Das Telefon schrillte. Schläfrig langte er hinüber. Eigentlich beantwortete Foreman in seiner Eigenschaft als Kindermädchen die Anrufe, doch der fleißige Emporkömmling war wahrscheinlich bereits auf dem Weg zur Klinik. Seine Vorstellung vom Boss markieren kam seiner vom Arbeitnehmerdasein sehr entgegen: nachdem House bei einer verordneten LP geschludert hatte, wollte Foreman sich den Fall nicht verpfuschen lassen und im dünkelhaften Alleingang lösen. Um sicherzugehen, dass er den Patienten nicht noch einmal unnötig quälte, hatte er ihm den direkten Kontakt untersagt.

„Sie sind einfach nicht mehr sich selbst, seit Chase Muttersöhnchen spielt. Bleiben Sie im Büro und klammern Sie sich an Ihre Marker", begründete er seinen Entschluss und vergaß dabei, dass sie es genauso gehalten hatten, als House noch der Boss war. Die Freiheit, aus dem Haus zu gehen, wenn er den Zeitpunkt für günstig hielt, räumte er sich selbst ein. Foreman schien nichts dagegen zu haben. Insgeheim war er froh, dass House sich zurückhielt, und auf diese Weise war beiden gedient. Er sollte öfter mit ihm einen Deal schließen.

Am anderen Ende der Leitung ertönte ein Schluchzen. Erlaubte sich da irgendjemand einen schlechten Scherz? Neugierig blieb er am Apparat. Irgendwie kam ihm die Stimme bekannt vor, die bisher nur in den Hörer stöhnte. Chase war es nicht, obwohl es ihm ähnlich sähe, seinen letzten Anruf auf eine so schwarzhumorige Art zu parodieren. Allerdings klang seines tiefer und nicht so unheilvoll wie das der Frau, die ihn gerade behelligte.

„Greg ..."

Seine Nackenhaare stellten sich auf. Sofort war er alarmiert. Stresshormone überschwemmten seinen Organismus bis zum Hirn und zogen Schmerzbahnen in das rechte Bein, das wie Feuer zu brennen begann. Zu abrupt setzte er sich auf und bekämpfte einen Schwindel, während er es unwillig grunzend massierte.

„Was ist? Was ist passiert?"

„Oh, Greg ... ich habe etwas schrecklich Dummes getan. Robert ist weg!"

Unter der Kraftanstrengung, seine brutal gequetschten Nerven zum Leben zu erwecken, konsultierte er die Uhr am kribbelnden Handgelenk. Die Schlafposition, die er auf dem Sofa einzunehmen gezwungen war, bedingte jeden Morgen taube Glieder. Hoffentlich konnte Foreman bald wieder ausziehen. Die Ameisenarmee war ihm der angebrannt schmeckende Kaffee auf der Wärmplatte der Maschine nicht wert.

Das Zifferblatt zeigte kurz nach acht. In Kalifornien war es fünf Uhr früh. Seine Mutter riss sich zusammen, doch es fiel ihr schwer, die Fassung zu wahren.

„Er war die ganze Nacht nicht da. Bisweilen geht er früh raus, um den Fischern zu helfen, aber er hat nicht in seinem Bett geschlafen, das hat mich jetzt doch stutzig gemacht. Wir hatten gestern Abend ein Gespräch, das ihn wahrscheinlich verstört hat. Wir haben über ... über diese Sache gesprochen, die letztes Jahr im Juni geschehen ist-... du hast ihn gefunden und ihm geholfen, damit zurechtzukommen..."

Die Vergewaltigung. Letztendlich hatte er sich ihr doch noch anvertraut. Völlig überraschend fand er es nicht, war aber in der Tat ein wenig verblüfft. Vielleicht hatte sie ihn betrunken gemacht, um ihn zum Reden zu bringen. Freiwillig wäre er nicht einmal ihm gegenüber damit herausgerückt. Allerdings besaß seine Mutter ein Händchen für gequälte Seelen. Ein sensibleres als Cameron.

Antworten konnte er nicht, sein Mund war auf einmal jeglichen Speichels beraubt. Nach einem Schneuzen meldete sie sich wieder, einer Hysterie nahe.

