Täuschungen 6 Trance

Severus ließ sich mit wackligen Knien zurück auf den Stein sinken. Als er mit seiner zitternden Hand über die brennenden Augen fuhr, bemerkte er, dass er schwitzte und sein Magen fühlte sich an, als wenn ein riesengroßer, schwerer Klumpen darin liegen würde, der ihm eine drückende Übelkeit bescherte.

Grundgütiger! Wie nur, … wie konnte das nur möglich sein. Bis vor einer halben Stunde war sein Leben doch endlich wieder einigermaßen im Lot. Er war glücklich und er hatte verdammt noch mal auch geglaubt, dass es seiner Frau ähnlich gehen würde!

Natürlich war ihm schon aufgefallen, dass Hermine hier und da etwas abwesend wirkte, besonders wenn er sie oder sie ihn verführte oder wenn sie sich unbeobachtet wähnte. Er hatte es aber auf ihre Magenprobleme und ihre allgemeine Erschöpfung zurückgeführt.

Konnte es wirklich sein, dass sie ihn betrogen und dann diese Erinnerung – oder diese Erinnerungen, großer Merlin! – aus ihrem Gedächtnis gelöscht hatte?

Er bemerkte, dass dieser Klumpen in seinem Magen bei diesem Gedanken unbedingt aus seinem Bauch herauswollte. Nur mit Mühe konnte er das Würgen unterdrücken.

Sein Atem wurde unregelmäßig und hektisch. Sieben Wochen waren lang, besonders für eine Frau in ihrem Alter. Sie war einsam gewesen und unglücklich und ihr bester Freund an ihrer Seite ebenfalls. Vielleicht hatte ja das eine das andere ergeben.

Jetzt war der Brechreiz nicht mehr zu verdrängen und mit einem ekelerregenden Geräusch musste er sich übergeben.

Als nichts mehr in seinem Magen war, was hätte heraus kommen können, zückte er ausgelaugt seinen Zauberstab, um seine Schwäche zu beseitigen.

Das war ihm das letzte Mal passiert, als er mit ansehen musste, wie Lilli Evans diesen James geküsst hatte. Eine Liebe, die er an einen Potter verloren hatte. Verdammt! Ihm wurde schon wieder übel. Er musste sich zusammenreißen, zum Kuckuck!

Außerdem hatte er Hermine nicht verloren, hatte sie nicht eben noch ihrer Mutter gesagt, dass sie keinen anderen haben wollte, als ihn? Und trotzdem, irgendetwas stimmte da nicht, sonst hätte sie sich selbst darüber nicht solche Sorgen gemacht.

Sichtlich verstört schaute er auf seinen Handrücken, auf den gerade ein dicker Tropfen gefallen war. Diesem ersten folgten schnell viele, anscheinend hatte er das dumpfe Grollen um ihn herum und die dicken Wolken, die schon seit geraumer Zeit über ihn hinweg zogen gar nicht richtig wahrgenommen.

Was sollte er jetzt nur tun? Verzweifelt starrte er aufs Meer hinaus.

Sie hatte Recht gehabt. Wenn er seinem ersten Impuls nachgeben würde, führte ihn sein Weg direkt zu Potter, um ihn für was auch immer er getan hatte mit einem seiner schlimmsten Flüche zu belegen oder er wäre in ihren Geist eingedrungen, hätte dort die Erinnerungen an die letzten Monate durchforstet, egal, ob ihr das gefallen hätte oder nicht.

Sie kannte ihn wirklich zu gut.

Aber was, wenn er tatsächlich solche Erinnerungen finden würde? Was, wenn sie wirklich von einem anderen Mann träumte, sich das selbst nur noch nicht oder nicht mehr eingestehen würde? Blanke Verzweiflung begann sich in ihm auszubreiten, und nahm ihm die Luft zum atmen.

Mittlerweile ging ein wahrer Wolkenbruch auf die Küste nieder und Severus war rasch bis auf die Haut durchnässt. Es war ihm egal, sein Leben hatte gerade einen schlimmen Riss bekommen, was machte da ein wenig Regen?

