Mir gehören weder die Charaktere noch die Handlung, ich übersetze nur.
.
.
Es war, als er endlich losgelassen hatte, als ob die Tränen, die er seit Jahren zurückgehalten hatte, alle auf einmal nach vorne strömten: die Tränen, die er nicht um Sirius vergossen hatte, für Cedric, für das, was auf dem Friedhof passiert war, als Voldemort zurückkehrte; sogar für seine Eltern. Nur einmal versuchte er, den Fluss einzudämmen und legte seine Hände auf Dumbledores Arme und fing an, sich zurückzuziehen, aber der alte Mann nahm nur seinen Kopf in seine Hände und zog ihn behutsam zurück auf seine Schulter. Diese Zärtlichkeit löste Harry vollends; er gab den Kampf auf und weinte nur.
Es war so lange her, seit er wirklich geweint hatte, so dass er vergessen hatte, wie schrecklich es sich anfühlte…und auch welch große Erleichterung es war. Er dachte, dass es sich beinahe anfühlte, wie wenn ihn übel wäre…es fühlte sich schrecklich an, sich schlecht zu fühlen, sich dann zu übergeben…aber danach begann man, sich besser zu fühlen. Selbst die Folgen waren ähnlich…er fühlte sich schwach, erschöpft und zittrig.
Für eine Weile, nachdem die Tränen endlich aufgehört hatten zu fließen, blieb er still, lehnte sich gegen Dumbledore und ruhte mit seinem kompletten Gewicht seines Kopfes gegen die zerbrechliche, aber robuste Schulter des alten Mannes. Falls Dumbledore angefangen hätte, seine Haare mit der Hand, die Harrys Hinterkopf umfasste, zu streicheln oder sie in irgendeiner Weise zu bewegen, hätte sich Harry sofort wegbewegt, aber der alte Mann hielt still, sagte nichts, hielt ihn nur leise.
Es war merkwürdig erholsam, dachte Harry. Er versuchte sich, daran zu erinnern, ob sein Vater ihn jemals so gehalten hatte, wenn er weinte, aber er konnte es nicht. Sirius hatte es sicher nicht – es war keine Zeit für so etwas. Mrs. Weasley war das nächste, was er hatte, wenn es darum ging, von einem Erwachsenen gehalten zu werden.
Nach einer Weile, richtete sich Harry auf. Er hob seine Augen unsicher zu Dumbledore. Der Schulleiter gab ihm ein kleines Lächeln und Harry errötete sofort und schaute nach unten. Er fühlte sich plötzlich…beschämt. Schwach.
„Es tut mir leid", murmelte er, errötete dann noch mehr, als er sich daran erinnerte, dass er mit genau diesen Worten herausgeplatzt war, als er weinte. Tatsächlich, dachte er, hatte er sie wahrscheinlich mehrmals gesagt.
Dumbledore nahm behutsam sein Kinn und hob Harrys Kopf so weit hoch, so dass seine Augen auf der gleichen Höhe wie die des Schulleiters waren.
„Mein lieber Junge", sagte der alte Mann liebevoll. „Bitte schäme dich nicht einer ehrlichen Reaktion. Tränen sind, wie das Lachen, der Weg der Seele, unsere tiefsten Gefühle loszulassen – und wenn sie ein Grund für Scham sind, dann habe ich genauso viel Grund, beschämt zu sein, wie du." Er lächelte Harry durch Tränen hindurch an. „Ich nehme an, dass du um Sirius nicht geweint hast."
Harry lächelte kläglich und senkte seine Augen, mit einem kurzen Schütteln seines Kopfes, wieder. Dumbledore runzelte seine Stirn.
„Und für Cedric auch nicht?" frage er mit Besorgnis in seiner Stimme.
Harry schüttelte wieder den Kopf.
„Harry…kannst du dich überhaupt erinnern, wann du das letzte Mal geweint hast?" frage Dumbledore sanft.
Harry dachte mühevoll nach.
„Ich denke…ein paar Jahre, bevor ich nach Hogwarts kam", sagte er zögerlich. „Mein Onkel…also…er hat nicht viel Geduld, mit dem was er ‚jammern' nennt. Er fröstelte und schaute weg.
„Oh, Harry." Dumbledores Stimme war mit Bedauern gespickt…und einer beunruhigender Färbung von Wut, die, Harry bemerkte, nicht gegen ihn gerichtet war. „Also hast du es hinuntergeschluckt, nehme ich an."
Harry nickte stumm.
