Mir gehören weder die Charaktere noch die Handlung, ich übersetze nur.

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Jetzt, endlich, die Wahrheit.

Petunias Worte hatten der Hoffnung, die Snape noch gehabt hatte, die blutige Nase könnte ein Ergebnis einer jungenhaften Auseinandersetzung zwischen Potter und seinem überdimensionalen Cousins, ein Ende gemacht.

Er konnte sich nicht länger selbst täuschen.

In der Tat fragte sich Snape, die Beweise genau vor seinen Augen, wie er es geschafft hatte, es so lange nicht zu sehen. Freilich gab es nie Beweise einer Brutalität wie dieser. Dumbledore hatte angedeutet, dass der Sprechende Hut überlegt hatte, Potter nach Slytherin zu sortieren (James hätte sich im Grabe umgedreht, wäre das passiert!) und getreu der Slytherin Tradition wusste Potter offensichtlich, wann er seinen Mund halten sollte, wenn es zählte…oder wo der fehlgeleitete Junge jedenfalls dachte, dass es zählte.

Snape hatte den festen, missbilligenden Ausdruck auf Molly Weasleys Gesicht im Hauptquartier gesehen, wenn das Thema von Potters Familie, wir kurz auch immer, aufkam. Er hatte gehört, dass sie Minerva McGonagall als die „schlimmsten Muggel vorstellbar" bezeichnet hatte. Er hatte die Tatsache bemerkt, dass Potter zwischen September und Juni niemals nach Little Whinging zurückkehrte. Er hatte sogar Potters Mangel an Eulen in der Großen Halle während des Frühstücks bemerkt. Mit einem beunruhigten Ausdruck auf seinem Gesicht hatte Dumbledore einmal gesagt, als Snape dabei war, dass er es bereuen würde, dass der Junge weder „so gesund noch so glücklich in der Obhut von Lilys Schwester war, als ich gehofft hatte."

Und dann war da der gemeine, gekünstelte Kommentar von Draco Malfoy im ersten Jahr des Jungen in der Zaubertrankstunde:

Es tut mir ja so Leid für all die Leute, die über Weihnachten in Hogwarts bleiben müssen, weil sie daheim nicht erwünscht sind."

Der elfjährige Potter hatte wegen dieser Stichelei nicht im Mindesten verstört ausgesehen und Snape hatte es ohne einen weiteren Gedanken aus seinem Gedächtnis geschoben.

Vernachlässigt, sicher…das ist es, was die anderen erwachsenen Zauberer in Potters Leben zu denken schienen. Angst, vielleicht sogar Abneigung. Zu viele Aufgaben und zu wenig Essen. Zu wenig Liebe. Snape hatte alle diese düsteren Kommentare des Lehrpersonals und der Ordensmitglieder gleichermaßen abgetan, schrieb es dem unfassbaren Verlangen der hoffnungshungrigen Zauberern zu, den Jungen-der-lebte zu verwöhnen und beschützen.

Und jetzt wusste er, so genau, wie sie den Jungen beobachtet hatten, ihm nachgegeben und verehrt hatten und abwechselnd einen Wirbel um ihn veranstalteten, niemand hatte körperliche Misshandlung vermutet: nicht Molly mit ihrer Fülle an mütterlicher Besorgnis, nicht Minerva, seine Hauslehrerin, nicht Filius mit dem scharfen, durchdringenden Geist, nicht einmal Poppy Pomfrey, die Potter mindestens einmal pro Jahr im Krankenflügel behandeln musste.

Nein, nicht einmal Dumbledore, der so viel um die Ohren hatte und so schrecklich wollte, dass alles richtig ist, so dass er das Offensichtliche nicht sah.

Snape dachte, dass er es vielleicht hätte sehen können, hätte er hingeschaut – seine eigene Erfahrung als Kind und als Lehrer machten ihn zu einem guten Kandidaten – und die Tatsache, dass er es nicht getan hatte, verstörte und bestürzte ihn.

