Täuschungen 13

In der Hauptstraße der englischen Zaubererwelt war nur mäßig Betrieb, was den großen Vorteil hatte, nicht vielen Menschen begegnen zu müssen, bevor er an seinem Ziel angelangte. Direkt neben Weasleys Geschäft für wunderbare Zauberulkutensilien, wohnte der jüngste Bruder des rothaarigen Clans, der ihn über viele Generationen von Schülerinnen und Schüler reichlich Nerven gekostet hatte und noch Nerven kosten würde, denn Ronalds Geschwister sorgten bereits eifrig für Nachwuchs.

Als er energisch und etwas missmutig an die schwere Haustüre klopfte, geschah erst einmal gar nichts. Wo steckte dieser Hornochse nur? In seiner Abteilung hatte man ihm gesagt, dass er zu Hause sein müsse.

Schon wollte er sich ärgerlich abwenden, als die Türe sich doch noch öffnete. Aber anstatt Ronald Weasleys sommersprossigem Gesicht schaute ihm eine ausgesprochen hübsche junge Dame mit himmelblauen Augen und sanft gewellten, blondem Haar entgegen und schenkte ihm ein strahlendes Lächeln.

Das musste wohl Weasleys neueste Eroberung sein. Severus Blick fiel unwillkürlich zwanzig Zoll tiefer, denn Ronalds Freundinnen waren allesamt außerordentlich ansehnlich, stets mit überdimensionalen Oberweiten ausgestattet und ansonsten zu dumm zum Davonlaufen, sonst wären sie ja auch nicht mit diesem Typen näher bekannt gewesen!

Severus konnte sich nur mit Mühe ein Schnauben verkneifen. Sein schneller, prüfender Blick sagte ihm sofort, auch bei dieser Person passten alle Beuteschemata zusammen.

„Oh", entwich es der holden Schönheit, als sie in die finster dreinblickenden Augen des Tränkemeisters blickt und ihr Mund blieb trotz des deutlich schmaler werdenden Lächelns ein kleines Stück offen, was sie seltsamerweise noch nicht einmal besonders dämlich ausschauen ließ.

„Ebenfalls Oh!", erwiderte Severus schon leicht genervt über diese unpassende Begrüßung, „Ist Mister Weasley zu Hause? Ich müsste ihn dringend sprechen!"

Die blonde Jungfer räusperte sich und trat dann mit einer einladenden Bewegung zur Seite „Aber ja, Professor Snape, er ist oben."

Severus zog eine Augenbraue in die Höhe, woher wusste dieses Blondchen seinen Namen?

„Gehen Sie doch bitte vor, wir spielen gerade!", flötete sie und das Strahlen kehrte auf ihr Gesicht zurück.

Der Tränkemeister Hogwarts schaute das Mädel leicht entsetzt an. Bei Merlin, was mochten diese beiden wohl miteinander spielen? Sein Magen sagte klar, dass er das eigentlich gar nicht wissen wollte! Aber da er mit Weasley sprechen musste, würde er auch in diesen sauren Apfel beißen. Bliebe immerhin zu hoffen, dass sich der Casanova in der Zwischenzeit wenigstens etwas übergezogen hatte!

„Erste Türe rechts, Professor", half Rons derzeitige Lebensabschnittsgefährtin der Woche ihm freundlich weiter, als er auf der letzten Treppenstufe innehielt.

Als er ihrem Hinweis nachkam und nach einem kurzen Durchatmen schwungvoll die Türe öffnete, trat er in ein überraschend freundliches und vor allem aufgeräumtes Wohnzimmer, in dessen Mitte ein hübsch gearbeiteter Schachtisch stand, über den Hermines Freund gerade mit gefurchter Stirn knobelte.

„Oh, Professor Snape?", rief Ron erstaunt, als er sah, wer ihn da besuchte.

„Mister Weasley, ich möchte sie nicht lange stören, aber hätten sie die Güte, mir einige Fragen zu beantworten?", schnarrte Severus und seine Stimme nahm wieder den abweisenden Ton an, den er schon dem Schüler Ronald Weasley nur zu gerne entgegengebracht hatte.