Dumbledore seufzte, schloss seine Augen. Als er sie einen Moment später wieder öffnete, gab er Harry eine Art von durchdringendem Blick, die er in der Vergangenheit von ihm gewohnt war. Als er sprach, war jedoch seine Stimme sanft.
„Harry, du musst mir erzählen, was passiert ist."
Harrys Magen zog sich sofort zusammen. Er wusste, dass diese Bitte kommen würde – tatsächlich war dies ein Teil des Grundes, warum er fast hinausmarschiert wäre, weil er sich nicht in der Lage fühlte, die Fragen zu beantworten, was die letzten Wochen über passiert ist…oder wie sein Leben abseits der Zauberwelt ist.
Als ob er seine Gedanken lesen würde, sagte Dumbledore: „ich sehe, dass du nicht darüber sprechen willst oder dass du das Gefühl hast, du kannst es nicht. Ich verstehe das. Wir werden über deine Verwandten eingehender zu einem anderen Zeitpunkt sprechen, Harry, in diesem Moment ist es wichtiger, dass wir uns so schnell wie möglich um dich kümmern, deshalb denke ich, dass wir unser Gespräch darauf beschränken, auf was passiert ist, nachdem Professor Snape bei dir zu Hause in Surrey angekommen ist."
Harry seufzte, schloss seine Augen und dachte nach, wie er anfangen sollte.
„Ich arbeitete im Garten, nachdem ich ein paar Tage zuvor im Haus meiner Tante und meinem Onkel angekommen war und ich habe eine verletzte Fledermaus gefunden", begann er langsam.
Und plötzlich kam die ganze Geschichte aus ihm heraus: die wochenlange Fürsorge der Verletzungen der Fledermaus, während er auf jemanden wartete, der ihm von den Dursleys wegholen würde, wie einsam er ohne Hedwig war, die ihm sonst Gesellschaft geleistet hatte…wie er zur Fledermaus sprach, alle seine Geheimnisse erzählte, um sich davon abzulenken, um Sirius zu trauern und von der Sorge um die Prophezeiung.
Dann waren da Dinge, die er nicht in Worte fassen konnte: wie er von der bloßen Anwesenheit Spartacus' in seinem Zimmer getröstet worden war; wie dies ihm ein Gefühl von Sicherheit gab, als ob jemand, der auf seiner Seite war anwesend war; wie gut es sich anfühlte, für etwas verantwortlich zu sein, was ihm wiederum weniger hilflos fühlen ließ…weniger wie eine Schachfigur in einem lebensechten Zauberschachspiel zwischen Voldemort und Dumbledore. Aber als er in Dumbledores Gesicht blickte, dachte Harry, dass er vielleicht diese Dinge nicht unbedingt versuchen muss, auszudrücken…er hatte das Gefühl, dass Dumbledore es schon verstand.
Als er geendet hatte, seufzte der Schulleiter, saß dann für eine Zeit lang still da und starrte auf den Boden zwischen ihnen.
„Danke Harry, dass du so aufrichtig mit mir warst", sagte Dumbledore endlich ohne nach oben zu schauen. „Ich weiß, dass es schwer für dich war."
Harry wartete, aber als der ältere Zauberer nicht spracht, wagte er zu fragen: „Was passiert jetzt mit mir, Sir?" Dumbledore blickte wieder auf.
„Also, ich denke, dass wir dich zuallererst medizinisch versorgen, Harry, und dann ist eine erholsame Nachtruhe angebracht", antwortete der alte Mann lebhafter. „Morgen werden wir mehr reden…tatsächlich war ich gerade dabei, alle Vorkehrungen zu treffen, dich von deinen Verwandten später in dieser Woche abzuholen…aber das werde ich später weiter erklären"
Harrys Neugier war geweckt, aber zwang sie für jetzt zurück. Er erkannte, dass er fast am Ende seiner Kräfte war.
Mit einem Seufzen richtete sich der Schulleiter auf und schaute, die Hände auf seinen Knien, Harry genau an.
„Und jetzt Harry, würde ich gerne Professor Snape dazuholen, und mich um deine Verletzungen kümmern.", sagte er schnell.
„Was? Nein! Professor, könnten wir das nicht einfach vergessen?" frage Harry verzweifelt. Realisierte Dumbledore denn nicht, wie die bloße Anwesenheit Snapes ihn gedemütigt und wütend fühlen ließ? Und er wollte nicht, dass irgendjemand sah, was Onkel Vernon ihm angetan hatte. „Es ist nicht so schlimm…die Male werden verschwinden…"
„Nein, Harry, ich befürchte, dass wir das nicht ‚einfach vergessen' können", sagte Dumbledore ernst. „Ich werde es nicht zulassen, dass du Schmerzen hast, wenn ich es verhindern kann."