Der Gedanke, was Lily fühlen würde, wenn sie ihren Sohn vor einer Stunde gesehen hätte – stoisch eine blutige Nase versorgend, mit einer ruhigen, ermattenden Gleichmütigkeit, die in ihren Auswirkungen Angst einflößend war, fühlte sich an, als wenn sich stumpfe Krallen um sein Herz legen würden, die Blut verströmende Furchen in hinterlassen würden.

Warum hatte er so etwas nie in den Erinnerungen des Jungen im letzten Jahr gesehen?

Es gab natürlich die Möglichkeit, dass eine solche Gewalt eine kürzliche Entwicklung war. Vernachlässigung und Strenge, ja, aber wenn Potter die ganze Zeit misshandelt worden wäre, wäre er sicherlich in Snapes eigenes Haus sortiert worden oder vielleicht in Filius' oder Pomonas? Von allen vier Häusern war Snapes' das wahrscheinlichste, angeschlagene Kinder zu erhalten, die schon früh die Kunst der Selbsterhaltung gelernt haben. Flitwick und Sprout teilten sich in etwa den Rest auf – diese, die dazu tendierten, der Realität mithilfe von Büchern zu entkommen, fühlten sich zu Ravenclaw hingezogen, während die gebrochenen nach Hufflepuff kamen. Es war sehr selten, dass ein misshandeltes Kind in Gryffindor einsortiert wurde.

Aber das ist immerhin Potter, dachte Snape sauer, der Junge der als Ausnahme für jede Regel lebte.

Sogar seine inneren Spötteleien dem Jungen gegenüber waren nur halbherzig, so geschockt war er von dem, was er gesehen hatte.

Er schaute zum Bett hinüber. Potter schien zu schlafen, seine Augen waren geschlossen, sein Atem ging tief und gleichmäßig. Ohne seine Brille war seine Ähnlichkeit zu Lily ausgeprägter, die hohen Wangenknochen setzten sich von James' dünnem Gesicht ab. Das gute Blut in seiner Linie zeigte sich und wurde irgendwie durch den hässlichen blauen Fleck, der seine Wange wie einen Rabenflügel zeichnete, hervorgehoben.

Snape wollte verzweifelt glauben, dass die grobe Behandlung von Dursley etwas Neues war – der Dementorenangriff auf seinen Sohn im letzten Sommer hatte ihm vielleicht den Verstand verlieren lassen. Möglicherweise hatte er sich dem Alkohol zugewandt, wie Snapes eigener Vater. Oder vielleicht gingen seine Geschäfte nicht mehr so gut und Potter war ein willkommener Sündenbock, an dem er seine Frustration auslassen konnte.

Aber wie sehr er es auch glauben wollte, brachte das Verhalten des Jungen die Lüge dieser Theorie zum Vorschein. Er war natürlich aufgebracht, aber nicht so aufgebracht, wie er es hätte sein sollen, wenn es neu gewesen wäre, dachte Snape. Und anstatt Angst zeigte er nur Wut und Frustration. Es war kein Schock oder keine Überraschung in seinem Gesicht zu sehen, als er sich sauber machte; nur eine systematische Behandlung, die Blutung zu stoppen und alle Spuren des Blutes verschwinden zu lassen, ohne etwas auf den Boden oder das Bett tropfen zu lassen.

Kurzum, er hatte sich genau so verhalten, wie sich Snape selber in seinem Alter verhalten hatte, nachdem er eine Dosis von den Fäusten seines Vaters zu spüren bekommen hatte: als wenn dies Teil der Routine wäre, daheim zu sein.

