Mir gehören weder die Charaktere noch die Handlung, ich übersetze nur.

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Vor fast fünfzehn Jahren stellte sich Severus Snape selbst die Aufgabe, der er sich dem Rest seines Lebens mit seinem besten Können vollkommen widmen wollte – Harry Potter beschützen. Es war, so fühlte er, der letzte, beste und einzige Dienst, den er Lily Evans, die die Liebe seines Lebens war – und blieb, erweisen konnte.

Dass er den Jungen wegen seiner Vaterschaft verabscheute und wegen der schmerzhaften Erinnerungen, die dies hervorrief, einen Groll gehen ihn hegte, machte keinen Unterschied. Snape war ein unbeirrbarer Mann, der nach seinem eigenen, moralischen Kodex lebte, komme was wolle. Das was der Grund, aus dem er der Sache nachgegangen war, als Potter die „Gefangennahme" von Sirius Black in einer Vision gesehen hatte. Snape hatte genug Tote in seinem Leben gesehen und wünschte nicht noch mehr auf der guten Seite zu sehen und er würde niemals einen Kollegen aus dem Orden zurücklassen, ob er ihn nun mochte oder nicht.

Mit der Ausnahme von Dumbledore war es Snape egal, was die anderen von ihm dachten. Er war sich sicher, dass seine Kollegen, die Mitglieder aus dem Orden, die Schüler und ein großer Teil der Zauberwelt ihm generell Misstrauen, Abneigung und Argwohn entgegenbrachten. Das passte ihm zu genüge. Er wollte sich bei niemandem beliebt machen. Keine Auszeichnungen, die er verdienen hätte können, würden es wiedergutmachen können, was er Lily angetan hatte. Er hatte weder Bedarf an Freunden: das Leben hatte ihn gelehrt, dass Liebe oft in Verlust endete; noch wollte er in seiner Aufgabe als Spion abgelenkt werden. Er war auf seine Slytherins Stolz und versuchte nicht einmal, seine bevorzugende Behandlung zu verbergen, aber das war nicht um deren Willen sondern darum, dass er ihre Todesser-Verwandten nicht verärgern wollte. Aber auch wann immer er einen Slytherin unterstützen konnte, besonders gegenüber einem Gryffindor, linderte es den wunden Punkt seiner unglücklichen Erfahrungen mit den Rumtreibern.

Snape wusste, dass Dumbledore hoffte, dass er, Snape, anfangen würde, sich um Lilys Kind zu sorgen. Der Zaubertrankmeister war sicher, dass dies nie passieren würde. Trotz seines persönlichen Schwurs, den Jungen um jeden Preis zu beschützen, hätte er es vorgezogen, ihn von der Schule zu werfen, damit er nicht mehr immerzu unter Snapes Augen herumlief. Abgesehen vom Nachsitzen (während dieser ihn der Zaubertrankmeister begeistert schikanierte), verbrachte Snape so wenig Zeit wie möglich in der Anwesenheit des Balges. Und sogar das Nachsitzen hinterließ Snape mit einem ernüchternden, frustrierenden Gefühl.

Snape hatte kein Verlangen, etwas über das Leben des Jungen zu erfahren, abgesehen davon, was er in der Schule beobachtete und er beobachtete so wenig, wie er konnte (außer, natürlich, was er verwenden konnte, um Potter in Schwierigkeiten zu bringen). Er erlaubte Potter in seiner Gegenwart so wenig als möglich zu sprechen; er würde keine Erklärungen oder Entschuldigungen für sein Benehmen dulden. Wenn andere Erwachsene von dem Jungen sprachen, entfernte sich Snape so schnell wie möglich von dem Gespräch.

Dementsprechend war die jetzige Situation vielleicht die einzige Möglichkeit, in der Snape etwas über den echten Harry Potter lernen konnte, den, den er weigerte zu sehen…und sogar lernen konnte, sich ihm gegenüber anders zu fühlen.

