A/N: Hier gibt es ein paar kleine Referenzen auf Nostalgietrip und auf eine Geschichte, die ich nicht veröffentlicht habe. Dort starb ein Patient, der Chase' Verantwortung unterstellt war. Während der DDX und besonders danach es gab Streitigkeiten zwischen Chase und Foreman, da dieser seinem Kollegen zu Unrecht Nachlässigkeit und Rassismus vorgeworfen hatte (der Patient Mr. Atkins war Afroamerikaner).
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Eine quälend lange Woche nach Chase' Aufbruch fischte er eine Karte mit dem Bild der nächtlich beleuchteten Skyline von San Diego aus dem Briefkasten. Sein Herz tat einen schmerzhaften Sprung und schlug schneller, als er auf der Rückseite Chase' Schrift erfasste. Begierig las er die desillusionierend sachliche Nachricht. Aber immerhin besser als zu erfahren, dass er sich entschlossen hatte, bei Mom zu bleiben oder von dort aus über den Pazifik nach Hause zu fliegen.
Das Wetter war immer noch traumhaft, er entwickelte sich zu einem Experten von historischen Rosen, hatte gute Gespräche mit Blythe (sie waren beim Vornamen – das war nett und ein gutes Zeichen) und sie sogar ein paar Mal bei Parcheesi geschlagen. Neben dem Schwimmen und Surfen hatte er auch wieder die Felskletterei begonnen (besorgt überlegte er, ob man dazu eine spezielle Ausrüstung benötigte). Schräg an den Rand hatte er einen Gruß an F. gekritzelt.
Da der Inhalt unverfänglicher Natur war, gab er die Karte an Foreman weiter, der neugierig über seine Schulter lugte. Wider willen erheitert wandte House sich ihm zu.
„F. Mysteriös. Wer mag das sein? Fameron, Fuddy oder gar Filson?"
Foreman rollte die Augen, woraufhin er laut auflachte, was seinen Lakai sichtlich verwirrte. In der Klinik gab es selten Grund zum Lachen. Erst recht nicht zu einem solch übermütigen, zu dem er sich gerade hinreißen ließ. Weil es für Chase gedacht war.
Selbst House hörte, dass er anders klang, der Junge brauchte nicht einmal da sein. Der Gedanke an ihn genügte, um innerlich zu brennen und die Welt plötzlich in einem anderen Licht zu sehen. Ein gleißend schönes; voller Farben, voller Wohlgerüche und ohne Schmerzen.
Die Schrift auf der Karte war ein Teil von ihm. Der Gedanke berührte ihn eigentümlich und krampfte ihm das Herz zusammen. Rasch an der Kante entlang schnuppernd, erhaschte er einen eingebildeten Hauch der Sonne auf Chase' gebräunter Haut. Die kräftige und doch so sensible Hand hatte die Buchstaben für ihn zu Papier gebracht, irgendwo an einem Strandkiosk, wo er sich einen Kugelschreiber geliehen hatte, der auf der von Sonnenöl etwas in Mitleidenschaft gezogenen Karte den Geist aufgegeben hatte. Chase hatte die Schrift mit leicht verärgert gerunzelten Brauen ob des Malheurs übermalt, dann die Karte mithilfe seiner rosa schimmernden Zunge frankiert und in eine rote Mailbox am Pier eingeworfen. Nur für ihn, und das erheiterte ihn so ungemein, dass es ihm auf einmal gleichgültig war, dass er ihn von Foreman wie ein unmündiges Balg überwachen ließ. Das war seltsam, doch andererseits veränderten sie sich beide, sobald die Kliniktür sich hinter ihnen geschlossen hatte. Foreman, der seinen Boss bisher selten privat erlebt hatte, kannte diese Seite nicht an ihm.
Dem Anschein nach vermutete er, Chase sorge sich aus Eigennützigkeit, um den Job bei ihm behalten zu können, bestenfalls um sein Idol. Es sollte so bleiben.
Die Karte wollte er irgendwo aufbewahren, wo sie keiner sonst zu Gesicht bekam. Vielleicht sollte er sich auch eine Schatzkiste zulegen.