„Madam Pomfrey–" begann Harry, aber Dumbledore unterbrach ihn.
„Madam Pomfrey muss mit Sicherheit noch eingeschalten werden", stimmte der ältere Zauberer zu, „aber um die Beteiligung des Ministeriums auf ein Minimum zu reduzieren, denke ich, dass Severus' Heilerfähigkeiten der klügste Weg sind, auch weil er ja schon…involviert ist. Und Harry", fügte er hinzu, „ich habe auch eine Bitte an dich."
Überrascht blickte Harry, der auf den Boden geschaut hatte, fragend zu Dumbledore.
„Ich will, dass du", begann Dumbledore sorgfältig. „versuchst, dass du Severus noch eine Chance geben kannst, um dein Vertrauen und Wohlwollen zu verdienen. Ich weiß, dass das für dich schwierig ist", redete er weiter, als er Harrys offenen Mund sah, um zu protestieren. „Severus ist sehr hart mit dir umgegangen, das bestreite ich nicht. Ich habe früher schon deswegen mit ihm gesprochen."
Dumbledore schwieg, dachte nach. Harry wartete.
„Vielleicht habe ich nicht das Recht, das von dir zu verlangen", sagte Dumbledore langsam. „Vor allem, nachdem ich selbst dein Vertrauen so missbraucht habe. Aber ich bitte darum, weil ich denke, dass es wichtig und nützlich ist. Für euch beide."
Wieder schwieg der alte Mann und wog seine nächsten Worte ab.
„Es gibt so viel, was ich dir nicht sagen kann, Harry", sagte er endlich und schaute dabei Harry direkt in die Augen. „Dinge, die ich um deinetwillen zurückhalten muss und um der Strategie wegen, die ich im Krieg gegen Voldemort einsetze…und wegen Professor Snape selbst. Ich glaube, mit deinem guten Herzen und großzügigen Natur würdest du, wenn du bestimmte Dinge über Professor Snape wissen würdest, in der Lage sein, ihn zu vertrauen. Aber ich kann nicht gegen seine Wünsche angehen, seine Geheimnisse zu verraten, genauso wie ich nicht gegen deine Wünsche verstoße, einige Dinge privat zu halten. Verstehst du das, Harry?"
So sehr er es hasste, das zuzugeben, Harry verstand es. Er nickte widerwillig.
„Du wirst das schwer zu glauben finden", machte Dumbledore zögernd weiter, „aber ich bin sicher, von dem was ich heute zu sehen bekommen habe und von dem, was ich schon weiß – und meine Vermutungen sind im Großen und Ganzen richtig – dass sich Professor Snapes Wahrnehmung in Bezug auf dich, sich über diese vergangenen Wochen geändert hat. Nicht aus dem Grund, wie dich deine Familie behandelt", fügte er schnell hinzu, als sich Harrys Mund straffte, „wenigstens nicht vollständig deswegen – aber wegen der Pflege, die du Spartacus entgegengebracht hast. Etwas Neues könnte da geschaffen worden sein und es könnte gut sein, es naja…wachsen zu lassen.
Harry konnte sich nicht verkneifen zu fragen: „Aber warum, Sir? Warum ist es so wichtig für Sie, dass wir zwei gut miteinander auskommen?"
Der alte Mann hielt für einen langen Moment inne, bevor er antwortete. Als er wieder sprach, war seine Stimmte zögerlicher denn je.
„Harry…ich glaube ganz fest, dass es in Professor Snape…vergrabene Schätze gibt", sagte der alte Mann ernst. „Schätze, die vielleicht durch freundliche und geduldige Goldsucher ans Tageslicht befördert werden können."
Harry starrte ihn an. Er war nicht sicher, dass er das glauben konnte – und selbst wenn es wahr wäre, wäre er sicherlich nicht der Richtige für diese Aufgabe.
„Ich hoffe, Harry, dass du und ich zusammen das schaffen können", sagte Dumbledore versichernd.
Naja, jedenfalls erwartet er nicht, dass ich die ganze Arbeit alleine mache.
Harry dachte für eine lange Zeit nach. Er dachte an Spartacus ruhige, mitfühlende schwarzen Augen, die ihn anblickten, während er sprach. Er dachte an die Tatsache, dass Snape ihn nicht spöttisch angegrinst hatte, nachdem er sich bei den Dursleys verwandelt hatte. Er dachte daran, wie zerstörerisch Snape Rache an den Dursleys verübt hatte, als er es nicht gemusst hatte…geringere Maßnahmen hätten genauso gut gereicht, um seinen Onkel davon abzuhalten, ihm Schmerzen zuzufügen.
