Sternzeit: Nun habe ich doch über die Sterne nachgedacht und ärgere mich darüber. Jetzt noch über die Zeit nachzudenken, würde mir wohl den Verstand rauben.

Eintrag: Der, der immer Schuld hat

Werter Herr Platon,

ich habe Ihnen länger nicht geschrieben, deshalb möchte ich mich hiermit in aller Form bei Ihnen entschuldigen. Allerdings möchte ich es mit der Entschuldigung auch nicht übertreiben, denn ich bin mir ziemlich sicher, dass Sie meine belanglosen Briefe überhaupt nicht vermisst haben.

Nun aber bin ich mit meinem Latein derart am Ende, dass ich mich mit einem Problem an einen alten Griechen wenden möchte. (Das wären dann Sie, wie Sie sich sicher schon gedacht haben.)

Ich habe eine kleine Schwester, die mir sehr am Herzen liegt. So viele Gemeinsamkeiten wir auch haben, so könnten wir unterschiedlicher kaum sein. Dennoch empfinde ich es als großes Glück, unsere Träume und Geschichten teilen zu können, selbst wenn die Kommunikation nicht immer einfach ist.

Nun hat es sich begeben, dass meine Schwester die Schattengeschichten vorn an der Felswand für sich entdeckt hat. Auch wenn ich selbst den Geschichten kaum etwas abgewinnen kann, bemühte ich mich sehr Interesse an ihren Überlegungen zu zeigen. Leider stellte es sich heraus, dass nach einiger Zeit all Ihre Träume und Geschichten nur noch von Schattengeschichten handelten. Selbst ihr Leben schien nach und nach zu einer dieser Geschichten zu werden, und sie selbst zu einem dunklen Schatten.

Eines Tages stellte ich bestürzt fest, dass sie sich mit einer kurzen Kette an einen großen Fels gekettet hatte. Sie wolle ab jetzt nur noch von an die große Felswand schauen, erzählte sie freudig. Und auch, dass sie sich noch nie so frei, so glücklich und auch so über alle Dinge erhaben gefühlt habe.

Mein lieber Herr Platon, ich habe diese kleine Höhlenwelt, in der wir leben, noch nie sonderlich gut verstanden. Doch ab diesem Tage verstand ich sie noch weniger. Wie kann man denn von Freiheit reden, wenn man doch an einen Stein gekettet ist und den Blick kaum noch von der großen Felswand abwenden kann?

Reden ist nun alles, was mir und meiner Schwester geblieben ist. Doch von Tag zu Tag wird es schwerer. Sie kennt nur das eine Thema, doch Ich verstehe nichts von den Schattengeschichten!

Natürlich mein Herr Platon, kann ich mir schon selbst ausmalen, was Sie mir jetzt antworten werden. Wie soll ich auch die Schattengeschichten verstehen, wenn ich sie überhaupt nicht kenne? Ach, ich sehe schon, wohin das Ganze führen wird … wenn ich meine kleine Schwester nicht verlieren will, werde ich wohl oder übel den uralten Geschichten lauschen müssen.

Wenn sie doch nur nicht so öde wären.

Auf mein Gejammer hin wird es wohl kaum eine Antwort geben, doch wie Sie sehen, haben Sie mir bereits geholfen.

So oder so,

mit freundlichen Gruße,

Der, der immer Schuld hat