„Ich habe dann nicht mehr nachgebohrt", erzählte Kathryn am nächsten Morgen.

Kathryn hatte sich am vorigen Abend bei Chakotay gemeldet, sobald Seven sich verabschiedet hatte. Da es schon spät gewesen war, hatten sie beschlossen, sich zum Frühstück zu verabreden und so saßen sie nun in einem wunderschönen kleinen Café, dessen Terrasse einen spektakulären Ausblick über die San Francisco-Bay bot. Chakotay war sich sicher, dass Kathryn einige Beziehungen hatte spielen lassen, um hier so kurzfristig einen Tisch zu bekommen. Befriedigt bemerkte er außerdem, dass Kathryn sich in Hinblick auf ihre Essgewohnheiten wesentlich gebessert hatte. Jedenfalls hatte der Kellner ihnen Croissants, Rührei, Schinken, viele Sorten Käse, Marmelade, Obst und knusprige frische Brötchen gebracht und Kathryn langte herzhaft zu – und zwar nicht nur beim Kaffee, der hier ebenfalls in Strömen zu fließen schien.

„Danach haben wir uns über allgemeine Dinge unterhalten, meinen Job, ihren Job, unsere neuen Kollegen, was aus den verschiedenen Crewmitgliedern der Voyager geworden ist", fuhr Kathryn fort. „Nichts Interessantes mehr, alles ganz normal – gespickt mit einigen freundlichen Seven-Kommentaren." Kathryn grinste kurz und wurde dann wieder ernst. „Es war auffällig, dass sie an zwei Stellen ins Stocken geriet; nämlich, dass sie dich nicht verletzen möchte und als es um das neue Projekt mit dem Doktor ging."

„Daraus könnte man fast schließen, dass was auch immer mit Seven los ist, der Doktor darüber Bescheid weiß", überlegte Chakotay.

„Davon würde ich ausgehen."

„Aber warum hat er mir dann nichts gesagt, als ich mit ihm gesprochen habe?"

„Du bist nicht mehr Sevens Vorgesetzter", erinnerte Kathryn. „Wenn Seven es nicht möchte, hast du keinerlei Recht irgendetwas von ihm zu erfahren."

„Dann gehst du davon aus, dass es irgendeine Art Krankheit ist?"

Kathryn nippte gedankenverloren an ihrer Kaffeetasse. „Nein, wenn ich ehrlich bin, eigentlich nicht. Es war wie auch B'Elanna und Sam Wildman es beschrieben hatten, Seven wirkte auf mich ein wenig nachdenklich und in sich gekehrt, aber ich hatte nicht den Eindruck als ob ihr wirklich etwas fehlt."

„Das ist es ja, was ich nicht verstehe", sagte Chakotay heftig. „Warum verhält sie sich bei euch so ganz anders als bei mir? Ich merke überhaupt nichts von nachdenklich und in sich gekehrt ist sie mir gegenüber erst recht nicht – vielleicht hat sie ja doch irgendetwas und führt mir gegenüber ein Theaterstück auf um mich nicht zu beunruhigen?"

„Das würde mit der Aussage zusammenpassen, dass sie dich nicht verletzen möchte", überlegte Kathryn.

„Und damit, dass sie sich abwechselnd an mich klammert und dann von sich stößt", ergänzte Chakotay. „Ganz zu schwiegen von Sophia, dem Tribble, den sie mir geschenkt hat, weil sie nicht immer bei mir sein kann!"

„Du hast recht, es passt irgendwie zusammen", meinte Kathryn. „Du musst versuchen, sie dazu zu bringen, dass sie dir sagt, was mit ihr los ist. Ich schätze, das ist unsere einzige Chance."

„Wir sind nachher zum Mittagessen verabredet, vielleicht schaffe ich es ja da, sie zum Reden zu bringen", sagte Chakotay hoffnungslos.

=/\=

Weniger Stunden später saß Chakotay wieder in einem netten kleinen Restaurant. Er kam nicht umhin die beiden Situationen zu vergleichen. Auf das Treffen mit Kathryn hatte er sich gefreut wie schon lange nicht, dem Treffen mit Seven sah er mit einer Mischung aus Sorge und Grauen entgegen. Bitte mach, dass mit Seven alles in Ordnung ist, betete er zu einem höheren Wesen, an das er nicht so recht glaubte.

„Hallo Cho Cho."

Eine mit einem weißen Flatterkleid bekleidete Seven hatte sich genähert und haucht Chakotay nun einen Kuss auf die Wange. Ihre Haare trug sie offen und sorgfältig onduliert. Chakotay hatte den Eindruck, dass ihm dieses Outfit irgendwie bekannt vorkam. Dann erinnerte er sich, Tom hatte während einer seiner 20. Jahrhundert-Kino-Simulationen mal einen Film gezeigt, in dem die Hauptdarstellerin genauso gewandet gewesen war. Marilyn … irgendwas mit „M" … Manson vielleicht?