„Er hat Sie angestiftet, richtig? Der Filou! Raus mit der Sprache. Was hat er Ihnen geboten? Das Familienerbe? Da sind Sie ihm ordentlich auf den Leim gegangen. Daddy Chase hat das Vermögen einer medizinischen Stiftung vermacht, so war zumindest der letzte Stand der Dinge. Liegt ja auch nahe, wenn man ein berühmter Rheumatologe ist. Das reiche Kind erbt keinen Penny."
Halb verlegen und halb verächtlich hob Foreman die breiten Schultern, bevor er sich daran machte, die Mikrowelle einzuschalten. Seine mittelmäßigen Kochkünste konnten sich mit seinen messen, und er hoffte, bald wieder in den Genuss von Chase' Experimentierfreude zu kommen. Merkwürdig, dass sein Neurologe ihm scheinbar doch ähnlicher war, als House gedacht hätte. Vor Chase' Einzug hatte er sich hauptsächlich von Fertiggerichten ernährt oder darauf vertraut, dass Wilson mit Thai-Essen in Pappschachteln vorbeischaute, die er vom Take-Away auf dem Heimweg erstanden hatte. Auch Foreman schien zu dessen Stammkunden zu zählen.
„Ob Sie es glauben oder nicht, es ist ein kleiner Freundschaftsdienst. Erinnern Sie sich an Mr. Atkins, den Patienten, der Chase unter den Händen weggestorben ist?"
Tadelnd rümpfte House die Nase. „Sie meinen den schwarzen sentimentalen Feldarbeiter, der aufgrund unvermuteter Atemschwäche die Narkose nicht verkraftet hat?"
„Chase und ich haben uns danach in Ihrer Bodega verabredet."
„Du lieber Himmel. Sagen Sie nicht, Sie sind daraufhin unzertrennlich geworden."
Er schnaubte. „Nicht wirklich. Aber wir haben recht offen miteinander geredet und ein bisschen Wahrheit oder Pflicht gespielt. So wie Sie mir geraten haben", fügte er widerwillig hinzu. „Das war ziemlich aufschlussreich. Er ist kein so schlechter Kerl. Und wir haben ein paar Gemeinsamkeiten festgestellt. Er hatte es auch nicht leicht, das ist mir jetzt klar. Atkins mit seiner verstorbenen Frau war ein guter Aufhänger für das Gespräch. Wir sind dadurch zu unseren eigenen Familien gekommen. Ich habe ihm über meine erzählt, er mir über seine. Ich wette, Chase hat Ihnen nie gestanden, dass seine Familie von mütterlicher Seite aus jüdisch war. Seine Urgroßeltern wurden im KZ getötet. Nur der Großmutter gelang die Flucht nach Australien."
Die weißen Zähne blitzten in dem dunklen Gesicht, und er offenbarte eine zweideutige Regung aus Mitleid und Triumph, den zugeknöpften Kollegen eines Geheimnisses beraubt zu haben, von dem House keine Ahnung haben sollte. „Er sagte, ich muss es unter allen Umständen für mich behalten. Das heißt, wenn er mir keine Geschichten erzählt hat und sich bloß einschleimen wollte, weil ich das arme Ghettokid bin. Aber irgendwie war er ehrlich an dem Abend. So, wie es klang, hielt er das für einen Fleck auf seiner blütenreinen Weste."
Um seine Aufregung zu kaschieren, nahm House erst einmal einen Schluck Bier. Konnte Foreman ihm die Information liefern, die Wilson verweigert hatte? „Den Sie natürlich brühwarm und genüsslich kolportieren."
„Hey. Das ist schon eine Weile her, und Sie sind der Erste, der davon erfährt. Bin ich Ihnen doch schuldig als meinem Chef."
„Schleimen Sie sich nicht ein, Foreman. Auf der Arbeit ist die Herkunft meiner Arbeitnehmer nicht relevant. Bis auf Ihre. Autoknacker und Einbrecher sind eine seltene Spezies unter Medizinern."