„Klaro!", winkte Ron, „setzten Sie sich doch. Möchten Sie einen Tee oder etwas anderes?"

„Nein danke!", lehnte Severus sowohl den Platz als auch die Getränke ab.

„Soll ich Euch beide alleine lassen?", fragte die blonde Schönheit, als sie das Gesicht des Tränkemeisters sah.

„Das ist nicht nötig, Miss…"

„Oh, verzeihen Sie, Professor, ich habe ganz vergessen mich vorzustellen. Mein Name ist Kathrin, Kathrin Monroe", verkündete sie und streckte Severus freundlich die Hand entgegen, „und ich freue mich riesig, Sie endlich kennenzulernen, Professor Snape!"

„Ach", entwich es Severus ungläubig, ergriff dann aber ihre Hand und schüttelte sie kurz, „und woher kennen Sie meinen Namen?"

„Natürlich aus der Presse, aber vor allem von meinem Vater, er hält Sie für den besten Tränkemeister Ihrer Generation!"

„Und ihr Vater ist wer?", es gab immerhin nicht viele, die gut von ihm sprachen.

„Charles Monroe", erwiderte sie strahlend.

„Charles Peter Monroe?", fragte Severus erstaunt nach.

„Genau!", freute sich Kathrin und ihr Strahlen wurde womöglich noch etwas intensiver.

„Und was tun Sie hier?", Charles Monroe war immerhin Vorsitzender der amerikanischen Akademie of Poisonmasters and Wizards und lebte in der Nähe von Boston.

„Ich mache ein Praktikum bei Gringotts", antwortete Kathrin und in ihren Augen blitzte es.

„Nicht möglich!" Anscheinend hatten die Herren Kobolde eine Vorliebe für blonde Schönheiten, ging es Severus durch den Kopf und sein Blick glitt zu dem jungen Mann herüber, der voller Stolz seine neueste Eroberung anhimmelte.

„Meine Schwägerin Fleur, die alle ausländischen Praktikanten betreut, hatte sie zu ihrem Geburtstag im Mai eingeladen", nuschelte Ronald verliebt, als er den fragenden Blick seines ehemaligen Tränkemeisters bemerkte, „da habe ich sofort die Gelegenheit genutzt, sie näher kennenzulernen."

Donnerwetter, das waren ja schon ganze drei Monate, ein mittleres Wunder, staunte Severus, denn diese Heldenhilfskraft wechselte so schnell seine Bekanntschaften, dass selbst Hermine ab und an den Überblick über die jeweilig aktuelle Freundin und deren Namen verlor.

„Ah ja", räusperte sich Severus und rollte angewidert mit den Augen, es wurde Zeit das Gespräch wieder zu den wichtigen Dingen zurückzuführen, sonst würde dieser Kerl noch anfangen zu sabbern. „Mister Weasley, ich bin hierher gekommen, um mit Ihnen über Ihre Erkenntnisse im Fall ‚Ambros Carter' zu sprechen. Gibt es da etwas Neues?"

Ron zwinkerte ein paar Mal mit den Augenlidern, er musste sich allem Anschein nach mit großer Anstrengung vom Anblick seiner Flamme losreißen.

„Nun", Ron steckte seine Hände in die Hosentaschen und sah seinen ehemaligen Lehrer bedauernd an, „darüber darf ich Ihnen eigentlich keine Auskunft geben, Sir. Laufendes Ermittlungsverfahren, sie verstehen?"

„Natürlich", Severus kräuselte arrogant die Lippen, „aber Nicken können Sie doch noch, wenn ich Ihnen meine Vermutungen vortrage?"

„Das ist durchaus möglich!", überlegte Ron und schaute den Professor erwartungsvoll an.

„Gut", Severus überlegte kurz, wie er seine Frage am besten verpacken konnte, „stimmt es, dass Sie immer noch glauben, dass Professor Carter nicht durch einen Unfall vergiftet wurde?"