„Hallo Seven, gut siehst du aus", grüßte Chakotay zurück in der Hoffnung, das Gespräch so unverfänglich beginnen zu lassen. Leider stellte sich diese Hoffnung als vergeblich heraus. Seven machte große Augen und verzog den Mund.

„Heißt das, ich gefalle dir sonst nicht?"

„Nein, natürlich nicht, wie kommst du…"

„Ich gefalle dir nicht", stellte Seven weinerlich fest.

„Aber Seven, das ist doch…"

„Du findest mich fett!"

„Ich finde dich ganz und gar nicht…"

„Für mich keine Karte", wehrte Seven die bolinanische Kellnerin ab, die sich zwischenzeitlich genähert hatte. „Ich nehme nur ein Wasser. Ich kann nichts essen. Mein Freund findet, dass ich zu fett bin."

„Ich habe nie irgendetwas in diese Richtung gesagt", wehrte Chakotay sich, während die Kellnerin ihn mit einem verächtlichen Blick bedachte.

„Aber gedacht", schniefte Seven. „Eine Frau spürt so etwas, nicht wahr?", wandte sie sich mitleidheischend an die Kellnerin.

„Sie sollten sich wirklich fragen, wo Sie Ihre Ansprüche her haben, Sir", sagte die Kellnerin. „Ihre Freundin ist wunderschön und Sie machen Ihr Komplexe. Haben Sie sich selbst mal im Spiegel angesehen?"

„Also wirklich", sagte Chakotay verärgert. „Ich habe weder irgendetwas in diese Richtung gesagt noch gedacht. Ich habe keine Ahnung, wie du darauf kommst, Seven. Ich nehme ein Wasser und das Parmesan-Risotto", schickte er die Kellnerin fort.

„Von nichts kommt nichts", grummelte diese leise während sie sich zurückzog.

„Du sagst also, dass ich lüge", beschwerte sich Seven unterdessen.

„Auch das habe ich nie gesagt." Chakotay musste sich mittlerweile mit Gewalt zusammenreißen, um sachlich zu bleiben.

„Dann halluziniere ich also?", verlangte Seven zu wissen.

Ja, das tust du ganz offensichtlich, stimmte Chakotay leise zu, laut sagte er: „Auch das habe ich nie gesagt, ich verstehe nur nicht, wie wir ausgehend von meinem Kompliment, dass du heute gut aussiehst, auf einmal in diesen Streit geraten. Ich finde wirklich, dass du eine der schönsten Frauen bist, der ich je begegnet bin."

„Das ist mal wieder typisch!"

„Was ist typisch?"

„Du bist so ein Mann. Du verstehst überhaupt nicht, worum es hier geht!"

„Nein, das verstehe ich wirklich nicht!"

„Und dann reduzierst du mich auf mein Äußeres!"

„Was tue ich?"

„Du sagst, ich sei eine der schönsten Frauen, die du je getroffen hast", schniefte Seven.

„Und was ist daran jetzt wieder falsch?" Nun gelang es Chakotay wirklich nicht mehr, einen genervten Unterton zu unterdrücken.

„Was ist mit meinem Intellekt? Ohne meine überragenden Fähigkeiten wäre die Voyager immer noch im Delta-Quadranten!"

Chakotay wünschte sich in diesem Moment genau dorthin zurück. Lieber noch einmal die ganze Reise, als hier mit dieser seltsamen Karikatur einer Frau zusammen sitzen zu müssen.

„Das habe ich nie bestritten", sagte er stattdessen.

„Mein Freund hält mich nicht nur für zu fett, sondern auch für dumm und denkt, dass ich halluziniere", informierte Seven die Kellnerin, die eben Chakotays Wasser äußerst unsanft vor ihm auf den Tisch geknallt hatte.

„Also wirklich, Sir. Sie sollten sich schämen", zischte die Kellnerin, bevor sie sich umdrehte und hoheitsvoll davon rauschte.

„Sag mal Seven, hast du sie noch alle?" Chakotay konnte nicht mehr an sich halten. „Ich habe keine Ahnung, was gerade mit dir los ist. Aber ich werde mich bestimmt nicht mehr in der Öffentlich von dir bloßstellen lassen. Ich werde jetzt gehen, wir reden miteinander, wenn du wieder bei Sinnen bist."