Indigniert wich er ein Stück zurück und verengte die Augen, die dadurch alles Gefällige verloren und ihn auf einmal bedrohlich wirken ließen. Wie auf dem Sprung, mit dem er auf ihn ansetzte. Verstärkt wurde der Eindruck durch die kreisenden Bewegungen seiner Schultern. Doch er tat es, um Verkrampfungen zu lösen. Hatte er ihn eingeschüchtert?
Auf eine Antwort wartete er vergeblich; Foreman schüttelte erstaunt den rasierten Schädel und stieß einen Laut aus, der aussagekräftiger war als ein Echo der Schärfe, mit der er ihn zurechtgewiesen hatte.
„Hat er einen Namen genannt?" bohrte House wie auf glühenden Kohlen und konnte ein nervöses Crescendo in seiner Stimme nicht verhehlen. Seine Hände fühlten sich schwitzig an. Die ihn taxierenden Augen wurden noch schmaler.
„Weshalb interessiert Sie das? Ich dachte, es wäre unwichtig."
„Denken Sie nach." Drängend und ein wenig devot stellte er ihm eine weitere Dose auf den Tisch, wie um die Auskunft dagegen einzutauschen.
Foreman rieb sich die Stirn. „Ein bisschen großzügiger werden Sie sein müssen. Das Bier hätte ich mir selbst aus dem Kühlschrank geholt."
„Dann was? Ich tue alles."
In Foremans Kopf arbeitete es, während sich die Pupillen weiteten. Hoffentlich hatte er sich mit seiner Wissbegierde in persönliche Belange nicht verraten. Das Team würde kein gutes Haar an ihm lassen, wenn Foreman einen Beweis erbrachte, und er wäre nicht länger im Princeton Plainsboro beschäftigt mit Cuddys bohrender Eifersucht im Nacken.
Auch Chase nicht, der dann unter den Fittichen Camerons Buße tun musste. Er wollte ihn schützen, spürte jedoch mit einer ihn jäh überfallenden Reue, dass er selbst unter der gehässigen Bekanntmachung ihres Verhältnisses leiden würde, das nicht für die Öffentlichkeit bestimmt war. Erst recht nicht, um sich darüber das Maul zu zerreißen und es dadurch ordinär anmuten zu lassen. Was ihn betraf, war seine Beziehung zu Chase die reinste und ehrlichste, die er je unterhalten hatte, und er hoffte, dass sie noch eine Zeitlang andauerte. Durch äußere Umstände durfte sie nicht zerbrechen; sie ging nur Chase und ihn etwas an. Seine und nun auch Chase' Privatsphäre, die ihn einschloss, waren ihm heilig, auch wenn er gerne in der anderer wühlte. Gott, er war ein Heuchler, und unvorsichtig obendrein.
„Fast alles", schwächte er ab und verlegte sich auf ein sardonisches Lächeln, das Foremans Bedenken den Stachel nehmen sollte. „Sie wissen doch, dass Chase mein kleiner Goldjunge ist. Ihr Stammbaum ist gleich danach dran. Ich habe mir vorgenommen, meine Angestellten ein wenig besser kennen zu lernen. Keiner soll mir nachsagen, ich sei ein arrogantes Arschloch, dem seine Mitarbeiter gleichgültig seien."
Absichtlich benutzte er Foremans Worte, mit denen er ihn häufig nach einer Meinungsverschiedenheit betitelte, wenn er beleidigt aus dem Büro rauschte.
Schließlich rückte Foreman noch weiter von ihm ab. Ob er seiner lahmen Ausrede Glauben schenkte, war ihm nicht anzusehen, aber seine Augen blickten weniger skeptisch. „Drei Wochen Rollentausch. Ich bin der Boss."
„Warum nicht vier?" willigte er ein und wunderte sich, dass er nicht selbst darauf gekommen war. Der neue Patient, immer noch gesichts- und namenlos, stand ohnehin unter Foremans Aufsicht. Und so wie er ihn kannte, würde dessen Ehrgeiz nicht zulassen, dass er sich aktiv ins Geschehen einmischte. Was ihm gerade recht kam. Seit er Chase nicht mehr um sich hatte, konnte er sowieso nicht klar denken.
Foreman stieg seine gegenwärtige Machtposition zu Kopf. „Und Sie schnüffeln nicht in meiner Ahnenreihe rum."
