Täuschungen 10

Tatsächlich waren seine Töchter bereits fertig und warteten zusammen mit einer sehr vorsichtigen Abby auf ihn. Schnell hatten sie den Portschlüssel aktiviert und standen wenige Augenblicke später in ihrem Wohnzimmer in den Kerkern Hogwarts.

„Packt Eure Sachen ordentlich weg und zieht Euch Eure Umhänge an und dann ist es auch schon Zeit für die Auswahlzeremonie! Abby wird Euch helfen. Ich bin in der Zeit in meinem Labor."

Seine Töchter nickten, blieben aber dennoch vor ihm stehen.

„Was?", er sah fragend auf sie herab.

„Wann können wir zu Mum?", fragte Eileen.

„Erst morgen, ich sehe nachher nach ihr, aber für Euch ist es nach dem Essen zu spät. Wahrscheinlich fallen Euch schon vorher die Augen zu!"

„Aber morgen können wir bestimmt zu ihr?", erkundigte sich Sera misstrauisch.

„Ich verspreche es", nickte Severus genervt, „direkt nach dem Frühstück, außer Poppy sagt was anderes!"

„Gut, soll ich meinen blauen oder meinen grünen Umhang anziehen, Dad?", wollte Sera wissen, war aber schon in ihrem Zimmer verschwunden, bevor Severus überhaupt den Mund zu einer Erwiderung aufmachen konnte. Wahrscheinlich wusste sie seine Antwort auch schon von selbst.

Kopfschüttelnd begab er sich in sein Labor, dort verschloss er sorgsam die Türe und zückte seine Taschenuhr. Die Zeit war eng bemessen, er musste sich beeilen.

Schnell hatte er das Behältnis mit der glasklaren Flüssigkeit gefunden. Der Grundsud für den Cardioamoris-Trank war äußerlich nicht von Wasser zu unterscheiden. Sorgsam füllte er die nötige Menge in ein Gefäß ab. Dann trat er durch die Verbindungstür in Hermines Büro. Dort fand er sofort den dicken Stapel an Abhandlungen, die sie im Zuge ihrer Meisterarbeit über diesen Trank verfasst hatte. Mit dem herausnehmbaren Blatt, das den Zauberspruch enthielt, kehrte er in sein Büro zurück.

Eine knappe halbe Stunde später hatte sich der Trank mit Hilfe des Zauberspruches in eine dickflüssige rote Masse verwandelt, die jetzt nur noch abkühlen musste. Dafür würde die Zeit während der Auswahlzeremonie und dem anschließenden Essen völlig ausreichen.

Zufrieden versiegelte er sein Labor und machte sich zusammen mit seinen Töchtern und Abby auf den Weg, um ein neues Schuljahr auf den Weg zu bringen und sich mit alten und neuen Nervensägen auseinanderzusetzen.

Minerva war mehr als erstaunt, als sie ihren Tränkemeister zusammen mit seinen Töchtern in die Große Halle kommen sah. Ihren fragenden Blick ignorierte er, gerne hätte er ihr die kalte Schulter gezeigt, seine Mädchen jedoch machten ihm einen dicken Strich durch diese Rechnung, denn sie liebten Hogwarts Schulleiterin heiß und innig und mussten ihr natürlich sofort in aller Ausführlichkeit die neuesten Entwicklungen in ihrem Leben mitteilen und sie selbstverständlich auch nach ihrem Wissenstand bezüglich Hermines Gesundheitszustand ausfragen.

„Ach, Eurer Mum geht es noch gar nicht gut, sie ist mehr als schwach und Tante Poppy hat sich entschieden, ihr einen großen Schlaftrank zu geben, damit sich ihr Körper in Ruhe erholen kann."

Dass Minerva ihre Antwort gerade so laut ausfallen ließ, dass er es mit ein wenig Anstrengung mitbekam, war sicherlich kein Zufall, sie war ja so leicht zu durchschauen!

Trotzdem fand er ihre Hinweise hilfreich. Er würde sie zu nutzen wissen.