„Ich rufe die Polizei ..."

„Nein", sagte er fest, obwohl sein Blut brodelte und er bereits steifbeinig den Weg zum Schrank einschlug, um sich für einen Flug nach San Diego auszurüsten. „Beruhige dich. Allzu lange ist er noch nicht weg. Vielleicht wäre es ihm peinlich, wenn du jetzt gleich den Suchtrupp mobilisierst. Er muss manchmal allein sein, um mit etwas fertig zu werden, das ihn beschäftigt. Ich komme rüber mit dem nächsten Flug. Bis dahin unternimmst du nichts, okay? Vielleicht taucht er in der Zwischenzeit von selbst wieder auf. Wenn nicht, gehen wir ihn suchen."

Zäh wie Gummi zog sich der fünfstündige Flug dahin, für den er in letzter Minute ein Ticket ergattert hatte und dafür durch das Flughafengelände gewirbelt war wie eine verhinderte Naturkatastrophe, mitleidige Blicke von Vorbeigehenden einheimsend. Zum Glück hatte er wenigstens kein Gepäck zu schleppen.

Erst im Flieger hoch über den Wolken fand er Zeit, sein Team zu informieren. Sein Gesicht war schweißbedeckt, nicht nur vom ungewohnten Sprint durch das weitläufige Areal und der Anstrengung, es gerade noch unter die letzten Passagiere geschafft zu haben.

Wilson gab sein Bestes, seine Beklemmung zu zerstreuen, indem er ihm dasselbe sagte wie er seiner Mutter am Telefon. Aber irgendwie glaubte er das nicht mehr richtig. Wahrscheinlicher schien ihm, dass Chase sich nun schämte für seine Offenheit einer ihm gerade mal dreiwöchigen Bekanntschaft gegenüber. Oder aber die Aussprache hatte das Gegenteil von dem bewirkt, was sie eigentlich sollte: Neuerlich bildhaft hervorgerufene Flashbacks und Schmerz statt heilsame Therapie.

Nervös auf den Fingerknöcheln kauend betrachtete er die in der Sonne gleißende Tragfläche des Airbusses, wobei er alle zehn Minuten auf die Uhr blickte und merkte, dass seine Augen brannten. Das Bordmenü winkte er ab. Dafür ließ er sich drei Whisky hintereinander kredenzen.

oOo

Buchstäblich aufgelöst lief sie ihm am Terminal entgegen, hatte vermutlich die ganze Zeit auf ihn gewartet und sich mit Anschuldigungen überschüttet. Ihr ansonsten tiptop gemachtes Haar hing in Strähnen in ihre sorgenvoll gerunzelte Stirn. Schluchzend krallte sie sich seinen Arm. Sie wirkte klapprig, und zum ersten Mal dachte er, dass sie eine alte Frau war.

„Greg! O Gott, ich mache mir solche Vorwürfe. Bei den Nachbarn habe ich nachgefragt, aber keiner hat ihn gesehen. Ich bin völlig am Ende ..."

In einer ihm untypischen Geste schulterte er den Rucksack fester und schlang den freien Arm um sie. Ihre Verzweiflung ging ihm näher, als er wahrhaben wollte, weil es auch seine eigene war. „Er kommt wieder", sagte er rauh, um sich selbst aufzumöbeln. „Es wird alles gut, Mom. Du hast dir nichts vorzuwerfen." Gib die Hoffnung nicht auf. Er ist ein vernünftiger Junge.

Bevor sie ihn suchen gingen, bestand seine Mutter darauf, dass er eine Kleinigkeit zu sich nahm, doch er hatte keinen Hunger, versprach, unterwegs etwas zu essen und brach unversehens zum Strand auf. Freunde, bei denen er untergekommen sein könnte, hatte er ihres Wissens nicht. Außer die Fischer, ein wortkarges, eigenbrötlerisches Volk. Nachmittags traf man sie nicht mehr an; ihre Arbeit endete am späten Morgen.