„Okay. Einverstanden."
Allzu sicher war Foreman nicht mehr, meinte sich jedoch zu erinnern, dass der Familienname der Urgroßeltern Fink gewesen war. Vornamen hatte er nicht preisgegeben; allerdings wäre es möglich, dass Chase sie nie gehört hatte. Immerhin, es gab einen Anhaltspunkt.
Sofort humpelte er durch das Wohnzimmer und platzierte Foremans Notebook auf den Schreibtisch. Gut, dass der weitsichtige Foreman seines mitgenommen hatte, der hinter ihn trat und sich vorneigte. Zuhause umgab er sich nicht mit technischem Komfort. Der Atem des anderen Mannes fuhr an seinem Ohr vorbei, als er die Stichwörter in die Suchmaschine eintippte.
Bald stieß er auf eine alphabetische Liste sämtlicher KZ-Opfer, doch das Ergebnis war niederschmetternd. Fink war ein äußerst geläufiger Namen in Mitteleuropa, in Deutschland, Böhmen und Mähren. Ohne weitere Suchbegriffe musste er die Waffen strecken, es sei denn, er hockte vor dem Monitor, bis seine Augen dessen Form angenommen hatten. Resigniert aufseufzend wandte er sich Foreman zu.
„Hat er Ihnen wirklich keinen Vornamen gegeben? Wo genau die Leute herkamen? Oder den Ort des Konzentrationslagers? Denken Sie nach. Ich schenke Ihnen eine Woche mehr."
Schwindeln würde Foreman nicht. Erstaunlicherweise war er sogar dazu zu nüchtern. Spontane Flunkereien überforderten ihn, daher beneidete er Chase um die eben erwähnte Fähigkeit, das Blaue vom Himmel herunterzulügen. Solange sie niemanden an Leib und Leben gefährdete, war gegen eine ausgeprägte Erfindungsgabe jedoch nichts zu sagen.
„Tut mir leid. Ich nehme an, dass es Auschwitz war, aber das war auch das einzige, das mir vom Geschichtsunterricht im Gedächtnis geblieben ist."
Mit einigen mehr hätte er aufwarten können, doch was nützte ihm das angesichts der vielen Finks, wenn er sonst nichts in den Händen hielt? Frustriert klappte er den Laptop zu.
Gähnend zog Foreman sein Gesicht mitsamt den Bindehäuten herunter. „Ich gehe schlafen. Kommen Sie auch?"
Abermals drehte er den Oberkörper in Foremans Richtung und begutachtete den muskulösen Schwarzen aufmerksam von Kopf bis Fuß. „Woher der Sinneswandel? Hatten wir nicht vereinbart, dass ich auf mich auf der Couch herumdrücke?"
Foreman senkte die Lider und rollte seine Krawatte auf, die er selbst in der Wohnung nicht ablegte, jedenfalls nicht in seiner.
„Sie haben das Schlafzimmer mit Chase geteilt", nuschelte er kaum verständlich und vor sich hin schmollend. „Ich bin nicht zimperlicher als er. Das Bett ist breit genug für zwei. Ich habe nichts dagegen, wenn Sie darin liegen."
Entweder hatte er einen zuviel getrunken oder aber er fühlte sich ihm auf eine dubiose Art verpflichtet, die er noch nicht durchschaute.
„Später vielleicht. Obwohl mich Ihr Angebot ehrlich überrascht. Höher können Sie nicht aufsteigen. Ich habe Sie eben schon befördert. Ohne Gegenleistung. So spendabel wie heute bin ich nicht immer. Das sollten Sie zu würdigen wissen, bevor ich es mir anders überlege."
„Wenn Sie die Finger nicht von Chase lassen können-… "
Daher wehte also der Wind. Er wollte ihn testen, indem er mit ihm ins Bett stieg und ihn anschließend der Nötigung überführen, mit der er vermeintlich auch Chase an sich gekettet hatte. Das war amüsant und allemal ein lustiges Zuzwinkern wert.
„Halten Sie sich wirklich für so unwiderstehlich, bloß weil Sie schwarz sind und rasiert, womöglich an Stellen, von denen ich es gar nicht so genau wissen will? Dann muss ich Sie enttäuschen. Ich vernasche keine Männer, schon gar keine afroamerikanischen."