„Also gut, Sir", sagte er endlich. „Ich versuche es."
Snape starrte ins Feuer, ein unberührtes Glas Feuerwhisky nahe seiner rechten Hand.
Er machte nur einen Zwischenstopp auf den Weg in seine Quartiere, und zwar zu seinem Vorratsraum, um mehrere Heiltränke, die er in einer Holzkiste mit in seine Räume nahm, zusammenzustellen. Dann duschte er sehr lange, stellte das Wasser so heiß ein, wie er es ertrug. Er fühlte ein verzweifeltes Verlangen, den Druck, den ihm bei den Dursleys aufgebürdet worden war, wegzuwaschen.
Die Dusche half dabei nicht wirklich.
Nachdem er sich gewaschen hatte, wand sich Snape seinen geprellten Rippen und seiner verletzten Schulter zu. Es war nicht viel für ihn zu tun – Potter hatte wirklich eine gute Arbeit verrichtet, für ihn die letzen paar Wochen zu sorgen, mit dem bisschen, was ihm zur Verfügung stand. Und seine Heilung war soweit fortgeschritten, dass es keinen Grund gab, die langfristigen Methoden mit schneller wirkenden Heilmitteln zu ergänzen, die dafür gemacht waren, sofort nach frischen Verletzungen angewendet zu werden. Snape begnügte sich damit, auf seine Schulter eine Salbe aufzutragen, die die Heilung fördern und Narbenbildung verringern sollte und massierte auf seine angeschlagenen Rippen eine Bluterguss-Salbe mit einem leichten Schmerzmittel ein.
Er was nun nach zehn Uhr und obwohl er sowohl mental als auch körperlich von den Geschehnissen des Tages – eigentlich von den Ereignissen des Monats – erschöpft war, zog er sich frische Roben an, und ging anstatt ins Bett in sein Wohnzimmer, setzte sich in seinen Lieblingssessel und benutze seinen Zauberstab, um ein kleines Feuer im Kamin zu entzünden. Kurz überlegte er, einen Hauselfen zu rufen, um ihn Essen bringen zu lassen, aber er gab den Gedanken auf und schenkte sich ein Glas Feuerwhisky ein, das jetzt vernachlässigt am Beistelltisch neben ihm stand.
Letztendlich, zurück in seinen gemütlichen Räumen mit seinen bekannten Dingen um sich, geduscht und seine Verletzungen behandelt, konnte er seine Wachsamkeit nachlassen lassen.
Der Zaubertrankmeister fühlte sich erschöpft. Im Gegensatz zu dem, was alle glaubten, hatte er ein Herz und gerade jetzt fühlte sich dieses spezielle Organ verletzt und schmerzend an, während seine Gedanken verwirrt und voll mit all den Dingen waren, die er über die letzten Wochen gesehen und erfahren hatte.
Es war so leicht gewesen…so lächerlich leicht, den Jungen zu hassen. Potters besondere Ähnlichkeit mit Snapes Jugendfeind griff praktischerweise in den Zusammenhang mit Lily ein und die Brille, die ihre smaragdgrünen Augen undeutlich erschienen ließen, half, den Abstand zu erweitern. Die Entfremdung wurde von der Tatsache weiter ausgebaut, dass Snape diese Augen noch nie anders als mit Wut, Angst, Skepsis oder Trotz angesehen hatten, seit Potters erstem Tag in der Schule, als sie für einen kurzen Moment nur Neugierde ausgesendet hatten. Dieser neugierige, unsicher Blick, bereit, ihn zu vertrauen, hatten Snape unglaublich entnervt und schnell fiel er über den Erstklässler her, so dass er den Blick, ihm, Snape, gegenüber für immer vernichtet hatte.
In diesem Moment hätte er Welten dafür gegeben, die Vergangenheit zu ändern.
Snape versuchte, die bekannten Gefühle von Wut und Anfeindung aufzubringen – das war immerhin Potter, das neugierige, arrogante Balg, der letztes Schuljahr so unverschämt war, in seine Gedanken einzudringen.
