Chakotay hatte sich an diesem Vormittag besser auf seine Arbeit konzentrieren können als in den Tagen zuvor – was garantiert auch daran lag, dass er in der letzten Nacht endlich einmal wieder durchgeschlafen hatte. Es war eine große Erleichterung gewesen, sich Kathryn anvertrauen zu können. Gemeinsam würden sie der Sache auf den Grund gehen und eine Lösung finden – wie immer. Zufrieden dachte er an den vergangen Abend zurück, an die Vertrautheit und Wärme, die wieder zwischen ihnen beiden aufgeflammt war und die sich einfach gut und irgendwie richtig anfühlte. Und so war er dann doch nicht ganz bei der Sache, als sich auf einmal die Conn meldete.
„Professor Chakotay, Sie haben Besuch." Miss Rubin hörte sich immer noch eingeschnappt ein.
„In Ordnung. Ich…"
Bevor Chakotay seinen Satz beenden konnte, öffnete sich seine Bürotür und eine strahlende Seven stand vor ihm. Chakotay kam trotz allem nicht umhin festzustellen, dass sie fabelhaft aussah. Sie trug eine kurze rote Bluse, einen Rock mit farblich passendem Schotten-Karo und hochhackige rote Schuhe, an ihrem Arm schlenkerte ein Korb.
„Seven, wie schön…"
„Ich vermute, du hast mich gestern Abend vermisst", stellte Seven fest. „Aber natürlich können wir nicht jeden Abend miteinander verbringen."
„Eigentlich…", setzte Chakotay an, Seven von seinem Besuch bei Kathryn zu erzählen. Er musste ja nicht unbedingt den Anlass offenlegen. Doch er kam nicht weit.
„… deshalb bin ich jetzt da", strahlte Seven ihn an ohne auf seinen Einwurf zu achten. „Und ich habe dir etwas mitgebracht, damit du nie mehr alleine sein musst."
„Tatsächlich?", fragte Chakotay schwach.
„Natürlich, denn schließlich empfinde ich große Wertschätzung für dich. Hier ist sie…"
Seven förderte aus ihrem Korb ein gurrendes Fellknäuel zu Tage und drückte es Chakotay in den Arm.
„Ein Tribble?", fragte Chakotay entgeistert.
„Nach meinen Recherchen sind Tribble hervorragende Haustiere. Ich habe festgestellt, dass die meisten Menschen flauschige Haustiere bevorzugen, außerdem soll das Gurren beruhigende Wirkung haben. Daneben sind Tribble stubenrein und sehr genügsam."
„Aber…" Chakotay hatte genug von den diversen Tribble-Invasionen auf Raumschiffen oder -stationen gehört, um einen Tribble absolut nicht für ein geeignetes Haustier zu halten – obwohl seine verräterische Hand schon ganz von alleine angefangen hatte, den wohlig gurrenden Tribble zu kraulen.
„Selbstverständlich ist Prinzessin Sophia sterilisiert", fuhr Seven erbarmungslos fort.
„Prinzessin Sophia? Du hast dem Tribble einen Namen gegeben?"
„Selbstverständlich. Findest du ihn nicht schön?" Seven verzog ihre Lippen zu einem Schmollmund.
„Doch, doch."
„Wunderbar, dann kann ich euch ja beruhigt alleine lassen – heute Abend habe ich nämlich eine Verabredung mit Admiral Janeway."
Und schwupps war Seven wie eine Erscheinung wieder verschwunden.
Verwirrt starrte Chakotay auf dem Tribble auf seinem Arm, der der einzige Beweis war, dass er gerade eben nicht halluziniert hatte.
=/\=
„Prinzessin Sophia!?"
Kathryn Janeway konnte ihre Erheiterung kaum verbergen und auch Chakotay begann zu grinsen. Sofort nachdem Seven sein Büro wieder verlassen hatte, hatte er Kathryn per Conn kontaktiert, um mit ihr über die neuesten Entwicklungen zu beraten.
