Haustür damit an. Ich glaube, es täte dir zur Abwechslung mal ganz gut, mehr über dich zu erfahren statt alle um dich herum auszupressen."

„Ich steigere mich von Chase über Cameron und Foreman zu mir. Außerdem haben die Aussies in der Regel die aufregendste Abstammung, wenn's nicht gerade Buschmänner sind. Ihr hattet lange Gespräche. Worüber denn?" Auffordernd stupste er ihn am Ellenbogen und senkte die Stimme zu einen konspirativen Flüstern. „Komm schon. Ich bin dein einziger verschwiegener Freund, mir kannst du's doch sagen."

„Da gab es nichts, was dich interessieren dürfte. Knochentrockene Themen und absolut alltäglich. Ich habe sie in meiner Agenda abgehakt, falls du es überprüfen willst. Moses Mendelsohn, Theodor Herzl, Gustav Mahler und Hitler."

„Wow. Sind das die Namen seiner Urväter? Ziemlich beeindruckende Liste. Aber dass ich das richtig verstehe: Letzterer stand doch hoffentlich auf der väterlichen Seite?"

„House! Darüber reißt man keine Scherze. Wir haben uns allgemein über die jüdische Geschichte unterhalten, die ist beeindruckend genug. Wenn du Namen hören willst, frag' Cuddy. Mit ihr hat er offenbar Persönlicheres erörtert."

Etwas unbeholfen klaubte er ein Forbes-Magazin von der Sitzbank auf und versuchte gleichzeitig zu lesen und zu essen, um Geschäftigkeit vorzutäuschen, doch House ließ sich nicht abwimmeln. Eigentlich müsste er allmählich wissen, dass der Griff in die Trickkiste bei House nicht zog. Alles, was er sich damit einheimste, waren Ölflecken vom Salat auf der Hose.

„Als wir in Paris waren, hat er kurz von seinen Großeltern erzählt. Von Mommys Mom und Dad. Weißt du, etwas daran kam mir seltsam vor. Granny war angeblich zeitlebens von Heimweh geplagt, obwohl sie als junges Mädchen von - sagen wir – höchstens achtzehn Jahren emigriert ist und mindestens dreimal so lange in Australien gelebt hat. Kurz vor Chase' Geburt soll sie gestorben sein. Mal ehrlich. Leidet man über dreißig Jahre an Heimweh, noch dazu in einem Land, in dem man sehr viel länger gelebt hat? Früher oder später muss die Erinnerung verblassen. Oder ist die Zivilisation soweit hintendran Down Under, dass man einem judenfreien Europa den Vorzug geben möchte?"

Wilson knetete die Finger und schaute unbehaglich über die Schulter, ehe er antwortete. House' Wortwahl ließ oft sehr zu wünschen übrig. Im Prinzip hatte er sich daran gewöhnt, doch hier überspannte sein Freund den Bogen. Obwohl er ihm ja indirekt ein Kompliment machte. Bemüht gleichgültig legte er sich eine Antwort zurecht.

„Ich finde das nicht so ungewöhnlich. Es wundert mich, dass du es tust. Du magst ja vieles sein, ein Kosmopolit bist du nicht. Jedenfalls nicht, bevor Chase deine Reiselust entfacht hat. Vorher warst du mehr ein Eremit." Seine Stimme nahm einen oberlehrerhaften Tenor an. „Außerdem sitzt das Trauma tief. Erst recht bei denen, die die Unmenschlichkeit der Shoa miterleben mussten. Nicht umsonst wurde durch sie der Begriff Posttraumatische Belastungsstörung erst geprägt."

Zum Kosmopolit kannst du auch unfreiwillig werden, Wilson, und das nicht nur als Jude. Indem man dich überall hin mitschleppt und dir nie die Gelegenheit bietet, Wurzeln zu schlagen. Ich war nirgends zuhause. In allen Ecken der Welt, aber nie dort, wo ich wirklich sein wollte. Erst seit ihm weiß ich, wo ich hingehöre. Mein Apartment ist nur eine Oase, wenn er darin wohnt.

Laut sprach er seine Gedanken nicht aus. Vielleicht hätte Wilson ihn verstanden – wahrscheinlicher jedoch war, dass er ihn zuerst fassungslos und dann mitleidig gemustert hätte, während er unsichtbar für House unter dem Tisch die psychiatrische Abteilung über den Pager benachrichtigen würde.

„Ich kann verstehen, dass man einen reisefertigen Koffer unters Bett schiebt, Lebensmittel für Notzeiten hortet oder meinetwegen unterm Schlafzimmerteppich eine Falltür einbaut. Aber dreißig Jahre Heimweh nach einem Barbarenland sind übertrieben. Es sei denn, Masochismus liegt der Familie im Blut."

„Dann tut es das wohl", kürzte Wilson die Debatte ab; er wirkte gereizt, als er sich mit den Fingern einer Hand durch das dichte braune Haar fuhr. „Würde mich nicht wundern, wenn man sieht, wie lange du und Chase schon ein Liebespaar seid. Mit deiner erlauchten Billigung werde ich jetzt mein kaltes Steak verzehren."

„Wilson." Einen Moment schaute er weg, während er beredt den Oberschenkel massierte und auf die Intuition des Kollegen hoffte. Er hoffte vergebens. Aufmerksam hielt Wilson seinem Blick stand, als er wieder den Kopf drehte, um sein Gegenüber anzusehen. Da er plötzlich schwieg, hob er auffordernd die Brauen und beugte sich vor.