Er fasste sich schnell und nahm die Abfuhr gelassen hin. „Ich wollte nur nett sein, House."
„Netter Versuch."
Kopfschüttelnd, jedoch ohne Anzeichen von Ärger verschwand Foreman im Schlafzimmer, ehe er sich im lachsroten Seidenpyjama ins Bad zur letzten Tagestoilette stahl.
House blieb in tiefes Grübeln versunken und starrte vor sich hin. Nicht allzu überraschend fiel ihm Tante Amy ein. In seinem Hinterkopf spukte sie schon eine ganze Weile herum, doch sie war mit Chase' Mutter lediglich über Heirat des Bruders verwandt und nicht unbedingt über deren Familie im Bild, ergo belästigte er sie vielleicht nur und verschwendete Fernsprechgebühren nach Übersee.
Ein Versuch schadete trotzdem nicht. Er schaute auf die Uhr. In Melbourne war es etwa zehn Uhr morgens. Sie wäre wahrscheinlich erreichbar, sofern sie nicht mit ihren Bridgegenossinnen in Singapur herumschwirrte oder im Casino zockte.
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Kurz entschlossen ließ er sich mit Australien verbinden und lehnte sich an den Schreibtisch. Sein Bein pochte, und er massierte es mit schmerzverzerrter Miene. Doch bezüglich Tante Amy war ihm das Glück hold. Wenige Augenblicke nach seiner Anfrage meldete sie sich mit ihrem unverkennbar osteuropäischen harten Akzent, der von der Fröhlichkeit in ihrer jugendlich klingenden Stimme gemildert wurde.
„Greg. So was. Ich freue mich, von Ihnen zu hören."
Wie einen alten Bekannten begrüßte sie ihn. Ein warmes Gefühl breitete sich in seiner Magengegend aus. An die Vorweihnachtszeit mit ihr letztes Jahr dachte er gern zurück, wenngleich sie durch ein Scharmützel um Chase getrübt worden war, indem sie versucht hatte, ihrem Neffen die alte Heimat wieder schmackhaft zu machen.
Vorgeplänkel musste leider sein. Letztlich hatte er nicht einmal etwas dagegen, eine gute Erinnerung aufzuwärmen, und so erkundigte er sich höflich nach ihrem Befinden und plauderte ein bisschen mit ihr über den letzten Besuch und Chase, über den er den Anlass seines Anrufes formulierte.
„Ich muss etwas wissen über Robert, und ich dachte, Sie könnten mir eventuell weiterhelfen. Mich interessieren seine Urgroßeltern, die in Auschwitz ums Leben kamen. Da er gerade ein wenig Ahnenforschung betreibt, würde ich gern mit ihm dorthin reisen. Ist Fink der Name, der auf der Gedenktafel steht?"
Sie schnaubte ungläubig. „Auschwitz?"
„Er sagte, seine Mutter hätte es ihm erzählt, als er noch ein Kind war." Falls es nicht stimmte, würde sie es jetzt revidieren.
„Ich weiß nicht, wie er darauf kommt. Kurz vor Weihnachten, als ich mit ihm über unsere und Victorias Herkunft redete, hat er nicht einmal gewusst, dass sie Jüdin war. Sie hat nie mit ihm darüber gesprochen, was wahrscheinlich besser war für ihn. Ihr Mädchenname lautete Fingal. Vom Nationalsozialismus waren weder sie noch Verwandte betroffen. Vielleicht wurde aus Fink irgendwann Fingal, sogar sehr wahrscheinlich, aber ganz bestimmt nicht im Dritten Reich. Die Familie war schon lange hier sesshaft."
Perplex verdaute er die ungeahnte und ihn daher überrumpelnde Auskunft.
„Greg? Sind Sie noch da?"
„Ich verstehe nicht so ganz, was Sie mir weismachen wollen. Die Mutter hat Robert in seiner Kindheit ein Fotoalbum gezeigt, das wohl alte Bilder von Verwandten aus Europa beinhaltet. Können Sie mir das erklären?"