Die nächsten drei Wochen nahmen eine Routine an: jeden Morgen um 6:30 Uhr (an Wochenenden eine Stunde später) würde Petunia an der Tür ihres Neffen pochen. Der Junge würde in die nächstgelegenen Kleidungsstücke schlüpfen und schnell die Treppe hinunter verschwinden, um das Frühstück für die Familie vorzubereiten. Etwa eine Stunde später würde er zurückkommen, um nach den Bedürfnissen seines „Haustieres" zu sehen. Jeden Tag nahm er Snape treu aus seinem Käfig und versorgte sorgfältig seine verletzte Schulter. Dann würde er den Käfig saubermachen, den Futter- und Wassernapf austauschen und den Käfig bedecken, bevor er seine eigene Morgenwäsche durchführte.

Snapes Wunde verheilte langsam; er dachte, dass Bellatrix ihre wirblige, feurige Klinge auf Dämonsfeuer aufgebaut hatte. Falls dem so wäre, war ihre Kontrolle bewundernswert. Jedenfalls würde sich die verfluchte Wunde weiter in seinen Muskel fressen, vielleicht sogar permanent geschädigt bleiben – ihn vielleicht sogar umbringen. Ein Heiler wäre in der Lage gewesen, Snape schneller Fortschritte machen zu lassen, aber Potter war in Bezug auf Heilen auch kein Versager…und die Tatsache, dass er Zaubertränke hatte, die ihm erlaubten, die Verletzung zu behandeln, war die Rettung für seine Schulter, Muggel-Hilfsmittel würden keinen Effekt haben.

Jeden Tag würde Snape auf Potters Knie sitzen und sich dazu zwingen, still zu halten, während der Junge die schmerzhafte Stelle säuberte, sie versorgte und wieder verband. Potter schien zu wissen, wie schmerzhaft es für Snape war, denn trotz seiner sanften Berührung versuchte er, die Fledermaus mit seiner Stimme zu beruhigen, indem er aus dem Tagespropheten vorlas, während er arbeitete. Dadurch lernte Snape, wie sich die öffentliche Meinung in Bezug auf den „Auserwählten" änderte; er war amüsiert, dass Potter noch angewiderter war, als Snape selbst.

Wenn der Junge es satt hatte, aus dem Propheten zu lesen, würde er stattdessen manchmal seinem Haustier etwas vorsingen. Obwohl er für keine Gesangskarriere infrage käme, sang Potter ziemlich melodisch (er gab freimütig zu, dass er niemals den Mut hätte, seine Fähigkeit „im Gryffindor Gemeinschaftsraum zu zeigen, wo die anderen mich einweisen lassen könnten") und Snape musste zugeben, dass er die einfache Interpretation ziemlich…entspannend fand.

Sobald Snape versorgt und das Zimmer aufgeräumt war, würde Potter sich für den Tag fertig machen und dann bis in den Abend hinein verschwinden. Snape wusste, dass er von morgens bis abends mit Hausarbeiten beschäftigt war – der scharfe Geruchssinn der Fledermaus konnte den Schweiß der körperlichen Arbeit am Jungen riechen, wenn er zurückkam, gemeinsam mit dem Geruch von gemähtem Gras oder Möbelpolitur oder Reinigungsmittel oder Gartendünger oder Silberpolierpaste oder Farbe und Terpentin. Sehr oft roch er auch nach Essen.

Potter würde sich etwas waschen, würde dann die Abdeckung des Käfigs entfernen und Snape mit seinem gewöhnlichen, sanften „Hey Spartacus" begrüßen. Dann würde er an seinem Tisch sitzen und eine oder zwei Stunden mit Schularbeiten beschäftigt sein. Wenn er fertig war, würde er seine Bücher wegschieben, sich ausstrecken und zum Bett hinüber gehen.

Dann würde er zu Snape sprechen – manchmal bis zu zwei Stunden – bevor er sich schlafen legte. Wenn ihn ein Albtraum in den frühen Morgenstunden aufweckte (was zwei- oder dreimal die Woche passierte), würde der Junge zu seinem verwandelten Zaubertrankmeister für eine weitere halbe Stunde oder länger sprechen.