Zwei Stunden später kehrte er mit zwei schlafenden Kindern auf den Armen in seine Räume zurück. Sie hatten nicht einmal die Hälfte es Essens überstanden, dann waren sie eine nach der anderen eingenickt.

Als seine beiden Mädchen sorgsam zugedeckt in ihren Betten lagen und von neuen Schülern, herrlichem Essen und dem Lied des Sprechenden Hutes träumten, begab er sich wieder in sein Labor. Der Trank zeigte die erwünschte Farbe und auch die erforderliche Temperatur. Mit einem Zauberstabwisch und einer wohlüberlegten Zauberformel versehen, füllte er den Trank in ein Trinkgefäß und trank ihn ohne abzusetzen in einem Zug aus.

Danach musste er sich setzen, denn ihm wurde etwas schwindlig. Als sich sein Blick wieder klärte, stellte er erfreut fest, dass ihn die Gedanken an seine Frau und ihre Taten in Afrika vollkommen unberührt ließen.

Sehr gut. Der Trank hatte seine Aufgabe erfüllt. Seine Gefühle für die junge Professorin unterschieden sich jetzt nicht mehr groß von denen zu Minerva oder Kingsley.

Jetzt konnte er nachdenken und wahrscheinlich auch ohne große Probleme später zu ihr gehen.

Mit einem Becher Tee begab er sich in sein Büro und reinigte die weiße Wand gegenüber seinem Schreibtisch von allen Notizen der Vergangenheit, er brauchte Platz um seine Gedanken zu ordnen. Immerhin hatte er beschlossen, Minerva mit gutem Gewissen berichten zu können, dass er nicht dem erstbesten Schluss gefolgt war, sondern dem logischsten.

Schnell ließ er die erste These an der Wand erscheinen:
'Hermine war bewusst eine Affäre eingegangen'

Die Beweise, die ihm dazu sofort einfielen, weil er sie wieder und wieder in seinem Gehirn hin und her gewogen hatte, schrieb er sorgsam darunter.

Sie hatte diesem anderen Mann ihr Herz geschenkt

Sie hatte sich von diesem Mann schwängern lassen oder war wenigstens mit ihm das kalkulierbare Risiko eingegangen, schwanger zu werden.

Dann setzte er sich hinter seinen Schreibtisch, starrte die Wand an und dachte angestrengt nach.

Gut, wenn er gänzlich unvoreingenommen an die Sache heran ging, taten sich ihm schon einige Fragen auf. Er zückte seinen Zauberstab und setzte sie in roter Farbe etwas ab:

Wieso ging sie fremd, wenn Sie glücklich mit ihm war?

Wie passte dieses Verhalten zu ihrem Charakter?

Warum gerade jetzt?

Warum wollte sie nun anscheinend diese Schwangerschaft nicht mehr, wo sie sie doch so leicht hätte verhindern können.

Warum kam sie überhaupt ohne Gedächtnis nach Hause?

Und: Warum war der Obliviate so schwach, dass sie sich trotzdem ab und zu an einige Dinge erinnerte?

Severus lehnte sich im Stuhl zurück und legte die Fingerspitzen aufeinander.

Ihm war schon bewusst, dass er nicht über sehr viele Erfahrungen mit Beziehungen verfügte, aber soviel war ihm dann doch schon klar, Liebe konnte man nicht bestellen oder abbestellen. Manchmal war sie einfach da oder änderte sich im Laufe der Zeit oder verschwand wie Dunst, unbemerkt, unbetrauert.

War es zwischen ihm und Hermine auch so gewesen, war ihre Liebe verdunstet? In einem ersten Impuls hätte er das sofort abgestritten, aber er wollte diese Fragen nicht aus dem Herzen, sondern aus dem Kopf heraus beantworten, sonst hätte er ja diesen Trank nicht gebraucht. Er durchdachte die letzten Monate und Jahre und schüttelte dann entschieden den Kopf, nein, er hatte nicht im Geringsten den Eindruck, dass ihre Liebe weniger geworden war, vielleicht anders, aber ganz gewiss nicht geringer. Wenigstens konnte er das von seiner Seite aus mit Sicherheit sagen.

