Täuschungen 5

Hermine schlief volle 36 Stunden lang.

Als sie endlich wieder aufwachte, sah sie zwar ziemlich verknittert, aber auch viel gesünder aus und obwohl die Magenprobleme ihr erhalten blieben und sie sich noch lange nicht richtig fit fühlte, hinderte sie das nicht daran, sich ihrer Familie und vor allem ihrem Mann ausgiebig zu widmen.

Daher vergingen die nächsten acht Tage für die gesamte Familie Granger-Snape auch wie ihm Flug. Sehr zum Bedauern aller, denn schon viel zu bald musste Severus zu einem neuen Schuljahr nach Hogwarts und die Uni erwartete ihre Professorin für Tränkekunde ebenfalls in wenigen Wochen zurück.

Ärgerlich vor allem, da das eigenwillige englische Wetter sich endlich entschlossen hatte, doch noch zu sonnig und warm zu wechseln. Seine Töchter verbrachten nun viel Zeit im Meer und seine Frau viel Zeit am Strand im Liegestuhl. Offiziell um sie zu bewachen. In Wahrheit aber, um sich bei vielen kleinen Nickerchen auszuruhen.

Severus besah sich seine Frau ganz genau und hatte für sich beschlossen noch einige Tage abzuwarten, dann aber würde er darauf bestehen Poppy zu konsultieren, nicht dass sie sich irgendetwas afrikanisches eingefangen hatte.

Er genoss die gemeinsamen Tage und seitdem die Mädchen wieder in ihren eigenen Betten schliefen, ganz besonders die gemeinsamen Nächte mit ihr. Vielleicht, überlegte er schief grinsend, schlief sie am Tag auch nur soviel, weil sie in der Nacht eher weniger dazu kam?

Ihre Eltern mussten auch wieder zurück nach London, die Praxis konnte ja nicht ewig geschlossen bleiben, wer verfüllte sonst die vielen Löcher in den Zähnen ihrer Patienten, wer stellte unzählige Klammern pubertierender Jugendlicher nach, wer zog Weisheitszähne und setzte Kronen ein, wenn sich Herr und Frau Doktor wochenlang an der See vergnügten? Niemand! Daher packten sie zwei Tage nach Hermines Rückkehr seufzend die Koffer, küssten ihre Tochter und ihre Enkelkinder und bestiegen dieses Vehikel, dass sie Auto nannten, um etwas traurig gegen Osten zu brausen. Allerdings nicht ohne vorher ihre Tochter einer eingehenden Betrachtung zu unterziehen. Das Resultat war, dass Jean versprach, am nächsten Wochenende wieder zu kommen. Ein Angebot, um das vor allem Hermine sehr dankbar war.

So kam Jean Granger schon am Freitagmorgen zurück, allerdings nicht mit dem Auto, sondern durch den Kamin, Severus holte sie ab, alles andere hätte einfach zu lange gedauert.

Sie ging an diesem Wochenende viel mit Hermine spazieren oder leistete ihr mit einem Buch auf dem Schoß Gesellschaft, während ihre Tochter in ihrem Liegestuhl döste.

Am Sonntagmorgen, nach einem guten Frühstück, von dem seine Frau wieder viel zu wenig gegessen hatte, zog es ihn hinaus zu seinem Lieblingsplatz. Hermine und ihre Mutter waren schon vor einer Weile zu einem Spaziergang aufgebrochen und er wollte noch die Biographien der neuen Schülerinnen und Schüler in Ruhe lesen, die Minerva ihm in einem dicken Brief zukommen gelassen hatte.

Aber kurz bevor er um den kleinen Felsvorsprung bog, den seinen verborgene Rastplatz schützte, hielt er inne, zwei wohlbekannte Frauenstimmen schienen sich dort leise zu unterhalten und obwohl es schon sehr lange nicht mehr seine Art war, hinter irgendwem herzuspionieren – und schon gar nicht hinter einem Familienmitglied - ließ ihn irgendetwas in ihrem Tonfall, stehenbleiben und lauschen.

„Hermine Jean Granger, ich kenne Dich Dein ganzes Leben lang, also sei nicht albern, Dich beschäftigt doch etwas!", hörte er Jean gerade eindringlich sagen.

„Ach, Mum", seufzte seine Frau und wenn er ihren Tonfall richtig deutete, schien Jean mit ihrer Vermutung mehr als recht zu haben. Aufmerksam trat er noch einen Schritt näher, achtete aber sehr genau darauf, nicht bemerkt zu werden.

„Also, was ist es?", forschte ihre Mutter resolut weiter, „Nicht nur, dass Du immer noch schlapp und abgezehrt aussiehst, Du scheinst mir in den letzten Tagen auch irgendwie verwirrt!"

