Mir gehören weder die Charaktere noch die Handlung, ich übersetze nur.
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Dumbledores Büro war von Kerzenlicht erleuchtet und der große Zauberer selbst, in strahlenden, geschmückten, silbernen Roben, stand vor seinem Schreibtisch. Anscheinend ging er hin und her, wie er es oft tat, wenn er mit offensichtlichem Eifer Snapes Ankommen erwartete. Er drehte sich um, als sich die Tür öffnete.
„Severus!" sagte der alte Mann erfreut, frohe Erleichterung in seinem Gesicht und seiner Stimme. „Endlich! Mein Junge, ich war so besorgt – "
Er brach plötzlich ab, als er Harry entdeckte. Die silbergrauen Augenbrauen gingen nach oben.
Snape konnte sich gut vorstellen, wie das für Dumbledore aussehen musste. Sein ansässiger Spion wurde einen Monat lang vermisst, verschwand ohne einen Hinweis darauf, was geschehen war, weder vom Orden noch von den Todessern, von seinem Wachdienst, während anscheinend alles wie gewohnt in Potters Haus weiterging. Dann, wie aus dem Nichts, tauchte Snapes Patronus auf, verkündete seine Ankunft und warnte vor möglichem Eingreifen des Ministeriums im Ligusterweg. Dann tauchte der Spion selbst wieder auf – nicht allein, wie es Dumbledore vielleicht erwartet hätte, aber mit dem Goldjungen selbst im Schlepptau, der einen schlecht passenden Umhang trug, ein blaues Auge, eine aufgeplatzte Lippe und eine böse Strieme über eine Wange hatte.
„Severus", begann Dumbledore. „Was –"
Er hielt inne, fand keine Worte (zum ersten Mal seit Menschengedenken, dachte Snape sarkastisch).
„Schulleiter, wir haben viel zu besprechen", sagte Snape schnell. „Aber zuerst muss ich Sie warnen, dass ich im Ligusterweg Magie ausgeführt habe – Magie, für die Potter höchstwahrscheinlich vom Ministerium verantwortlich gemacht werden wird."
Dumbledore wurde sofort aufmerksam. „Wie lange ist es her?"
„Etwa eine Stunde", antwortete Snape. „Vielleicht eher zwei".
Sofort schritt Dumbledore zum Kamin und griff nach einer Handvoll Flohpulver von einem Gefäß auf dem Kaminsims. Dann drehte er sich zu Potter und Snape, beschwor zwei weiche, geblümte Lehnsessel und winkte den beiden Zauberern, sich zu setzen.
„Wartet hier, ihr beide", ordnete er an. Er schmiss das Flohpulver in den Kamin und schritt hinein, als die smaragdgrünen Flammen aufloderten.
„Zaubereiministerium", rief er und verschwand.
Snape ging zu einem der Lehnsessel und setzte sich ruhig, lehnte sich mit seinen Ellenbogen auf die Armlehnen und legte seinen Fingerspitzen aneinander. Nach einem Moment setzte sich Potter ebenfalls, er setzte sich nach vorne gebeugt hin, so dass er vermied, dass sein böse zugerichteter Rücken Kontakt zum Kissen bekam. Seine Hände waren in feste Fäuste geballt, die auf seinen Oberschenkeln lagen und er starrte unfokussiert auf den Boden. Obwohl sein Gesicht keine Spur von Emotionen zeigte, war er bleich und zitterte sichtbar.
Beunruhigter von diesem Beweis von Potters Zerbrechlichkeit, als er zugeben mochte, blickte im Raum umher. Fawkes der Phönix kuschelte sich auf der Ablage unter seinem goldenen Käfig in ein Nest aus Asche. Er ertrug eine vorzeitige Verbrennung, um Dumbledore im Ministerium einen Monat zuvor zu beschützen und er war in keiner Verfassung, jemanden zu heilen. Snape dachte, dass dies ebenso gut war – er wollte warten, Potter zu heilen, bis Dumbledore selbst die Verletzungen gesehen hatte. Das würde seinen Mentor hart zusetzen, aber Snape schreckte vor dem Gedanken zurück, diese Worte zu ihm zu sagen und war, schuldbewusst, froh darüber, die Verfassung des Jungen für sich selbst sprechen zu lassen.