Aber selbst als sich diese verdammten Wörter „neugierig" und „arrogant" in seine Gedanken schlichen, so taten es auch Erinnerungen, die so klar waren, dass sich sein Magen zusammenzog – die Erinnerung an Potter, der in einem kleinen Bett mit durchhängenden Federn auf der Seite lag, einer pelzigen, kleinen Kreatur beichtend, dass er es bereute, in die Privatsphäre seines Zaubertrankmeisters eingebrochen zu sein, was eigentlich eine Suche für Antworten war; Potter, mit zusammengekniffenem Gesicht und vor Schmerzen zuckend, als ein Gürtel feurige Striemen auf seinem Rücken hinterließen, aber sich weder traute, sich zu verteidigen noch zu flüchten; Potter, der flüsterte, dass er die Behandlung seines Onkels verdiene; Potter, der ihn an einem Tag mit Lilys Augen, gefüllt mit Vertrauen und Zärtlichkeit ansahen – am nächsten Tag flehend, sein beschämendes Geheimnis nicht zu offenbaren.
Snape wünschte, er könnte die Erinnerungen der letzten paar Wochen aus seinen Gedanken eliminieren. Es war so viel einfacher zu glauben, dass der Junge, den er Lily zuliebe geschworen hatte zu beschützen, nichts von ihr hatte, außer ihren Augen. Jetzt wusste er, dass Lily – ein Teil von ihr zumindest – schon immer dagewesen ist und er sich nie die Zeit genommen hatte, es zu sehen.
Die Frage war: was sollte er jetzt tun?
Er hatte nicht die leiseste Idee. Es gab viele Dinge zu bedenken: seine Position als Spion, sein Ansehen in den Augen der Kinder der Todesser, die Ähnlichkeit des Jungen zu James…er fühlte sich fast dazu geneigt, Potter für das Umwerfen seines langgehegten Glaubens in seine Mängel verantwortlich zu machen. Was für ein Recht hatte der Junge, sich bei diesem Stand der Dinge in Snapes Gedanken und sogar sein Herz zu schlängeln?
Nach jahrelangem Wegscheuchen von Dumbledores sanften (und manchmal nicht so sanften) Versuchen, seinen Irrglauben über den Jungen zu korrigieren, sehnte sich Snape nach der Führung des alten Mannes mehr als je zuvor.
Das Zimmer war sehr still. Das Ticken der Reiseuhr am Kaminsims war das einzige Geräusch. Auf dem Beistelltisch lag ein Zaubertrankmagazin, aber er griff nicht danach – auch nippte er nicht am Whisky.
Lily war in dieser Nacht vorherrschend in seinen Gedanken.
Als plötzlich die Flammen im Kamin grün aufloderten, war er nicht überrascht. Dumbledores Stimme ging vom Feuer aus: „Severus? Würdest du bitte so gut sein, in mein Büro zurückzukommen?"
Er hatte mit Absicht nicht an das gedacht, was oben passierte, aber in irgendeiner Weise hatte er diese Aufforderung erwartet. Schließlich hatte er sich noch nicht bettfertig gemacht oder den Whisky angerührt.
Snape stand auf, nahm die Tränke, die er zusammengestellt hatte und stieg in den Kamin.
Als Snape in das Büro des Schulleiters flohte, stand Dumbledore nahe des Tisches und sah ihn erwartungsvoll an. Potter, immer noch ohne Hemd, saß wieder auf der Kante auf einem der Sessel und schaute keinen der beiden Männer an.
„Severus" fing Dumbledore an, „Harry und ich habe es besprochen und wir denken, dass es eine gute Idee ist, wenn du deine Heilfähigkeiten einsetzt, bevor er sich von Poppy behandeln lässt, um heikle Fragen vermeiden zu können.
Snape verstand sofort: Dumbledore hatte die Absicht, die Situation mit Potters Verwandten selbst zu regeln, ohne dass das Ministerium eingreift. Wenig überraschend – das Vertrauen des Schulleiters war schädlich missbraucht worden; er würde nicht behutsam mit den Dursleys umgehen. Zusätzlich war die Privatsphäre von Potter einzurechnen – und die noch wichtigeren Folgen, die es hätte, wenn der Dunkle Lord Details erfahren würde. Madam Pomfrey würde natürlich dazu verpflichtet sein, die Misshandlungen an die zuständigen Stellen zu melden. Selbst wenn sie nicht vom schon geheilten Potter getäuscht wäre, würde sie gute Gründe haben, den Schulleiter bei seinem Wort zu nehmen und die Situation seinen Händen überlassen. Es schadete nicht, dass der Junge nur ein Jahr davon entfernt war, volljährig zu sein.
Snape hatte keine Klagen. So schwierig es auch werden würde, wollte er Potter selbst heilen, obwohl er seine Beweggründe für diesen Wunsch nicht genauer ansehen wollte.
