Täuschungen 8

‚Wie konnte sie ihm das nur antun?', war alles, was er immer und immer wieder denken konnte.

Sie, der ersten und einzigen Person in seinem Leben, der er so vollkommen vertraut, ihr so bedingungslos geglaubt und sich ihr dermaßen ganz und gar hingegeben hatte. Sie, die er mit jeder einzelnen Faser seines Seins liebte und begehrte.

Sie, ausgerechnet sie, musste ihn betrügen und täuschen. Sie musste ihn belügen und hintergehen.

Sie hatte alles zerstört! Alles hätte er ertragen, wirklich alles andere.

Wie konnte sie ihm das nur antun?

Er wusste es nicht, und er hatte auch irgendwann keine Kraft mehr, darüber nachzudenken.

Er wusste auch nicht, wie lange er dort vor der Toilettenschüssel verbracht hatte, er hatte sich nicht die Mühe gemacht den Raum zu verlassen. Wofür auch, alles in seiner Wohnung erinnerte ihn an sie und damit an die Ungeheuerlichkeit ihres Treuebruchs, und hätte nur einen neuerlichen Brechreiz zur Folge gehabt.

So fand ihn dann irgendwann Minerva McGonagall.

„Severus!", rief sie schockiert und rümpfte die Nase, „Was ist mit Dir?"

Er murmelte ein schwaches: „Lass mich allein!"

„Das werde ich ganz gewiss nicht!", ihre Stimme war voller Sorge, „sag mir was geschehen ist!"

„Geh weg!", wiederholte er, um etwas mehr Kraft bemüht, aber sein trockener Hals und sein schmerzender Magen waren dabei keine Hilfe.

Minerva schwang ihren Zauberstab und befreite erst einmal ihn und das Bad von Gestank und Verunreinigung.

„Wo sind Hermine und die Mädchen?", fragte sie dabei und ihre Sorge schien sich noch zu steigern.

„In Cornwall", er versuchte seine Atmung flach zu halten, damit der Brechreiz nicht wiederkehrte.

„Severus, bitte, warum liegst Du hier in diesem Zustand herum und Hermine ist nicht da?"

Er wollte und würde ihr nicht antworten, denn sonst hätte er sich wieder erinnern müssen und aller Kummer wäre erneut über ihn zusammengebrochen. So wandte er den Kopf ab und schloss die Augen.

„Nun gut!", schnaubte Minerva und stemmte ihre Hände auf die Hüften, „wie Du willst, Du alter Sturkopf!"

Voller Besorgnis verließ sie das Bad, um als erstes Poppy über den Wohnzimmerkamin zu rufen und dann so schnell als möglich nach Cornwall zu apparieren.

Madam Pomfrey hatte ihn gegen seinen ausdrücklichen Wunsch auch nicht in Ruhe gelassen.

Natürlich nicht!

Sie hatte ihn vielmehr unter vielfältigem Geschimpfe, mit einem wirklich hinterhältigen Zauber ins Schlafzimmer verfrachtet, um ihn dort ohne viel Federlesens ins Bett zu packen. Dann sorgte sie dafür, dass er mehrere Heiltränke zu sich nahm, von denen einer wohl ein Schlaftrank war, denn fast sofort nach der Einnahme fiel er in einen tiefen, traumlosen Schlaf.

Als er wieder erwachte, saß Minerva mit bleichem Gesicht neben seinem Bett. Ein Blick in ihre sorgenvollen Augen genügte und ihm fiel alles wieder ein und sein Magen startete eine neuerliche Produktion von schweren Klumpen. Sofort schloss er seine Augen und wollte sich schon von ihr wegdrehen, als sie ihn leise ansprach: „Severus, ich kann mir sehr gut vorstellen, wie schmerzhaft und enttäuschend das alles für Dich ist, aber Du kannst Dich nicht verkriechen und Deine Wunden lecken! Du hast eine Verantwortung für Dich, aber vor allem für die Mädchen und auch für Deine Frau!"

„Sprich mir nicht von Verantwortung!", zischte er voller Zorn.

„Doch, das tue ich!", antwortete Minerva fest, „Deine Töchter sind völlig durcheinander, sie verstehen absolut nicht, warum ihr Vater plötzlich weg ist und ihre kranke Mutter alleine lässt."

Sein Schweigen war Eingeständnis genug, sie hatte Recht, seine Kinder konnten nichts dafür und er wollte bestimmt nicht, dass sie unglücklich oder verängstigt waren.

„Ich werde mich darum kümmern!", murmelte er.

„Das ist gut, aber das reicht nicht, Severus!", bestimmte Minerva entschlossen, „Du musst Dich auch um Hermine kümmern!"

„Warum sollte ich das tun", fuhr er sie an und musste wieder würgen, „Sie ist Schuld an all dem, sie hat betrogen und gelogen! Sie, nicht ich!", zitternd ließ er sich wieder in die Kissen sinken.

„Das mag sein", Minerva ließ nicht nach, „aber Du musst trotzdem etwas tun, sie braucht Dich jetzt, mehr als je zuvor!"

„Nein!"

„Bitte Severus!", flehte Minerva.

„Nein!", schrie er.

„Severus, sie wird sonst ihr Kind verlieren!"

„Das ist mir scheiß egal, soll sich doch der Vater darum kümmern!"

