Was geht es mich an

Kapitel 6 –Tee und Moralvorstellungen –

~Hermione~

Dieser regnerische, von Nebelschwaden durchzogene Dienstag schien nicht einen Augenblick der Ruhe für sie bereit zu halten.

Nach der aufreibenden Konfrontation über seinen schier unhaltbaren Vorschlag am Morgen, einer weiteren unerträglichen Zaubertrankstunde und einer gefühlt endlosen Konferenz am Nachmittag, bei der man Malfoy und ihr angetragen hatte sich Gedanken über das bevorstehende Halloween Fest und dessen Ausgestaltung zu machen und entsprechende Vorschläge auszuarbeiten, hatte Hermione wahrhaft mehr als genug ‚Malfoy' für einen verflixten Tag.

Nun hoffte sie wenigsten seine Aufgaben fertig zu bekommen, bevor er herein stolziert käme um sie ab zu holen. Denn mehr Aufregung glaubte sie für heute wirklich nicht ertragen zu können.

Ein leichter Regen perlte gegen die Fensterscheiben und zu gern wäre Hermione einfach nur in ihr gemütliches Himmelbett gekrochen und hätte diesen aufreibenden Tag hinter sich gelassen. Das jedoch, war so leider nicht möglich. Sie hatte sich dazu entschlossen auf das Abendessen zu verzichten, da sie ohnehin keinen besonderen Appetit verspürte und stattdessen mit voller Konzentration an den Aufgaben arbeiten wollte. Auf diese Weise mochte es ihr vielleicht gelingen zur Abwechslung einmal annähernd zeitig zu Bett zu gehen.

Bereits eine halbe Stunde später jedoch, als die Flammen ihres Kamins behaglich an den frischaufgeschichteten Hölzern emporzüngelten, vernahm Hermione ein Klopfen an der Tür.

Entnervt erhob sie sich von ihrem Platz am Schreibtisch, wo sie gerade damit beschäftigt gewesen war, Malfoys dämliche Astronomie Karte fertigzustellen – wie immer würde ihre eigene bis später warten müssen.

Er war früh dran, heute. Sie wunderte sich allerdings, dass er es auf einmal vorzog zu klopfen. Normalerweise begegnete er ihr nicht mit so viel Höflichkeit und kam einfach hereinstolziert, wie es ihm passte.

Als sie jedoch die Tür öffnete, sah sie, dass es gar nicht Malfoy war. Es war Ginny.

Mit hängenden Schultern bot sie selbst ein Bild des Jammers.

„Hi, Hermione, hast du – etwas Zeit?" fragte sie mit beinahe flehendlichem Blick, „– ein bisschen vielleicht?"

Im ersten Moment war Hermione beinahe versucht, tatsächlich ‚Nein' – zu sagen. Doch es ging etwas so Verzweifeltes und beinahe Verlorenes von Ginny aus, dass sie es einfach nicht über das Herz brachte die Freundin abzuweisen.

So öffnete Hermione die Tür also in einladender Geste ein wenig weiter um sie einzulassen. „Aber sicher doch, Gin, komm nur rein. Was ist denn los?"

Mit einem Stirnrunzeln beobachtete sie daraufhin, wie sich das zierliche rothaarige Mädchen auf ihre Couch fallen ließ und aus den Schuhen schlüpfte um die Füße in einer langen, fließenden Bewegung unter ihren Körper zu ziehen. Es hatte nicht den Anschein, als wolle sie nur kurz bleiben.

„Ich – ich hab mich gefragt, wieso du mir aus dem Weg gehst?" begann Ginny nach einigen weitern Augenblicken des Zögerns.

„Ich weiß, du hast schrecklich viel Wichtiges zu tun, mit deiner neuen Position als Schulsprecherin und all dem, aber – Oh Hermione, du fehlst mir so," setzte sie mit zitternder Stimme hinzu. „Es ist einfach nicht mehr dasselbe im Gryffindor Turm, ohne dich."

Besorgt musterte Hermione die Freundin. „Das tut mir leid, Ginny. Ich würde so gern mehr Zeit mit Dir verbringen, aber – ich bin so... Es ist nur, weil ich so entsetzlich viel zu tun habe, wirklich."