Dumbledores Büro sah so aus, wie es immer aussah. Die empfindlichen silbernen Instrumente surrten sanft und die Portraits der Hogwarts Schulleiter und Schulleiterinnen schienen alle friedlich zu schlafen…bis auf einen.
Armando Dippet begutachtete Potter von hinter Dumbledores Schreibtisch mit Interesse.
„Ah, Mr. Potter!" rief der füllige Zauberer fröhlich. „Wieder zurück! Aber was ist mit deinem Gesicht passiert, mein Junge?"
Potter blickte nach oben, dann wieder nach unten. „Nichts, Sir", murmelte er.
Dippet runzelte die Stirn, heiterte dann aber auf.
„Naja, macht nichts, mein lieber. Was auch immer es ist, Dumbledore wird es schon richten! Er mag dich sehr, ich hoffe, das weißt du!"
Potter zuckte mit den Schultern – eine Gewohnheit, die Snape bei allen Schülern verabscheute.
Ich werde dieses verdammte Achselzucken aus ihm heraushaben, bevor er die Schule verlässt, oder ich werde den Grund dafür wissen, wieso es nicht geht! Dachte er irritiert.
Dippet sagte ein bisschen streng: „ich hoffe, du planst keine Wiederholung des Wutanfalls von letzten Monat, Mr. Potter…du bist wirklich zu alt für einen solchen Unsinn."
Snape zog seine Augen zusammen und blickte zu Potter. Der Junge sah ihn seitlich an, wurde rot und blickte wieder nach unten.
„Nein, Sir."
„Na dann ist es gut!" sagte Dippet strahlend. „Kein Grund, so niedergeschlagen zu schauen, mein Junge…Dumbledore hatte in einem Moment alles wieder hergerichtet und war sehr unglücklich, dass du so verzweifelt warst…tatsächlich sehr aufgebracht."
Bevor Potter darauf antworten konnte, flammten grüne Flammen vom Kamin auf und Dumbledore stieg heraus, während er sich die Asche von seinen Roben bürstete.
Snape stand automatisch auf, als der alte Zauberer von der Feuerstelle wegtrat und Potter tat dasselbe.
„Also", begann Dumbledore. „Ich habe mit Rufus Scrimgeour gesprochen und es hat den Anschein, dass Auroren zum Ligusterweg entsendet wurden, um zu untersuchen, warum dort gezaubert wurde. Vernon Dursley informierte diese, dass seine Familie von einem ausgewachsenen Zauberer angegriffen wurde, der dann mit Mr. Potter das Grundstück verließ. Die Vermutung war, dass Todesser versucht haben, mit Harry zu verschwinden und ich belehrte den Minister keines Besseren darüber.
Snape zog hierbei seine Augenbrauen in die Höhe. Dumbledore schaute ihn aufmerksam an.
„Wäre tatsächlich ein Todesserangriff im Ligusterweg gewesen, wäre ich sofort benachrichtigt worden", redete Dumbledore weiter, während er auf eines der silbernen Instrumente nahe seines Tisches blickte. Um alles wieder ins Lot zu bringen, bis ich erfahren konnte, was wirklich passiert ist, habe ich Rufus darüber informiert, dass es dir, Severus, möglich war, Mr. Potter zurückzuholen und dass ihr beide sicher in Hogwarts seid."
Er verweilte hier, wartend, vielleicht dass Snape oder Potter sprechen konnten. Als dies keiner von beiden tat, fuhr er fort.
„Ich bin erleichtert, Severus, dich relativ unverletzt zu sehen, aber ich gehe davon aus, dass du viel zu berichten hast. Ich muss dich bitten, mich auf das Laufende zu bringen."
