Täuschungen 9

Sein erster Weg führte ihn nach Cornwall.

Bei Merlin, alles sah so friedlich aus. Möwen kreisten über der nahen Küste, das Meer brandete gegen den Strand und brach sich auf der anderen Seite der Landzunge an den schroffen Felsen. Ein warmer Spätsommerwind fuhr ihm durch die Haare und normalerweise hätte er sich die Zeit genommen einen tiefen, zufriedenen Atemzug zu tun. Aber es gab plötzlich kein Normal mehr. Alles war aus den Fugen geraten. Daher nahm er sich für nichts Zeit, sondern riss die Haustüre auf und rief nach seinen Töchtern.

Allerdings fand er nur Abby vor, die ihn zuerst freudig begrüßen wollte, immerhin hatte sie ihn einige Wochen lang nicht gesehen, dann aber vor seinem Gesichtsausdruck erschreckt zurück wich. „Professor?"

„Wo sind die Mädchen?", war alles, was er wissen wollte.

„Sie wollten zum Meer hinunter, aber wahrscheinlich sitzen sie wieder auf der Bank an den Klippen." Stotterte Abby, wenn ihr Chef so aussah, war eigentlich Flucht die beste und einzige Möglichkeit unbeschadet aus der Geschichte heraus zukommen, egal ob man etwas damit zu tun hatte oder nicht.

„Wie geht es Ihrer Frau?", wagte sie dann aber doch noch zu fragen und auch sie klang sehr besorgt.

Doch er hatte sich schon umgedreht, natürlich ohne sich die Mühe zu machen, ihr zu antworten und machte sich mit finsterem Blick auf zu seinem Lieblingsplatz, der anscheinend alle Mitglieder dieser Familie magisch anzog.

Eilig stapfte er den schmalen Pfad zu den Klippen hinab und fast hatte er sein Ziel erreicht, als es ihn an ein Déjávu glauben ließ, denn zwei helle, wohlbekannte Stimmen waren zu hören, gerade, als er um den letzten Felsvorsprung bog.

Auch dieses Mal blieb er stehen und lauschte angespannt, als er seine Tochter Sera leise schniefen hörte:

„Ich habe solche Angst!"

„Du musst keine Angst haben, ich bin doch da und Dad wird bald wiederkommen und Mum

wird sicherlich schnell wieder gesund, Tante Poppy sorgt schon dafür!", tröstete Eileen ihre kleine Schwester, obwohl auch sie lange nicht so ausgeglichen und ruhig klang, wie gewöhnlich.

„Ja, aber was ist, wenn Dad nicht wiederkommt?", ließ Sera nicht locker.

„Natürlich kommt er wieder!", ließ Eileen keinen Zweifel.

„Aber warum ist er überhaupt weg?", fragte Sera zweifelnd.

„Er hatte sicherlich Wichtiges zu tun, in London oder in Hogwarts!", überlegte Eileen.

„Was kann es Wichtigeres geben, als sich um Mum zu kümmern, wenn es ihr nicht gut geht?", wollte Sera wissen und als ihre große Schwester schwieg, fiel ihr eine logische Erklärung ein und man hörte förmlich ihr Herz angstvoll klopfen, „Sie haben sich sicherlich gestritten und jetzt haben sie sich nicht mehr lieb!"

„Aber nein", beeilte sich ihre große Schwester zu entgegnen, „auch wenn sie sich gestritten haben sollten, lieb haben sie sich doch trotzdem!"

„Aber was, wenn nicht?", schluchzte Sera panisch.

„Hör doch", versuchte Eileen es mit Argumenten, „wir streiten doch auch ab und zu, und Mum und Dad schimpfen auch oft mit uns, aber ich hab Dich trotzdem lieb und Mum und Dad haben uns auch lieb, da bin ich mir sicher!"

Darüber schien Sera eine Weile nachdenken zu müssen und man hörte nur das Rauschen des Meeres und die Schreie der Möwen. Dann aber fiel ihr ein Gegenbeispiel ein und ihre Stimme hatte wieder dieses Zittern, das auch bei ihrer Mutter zu hören war, wenn sie Angst hatte.

„Aber große Leute können sich auch entlieben! Die Eltern von Cloe und Clemens Churchplay wohnen jetzt in zwei Wohnungen, weit voneinander entfernt, die haben sich auch nicht mehr lieb."