„Prinzessin Sophia", bestätige er, „aber ich glaube, ich werde sie Sophie nennen."
„Das ist sicherlich praktischer", schmunzelte Kathryn, wurde dann aber wieder ernst. „Ich habe mit Sam Wildman gesprochen. Ihr ist gestern Abend kein Verhalten aufgefallen, dass auch nur im Entferntesten dem ähnelt, was du beschreibst. Sie kam ihr ganz normal, vielleicht ein wenig grüblerisch vor."
„Seltsam", meinte Chakotay. „B'Elanna hat sie heute Vormittag auch rein zufällig getroffen und hat ähnliches erzählt. Wenn ich nicht den einen oder anderen Zeugen oder Beweis hätte", Chakotay hob Sophie in den Bildschirm, „könnte ich fast glauben, dass mit mir etwas nicht stimmt."
„Ich habe Seven für heute Abend zu mir eingeladen. Vielleicht redet sie ja mit mir. Was auch immer das Problem ist, es scheint direkt mit dir zusammenzuhängen", stellte Kathryn fest.
„Ich komme mir so verdammt hilflos vor", sagte Chakotay. „Ich meine, ich habe Seven immer noch gerne und fühle mich verantwortlich für sie…"
„Ich weiß", sagte Kathryn fest. „Ich auch. Und glaube mir, wir werden dieser Sache auf den Grund gehen!"
=/\=
„Vielen Dank für Ihre Einladung, Admiral."
Obwohl Seven sich alle Mühe gab es zu verbergen, war sie von der Situation verunsichert. Schon an Bord der Voyager hatte sie nicht umhin können, festzustellen, dass das Verhältnis der Kommandantin zu ihr abgekühlt war, seitdem sie die Beziehung zu Chakotay aufgenommen hatten. Im Alpha-Quadranten hatte der Captain die Kontaktaufnahmen zu ihr oder Chakotay dann auf ein Minimum beschränkt. Auch wenn Seven sich nie ganz im Klaren darüber gewesen war, was den Captain wohl zu diesen Schritten veranlasst hatte, hatte sie sich doch angesichts der zeitlichen Korrelation fragen müssen, ob der Captain wohl ihre Beziehung zu Chakotay missbilligte. Es war offensichtlich, dass die beiden einander große Hochachtung entgegen gebracht hatten. Vermutlich würde sie nicht gutheißen, wenn Seven den Commander verletzen würde.
„Bitte, nenne mich doch Kathryn, wir sind schließlich nicht mehr an Bord der Voyager und ich bin nicht mehr deine Vorgesetzte, sondern nur noch deine Freundin."
Kathryn lächelte Seven warm an. Ihr war die Unsicherheit ihres ehemaligen Schützlings nicht entgangen. Natürlich hatte sie sich an der romantischen Beziehung zwischen Seven und Chakotay zutiefst gestört und wenn sie an die Geschichte ihres Alter Ego dachte … Aber seit sie wusste, dass Chakotays Gefühle für Seven erkaltet waren, bevor sich überhaupt etwas ernstes zwischen den beiden entwickeln konnte, fiel es ihr auch wieder leichter, Seven mit dem gewohnten Wohlwollen zu betrachten. Schließlich war sie nichts weiter als ein verwirrtes Kind – mit einem durchaus annehmbaren Geschmack was Männer anging…
„Danke – Kathryn", antwortete Seven immer noch unsicher.
„Setzen wir uns doch."
Kathryn bugsierte Seven in die gemütliche Sofaecke, die gestern bereits Chakotay beherbergt hatte.
„Wir haben so lange nicht mehr miteinander gesprochen. Wie geht es dir? Wie gefällt dir deine Tätigkeit beim Cooper-Institut?"