Snape zögerte einen Augenblick, nicht sicher, wo er anfangen sollte. Er wollte weder vor Potter die Todesser in Little Whinging diskutieren, noch war er sich nicht sicher, dass es Dumbledore wollte.
Endlich fing er an.
„Laut ihren Anweisungen, Schulleiter, war ich an der Reihe, auf Mr. Potter aufzupassen, als ich…verletzt wurde." Snape sah an dieser Stelle bedeutsam zu Dumbledore, der ihn scharf beobachtete, dann leicht nickte. Er weiß es, dachte Snape erleichtert. Er holte einen tiefen Atemzug und machte ein wenig leichter weiter.
„Ich war zu dieser Zeit verwandelt und als ich wieder zu Bewusstsein kam", an dieser Stelle errötete Snape leicht und kräuselte seine Lippen, „befand ich mich in Potters Schlafzimmer in dem Käfig seiner Eule versteckt. Anscheinend fand er mich in seinem Garten."
Dumbledores Augen glitzerten dabei. „Ach du liebe Zeit", murmelte er und sein Bart zuckte. Aber als er auf Harry blickte und die dunkle Röte sah, die sich auf dem Gesicht des Jungen ausgebreitet hatte, sah er wieder ernüchtert aus. „Bitte fahr fort.".
„Potter tat eine…bewundernswerte…Arbeit als er meine Verletzungen versorgte, während ich in Fledermausform war", sagte Snape zögerlich. „Während ich gefangen war konnte ich mich natürlich nicht verwandeln und an den Gelegenheiten, an denen ich es nicht war, wählte ich, mich nicht zu verwandeln. Ich erachtete es als vernünftiger, meine Animagusfähigkeiten versteckt zu halten, wenn ich es konnte," fügte er unnötigerweise hinzu. „Ich bin natürlich ein unregistrierter Animagus."
Er blickte seitwärts zu Potter, aber falls der Junge überhaupt etwas von dem Lob oder seinen Erklärungen erweicht war, zeigte er es nicht.
Snape seufzte zu sich selbst und machte weiter.
„Es wurde für mich notwendig, mich zu offenbaren, so dass ich… die Aufgabe erfüllen konnte, für die ich überhaupt erst zum Ligusterweg geschickt worden war", endete er lahm. Ein Rückzieher, wenn es jemals einen gegeben hatte.
Dumbledore starrte ihn einen Moment lang an, dann ging ein Blick des Alarms über sein Gesicht, als er realisierte, was Snape gesagt hatte. Snape würde sich nicht vor Potter verwandeln, wenn er nicht gezwungen worden wäre, Potter zu beschützen. Und weil Potter offensichtlich von den Todessern in keiner unmittelbaren Gefahr geschwebt hatte, blieben dann nur…
Der alte Zauberer drehte sich zum Jungen, ließ die Flecken in seinem Gesicht mit wachsender Beklemmung auf sich wirken.
„Harry", sagte der Schulleiter leise, „was ist mit dir passiert?"
Potter zögerte. „Ich bin in einen Kampf mit meinem Cousin gekommen, Sir."
„Potter." Snape war wütend. Dass der Junge es wagen würde, Ausflüchte zu finden, während Snape genau neben ihm stand! Er gab Potter einen wütenden Blick, den der Junge voll zurückgab – aber mit einer stummen Bitte vermischt, was Snapes Wut verrauchen ließ und nur eine matte Traurigkeit zurückließ.
„Albus", sagte Snape sanft, während er sich zum Schulleiter umdrehte, „da ist noch mehr."
Dumbledore starrte ihn an, Furcht erschien in seinen blauen Augen. Es war selten, dass ihn Snape mit seinem Vornamen ansprach.
Die Spannung war plötzlich zu viel für den Zaubertrankmeister.
Genug, dachte Snape wütend. Er zog seinen Zauberstab hervor, zeigte auf Potter und machte eine kurze, zuckende Bewegung, die an einen Fliegenfischer erinnert, der einen Fisch an der Angel hatte. Potters geliehener Umhang flog unverzüglich von den Schultern des Jungen in Snapes ausgestreckte Hand. Potter keuchte als der Umhang wegflog – getrocknetes Blut hatte den Umhang an die Wunden kleben lassen und die neu entstandenen Krusten wurden weggerissen als der Umhang grob weggezogen wurde.