„Ich bin mir sicher, dass der Vater nichts von seinem Kind weiß! Bitte, geh in Dich und tue ihr und auch Eileen und Sera den Gefallen und springe über Deinen Schatten!"

„Ich denke nicht daran!"

„Du engstirniger, halsstarriger Narr!", aus Minervas Augen stoben Funken, „Stell Dir vor, Du tust ihr Unrecht, stell Dir vor, es wäre Dein Kind, Du würdest es Dir nie verzeihen, ihr nicht beigestanden zu haben!"

„Ich tue kein Unrecht, wenn ich ihren eigenen Worten glaube! Und es ist definitiv nicht mein Kind, das sie da bekommt!"

Minerva stand vom Stuhl auf, ging einige Schritte im Raum auf und ab und blieb schließlich vor der Kommode mit den vielen Bildern stehen. Sie betrachtete eingehend das Hochzeitsfoto, die Bilder mit den Kindern, all die Erinnerungsfotos, von denen sie wusste, dass sie Severus und Hermine am Herzen lagen. Vorsichtig fuhr sie mit dem Zeigefinger über den Rahmen eines Fotos, auf dem sich die beiden unter der großen Linde am Seeufer im Arm hielten, sie waren eingeschlafen und das Bild war etwas verwackelt, weil Eileen es geschossen hatte, mit der Kamera ihres Grandpas. Aber Hermine hatte immer behauptet, dass es eines der besten Fotos wäre, die sie je gesehen hätte.

Mit einem entschlossenen „Nun gut!", drehte sie sich zu ihm um, „All das mag sein, Severus, aber wenn es andersherum wäre, sei Dir gewiss, eine Hermine Granger würde Dich nie im Stich lassen, egal was Du getan hättest!"

„Das hat sie aber bereits, verstehst Du das nicht?", schrie er aufgebracht, „sie ist kein kleines Dummerchen, das mal schnell mit irgendwem ins Bett steigt, weder in Afrika noch sonst wo, sie ist ein rationaler Mensch, der plant und abwägt, der warten kann und dann ganz genau weiß, was er tut! Sie hat sich entschieden, verstehst Du das Minerva? Sie hat sich gegen mich, gegen diese Familie und für diesen anderen Mann entschieden!"

Minerva sah ihn lange an, dann nickte sie langsam: „Genau das sehe ich auch so, Severus, sie ist nicht der Typ für so etwas und ich frage mich, wann Du endlich anfängst Fragen zu stellen, anstatt Deinen so leicht gefundenen Antworten vorbehaltlos zu glauben. Denn für eine Frau, die ihre Entscheidung so bewusst trifft, wie Du behauptest, ist sie verdammt unglücklich!"

Sie drehte sich schwungvoll auf dem Absatz um, „Die Schüler kommen in wenigen Stunden, es gibt noch viel zu tun, ich gebe Dir die erste Woche frei, damit Du Dir über die vielen offenen Fragen und Ungereimtheiten in der ganzen Geschichte Gedanken machst", sie schaute ihn abschätzend an, „Ich habe Hermine auf die Krankenstation bringen lassen, die Mädchen bleiben vorerst mit Abby in Cornwall. Melde Dich bei Ihnen, sie brauchen Dich!"

Im Herausgehen deutete sie auf seinen Nachttisch, auf dem sich diverse Flakons tummelten. „Und nimm gefälligst Deine Medizin, sonst hetzte ich Dir Poppy auf den Hals!"

Er zog die Bettdecke höher und ließ sie grußlos den Raum verlassen.

Was bildete sie sich nur ein. Er sollte sich auch noch darum kümmern, dass es ihr besser ging, dass sie dieses Kind nicht verlor. Er dachte gar nicht daran. Jeder Schmerz, den sie erlitt, jeden Kummer, den sie ertrug, jede Qual, die ihr zuteil wurde, war wunderbarer, heilsamer, köstlicher Balsam auf seine eigenen Wunden, die sie ihm mit ihrem schändlichen Tun geschlagen hatte.

Er würde es zutiefst genießen, sie leiden zu sehen, es wäre ihm eine Genugtuung, mit ansehen zu können, wie sie reuevoll auf ihre Taten zurückblickte, wie sie voller Sehnsucht, das vermisste, was sie einmal hatte: Eine Familie.

Ja, bei Merlin! Er würde fortan nicht mehr in stumpfsinnigem Selbstmitleid versinken, er würde seine Rache mit erhobenem Haupt und voller Befriedigung mit ansehen.

Mit grimmiger Entschlossenheit schlug er die Bettdecke zurück, schnappte sich mit verächtlichem Blick einen Trank nach dem anderen und kippte ihn ohne mit der Wimper zu zucken herunter.

Die Kiefer fest aufeinander gepresst, stand er aus dem Bett auf. Der leichte Schwindel und das Holpern seines Magens ignorierte er, immerhin hatte er schon weit aus Schlimmeres ertragen und nahm auch die anschließende kalte Dusche ohne eine einzige Regung hin.

Als er damit fertig war, ging es ihm tatsächlich eine Winzigkeit besser und er schaute sich schließlich böse in seinem Wohnraum um, um genau abzuwägen, wie er seine nächsten Schritte angehen konnte. Sein Blick fiel dabei auf die Wohnzimmeruhr, ihr Zeiger stand auf „Deiner Frau geht es schlecht", was ihn zu einem beißenden, bitteren Lachen verleitete.

Verdammt, genau so sollte es auch sein!