Die kalifornische Glut brachte ihn fast um. An der Küste wehte eine laue Brise, aber die Sonne brannte unbarmherzig auf seinen unbedeckten Kopf und die entblößten Arme. Er trug nur ein T-Shirt und Jeans, die um die Gürtellinie von Schweiß juckten. Jeden Badegast, der ihm begegnete, fragte er vergeblich nach Chase.

Entmutigt spähte er die Klippen hinauf, die Augen mit der Hand beschirmend. Hinauf klettern konnte er nicht, nicht einmal den Versuch unternehmen. Ein lahmes Bein vereitelte diesbezügliche Ambitionen, obwohl es in ihm gärte, es zu probieren.

Schließlich gelangte er an den am Ende des Felsens liegenden Ankerplatz der sanft in der Brandung schaukelnden Fischkutter. Ein vom Wetter gegerbter, ausgemergelter Hüne um die Fünfzig hockte im Schatten seines Schoners auf einer Lagertonne und flickte ein Netz. Als er näher humpelte, hob er misstrauisch den Kopf. Seine sich verengenden, von Falten eingezäunten Augen maßen ihn wie einen unerwünschten Eindringling. Er baute sich vor ihm auf, den Stock in den Sand gebohrt, wischte sich die Schweißtropfen von den Schläfen und kam kurzerhand zur Sache.

Hola. Has visto a un joven rubio?Australiano?"

Mürrisch und verächtlich zugleich spuckte der Fischer seinen Kautabak aus, ehe er etwas für amerikanische Ohren nicht gerade Schmeichelhaftes in seinen graumelierten Stoppelbart brummte, nach rechts schaute, um seinem Blick auszuweichen, und sich dann wieder über seine Arbeit beugte. House stieß ihn mit seinem verlängerten Arm an. Unfreundlich konnte er auch sein, da brauchte er keinen Meister. Der Mann schien etwas zu wissen.

„Ich rede mit Ihnen."

Bésame." Leck mich.

Er wusste, wo Chase sich aufhielt; jetzt war er sich hundertprozentig sicher. „Hundert Dollar. Bar auf die Hand, wenn Sie mir sagen, wo er ist."

Unwirsch deutete er mit dem kantigen Kinn vage hinter sich zum Schoner. Einen mitteilsameren Zeitgenossen hatte er selten gesehen. „No quiero el dinero - Ich will kein Geld", knurrte er. „Heute Morgen er war hier."

Ein Rumpeln an Deck ließ ihn aufhorchen. Auf der anderen Seite des Bootes bemerkte er aus den Augenwinkeln eine Bewegung. Jemand schwang sich über das Geländer und landete mit einem dumpfen Aufprall im Sand. Chase. Er floh vor ihm. Weshalb?

Er schickte sich an, sich an seine Fersen zu heften, doch der Spanier schnellte hoch und hielt ihn derb am Arm zurück. „Déjalo en paz – lassen Sie ihn in Ruhe." Plötzlich klang seine knarrende Stimme beinahe mild. „Er hat nicht geschlafen. Viel Tränen."

Jählings machte er sich los. Der Kerl war ihm nicht geheuer. Eile war nicht geboten, und so folgte er in gemäßigtem Tempo den im Lauf verwehten Fußstapfen im Sand. Wenigstens schien er körperlich nicht verletzt zu sein, das war eine große Erleichterung. Die Spur führte zu einem nicht weit vom Hafen entfernten Verschlag, den die Fischer offenbar als Lagerraum nutzten. Langsam umrundete er ihn und stieß dann zögerlich die Tür auf, die erstaunlich morsch in den Scharnieren nachgab. Er hatte damit gerechnet, dass Chase ihn ausgeschlossen hatte. Den Stock lehnte er neben den Eingang.

Bevor er Einzelheiten im mit Spinnweben umwebten Inneren wahrnehmen konnte, fiel sein Blick auf den Jungen am Fenster und blieb daran hängen. Aus zusammenkneifenden Augen, die vom scharfen Kontrast zwischen Hell und Dunkel schmerzten, erkannte er, dass er nur mit Shorts und einem Unterhemd bekleidet war, Letzteres erregend eng anliegend. Augenscheinlich hatte er unter Deck des Schoners ein wenig den versäumten Schlaf nachgeholt. Sein Haar stand zerzaust neben dem Ohr ab.

