Sternzeit: Ich weigere mich, weiter über Sterne nachzudenken. Dazu ist mir meine Zeit zu schade.

Eintrag: Der, der immer Schuld hat

Werter Herr Platon,

ich bin immer wieder positiv überrascht, wenn ich eine Antwort auf meine Briefe von Ihnen erhalte. Natürlich kann ich nicht sagen, ob Sie heutzutage noch viele Zuschriften bekommen, aber Ihre wohl durchdachten Fragen bestärken mich in dem Gefühl, dass Sie ein gewisses Interesse an meinen Berichten zeigen.

Wobei mir nicht entgangen ist, dass Sie keine einzige Frage zu meiner Feuergeschichte gestellt haben. Muss ich mich wohl oder übel damit abfinden, dass große Philosophen, wie Sie es einer sind, mit solchen Geschichten nicht viel anfangen können?

Nun, ich hätte mich abfinden können, aber Ihr offensichtliches Desinteresse hat meinen Ehrgeiz angestachelt. Ich habe lange über meine Geschichte nachgedacht und bin zu der Einsicht gekommen, dass eine Feuergeschichte vielleicht doch nicht der rechte Rahmen für meine ernsthafteren Überlegungen sei. Deshalb entschloss ich mich gestern nach dem Abendbrot stattdessen eine Geschichte von Feuer und Eis zu schreiben. Wie alle Geschichten dieser Art wird es um den Kampf von Gut gegen Böse gehen. Allerdings will ich es meinen Lesern nicht allzu leicht machen. Sollen sie doch selbst herausfinden, wer die Helden und die Antihelden der Geschichte sind. Ich will es ihnen nicht verraten.

Ich bin selbst noch etwas mitgenommen, wenn ich an die Größe meines Vorhabens denke, aber – was Sie vielleicht nicht wissen – Rom wurde auch nicht an einem Tag erbaut. Ob ich nun Monate oder Jahre brauche, um die Geschichte zu beenden, ist mir vollkommen gleich.

Nun aber zu Ihren Fragen. Sie haben völlig richtig erkannt, dass es zuweilen etwas lästig sein kann, den ganzen Tag entweder nur nach links oder nur nach rechts zu blicken. Mit Ihrem brillanten Geiste haben Sie auch gleich das größte Problem an diesem Verhalten ausgemacht. Sobald diese Menschen auf ein Hindernis stoßen, sind sie völlig verwirrt. Einige besonders helle Köpfe schaffen es dann, sich eine paar Schritte seitwärts zu bewegen, aber es dauert meist nicht lang, bevor sie über ihre eigenen Beine stolpern und auf die Nase fallen. Besonders zu bedauern sind diejenigen Menschen, die bereits eine Höhlenwand erreicht haben und immer wieder verbissen gegen diese anrennen. Das geht oft Wochen, ja gar Monate so, bis sie völlig niedergeschlagen und ohne Hoffnung von ihrem Tun ablassen und ganz, ganz vorsichtig rückwärts laufen. Man braucht in der Tat nicht lange darauf zu warten, bis auch diese Tölpel der Länge nach hinschlagen.

Ich mag mich nicht allzu offensichtlich über diese Menschen lustig machen, auch ich habe schon Bekanntschaft mit dem harten Boden der Realität machen müssen.

Sie fragen, ob es auch Menschen gibt, die nach vorn schauen. Nach vorn, auf die große Felswand mit den Schattengeschichten. Nun, ich wünschte, ich könnte etwas anderes behaupten, aber natürlich gibt es noch Menschen, die Liebhaber der uralten Geschichten sind. Auch wenn ich selbst gestehen muss, dass ich sie ziemlich öde finde. Hat sich doch seit vielen Jahrhunderten an der großen Felswand nichts mehr getan.

Ich vermute, ganz unter uns gesagt, dass die Liebhaber der Schattengeschichten sich Streichhölzer in die Augen stecken, damit ihnen die Lider beim Zuschauen nicht zuklappen. Sonst würde doch niemand diese Tortur durchstehen, ohne dabei einzuschlafen.

Sie haben auch gefragt, ob es Menschen gibt, die nach hinten schauen. Ich muss gestehen, ich verstehe Ihre Frage nicht ganz. Wo soll dieses „hinten" sein? Es gibt hier nur rechts, links, vorn, oben und unten. So ist es schon immer gewesen und wenn es anders wäre, hätte es sicher längst jemand bemerkt.

Ich habe natürlich Ihre Höhlenskizze noch vor meinem geistigen Auge und mir ist klar, dass Sie meinen, dass eine solche Richtung existieren müsste. Ihr Herren Philosophen habt doch immer wieder die komischsten Gedanken! Mit Verlaub, lieber Herr Platon, wir normalen Menschen haben uns an diesen abgehobenen Unsinn der Philosopherei mittlerweile gewöhnt und schenken ihm nur wenig Beachtung.

Auch von einem „Befreier" ist weit und breit nichts zu sehen. Mir ist schon klar geworden, dass Sie auf eine solche Lichtgestalt hoffen, aber wenn Sie meine ehrliche Meinung hören wollen: Kein Mensch muss befreit werden. Es liegt in der Entscheidung eines jeden Einzelnen seine Fesseln abzulegen oder eben nicht.

Und sollte ein Mensch einmal mehr eine geistreiche Idee haben, so wird sich die Idee über kurz oder lang auch durchsetzen. Auf diesem Wege hat sich unsere Welt schon seit Jahr und Tag zum Besseren gewandelt. Zumindest grob durchschnittlich betrachtet. Und mag es auch sein, dass so manches Mal die Zeit für eine besonders verwegene Idee nicht reif war, so muss man in diesem Fall der Welt nur Zeit lassen, um sich an den neuen Gedanken zu gewöhnen.

Und ich kann heute mit Stolz berichten, dass in meinem Teil der Höhle schon lange niemand mehr wegen einer Idee erschlagen wurde.

Mit freundlichsten Grüßen,

Der, der immer Schuld hat