„Stimmt", gab Eileen ziemlich betrübt zu, „das war für Cloe schlimm, aber der Dad von den beiden hat eine junge Hexe kennengelernt, die er eben lieber hat, als die Mum von Cloe und Clemens."

„Und wenn Dad jemanden gefunden hat, den er lieber hat? Oder Mum jemanden kennengelernt hat, der besser zu ihr passt?" Das Zittern in Seras Stimme wurde noch stärker.

„Es gibt keinen Menschen auf der ganzen Welt, den Dad lieber mag als Mum und es gibt keinen Mann auf der ganzen Welt, der besser zu Mum passt, als unser Dad!", war sich Eileen felsenfest sicher und klang so überzeugt, dass ihre Schwester sich ein wenig zu beruhigen schien, denn sie begann unvermittelt zu kichern, „Das stimmt! Ohne Mum wird Dad wieder dieser Blödmann, von dem Onkel Ron und Onkel Harry immer so lustig erzählen!"

Beinahe wäre Severus ein sehr unflätiger Fluch entwichen.

Auch Eileen lachte nun leise und ergänzte: „Und Mum ist immer ganz unglücklich, wenn Dad nicht da ist. Sie spielt dann immer mit ihrem Ring."

„Genau! Vielleicht ist Dad ja jetzt bei Mum, dann geht es ihr bestimmt sofort besser!", fiel Sera hoffnungsvoll ein.

„Ja, das wäre möglich und darum kann er auch nicht hier bei uns sein, ist doch klar!", pflichtete ihr Eileen hoffnungsvoll zu.

„Ja, das ist klar!", stand es jetzt auch für Sera fest und man hörte sie vernehmlich durchatmen.

„Wollen wir wieder nach Hause gehen?", erkundigte sich Eileen.

„Nein, lass uns noch etwas hier sitzen bleiben, Du wolltest doch noch meine Haare flechten!"

Severus atmete auch tief ein und dachte über das Gehörte kurz nach. Seine Töchter hatten trotz ihrer Jugend einen sehr realistischen und vor allem richtigen Blick auf die Dinge. Von ihrer Seite aus, waren alle Schlüsse logisch und die Ängste und Sorgen die sie hatten, kannte er aus seiner eigenen Kindheit zu Genüge, lange Jahre hatte er vor nichts größere Angst gehabt, als davor, dass seine Eltern sich trennen würden.

Aus heutiger Sicht wäre es aber vielleicht das Beste gewesen, wenn sein Vater und seine Mutter einen Schlussstrich gezogen hätten, denn nach seiner Angst um eine Trennung kam die genau so große Angst vor den Gewaltausbrüchen seines Vaters, wenn er mal wieder seine Ängste und Sorgen im Alkohol zu vergessen suchte.

Er atmete tief durch und kehrte einige hundert Yards zum Wohnhaus zurück, nur um sich dann wieder umzudrehen und mit lauter Stimme nach seinen Mädchen zu rufen.

Mit einem überraschten Juchzen tauchten sie sogleich hinter den Felsen auf und rannten auf ihren Vater zu. Sera war deutlich schneller als ihre Schwester und riss ihn fast von den Füßen, als sie in seine Arme flog. Eileen tat es ihr gleich, vergaß aber nicht einen abschätzenden Blick in seine schwarzen Augen.

„Mensch, Dad", schniefte Sera, „wo warst Du denn nur?", sie klang eindeutig vorwurfsvoll und sie ließ ihm keine Zeit zu antworten, denn ihre Fragen drängten so, dass sie alle auf einmal aus ihrem Mund heraus mussten „Wie geht es Mum? Was hat sie denn nur? Wann dürfen wir zu ihr?" Und wahrscheinlich hätte sie ihm noch 1000 andere Fragen gestellt, wenn er sie nicht auf seinen Arm genommen hätte und dicht an sich gedrückt hätte. So schlang sie ihre dünnen Arme um seinen Hals und genoss für einen Augenblick still seine Nähe.

Mit dem freien Arm zog er seine Älteste ebenfalls fest an sich und auch sie seufzte tief und befreit auf.

„Also?", ließ Sera an seinem Hals nicht locker, als Severus nicht antwortete.

„Eure Mum ist auf der Krankenstation in Hogwarts und Tante Poppy passt gut auf sie auf", er streichelte über Eileens Rücken, „Und ich war auch die ganze Zeit dort. Ihr wisst doch, dass die neuen Schüler heute kommen und das Schuljahr morgen beginnt, da gab es noch so viel vorzubereiten."

