Täuschungen 16

In seinen Räumen angekommen, schaffte er es gerade noch so, seinen Mädchen die Grüße ihrer Mutter auszurichten, was sie wilde Hüpforgien auf ihren Betten vollführen ließ, ihnen eine kurze Nachtgeschichte vorzulesen, die immer wieder von ihren Fragen unterbrochen wurde, wann sie endlich wieder zu ihrer Mum könnten und ihnen schließlich auf ihre hartnäckigen Bitten hin zu versprechen, sie morgen früh zum Frühstücken mit in den Krankenflügel zu nehmen. Dann stand auch schon der erste Besprechungsteilnehmer vor der Türe.

Es war Ginny Potter, sie sah ebenfalls ziemlich mitgenommen aus, als sie mit einem zittrigen Lächeln an ihm vorbei eintrat „Guten Abend, Severus, Harry kommt in wenigen Minuten, er bringt noch einige Unterlagen mit, die ich für interessant halte, er wollte aber nicht, dass ich sie schleppe", ließ sie ihn wissen und nahm auf einem der Sessel Platz.

„Wie geht es Ihnen?", fragte Severus, orderte Tee und verdoppelte nebenher die Anzahl der Sitzmöbel vor dem prasselnden Kamin.

„Wie geht es Ihnen denn?", war Ginnys Gegenfrage und sie schaute ihren ehemaligen Tränkemeister wachsam an.

„Besser, Hermine ist aufgewacht und wir haben miteinander sprechen können."

„Gut! Und wie geht es ihr?"

„Laut Poppy ebenfalls besser, aber über den Berg ist sie und das Kind wohl noch nicht."

„Komplikationen?", fragte Ginny besorgt.

„Ja, Poppy denkt, dass ihr Körper, oder wie Jean es ausdrückt, ihr Unterbewusstsein, sich gegen dieses Kind wehrt. Es besteht immer noch die Möglichkeit einer Fehlgeburt", erklärte Severus.

Ginny legte die Stirn in Falten und nickte dann verstehend, „Sie wollte ja auch ein Kind von Ihnen, Severus, und nicht von ihrem besten Freund!"

„Sehr richtig, und damit sie die Chance hat, wenigsten ein Kind mit mir zusammen haben zu können, wenn schon nicht von mir, halte ich es für unbedingt erforderlich, dass die Tatsache, dass ich nicht der leibliche Vater bin, so wenige Menschen wissen, wie nur irgend möglich."

„Ja, das halte ich auch für sinnvoll", stimmte Ginny zu und sie hatte schon den Mund geöffnet um weiter zu reden, wurde aber durch ein Klopfen unterbrochen, ihr Mann kam zusammen mit Jean herein und schleppte eine schwere Kiste mit sich.

„Hallo Severus, hallo Ginny!", begrüßte Jean ihren Schwiegersohn und Hermines Freundin, „Ah, ein Tee, das ist genau das, was ich jetzt brauche!", verkündete sie und eilte zum Sidebord um sich dort einen Becher einzuschenken.

„Bei Merlin, Potter, haben Sie schon mal was von Schrumpfzaubern gehört?", fragte Severus ärgerlich, als dieser ihm den schweren Karton in die Arme drückte.

„Doch schon, Professor und ich hätte nur zu gern einen über diese staubigen Aktenberge gesprochen, doch leider gibt es dazu eine Magiesperre im Ministerium!", funkelte der Held der Zaubererwelt Severus an.

„Und was ist das?"

„Das sind die Anträge der Firma Slide des letzten Jahres, die in der Abteilung zur Genehmigung experimenteller Tränke im Ministerium eingegangen sind."

„Unglaublich!"

„Ganz genau!", bestätigte Harry, nahm im Sessel neben seiner Frau Platz und schaute sie etwas unsicher von der Seite her an, „Schlafen die Jungs schon?"

„Ich denke, meine Mum hat das im Griff!", antwortete Ginny und für Severus war die Spannung zwischen den beiden fast greifbar. Die Geschichte war noch lange nicht ausgestanden, soviel war klar. Weder für dieses Paar, noch für Hermine und ihn.