Wieder fühlte sich Hermione von einer Welle schlechten Gewissens durchflutet. Es klang tatsächlich, als suche sie lediglich nach Ausflüchten, die Freundin loszuwerden. Zu ihrer Erleichterung jedoch schüttelte Ginny sofort den Kopf.

„Oh, es ist schon OK, ich komme zurecht. Außerdem hab ich ja noch Harry und Ron, und Lavender, natürlich. Sie sind alle so nett zu mir, wirklich, aber – das ist trotzdem nicht dasselbe, weißt du? Aber ich will dich nicht aufhalten, Hermione, wenn du soviel zu tun hast..."

„Naja, ich hab wirklich nicht allzu viel Zeit, Ginny, aber – Lass uns wenigstens einen Tee zusammen trinken, ja?" lenkte Hermione ein.

Mit einem aufmunternden Lächeln ging sie in den Arbeitsbereich neben dem Bad hinüber, füllte den kleinen Teekessel über dem steinernen Wasserbecken und setzte in auf den antiquiert anmutenden Ofen. Mit einem geübten Schwung ihres Zauberstabs heizte sie diesen an um das Teewasser zu erhitzen.

~o~

Wenige Minuten darauf saßen die beiden Mädchen wieder vor dem Kamin. Zwei dampfender Tassen Rooibos Vanille Tee auf dem Tisch zwischen ihnen erfüllten das Zimmer mit ihrem angenehmen Duft.

„Also, was hast du so gemacht in der letzten Zeit?" bemühe sich Hermione die Unterhaltung in Gang zu bringen, während sie sich vorlehnte und ihre Teetasse samt Untertasse ergriff um sich damit in die Tiefe der Kissen zurück zu lehnen. Wie Ginny zog auch sie dabei ihre Füße unter sich.

In einer – für sie – gänzlich ungewohnten ausweichenden und distanzierten Weise wich Ginny ihrem Blick aus. „Och – nichts Besonderes – ich meine…. Ich – ich hab... In Wahrsagen haben wir mit Runen angefangen – und dann bin ich letzten Donnerstag vom Besen gefallen und..."

„Wie war es denn überhaupt in Hogsmeade? Davon hast du ja noch gar nichts Richtiges erzählt," bemühte sich Hermione Ginnys zusammenhangloses Geplapper auf das Thema zu bringen, über das diese vermutlich sprechen wollte.

Ginnys Kopf schnellte daraufhin abrupt in die Höhe. Mit einem beinahe erschreckten Gesichtsausdruck blickte sie Hermione an.

„Was?! Oh, das – war, ganz nett, wirklich," antwortete sie schließlich mit einem Schulterzucken. Irgendetwas an ihrem heutigen Verhalten war mehr als seltsam. Mit betretenem Schweigen sah Hermione für einen Moment auf ihre eigene Tasse hinab.

„Es tut mir leid, dass ich nicht mitgekommen bin, OK?" rechtfertigte sie sich dann beinahe automatisch. „Sieh mal ich war so mit Arbeit überhäuft und ich kann auch Harry nicht mehr so oft sehen wie vorher," versuchte sie zu erklären.

„Ja, das ist mir auch schon aufgefallen," bemerkte ihre Freundin nun. „Er nimmt das nicht besonders gut auf, weißt du?"

„Nein –" bestätigte Hermione seufzend, „ganz und gar nicht! Er nimmt das Alles so entsetzlich persönlich und glaubt –"

„Ja?" hakte Ginny nun ihrerseits nach und blickte Hermione nun mit voller Aufmerksamkeit an. „Und? Ist es das?"

„Was?! Nein!" antwortete Hermione sofort, lenkte dann jedoch ein: „Na ja, ich denke, ein bisschen vielleicht. Es ist ziemlich kompliziert, weist du?"

„Bist du deshalb nicht mitgekommen?" fragte Ginny behutsam. „Weil – du, wie soll ich sagen? Irgendwie – sauer – auf ihn bist?" murmelte sie, wobei sie die Ärmel ihres Strickpullis bis weit über die Handflächen hinabzog um die noch immer recht heiße Teetasse damit zu umfassen. Auch sie lehnte sich jetzt tiefer in die Kissen zurück, die Füße unter den Körper gezogen.

„Ach," seufzte Hermione nun sichtlich überrascht und setzte ihre eigene Tasse auf die Untertasse zurück, so dass ein scharfes klapperndes Geräusch die Stille des Raums durchschnitt. „Hat er das gesagt, ja?!" fragte sie mit einer Schärfe, die sie selbst bestürzte. Ginny wurde rot.