Die Ironie der Situation war natürlich, dass es Potter unendlich bevorzugen würde, sich anstatt Snape lieber Argus Filch anzuvertrauen. Und Snape seinerseits würde sich niemals aussuchen, ausführlich die Teenagerängste und deren jugendliche Entbürdung anzuhören, noch dazu Potters – der bloße Gedanke daran, dies zu tun, würde gewöhnlicherweise dazu führen, dass seine Augen mit reiner Langeweile für fünf Minuten ins Nichts blicken würden. Aber der Junge dachte, er würde zu einem dummen Tier sprechen und der grübelnde Zaubertrankmeister war ein gefangenes Publikum, das nicht sprechen konnte – also war er gezwungen ausnahmsweise zuzuhören und während des Zuhörens lernte er mehr darüber, was sich in Harry Potters Gedanken und Herzen abspielte, als jede andere lebende Kreatur auf der Erde – abgesehen vielleicht von Potters Eule, die immer noch bei Hagrid in Hogwarts war.

All die Sorgen, Beklemmungen und Ängste, bei denen Potter sich nicht durchringen konnte, sie mit seinen Freunden zu teilen, berichtete er Snape. Dadurch lernte Snape von der Prophezeiung mit all ihren schrecklichen Konsequenten, über die Aktivitäten von Dumbledores Armee, über Dolores Umbridge und ihre schneidende Schreibfeder, über die Potter zu stolz war, um sich bei McGonagall zu beschweren, von der Liebe zu Dumbledores und der Angst, den alten Mann im Stich zu lassen. Er lernte von Potters Enttäuschung, wie die kurze Romanze mit Miss Chang endete, seine wachsende Anziehung zu Miss Weasley und seine Sorgen, wie ihr Bruder reagieren würde, wenn er von ihnen erfahren würde und von seinen Zweifeln, ob er überhaupt auf ein normales Leben mit normalen Beziehungen führen könnte. Er lernte von den Ambitionen des Jungen, ein Auror zu werden und seiner Sorge vor den Ergebnissen seiner ZAGs. Er lernte, die immense Angst des Jungen vor Verlust zu verstehen, eine Angst, die daraus entsprang, dass die Menschen, die er liebte getötet werden könnten oder sich von ihm abwenden könnten. Er realisierte sogar das Bedauern des Jungen über das Aufsuchen von Snapes Erinnerungen im letzen Jahr – und auch nicht nur aus dem Grund, was er dabei über seinen Vater erfahren hatte, sondern weil er die Privatsphäre eines Mitglied des Ordens aus seinem eigenen Misstrauen heraus verletzt hatte.

Die Situation hatte den Jungen in die ungewöhnliche Position gebracht, sich ausgerechnet Snape anzuvertrauen, sie hatte aber auch Snape in die ungewöhnliche Position gebracht, Potter mit ganzem Herzen zuzuhören – richtig zuzuhören. Nicht in der Lage zu Sprechen, sich zu Bewegen oder zu Handeln hatte Snape seine eigenen Ängste, mit denen er umgehen musste, mitsamt Schmerzen und Langeweile. Sein Verschwinden wurde anscheinend totgeschwiegen, sonst hätte es Potter erwähnt – wahrscheinlich mit einer Trompetenfanfare, dachte Snape sauer. Und die Tatsache, dass er immer noch nicht gefunden wurde, hieß, dass Dumbledore noch eine zusätzliche Sorge hatte, die er auf die Liste seiner Belastungen hinzufügen konnte.

Dann war da noch die konstante Spannung, die von der Befürchtung kam, dass ihn der Dunkle Lord rufen könnte und er nicht in der Lage sein würde, ihm nachzufolgen. Soweit hatte er Glück – Voldemort vermied es, ihn zu oft zu sich zu rufen, aus Angst, Dumbledore würde Verdacht schöpfen – aber sein Glück würde nicht für immer währen, wusste Snape. Und er war tief beunruhigt, was McNair und Bellatrix Lestrange an dem Tag im Schilde führten, an dem sie ihn angegriffen hatten. Er wusste sehr wohl, dass Voldemort nicht jeden Plan in seinen Anhängern anvertraute, aber diese Nichtberücksichtigung beunruhigte ihn nichtsdestotrotz.

