Täuschungen 12 Wege

Severus rieb sich die Augen. Das war wirklich ein außerordentlich anstrengender Tag gewesen, und das lag nicht nur daran, dass er in der vergangenen Nacht praktisch nicht geschlafen hatte.

Nachdem er sich behutsam aus ihrem Geist zurückgezogen hatte und einen letzten intensiven und sehr nachdenklichen Blick auf seine schlafende Frau geworfen hatte, war er genau so leise und unbemerkt zurück in seine Kerker geschlichen, wie er gekommen war.

Dort forschte er bis zum Morgengrauen in seinen Unterlagen und Aufzeichnungen, die er damals, als er sich mit dem Wiederherstellungstrank beschäftigt hatte, Merlin sei Dank gewohnt akribisch angelegte hatte. Dann unterzog er sein Labor einer gründlichen Inventur und fand tatsächlich noch eine kleine Probe des Trankes.

Er hatte ihm den Namen Reorganisationsnebel gegeben, was wohl dem halb gasförmigen Zustand des Trankes geschuldet war und der daraus resultierenden Konsequenz, dass man den Trank nicht schlucken, sondern einatmen musste.

Nach einem hastigen Frühstück, zu dem er sich mit seinen Töchtern aufmachte, hätten eigentlich zwei Doppelstunden mit den 6. Klassen angestanden, aber es gab wirklich Wichtigeres, als sich mit diesen Dummköpfen herumzuärgern, wie gut, dass Minerva ihn vom Unterricht frei gestellt hatte.

Außerdem ließen die Blicke seiner Töchter keinen Zweifel daran, dass sie sein Versprechen von gestern nicht vergessen hatten und jetzt ungeduldig darauf harrten, dass er sich endlich zusammen mit ihnen zur Krankenstation aufmachte.

Seufzend ließ er sich von ihnen die Treppen hinaufziehen und Poppy schenkte den dreien ein sehr wohlwollendes Lächeln, als sie der Familie und vor allem den beiden aufgeregten Mädchen gewahr wurde.

„Da seid ihr ja endlich!" rief sie erfreut, „Eure Mum ist im ersten Zimmer, aber bitte seid leise, sie schläft und soll nicht unnötig gestört werden."

„Ich denke Du hast ihr einen Trank gegeben?", wollte Sera wissen.

„Habe ich auch!", nickte Poppy, „Aber auch wenn man schläft kann man gestört werden und dann ist die Wirkung meines schönen Heilschlaftranks nur noch die Hälfte wert!"

„Ist gut, wir können ganz leise sein, wenn wir wollen!", Sera schaute sie mit treuen braunen Augen an, „Und wann wird sie wieder gesund sein?"

„Das weiß ich noch nicht, aber ich glaube, dass wir in einer Woche mehr wissen", der Blick den sie dabei Severus zuwarf, sprach Bände.

„Was hat sie denn überhaupt?", brachte Eileen es auf den Punkt.

„Tja, das will Euch Eure Mutter sicher selbst sagen und es ist eigentlich auch nichts Schlimmes, aber der Körper Eurer Mum scheint mit all den Umstellungen in letzter Zeit und mit all dem was sonst so geschehen ist, nicht besonders gut zurecht zu kommen", versuchte Poppy eine schlüssige Erklärung, ohne mit der Wahrheit ganz herauszurücken, „So, und nun kommt und vergesst nicht ganz leise zu sein!"

Sehr andächtig betraten seine Mädchen wenig später das kleine Zimmer und drängten sich stumm so nah an das Bett ihrer Mutter heran wie es nur ging.

„Sie sieht immer noch nicht besser aus!", murmelte Sera und warf ihrem Vater einen vorwurfsvollen Blick zu.

Der stand mit überkreuzten Armen im Türrahmen und hatte genug damit zu tun, seine Augen von der schmalen Gestalt in den weißen Bettlaken loszureißen.

Poppy quetschte sich an ihm vorbei, nicht ohne ihn dabei ein beträchtliches Stück näher an das Bett zu schieben.

„Ich gebe zu, an ihrem äußeren Erscheinungsbild müssen wir noch arbeiten", flüsterte sie, als auch sie ihre Patientin einer kritischen Prüfung unterzogen hatte, „aber immerhin hat sie sich seit mehreren Tagen nicht mehr übergeben oder ist gar in Ohnmacht gefallen."

„Sie schläft ja auch und das im Liegen", schnaubte Sera, „da kann man doch gar nicht umfallen!" Sie war eben die Tochter einer unglaublichen Besserwisserin, trotzdem zauberte dieser Kommentar ein winzig kleines Lächeln auf die Lippen aller.