„N-ein! Wieso das denn!? Emm, Ich meine... Ich hab mich bloß gefragt, was… Ich meine, wieso… Sieh mal; es war so: Ron und Lavender haben bei George vorbeigeschaut und Harry – hat dann vorgeschlagen, dass wir einfach schon mal in die ‚Drei Besen' vorgehen, einen Tisch freihalten und so... Und da – oh bitte sei mir nicht böse! Aber da haben wir über dich geredet, weißt du?"

Mit großen braunen Augen blickte Ginny die ältere Freundin bittend an.

„Was genau meinst du denn jetzt damit, Ginny?" fragte Hermione mit wachsendem Unbehagen.

Diese hatte begonnen, die Hände nervös in ihrem Schoß zu ringen und starrte nun angespannt auf die Wand hinter Hermione. „Nun ja, er... er denkt... er glaubt, dass Du ihn nicht mehr lie – magst! Hermione. Stimmt das?"

„Das lässt sich nicht mit einem Satz beantworten, Gin," seufzte sie. „Wir haben zur Zeit einige ernsthafte Probleme, das ist richtig, aber – Ich bin sicher das kriegen wir schon wieder hin – irgendwie … Es stimmt schon, dass wir unterschiedliche Prioritäten und – Interessen haben – und wir hatten eine ganze Menge Streit in der letzten Zeit, aber – er bedeutet mir immer noch viel, Ginny."

„Oh –" murmelte diese nur mit einen bestürzt anmutendem Unterton in der Stimme, der Hermione beinahe verstummen ließ. Nun jedoch, da sie einmal begonnen hatte, brach sich ein Großteil, des auf ihr lastenden Drucks und der quälenden Anspannung Bahn.

„Er kann wohl nicht ganz verstehen, dass Quidditch nicht zu meinen Lieblingsbeschäftigungen gehört – und ich mir Schöneres vorstellen kann, als bei jedem seiner Übungsflüge vor Begeisterung auf und ab zu hüpfen!" schnappte sie giftig und nicht ohne einen gewissen Sarkasmus, bevor sie tief Luft holte um sich zu beruhigen.

„Aber es ist wirklich wahnsinnig wichtig für ihn und er möchte, dass du Anteil daran nimmst," warf Ginny daraufhin ein, „er glaubt, dass du dir nicht wirklich etwas aus ihm machen kannst, wenn dir das alles so egal ist und er hat gesagt, es scheine dir sogar ganz recht zu sein, dass ihr euch kaum noch seht – abends..."

„Also wirklich," schnaubte Hermione nun ernsthaft empört, „man sollte tatsächlich annehmen, er könnte mir gegenüber auch mal ein Wort davon sagen – statt sich bei dir darüber auszulassen!"

„Hat er denn nie mit dir darüber gesprochen?" fragte Ginny mit ehrlicher Überraschung.

„Ha – " schnaubte Hermione voller Bitterkeit, „Nee, sicher nicht! Dafür ist er meistens viel zu sehr mit – anderen Dingen – beschäftigt, unglücklicherweise!"

Neugierig beugte Ginny sich vor. „Was meinst du?"

„Ach!" winkte Hermione voller Unbehagen ab, „Lass mal, Ginny, Lass mal. Das ist – ziemlich persönlich, weißt du?"

~o~

Für eine Weile schwiegen sie beide und nippten nur hin und wieder an ihrem Tee. Das sanfte Prasseln des Regens an den Fensterscheiben und das leise Zischen und Knacken der Holzscheite im Kamin waren die einzigen Geräusche ringsumher.

Draußen war es mittlerweile schon ziemlich dunkel geworden und das warme Licht der flachenden Feuerscheins warf ein zuckendes Muster über die hölzernen Dielen und glänzte und schimmerte auf Ginnys feurig roten Locken. Nur die linke Hälfte ihres Gesichts wurde dabei von den Flammen erhellt, während der Rest ihrer Gestalt, wie auch der größte Teil des Raumes im Schatten lagen.