Was die katastrophalen Okklumentikstunden im letzen Jahr anbelangt – es gab auch hier eine Antwort, wenngleich keine glückliche: selbst ein natürlicher Okklumentiker kann nicht alles verstecken, wenn er genug intensive Erfahrungen gemacht hat. Selbst Snape, neben Dumbledore und Voldemort einer der mächtigsten Okklumentiker, hatte es nicht verhindern können, dass Potter ein paar seiner Erinnerungen an diesem unvergesslichem Ereignis (dies war der Grund, warum er die schmerzhafteren Erinnerungen in das Denkarium gelegt hatte) flüchtig sehen konnte. Konnte es sein, dass Potter es geschafft hatte, die Erinnerungen der körperlichen Misshandlungen zwischen der Intensität seiner Erinnerungen von Black, der von Dementoren angegriffen wurde und Diggory, der am Friedhof ohne Gnade abgeschlachtet wurde, zu vergraben?

Eine plötzliche und vollkommene unerwartete Welle aus Mitleid dem Jungen gegenüber kam für Snape überraschend. Er schaute wieder in Richtung Bett. Genau jetzt war da etwas Herzzerreißendes in Potters Gesicht. Oftmals schaute er viel jünger als seine fünfzehn Jahre aus, aber in diesem Moment konnte man auf jedem Zentimeter erkennen, zu welchem ernsten, gesetzten Mann er werden würde; Belastungen tragend, schwerer als sie die meisten Männer trugen – als sie die meisten Männer jemals tragen müssen, noch dazu die meisten Jungen – Belastungen auf seinen schmalen Schultern, für die ein Schlag seines Onkels das geringste Problem darstellen, vermutete Snape.

Falls Potter die Misshandlungen jahrelang ertrug, tat er dies ohne eine einzige Beschwerde und ohne es preis zu geben. Weasley, so wusste Snape, hätte es niemals vor Granger verheimlichen können und Granger hätte es für ihre Pflicht gehalten (wie es auch tatsächlich gewesen wäre), einen Lehrer zu informieren. Potter schwach? Da war eine größere Stärke, als Snape je vermutet hätte.

Er setzte sich auf den Boden des Käfigs hin, fühlte sich sowohl innerlich als auch äußerlich verletzt und gebrochen – seine vorgefassten Vorstellungen über Harry Potter wurde einer nach der anderen zerschlagen.

Die Frage war…was würde er deswegen tun? Was jetzt?

Für jetzt konnte er nichts tun, außer zusehen, abwarten und verheilen.

Apropos verheilen…er fragte sich, ob es Dursley ernst gemeint hatte, dem Jungen für zwei Tage Essen vorzuenthalten. Wenn ihn Potter nicht füttern konnte, würde Snapes Gesundheit leiden. Er war an die physischen Gesetze des Körpers, in dem er gefangen war, gebunden und Fledermäuse benötigten ziemlich viel Essen, um ihren schnellen Stoffwechsel anzutreiben. Er würde im Moment nicht so schnell sein, weil er keine große Menge an Energie für das Fliegen benötigte, aber er war immer noch schnell genug…besonders wenn sein Körper sich von seinen Verletzungen erholen musste.

Potter hatte versprochen, ihm Essen zu besorgen und von dem, was Snape von den Händen des Jungen erfahren hatte, glaubte er fest daran, dass er es versuchen würde.

Er hoffte nur, dass Potter für den Versuch nicht leiden musste.

Tap-tap. Tap-tap-tap.

Snape wurde aus seinen Träumereien durch ein anhaltendes Klopfen an der Fensterscheibe gerissen. Potter setzte sich auf, weil er durch das Geräusch aufgewacht war und blickte in Richtung des Geräusches. Ein winziger, fluffiger Ball aus grauen Federn starrte ihn an und gab aufgeregte Laute von sich.

Potter sprang auf die Füße, sein Gesicht hellte sich auf, sodass die Schatten auf seinem Gesicht, so schnell verschwanen, sodass die Illusion der frühen, düsteren Männlichkeit gebrochen war und Snape stattdessen einen ungeduldigen Jungen sah.

„Das ist von Ron!" rief Potter und beeilte sich, zum Fenster zu kommen. Er machte das Fenster weit auf und die fedrige, kleine Eule flog fröhlich zwitschernd in den Raum, froh, die Mission erfüllt zu haben.