Wie schlank, wie anmutig und doch männlich seine Gestalt wirkte. Im letzten Jahr musste er in der Tat ein wenig an Muskelmasse zugelegt haben. Seltsam, dass es ihn erst jetzt an Merkmalen verwirrte, die er fast täglich sah und berührte; der breitere Schultergürtel, der muskulöse Hals, an dem die Schlagader pulsierte und einen Schatten warf.

Plötzlich wurde ihm bewusst, dass Chase längst ohne seine Erlaubnis erwachsen geworden war, ohne dass er es realisiert oder sich einfach geweigert hatte, es zu akzeptieren.

Schemen von Schiffsmaterial wie Netze, Tauwerk und gewaltige Anker, die das tanzende Sonnenlicht über dem nahen Ozean reflektierte, huschten über seine sich heftig hebende Brust, als er einen bedächtigen Schritt nach vorne tat. Sein Atem ging schnell, und er schien ähnlich wie er zu glauben, in einen Traum geraten zu sein. Ihn gebannt, wie unter Hypnose beobachtend, schluckte House krampfhaft, sowie Chase sich ihm wortlos näherte; das leise Tappen seiner nackten Füße auf den staubigen Holzdielen war das einzige vernehmbare Geräusch, zusammen mit dem wilden Rauschen seines Blutes in den Ohren oder das des Meeres. Direkt vor ihm knickte er ein wenig in den Hüften ein, schwang sie durch abwechselndes Wippen der Fußsohlen hin und er, um sich an ihm zu reiben. Es war nichts Keckes oder Kokettierendes darin, nur der Wunsch, ihm so nahe wie irgend möglich zu sein. Genießerisch schloss er die Augen und spürte einen fordernden Willkommensgruß auf dem Wangenknochen.

Staub, Salz, sonnenverwöhnte Haut und Meer und die ihn fast umwerfende maskuline Würze, die von ihm ausging, ließen ihn die Nasenflügel blähen, als er die Arme um ihn legte, die ruhelosen Hüften mit dem Druck seiner Hände zügelte. Er sollte sich Zeit lassen, wenn er es denn wollte. Was ihn anging, löste allein die Gegenwart des vermissten Geliebten so starke Gefühle aus, dass er bezweifelte imstande zu sein, die kostbare Zeit mit ihm auszudehnen.

Die Hand in seinem Nacken, die seinen Kopf scheu zu sich herunterbog, ließ ihn zusammenschaudern. Seine Nase wühlte in Chase' Haar, von dem er sich die abspenstig geringelte Strähne um den Finger drehte, und für den Moment wurde er ein wenig ruhiger.

Nach einem verhaltenen Lachen über das unverhoffte Wiedersehen atmete Chase in sein Schlüsselbein, um ihn dann aus Augen anzusehen, die reifer blickten als jemals zuvor, ihm eine Traurigkeit offenbarten, die anders begründet war als die, an die er sich in dem Blick des kleinen verletzten Buben inzwischen gewöhnt hatte. Oder bildete er sich das nur ein? Wie auch immer, es befremdete ihn.

Er versank in der grünblauen, goldgesprenkelten Unergründlichkeit seiner Iris, die dank der Lichtverhältnisse fast schwarz erschien, und trat mechanisch einen Schritt vor. Chase umschloss das Bein mit seinen, was sämtlichen verbliebenen Nervensträngen in seinem Oberschenkel den Garaus machte, doch Chase fixierte ihn, brachte das vernarbte, pochende Gewebe mit dem richtigen Druck zur Ruhe, den Schmerz zum Erliegen und etwas anderes in Aufruhr. Berauscht und dankbar leckte er an der feinen Ohrmuschel, zupfte ein wenig daran und sog den von Schweiß zusammengeklebten Strähnen gierig das allgegenwärtige Salz aus, bis sie strohig schmeckten.