Das Lachen, das sie daraufhin ausstieß, klang nicht einmal pikiert.
„Ich mache Ihnen nichts weis. Roberts Großeltern waren jüdisch-schottischen Ursprungs und lebten in Sydney, aber sie verbannten Victoria aus ihrem Leben, als sie zum Katholizismus konvertierte, um Rowan zu heiraten. In ihren Augen war Rowan ein Scharlatan, der ihnen die Tochter gestohlen hat, und sie eine Abtrünnige. Um eine Kontaktaufnahme haben sich beide Seiten nicht wieder bemüht. Ich habe es Robert nicht gesagt, weil es ihn schmerzen würde, zu wissen, dass er sie nie sehen durfte. Victoria hat offenbar ihre eigene Methode entwickelt, es vor ihm geheim zu halten. Sie hatte eine blühende Phantasie, die vielleicht aus ihrer Krankheit resultierte. Vielleicht hat sie ihre Märchen später selbst geglaubt; Rowan meinte, dass ihr der Sinn für die Realität immer mehr entglitt und sie auch Robert in ihre Traumwelt hineingezogen hat, er war sehr empfänglich für solche Dinge. Wen wundert's bei dem Umfeld, in dem er aufwachsen musste. Das Album, von dem Sie sprechen, gehörte mit großer Wahrscheinlichkeit zu unserer Seite, Rowans und meiner. Er hat ihr nach der Scheidung fast alles überlassen. (Der rücksichtsvolle Daddy, dachte er sarkastisch.) Robert war ein verträumter Junge, er hat den Unterschied vermutlich nicht bemerkt oder bemerken wollen. In seinem speziellen Fall war es extrem grausam, dass er ohne Granny und Grandad aufwachsen musste. Sie hätten sich um ihn kümmern können, als es mit Victoria bergab ging. Meine Eltern haben zu diesem Zeitpunkt leider nicht mehr gelebt. Ich hätte ihn permanent genommen statt nur in den Ferien, aber eine allein stehende Frau wie ich kann nicht so ohne weiteres Kinder adoptieren, besonders da ich die Schwester des Vaters war. Und dann wollte Robert ja bei seiner Mutter bleiben ... es hätte ihm das Herz gebrochen, wenn man ihn von ihr getrennt hätte. Er war eben ihr Sohn."
„Wann sind die Fingals gestorben?"
„Warten Sie ..." Minutenlang herrschte konzentrierte Stille, die er nicht unterbrach. „Ich schätze, Jake vor etwa zehn Jahren. Caroline ist vor ungefähr fünf in einem Heim in Sydney gestorben, in dem sie seit dem Tod ihres Mannes betreut wurde. Genau kann ich es Ihnen nicht sagen, aber ich glaube, ich habe es seinerzeit in der Zeitung gelesen."
Welche Ironie des Schicksals. Auf seinem Ausreißertrip als Dreizehnjähriger hatte Chase unter dem Vorwand, die Großeltern zu besuchen, genau diese Stadt angepeilt, ohne zu ahnen, dass sie tatsächlich dort wohnten.
„Ich hoffe, Sie haben Robert in Ihren Plan, Auschwitz zu besuchen, noch nicht eingeweiht oder sogar Tickets gebucht. Der Trip wäre völlig umsonst, und es würde ihn als Halbjude nur deprimieren, einen so grauenhaften Ort zu sehen."
Halbjude. Nazijargon, der mittlerweile in den gängigen Sprachgebrauch eingegliedert worden war für Sprösslinge aus einer Mischehe von Jude und Christ. Wilson wäre an die Decke gegangen.
„Danke, Amy. Sie haben mich vor einem Fehler bewahrt." Seine Lippen fühlten sich taub an.
„Bitte sagen Sie ihm nichts von seinen Großeltern. Was ich ihm an Weihnachten eröffnet habe, war erschütternd genug und hat uns beiden schlaflose Nächte beschert. Und es ist keinem gedient, wenn es nach so langer Zeit ans Licht kommt. Robert ist zwar kein Kind mehr, aber sensibel wird er immer bleiben."