Es war ein hartes Stück Arbeit gewesen, eine angemessene Position für Seven zu finden. Obwohl die Sternenflotte – und eigentlich jede wissenschaftliche Institution, die ein bisschen was auf sich hielt – hoch interessiert an Sevens Mitarbeit gewesen war, hatte es doch Sicherheitsbedenken gegen eine ehemalige Borg gegeben. Kathryn und Chakotay waren außerdem noch darum besorgt gewesen, eine Position zu finden, die nicht nur Sevens intellektuellen Ansprüchen sondern auch ihrem Bedürfnis nach einer ruhigen und geordneten Umgebung gerecht werden konnte. Schließlich war Seven beim Cooper-Institut für theoretische Physik gelandet, wo sie an der Erforschung der theoretischen Grundlagen für Transwarp-Reisen arbeitete.
„Die Aufgabe ist intellektuell angemessen fordernd", erklärte Seven, „und da es sich bei den Mitarbeitern vorwiegend um Wissenschaftler handelt, ist der Umgang sehr angenehm."
Kathryn grinste, nur wenige Menschen würden die Mitarbeiter des Cooper-Instituts als angenehm im Umgang beschreiben, eher als weltfremde Freaks. Keiner von ihnen war sensibel genug, um sich von Seven beleidigt zu fühlen. Aber vielleicht war es auch ein Fehler gewesen. Wie sollte Seven unter diesen Leuten lernen, was es bedeutete, ein ganz normaler Mensch zu sein?
„Und ansonsten, hast du dich gut im Alpha-Quadranten eingelebt?"
„Danke, es geht mir gut. Ich gebe zu, außerhalb meiner Tätigkeit beim Cooper-Institut ist der Eingewöhnungsprozess zeitweise immer noch verwirrend. Schon die verhältnismäßig kleine Gemeinschaft der Voyager war mit ihrer Pluralität von Charakteren und Meinungen zeitweise schwer zu überschauen, doch sie war in nichts mit der Herausforderung zu vergleichen, sich hier in eine Gemeinschaft von Milliarden Individuen einzufügen. Aber ich werde mich anpassen."
Kathryn lächelte. „Und du bist nicht allein, das weißt du."
Seven hob eine Augenbraue, wie um anzuzeigen, dass sie manchmal genau das für das Problem hielt. Aber sie sprach diesen Gedanken nicht laut aus.
„Commander Chakotay und der Doktor waren eine große Unterstützung", sagte sie stattdessen.
„Das glaube ich gerne. Ihr versteht euch gut, Chakotay und du?", fragte Kathryn vorsichtig.
„Der Commander ist ein Mensch von vorzüglichem Charakter", bemerkte Seven. „Ich würde nie etwas tun, um ihn zu verletzen."
Kathryn stutze. Wieso meinte Seven, das ausdrücklich feststellen zu müssen?
„Da bin ich mir sicher. Aber manchmal verletzten wir unsere Mitmenschen, auch wenn wir es gar nicht wollen", sagte sie sanft. Sie hatte das sichere Gefühl, dem Kern der ganzen Geschichte ganz nahe zu sein.
„Ich werde darüber nachdenken", beschied Seven und Kathryn erkannte, dass es besser war, das Thema jetzt nicht weiter zu verfolgen.
„Und wie geht es dem Doktor?", fragte sie stattdessen ins Blaue hinein, doch Seven wirkte für einen Sekundenbruchteil ungeheuer schuldbewusst.
„Der Doktor funktioniert innerhalb der Normparameter seines Designs", sagte Seven.
„Das freut mich, ich wollte ihn schon länger mal wieder besuchen, aber immer kommt irgendetwas dazwischen. Siehst du ihn denn häufiger?"
„Wir treffen uns regelmäßig. Der Doktor unterstützt mich immer noch bei der Wiederlangung meiner Menschlichkeit."
„Tatsächlich? Und was ist die aktuelle Lektion?"
Wieder wand sich Seven deutlich sichtbar. „Darüber möchte ich aktuell nicht sprechen."