„Schau mal Spartacus…Errol ist auch hier!" Potter griff in die Äste des Baumes, der genau außen am Fenster stand und holte eine große, sehr alte, müde aussehende Eule herein, kein Wunder – ein großes Paket war an ihre Füße gebunden. Potter setzte die Eule ab und begann sie vom Paket zu befreien. Sie gab schwache, dankbare Laute von sich.

Währenddessen kollidierte die kleine, hyperaktive Eule mit Snapes Käfig mit einem lauten Klirren und begann, um ihn herumzutänzeln wie eine Biene um eine Blume, immerzu Laute von sich gebend. Snape blickte sie verärgert an, seine Lippen waren gekräuselt.

„Hier! Komm her Pig, hör damit auf. Mach Spartacus nicht verrückt; er hatte eine schwere Zeit. Lass mich mal sehen, was Ron dir mitgegeben hat." Potter fing die kleine Eule in seiner Hand und löste den Brief von ihren Füßen.

Pig? Dachte Snape ungläubig. Warum würde der Schwachkopf Weasley eine Eule wie diese „Pig" nennen?

Potter machte den Brief auf und fing an zu lesen. Snape konnte nicht sagen, warum der freudige Ausdruck auf Potters blauem Gesicht sein Herz so schmerzen lies, aber es tat es.

Mit immer noch einem Lächeln auf dem Gesicht legte Potter den Brief auf seinen Tisch und drehte sich zum Paket, das er mit einem Taschenmesser öffnete.

„Whoa, danke Mrs. Weasley!" Er grinste und drehte sich zu Snape. „Spartacus, wir haben eine Galgenfrist bekommen…Mrs. Weasley hat Essen gesendet. Für die Fleischpasteten wirst du keinen Nutzen haben, das weiß ich, aber hier sind ein paar Früchtekuchen, die deinen Namen tragen!"

Es war in der Schachtel auch eine Karte, nahm Snape wahr – die Art, die innen weiß und außen mit Blumen verziert war, auf die die Hexen kleine Notizen machten. Potter öffnete sie und während er las blieb sein Lächeln beständig, aber änderte sich irgendwie zu traurig und wehmütig. Ohne ein Wort legte er sie beiseite.

„Ok Pig, ich hab hier einen Brief fertig, den du zu Ron bringen kannst. Willst du hier übernachten oder willst du gleich wieder zurück?" fragte Potter, der einen Umschlag aus der Schreibtischschublade zog.

Pig flatterte sofort auf Potters Arm und der Junge knotete den Brief an ihre Füße. Mit einem schnellen, liebevollen Kneifen in das Handgelenk des Jungen, flog sie zum Fenster hinaus.

„Errol, ich frag gar nicht, ob du hier bleiben willst, weil ich denke, dass du solltest", sagte der Junge, während er die ältere Eule auf seinen Tisch hob. Er goss den Rest von seinem gewohnten, nächtlichen Wasserglas in eine von Hedwigs Schüsseln, die er aus dem Käfig herausgenommen hatte, um Snape mehr Platz zu geben. In die andere Schüssel gab er ein paar Eulenkekse. Die Eule gab dankende Laute von sich und nahm einen großen Schluck.

Als sie fertig war fragte Potter „meinst du, du könntest im Baum da draußen schlafen? Spartacus benutzt momentan Hedwigs Käfig und irgendwie denke ich nicht, dass er Gesellschaft gut finden würde!" Der Junge blickte mit einem Grinsen in Richtung Käfig.

Allerdings! Dachte Snape gereizt.

Vorsichtig hob der Junge die gebrechliche Eule aus dem Fenster nach draußen und setzte sie auf einen dicken Ast. Sie gab noch einen kleinen Laut von sich und legte gleich ihren Kopf unter ihre Flügel. Snape war sicher, dass er das gefiederte Fiasko fast sofort schnarchen hören konnte.