Was die Langeweile betrifft…Snape hatte nichts zu tun, sich von seiner Abgeschiedenheit abzulenken, außer die Seiten des Tagespropheten zu lesen, mit dem Potter den Käfig auslegte und begierig zuzuhören, wenn der Junge ihm von der Zeitung oder von seinen persönlichen Briefen vorlas (besonders jene Briefe von den Ordensmitgliedern). Er schlief fast den ganzen Tag (wie es Fledermäuse tun), meditierte einen Großteil der Zeit, überdachte Zaubertränke in seinem Kopf, rezitierte Gedichtszeilen seiner Zeit, in der er mit Lily gelesen und gelernt hatte, und sorgte sich.

Es war aber zunehmend Potter selbst, der seine Hauptquelle in Ablenkung wurde – das verwöhnte, arrogante Balg, das dachte, dass es zu gut war, um die Regeln zu befolgen. Oder so hatte er gedacht.

Snape hatte sich immer etwas auf seine Einsamkeit eingebildet und darauf, mit seiner eigenen Gesellschaft zufrieden zu sein. Aber sogar Pettigrew, der sich über ein Jahrzehnt als das Haustier des Weasley Jungen ausgab, hatte mehr Gesellschaft als es Snape jetzt hatte. Die einzige Stimme, die er jetzt hörte (jedenfalls mit Klarheit) war Potters und Snape begann sich auf die Rückkehr des Jungen jeden Abend mit einem Eifer und einer Erleichterung, die er nicht mal sich selbst zugestehen wollte, zu freuen.

Durch Potters Träumereien über seine Freunde, seine Feinde, seine Ideen und seine Bestrebungen konnte Snape erkennen, zunächst widerstrebend, mit der Zeit aber sehr eifrig, was Dumbledore ihn die ganze Zeit versucht hatte, ihn bewusst zu machen – dass der Junge mit James Potters Leichtsinn, Dickköpfigkeit, fehlender Feinheit und Neigung zum Regelbrechen aber auch Lilys Mitgefühl, Loyalität, vergebende Natur und im Angesicht von schlechter Behandlung trotzdem eine überwältigende Kapazität zu lieben besaß.

Snape mutmaßte aber auch etwas, das nicht einmal Dumbledore geraten hätte, vielleicht…dass die Neigung zur Geheimniskrämerei und Regelbrechen nicht durch Arroganz oder einer überheblichen Haltung, wie er es dachte, zustande kam, sondern von einem tief gesätem Misstrauen gegenüber Erwachsenen – die ihm, in der Tat niemals Grund für Vertrauen gegeben hatten.

So durchsichtig er auch schien, Harry Potter hätte es niemals in Slytherin geschafft.

Schwäche? Vielleicht. Als Snape Potters Gedanken über Draco hörte, wie er seinen Erzfeind aus der Schule verachtete, ihn aber gleichzeitig Verständnis entgegenbrachte, wusste er dass der Malfoy Junge zu einem Feind niemals so großzügig sein würde. Aber er wusste auch, dass Potter, ohne es zu wissen, Dumbledores Fähigkeit teilte, dass Menschen ihn lieben – eine Macht, die ihn, falls er sie nutzten würde, dazu bringen könnte, das Leben der anderen zu lenken. Und doch war es so klar, dass der Junge zu viel Demut besaß, eine solche Tat zu begehen, selbst wenn er von dieser Fähigkeit wüsste. Dies machte ihn angreifbar, könnte sogar generell töricht sein – zeigte aber eine Rechtschaffenheit weit über Dumbledores.

Kein Wunder, dass der alte Zauberer den Jungen so über alle Maßen liebte. Snape realisierte, dass er selbst als misshandelter Junge gelernt hatte, sich nicht in die Karten schauen zu lassen, um eifersüchtigerweise sein Herz zu beschützen. Potter konnte oder wollte nicht lernen, dies zu tun. Anstatt dass dies ein Beweis für Schwäche war, wie es Snape zu Beginn dachte, war das die Macht, die zum Schluss Voldemort zerstören würde?