Aber vielleicht hatte sich etwas in der Beziehung zwischen Hermine und Harry geändert. Es war sicherlich schrecklich gewesen, dort in den Verwunschenen Bergen von Sorilana, ermüdend und anstrengend und doch eintönig und frustrierend, beide vermissten ihre Familien, beide waren einsam, hatten nur sich – denn die wenigen anderen Mitglieder der Expedition waren Fremde, vielleicht war ein lange verdrängter Funke übergesprungen und hatte beide entzündet.

Sicherlich nicht unwahrscheinlich, wenn man mal davon absah, dass es so gar nicht zu Hermine Granger passte, mit ihrem besten Freund, dessen Frau gerade ein Kind erwartete und ihre Trauzeugin gewesen war, eine Liaison einzugehen. Besonders weil sie wissen musste, dass sie damit zwei Familien und die Freundschaft zu Weasley aufs Spiel setzen würde, wenn sie entweder dazu stehen würde oder es durch irgendetwas herauskommen würde.

Hatte sie ihm nicht mal gesagt, dass sie nie eine Beziehung zu Harry oder Ron eingehen würde, weil es ihre Freundschaft gefährden würde und weil die beiden eben nicht ihr Typ seien?

Zudem war da die Tatsache, dass Hermine Granger eine grottenschlechte Schauspielerin war, jedenfalls wenn es um ihre Gefühle ging. Er konnte ihr inzwischen schon von Ferne ansehen, was sie dachte. Es spiegelte sich einfach auf ihrem Gesicht wieder. Nie hatte er auch nur den leisesten Verdacht gehegt, dass sie ihre Liebe und Zuneigung ihm gegenüber nicht wahrhaft fühlte und auch wenn er sie mit Potter oder Weasley zusammen sah, war genau das in ihrem Gesicht zu lesen, was sie behauptete ihnen gegenüber zu empfinden: Eine tiefe, innige Freundschaft.

Er seufzte, bei all seinem Bemühen differenziert und systematisch an die Fragen heran zugehen, war er noch keinen Schritt weiter gekommen, außer, dass ihm schon jetzt der Kopf schwirrte. Das konnte ja heiter werden!

Gerade wollte er zu seiner dampfenden Teetasse greifen, als es klopfte.

Überrascht wanderte sein Blick auf seine Schreibtischuhr, sie zeigte 23:07 Uhr an, wer wollte ihn denn jetzt noch sprechen?

„Herein!"

„Hallo Severus, hast Du etwas Zeit?", Jean Granger stand mit ernstem Gesichtsausdruck im Türrahmen.

„Natürlich, aber wo kommst Du um diese Uhrzeit noch her?", er war aufgestanden und trat um den Schreibtisch herum, um seine Schwiegermutter zu begrüßen.

„Minerva hatte mich schon vor zwei Tagen gebeten zu kommen, aber ich war auf einer Tagung in Bath, daher habe ich ihre Nachricht erst vorhin erhalten, als ich nach Hause kam."

„Und wo ist Henry?" fragte Severus.

„Er ist mit einigen befreundeten Ärzten für drei Wochen in die Slums von Buenos Aires."

„Ach ja, davon hat er gesprochen", erinnerte sich Severus, „Willst Du einen Tee?", er rückte Jean den Besucherstuhl zurecht, den er aber vorher noch in ein wesentlich bequemeres Exemplar verwandelte.

„Gerne", nickte sie, „aber vor allem muss ich mit Dir über Hermine und die ganze Situation sprechen." Sie schaute Severus mit kummervollem Gesichtsausdruck an. „Sie schläft und Minerva hat mir nur die wichtigsten Fakten berichtet", sie seufzte tief auf, „Das kann doch alles gar nicht wahr sein!"