Mit einem leichten Nicken an Dumbledore gerichtet, ging Snape zu Potter und stellet sich vor ihn. Der Junge schaute zögerlich zu ihm nach oben. Snape war überrascht, keine Feindschaft in seinem Gesicht zu lesen, nur eine zurückgehaltene Besorgnis. Ohne ein Wort zu sprechen, zog Snape seinen Zauberstab hervor und führte einen einfachen Diagnosezauber aus, bevor Potter die Zeit hatte zu zucken.
„Potter hat zwei gebrochene Rippen", merkte Snape an. „Es würde am besten sein, diese Madam Pomfrey zu überlassen, die bessere Heilfähigkeiten als ich besitzt. Um den Rest kann ich mich kümmern, falls du, wie ich denke, kein Bedürfnis hast, sie einen Bericht schreiben zu lassen…woher die Verletzungen stammen?"
„Das würde, so haben Harry und ich entschieden, ein viel besserer Plan sein", stimmte Dumbledore zu.
Snape nickte und sah dann wieder auf Potter hinab. Der Junge blickte ihn besorgt an.
Snape zögerte, versuchte sich zu entscheiden, wie er am besten fortfahren sollte. Endlich sage er: „Warum beginnen wir nicht mit deinem Gesicht, Potter?"
Der Junge schluckte und nickte kurz.
Kurzerhand zog Snape den anderen Sessel vor Potter, setzte sich und durchsuchte seine Zaubertränke für die Bluterguss-Salbe und Murtlap-Essenz. Potter setzte seine Brille ab und hielt still, während Snape, der so sanft wie möglich war, die Salbe auf sein Auge und die Murtlap-Essenz auf die Gürtel-Strieme und auf die aufgeplatzte Lippe auftrug. Als er fertig war, hielt er kurz inne, sagte dann langsam: „es wäre wahrscheinlich am besten, Potter, wenn du dich auf deinen Bauch legst, während ich mich um deinen Rücken kümmere."
Dumbledore trat hervor und mit einem Wink seines Zauberstabes verwandelte er den Sessel, von dem sich Snape erhoben hatte, in einen schmalen gepolsterten Tisch mit einem großen Kissen an einem Ende. Potter beäugte ihn unglücklich.
„Sir" begann er schüchtern, während er von einem Mann zum andern sah, „könnten wir nicht–"
„Nein, Harry, ich fürchte, wir können ganz sicher nicht", sagte Dumbledore freundlich, aber bestimmt.
Als der Junge immer noch zögerte, fügte Snape leise hinzu: „es ist das Mindeste, was Spartacus für dich tun kann, Potter, nach deinen sorgfältigen Behandlungen ihm gegenüber im Laufe der letzen paar Wochen."
Er hatte sich selbst überrascht, als er das sagte und wurde fast augenblicklich rot, aber Dumbledore lächelte ihn anerkennend zu, während Potter ihn mit Erstaunen ansah.
Mit einem tiefen Atemzug kletterte der Junge behutsam auf den Tisch, schnappte sich das Kissen, so dass es längs unter seiner Brust, Kopf und Nacken lag, ein Arm darum geschlungen. Er schaute sowohl ängstlich als auch miserabel aus und Snape konnte es ihm nicht verübeln. Er wusste, wie verletzlich sich der Junge fühlen musste…er selbst wäre beschämt gewesen, hätte jemand seine Verletzungen, die sein Vater ihn zugefügt hatte, als er in Potters Alter war, angesehen.
Dumbledore schien dies auch zu merken, weil er zum Kopfende des Tisches ging und Potters rechte Hand in seine eigene legte. Der Junge lächelte ihn kurz an, drückte seine Hand und schaute dann wieder geradeaus. Snape nahm seine Tränke und ging zum Tisch hinüber, um zu sehen, mit was er zu tun hatte.
Es war der erste wirkliche Blick, den Snape auf den Schaden hatte, die Dursley an seinem Neffen angerichtet hatte. Vom Nacken bis zur Taille war Potters Rücken mit dunklen Flecken, geschwollenen Striemen und Furchen übersäht, die von der stählernen Gürtelschnalle hinterlassen worden waren. Er konnte es nicht begreifen, wie der Junge es geschafft hatte, bei dieser Bestrafung leise zu bleiben und Snape fühlte, wie sein Herz voller Empörung und Mitleid anschwoll. Er sah hinüber und sah, dass Dumbledore bleich geworden war und zitterte. Die zwei älteren Zauberer tauschten mörderische Blicke aus, die, demjenigen, der das getan hatte, Strafe versprachen.
