Im Gegensatz zu Chakotay war die zweite an diesem Abend beteiligte Person begierig darauf, ihre Erlebnisse zu teilen und weiterhin hielt diese Person – ebenfalls im Gegensatz zu Chakotay – den Abend keineswegs für ein komplettes Desaster.

„Unsere Charade scheint zielführend zu sein", teilte Seven of Nine dem Doktor selbstbewusst mit. „Ich bin zuversichtlich, durch mein Verhalten einen Grad der Verärgerung hervorgerufen zu haben, dass Chakotay nicht mehr lange bestrebt sein kann, unsere Beziehung weiterhin aufrecht zu erhalten."

„Wunderbar." Der Doktor rieb sich die Hände. „Ich wusste doch, dass ein gewisses schauspielerisches Talent in Ihnen steckt, Seven."

„In der Tat, ist es interessant diesen Aspekt meiner Persönlich weiterer Betrachtung zu unterziehen", stimmte Seven zu. „Auch wenn ich eine weniger pathetische Rolle bevorzugt hätte. Ich verstehe nicht, warum eine erwachsene Frau nicht in der Lage sein sollte, für einen derart überschaubaren Zeitraum auf Flüssigkeitszufuhr zu verzichten oder, sollte der Bedarf unabwendbar sein, sich zumindest besagte Flüssigkeit selbst zu beschaffen – es sei denn besagte Erwachsene wäre stark verletzt oder erkrankt."

„Demonstrativ zur Schau gestellte weibliche Hilflosigkeit gehört zu den Paarungsritualen vieler Kulturen", erklärte der Doktor. „Damit soll die Fähigkeit des männlichen Gegenübers zur Versorgung seiner Partnerin und der eventuellen Nachkommen auf die Probe gestellt werden."

Seven schüttelte den Kopf. „Ich halte dieses Verfahren für ineffektiv und würdelos. Findet es denn heutzutage noch Anwendung? Ich kann mir nicht vorstellen, dass Lieutenant Torres Lieutenant Paris Eignung als Partner auf diese Weise getestet hat."

„Moderne Frauen nehmen in der Tat immer mehr Abstand von solchen Verhaltensweisen", bestätigte der Doktor. „Gerade deshalb hatten wir es ja auch ausgewählt, es sollte enervierend auf den Commander wirken."

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Besagter Commander fand es an diesem Tag äußerst schwierig sich auf seine Arbeit zu konzentrieren. Die Ereignisse des Vorabends spukten immer wieder in seinem Kopf herum. Und während er gestern hauptsächlich verärgert gewesen war, wurde er nun immer besorgter. Sevens Verhalten war nicht normal. Als B'Elanna sich meldete, nahm er das Gespräch entgegen seines gestrigen Vorsatzes tatsächlich an.

Ernst hörte B'Elanna sich die Schilderungen ihres Freundes an.

„Du hast Recht, das stimmt tatsächlich etwas nicht. Dieses Verhalten ist absolut untypisch für unsere Lieblings-Borg."

„Es war, als ob sie eine komplett andere Person wäre."

„Du solltest mit dem Doktor sprechen, vielleicht gibt es ja wieder mal Probleme mit einem ihrer Implantate."

„Daran hatte ich auch schon gedacht. Ich mache mir ehrlich Sorgen um sie."

B'Elanna nickte. „Vermutlich ist es gut, dass du eure Beziehung doch noch nicht beendet hattest. So hat sie jetzt jemanden, der auf sie aufpasst."

„Heißt das, du ziehst deinen Rat zurück?"

„Vorübergehend. Aber wenn diese Krise vorbei ist, solltet ihr wirklich getrennte Wege gehen", sagte B'Elanna streng. „Was hast du als nächstes vor?"

„Ich werde sie heute Abend zu mir zum Essen einladen. Ich könnte mir vorstellen, dass eine ruhige und entspannte Atmosphäre ohne große Ablenkungen ihr gut tun wird. Vielleicht können wir auch in Ruhe miteinander reden und sie sagt mir, was los ist."

„Gute Idee", gab B'Elanna ihre gnädige Zustimmung. „Lass mich wissen, wie es gelaufen ist."

Bevor Chakotay den Doktor oder Seven kontaktieren konnte, teilte ihm sein Computer mit, dass es an der Zeit wäre zur Fakultätssitzung aufzubrechen. Chakotay fluchte leise vor sich hin. Eigentlich war ein Traum wahr geworden, als er als Professor für Anthropologie an die Sternenflottenakademie berufen worden war und er hatte sich sehr auf diese erste Sitzung gefreut, bei der er seine Kollegen näher kennenlernen sollte. Aber ausgerechnet heute hatte er ganz andere Dinge im Kopf. Und die Vorbereitungen, die er heute Vormittag noch hatte erledigen wollen, waren auch ungetan geblieben.

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Wider Erwarten lief die Sitzung gut. Seine Kollegen waren freundliche Menschen, die offenkundig gerne bereit waren, ihn in ihren Kreis aufzunehmen. Die Diskussion über den Lehrplan für das nächste Semester verlief angenehm und auf hohem Niveau. Chakotay war gerade dabei ein wenig zu entspannen, als sie von der Fakultätssekretärin unterbrochen wurden.

„Entschuldigen Sie die Störung – Professor Chakotay, da ist ein Anruf von einer Dame, die sich leider nicht abwimmeln lässt. Sie hat damit gedroht, mich zu assimilieren, wenn ich mich nicht füge!"

