„Ich gebe zu, das ist unheimlich", B'Elanna sah sich in Chakotays umdekorierten Apartment um. „Und wie nannte sie dich? Cho Cho?" Jetzt musste die Ingenieurin doch ein Kichern unterdrücken.

„Cho Cho", wiederholte Chakotay düster.

„Aber immerhin hat sie dich heute nicht wieder in Arbeit angerufen?"

„Das nicht, aber sieh dir das Conn-Protokoll an."

Chakotay war müde. Eigentlich hatte er angenommen, dass ihn nach sieben Jahren im Delta-Quadranten so schnell nichts mehr aus der Fassung bringen würde. Doch Sevens seltsames Verhalten machte ihm ehrlich Sorgen. In keiner der letzten Nächte hatte er ruhig durchschlafen können. Was wenn Seven ernsthaft krank war? Dass es irgendein Problem gab war offenkundig. In gewisser Weise war allerdings sogar dankbar für Sevens Deko-Aktion – sie war wenigstens der Beweis, dass nicht er derjenige mit Wahnvorstellungen war.

B'Elanna beugte sich unterdessen über den Bildschirm und las vor: „1555 ankommende Nachricht von Seven of Nine; 1558 ankommende Nachricht von Seven of Nine; 1605 ankommende Nachricht von Seven of Nine; 1611 ankommende Nachricht von Seven of Nine – Wie viele Nachrichten sind das noch?" B'Elanne scrollte die Liste hinunter.

„21 – und alle mit ungefähr dem gleichen Inhalt: Hi, hier bin ich, du bist wohl nicht zu hause, wo bist du, ich vermisse dich…" Chakotay massierte sich die Schläfen.

„Hast du heute mit dem Doktor sprechen können?", erkundigte B'Elanna sich.

„Habe ich. Er hat mir erklärt, dass er erst gestern mit Seven of Nine gesprochen habe und dass mit ihr alles, ich zitiere‚ ,in allerbester Ordnung' sei. Er könne mir versichern, dass sie in allen Bereichen innerhalb der gewünschten Parameter funktioniere. Dann hat er mich ziemlich schnell abgewürgt."

„Die neuen Ehren steigen ihm wohl zu Kopf", grummelte B'Elanna. „Der soll schauen, wo er bleibt, wenn er das nächste Mal eine Überholung seiner Holo-Matrix benötigt. Siehst du Seven heute Abend noch?"

„Nein", Chakotay schüttelte den Kopf. „Sie ist heute Abend bei den Wildmans eingeladen."

„Dann bin ich gespannt, was Sam zu berichten hat. Den anderen muss Sevens seltsames Verhalten doch auf auffallen."

„Bestimmt. Aber was sollen wir machen, B'Elanna?"

„Momentan fallen mir nur zwei Optionen ein; sprich mit einem Counselor – wenn es nichts organisches oder kybernetisches ist, dann hat sie vielleicht ein psychisches Problem."

„Ich weiß nicht, gleich einen Seelenklempner einschalten, das ist etwas drastisch, oder?"

„Ihr Verhalten ist drastisch."

„Hmm. Was ist die zweite Option?"

„Sprich mit dem Captain – ich meine, Admiral Janeway. In den vier Jahren im Delta-Quadranten hat sie die engste Verbindung zu Seven gehabt. Wenn jemand sie erreichen kann, dann sie."

„Du hast wohl recht", sagte Chakotay ein wenig unglücklich.

„Ehrlich, eine andere Option sehe ich nicht. Entweder ein Counselor oder der Captain. Ich weiß, dass ihr euch seit unserer Ankunft im Alpha-Quadranten soweit es ging aus dem Weg gegangen seit…"

„… und du kennst auch den Grund…"

„… aber wenn dir jemand helfen kann, dann sie. Sie kein Feigling – Cho Cho." Trotz des Ernstes der Lage konnte B'Elanna es sich nicht verkneifen, ihn ein wenig zu triezen. Vermutlich würde er den Namen Cho Cho so schnell nicht mehr loswerden.