Wahrscheinlich ständen seine Töchter noch bis in alle Ewigkeit am Bett ihrer Mutter – jedenfalls so lange, bis sie endlich wieder erwachen würde, wenn er sie nicht irgendwann mit sanfter Gewalt und dem Versprechen, dass sie morgen wiederkommen könnten aus der Krankenstation gezerrt hätte.

Er hatte es immerhin eilig! Denn schon seit Stunden hatte er den eigentlichen Plan für den Tag in seinem Kopf fertig ausgearbeitet. Er presste die Lippen fest aufeinander, es standen einige mehr oder weniger angenehme Besuche an.

Der erste Weg nach dem er seine Mädchen in die zuverlässigen Hände ihrer Nanny übergeben hatte, führte ihn erneut zur Krankenstation. Diesmal aber nicht zu seiner Frau, sondern zu Madam Pomfrey.

„Poppy? Bist Du da?", rief er, als er sie nicht direkt entdeckte.

„Hier hinten", hörte er sie dumpf vom äußersten Ende der Krankenstation antworten."

„Was machst Du da?", fragte er, als er sie inmitten alter, staubiger Akten, von nicht wenigen Spinnweben umgarnt fand.

„Ich suche diese alten Berichte über die Eulenschläfrigkeit von 1976."

„Was willst Du denn damit?", er sah sich etwas angewidert um.

„Ich habe mit Hagrid gewettet, dass wir damals die Epidemie in einer Woche unter Kontrolle hatten, er behauptet aber steif und fest, dass es mindestens zwei Wochen gedauert hat."

Poppy wischte ihre dreckigen Hände an ihrem limonengrünen Umhang ab, wo der Schmutz sofort eingesogen wurde und nur eine tadellose Robe zurückblieb. Sie schaute den Tränkemeister erwartungsvoll an, wahrscheinlich wollte sie, dass er ihre These unterstützte.

„Ich kann mich leider nicht mehr daran erinnern", ließ er sie deshalb besser gleich wissen, obwohl er sich ziemlich sicher war, dass Hagrid Recht hatte.

„Schade!", bedauerte Poppy, „und was willst Du schon wieder hier? Bist Du auch krank?", sie funkelte ihn forschend an. „Oder was ich noch besser fände: Willst Du Hermine endlich richtig besuchen?"

„Das auch, aber vorher muss ich mit Dir Einiges besprechen, es ist dringend", er wies auf den Stapel alter Akten, „und die laufen Dir sicher nicht weg!"

„Na, dann komm in mein Büro, ich wollte sowieso etwas trinken, mein Hals fühlt sich ganz trocken an!", Madam Pomfrey schob ihn forsch aus dem Weg und schritt zügig in ihren kleinen Besprechungsraum, wo sie schnell einen Krug frischen Kürbissaftes herbeizauberte.

„Also, was gibt's?", wollte sie wissen, als sie das erste Glas in großen Schlucken geleert hatte.

„Deiner sehr geschickten Antwort von eben entnehme ich, dass Du um die ganze Situation weißt", das war eigentlich keine Frage, denn solche Dinge konnte man in der Regel vor Hogwarts medizinischer Instanz sowieso nicht verbergen und das Nicken ihrerseits war daher auch reine Formsache. „Es ist… nun, es ist für mich - für uns alle - sehr verwirrend und schwierig, und ich habe mich entschieden einige Dinge zu klären", fuhr er fort, „Denn wie Minerva Dir sicherlich schon gesagt hat, gibt es nicht wenige Aspekte, die in dieser Geschichte nur auf den ersten Blick zusammenpassen." Er räusperte sich und versuchte nicht in Poppys selbstzufriedenes Gesicht zu schauen. „Daher erwarte ich Deine Kooperation, auch wenn ich weiß, dass Du einige Fragen nicht beantworten müsstest."

Ihre Augenbrauen zogen sich misstrauisch zusammen. „Ich werde Dir helfen, aber ich muss auch an meinen Kodex denken!"

„Natürlich, ich verstehe!" Beschwichtigend hob Severus seine Hand und wählte seine Worte sehr bewusst, „Du hast doch Hermine behandelt, als Harry den dunklen Lord besiegt hatte, und sie mit ihren Albträumen wegen der Geschehnisse im Haus der Malfoys nicht Schlafen konnte?"

„Ja, wie Du selbst weißt, sind die Folgen eines Cruciatus nicht nur körperlicher, sondern vor allem psychischer Art und da verfügte ich ja, dank Dir, über jede Menge Erfahrung!"

„Hast Du damals einen Zauber gewirkt oder jemanden beauftragt einen Zauber zu wirken, der sie diese speziellen Ereignisse vergessen ließ?"