Chakotay sah wie die Schläfen der Sekretärin vor Empörung pulsierten. Bisher hatte er Michelle Rubin als eine freundliche und sanfte ältere Dame kennengelernt. Wie kam Seven dazu, so mit ihr zu sprechen? Er befürchtete, dass es eine ganze Weile dauern würde, den entstandenen Schaden wieder zu kitten.

„Vielen Dank, Miss Rubin - entschuldigen Sie mich für einen Moment?", fragte er in die Runde und auch hier sah er, dass die Freundlichkeit, die ihm bis eben noch entgegen gebracht worden war, um einige Grad abgekühlt war.

„Natürlich, Professor Chakotay, sicherlich ist es ein äußerst wichtiges Anliegen, das Sie von uns weg treibt", bemerkte die Dekanin säuerlich. „Wir sprechen einstweilen weiter über den Lehrplan…"

Schwankend zwischen Verärgerung und Besorgnis eilte Chakotay zu dem nächsten Conn-Terminal um Sevens Anruf entgegen zu nehmen.

„Ich habe dich vermisst", sagte Seven anklagend sobald sie auf dem Bildschirm erschien.

„Wie bitte?"

„Es ist schon 14 Stunden und 31 Minuten her, seit wir uns verabschiedet haben. Das ist ein lange Zeit", sagte Seven.

Das ist ein Alptraum, dachte Chakotay, eine Halluzination oder einer von Qs schlechten Scherzen. Dieses jammervolle Wesen am anderen Ende der Leitung war auf jeden Fall nicht seine Seven of Nine. Die wahre Seven of Nine hätte zumindest nicht auf die Angabe der Sekunden verzichtet.

„Hör mal, Seven, ich bin gerade in einer wichtigen Sitzung." Uh,uh, falscher Ansatz. Seven verzog doch nicht gerade ihr Gesicht zum Weinen, oder doch? „Aber was hältst du davon, heute Abend zu mir zu kommen? Dann können wir über alles reden, in Ordnung?"

Scheinbar war dies der richtige Ansatz gewesen, denn Sevens Züge hellten sich auf. „In Ordnung, Cho Cho. Ich freue mich."

Erleichtert beendete Chakotay die Verbindung – aber Cho Cho? Er musste schnellstmöglich mit dem Doktor reden.

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Schon lange nicht mehr war Chakotay so nervös gewesen. Noch nicht mal die Anhörungen zur Rehabilitation der Maquis hatten dermaßen an seinen Nerven gezerrt, wie das Warten auf Seven an diesem Abend. Der Doktor war den ganzen Nachmittag nicht zu erreichen gewesen. Sein Assistent – ein selten arroganter Mensch übrigens – hatte erklärt, der Doktor sei den ganzen Nachmittag mit einer schwierigen Operation beschäftigt. Chakotay konnte ja nicht ahnen, dass diese Operation Sevens Vorbereitung für den Abend war. Als der Türsummer ertönte, stählte Chakotay sich für die nächste Seven-Persönlichkeit, die ihm nun wohl begegnen würde.

„Hallo Cho Cho!"

Eine strahlende Seven stand vor ihm. Sie trug ein mädchenhaft blumiges Kleid, das Chakotay an einigen anderen Frauen bestimmt gefallen hätte, aber einfach nicht zu Seven passte. Und was um alles in der Welt sollte die Kiste, die sie bei sich trug?

„Cho Cho?"

„Ach alle sagen Chakotay zu dir, das ist so steif – und ist Cho Cho nicht eine süße Abkürzung?"

„Ganz süß", sagte Chakotay schwach, während er Seven in sein Apartment folgte. „Hör mal Seven, geht es dir gut?" Er griff Seven an beiden Händen und zog sie auf einen Stuhl, er selbst setzte sich ihr gegenüber und sah ihr ernst in die Augen.

„Natürlich geht es mir gut? Was soll die Frage?", wehrte Seven ab.

„Regenerierst du dich regelmäßig? Gab es Auffälligkeiten bei deinen Selbstwartungszyklen?", bohrte Chakotay nach.

„Alles in Ordnung. Was sollte denn sein?" Seven lachte unsicher.

„Seit zwei Tagen verhältst du dich nicht mehr wie du selbst. Du…"

„Ich weiß nicht, was du meinst, Chakotay", unterbrach Seven ihn hart und für einen Augenblick hatte Chakotay wieder das Gefühl der alten Seven gegenüber zu sitzen. „Du hattest mir ein Essen versprochen, wie sieht es damit aus?"

„Aber Seven…"

„Ich bin hungrig." Sevens Tonfall machte klar, dass die Diskussion damit für sie beendet war. Trotzdem zog sich Chakotay mit einer gewissen Erleichterung in die Küche zurück. Gerade eben hatte eindeutig die alte Seven of Nine mit ihm gesprochen.

Als er wieder ins Wohnzimmer zurück kam, musste er feststellen, dass seine Hoffnung verfrüht gewesen war. Scheinbar hatten sich in Sevens Box lauter Nippsachen befunden, die sie nun großzügig über sein Quartier verteilt hatte. Auf dem Wohnzimmertisch stand ein Schäferpaar aus Porzellan auf einem Häkeldeckchen und über sein Sofa war ein rosa Plaid gebreitet.

„Ich fand schon lange, dass deine Wohnung einen etwas wohnlicheren Touch verdient hätte", strahlte Seven ihn an. „Hübsch nicht wahr?"

Chakotay fehlten die Worte.