Severus machte sich auf den Weg zur Küche und zeigte auf die Wand hinter Jean. „Ja, es erschüttert nicht nur Dich, das kannst Du mir glauben. Ich versuche gerade meine Gedanken zu ordnen und alle Informationen zueinander zu stellen. Du kannst mir sicherlich dabei helfen, denn Minerva behauptet, dass ich nur das sehe, was ich sehen möchte."

Jean nickte und drehte sich zu den Notizen an der Wand um, „Sie hat mir auch von ihren Zweifeln berichtet." Sie griff in ihre Handtasche und zog ein Brillenetui hervor.

In den wenigen Minuten, in der Severus ihr einen Tee zubereitete, hatte sich Jean alle Mutmaßungen und Thesen sorgsam durchgelesen.

Als er mit einem Tablett zurückkam, schaute sie ihn eine Weile nachdenklich an, dann nahm sie tief Atem, „Severus, ich glaube es ist besser, wenn ich Dir sage, dass ich letztes Wochenende ein Gespräch mit Hermine hatte…"

„Ich weiß", unterbrach er sie gelangweilt.

„Woher?", fragte Jean erstaunt, „Hat sie doch mit Dir darüber gesprochen?"

„Nein, ich habe Euer Gespräch mitbekommen."

„Mitbekommen?", wiederholte Jean und zog die Augenbrauen ungläubig in die Höhe.

„Genau, mitbekommen!", Severus schenkte ihr Tee ein und gab ein Stück Zucker hinzu. „Daher auch meine Vermutung mit dem Obliviate."

„Und daher auch Dein Zustand, als Du ins Haus zurückgekommen bist!", kombinierte Jean nachdenklich, „Du hast ausgesehen, als wenn Dir ein Geist begegnet wäre!"

„Wenn ich einem Geist begegnet wäre, hätte ich ganz normal ausgesehen!", schnaubte er, Jean war eben doch eine Muggel, auch wenn sie sich recht gut in der Zaubererwelt auskannte.

„Na gut!", gab sie zu und ein kleines Grinsen legte sich auf ihr Gesicht, das übrigens soviel Ähnlichkeit mit dem von Hermine hatte, wie ihm mal wieder einfiel. Dann kniff sie aber ihre Augen zusammen und fixierte ihn kritisch, „Warum siehst Du eigentlich jetzt nicht aus, als wenn Dir Merlin höchstpersönlich erschienen wäre? Ich finde, Du siehst unnatürlich gelassen aus, in Anbetracht der ganzen Ereignisse!"

„Ich habe einen Trank genommen, denn meine Emotionen störten mich beim Denken!" erklärte Severus ruhig und setzte sich wieder auf seinen Schreibtischstuhl.

„Interessant, ist es dieser Trank, über den Hermine ihre Meisterarbeit geschrieben hat?"

Severus nickte bestätigend und Jeans Grinsen wurde etwas breiter, als sie süffisant ergänzte „Dieser Trank hilft aber nicht nur beim besseren Denken, er tut Dir und Deinem Magen bestimmt auch nicht schlecht!" Hatte Minerva also auch das gepetzt. „Wie lange hält die Wirkung an?", erkundigte sie sich und nippte an ihrem Tee.

„Genau 48 Stunden, davon ist aber schon eine vorbei."

„Dann sollten wir uns beeilen, bis dahin klarer zu sehen!", entschied Jean energisch und widmete sich wieder den Informationen an der Wand. „Denn ich stimme Minerva zu, all das passt überhaupt nicht zu meiner Tochter und mir fallen noch weit mehr Fragen und Gegenthesen zu Deiner Ausgangsbehauptung ein."

„Gut, dann lass sie hören!", Severus zückte seinen Zauberstab um ihre Überlegungen zu notieren.

„Ich frage mich zum Beispiel, warum sie Dir überhaupt etwas von dieser Affäre erzählt hat", begann Jean.

„Ganz einfach, sie ist schwanger und spätestens in wenigen Monaten wäre es offensichtlich gewesen."

