A/N: Diese Geschichte ist sicher weniger bekannt, daher möchte ich sie meinen Lesern umso eindringlicher ans Herz legen. Sie ist dem Buch „Die andere Seite der Realität" der wunderbaren A.P. Glonn (attack09) nachempfunden. Es ist eine Geschichte, die mehr als viele andere, mein Gefühl beschreibt, auf der anderen Seite der Realität gefangen zu sein.

Also, atty, das hier ist für dich. Und, und, und … ich möchte ein Review. Sonst schmolle ich bis Weihnachten. Und das willst du nicht wirklich.


Sternzeit: Tag X + 3 Jahre

Eintrag: Aspen, Seth: Second Class Inspector, Metropolitan Police, London

Sie werden den Geschehnissen keinen Glauben schenken, und doch halte ich es für meine Pflicht, Sie davon zu unterrichten. Ich bin mit meiner Kraft am Ende und ich hoffe, dass diese meine Aufzeichnungen helfen werden, den Kampf gegen Jack The Ripper fortzusetzen, sollte ich demnächst das Zeitliche segnen.

Vor ziemlich genau drei Jahren bin ich Jack The Ripper durch halb Whitechapel gefolgt, über den großen Teich und auch darüber hinaus, weit darüber hinaus: bis zur anderen Seite der Realität.

Heute bin ich nicht mehr sicher, ob das eine gute Idee war. Ich dachte, ich brauche die Herausforderung eines Serienmörders. Doch die bestialischen Morde waren nur der Anfang. Ich habe mich auf eine Sache eingelassen, die mehrere Nummer zu groß für mich allein ist.

Aber noch einmal zu der einen Stelle, die alles verändert hat, und die mit meinen kargen sprachlichen Mitteln nur schwer begreiflich zu machen ist: Bei hellerlichtem Tage bin ich dem Scharlatan Tumblety gefolgt, um ihn zu stellen. Schon damals spürte ich, dass mit diesem Mann etwas nicht stimmen konnte. Doch ich hörte nicht auf meine Instinkte.

Tumblety lockte mich in eine Art Treibsand, der mich nach und nach ganz verschluckte. Ich war sicher, mein letztes Stündlein hätte geschlagen, doch von einem Moment auf den anderen war ich von Wasser umgeben. Ich kämpfte mich mit letzter Kraft an die Oberfläche und musste feststellen, dass es Nacht war. Es war ein nahezu unglaublicher Vorgang, doch verwandte ich meine letzte Kraft darauf, ans Ufer zu gelangen, und hatte keine Zeit, mich über diesen Fakt zu wundern.

Entkräftet brach ich am Ufer zusammen. Tumblety suchte mich auf. Nein, er suchte mich heim. Vor meinen Augen wandelte er seine Gestalt und ich sah, dass es Jack The Ripper war. Ich sehe sein höhnisches Lächeln immer noch vor mir, als wäre es gestern gewesen. Er schimpfte mich einen Glengall – ein Mann dem jeder Funken Magie abgeht. Ich muss gestehen, ich habe keine Ahnung von Magie, Tumblety hatte Recht. Und bis zu jenem Zeitpunkt hätte ich wohl jedem, der an die Macht der Magie glaubt, einen Tölpel geschimpft.

Doch nun bin ich hier. Seit drei Jahren lebe ich auf der anderen Seite der Realität. Ruhelos habe ich diese Welt durchstreift, auf der Suche nach anderen Menschen. Ich habe verlassene Dörfer gefunden, verlassene Städte, gar ein ganzes Schloss. Keine Menschenseele weit und breit. Eine Zeitlang habe ich mich in einer gemütlichen Hütte niedergelassen, die ich auf meinen Streifzügen im Wald entdeckt hatte. Von den Bewohnern war keine Spur zu finden, doch die heimelige Atmosphäre dieser bescheidenen Behausung tat einiges dazu, meine angeschlagenen Nerven zu beruhigen.

Aber ich wusste, dass dies keine Lösung auf Dauer sein würde. Jack The Ripper ist irgendwo da draußen, und ich spüre wie seine Macht von Tag zu Tag stärker wird. Ich habe ihn seit jenem Tag meines Eintreffens auf der anderen Seite der Realität nicht wieder gesehen, aber er wohnt in meinen Gedanken und sieht mir dabei zu, wie ich langsam an dieser Einsamkeit zu Grunde gehe.