Snape zuckte innerlich zusammen. Es war nicht seine Absicht gewesen, den Jungen wehzutun.
Potter ging einen Schritt zurück und wickelte seine Arme um sich selbst, wie wenn er zurück im Ligusterweg war, nachdem Snape sich zu erkennen gegeben hatte, aber er konnte weder die blauen Flecken an seiner Seite, den klaren Umriss seiner Rippen noch die schwarzen und blauen Fingerabdrücke an seinem Oberarm, wo ihn Dursley vor ein paar Stunden die Treppen nach oben geschoben hatte, verbergen. Bleich und starr starrte Albus auf die niedergeschlagene Gestalt, aber Snape wusste, dass das Ausmaß noch weiterging, und obwohl er mit seinem alten Lehrer und dem Jungen mitfühlte, wusste er, dass es getan werden musste.
„Dreh dich um, Potter", sagte Snape leise.
Wieder schaute der Junge nach oben, aber es war dieses Mal keine Herausforderung in seinem Gesicht – nur eine verzweifelte Bitte – Snape verschloss sein Herz gegen den Anblick von Lilys Augen, die ihn mit einem verzweifelten, bittenden Ausdruck ansahen. Er ging einen Schritt näher zu Potter, bewusst drohend, und sprach in seinem bedrohlichsten Ton.
„Dreh dich um, Potter…oder ich werde dich umdrehen."
Potter sank einen Schritt zurück, sein Gesicht kreidebleich, seine Augen verließen Snapes nicht. Dann starrte er mit hochgezogenen Schultern auf denn Boden. Snape sah ihn hart schlucken, als er sich auf der Stelle drehte, fast als wollte er wegapparieren.
Snape hatte keinen Zweifeln, dass in diesem Moment der Junge alles, was er besaß, gegeben hätte, wenn er von diesem Platz aus apparieren könnte.
Er schaute weder auf den Rücken des Jungen noch auf Dumbledores Reaktion, sondern besah sich Potter Gesicht. Potter drückte seine Augen zusammen und zuckte zusammen, als er den scharfen Atemzug des Schulleiters hörte.
Es gab eine lange, schreckliche Pause. Dann sagte Dumbledore leise, seine Stimme zitterte ein bisschen: „Wie bist du dazu gekommen, Harry?"
„Ich… ich bin gefallen–"
Bevor dies Snape wütend widerlegen konnte, kam ihm Dumbledore zuvor.
„Harry." Durch die Qual in der Stimme seines Mentors drehte sich Snape zu ihm und sah ihn an. Dumbledore stand hinter seinem Stuhl, die Lehne mit beiden Händen so fest geklammert, dass seine Fingerknöchel weiß hervortraten. Er was so viel Trauer, Schuld und Wut in seinem weißen Gesicht, dass Snape froh war, dass Potter in die andere Richtung sah und dies nicht sehen konnte.
Als der alte Mann wieder sprach, war seine Stimme ruhiger, sogar behutsam.
„Harry. Es ist nur zu offensichtlich, dass diese Male von einem…einem Gürtel stammen." Seine Worte brachen ein bisschen beim vorletzten Wort.
Potter wirbelte unverzüglich herum, sein Mund tätig und seine Augen aufblitzend.
„Warum fragen Sie nicht ihn, was passiert ist!" weinte er wütend und schleuderte seinen Arm in Richtung Snape. Er blickte wild umher, seine Augen überall, nur nicht auf den zwei Männern, die mit ihm im Raum waren, bemerkte Snape.
„Das ist alles seine Schuld", machte Potter erbittert weiter. „Wäre er nicht herumgehangen, hätte mich nicht ausspioniert, und nicht vorgegeben, eine Fledermaus zu sein, wäre das alles nicht passiert…Ich habe ihn vor meinem dummen Cousin beschützt!"