„Blödsinn, Severus!", Jean schüttelte energisch den Kopf, „Sie hätte schnell und diskret ihre Schwangerschaft beenden können. Sie ist Professorin für Tränkekunde und kennt sicherlich Dutzende von geeigneten Tränken und selbst wenn sie zu einem Arzt gegangen wäre, hätte sie eine Schwangerschaft in diesem Stadium ohne Probleme beenden können."

„Vielleicht will Sie diese Schwangerschaft gar nicht beenden, vielleicht will sie diese Ehe beenden?", mutmaßte Severus und legte die Fingerspitzen aneinander.

„Ganz gewiss nicht!", entschied seine Schwiegermutter fest, „Ich habe zwei Schwangerschaften bei ihr miterlebt. Sie, ihr Unterbewusstsein wehrt sich gegen dieses Kind, Severus, und Poppy weiß noch nicht einmal, ob sie es nicht doch noch verliert, ganz ohne Trank und ganz ohne Arzt!" Sie machte eine kleine Pause in der ein dunkler Schatten über ihr Gesicht huschte, dann tippte sie sich nachdenklich ans Kinn, „Und was Eure Ehe betrifft, Severus, nicht nur dass sie mir gesagt hat, dass sie keinen anderen als Dich haben möchte, so unglücklich wie sie noch im Schlaf aussieht, habe ich meine Tochter nie zuvor gesehen. Wenn nur die Hälfte stimmt, was Minerva berichtet hat, dann sieht eine frohe Ehebrecherin anders aus und handelt auch anders!"

„Sie könnte aber auch einfach nur kalte Füße bekommen haben", überlegte Severus weiter, „das würde auch zu dem Obliviate passen."

„Ja, das wäre eine Möglichkeit", stimmte Jean zu, „und nein", ergänzte sie dann kopfschüttelnd, „denn wir haben immer noch keinen einzigen Anhaltspunkt, warum sie sich überhaupt mit Harry eingelassen haben soll."

„Da gibt es nur zwei Gründe", war sich Severus sicher, „der eine heißt ‚Trieb' und der andere ‚Liebe'."

„Also wirklich, Severus", empörte sich Jean, „Wie lange kennst Du Deine Frau, um zu wissen, dass bei ihr der Trieb niemals ausreichen würde, eine solche Tat, mit solchen Auswirkungen und Konsequenzen einzugehen ohne darüber mal mindestens vier bis fünf Monate nachgedacht zu haben?"

„Ich stimme Dir zu, diese Möglichkeit halte ich bei näherer Betrachtung auch nicht für realistisch", nickte Severus, „daher auch meine Theorie mit der ‚Liebe'!"

„Nein, da sprechen für mich drei Dinge dagegen", sie bekam rote Flecken am Hals vor lauter Eifer, „Erstens hätte Sie Dich und wahrscheinlich auch mich davon in Kenntnis gesetzt, wenn Sie vorgehabt hätte sich von Dir zu trennen, auch wenn sie kalte Füße bekommen hätte! Ein feiger Vergessenszauber ist nicht ihr Stil! Zweitens sieht man Hermine schon kilometerweit ihre Gefühle an und hat sie Drittens nicht selbst gesagt: Ihr fehlt nichts in Eurer Beziehung, sie ist glücklich und liebt Dich?"

„Das glaube ich ihr ja auch", überlegte Severus sachlich, „was aber nicht heißt, dass es nicht noch etwas Besseres geben kann und wenn ich es endlich erkannt haben, mir auch nehme."

„War sie nicht schon monatelang in Dich verliebt, bevor Ihr damals zueinander gekommen seid?", fragte Jean, „und da war, außer für Dich, fast jedem klar, was da bei ihr lief!"

„Auch in dem Punkt, dass sie eine minderbemittelte Schauspielerin ist, gebe ich Dir Recht und die Andeutung, dass ich nicht besonders sensibel in manchen Bereichen bin, will ich einfach mal großzügig überhören!"