Aber von all den Dingen, über die Potter zu „Spartacus" sprach, bemerkte Snape, dass er niemals mehr über die Dursleys sprach, als ein paar Bemerkungen zu Zeiten: „ich beeile mich besser, dass ich das Frühstück mache, sonst kommt Petunia hier rauf;" „Ich muss die Hecke noch fertig schneiden bis Onkel Vernon nach Hause kommt oder ich krieg es mit ihm zu tun;" „Ich bin froh, dass Mrs. Weasley die Fleischpasteten geschickt hat – ich hab beim Abendessen nicht genug bekommen, weil Dudley Extraportionen genommen hat"

Snape fand diese Auslassungen besonders verstörend, da der Junge immer wieder mit kleineren Verletzungen auftauchte: ein blauer Fleck um sein Handgelenk an einem Tag, eine aufgeplatzte Lippe am nächsten Tag. Einmal tauchte er mit einem roten Handabdruck auf seinem Gesicht auf. Der Abdruck verdunkelte sich nicht zu einem blauen Fleck, aber Snape dachte, dass Petunias lange, dünne Finge ihn gemacht hätten. An diesen Tagen war Potter nicht annähernd so gesprächig in den Abenden, und doch würde er gewöhnlich einen Albtraum in derselben Nacht haben. Seine Unterhaltungen, die diesen Träumen folgte, waren ausnahmslos mürrisch.

Sein eigener Mangel an Einblick in die brutale Behandlung (mitsamt der anscheinenden Akzeptanz des Jungen von dieser Behandlung) ließen Snape sich fragen, ob Vernon und Petunia Dursley ihrem Sohn gegenüber genauso hart waren, wie sie es mit ihrem Neffen waren…es war möglich, dass Potter nicht der einzige Minderjährige in diesem Haushalt war, dessen Privatleben sich näher angeschaut werden musste. Erst als die dritte Woche anbrach, in der Snape in Potters Pflege verbrachte, bekam Snape den bisher endgültigsten Beweis der Ungleichheit zwischen Potter und seinem Cousin, soweit es die Dursley Eltern anbetraf.

Es war Sonntag – Snape wusste dies, weil es einerseits Potter erlaubt war, ein bisschen länger als normal zu schlafen und andererseits hatte er das Datum auf dem Tagespropheten gelesen, in den Potter vertieft war, nachdem er die Verletzungen seines Haustieres versorgt hatte und bevor er sich für den Tag fertig machte. Dursley, von der Arbeit zu Hause, schaute anscheinend irgendeine Muggelsportveranstaltung am Fernseher an (Snape dachte, dass er die Geräusche eines gerade laufenden Spieles hören konnte, als Potter die Tür öffnete, um das Zimmer zu verlassen).

Potter hatte anscheinend am Nachmittag etwas getan, was seinen Onkel aufgebracht hatte, weil Snape plötzlich aus einem festen Schlaf gerissen wurde, als er die Stimme des Muggel-Manns hörte, die fürchterlich überreizt klang.

So erschrocken, dass er fast den Halt am Maschendraht, an dem er hing, verlor, hielt sich Snape mit seiner nicht verletzten Vorderpfote fest und lauschte angespannt. Durch die Abdeckung, eine geschlossene Tür und die gesamte Etage hörte er Dursleys Worte, die er schon in der letzten Nacht gesprochen hatte, als er die Nase seines Neffen blutig geschlagen hatte: unnormal. Freak.

Snape fragte sich unbehaglich, was Potter getan hatte, um den Mann wütend zu machen. Er wartete besorgt auf das Geräusch eines Polterns, wie letztes Mal – aber diese Mal hörte er nur die Füße des Jungen, die die Stufen nach oben kamen.

Er ließ sich auf den Boden des Käfigs fallen, als der Junge in das Zimmer stürmte. Potter kam direkt zum Käfig, zog die Abdeckung beiseite und öffnete die Käfigtür.

Snape war zu erstaunt, um sich zurückzuziehen oder zu protestieren, als ihn Potter ergriff, ihn schnell durch das Zimmer trug und ihn kurzerhand in einen lang verlassenen Hamsterkäfig legte, der leer auf einem Regal voller kaputter Spielsachen, Modelle und Elektroniksachen neben einem Schrank stand.

Snape starrte Potter mit Erstaunen an, als der Junge die Käfigtür schloss. Er war viel kleiner als der Eulenkäfig, sein Flughund-Körper hatte fast keinen Platz, sich umzudrehen.