„Es tut mir leid, dass Harry und du solche Probleme miteinander habt," begann sie nach einer Weile, behutsam. Kurz streifte ihr Blick dabei Hermiones, bevor sie ihn wieder auf die Teetasse in ihren Händen richtete. „Wenn ich irgendwie helfen kann…"

„Oh, nein," bemerkte Hermione mit traurigem Lächeln, „Ich fürchte,dass müssen wir schon selbst irgendwie hinbekommen. Aber was ist denn jetzt eigentlich mit dir, Ginny? Wolltest du über etwas Bestimmtes mit mir sprechen?"

„Ja. Ja schon, aber dass, nun, das ist – ziemlich kompliziert und ich bin irgendwie reichlich verwirrt, im Moment... ich –" stammelte diese nun sichtlich defensiv.

„Worüber denn?" harkte Hermione nach und beobachtete die rothaarige Hexe, die nun tatsächlich wieder händeringend vor ihr saß.

„Wir – reden jetzt über Jungs, richtig?" bemühte sich Hermione den Weg zu ebnen.

Ginny holte daraufhin tief Luft und nickte dann. „Na ja, in gewisser Weise schon," murmelte sie. Den Blick noch immer gesenkt fuhr sie fort: „Weist du, ich – möchte so schrecklich gern auch jemanden haben – so wie du und Lavender. Manchmal fühle ich mich so einsam und überflüssig, dass es schon fast weh tut und dann... Aber… ich hab auch Angst, all das zu zulassen und... andere vielleicht zu verletzten, mit dem was ich tue, weist du?"

Nachdenklich betrachtete Hermione die Freundin. Sie tat ihr so leid. Es muste entsetzlich schwer für sie sein, über ihre Gefühle zu sprechen, wenn sie doch noch immer so unglücklich in den Freund ihre besten Freundin verliebt war. Sie fragte jedoch nicht weiter, da sie nicht neugierig sein wollte.

„Ja, das verstehe ich, Ginny," murmelte sie, „Aber du musst auch an dich selbst denken, weißt du? Wenn du nicht findest, wonach du suchst – Ich meine, wenn es dir jemand einfach nicht geben kann – selbst wenn es jemand ist, der dir so viel bedeutet – dann solltest du etwas an der Situation verändern – und hinter dir lassen was dich nicht glücklich macht um nach vorn blicken zu können, meine ich..."

Ginny betrachtete sie dabei mit einem eigenartigen Gesichtsausdruck, bevor sie ihre Teetasse auf dem Tisch absetzte und sich dann wieder tief in die Kissen der Couch zurücklehnte, soweit, dass ihr Gesicht nun wirklich von den Schatten ringsum verschluckt wurde. Die Knie mit den Armen umschlungen flüsterte sie nachdenklich und beinahe hoffnungsvoll: „Meinst du wirklich?"

~o~

Einen Augenblick lang hatte Hermione den seltsamen Eindruck, dass sie nicht so ganz begriffen hatte, worüber sie hier eigentlich sprachen. Besonders Ginnys letzte Bemerkung erschien ihr gewissermaßen seltsam. Es schien irgendwie mehr dahinter zu stecken als ausgesprochen worden war. Vielleicht hatten sie auch einfach nur aneinander vorbeigeredet. Vielleicht bildete sie sich das alles auch nur ein, traurig und übermüdet, wie sie war. Und doch…

„Gin," begann sie daher, zögerlich, das Thema überhaupt anzusprechen. Vielleicht war dies alles ja gar nicht, was Ginny meinte. Vielleicht war sie selbst einfach nur so überreizt und dünnhäutig, dass sie ganz einfach nur die falschen Schlüsse zog– doch es schien Hermione trotzalledem unabdinglich das Thema anzusprechen. Ginny erschien ihr so unbedarft und verletzlich, geradezu schutzlos in ihrer beinahe befremdlichen Naivität, dass sie einfach nicht anders konnte.

„Kann es sein, dass du…," behutsam, bemüht die Freundin nicht zu kränken, suchte Hermione nach den richtigen Worten, „Nun ja, ich meine, es mag ja durchaus Unterschiede geben, aber manchmal," ein Schatten huschte über ihr Gesicht, als sie weitersprach: „manchmal versucht ein Junge dich zu etwas zu überreden – etwas, das du so vielleicht noch gar nicht willst..."

„Meist du jetzt Sex, oder was?" fragte Ginny mit beinahe atemloser Anspannung. Hermione nickte.