Chase fröstelte wie unter einem Fieberanfall, ehe er leicht auf seine Schultern eintrommelte. Vielleicht fror er tatsächlich; auf der gebräunten Haut stellten sich die flirrendhellen Härchen auf. Er selbst brannte vor Verlangen und schenkte ihm ungefragt seine Hitze. Chase absorbierte sie wie ein Schwamm, indem er sich an ihn drängte, ihn mit Mund und Händen erforschte. „Sie sind wirklich da…"

Seine vor Aufregung rauhe Stimme brach, er stellte sich auf die Zehenspitzen und küsste House' Kiefer, drückte ihm den Kopf nach oben. Einzelne blonde Haare luden sich elektrisch an den Bartstoppeln auf. Unwillkürlich wie sie war, jagte die Berührung eine Gänsehaut seine Wirbelsäule hinunter und ließ seinen Hintern und die Glieder zittern. Sich aus Chase' Schenkeln befreiend, wich er keuchend an die Bretterwand zurück. Chase umfasste seine Taille, strich energisch über seinen Po und zwang ihn, die Beine zu spreizen, indes die Hände tiefer wanderten. Der geschmeidige Körper goss sich an seinen Brustkorb und die fieberhaft zitternden Bauchmuskeln und wurde von seinen rasenden Atemzügen geschüttelt.

Unter seinen Handballen schoben sich die Hüftknochen des Jungen je nach Druckausübung leicht hoch und wieder herunter. Wie selbstverständlich drückte Chase das Becken an seinen Unterleib. Die Bewegung war so sanft und doch so vielsagend, dass er nicht anders konnte als sehnsüchtig aufzuseufzen, während seine Finger unter den Saum der Shorts krabbelten, sie ihm ein Stück herunterstreiften. Die verführerisch glatte Haut schimmerte dunkler als sonst, doch dort, wo kein Sonnenstrahl sie geküsst hatte, war sie wie Alabaster. Und zart und rund und fest. Er würde verrückt werden, wenn er ihm gestattete, ihn anzufassen.

„Ja", wisperte er heiser. „Sie auch ...?" Etwas, das wie ein schluchzendes, wahnsinniges Lachen klang, ein völlig absurder Laut, entstieg eruptionsartig seiner Kehle.

„Sch sch ... es ist gut, ich bin da", beschwichtigte Chase, ihn weiterhin umschlingend; die Wange an seinem Brustbein benetzte das T-Shirt mit Feuchtigkeit; er wusste nicht, ob von Schweiß oder Tränen. „Ist okay."

„Bleib", murmelte er, während er die Hand über Chase' Schritt legte und ihn ein Stück von sich weg schob, um ihn in seiner ganzen Sinnlichkeit zu mustern, ihn zu atmen. Seine Zungenspitze stieß zischelnd und vorsichtig an den Amorbogen der sinnlich breiten Oberlippe. Es war, als müsse sie dort sein, als wäre Chase damit geboren, um ihr später, für diesen Augenblick, diesen Platz einzuräumen, und er tat ihr den Gefallen und verweilte eine Zeit, schmeckte Salz und Schweiß. Langsam züngelte er über die Falte zwischen Mund und Nase zur Nasenspitze hinauf an die Wurzel, deren Eigenwilligkeit er so liebte. „Bleib mein Baby."

Chase packte sein T-Shirt und nestelte ein wenig daran herum, verringerte den Abstand zwischen ihnen erneut, indem er an seinem Rückgrat bis hinunter zum Steiß über den Po imaginäres Klavier spielte und dann auf eine wagemutige Erkundungstour ging. Der Mund in dem halb zu ihm erhobenen Gesicht deutete ein Lächeln an, als Chase sich an ihn und dann die Wange an sein Brustbein bettete. Was seine Fingerspitzen gerade ertasteten, hätte House erröten lassen, wäre es nicht so großartig gewesen. Er glaubte, zu bersten unter dem wonnevollen Schauer, der mit den langen, kraftvollen Fingern seine Haut hinab fuhr, so erregend frech und neu war der Körperkontakt.