Auf dem Kissen lag Potter mit dem Gesicht zur Seite gewandt und blickte mit grünen Augen besorgt in Snapes Gesicht. Snape räusperte sich.
„Ich befürchte…dass das etwas schmerzhaft sein wird, Potter." Snape war erstaunt, ein Zittern in seiner Stimme wahrzunehmen.
Potter nickte einmal und bewegte seine Augen wieder zurück zur Wand. Snape langte zum Desinfektionsmittel. Die verletzte Haut war ein Risiko für Infektionen und musste als erstes behandelt werden.
Der junge Gryffindor zischte vor Schmerzen auf, als Snape begann, das Mittel aufzutragen. Snape sah, dass sich seine Finger über Dumbledores zusammenzogen, dann drehte der Junge sein Gesicht ins Kissen. Er gab kein Geräusch von sich, aber seine gespannten Muskeln zitterten unter Snapes Händen.
Snape schaffte es, seine Hände ruhig zu halten, aber es war äußerst knapp. Er fühlte sich fast so, als ob er das feurige Stechen auf sich selbst auftrug. Er wünschte, er könnte.
Dumbledore sah gepeinigt aus. Nach ein paar Momenten, in denen er Potter seine Hand drücken ließ, lehnte sich der alte Zauberer plötzlich nach vorne und murmelte einen Zauberspruch in einer für Snape unbekannten Sprache in das Ohr des Jungen. Zu Snapes Erstaunen entspannten sich die Muskeln des Jungen, sein Kopf rollte auf die Seite, seine grünen Augen schlossen sich und Potters Atmung vertiefte sich. Snape pausierte.
„Was war das für ein Spruch?", frage er neugierig.
Dumbledore schaute selbst überrascht. „Lediglich ein einfacher Entspannungszauber…er war nicht dazu bestimmt, ihn einschlafen zu lassen." Sein Gesicht wurde traurig. „Ich denke, dass er so voller Schmerzen, Müdigkeit und Emotion geladen war, dass nicht viel fehlte, ihn auszuknocken."
„Genauso gut", bemerkte Snape, während er weiter arbeitete. „Es wäre nur schmerzhaft für ihn geworden und jetzt wenn er aufwacht, wird das Schlimmste vorüber sein."
Ein paar Minuten lang arbeitete er in Stille. Dumbledore blieb in der Nähe, hielt die schlaffen Finger Potters in seinen eigenen.
„Severus", sagte der alte Zauberer mit einer tiefen Stimme. „Hat…dies…den Anschein, dass es sich um ein häufiges Ereignis handelte?"
Snape zögerte, sagte dann langsam: „Ich befürchte ja, Schulleiter. Ich sah zwar, außer ein paar Vorkommnissen nichts direkt, sah aber deren Folgen. Und ich war bei dem anwesend, wo du hier die Beweise dafür siehst." Er hielt inne, fügte dann hinzu: „Auch…haben die Reaktionen des Jungen gezeigt, dass er eine lange Vertrautheit mit solchen Behandlungen hatte."
Snape blickte nicht auf, als er einen sanften Laut von Trauer von Dumbledore hörte, er wollte den Schmerz im Gesicht des alten Mannes nicht sehen. Als der ältere Zauberer wieder sprach, was seine Stimme allerdings wieder beherrscht, fast sachlich.
„Und du, Severus? Wie bist du verletzt worden? Harry hat mir deine Wunden beschrieben."
Als Snape die Geschichte von MacNair und Bellatrix in Surrey erzählte, wurde Dumbledore allerdings sehr ernst.
„Das ist sehr unheilvoll", sagte der alte Mann. Er schaute beunruhigt aus. „Du sagtest, sie haben nicht versucht, Harry auf seinem Botengang abzufangen?"
„Nein, Schulleiter", antwortete Snape. „Hätten sie das getan, oder sonst irgendein Anzeichen zum Überfall gezeigt, hätte ich sofort eingegriffen. Wie es aussieht war das eher eine…Überwachungstätigkeit."
Dumbledore runzelte die Stirn. „Höchst…suggestiv. Wir hatten Glück, dass Voldemort nicht versucht hat, dich zu rufen, während du in Harrys Zuhause warst."
„Allerdings." Snape war selbst zutiefst erleichtert, aber, genau wie Dumbledore, beunruhigt. Welchen Plan auch immer der Dunkle Lord ausgestaltete, er hatte ihn noch nicht den ansässigen Spion des Ordens verraten.
Dumbledore grübelte über diese Information versonnen nach, gab dann seinem Kopf einen leichten Schüttler.