Rons Augen wurden schmal und er nickte unmissverständlich mit dem Kopf.

„Haben Sie inzwischen eine Ahnung, wie es dazu kommen konnte oder wer dafür in Betracht kommt?"

Ron presste seine Lippen fest zusammen und schüttelte bedauernd den Kopf.

„Haben Sie die Besucher überprüft, die der Professor an diesem oder an den Tagen zuvor erhalten hat?"

Wieder ein Nicken des Rotschopfes, diesmal begleitet von einem genervten Augenrollen.

„War ein Angestellter der Firma Slide darunter?"

Ron zog erstaunt die Augenbrauen in die Höhe, schüttelte dann aber langsam den Kopf.

„Oder vielleicht ein Mitglied des Ministeriums?"

Wieder ein Kopfschütteln. ‚Schade', dachte Severus enttäuscht, dass hätte so gut gepasst.

„Dann vielleicht jemand von der Uni selbst?"

„Ja und nein!", jetzt wurde es Ron anscheinend mit der Gestikuliererei zu bunt, „Es waren, wenn man die üblichen Studenten abzieht, nur 5 Personen in den zwei Tagen vor dem Anschlag bei Professor Carter.

„Haben Sie die Studenten überprüft?"

„Natürlich habe ich das!", schnaubte Ron beleidigt, „und ich habe auch alle anderen Besucher sehr genau unter die Lupe genommen. Da war als erster ein Vertreter für Zaubertrankzutaten aus Italien mit dem Carter schon Jahre arbeitet, dann Professor Phönix Drumble, der zur Abwechslung mal nichts verwüstet hat", Ron kannte anscheinend auch Hermines Geschichten über ihren explosiven Kollegen für experimentelle Zaubertränke, „Seine Cousine Mechthild, die ihm unbedingt ihr neuestes Enkelkind vorführen wollte, den Jungen mit dem schönen Namen Ronald habe ich übrigens nicht überprüft", grinste Ron, „dann war da noch sein Nachbar Vinzent Pennyhill, auch ein Tränkemeister, der aber schon im Ruhestand ist und schließlich eine Hexe, die ich aber auch ausgeschlossen habe!"

„Warum kommt sie nicht in Frage?", wollte Severus misstrauisch wissen.

„Weil sie Hermine Granger heißt!"

„Stimmt, sie hat mir davon erzählt", knirschte Severus unbefriedigt.

Nun gut, das hörte sich alles noch gar nicht schlüssig an, vielleicht musste man die Geschichte von einer anderen Seite her aufrollen, was hatte Jean gesagt, der Nutzen war oft der Schlüssel - oder wie die richtigen Muggelermittler das nannten: Das Motiv. Immerhin hatte er ja dank seiner Frau schon etliche Kriminalromane lesen dürfen. Er ging einige Schritte nachdenklich auf und ab, während Miss Monroe und Mister Weasley ihm dabei aufmerksam zusahen.

„Haben Sie sich schon mal Gedanken darüber gemacht was passiert wäre, wenn Professor Carter mit nach Afrika gereist wäre?", fragte er dann unvermittelt.

„Ähh, er wäre sieben Wochen lang weg gewesen?", probierte Weasley eine erste Antwort, „War nur ein Scherz, wirklich!" beeilte er sich anzufügen, als er Severus mörderischen Gesichtsausdruck sah.

„Die Sache ist zu ernst für Scherze, Mister Weasley! Aber ich will die Frage anders stellen: „Was ist in diesen sieben Wochen geschehen? Gibt es Umstände, die der Firma Slide einen Nutzen gebracht haben und bei denen es eine Verbindung zur Universität von Edinburgh gibt?"

„Hm", überlegte Ron, „das müsste ich erst überprüfen, die Firma Slide stand bisher nicht auf meiner Verdächtigenliste."