Ihm brauchte sie das am allerwenigsten zu sagen. Höchstpersönlich würde er dafür sorgen, dass er niemals abstumpfte, und wenn es ihn sein linkes Bein kostete. Aber wenn Ehrlichkeit in ihrer Beziehung einer der Werte war, auf denen sie fußte, hatte er dann nicht sogar die Pflicht, ihn aufzuklären? Äußerlich ändern würde das Wissen darüber, dass seine Großeltern stupide Querköpfe gewesen waren und nicht besser als sein Vater, nicht viel. Innerlich jedoch würde es Chase zermürben.
Das unmoralische Angebot von Foreman nahm er nicht an, obwohl es ihn reizte, wenn schon nicht aus sexueller, dann doch aus allgemeiner Neugier, ob Foreman soviel Courage bewies, wie er vortäuschte. Stattdessen blieb er lange mit ausgestreckten Beinen auf dem Sofa sitzen, schwenkte ein Weinglas in der Hand und ließ die Gedanken kreisen.
Warum wurde ein Mensch, der so höflich, charmant und anziehend war wie sein junger Australier, auf derart üble Weise bestraft? Weil er der Gute war, ohne Gutmensch zu sein? Er wollte ihn sprechen, jetzt, es ging kein Weg daran vorbei, bevor ihn der Mut verließ. Nachdem er erneut zum Hörer griff, die Nummer wählte und zweimal das Freizeichen ertönte, meldete sich zu seiner Überraschung nicht seine Mutter.
„Robert Chase bei House." Die unbeabsichtigt laszive Schläfrigkeit in seiner Stimme ließ seine Lenden prickeln, während er den Atem anhielt. Offenbar hatte er ihn aufgeweckt, was ungewöhnlich war. Normalerweise ging er zwischen ein Uhr und zwei Uhr ins Bett, manchmal sogar später. An der Westküste war es gerade mal kurz vor elf. „Hallo?"
„Baby", flüsterte er zärtlicher, als er es sich je hätte vorstellen können, knapp davor, sich als durchgedreht zu schimpfen. Seine guten Vorsätze, ihn mit den hartherzigen Großeltern zu konfrontieren und ihm zu versichern, dass es das Beste wäre, sich an die Gegenwart zu halten, verpufften. „Ich bin es."
„House!"
Die Hand am Hörer, bezwang er vergeblich das beschwingte, tiefe Lachen, das so gar nicht zu seiner bubenhaften Erscheinung harmonierte und doch nur seines war. Es war das Einzige, das ihn männlicher machte als ihn, den Älteren. Sein Atem flog plötzlich vor unverhohlener Überraschung, und er hätte ihn am liebsten eingesaugt, eingefangen in einen luftdichten Behälter vor dem Telefon, um ihn zu schmecken, zu spüren und sich an ihm zu berauschen. Wie in einer Vision tauchte sein unverschämt blühender, junger Körper vor ihm auf; ihm wurde schwindelig von dessen leichten, erst widerstrebenden Schaukelbewegungen ihres letzten Zusammenseins, als wäre er leibhaftig hier. Selbst sein zunächst abgehackt schluchzendes Ächzen, das so unnachahmlich seinen Klimax ankündigte, konnte er hören, das Beben seiner Weichen fühlen, als seine Muskeln unter seiner Berührung gezittert hatten. Mit Chase empfand er selbst als Unterworfener Lust.
„Wie geht es Ihnen?"
„Dass Sie fragen. Ich habe Ihre Karte erhalten. Wie geht's Ihnen mit Mrs. House?"
„Blendend." Schweigen. „Sind Sie sauer?"
„Wegen Foreman? Der Kerl wacht wie ein Zerberus über mich. Ich sollte es wohl sein."
„Sie sind es aber nicht."
Im Halbschlaf über eine Entfernung von fast dreitausend Meilen klang der ozeanische Akzent aufreizend, beinahe frivol. Unwillkürlich fuhr seine Hand hinunter zum Schritt.