Dies ist wahrlich eine grausame Art zu verrecken, aber ich wäre nicht Seth Aspen, wenn ich jetzt schon aufgeben würde. Und ich muss gestehen, dass ich neue Freunde gefunden habe:

Etwas mehr als ein Jahr nach meiner Ankunft war ich mitten im tiefsten Winter auf einem meiner Streifzüge in einen Bach gefallen. Ich konnte mich trotz der reißenden Strömung ans Ufer retten, doch war ich meilenweit von meiner Unterkunft entfernt und hatte keine Möglichkeit, mir trockene Kleidung zu beschaffen.

Plötzlich nahm ich eine Bewegung aus den Augenwinkeln heraus wahr. Ein Wolf war lautlos neben mir aufgetaucht, ein großer, atmender, lebender Wolf, mit einem Fell von der Farbe frisch gefallenen Schnees, und Augen … nun ja, ich bemerke, dass ich abschweife. Die hoch gezogenen Lefzen, die gekräuselte Nase, die gezeigten Zähne und das dumpfe Knurren, zeigten mir, dass jede falsche Bewegung mein Ende bedeuten konnte. Ich möchte den langen Prozess der Annäherung an dieser Stelle nicht im Detail beschreiben, denn sie würden nichts zum Inhalt meines Berichtes beitragen, aber man kann zumindest erkennen, dass ich diese brenzlige Situation offensichtlich überlebt habe.

Doch mehr noch, der Wolf und sein ganzes Rudel haben mich aufgenommen. In jenem Moment, als ich mein Zittern nicht mehr länger unterdrücken konnte, nahm sich der erste Wolf – der Anführer des Rudels war – meiner an und tat etwas Seltsames. Der Alpha drückte seinen großen Kopf gegen mein Bein, stupste ihn mit der Schnauze an, immer wieder, bis ich endlich begriff. Der Wolf wollte mir helfen. Das ganze Rudel schloss im Halbkreis auf, kam immer dichter, bis ich ihre Wärme spüren konnte. Ich tat das Undenkbare. Langsam streckte ich meine Hand aus, und als sie nicht sofort abgebissen wurde, strich ich behutsam durch das dichte, weiße Fell des Alphatieres. Als hätte ich endlich getan, was der Wolf von mir wollte, ließ er von mir ab und lud mich förmlich ein, mich an ihm zu wärmen.

Das Rudel hat mir das Leben gerettet und seit jenem Tag hege ich ein tiefes Gefühl der Verbundenheit für diese wunderbaren Tiere, von denen jedes eine ganz eigene Persönlichkeit besitzt. Ich kann berichten, dass ihre Gemeinschaft das Letzte ist, was mich in diesen Zeiten nicht aufgeben lässt. Und manchmal tue ich Sachen, die Baker die Tränen vor Lachen in die Augen treiben würde. Ja, ich gestehe: Ich, Seth Aspen, habe in meinem Rudel mit dem Wind geheult, so laut und voller Inbrunst, dass mir die Lungen wehtaten. Ich habe vor Schmerz lachen müssen, und die Vorstellung, dass irgendjemand auf der richtigen Seite des Lebens mein Geheule hören würde, gab mir vor allem eines … Hoffnung.

Dew und Harris – was vermisse ich diese zwei Deppen. Chief Inspector West, Abberline … Chandler … egal. Ich, der mit Menschen selten klar kommt, vermisse einen jeden von ihnen. Und Baker, John W. Baker. Ich brauche dich, mehr als jemals zuvor.

Ich werde diese Nachricht in einer gut verschlossenen Flasche in eben jenem See versenken, in dem ich das erste Mal aufgetaucht bin. Ich hoffe inständig, dass sie den Weg auf die andere Seite der Realität findet und von einem Menschen mit einem Mindestmaß an Intelligenz gefunden wird. Was dann geschehen wird, mag ich mir nicht ausmalen. Denn wer sollte nicht – im Angesicht dieser völlig unglaublichen Begebenheiten – meinen Verstand anzweifeln. Deshalb kann ich den Finder nur bitten, meine Aufzeichnungen an John W. Baker, wohnhaft in London, zu überbringen.

Baker! John! Wenn du diese Zeilen liest, bitte glaube an mich! Ich brauche deine Hilfe! Du weißt, welche völlig abstrusen Erlebnisse mir schon widerfahren sind. Ich weiß, dass diese Geschichte alles übertrifft, was du an abstrusen Geschichten von mir hinnehmen musstest. Aber, John, du kennst meinen analytischen Verstand. Und dir ist bewusst, dass es mir völlig an jener Art von Phantasie mangelt, um mir solch eine Geschichte auszudenken. Bitte, finde mich und organisiere Verstärkung! Das Schicksal der Welt hängt davon ab, dass du mir glaubst!

S. A.