Hogwarts Medihexe schüttelte vehement den Kopf: „Nein, das habe ich nicht und ich würde es auch niemals tun, denn ein solcher Zauber ist schwierig und hat unabsehbare Nebenwirkungen. Die Betroffenen geben in allen Berichten an, dass sie sich zwar an nichts Bestimmtes erinnern können, aber immer dieses seltsame Gefühl von Gefahr hätten, oder eben immer denken, etwas Wichtiges vergessen zu haben."

„Warst Du zu dieser Zeit oder auch danach in ihrem Geist?"

„Nein, ich bin ein lausiger Legilimentiker!", gestand Poppy ohne Zögern, „Aber Du könntest Harry fragen, denn sie hat sich zur Verfügung gestellt, als er für seine Aurorenprüfung lernen musste", Poppy grinste, „Rons Hirn war seiner Meinung nach zum Üben zu chaotisch."

‚Ach was…', schnaubte Severus und musste sich zusammenreißen um nicht mit den Augen zu rollen, „Gut, das ist hilfreich!", murmelte er statt dessen, dann schaute er sie lange schweigend an, „Weißt Du, wer der Vater ihres Kindes ist?"

„Aber natürlich weiß ich das, Severus!", ihr Blick verdüsterte sich.

„Wirst Du mir den Namen nennen?"

„Ganz gewiss nicht!" Sie verschränkte die Arme vor ihrer Brust.

Das hätte ihn auch gewundert, aber einen Versuch war es allemal wert gewesen! „Würdest Du mir denn dann die These bestätigen, dass in wenigen Monaten ein Neugeborenes in meiner Wohnung leben könnte, dass keine braunen oder schwarzen Augen hat, sondern vielleicht grüne?"

Poppys Augenbraue zuckte kurz, dann meinte sie unverbindlich, „Da diese Augenfarbe in der Ahnenreihe des noch ungeborenen Kindes öfters vorkommt, ist das nicht unwahrscheinlich!"

„Aber vielleicht braucht das Kind auch eine Sehhilfe, es ist immer gut, so etwas frühzeitig im Auge zu behalten!", tastete sich Severus weiter vor.

„Ja, man sollte immer alles abklären lassen!", legte sie sich nicht fest.

Sie blickten sich eine ganze Weile grimmig schweigend in die Augen, dann nickte Severus leicht. „Danke!" Er hatte verstanden.

„Gern geschehen, aber wehe Dir, dem Vater des Kindes geschieht irgendein Leid!"

„Ich kann natürlich keine Versicherung dafür abgeben, was in Zukunft sein wird, aber so wie es zurzeit aussieht, bedarf er meinetwegen keiner besonderen Vorsichtsmaßnahmen!"

„Sehr gut! Kann ich Dir noch weitere Hilfen zukommen lassen?"

„Ja, wie lange dauert es, um Hermine wieder aufwachen zu lassen?"

„Nun, wenn es schonend sein soll - und das soll es auf alle Fälle - würde ich sagen, heute gegen Abend, vorausgesetzt, dass ich ihr in den nächsten Stunden den Gegentrank gebe."

„Gut, tu das, denn ich brauche auch von ihr einige Auskünfte."

„Aber nur, wenn Du versprichst sie nicht unnötig aufzuregen oder sie zu verletzten oder ihr sonst wie zu schaden!", verlangte Poppy und ihr eisenharter Blick ließ keinen Zweifel an den unangenehmen Folgen, die ein solches Verhalten unausweichlich für ihn haben würde.

„Nun, ich werde mich bemühen, aber was zum Teufel ist an dieser ganzen Geschichte schon dazu geeignet unbeschadet, ruhig und entspannt den Tag zu genießen?"

„Leider nichts!", ergänzte Poppy seufzend, „wie geht es eigentlich Deinem Magen?"

„Ihm tut der Trank gut, der mir hilft, meine Gefühle für meine Frau und ihre Situation für 48 Stunden unter Verschluss zu halten!"

„Ah", machte Poppy, „darum Deine Ruhe! Ich habe mich schon gewundert!"

„Sehr richtig, und in Ruhe kann man besser nachdenken und nachforschen, daher muss ich mich auch leider verabschieden, denn es gibt noch viele weitere Dinge zu klären, bevor die Wirkung nachlässt!"

Er stellte sein leeres Glas Kürbissaft auf den Tisch, nickte Madam Pomfrey freundlich zu und machte sich dann auf den Weg zum Apparierpunkt – natürlich hatte er zuvor noch einige Augenblicke an Hermines Bett verbracht, wobei ihn allerdings Poppy nicht einen Augenblick aus den Augen gelassen hatte.

An den Grenzen Hogwarts angekommen, sog er die spätsommerliche warme Luft tief in seine Lungen und zückte seinen Zauberstab. Sein zweites Ziel hieß Winkelgasse.