„Ja, genau. Ginny, hast du – irgendwelche – Erfahrung damit? Ich will bestimmt nicht neugierig sein. Es ist nur –"

Hermione versuchte den Gesichtsausdruck der jüngeren Hexe in den Schatten zu erkennen. Vielleicht war es tatsächlich nur das seltsame Licht, aber Ginnys Gesicht erschien ihr auf einmal geradezu fremd – nervös und angespannt. Beinahe verstört. Wieder hatte Hermione das komische Gefühl, dass hier etwas ganz und gar nicht richtig lief.

„Na ja... da war dieses eine Mal, als – ein Junge, den ich irgendwie schrecklich gern mochte, mich geküsst hat und ehm – anderes," murmelte Ginny dann.

„Ich hab mich ganz schlecht gefühlt danach. Es hat mir gefallen – aber irgendwie – kam mir das alles nicht richtig vor."

Hermione runzelte besorgt die Stirn. „Oh, Ginny! Das klingt aber – gar nicht gut, irgendwie..."

"Du solltest dir aber auf jeden Fall ganz und gar sicher sein, dass es wirklich das ist, was du selber willst und nicht bloß mitspielen, weil du glaubst, dass er das von dir erwartet, oder sonst vielleicht nichts mehr von dir wissen will. Das ist wirklich wichtig, Ginny!"

'Ha – ist das nicht genau das, was du selbst tust?' schien die kleine Stimme in ihrem Hinterkopf ihr einflüstern zu wollen. Mit einem unwilligen Kopfschütteln klärte Hermione ihre Gedanken.

"Oh nein, darum geht es nicht," versicherte Ginny augenblicklich. "Ich …" an dieser Stelle holte sie tief Atem und starrte für einen Moment auf ihre noch immer im Saum ihres Umhangs vergrabenen Hände, bevor sie antwortete: "Na ja, wir haben noch nicht – aber ich glaube schon, dass er's wieder versuchen wird und dann – Ich würd's tun, Hermione, ganz sicher!"

"Oh – und willst du das auch, Ginny? Ich meine, auf diese Weise? Wenn… wenn ich dich richtig verstanden habe, dann seit ihr nicht mal zusammen, oder?"

Nervös zog Ginny die Unterlippe zwischen die Zähne, bevor sie schließlich antwortete: "Nicht zusammen, nein – Na ja, da ist eine menge Spannung zwischen uns, weißt du? Und – in der Nacht, als wir beinahe… Wir waren ganz allein im Gemeinschaftsraum und da… Er hatte mich schon den ganzen Abend über so angesehen weißt du und ich… Ich hab mich ganz kribblig gefühlt, dabei… Dann ist er auf einmal aufgestanden und zu meinem Platz am Feuer herübergekommen. Ganz dicht neben mich hat er sich gesetzt und angefangen meine Arme und die Schultern zu streicheln, so dass ich eine richtige Gänsehaut bekommen hab. Und – bevor ich auch nur irgend etwas sagen oder tun konnte, hat er mich an sich gezogen und geküsst! Und das war – oh Mann! Das war so schön… Oh Hermione, ich konnte überhaupt nichts dagegen tun. Zuerst war ich selbst total schockiert und ich wollte ihn ja zuerst noch wegstoßen, wirklich! Aber dann wollte ich's auch wieder nicht! Ganz im Gegenteil! Er hat meine Schultern nur noch fester umklammert und mich an sich gezogen und mich wie wild geküsst. Und ich – ich konnte nicht anders, ich hab ihn einfach nur zurück geküsst und die Arme um ihn geschlungen – dann hat er plötzlich auf mir gelegen, meinen Rock hochgeschoben und ich… hab's zugelassen... ich war… wie von Sinnen… ich wollte ihn so sehr – Dann war da plötzlich ein Geräusch bei den Treppen und wir mussten aufhören. Kurz darauf kam auch tatsächlich jemand rein. Wir konnten nicht mehr darüber reden, also gehe ich davon aus, dass wir jetzt nicht direkt – zusammen – sind, aber… Nun, wäre da nicht dieses Geräusch gewesen – ich glaube wir hätten's getan. Und wenn ich noch mal in die Situation käme, dann würde ich nicht zögern – ich – würde es einfach tun!"

Hermione starrte die Freundin für einen Moment sprachlos an, zu überrascht um zu antworten.