Snape wusste, dass die Nerven des Jungen überreizt waren, aber er kam nicht umhin, sich deswegen verletzt zu fühlen. Und wie so oft, drückten sich seine Emotionen in Spott aus.
„Ist das wahr?" spöttelte er herablassend. „Nehmen wir an, ich hätte es nötig, Schutz von einem unqualifizierten Zauberer zu suchen, dann wäre ich tatsächlich die unabsichtliche Ursache der heutigen Episode von der Dursley-Familienidylle, aber was ist mit den Prügeln von gestern, Potter? Dein lieber Onkel hatte von meinem Aufenthalt im Haus noch nicht einmal gewusst! Und da sind die ganzen Beulen und Flecken, die ich über die letzten paar Wochen zu sehen bekommen habe und die täglichen Beleidigungen und endlosen Hausarbeiten noch gar nicht einberechnet."
Albus weiße Gesichtsfarbe wechselte zu grau.
„Die Prügel von gestern?" flüsterte er und Snape wünschte sich plötzlich, dass er seine Zunge im Zaum gehalten hätte.
Der Streit schien alles aus Potter herausgeholt zu haben und er starrte wieder auf den Boden.
„Das war anders", murmelte der Junge. „Die habe ich verdient."
Jetzt waren sowohl Dumbledore als auch Snape leise.
„Was hast du gesagt?" flüsterte Dumbledore heiser.
Potter hob seinen Kopf, blickte aber immer noch nicht in die Augen Dumbledores.
„Ich…ich war frech zu ihm", versuchte der Junge zu erklären. Er hielt inne. Schluckte schwer. „Ich hatte es verdient."
„Glaubst du das wirklich, Harry?" Dumbledores Stimme war so traurig, dass Snape es in seinem eigenen Hals spüren konnte.
Potters Augen füllten sich mit Tränen, aber er blinzelte sie erbittert zurück.
„Es ist auch keine große Sache", murmelte er mürrisch, sein Blick sank wieder auf den Boden.
„Keine große Sache?" wiederholte Dumbledore. Er kam hinter seinem Tisch hervor und ging auf Harry zu, stoppte aber, seine Hände hingen hilflos an den Seiten, als der Junge zurückzuckte.
„Nein, ist es nicht! Ich meine – Onkel Vernon ist nichts gegen Voldemort, richtig? Und sein Gürtel ist nichts gegen den Crutiatus-Fluch. Das ist der Grund, warum Sie dachten, dass es für mich dort besser wäre, richtig? Dass es schlimm ist, aber es ist es wert, wenn ich nur sicher bin? Richtig?"
Snape dachte an seinen eigenen Vater und schloss seine Augen.
„Oh Harry", Dumbledore zog sich wieder hinter seinen Tisch zurück, um den Jungen Raum zu geben. Oder vielleicht, um sich einen Moment zu geben, sich wieder zu sammeln. „Nein. Ich würde niemals eine solche Entscheidung treffen. Ich hätte dich selbst aufgezogen, wenn ich gedacht hätte, dass –"
Potter erhob wütende, verzweifelte Augen in das betagte Gesicht Dumbledores.
„Was wollen Sie sagen, Professor? Dass Sie nichts wussten? Natürlich wussten Sie es! Sie müssen es gewusst haben!" Seine Stimme war bitter, aber Snape dachte, dass auch etwas Verzweifeltes darin lag…also ob Potter es nicht aushalten konnte, dass Dumbledore, sein Idol, der allwissend sein sollte, wirklich nichts von all dem gewusst hatte.
Mit einem Ruck realisierte Snape, dass für Potter das harte Leben bei den Dursleys immer noch das Richtige gewesen sein, weil Dumbledore selbst ihn dorthin gesteckt hatte und gesagt hatte, dass es das Richtige wäre.
Wenn andererseits Dumbledore nichts von den Misshandlungen wusste…dann würde alles, was Potter unter der Hand seines Onkels gelitten hatte, nichts bedeuten.