Severus streckte gerade Harry einen Becher Tee entgegen, er sah aus, als wenn er einen gebrauchen könnte, da wurde er vom Klicken des Öffnungsmechanismus der Kerkertüre abgelenkt. Erstaunt drehte er sich zur Türe und auch die Blicke der anderen gingen hinüber und waren mehr als überrascht, als dort Hermine im Morgenmantel, schwer atmend und mit bleichem Gesicht im Rahmen stand.

„Entschuldigt, ich wollte nicht stören", schnaufte sie schwach und lehnte sich zittrig und Halt suchend an der Wand an.

„Hermine!", riefen alle fassungslos durcheinander und Severus, Harry und auch Jean eilten auf die junge Frau zu. Severus war der schnellste und fing sie noch auf, bevor ihre Knie ganz nachgaben und sie an der Wand hinunterrutschte.

„Was ist mit Dir?" „Warum liegst Du nicht im Bett?" „Weiß Poppy davon, dass Du hier herumstromerst?" Jeder stellte besorgt seine Fragen, als Severus seine Frau vorsichtig auf die Couch legte und mit ihrer roten Decke zudeckte, die Ginny ihm reichte.

„Ich musste einfach herkommen, immerhin geht es hier doch um mich!", murmelte sie mit schweißnasser Stirn und schloss für einige Augenblicke ihre Augen. Als sie sie wieder öffnete, schaute sie jeden der Anwesenden lange an, besonders Ginny, aber auch Harry schenkte sie einen sehr intensiven Blick, „Es tut mir so leid, ich wollte Euch wirklich keinen Kummer bereiten und ich finde es schrecklich, dass Ihr Euch wegen mir Sorgen macht!", sagte sie mit bebender Stimme.

„Wem hier etwas leid tun muss, ist zurzeit noch ziemlich unklar!" wiederholte Ginny ruhig Severus Worte vom Vormittag, „Zuerst einmal ist es das Wichtigste, das Du besser auf Dich aufpasst, Hermine Granger, immerhin geht es hier nicht nur um Dich allein!"

In Hermines Augen standen schon wieder Tränen und ihr Kinn zitterte, doch sie nickte tapfer und versprach: „Ich versuch es ja, ehrlich."

Ginny presste die Lippen kurz fest aufeinander und schaute ihre Freundin mit unergründlichem Blick an, „Gut, das reicht mir für den Anfang schon!"

Wieder klopfte es und dieses Mal war es Minerva, die sehr überrascht war, Hermine hier zu finden, „Hermine Granger, hat Poppy Dich etwa schon entlassen?"

„Nun, nicht so direkt", druckste Hermine mit sichtbar schlechtem Gewissen herum.

„Und was machst Du dann hier, zum Kuckuck?", wollte die Schulleiterin sehr vorwurfsvoll wissen.

„Wie könnte ich oben herumliegen, wenn es ein Treffen gibt, wo alle über mich sprechen?", versuchte Hermine ihre Beweggründe zu erklären.

„Ich weiß nicht, was daran so schwer sein soll, dass können unsere Schülerinnen und Schüler doch auch, jedes Jahr, immer wenn wir eine Zeugniskonferenz abhalten", argumentierte Minerva ungehalten, „und ich möchte mir gar nicht ausmalen, was Poppy mit Dir veranstaltet, wenn sie Deine Abwesenheit bemerkt."

„Ich habe ihr eine kurze Nachricht geschrieben", murmelte Hermine und rutschte unruhig auf dem Sofa herum.

„Das wird ihr sicher nicht reichen, ich geh mal besser hoch und sage ihr Bescheid", beschloss Minerva und machte sich auf den Weg zur Krankenstation.

Sie war kaum weg, da trafen auch Kingsley und Ron ein, auch Mister Weasley schleppte einen dicken Stapel mit Papieren herbei.

„Hallo Hermine, Du siehst furchtbar aus! Bist Du krank?", fragte er erstaunt, als er seine Freundin auf der Couch bemerkte.

Die Anwesenden tauschten unbemerkt untereinander wissende Blicke aus. Ron war wirklich der einzige im Raum, der nichts von Hermines Schwangerschaft und wie es dazu gekommen war, wusste.