Potter nahm den Brief von Ron Weasley, schmiss sich aufs Bett, wie Teenager das machen, wenn sie ausspannen wollen und las ihn ein zweites Mal. Dann faltete er ihn und legte ihn in Reichweite auf den Nachttisch, legte sich mit den Armen hinter dem Kopf verschränkt zurück und sah an die Decke. Snape war überrascht, wie glücklich er aussah.

Nach einem Moment senkte er seine Augen wieder und blickte zu Snape.

„Ein dreiseitiger Brief…das ist ziemlich gut für Ron, Spartacus", gab der Junge mit einem leichten Lächeln zu. „Er würde der erste sein, der dir erzählt, dass er kein guter Briefeschreiber ist. Aber ich höre von ihm den Sommer über vielleicht einmal die Woche. Er gibt sich Mühe, weil er weiß, dass…naja, es mir nicht unbedingt Spaß macht, hier zu sein. Hermine schreibt sogar mehr, so jeden zweiten Tag. Ich werde wahrscheinlich morgen von ihr hören."

Er hielt eine Weile inne und dachte hart nach, seine Augenbrauen waren so kraus, dass sie Snape an Lily erinnerten, wie sie über einem besonders schwierigen Verwandlungsaufsatz saß.

„Ich hab großartige Freunde" sagte Potter endlich. „Ich kann wirklich auf sie zählen, weißt du?"

Er rollte sich auf die Seite, immer noch Snape im Blick.

„Und Rons Mutter…sie ist auch genial. Als Dudley vorletzten Sommer auf Diät war, hat sie angefangen, mir Essen zu schicken. Sie macht das bis jetzt. Ich bin dafür wirklich dankbar, weil ich weiß, dass sie nicht wirklich viel Geld haben und so. Sie weiß es, denke ich…ich habs ihr nie gesagt, aber ich denke, sie weiß, dass Essensentzug ein Lieblingsweg meines Onkels und meiner Tante ist, mich zu bestrafen."

Er war einen Moment still, setzte sich dann plötzlich auf, Füße auf dem Bett und die Knie zu sich hingezogen. Er wickelte seine Arme um die angewinkelten Beine und legte sein Kinn auf die Knie ab. Seine ruhelosen Augen sahen wieder zu Snapes ruhigen hinüber.

„Weißt du, Spartacus…Ron ist ein wirklich toller Freund, auf viele Arten. Das einzige Mal, dass irgendwas zwischen uns kommt, ist wenn…naja, wenn er…manchmal auf mich eifersüchtig ist."

Potter stockte, dachte nach.

„Ich wünschte, er wäre es nicht", sagte er langsam. „Er sollte nicht, ich meine…ich habe Geld, aber was bringt mir das." Seine Augen flackerten im Raum umher, besahen sich die heruntergekommenen Möbel und die blanken Wände. „Ron hasst es…sich arm zu fühlen. Und er hasst es, der jüngste von so vielen Brüdern zu sein."

Er war wieder still, flüsterte dann: „Ich würde allerdings mit ihm tauschen. Jederzeit."

Potter lehnte sich wieder gegen das Kopfende und atmete in einem langen Atemzug aus. Das Laternenlicht ließ seine blauen Flecken nicht ganz so schlimm aussehen.

„Es ist komisch, Spartacus", sagte er nachdenklich, seine Stimme war leise, zögerlich. „Es gibt viele Menschen, die mich mögen…denken, dass ich etwas Besonderes bin…ohne mich jemals getroffen zu haben und aus gar keinem Grund. Ich denke, dass Ron am Anfang auch ein bisschen so war."

Seine Lippen verschoben sich zu einem trockenen Lächeln.

„Es gibt auch genug Leute, die mich nicht ausstehen können, ohne mich getroffen zu haben und aus keinem Grund! Snape war so, denke ich."

Im Eulenkäfig bewegte sich Snape ruhelos.

„Für die längste Zeit im ersten Jahr hab ich nicht mal gewusst, warum er mich so sehr hasst", grübelte Potter. „Keiner wollte mir etwas sagen, außer Dumbledore am Ende vom Jahr als ich im Krankenflügel war. Und das war auch nicht die ganze Wahrheit."