=/\=

„Danke Kathryn, dass du so schnell Zeit für mich hattest."

Chakotay hatte sich sofort nachdem B'Elanna sich verabschiedet hatte bei Kathryn gemeldet und nun – nur eine halbe Stunde später – saß er in ihrem geräumigen Wohnzimmer. Entgegen der allgemeinen Vermutung hatte sich Kathryn nach ihrer Ernennung zum Admiral keine prestigeträchtige Wohnung im Wohnkomplex der Admiralität ausgesucht, sondern war in das kleine Dorf in Indiana zurückgezogen, in dem sie aufgewachsen war und bewohnte dort nun ein gemütliches kleines Farmhaus.

„Keine Ursache Chakotay, dein Anruf hörte sich wirklich dringend an." Kathryn musterte ihn besorgt. Offensichtlich sah ihm an, dass etwas nicht stimmte. Und es fühlte sich gut an. Seven war noch längst nicht soweit, spontan die Emotionen ihres Gegenübers einzuschätzen.

„Was kann ich für dich tun? Aus, Sissy, wirst du wohl", unterbrach Kathryn sich selbst, um ein kleines blondes Fellknäuel zurechtzuweisen, dass zwischenzeitlich aus dem Nichts aufgetaucht war und nun sein bestes gab, Chakotays Schoß zu erobern. „Tut mir leid, dass ist eine von Mollys Enkeltöchtern. Leider noch nicht erzogen", erklärte sie mit einem halben Lächeln.

„Das macht nichts. Na, du bist ja eine Süße, Sissy." Chakotay kraulte den Hund und hob ihn auf den Schoß. Mit einem zufriedenen Seufzer machte Sissy es sich dort gemütlich.

„Eigentlich sollte ihr Verhalten nicht noch belohnt werden", grummelte Kathryn. Doch Chakotay entdeckte dahinter auch eine gewisse Zufriedenheit, dass er sich sofort mit dem Hund anfreundete.

„Wie geht es Molly?", erkundigte er sich. Irgendwie war es einfacher, sich über Kathryns alten Hund zu unterhalten, als auf den Grund seines Besuches zu sprechen zu kommen.

„Sehr gut. Mark hat sich all die Jahre hervorragend um sie gekümmert – dabei hatte er es gar nicht so mit Hunden. Nach unserer Rückkehr hat er mir angeboten, dass ich sie wieder zurücknehmen könnte, aber als ich ihn und seine Familie besucht habe, ist mir ziemlich schnell klar geworden, dass sie nun nicht mehr zu mir, sondern zu ihnen gehört. Also habe ich sie aufgegeben – sozusagen das letzte Opfer des Delta-Quadranten." Kathryn grinste schief. „Ein paar Tage später stand Mark mit Sissy vor der Tür. Er weiß tatsächlich, was aus jedem einzelnen von Mollys Nachkommen geworden ist … aber darüber wolltest du bestimmt nicht reden. Also Chakotay, was ist los?", verlange Kathryn zu wissen, während sie sich ihm gegenüber nieder lies.

„Es geht um Seven…" Chakotay sah, wie sich Kathryns Gesichtszüge verhärteten. Kein Wunder, Seven of Nine war ein wunder Punkt zwischen ihnen beiden und für einen kurzen Moment verglich er sich mit Molly. Hatte Kathryn auch ihn aufgegeben weil sie das Gefühl hatte, er gehöre nun einer anderen? Blödsinn, rief er sich zur Ordnung und fuhr mit seiner Geschichte fort. Während seiner Schilderung der Ereignisse der vergangenen Tage huschten die unterschiedlichsten Emotionen über Kathryns Gesichtszüge, Verblüffung, Besorgnis und ja auch ein bisschen Erheiterung an der einen oder anderen Stelle. Chakotay stellte fest, wie gut es tat, wieder in ihrer Gesellschaft zu sein. Wirklich mit ihr zu reden. Keinen anderen Menschen konnte er so lesen wie sie und kein anderer Mensch verstand ihm so wie sie es tat. Dagegen war alle Kommunikation mit Seven immer nur an der Oberfläche gewesen. Tatsächlich war das hier intimer als alles, was er je mit Seven ausgetauscht hatte. Verdammt, er war ein Idiot gewesen und er hatte es von Anfang an gewusst.