„Es war ein langer Tag, Severus und wir besehen uns dies am besten morgen mit frischen Gemütern…besonders du, mein Junge", fügte er hinzu, während er seinen Zaubertrankmeister scharf ansah. „Du erholst dich ziemlich gut, hoffe ich?"
„Ja, Potter hat eine bewundernswerte Arbeit mit meiner Schulter geleistet, muss ich zugeben."
Dumbledore lächelte bei dieser Information.
„Siehst du, Severus? Habe ich dir nicht gesagt, dass du versuchen sollst, Harry als ihn selbst zu sehen und nicht als seinen Vater?"
„Er hat es nicht für mich getan, Schulleiter. Er hat es für Spartacus getan." Sobald diese Worte seinen Mund verlassen hatten, wünsche Snape, er hätte seine Zunge im Zaum gehalten. Selbst er konnte das Bedauern hinter der Verbitterung in seinem Tonfall hören.
Dumbledore aber lachte nicht, schaute stattdessen nachdenklich.
„Severus", sagte er nach einer Pause. „Ich weiß seit langem, dass Harry eine außergewöhnliche Seele ist. Seine Kapazität zu lieben ist nur vergleichbar mit derer, zu vergeben." Der Schulleiter lächelte ein wenig wehmütig, vielleicht dachte er daran, wie vollkommen der Junge ihm seine Unzulänglichkeiten an diesem Abend vergeben hatte.
Severus brauchte einen Moment zu realisieren, was Dumbledore gesagt hat. Als er es tat, fand er sich zu müde, um entrüstet zu sein. Er pausierte in seiner Fürsorge für Potters Verletzungen und dachte hart nach.
„Ich kann mich nicht ändern, Albus", sagte er letztendlich, „nicht wirklich."
Dumbledore hielt immer noch Potters schlaffe Hand in seiner rechten; er langte hinüber, um Snapes Handgelenk in seine linke Hand zu nehmen, so dass die drei verbunden waren.
„Mein lieber Junge", sagte der ältere Zauberer sanft, „du hast dich bereits in den Gewohnheiten geändert, die zählen."
Snape fühlte, wie sich sein Hals verdickte und schaute schnell weg.
Dumbledore entschied, dass er für diese Nacht genug Saat gesät hatte. „Bist du bald fertig?" fragte er.
„Ich bin durchaus fertig", antwortete Snape, der seine Hände mit einem sauberen Waschlappen abwischte. Potters Wunden waren geschlossen, die Striemen waren weg und die blauen Flecken sahen aus, als wären sie einige Tage alt. In ein paar Tagen würden sie komplett verschwunden sein. Snape dachte bitter, dass es gut wäre, wenn die Narben, die auf seiner Seele waren, genauso schnell verschwinden könnten.
„Exzellent", sagte Dumbledore schnell. „Ich schlage vor, dass wir Harry in Poppys Fürsorge übergeben und uns zur Ruhe begeben. Die Schwierigkeiten, die vor uns liegen, können bis morgen Nachmittag warten…morgen früh werde ich Surrey einen Besuch abstatten", fügte er hinzu, seine blauen Augen wurden wie Späne aus Eis.
Snape betrachtete ihn mit Besorgnis. Ein wütender Dumbledore war ein unvergesslicher Anblick, das wusste er aus Erfahrung. Aber der alte Mann sammelte sich sichtbar und wandte sich dem Jungen zu, langte zu seiner Schulter, um ihn sanft wach zu rütteln.
„Nicht nötig", sagte Snape und schlang einen Arm unter Potters Brust, drehte den jungen Zauberer herum und zog ihn in seine Arme. Potter war so weit weggetreten, dass er nur ein wenig murmelte und seinen Kopf seitwärts an Snapes Schulter fallen ließ.
Es war etwas Selbstverständliches, doch als Snape realisierte, was er getan hatte, erstarrte er, hielt Potter unbeholfen in seinen Armen und blickte Dumbledore wagemutig an, etwas zu sagen.
Aber Dumbledore lächelte nur und kommentierte leicht: „er ist ein bisschen groß, um getragen zu werden."
„Er wiegt gar nichts", knurrte Snape, fühlte dann aber einen Stich von Schuld, als das Lächeln des Schulleiters nachließ.
„Albus…du hast es nicht gewusst."
„Nein, habe ich nicht", sagte Dumbledore müde. „Aber ich hätte es sollen."
Der Schulleiter rieb sich unter seinen halbmondförmigen Gläsern die Augen, seufzte und sagte: „Komm…lass und Poppy alarmieren, dass sie einen Patienten hat."