„Danke!" grinste Jean nicht unzufrieden, „Aber ich hätte gerne noch weitere Thesen durchgesprochen."

„Gerne, und welche wäre das?", fragte Severus interessiert, „Ich könnte noch mit der Überlegung aufwarten, dass Mister Potter sie einfach verführt hat."

„Ohne ihren Willen? Oh, Severus, das glaubst Du doch selbst nicht, oder?", tat Jean diese Idee mit einer Handbewegung ab.

„Nun, wenn ich ehrlich bin: Nein!", gab Severus zu, „Hermine wüsste sich schon zu wehren, sie kann gefährlich sein, wenn sie will!"

„Außerdem ist Harry ein guter Kerl, er würde nie etwas tun, was ihr schadet!", war sich Jean sicher.

„Das denke ich im Grunde genommen auch", seufzte Severus, „dann können wir diese Theorie also streichen.

„Können wir!", stimmte sie etwas abwesend zu, sie war anscheinend schon weiter, „was wäre denn, wenn wir trotzdem von der Arglist anderer ausgehen würden?"

„Arglist anderer?", Severus lehnte sich augenrollend in seinem Stuhl zurück, „Du liest eindeutig zu viele dieser Kriminalgeschichten!"

„Nein, nein", beharrte Jean, „durchdenk das doch mal genau, Die These hieße: ‚Hermine ist das Opfer einer Intrige'. Was spräche dafür, was dagegen, Severus?"

Severus starrte seine Schwiegermutter skeptisch an, solche Ideen waren ihm bisher noch nicht gekommen. Er stand auf und räusperte sich, dann legte er seine Hände auf den Rücken und ging einige Schritte auf und ab, so konnte er immer am besten Denken.

„Also, dafür sprechen würde ihr Charakter – und wegen mir auch der von unserem Weltenretter", er überhörte Jeans belustigtes Schnauben, „und auch ihr Verhalten vor, während und nach der Reise."

„Vor allem, dass sie so erschüttert und unglücklich ist", ergänzte Jean.

„Der Ring!", fiel Severus gerade ein, „Der Ring hat gebrannt, zwar kurz, aber immerhin!"

„Sehr richtig, außerdem hatte sie doch Albträume, oder? Was schrieb sie noch in dem Brief?" Jean war ebenfalls aufgestanden.

„Ich habe ihn noch irgendwo!", murmelte Severus und war mit wenigen Schritten in seinem Schlafzimmer, dort hingen seine Muggelsachen, die er in Cornwall getragen hatte und richtig, in der Westentasche steckte der Brief. Ihn noch mal überfliegend, ging er zu Hermines Mutter zurück.

„'Wenn ich nur nicht immer diese grauenhaften Albträume hätte'", las er laut vor, als er wieder in seinem Büro stand , „‚ich sehe schreckliche Dinge, an die ich mich aber beim besten Willen nicht mehr erinnern kann, sobald ich schreiend aufgewacht bin. Misses Broomberry, mit der ich mein Zelt teile, fällt jedes Mal aus ihrem Feldbett. Alle vermuten, dass dies mit diesem seltsamen Ort zusammenhängt, die Zauber, die hier am Werk sind, sind uralt und wahrhaft mächtig und daher ist es wirklich nicht verwunderlich, dass uns der große Wurf noch nicht gelungen ist.'"

„Hier steht auch, dass sie und Harry oft den Eindruck hätten, nicht geschlafen zu haben", bemerkte Severus und hob seine Augenbraue fragend nach oben, „zu welcher Theorie willst Du das denn als Beweis hinzufügen?"

„Ganz klar zu der Letzten!" antwortete Jean trocken, „Keine normale Frau würde ihrem Ehemann, den sie gerade hintergeht, so etwas stecken!"

„Obwohl Hermine alles andere als normal ist, will ich Dir nicht widersprechen", meinte Severus spöttisch. Dann schaute er seine Schwiegermutter allerdings kritisch an. „Wie heißt eigentlich die Verschwörung dieser These genau? Wer verschwört sich hier gegen wen und warum?"