Morgen Nachmittag wollte sie also zu diesem Heiler. Bis dahin musste er warten. Vielleicht stellte sich ja auch alles als harmlos heraus. Wie sehr würde er sich das wünschen - obwohl ihm gerade nicht einfiel, wie diese harmlose Variante aussehen könnte.

Zitternd erhob er sich und streckte den Rücken durch, irgendwie würde es ihm gelingen bis morgen Abend durchzuhalten. Am besten, indem er so wenig wie möglich mit ihr zusammen war. Er presste seine Lippen fest aufeinander und wollte sich endlich mit schleppenden Schritten auf den Weg zurück machen, als ihn eine weitere schlimme Erinnerung durchzuckte.

Es war der Abend gewesen, als der dunkle Lord verschwunden war. Die Nacht in der dieser sich entschlossen hatte, wegen einer geheimnisvollen Prophezeiung das Kind und wenn nötig auch dessen Eltern zu ermorden. Damals, als er die Nachricht von Lillis Tod erhalten hatte war er einer der ersten dort in Godric´s Hollow gewesen und hatte sie neben dem schreienden Kind liegen sehen, in dieser Nacht hatte er gar nicht mehr aufhören können sich zu übergeben.

Seine Rückkehr ins Haus führte zu erstaunten Blicken seiner Frau, seiner Schwiegermutter und vor allem seiner Töchter.

„Dad, Du bist klatschnass!", empörte sich seine Jüngste.

„Severus Snape, bist Du verrückt! Warum hast Du keinen Trocknungszauber gesprochen?", schimpfte auch Hermine, „Du holst Dir noch den Tod! Du bist schon ganz blass um die Nase!"

„Es ist nicht schlimm, nur Wasser", murmelte er ohne sie anzusehen, um dann möglichst schnell ins Badezimmer zu marschieren, wo er sich eine heiße Dusche gönnte.

Doch alles heiße Wasser vertrieb diese Kälte in seinem Inneren nicht, daher stellte er irgendwann den warmen Strahl ab und zog sich trockene Sachen an.

Als er langsam die Treppen hinunter stieg, fand er seine ganze Familie im Wohnzimmer vor. Er räusperte sich etwas umständlich:

„Ich habe vorhin bemerkt, dass mir noch einige Dinge für den Unterricht fehlen und wollte sie morgen in der Winkelgasse besorgen, wer hat Lust mich zu begleiten?" Er blickte seine Töchter und auch seine Frau fragend an.

Die Mädchen waren sofort begeistert, nur Hermine wich seinem Blick aus und murmelte etwas von einem wichtigen Termin.

„Triffst Du Dich mit Kingsley", fragte er wie nebenher, obwohl er sehr wohl wusste, wohin sie wollte.

„Nein", entgegnete sie, „ich folge Deinem Rat und lasse mich im St. Mungos gründlich untersuchen. Es ist doch nicht normal, dass ich trotz ausreichendem Schlaf ständig müde bin!"

„Ganz meine Rede!", stimmte er ihr zu, „aber warum gehst Du dann nicht zu Poppy?"

Hermine zog ihre Augenbrauen zusammen, „Weil die ganze Forschungsgruppe sich bei Heiler Melone kurz vor der Reise hat durchchecken lassen und ich glaube, dass er dann die Ergebnisse besser vergleichen kann."

„Ja, das erscheint mir sinnvoll", er überlegte gerade, ob ihr diese Ausrede ganz spontan eingefallen war oder ob sie sich das sorgsam zurechtgelegt hatte.

„Wir könnten aber trotzdem alle zusammen morgen früh nach London flohen und uns dann verteilen", überlegte Hermine, „kannst Du noch bis morgen früh bleiben, Mum?"

„Ja, mein erster Patient kommt erst um 10:00 Uhr", antwortete Jean, nachdem sie ihren Kalender zurate gezogen hatte.

„Sehr gut!", Severus atmete auf, damit waren nur noch ein halber Tag und eine Nacht zu überbrücken, „ich gehe noch in mein Labor, bevor ich mich ums Abendessen kümmere."