„House?"

Schweiß perlte auf seiner Stirn, den er hastig beseitigte. Mit jeder Minute wurde es ärger; falscher Stolz wäre fehl am Platz. Irgendwie hatte er die verrückte Eventualität in Betracht gezogen, es hätte nichts mit Chase zu tun. Aber er unterschätzte ihn. Seine Anwesenheit bewirkte viele Dinge, die er inzwischen als selbstverständlich betrachtete und nun, da er fort war, entbehrte. Erstaunt darüber, dass die Schmerzen nicht ausschließlich physischer Grundlage entsprangen, stellte er fest, dass Chase es ohne Hilfsmittel verstanden hatte, sie auf ein erträgliches Ausmaß zu reduzieren, wofür es gewiss eine simple Erklärung gab. Aber war überhaupt irgendetwas simpel an Chase?

„Verschreib' mir meine Pillen."

Wie erwartet fiel Wilson aus allen Wolken. „Wie das? Das letzte Rezept habe ich dir kurz vor Chase' Abreise verschrieben. Vorher bist du über vier Wochen mit einer Dosis ausgekommen." Nachdrücklich verschränkte er die Unterarme und vollführte eine schroffe Gebärde der Ablehnung. „Nein, House, das mach ich nicht. Such dir einen anderen Dummen, sofern du einen findest. Du kannst doch Chase nicht enttäuschen, wenn er zurückkommt."

Falls er zurückkommt", korrigierte er heiser und kniff seine Nasenwurzel. „Ich habe das Gefühl, meine Mutter rückt ihn nicht mal mehr für Lösegeld raus. Das Ganze war ein Fehler. Ich darf ihn nicht anrufen. Er fehlt mir, und ich glaube, er hat mir das Vicodin ersetzt. Die einzigen zwei Ärzte, die ich damit behelligen kann, seid Chase und du. Und er ist weg. Wenn er nicht wiederkommt-..." Verzweifelt brach er ab und biss sich auf die Lippen, bevor er sich völlig zum Narren machte.

„Sei nicht albern. Über das Anrufverbot setz dich hinweg, wenn es dir soviel bedeutet, seinem komischen Akzent zu lauschen. Du bist doch sonst nicht so schüchtern. Und sie ist deine Mutter, keine Kidnapperin. Wenn sie Chase so sehr ins Herz geschlossen hat wie du, wird sie es dir nicht lang nachtragen."

Sicher nicht. Doch er wollte Chase nicht verunsichern, was er anscheinend getan hatte mit seinem ersten Anruf. In der Nacht hatte sie Geräusche gehört und war zum Zimmer gegangen. Auf ihr Klopfen hatte er nicht geantwortet, so dass sie hineingeschlichen war, um der Sache auf den Grund zu gehen. Im Schlaf waren Tränen über seine Wangen geflossen, und sie hatte es nicht übers Herz gebracht, ihn zu wecken. Die Vorstellung eines unbewusst weinenden Chase hatte ihn erschüttert. Was war der Grund? Heimweh, das Hin- und Hergerissensein zwischen Mutter und Sohn, das er nun erfuhr? Am liebsten wäre er in den nächsten Flieger gestiegen. Mit vernünftigen Worten hielt sie ihn davon ab.

„Ich glaube, er ist es einfach nicht gewöhnt, eine Mutter zu haben. Es geht ihm gut, ich krieg' ihn schon wieder hin. Mach dir keine Sorgen."

Das würde sie. Alles nachholen, was er ihr in seiner Halsstarrigkeit nie gestattet hatte. Umarmungen, Küsse und heiße Milch ans Bett. Aus dem Alter für Gute-Nacht-Geschichten war er glücklicherweise heraus. Doch wer wusste, ob sie ihm nicht dennoch aus Peter Pan vorlas.

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Das Fazit ihrer Unterhaltung war unergiebig. Nur seine Brieftasche fand Erleichterung; Wilson hatte sich mit sicherem Instinkt oder purer Boshaftigkeit das teuerste Menü ausgesucht. Er versprach, sich zu revanchieren, indem er nächste Woche bei ihm ein Essen zubereitete. House hätte gerne abgelehnt, da ihn Kochabende zu sehr an Chase erinnerten. Alles was mit ihm zu tun hatte, übermannte ihn mit einer Urgewalt von Melancholie. Egal, was er dachte oder tat, auf bizarre Weise fand sich immer eine Verknüpfung zu ihm.

Wilsons Tipp, Cuddy zu interviewen, verfolgte er nicht. In dieser Sache hatte sie ihren Standpunkt bereits deutlich gemacht, zumal tatsächlich sie diejenige gewesen war, die die Diskussionen bestritten hatte.

Chase' vornehme Zurückhaltung lobte er sich im Beruf, aber privat würde ihm ein bisschen mehr Offenheit recht gut stehen. Über sich selbst sprach er wenig; obwohl er ihm mittlerweile persönliche Geheimnisse entlockt hatte, die er unter einer rein beruflichen Konstellation nie preisgegeben hätte. Doch das war es unter anderem, was ihn so interessant machte. Raffiniert wie er war, steckte dahinter denkbarerweise sogar eine Strategie, mit der er ihn für sich eingenommen hatte. Und eine nicht zu knappe Portion Bescheidenheit.