Nervös zappelte Ginny unter ihrem Blick auf ihrem Platz herum. „Hältst du das für liederlich?" fragte sie dann zaghaft.

Wieder dieses seltsame antiquierte Wort.

„Nein, ganz bestimmt nicht, Ginny," versuchte Hermione die Freundin zu beschwichtigen.

„In der Zaubererwelt sieht man diese Dinge wohl ein bisschen anders, ich weiß. Aber... Ich meine doch auch nur..."

„In der Zaubererwelt?" wiederholte Ginny nun erstaunt. „Wir sind doch in der Zaubererwelt, Hermione! Du bist doch auch eine Hexe."

„Ja natürlich! Ich meine ja auch nur... „

„Was?!"

„Nun ja, Malfoy hat so was erwähnt, weißt du? Und ich…"

„Du redest mit Malfoy über solche Dinge!?" stammelte Ginny nun ehrlich entsetzt, „- über Sex!?"

„Was?! Nein! Ach was!"

„Nein, Ginny! So doch nicht! Es... es hat sich einfach so ergeben..."

„Wie jetzt?"

„Ach – das ist... kompliziert."

„Ja, ganz bestimmt."

„Ich dachte bloß, wo deine Familie doch auch..."

"Was?"

„...nur aus Hexen und Zauberern besteht... und das, seit Jahrhunderten..."

„Ha, gefühlte 20 Minuten, gemessen an der Blutlinie des verdammten Frettchens, glaub mir!" schnaubte Ginny daraufhin mit unverhohlenem Sarkasmus.

„So, so, du redest also mit ‚Mr. Reinblut-Arroganz' über Sex und die Moralvorstellungen uralter Zaubererfamilien, was?! Klingt ja überaus interessant, wenn du mich fragst– erzähl mir mehr davon?"

„Ach was – Da gibt's Nichts zu erzählen!" wehrte Hermione nun ab und schüttelte dabei vehement den Kopf. „Nein, nein. Ich rede mit dir! Über deine Vorstellungen und Erfahrungen – vor dem Hintergrund deiner Familie und den damit verbundenen – um – Moralvorstellungen..."

„Aha," bemerkte Ginny daraufhin, wenig geistreich. „Naja, die sind vermutlich schon ein bisschen anders als deine" lenkte sie dann ein. „Ich meine gemessen daran, dass du und Harry..." sie senkte die Stimme an dieser Stelle zu einem Flüstern herab. „Ihr habt es schon mal miteinander, gemacht, oder? In der Nacht, bei uns zuhause – da hab ich euch gestört, oder nicht?"

Hermione nickte nur unbehaglich. „Ja Ginny, wir... "

„Und? Hat er dich schon gefragt?"

„Was?"

Ein vielsagender Blick Ginny's lies sie schließlich begreifen.

„Nein!? Wieso dass denn?! Ich meine, wir sind doch noch nicht einmal mit der Schule fertig und..."

„Na und?"

„Entschuldige, Ginny aber das ist mir jetzt alles ein bisschen viel –"

„Die wenigsten Hexen aus... aus ‚alten Zauberfamilien' würden dann soweit gehen, Hermione, glaub mir. Es gilt als... unanständig..."

„Na toll! Jetzt klingst du tatsächlich genau wie Malfoy, Ginny... „ bemerkte Hermione mit sichtlichem Sarkasmus. „Ihr macht mich alle noch ganz verrückt mit diesen ganzen Unsinn, ehrlich..."

„Unanständig?!" brauste sie dann auf. „Was ist denn bitteschön Unanständiges daran, wenn man sich liebt... oder überhaupt...wenn mein einfach nur..."

„Liebt?!" keuchte Ginny nun ehrlich erschüttert. „Wie jetzt? ‚Liebt?!'"

Ich meine, was soll denn das, Ganze überhaupt!? Ich meine: Das ist doch wohl alles ganz allein meine Entscheidung!"

„Ich sag doch auch gar nichts anderes!" beschwichtigte Ginny sie nun ihrerseits beinahe hastig. „Ich versuche doch nur dir zu erklären, wie es in der Zaubererwelt gemeinhin gesehen wird."

„Na, Vielen Dank," bemerkte Hermione trocken.

„Malfoy, Hermione? Ganz ehrlich?" fragte Ginny atemlos.

„Mmm," knurrte Hermione gedankenverloren und mehr oder weniger unwillig.