Die Wildheit, mit der er ihn vermisste, grenzte an Obsession. Abrupt stürmte die Plastizität seines leicht verschwitzten, strähnigen und dennoch so weich kitzelnden Haars über seiner Brust auf ihn ein, der sanften Bisse und des scheuen und verlangenden Knabberns der sinnlichen Lippen an seinen Brustwarzen und der Nase, nachdem er ihn oral befriedigt hatte, ohne dass er sich dagegen wehren konnte oder es gar erzwang. Der stimulierende Druck an seiner Leiste, den er mit dem Knie ganz vorsichtig und trotzdem leidenschaftlich ausgelöst hatte, um seine Dankbarkeit auszudrücken, da ihm vor Verwunderung die Worte gefehlt hatten.
Und über allem der betörend schwere Duft der Begierde und hemmungsloser Wollust, der exotische Geschmack nach Mango, Pfefferminz und Chase in seinem Gaumen und der Speiseröhre, der warm und komplett in seinen Magen geflutet war. Trunken schloss er die Augen und zuckte leise aufstöhnend zusammen, bevor er das gesunde Bein an der Sessellehne anspannte. Das rechte gehorchte ihm nicht mehr und zitterte und krampfte unter Nervenreizungen, die seine dort noch vorhandenen Muskeln auf Äußerste reizten. Seine nur schwer unter Kontrolle zu haltende Exaltation, von unterdrückten Lauten begleitet, beunruhigte den Jüngeren.
„Was haben Sie? Wollten Sie nur anrufen, um mir mitzuteilen, dass meine Karte angekommen ist? Oder gibt es Probleme?"
„Wir sehen - uns wieder, oder?"
„Bald", versicherte er voller Freude, die seine Stimme merklich kippen ließ. „Ihre Mutter ist wunderbar. Ich darf sie jederzeit besuchen kommen, sagt sie. Das nächste Mal mit Ihnen. Sie hat sich extra ein australisches Kochbuch besorgt und verwöhnt mich jeden Tag mit Lieblingsgerichten aus meiner Kinderzeit. Und es schmeckt fast genauso, obwohl wir hier nicht alle Zutaten bekommen. Ist alles okay? Sie klingen irgendwie komisch."
„Ich staune über Mrs. House und weine um Sie", keuchte er, über die Schulter zur Schlafzimmertür schielend, die ein Spalt breit geöffnet war. Foreman lag dahinter, aber es war ihm gleich. Von einer neuerlichen Woge eines wonnevoll wühlenden Krampfes in Muskeln und Sehnen durchdrungen widmete er sich wichtigeren Dingen. „Ich wusste nicht, dass es genug australische Rezepte gibt, um ein Buch damit zu füllen. Und habe gerade Cybersex."
Die unverblümte Antwort musste sich erst setzen.
„Solange ich nicht dabei sein muss", erwiderte er dann verschnupft. Unter Cybersex verstand er anscheinend House' Pornosammlung, die er seit über einem Jahr nicht wieder aus der Versenkung geholt hatte. Oder unromantisch interaktive Spiele in noch unromantischeren Roboterkostümen. Verrückt. In aller Unschuld berichtete Chase von Kindheitserinnerungen und Mütterlichkeit, und er holte sich dazu einen runter.
„'Telefonsex' hört sich zu profan an für Sie."
Offenbar wusste er nicht, was er davon halten sollte, darum beschränkte er sich auf ein hilfloses Schnauben, das ihn noch mehr aufheizte.
„Ich wünschte, Sie wären ... uuh ..."
„House?"
„Ich muss - " Ein dumpf bis in seine Bauchhöhle ausstrahlender, jedoch mitreißender Sinnesreiz raubte ihm den kläglichen Rest seines Atems. „ – auflegen."
Es gelang ihm noch, die Verbindung zu unterbrechen, damit Chase nicht zum Lauscher dessen wurde, was er arglos verursacht hatte. Seine jetzt freie Hand umkrampfte die Sitzlehne der Couch wie Chase' feste Schenkel. Nein. Die konnte er sich nicht zurückholen.
Der sickernde Schweiß auf der flaumigen, feuchten Haut, das ihn umnebelnde Testosteron und seine fest zupackenden Hände um seine Schultern, das ließ sich einzig mit ihm verwirklichen. Keine noch so anschaulichen Phantasien reichten an seinen physischen Zauber heran.