Der Tag verging schneller als er zu hoffen gewagt hatte. Zwar hatte er keinen einzigen Trank zustande gebracht, was bei seiner Unkonzentriertheit auch kein Wunder war. Dafür war ihm das Abendessen noch vergleichsweise gut geraten. Er hatte sich danach freiwillig angeboten seinen Töchtern vorzulesen, was er so ausgiebig tat, dass Hermine schon schlief, als er ins Schlafzimmer kam.

Auf eine schreckliche, schlaflose Nacht, die er mehr in Sessel vor dem Kamin, als in seinem Bett verbrachte, folgte ein sehr hektisches Frühstück, denn seine Töchter berieten zwischen Toast und Eiern lautstark und kontrovers, welche Läden sie besuchen und welche Dinge sie noch unbedingt kaufen müssten.

Sie beschlossen erst Jean vor der Praxis der Grangers abzusetzen und dann die U-Bahn zu nehmen, um von dort zur Winkelgasse und zum St. Mungos zu gelangen. Hermine hielt es schon immer für wichtig, dass ihre Mädchen sich in der Welt der Muggel genau so gut zurecht fanden wie in der magischen Welt.

Da Hermine nicht wusste, wie lange ihr Termin dauern würde, vereinbarten sie keinen Treffpunkt, sondern würden getrennt zum Sommerhaus zurückkehren. Mit einem schnellen Kuss verabschiedeten sich die drei von ihr und machten sich Richtung Winkelgasse auf.

Severus hätte diesen Tag sicherlich unter anderen Umständen sehr genossen. Die großen, sehnsüchtigen Augen seiner Mädchen, die sich vor dem Schaufenster mit dem neuesten Rennbesen eine Ewigkeit die Nasen platt drückten oder die wilden Diskussionen, welches der magischen Tiere im Laden wohl das Erstrebenswerteste war, die ruhigen Stunden bei Flourish & Blotts, wo seine Töchter in der Kinderabteilung verschwanden und er sich in die hinterste Ecke des Ladens zurückziehen konnte, um Mister Blotts Neuerscheinungen auf dem Gebiet der Tränkekunde zu durchforsten, leider nicht so konzentriert und entspannt wie sonst, er kaufte trotzdem drei Stück. Ihm hätte wohl auch die Mittagspause im Tropfenden Kessen gut gefallen, wo Eileen und Sera ihm voller Stolz ihre Beute bei einer köstlichen Suppe wieder und wieder zeigen mussten.

All das hätte einen sehr angenehmen Tag ergeben können, wenn diese Unruhe und das bleierne Gefühl von Unheil nicht gewesen wären, welche ihn seit dem erlauschten Gespräch zwischen seiner Frau und ihrer Mutter nicht mehr losließen.

Gegen sechs Uhr wurden seine Töchter schließlich müde und ließen sich endlich dazu bewegen nach Hause zu flohen.

Als sie aus dem Kamin im Wohnzimmer stiegen und Sera ungeduldig nach ihrer Mutter rief, stellte er fest, dass Hermine noch immer nicht zurück war. Sein ungutes Gefühl verstärkte sich erheblich.

Er bereitete schnell ein einfaches Abendessen zu, das die Mädchen aber aus lauter Müdigkeit fast nicht anrührten und er verschmähte, weil sein Magen wie zugeschnürt war.

Noch immer fehlte von seiner Frau jede Spur. Die Küchenuhr zeigte schon sieben Uhr an.

Wo blieb sie nur?

Eileen und Sera fielen die Augen zu, daher brachte er sie zügig ins Bett und las ihnen sehr unkonzentriert eine kurze Geschichte vor. Gut, dass sie so schnell einschliefen, normalerweise hätten sie ihm seine Unaufmerksamkeiten nicht durchgehen lassen.

Als er wieder nach unten kam, hörte er ein leises Geräusch und als er die Tür zum Wohnraum aufstieß, sah er Hermines Silhouette im Halbdunkel. Als sie seine Schritte bemerkte, drehte sie ihren Kopf nur unmerklich in seine Richtung und ihre Stimme war seltsam tonlos, als sie murmelte:

„Severus, ich muss Dir etwas sagen, bitte schließ die Tür."

Sein Herz schlug ihm bis zum Hals, als er mit zitternden Händen ihrem Wunsch nachkam.