Potter selbst bestätigte seine Annahme.
„Sie haben mit es selbst gesagt, Professor", sagte der Junge bittend, als er einen Schritt auf den alten Mann zuging, „am Ende des letzten Jahres. Sie sagten, dass Sie wussten, dass die Dinge dort für mich hart waren, aber dass ich wenigstens sicher wäre. Sie sagten, dass es Sie schmerzen würde, aber Sie froh wären, dass Sie wussten, dass ich sicher war und dass Sie froh waren, dass ich kein verzogener Prinz war."
Dumbledore, für Snape plötzlich älter, als er es jemals vorher war, ließ sich in seinen Stuhl sinken, als ob seine Beine ihn nicht länger halten konnten.
„Harry…Harry, du musst wissen, dass ich niemals, niemals jemanden erlauben würde, dir weh zu tun, wenn ich es verhindern kann", erzählte er dem Jungen ernst. Seine blauen Augen waren feucht. „Ich wusste, zu meinem Schmerzen und Bedauern, dass dich deine Verwandten unfreundlich behandelten, lieblos, sogar hart, wenn es um die Hausarbeiten ging und, ich vermute, wenn ich dich jeden September so angesehen habe, auch wenn es um Essen ging…aber dass sie jemals, aus Angst vor der Magie und vor mir, es wagen würden, ihre Hand gegen dich zu erheben…" er schüttelte seinen Kopf. „Wenigstens…das mindeste, Harry, das ich hätte tun können, wäre einen Zauber auf dich zu legen, dem deinen Onkel daran hindert, gegen dich Gewalt anzuwenden. Wenn du nur zu mir gekommen wärst –"
„Albus", sagte Snape warnend, aber Potter preschte schon vorwärts.
„Also ist es mein eigener Fehler, oder?" weinte der ernüchternde Junge. „Wie Sirius…ich merke nicht, dass irgendwer mir mit Sachen vertraut, aber ich soll den anderen vertrauen…" er brach plötzlich ab und presste seine Fingerknöchel auf seine Augen.
„All die Sachen, die Sie gesagt haben", machte Potter mit einer tiefen Stimme weiter, „darüber, dass Sie sich um mich sorgen…dass Sie stolz auf mich sind. Das ist nicht wirklich wichtig, oder? Was mit mir passiert, wenn ich nur lange genug in ordentlicher Verfassung bin, am Ende Voldemort zu besiegen."
„Die Entscheidungen, die ich bezüglich deines Wohls getroffen haben…waren schwierig", sagte Dumbledore, zwang die Worte mit höchster Anstrengung heraus. „ Es scheint so, je härter ich versuche, dir Schmerz zu ersparen, desto mehr Schmerz verursache ich. Ich schwöre dir, ich dachte nicht, dass jemals so etwas möglich gewesen wäre. Es ist wahr, dass ich nicht so genau hingesehen habe, als ich es offensichtlich hätte tun sollen, mit deinem Leben bei der verbliebenen Familie deiner Mutter…vielleicht fürchtete ich, was ich sehen würde…"
„Sie haben niemals nachgesehen? Ich schätze, Hermine lag dann falsch", plapperte der Junge bitter heraus. „Es war tatsächlich niemals ich, um den Sie besorgt waren. Alles, um was sie besorgt waren, ist das!" Das letzte Wort war ein unterdrückter Schrei, und er schlug die Narbe auf seiner Stirn mit seinem Handballen.
Wenn Snape diese Worte wie einen Tritt in den Magen wahrnehmen konnte, wie musste sich erst Dumbledore fühlen? Das Gesicht des alten Mannes war kreidebleich und seine Augen mit Tränen gefüllt.
„Das ist nicht wahr", sagte er schwer. „Nein, das ist überhaupt nicht wahr. Aber… ich kann sehen, warum du es glauben würdest. Ja, ich kann es sehen. Viel zu gut. Ich habe dich tatsächlich im Stich gelassen…jämmerlich."