„Tja, es würde Dich auch verwirren, das kannst Du mir glauben!", ihre Entgegnung war ein wenig undeutlich, anscheinend bedeckte sie gerade ihr Gesicht mit den Händen oder hatte sich an die Schulter ihrer Mutter angelehnt.

„Wie Du weißt, glaube ich Dir immer, meine Schatz!", versicherte Jean leise.

Es dauerte eine Weile, bis Hermine sprach, anscheinend fiel ihr eine Antwort schwer.

„Du weißt, dass ich Severus von ganzem Herzen liebe?", das war keine Frage, das war ganz klar eine Feststellung und zauberte ein kleines Lächeln auf das Gesicht des Tränkemeisters.

„Ja, das weiß ich, aber darüber bist Du doch schon längst nicht mehr verwirrt, oder?", lächelte Jean.

„Nein, darüber bin ich mehr als glücklich!", Hermines Stimme hatte etwas weiches, warmes, das auch sein Herz mit wundervoller Wärme erfüllte.

Einige Augenblicke war nur das Rauschen des Meeres zu hören, bevor Hermine tief einatmete und so leise flüsterte, dass er sich sehr anstrengen musste alles mitzubekommen.

„Mum, hast Du schon mal an einen anderen Mann denken müssen, während Du mit Dad geschlafen hast?"

Severus Augen weiteten sich und er musste aufpassen, dass ihm kein Keuchen entfuhr.

„Meinst Du Robert Redfort oder Paul Newman?", überlegte Jean, für seinen Geschmack viel zu ruhig. Wer waren die zwei Typen?

„Nein", widersprach ihre Tochter ungeduldig, „ich meine eher Mister Pembrook oder Onkel Arthur oder noch besser Harrison Brendon." Oh, von Harrison Brendon hatte er schon mal gehört! Wenn er sich recht erinnerte, war Mister Brendon Jeans Jugendfreund. Die anderen kannte er leider auch nicht.

„Ach du je", machte Jean und erkundigte sich in deutlich besorgterem Ton, „ist es so, dass Du an einen Freund denkst, wenn Du mit Severus schläfst?"

Hermines Antwort war nur ein Wispern und er trat mit klopfendem Herzen unwillkürlich einen Schritt nach vorne um sie besser verstehen zu können. „Seit Afrika sehe ich immer wieder diese Bilder!"

„Was sind das für Bilder?"

„Es sind keine richtigen Bilder, Mum, es sind nur Bilderfetzen, kleine Splitter, die besonders dann ins Bewusstsein drängen, wenn ich kurz vorm Einschlafen bin oder eben, wenn ich mit Severus schlafe." Er sah seine Frau geradezu vor sich, wie sie vor Scharm bis unter die Haarspitzen errötete.

„Also immer dann, wenn Du Dich fallen lässt?", überlegte Jean.

„Hm, und ich kann diese Bilder überhaupt nicht einordnen, sie erscheinen mir fremd und unwirklich, fühlen sich aber so unglaublich echt und realistisch an."

Das roch doch sehr nach einem Obliviate, befand Severus und zog seine Augenbrauen eng zusammen.

„Und was zeigen Dir diese Bilder?" Und vor allem wen sie zeigten, interessierte Severus noch viel mehr. Er bemerkte in seiner Anspannung gar nicht, dass seine Fingernägel sich schmerzhaft in seine Handinnenflächen gedrückt hatten.

„Sie zeigen mich, während ich mich einem anderen Mann hingebe." Er hörte ein kleines Schluchzen, das eindeutig von Hermine kam.

„Und wer ist es?" Severus Herz begann zu holpern.

„Das ist ja das Furchtbare!", jetzt weinte seine Frau hörbar, „Es ist Harry und ich weiß nicht, was ich machen soll!"

Vor seinen Augen begannen weiße Flecken zu tanzen und er hatte das beklemmende Gefühl keine Luft mehr zu bekommen. Leise ließ er sich auf einen Stein sinken, damit seine Beine nicht einfach wegknickten.

Auch Jean schien geschockt, denn es dauerte eine Weile, bis sie Hermines Weinen vorsichtig unterbrach.

„Und was fühlst Du, mein Schatz, wenn Du an Harry denkst?"

„Das habe ich wieder und wieder durchdacht", schluchzte Hermine, „und ich komme immer zu dem gleichen Ergebnis: Ich liebe ihn, fast vom ersten Tag an, als ich ihn im Hogwartsexpress getroffen habe."

„Aber?"

„Aber eben nicht so!", Hermines Stimme wurde laut und überschlug sich fast, „und ich bin mir sicher, dass er auch mich nicht so liebt!"

„Aber warum dann jetzt so? Und warum gerade er?", fragte sich Jean und genau das wären auch seine Fragen gewesen, wenn sein geschocktes Gehirn in der Lage gewesen wäre, solch logische Gedankengänge zu unternehmen.