Damit stand er auf, knallte das Geld für seine Zeche auf den Tisch und wandte sich zum Gehen. Seven sah ihn mit schreckgeweiteten Augen und offenen Mund an. Doch Chakotay konnte jetzt wirklich keine Rücksicht mehr auf ihre Befindlichkeiten nehmen. Aufgebracht stapfte er in Richtung Ausgang – und so entging ihm auch der triumphierende Gesichtsausdruck, dem Sevens Erstaunen nun gewichen war.

„Seien Sie froh, dass Sie den Mistkerl los sind, Liebes", sagte die Kellnerin, die zwischenzeitlich an den Tisch zurückgekehrt war, zu Seven.

„Das bin ich", sagte Seven nachdenklich. „Trotzdem frage ich mich…"

Die Kellnerin verdrehte die Augen. Diese Mädchen waren doch alle gleich.

=/\=

„Es war einfach surreal!" Chakotay war immer noch ganz außer sich als er Kathryn über die Conn erreichte. „Sie verdrehte wirklich alles, was sich sagte, in eine Beleidigung gegen sie. Ich kam mir vor wie in einem schlechten Holo-Roman!"

„Das ist wirklich Besorgnis erregend", stimmte Kathryn zu.

„Ich hätte sie nicht allein lassen dürfen", stellte Chakotay fest. „Sie ist ganz eindeutig in einem emotional labilen Zustand und ich bin einfach aufgestanden und gegangen."

„Was hättest du denn tun wollen?", fragte Kathryn sachlich. „Scheinbar warst du es ja, der sie so aufgeregt hat. Da war es das Beste, die Situation einfach zu beenden."

„Was sollen wir nur tun?"

„Ich habe heute ein wenig herumgefragt", erzählte Kathryn. „Niemand sonst kann über vergleichbare Beobachtungen berichten. Allerdings wurde Seven sehr oft gesehen, wie sie den Doktor aufgesucht hat. Es existieren allerdings keinerlei Aufzeichnungen über Untersuchungen oder Therapien." Chakotay wollte lieber gar nicht wissen, wie Kathryn an diese vertraulichen Informationen gekommen war. „Außerdem hat der Doktor keinerlei Anstalten gemacht, B'Elanna oder sonst irgendjemanden zu kontaktieren, der sich mit den kybernetischen Aspekten von Sevens Physiologie auskennt."

„Und was schließt du daraus?", fragte Chakotay hoffnungslos.

„Ich weiß es nicht genau", gestand Kathryn. „Aber unsere Theorie von heute Morgen erscheint mir immer unwahrscheinlicher. Wenn Seven in irgendeiner Art und Weise krank wäre, gäbe es entsprechende Aufzeichnungen. Außerdem stimmt es eigentlich nicht, dass der Doktor dir nichts gesagt hat. Er hat dir versichert, dass mit Seven alles in allerbester Ordnung sei." Kathryn war aufgestanden und hatte begonnen mit der Kaffeetasse in der Hand durch ihr Büro zu wandern. Dabei verschwand sie immer wieder aus dem Erfassungsbereich der optischen Sensoren. „Ich habe zwar immer noch keine Vorstellung, was sich hinter Sevens Verhalten verbirgt, aber ich bin mir sicher, dass der Doktor etwas damit zu tun hat. Warum sonst sollte Seven ihn ständig aufsuchen? Und dann ist da noch diese Sache mit der aktuellen Lektion ihres Trainingsprogrammes zur Wiedererlangung ihrer Menschlichkeit, über die sie nicht mit mir sprechen möchte."

„Eine bösartige Verschwörung?", fragte Chakotay ungläubig. „Das ist nicht dein Ernst."

„Eine Verschwörung nicht gerade, aber mein Instinkt sagt mir, dass das die Stelle ist, an der wir ansetzen müssen. Ich werde morgen mit ihm reden – und glaube mir, mich wird er nicht abwimmeln, dafür werde ich sorgen." Kathryn war wieder im Erfassungsbereich der Sensoren aufgetaucht und sah nun wie ein wütender Racheengel aus. „Entweder sind bei Seven wirklich alle Relais durchgebrannt, oder er muss mir eine verdammt gute Erklärung für ihr Verhalten liefern."

„Wenn du wirklich recht hast" Chakotay konnte an Kathryns Gesichtsausdruck ablesen, dass sie ganz eindeutig der Meinung war rechtzuhaben, „wenn das tatsächlich so ist, wie du vermutest, sollte ich versuchen, Seven mit einer für sie unvorhergesehenen Situation zu konfrontieren. In einer Situation, auf die sie nicht vorbereitet ist, wird sie vielleicht wieder in ihr altes Verhalten zurückfallen und ich finde einen Zugang zu ihr. Außerdem haben wir schon viel zu lange nach ihren Regeln gespielt."