Wieso nur hatte sie schon wieder das Gefühl, dass sie beide hier irgendwie ganz fürchterlich aneinander vorbei redeten?

„Aber Ron und Lavender..." wandte sie nun ein.

„Werden bestimmt heiraten, wenn du mich fragst?"

„Ohh..."

„Was!?" Voller Verwirrung über die plötzliche Enthüllung schüttelte Hermione den Kopf, doch Ginny schien sie so ganz und gar nicht vom Haken lassen zu wollen. "Jetzt lenk mal nicht vom Thema ab, ja," neckte sie mit unverhohlener Neugier.

„Brauch ich gar nicht, Ginny. Weils nämlich rein gar nichts zu erzählen gibt," erklärte Hermione nun sichtlich genervt.

„Nicht? Ach komm?"

„Nein."

~o~

Für einen Moment schwiegen sie beide wieder und starrten einfach nur in die Flammen.

„Nun – Nicht aus diesem Grund, aber... Du solltest dir schon sicher sein, dass es das ist, was du selbst willst. Sieh mal, ich halte, das was du da beschreibst ganz sicher nicht für 'liederlich'," an dieser Stelle musste sie unwillkürlich grinsen, denn wieder tauchte dabei Malfoy's Gesicht vor ihrem geistigen Auge auf. "Ich sag ja gar nicht, dass du es nicht tun sollst, aber…" fuhr sie dann fort, verzweifelt darum bemüht, ihre Bedenken zu äußern, ohne die Freundin zu kränken. "Oh je, Gin, was auch immer du tust, pass wenigstens gut auf dich auf ja? Ich meine –"

"Oh, keine Sorge!" unterbrach sie Ginny mit einem Grinsen. "Meine Mutter hat mir einen Zauber beigebracht. Nur für den Fall..."

"Oh," war alles, was Hermione dazu beizutragen vermochte. "Ich dachte sie würde nicht gutheißen, wenn du…"

„Würde sie auch nicht. Ganz bestimmt nicht. Sie würde sich schrecklich aufregen, wenn sie wüsste, dass ich's beinahe schon getan hätte….Glaub mir."

"Ist vielleicht auch gar nicht so verkehrt, Gin, ich meine… Ich will nicht, dass du dich schlecht fühlst oder so, aber… diese ganze Sache, von der du da erzählst, klingt irgendwie schrecklich... unaufrichtig... Sicher sollst du tun, was du willst, aber... lass dich zu nichts überreden, Ginny, hörst du?"

„Es ist einfach so – typisch für Jungs!" fuhr sie dann plötzlich auf, „ Kein Respekt! Keine Einfühlsamkeit! Nur ihre eigene Lust – allein was sie wollen! Sie wollen... sie wollen! Als wär man bloß ein Mittel zum Zweck, nicht weiter wichtig..."

Mit einem klappernden Geräusch setzte Ginny ihre Teetasse auf dem Tisch ab. "Woah, Hermione! Ich wusste ja gar nicht, dass du derart darüber denkst. Ist es das, was du für Harry empfindest?! Wie schrecklich! Zugegeben, was mir da wiederfahren ist war – sagen wir mal – unerwartet, aber doch willkommen. Es fühlte sich gut an, in dieser Weise berührt und begehrt zu werden und ich würde nicht mit jemandem zusammen sein wollen, der mir nicht auch zeigt, dass er mich will', weißt du? Ich meine, ohne sexuelle Anziehung taugt schließlich auch die beste Beziehung nichts!"

Hermione war definitiv überrascht, so plötzlich und scharf von der jüngeren Freundin kritisiert zu werden. Ärger durchflutete sie bei diesen beinahe belehrenden Worten. Was wusste Ginny schon über derartige Probleme?! Wie konnte sie es wagen ihr in diese Weise Vorschriften zu machen.

Ein wenig schroffer als beabsichtigt beugte sie sich vor um mehr Tee in ihre Tasse zu füllen. Das leichte Zittern ihrer Hände ließ das Porzellan dabei mit einem Missklang aneinander schlagen.

"Ich bin mir nicht sicher, woher deine Weisheit rührt, Ginny, aber an deiner Stelle wäre ich auch da äußerst vorsichtig!" erklärte Hermione nun gereizt und sichtlich um Fassung bemüht.