„Es tut mir leid, Spartacus", sagte der Junge grimmig. Er war ziemlich blass und der Ausdruck auf seinem Gesicht zeigte Angst, und grimmige Resignation auf einmal. Er hob den Käfig mit dem Griff auf der Oberseite an. „Mein Onkel kommt hier rauf, um…um mit mir zu sprechen. Ich will nicht, dass du dabei bist und ich will nicht riskieren, dass er dich bemerkt. Ich bin nicht sicher, wie er reagieren würde oder wie du reagieren würdest und ich will es nicht ausprobieren."

Bevor Snape die Gelegenheit hatte zu reagieren, bewegte sich Potter auf leisen Sohlen aus dem Zimmer und in den Flur hinaus. Snape hatte einen kurzen, benommenen Eindruck von einem breiten, mit Teppichboden ausgelegten Flur mit geschlossenen Türen auf jeder Seite, von einem Dachfenster am Ende dunkel beleuchtet. Potter ging schnell zum Ende des Flurs, öffnete leise die Tür und durchquerte einen hellen Raum voller Sonnenschein, in dem Snape schmerzhaft mit den Augen blinzelte.

Potter setzte den Käfig ab.

„Du wirst hier sicher sein, Spartacus", flüsterte der Junge. „Das ist das Zimmer von meinem Cousin und er verbringt heute den Tag mit seiner Gang. Ich werde dich später wieder holen."

Er ging durchs Zimmer und schlüpfte durch die Tür, schloss sie hinter sich und ließ Lautlosigkeit zurück.

Für einen Moment saß Snape vollkommen ruhig in der Stille des Raumes, sein Herzklopfen hämmerte in seinen Ohren. Er wurde aus einem festen Schlaf und aus dem Zimmer, in dem er die letzten zwei Wochen und mehr verbracht hatte, herausgerissen. Er fühlte sich komplett verwirrt.

Ein paar Momente tiefer Atemzüge und Beruhigungstechniken später, hatte sich Snapes Gehirn soweit geklärt, dass er sich seine neue Umgebung ansehen konnte.

Er war ein einem großen, luftigen Raum, mindestens zweimal so groß wie Potters Zimmer. Die Wände waren in einem tiefen, aber fröhlichen blau gestrichen. Sie schauten frisch gestrichen aus und Snape fragte sich plötzlich, ob sie Potter gestrichen hatte…er hatte früher in diesem Monat einen Geruch von Terpentin und Farbe an den Händen von Potter entdecken können und hatte Flecken von derselben Farbe auf der ausgewaschenen, ausgeleierten blauen Jeans gesehen.

Ein Doppelbett mit einer dicken Matratze dominierte eine Wand, das Bett war mit einer flauschigen, blau-grau gestreiften Steppdecke bedeckt. Vorhänge aus demselben Material flatterten an drei großen Fenstern, von denen zwei zum Garten hinaus gingen, das andere zur Seite des Hauses. Ein dicker, grau gefleckter Teppich bedeckte den Großteil des Holzbodens. In der Ecke zwischen den Fenstern war ein großer, ledergepolsterter Lehnstuhl.

Auf der schweren, großen Walnusskommode gegenüber des Kopfende des Bettes war ein riesiger Fernseher, der durch ein Medienplayer und einer Spielekonsole vervollständigt wurde. Die Regale direkt links daneben waren voll bepackt mit Filmen und Spieledisketten.

Auf der rechten Seite des Tisches, zwischen den beiden Fenstern stand ein großer Walnuss-Tisch, auf dem Potter seinen Käfig gestellt hatte. Ein gepolsterter Bürostuhl mit einer teuer aussehenden Lederjacke, die über der Lehne hing, stand vor ihm. An der Wand links daneben, unter dem dritten Fenster war eine zweite Kommode; diese war breiter als sie hoch war. Ein Spiegel war an ihr angebracht. Zu ihrer rechten Seite war eine Reihe an fünf Regalenbrettern, die bis zur Decke gingen. Die Regale, zwei Nachttische, der Tisch und die Kommoden waren überfüllt mit Dingen: eine große Stereoanlage, Musik CDs, handliche elektronische Spiele, ein tragbarer CD Player, Uhren, gerahmte Bilder, Magazine und anderer Plunder verteilte sich überall. Um Snapes Käfig stapelten sich auf dem Tisch Textbücher und andere Bücher, keine von ihnen schaute benutzt aus. Eine zuverlässige Tischlampe, eine große Bodenlampe und Lampen auf jeder Seite der Nachttische versicherten, dass das Zimmer so gut beleuchtet war, wie es der Besitzer wünschte, wenn es dunkel wurde.