„Du hast dir nichts vorzuwerfen." Kathryn hatte sich vorgebeugt, seine Hände in die ihren genommen und sah in fest an. Chakotay war sich für einen Moment nicht sicher, ob sie seine Gedanken gelesen hatte oder nur auf seine Geschichte reagierte. „Nach unserer Rückkehr in den Delta-Quadranten hätte sich niemand liebevoller oder aufmerksamer um Seven kümmern können. Es war eine große Erleichterung, dass du für sie da warst."

„Aber scheinbar nicht genug", sagte Chakotay rau.

„Das wissen wir nicht. Ich schlage dir folgendes vor: Ich werde morgen vorsichtig ein paar Erkundigungen einziehen. Sevens Verhalten muss ja auch anderen aufgefallen sein. Dann überlegen wir zusammen, was wir am besten tun. Egal was ist, Seven ist nicht allein", Kathryn sah Chakotay fest in die Augen, „und du bist es auch nicht."

=/\=

Doch nicht nur Chakotay und Kathryn waren beunruhigt, auch an anderer Stelle wuchs eine gewisse Besorgnis.

„Ihr Plan scheint fehlerhaft zu sein", bemerkte Seven am nächsten Morgen zum Doktor.

„Wie kommen Sie darauf?", fragte dieser indigniert.

„Ich habe die Intensität meiner Verhaltensabweichung in den letzten Tagen ständig intensiviert. Doch im Gegensatz zu Ihrer Vorhersage scheint Chakotay davon nicht abgeschreckt zu sein. Im Gegenteil, die Frequenz seiner Kontaktaufnahmen hat in den letzten Tagen zugekommen und er scheint auffällig besorgt um mein Wohlbefinden zu sein. Es sieht so aus, als würde er sich noch enger an mich binden als zuvor."

„Ganz im Gegenteil, das ist Teil des Ablösungsprozesses", erklärte der Doktor selbstgefällig. „Chakotay ist ein mitfühlender Mensch, er will sicherstellen, dass er Sie in guter Gesundheit verlässt. Gestern hat er sogar mich diesbezüglich aufgesucht und ich freue mich, dass ich ihm versichern konnte, dass Sie sich in bester Gesundheit befinden."

„Hmm", machte Seven mit einer für sie ungewohnten Unbestimmtheit. „Ich kann mich trotzdem nicht des Eindrucks erwehren, dass irgendetwas mit unserem Plan schief läuft. Menschliche Wesen sind oft so unberechenbar."

„Vertrauen Sie mir, Seven. Ich denke, ich kann mich nach den langen Jahren des intensiven Studiums mit Fug und Recht als Experte für menschliche Verhaltensweisen bezeichnen – auch wenn diese zugegebenermaßen tatsächlich oft irrational und für einen so strukturierten Geist wie den Ihren oder meinen eine Herausforderung sein können… Es könnte natürlich sein, dass Chakotay davor zurückschreckt nach einer Trennung wieder alleine zu sein", überlegte der Doktor. „Aber auch hierfür habe ich Vorsorge getroffen. Ich habe hier etwas, das ihm den Übergang bestimmt leichter machen wird."


AN

Vossi: Nachdem ich mich ja nicht persönlich bei dir bedanken kann an dieser Stelle vielen lieben Dank für deine ganzen Reviews. Ich freue mich jedesmal unheimlich!