„Hm", überlegte Jean und nahm ihre Brille ab, um sie einer gründlichen Reinigung zu unterziehen, „Da muss man immer nach dem Nutzen fragen, jedenfalls tun dass die Ermittler in den Büchern und Filmen!"

„Daher hat also Hermine ihre lebhafte Phantasie und Sera diesen Hang zu haarsträubenden Geschichten!", schloss Severus leise murmelnd, aber Jean hatte ihn trotzdem genau verstanden.

„Wenn Du Dich bemühst ein klein wenig kooperativer zu sein, Watson, dann kann ich, Sherlock Holmes auch viel besser denken!", schnaubte Jean und legte ihre Stirn in Falten.

„Ich bin immens kooperativ und Du hast Glück, dass ich Arthur Conan Doyle gelesen habe, sonst würde ich jetzt sofort einen Heiler rufen!", entgegnete Severus süffisant, „Also, was ist der Nutzen?"

„Lass mal überlegen!", Jean setze ihre Brille wieder auf und faltete akribisch das Brillenputztuch zusammen, bevor sie es sorgsam in das Etui zurücklegte, „was ist denn passiert?"

„Och, nichts Wichtiges, nur, dass meine Frau schwanger von einer Expedition zurück kommt und ich nicht der Vater sein kann!", half Severus gerne weiter.

„Genau, so was führt eigentlich immer zu einem Zerwürfnis in der Ehe." Wie wahr!

„Also, hieße der Nutzen: Unsere Ehe geht in die Brüche und wir trennen uns?", fragte Severus zweifelnd, „für wen soll das denn von Nutzen sein?"

„Zum Beispiel für eine eifersüchtige Frau oder einen eifersüchtigen Mann, Severus. Das wäre nicht das erste Mal!"

„Pff, ich habe mich damals schon gewundert, dass Hermine mich wollte, es gibt da bestimmt keine eifersüchtige Frau, die mich jetzt als betrogener und leidender Ehemann trösten will", entschied Severus.

„Ach, ich weiß nicht, so weit sollten wir das mal nicht wegwerfen, denk immerhin daran, dass Du vor einigen Jahren zum erotischsten Zauberer des Jahres gewählt wurdest!", Jeans Bemühen ernst zu bleiben gelang nur beinahe.

„Hmpf, das war doch nur in dieser seltsamen Hexenzeitung, die kein normaler Mensch liest!" grummelte Severus, ihm war diese Episode extrem peinlich, „warum weißt Du eigentlich davon?"

„Minerva hat es vielleicht mal so nebenher erwähnt, als wir zusammen Bridge gespielt haben, aber Hermine hatte es uns vorher schon in einem dreiseitigen Brief ausführlich beschrieben und auch gleich den Artikel beigelegt!", kicherte Jean.

„Weiber!" empörte sich Severus, „egal ob Hexen oder Muggelfrauen, ihr seid alle gleich!" Er bedachte sie mit einem finsteren Blick, "Es gibt trotzdem keine heimliche Verehrerin, davon würde ich doch was wissen, oder?"

„Na gut, ich will das mal so stehen lassen", entschied Jean gnädig, „Und wie ist das bei Hermine?"

„Außer Weasley und die anderen Idioten, die früher versucht haben ihr Herz zu erobern?"

„Ron ist es sicherlich nicht, dass ist nicht seine Art, außerdem weiß ich, dass er gerade frisch verliebt ist!"

„Pff, das ist er alle Nase lang und Hermine ist eine begehrenswerte Frau, sie erhält immer noch viele Briefe mit Liebesschwüren und Heiratsanträgen, das müsste man überprüfen", überlegte Severus und notierte diese Punkte auf der Wand.