Obwohl es ihm schwer fiel, sich von Chase loszueisen, schweifte sein Blick suchend, fast hilflos durch den Raum. Er war vollgestopft mit Regalen, in denen sich wiederum Schiffsschrauben und Zubehör in einem nur für die Seeleute durchschaubaren System stapelten. Wahrlich kein idealer Ort für Romantik. Mit dem Druck, unter dem er stand, würde er ihn auch im Stehen nehmen, aber irgendwie schien ihm das nicht richtig, geradezu roh, nachdem Chase so lieb um ihn warb und das Vorspiel dermaßen grandios gestaltete. Allerdings würde mehr daraus werden; sein Blick hatte es ihm gesagt in dem Moment, als er eingetreten war, zusammen mit seiner erstaunlich mutigen Initiative, mit der er ihn hochbrachte. Ohne ihn aus seiner Umarmung zu entlassen, dirigierte House ihn von der Bretterwand fort. Gehorsam und leichtfüßig wie ein Tänzer folgte er rückwärtsgehend seinen Schritten; den Kopf gesenkt, entglitt ihm die Kontrolle über sein Denkvermögen; er wusste was kam. Chase würde mit ihm auf eine merkwürdig ruhelose Art rangeln, ohne Sinn und Ziel, wie ein kleines wildes Tier. Ein lüsternes Ächzen stahl sich unter seine Atmung, und er begann hektisch, ihm das Shirt hochzukrempeln, vollendete sein Vorhaben aber nicht.

Irgendetwas fiel krachend zu Boden und zersplitterte, als sie gegen ein Regal taumelten, doch weder er noch Chase achteten darauf. House blies ihm seinen herben Atem in den Mund und befeuchtete die Lippen, nach denen der Kleinere spielerisch schnappte, wenn er kurz losließ. Nie zu lange, als befürchtete er, ihn zu verlieren. Zugleich zerrte Chase wild am Hemd, bis House es sich über Kopf und Arme zog, ihn danach jedoch sofort wieder an sich presste. Ein Schauer durchpulste seine Adern und setzte sich über die Wirbelsäule fort, so dass er kurz pausieren musste, um sich zu fangen. Er hätte Chase tragen können, so erhitzt war er. Aber er würde sich ihm zuliebe bremsen.

Vor einer Tür mit einem abweisend verrosteten Riegelschloss verharrten sie schwankend. House hatte das Gefühl, weinen zu müssen. Seine Augen brannten, während er den Jungen roh an der Schulter packte im Begriff, ihn von sich wegzudrehen. Länger konnte er nicht mehr warten.

„ ... lässt sich öffnen", keuchte Chase und demonstrierte den Wahrheitsgehalt der Aussage, indem er die Tür mit der Ferse aufstieß und im Inneren einen Kippschalter an einem sichtbaren Wandkabel umlegte. Er schien schon öfter hier gewesen zu sein.

Eine fensterlose Schlafgelegenheit für den Bootsmann kam zum Vorschein. Bis auf die Pritsche und ein Hängeregal mit Schnaps, einigen Wasserflaschen und der spanischen, aufgeweichten Taschenbuchausgabe von Moby Dick war der Raum - eher eine Kammer – kahler und klaustrophobischer als eine Mönchszelle. Nässe und Schimmel fraßen die hellgelb verputzten Wände, aber es war gut, es genügte für das, was sie anstrebten, auf das sie wie entfesselt hinsteuerten. Er hätte ihn überall haben wollen, seinen süßen, athletischen, allmählich erwachsenen Australier, der so ein scharfes Aroma aussandte, dass ihm ganz flau wurde beim Gedanken daran, jetzt noch von ihm abzulassen. Oder dass es das letzte Mal sein könnte, bevor ihm Flügel wuchsen.

Ehrfürchtig strich er über die bebenden Flanken, die appetitlichen Rundungen seiner Schultern, küsste und biss sie zärtlich, um sie als sein Eigentum zu markieren, wie sie es verdient hatten (obwohl er kaum mehr dazu in der Lage war) und arbeitete sich langsam zum Nacken hinauf, jeden Zentimeter der salzigen Haut erforschend. Wie die Spitzen von Nadeln peitschte Chase' Haar in sein Gesicht, als er den Kopf mit einem wohligen Erschaudern zurückwarf. Er kniete sich hinter ihn, ging tiefer über die Wirbelsäule und erntete ein überraschtes, verzücktes, von seinem triumphierenden Lachen überlagertes Stöhnen. Schwere Gerüche wie Wein und Zimt schwängerten die stickige Luft.