„Aber auf meiner und das ganz oben auf!", grollte Severus. Dann fiel sein Blick auf Katrin Monroe und ihm kam ein weiter Gedanke. „Mister Weasley, ich hätte zwei Bitten an Sie und eine möglichst umgehende Erledigung läge mir sehr am Herzen, denn ich glaube hier gehen schlimme Dinge vor sich!"

„Was kann ich tun, außer die Firma Slide zu überprüfen?"

„Ich wäre Ihnen sehr verbunden, wenn Sie alle Besucher – und ich meine wirklich alle Besucher – auf außergewöhnliche Zuwendungen oder Vergünstigungen oder auf etwaige Verbindungen oder Kontakte zur Firma Slide hin überprüfen würden. Ebenfalls sollten Sie die Vergabe von Tarn- oder Verwandlungstränken bei diesen Personen überprüfen – auch bei dem Baby! Denn irgendeiner dieser Menschen hat Professor Carter vergiftet, da bin ich mir sicher!"

In Rons Augen begann es zu funkeln. „Ich sehe zu, was ich machen kann, Professor, wie schnell brauchen Sie die Ergebnisse?"

„Je eher, desto besser und da Sie ja Ihren freien Tag haben und über ausgezeichnete Kontakte verfügen", sein Blick huschte zu Miss Monroe hinüber, die daraufhin wissend die Augenbrauen hob, „dürfte es Ihnen sicherlich nicht schwer fallen, diesen Auftrag bis zum späten Abend erledigt zu haben."

„Was? Das sind doch nur noch wenige Stunden!", empörte sich Ron.

„Gut, dass Sie des Rechnens mächtig sind, Mister Weasley!", spottete Severus, „Da war Ihre Schulbildung doch nicht völlig umsonst!"

Als Rons Gesichtsfarbe begann mit seinen Haaren um die Wette zu leuchten, winkte sein ehemaliger Tränkemeister großzügig ab, „War nur ein Scherz, Mister Weasley. Ich schicke Ihnen in ca. zwei Stunden Hilfe und es dürfte ebenso sinnvoll sein, noch andere Mitglieder Ihrer Familie zu aktivieren. Denn hier geht es um wirklich viel!"

„Ach, um was geht es denn, dass Ihnen das alles plötzlich so wichtig ist, Professor?", Ron hatte die Arme auf die Hüften gestemmt und blitze Severus misstrauisch an, „Über zwei Monate ist das alles jetzt her, und bis heute hat es Sie noch nicht sonderlich interessiert – wie übrigens auch sonst fast keinen!"

„Aber jetzt interessiert es mich gewaltig, denn hier geht es um meine Familie!", zischte Severus aufgebracht, „Ich sage ihnen offen, dass ich den Verdacht habe, dass meine Frau in dieser Sache sehr tief drinnen hängt und das ihr und uns allen das bisher vielleicht nur noch nicht bewusst war."

„Hermine?", keuchte Ron.

„Habe ich noch mehr Frauen?", höhnte Severus.

„Aber doch nicht Hermine! Ganz bestimmt hat sie Ambros Carter nicht vergiftet!", war sich Ron völlig sicher.

„Davon gehe ich auch nicht aus und trotzdem! Sie ist eine der Figuren auf unserem Spielbrett und ich werde herausfinden, welche, das schwöre ich! Und wenn Sie etwas in Erfahrung gebracht haben, kommen Sie heute Abend gegen 20:00 Uhr nach Hogwarts!"

Damit war das Gespräch für Severus erledigt. Er nickte den beiden kurz zu und indem er sich auf dem Absatz umdrehte, um zügig den Raum zu verlassen, ließ er die junge Dame noch wissen: „Sollten wir uns erwartungsgemäß nicht mehr wiedersehen, Miss Monroe, grüßen Sie Ihren Vater von mir und richten Sie ihm aus, dass er immer noch ein Buch von mir hat."

Und bevor einer der beiden noch irgendetwas entgegnen konnte, war der große, dunkle Mann auch schon verschwunden.

Hatte er es schon erwähnt? Es gab noch viel zu tun heute! Sein dritter Weg führte ihn zum Grimmauldplatz.