Der Junge seufzte. „Dumbledore ist gut darin, die Wahrheit zu sagen, aber nicht die ganze Wahrheit. Das…macht mir manchmal Sorgen."

Das machte auch Snape Sorgen.

„Jedenfalls", redete Potter nach einer weiteren langen Pause weiter. „habe ich erfahren, warum Snape mich nicht mag…aber es ist nicht wegen mir, verstehst du? Er hasst mich, für wessen Sohn ich bin und wie er denkt, dass ich bin." Potter grübelte für einen Moment. „Das hat mich…auch nicht gut über ihn fühlen lassen, verstehst du was ich meine?

Snape dachte, er würde.

Potter drehte sich wieder auf seine Seite, klammerte das Kissen gegen seine Brust und sah die Wand an.

„Letztes Jahr", begann er und Snape dachte, er nahm nicht mal wahr, dass er laut sprach „bin ich in Dumbledores Denkarium gegangen, in dem Snapes Erinnerungen drin waren. Ich dachte… ich dachte, dass er was im Schilde führte, etwas Schlimmes. Er war ein Todesser, weißt du. Ich habe nicht verstanden, warum Dumbledore ihn vertraute! Er wollte mir nicht sagen, warum…er hat mich letztes Jahr gar nichts gesagt. Also bis zu der Nacht im Ministerium. Die Nacht…in der Sirius gestorben ist.

Potter fuhr mit seinen Fingern durch das unordentliche schwarze Haar.

„Ich dachte, er war wütend auf mich", sagte er mit einer leisen Stimme. „Dumbledore mein ich. Wegen…du weißt schon, er ist aus dem Zaubergmott geflogen und all das…das Zeug im Propheten. Er wollte mich gar nicht sehen oder mit mir sprechen." Der Junge schloss gequält die Augen.

Snape seufzte zu sich selbst. Es war dumm, kindisch, so zu denken – aber Potter war immer noch ein Kind. Albus, für einen so brillanten Mann wie du es bist, bist du in der Lage, ganz schön extreme Fehlurteile zu machen.

„Jedenfalls", redete Potter weiter, „ich dachte, dass er wegen Snape Recht hatte und ich die ganze Zeit im Unrecht war, weil Snape nach Sirius geschaut hatte, als ich ihm gesagt hab, was ich in meiner Vision gesehen hab und er hat den Orden nach mir ins Ministerium gesendet…und er hasst uns beide, Sirius und mich, also hat er das Richtige getan, ob er wollte oder nicht. Das ist auch was, denke ich."

Naja, danke für die zweifelhafte Empfehlung, dachte Snape sauer.

Dieses Mal dauerte die Stille so lange, dass Snape dachte, dass Potter wieder eingeschlafen war. Er verlor sich gerade selber in seine Gedanken als der Junge noch einmal sprach – tatsächlich überhörte er beinahe, was er sagte:

„Das war die Nacht, in der ich von der Prophezeiung erfuhr."

Hierbei rann ein Schütteln entlang Snapes Wirbelsäule und spitzte seine Ohren. Er hatte noch nie die gesamte Prophezeiung gehört, aber es schien so, als ob Potter es hätte…sicher von Dumbledore.

Der Junge spannte sich sichtbar an und legte dann seine Hand ungeduldig vor seine Augen.

„Ich will aber darüber jetzt nicht nachdenken", sagte er knapp.

Er stand abrupt auf und ging zu seinem Schrank, wo er einen Schlafanzug herausholte. Als er sein T-Shirt auszog, war Snape bestürzt, dass er blaue Fingerabdrücke auf seiner linken Schulter sehen konnte: er konnte sich vorstellen, wie Dursley den Jungen ergriff und ihn zur Treppe schob, nachdem er ihn früher am Abend geschlagen hatte.

Wir müssen hier raus, dachte Snape und er bemerkte nicht, dass er jetzt von wir dachte und nicht von ich.