„Ich weiß es nicht, Mum, ich weiß es wirklich nicht!", Hermine klang wirklich verzweifelt, aber sein Mitleid für sie hielt sich im Augenblick in Grenzen.

„Vermisst Du denn irgendetwas in der Beziehung mit Severus?", tastete Jean sich weiter vor, „vielleicht irgendetwas, das Harry Dir geben könnte und Severus nicht?" Beinahe hätte er verächtlich losgeschnaubt.

„Nein, überhaupt nicht!", war sich auch Hermine sofort sicher „Ich bin heute überzeugter denn je, dass Severus genau der Mann ist, den ich wollte und will. Als Freund und auch als Ehemann." Sie machte eine Pause und er hörte, wie sie sich geräuschvoll die Nase putzte, dann wurde ihre Stimme sehr leise und zärtlich „Er ist ein wirklich einfühlsamer, aber auch leidenschaftlicher Liebhaber, mit dem es nie langweilig oder gar eintönig ist. Sein Liebesspiel ist intelligent und hat so viele Facetten wie es sein Geist und seine Persönlichkeit haben. Ich liebe es, ihn zu lieben!"

„Weißt Du, ob Severus in Eurer Ehe genau so glücklich ist?", Jean hörte sich langsam etwas ratlos an, „Immerhin war es sicherlich nicht sein Plan seine ehemalige Schülerin zu heiraten und mit ihr zügig eine mittelgroße Familie zu gründen."

Auch hier brauchte Hermine nicht lange zu überlegen, „Ganz bestimmt! Obwohl vieles in den letzten zehn Jahren eher unplanmäßig auf ihn zugekommen ist, fühle ich genau, dass er noch nie so zufrieden mit sich und der Welt war, wie in diesen letzten zehn Jahren."

„Ja, er hat schrecklich gelitten, als Du weg warst!", stimmte Jean zu.

„Ich auch, ohne ihn und die Mädchen!", ergänzte Hermine.

„Und jetzt?", fragte ihre Mutter nach einer Weile sehr mitfühlend, „willst Du mit ihm darüber sprechen?"

„Nein, erst einmal nicht!", Hermine klang etwas panisch, „Ich glaube nicht, dass er damit umgehen könnte. Vermutlich würde er sofort losrennen und Harry verhexen und mich gleich mit. Oder er würde in seiner Not in meinen Geist eindringen, um dort nach entsprechenden Gedanken oder Erinnerungen zu suchen."

Verdammt! Ganz genau das würde er machen, daran bestand gar kein Zweifel!

„Aber Du musst doch etwas unternehmen oder denkst Du es geht wieder vorbei?"

Sie stöhnte leise auf, „Nein! Ich werde der Sache auf den Grund gehen, daher habe ich mich entschieden, einen Heiler im St. Mungos aufzusuchen, der sich auf Legilimentik spezialisiert hat! Ich muss wissen, was dahinter steckt, morgen Nachmittag habe ich bereits einen Termin."

„Das erscheint mir eine sehr gute Idee! Und wenn Du schon bei einem Arzt bist, solltest Du Dich auch gründlich durchchecken lassen, Hermine, Deine andauernde Müdigkeit und Appetitlosigkeit machen Deinem Vater und mir ernste Sorgen!", riet ihre Mutter.

„Das steht eh auf dem Plan!", seufzte Hermine, „Severus hätte mich am liebsten schon vor Tagen zu Poppy geschleppt!"

„Gut, warten wir das Ergebnis ab, vorher können wir eh nur spekulieren!", schloss Jean das Gespräch, „Komm, lass uns zurück zum Haus gehen, der Himmel sieht aus, als wenn gleich ein Wolkenbruch herabkommen würde."

Erschrocken erhob sich auch Severus. Zum Glück wählten die beiden Frauen den, von ihm aus gesehen, entgegengesetzten Weg über die Felsen.

„Hermine?", setzte Jean nochmals an, als sie aufstand.

„Ja, Mum?"

„Auch wenn mir schon klar ist, dass ein Gespräch mit mir Deine Sorgen nicht einfach wegwischen, bin ich doch froh, dass Du mit mir gesprochen hast!"

„Ach, Mum, ich bin auch froh, dass Du mir zugehört hast", stimmte ihr Hermine zu und umarmte ihre Mutter, „eine Last wird immer leichter, wenn man sie mit einem anderen Menschen teilen kann."

Dann stiegen sie den schmalen Weg über die Felsen hinab und das Letzte was er Jean sagen hörte, war „Ich habe übrigens nie an Mister Pembrook oder Onkel Arthur oder gar an Harrison gedacht, aber ich gebe zu, dass ich Robert Redford sehr erotisch finde!"