Und damit verbarg der Schulleiter sein Gesicht in seinen Händen und drehte sich weg. Potter beobachtete ihn für einen Moment teilnahmslos, eine Augen hart. Er schüttelte langsam seinen Kopf, drehte sich dann auf dem Absatz um und lief in Richtung Tür.
Ein Teil von Snape wollte den Jungen stoppen. Er war hin und her gerissen ihn grob zu schütteln und ihm zu sagen, er solle kein Idiot sein, und davon, ihn sanft zu drängen, geduldig zu sein und Dumbledore zuzuhören – dass der Mann sich innerlich zerriss, mehr als sich der Junge jemals vorstellen könnte.
Aber die emotional aufgeladene Situation war jenseits der Macht von Severus Snape und am Ende tat er nichts. Wie sich herausstellte, brauchte er das auch nicht.
Potter hielt an der Tür inne, seine erhobene Hand berührte den Türgriff noch nicht. Der harte Blick auf seinem Gesicht veränderte sich zu etwas verletztem und passenderen für sein Alter. Langsam drehte er sich um und schaute wieder auf Dumbledore. Scheinbar bemerkte er Snape nicht, als er zögernd das Zimmer durchquerte, bis er genau hinter dem alten Mann stehen blieb.
Genauso schüchtern, wie er es tat, als er zum ersten Mal zu Snape in seiner Fledermausform griff, berührte er leicht die Schulter des alten Zauberers. Dumbledore, der ihn nicht kommen gehört hatte, schrak abrupt auf und drehte sich in seinem Stuhl herum. Der Junge zog nervös seine Hand zurück, als ob er erwarten würde, geschlagen zu werden und für einen Moment starrten sich die beiden schweigend an.
Als Snape später die Szene in seinem Kopf wiederholte, konnte er sich nicht mehr daran erinnern, wer den ersten Schritt machte. Es schien für ihn, dass Dumbledores Arme im genau gleichen Moment nach oben gingen als Potter einen kleinen, verlorenen Schrei äußerte und vorwärts stolperte. Und dann war der Junge auf seinen Knien, sein Gesicht in die Schultern des alten Mannes vergraben und seine Finger hielten die Roben fest, und Albus senkte sein Gesicht zu den dunklen, unordentlichen Haaren des Jungen, eine Hand am Hinterkopf Potters, die andere auf seiner Schulter, sorgfältig darauf bedacht, sogar in diesem Moment seine Verletzungen nicht zu berühren.
Und jetzt, endlich, zucken Potters Schultern und Snape konnte von den gedämpften Klängen erkennen, dass er endlich weinen konnte, zum ersten Mal in Merlin weiß wie vielen Jahren. Und obwohl auf Dumbledores Gesicht Tränen waren, gab er keinen Laut von sich, erlaubte den Jungen sich verzweifelt an seinen Roben festzuhalten und zu weinen, während er ihn hielt.
Nach einem Moment sagte Potter etwas. Mit dem Gesicht gegen Dumbledores Roben gepresst waren die Worte verschwommen, aber Snape dachte, dass sie wie es tut mit leid geklungen haben.
Er schätzte, dass er richtig angenommen hatte, als der alte Zauberer daraufhin murmelte „das ist in Ordnung. Du hast nichts falsch gemacht."
Snape fühlte sich wie ein Eindringling, also schlüpfte er aus dem Büro und zog die Tür sanft hinter sich zu.
Als er durch die dunklen Korridore zu seinen bekannten Kerkern ging, sagte er zu sich selbst, dass er nur erleichtert war, dass Potter in weitaus kompetenteren Händen war, als seine eigenen. Er verweigerte es anzuerkennen, dass ihn eine Welle aus Einsamkeit überkommen hatte, ein Stich aus Neid, der sein Herz durchbohrt hatte, als er auf den alten Mann und den Jungen blickte, die zusammen in dem Raum zusammengekauert waren, nichts anderes außer sich wahrnehmend.
Snape konnte nicht sagen, wen er in diesem Moment mehr beneidete: Dumbledore…oder Potter.