Möglicherweise lag es an Harrys permanenten ‚Überredungsversuchen' – und somit mochte es durchaus sein, dass sie in gewisser Weise überreagierte, aber – Ginnys Einstellung ging ihr wirklich auf die Nerven.

„Es gibt eine Menge sehr viel wichtigere Dinge für eine glückliche Beziehung, glaub mir! Selbst für diejenigen, die es wagen vor der Ehe miteinander ins Bett zu springen!" setze sie mit einem Anflug von Bitterkeit hinzu. „Und im Übrigen – es geht hier allein um unsere Ansichten, oder etwa nicht? Denn; über ‚Harry', möchte ich in dieser Hinsicht, gewiss nicht sprechen!"

'Vielleicht solltest du das aber,' schien die kleine, impertinente Stimme in ihrem Hinterkopf ihr einzuflüstern,'Es könnte eine solche Erleichterung sein, über all das zu sprechen….'

„Ach?" fragte Ginny daraufhin mit beinahe provokanter Sanftheit und lehnte sich nun selbst wieder weiter in die Schatten zurück. „mach's dir etwa keinen Spaß, Hermione, hmm?! Du kannst ja wohl nicht behaupten, dass es immer nur die Jungs sind, die scharf darauf sind, oder? Weist du was? Das finde ich unaufrichtig!"

Hermione rang noch nach Atem, diesem Vorwurf zu begegnen, als Ginny bereits in sichtlich verändertem Tonfall fortfuhr: "Du hast doch Spaß daran, oder Hermione?! Ich meine, du – du hast doch nicht etwa ein Problem damit?! Oder etwa doch?" fragte sie mit plötzlicher, geradezu beschwörender Eindringlichkeit.

Verärgert über die unverhohlene Herablassung in Ginny's Worten setze Hermione sich abermals auf. „Ich glaube kaum," entgegnete sie brüsk. „Doch – lass es mich mal so ausdrücken; es gibt da ein paar Seiten an Harry – die ich so nicht teile…" erklärte sie vorsichtig, wobei sie nervös mit dem Zeigefinger an der Tischkante entlangfuhr.

Sie war sich in diesem Punkt selbst nicht sicher, denn es war noch gar nicht lange her, dass Harry sie dasselbe gefragt hatte. Und – wie sie es auch drehen und wenden mochte, sie hatte noch nie einen Höhepunkt gehabt. Nicht ein einziges Mal. Vielleicht – hatte sie tatsächlich ein Problem?

„Tatsächlich?" unterbrach Ginny ihre Gedanken, „Wieso?"

Alarmiert ruckte Hermiones Kopf nach oben. „Was!?" fragte sie entsetzt.

„Womit – bist du denn nicht einverstanden, Hermione?" fragte Ginny nun sanfter und Hermione entspannte sich wieder ein wenig.

Natürlich hatte sich Ginnys Frage nicht auf ihre eigenen Gedanken bezogen. Was für ein Unsinn!

Sie schluckte schwer, froh über die Dunkelheit, die den Raum in großen Teilen erfüllte und holte tief Atem.

„Nun ja, manchmal..." begann sie, „manchmal versucht er mich zu Dingen zu überreden... Sachen, die ich so lieber nicht tun möchte. Und er weiß das ganz genau –" flüsterte sie dann, kaum hörbar.

Wie Ginny zuvor zog nun Hermione die Beine unter ihren Körper und lehnte sich in die Tiefe der Kissen ihres Sofas zurück, bis sie mit den Schatten selbst zu verschmelzen schien.

„Zu was für Sachen denn?" hakte Ginny mit beinahe ‚hörbarem' Stirnrunzeln nach.

„Oh darüber möchte ich lieber nicht reden, Gin. Es ist – zu – persönlich, wirklich... zu..." wich Hermione sofort aus und biss sich dabei vor Anspannung auf die Lippen.

„Ach was, jetzt komm aber! Wir sind doch Freundinnen," wandte Ginny sofort ein. „Wir haben einander jetzt schon so vieles erzählt... und du fühlst dich bestimmt viel besser, wenn du endlich mal darüber redest, glaub mir. Du wirst sehr angespannt, Hermione. Komm, erzähl's mir doch... Was will Harry denn, dass du tust?"

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A/N: Vielen Dank für das bisher gegebene feedback! Ich hoffe, ihr habt auch weiterhin Spaß an der Geschichte.

Serpentina