„Nimmst Du uns mit zurück nach Hogwarts?", fragte Eileen leise.

„Natürlich, ihr wollt doch bestimmt die Auswahl des Sprechenden Huts mitbekommen, oder etwa nicht?"

„Oh ja, bitte, das wäre super!", jubilierte Sera und drückte sich noch etwas näher an ihren Dad heran.

„Na, dann müsst Ihr Euch jetzt aber beeilen und Eure Sachen zusammenpacken", bestimmte Severus, sehr um einen leichten Tonfall bemüht „und wir müssen Abby noch Bescheid geben." Er ließ Sera auf den Boden gleiten und stemmte die Arme auf die Hüften, „Also, meine Damen, warum stehen Sie hier noch so untätig herum?"

Das ließen sich die beiden natürlich nicht zweimal sagen, wie der Wind waren sie im Haus verschwunden, riefen lautstark nach Abby und suchten nach ihren Sachen, Taschen und Koffern und waren so die nächsten beiden Stunden vollauf beschäftigt.

Zeit für ihn, sich auf den jetzt freien Lieblingsplatz zu setzten und in Ruhe über das nachzudenken, was Minerva gesagt hatte und das was seine Töchter beschäftigte.

Es tat wirklich gut, hier zu sitzen und dem beruhigenden Rollen des nahen Meeres zu lauschen, den Möwen bei ihren halsbrecherischen Flugmanövern zuzuschauen und sich den Wind um die Nase wehen zu lassen. Daher nahm er noch einen tiefen, beruhigenden Atemzug, streckte seine langen Beine aus und schloss die Augen.

Minerva hatte ihm an den Kopf geworfen, dass er nur das sah, was er sehen wollte oder eben das, was das Naheliegende war. Was sollte er aber denn sonst sehen? Welche Fragen sollte er denn noch stellen. Er zog seine Augenbrauen unwillig zusammen.

Gab es überhaupt noch Fragen, die sich zu stellen lohnten? Hatte er sich die nicht schon alle gestellt?

Da war z.B. die Frage nach dem ‚Warum', nach dem Grund und nach dem eigentlichen Sinn des ganzen Desasters. Ja, die hatte er bereits gestellt und sie hatte sie ihm auch beantwortet, und obwohl er mit ihrer Antwort nicht zufrieden gewesen war, bot sie ihm doch den Schlüssel zu seiner immer noch schlüssigen These: Eine Hermine Granger gab sich nur freiwillig hin, wenn der Mann auch ihr Herz erobert hatte, mit Leidenschaft, mit Begehren und mit tiefer Liebe.

Sie hatte ihm einmal gesagt, dass Freundschaft alleine leider nicht reichte, und Begehren alleine nie genug war, es musste bei ihr alles zusammenkommen, um sie diesen Schritt tun zu lassen.

Da genügte die tiefe Sympathie und Freundschaft gegenüber einem Ronald Weasley bei Weitem nicht und die erotische Anziehungskraft und das Talent eines Simon Beatys war zwar sehr befriedigend, aber eben lange nicht genug, um diesen Männern alles zu schenken, sich selbst hinzugeben.

Er wusste bis heute nicht, warum gerade er den Schlüssel zu dieser außergewöhnlichen Frau besessen hatte. Warum er der Mann war, der all das zu besitzen schien, was sie sich wünschte. Er hatte ihr so zögerlich seine Freundschaft gewährt und so mit sich gerungen, bis er sein Begehren ihr gegenüber zugelassen hatte. Immer ungläubig, immer zweifelnd. Immer voller Argwohn und Vorsicht, sich selbst gegenüber und auch ihr gegenüber.

Wie recht er schließlich gehabt hatte!

Er bemerkte, wie seine Wut wieder in ihm hoch kochte. All die Bitterkeit und die Enttäuschung drängten sich wieder in seinen Geist, in sein Herz und in seinen Magen.

Tief und regelmäßig durchatmend, brachte er seine Gefühle nur langsam unter Kontrolle.

Nein, so kam er nicht weiter. Seine Emotionen und seine Verletzungen würden seinen rationalen Verstand immer wieder beeinträchtigen. Das war eben die Folge, wenn man sich entschieden hatte, keine schützenden Mauern mehr um sein Herz zu benötigen. Man war verletzlich.

Verdammt!

Mit einem wütenden Schnauben fasste er einen Entschluss und machte sich rasch auf, um zum Haus zurück zu eilen.

Er musste nach Hogwarts zurück. Sofort.