Auf der ganz rechten Seite des Bettes führte eine Tür in einen großen begehbaren Kleiderschrank, zu dem die Tür angelehnt war. Es schien so, als ob er vollgestopft mit Kleidung wäre. Ein Blick auf die Größe dieser zeigte Snape sofort, welche abgelegten Sachen Potter gezwungen war zu tragen.

Fast jeder verfügbare Zentimeter der Wand war mit Muggel-Postern, Fotos und Schulwimpel, auf denen „Smeltings" zu lesen war, zugeklebt.

Snape ließ seinen Atem langsam entweichen und begab sich auf den Boden des Käfigs. Nun hatte er seine Antwort, ob die Jungen gleich behandelt werden oder nicht.

Potters Stimme, in einer tiefen und sanften Tonlage, weckte ihn kurz nach Sonnenuntergang.

„Hey Spartacus."

Langsam stand Snape auf. Das Zimmer war in ein halbdunkles Licht gehüllt. Er war überrascht, dass er es geschafft hatte, zu dösen – er fühlte sich in diesem luxuriösen, reichlichen Zimmer nicht wohl, als ob jeden Moment etwas kommen und ihn holen würde.

Aber es war nur Potter, der im Dämmerlicht geisterhaft blass aussah.

„Es tut mir leid, dass ich dich nicht früher geholt habe, Spartacus", murmelte der Junge. „Komm mit…wir gehen in mein Zimmer." Er hob den Käfig hoch und bewegte sich sorgfältig aus dem Zimmer, den Flur entlang bis zu seinem Zimmer auf dem Treppenabsatz.

Snape, obwohl er in seinem Erwachsenenalter sehr penibel war, fühlte ein merkwürdiges Gefühl tiefgründiger Erleichterung, wieder in dem beengten, schäbigen kleinen Zimmer zu sein.

Potter stellte den Hamsterkäfig auf seinen kleinen, klapprigen Tisch, langte dann hinein und hob Snape heraus. Der Junge lächelte ein bisschen, als die Fledermaus zu ihm krabbelte, anstatt darauf zu warten, herausgehoben zu werden.

„Ja, ich bin auch froh, dass dieser Nachmittag vorbei ist", sagte er der Fledermaus. Seine Stimme klang leicht heiser, bemerkte der Zaubertrankmeister.

Wieder im größeren Käfig zurück, drehte Snape sich, um Potter genauer anzusehen.

Außer zwei erröteten Flecken auf jede seiner Wangen war das Gesicht des Jungen kreidebleich. Er hatte dunkle Ringe unter seinen rotumrandeten, wässrigen Augen, aber keine Tränenspuren auf seinen Wangen. Seine Unterlippe schaute wund aus, als ob er sie durch seine Zähne gezogen hätte.

Mit einem langen Seufzen sank Potter auf den Stuhl an seinem Tisch und lehnte sich zurück. Er versteifte sich plötzlich, zog seinen Atem durch seine Zähne ein und setzte sich schnell mit einem Zucken nach vorne. Er veränderte die Position, so dass er nach vorne lehnte, seine Ellbogen auf den Knien abstütze und sein Gesicht in seine Hände stützte.

Nach vielleicht fünf Minuten erhob sich der Junge erneut. Er lächelte die Fledermaus schief an.

„Iss und trink ein bisschen was, Spartacus und mach, was auch immer du machst, wenn ich schlafe", sagte Potter sanft. „Ich hab genug für heute."

Als er sich zum Bett bewegte, rutschte das übergroße T-Shirt, das er trug, leicht über eine Schuler und Snape sah eine breite, dunkelrote Strieme, die die blasse Haut verunstaltete.