„Was wollte oder sollte sie eigentlich dort in Afrika, das habe ich bisher nicht verstanden, ich wollte immer schon mal nachfragen, habe es aber irgendwie bisher noch nicht geschafft!" fragte Jean nachdenklich und rückte ihre Brille zurecht.

„Das ist mir im Grunde genommen auch nicht ganz klar", gab Severus zu, „soviel wie ich weiß, hatte sich die Universität verpflichtet, sich an dieser Expedition personell zu beteiligen. Es wird vermutet, dass sich dort hinter diesem mächtigen Zauberwall, den die Berge von Sorilana umgeben, eine alte und geheimnisvolle Kultur verbirgt, die, so sagt eine uralte Prophezeiung, über unermesslichen Reichtum und unvorstellbares Wissen verfügt. Dieses Wissen soll vor allem im Bereich der Zaubertränke liegen."

„Aha", nickte Jean, „darum auch das Interesse dieser Firma für Heiltränke. Aber gefunden haben sie dort, laut Bericht und Aussage von Hermine, doch nichts, oder?"

„Nein, obwohl Hermine und auch Harry immer wieder erstaunt darüber waren, dass trotz dieses Misserfolges die Galeonen gebende Firma so guter Dinge war!"

„Das ist aber schon etwas ungewöhnlich!", fand Jean, „Wenn ich Geld für etwas gebe, dann bin ich erst dann zufrieden, wenn ich auch was für mein Geld bekomme, oder etwas nicht?"

„Da spricht die geschäftstüchtige Zahnarztpraxenbesitzerin und Hobbybrokerin!", stichelte Severus.

„Genau, wäre ich nicht so umsichtig in geschäftlichen Dingen, säßen wir heute noch auf den riesigen Schulden meines Schwiegervaters und müssten jedes Wochenende zu Euch zum Essen kommen, um die Kosten zu senken!" Sie musste über Severus leicht verkniffenes Gesicht schmunzeln. „Aber mal im Ernst: Was glaubst Du, war für diese Firma der Nutzen der Reise?"

„Keine Ahnung!", gab Severus zu, „Auch das wäre zu untersuchen!"

„Aber nicht mehr heute Abend!" entschied Jean, als die Uhr im Nachbarraum laut und vernehmlich Mitternacht verkündete, „ich muss ins Bett, der erste Patient kommt bereits um 8:00 Uhr. Eine Kiefer OP."

„Schade, ich hätte gerne noch einige Dinge weiter mit Dir durchdacht, das geht zusammen deutlich besser, als allein!", gab Severus zu und erhob sich.

„Vieles geht zusammen besser, als allein, Severus! Wir können uns ja morgen Abend wieder treffen. Sagen wir gegen 20:00 Uhr?" Als Severus nickte, fragte sie noch: „Treffen wir uns wieder hier?"

„Ja, das ist praktischer, da haben wir alle Notizen bereits vorliegen", entschied Severus.

„Sehr gut, dann kann ich auch Hermine besuchen. Minerva hat mir einen Portschlüssel gegeben, damit ich nicht immer durch diese komischen Kamine muss!" Sie kramte wieder in ihrer Handtasche und beförderte mit spitzen Fingern einen Kerzenstummel hervor. Du musst ihn noch programmieren oder wie man das nennt."

Grinsend nahm er ihr den Portschlüssel ab und schwang seinen Zauberstab darüber.

„In 5 min. ist er aktiviert und morgen um 19:55h ebenfalls. Ich versuche in der Zwischenzeit einige der Fragen zu klären, die wir so nicht beantworten können. Du könntest Dir weitere Gedanken über die Frage des „Nutzens" machen, immerhin war das Deine Theorie!"

„Wird gemacht, ich wünsche Dir eine gute Nacht, Severus!" Jean steckte ihre Brille in das Etui und öffnete die Bürotüre, „Es wäre sicherlich gut, wenn Du Dich trotz allem entschließen könntest, Hermine zu besuchen. Sie braucht Dich!" Sie schaute ihn bittend an, dann winkte sie ihm kurz zu und schloss die Türe leise hinter sich.