„Vielen Dank, Ron!", meinte Hermine säuerlich, „Nein, ich bin nicht krank, ich habe nur ein paar Probleme mit meinem Kreislauf und mein Magen ist immer noch nicht ganz in Ordnung", antwortete sie ausweichend, anscheinend war auch sie der Ansicht, dass es besser wäre, die Nachricht über ihre Schwangerschaft noch nicht öffentlich zu machen.

„Was? Immer noch nicht? Hast Du mal mit Poppy gesprochen?", fragte Ron und lümmelte sich in einen Sessel.

„Natürlich hat sie das!", Ginny rollte die Augen über ihren Bruder, „Die Medihexe hat sie gerade aus einem mehrtägigen Heilschlaf geweckt."

„Ach, darum die ganzen dunklen Ringe unter Deinen Augen! Und was sagt sie, woran es liegt?" ließ Ron nicht locker und schaufelte sich eine ganze Ladung von Gebäck auf einen Teller.

„Sie meint, dass wenn Hermine sich entsprechend verhält und schont, es nur ein temporärer Zustand sei und mit einer baldigen natürlichen Besserung zu rechnen sei", half Severus weiter und schaute missbilligend auf den Plätzchenberg.

„Was?", fragte Ron entrüstet, als er Severus Blick auffing, „ich hatte noch kein Abendessen und das Mittagessen ist auch denkbar knapp ausgefallen!"

„Dann sollten Sie besser etwas Anständiges zu sich nehmen!", riet Severus und streckte Hermine seinen Zauberstab hin, die daraufhin mit einigen wenigen Schlenkern, die Kekse in belegte Brote verwandelte.

„Oh, danke!", freute sich Ron und begann sofort damit, das erste Sandwich genüsslich zu verschlingen.

Kingsley räusperte sich und bat, „Ich will Euch ja nicht drängen, aber wir müssen anfangen, ich habe nur eine Stunde Zeit, dann muss ich zurück zu diesem furchtbaren Empfang der VMHS"

„Was sind die VMHS?", fragte Severus.

„Das ist die „Vereinigung Männerloser Hexen Südenglands" seufzte Kingsley, was dafür sorgte, dass Jean einen Lachanfall bekam und selbst Hermine ein kurzes belustigtes Lächeln übers Gesicht huschte, „Die Weiber da sind schrecklich, entweder werfen sie sich an alles heran, was auch nur entfernt nach Mann aussieht oder sie lassen sich ständig und bei jeder passenden oder unpassenden Gelegenheit darüber aus, wie unnötig Männer im Allgemeinen und Du als Mann im Besonderen bist!"

„Ach, Sie Armer!", gluckste Jean.

„Ja, es ist ein wirklich schweres Amt Dr. Granger, aber ich trage es mit Würde", nickte Kingsley hoheitsvoll.

„Gut, dann lasst uns beginnen!", bestimmte Severus, da auch Minerva wieder zurückkam und den riesigen Stapel Medizinfläschchen vor Hermine abgestellt hatte, „Poppy sagt, dass Sie Dich beim nächsten Mal ans Bett ketten würde. Du sollst auf der Stelle die Medizin nehmen und was Leichtes essen", richtete sie die Anweisungen der Medihexe aus, wobei das Gesicht das sie dabei machte, vermuten ließ, dass das Gespräch mit Madam Pomfrey nicht gar so gnädig abgelaufen war. Seufzend verwandelte sie schnell einige der Gebäckstücke in Toastscheiben und hielt sie Hermine entgegen.

„Mister Weasley, können Sie Reden und Essen zur gleichen Zeit?", erkundigte sich der Tränkemeister und zauberte eine transparente Wand vor den Kamin.

„Aber klar!" antworteten Ginny und Harry zur gleichen Zeit und auch Hermine nickte, immerhin hatten sie jahrelang bei jeder Mahlzeit diese Fähigkeit ihres Freundes beobachten können.

Pikiert legte Ron das angebissene Brot beiseite, wischte sich die fettigen Hände an seiner Jeans ab, was zu einem despektierlichen Kopfschütteln von Minerva führte und begann seine Unterlagen zu durchwühlen.

„Also, ich fange mal mit den schlechten Nachrichten an", begann er und schluckte den letzten Bissen herunter, „Kathrin hat wirklich alle Personen und ihre finanziellen Beziehungen zu Slide-Industrie gründlich durchforstet, aber rein gar nichts gefunden. Sie sagt, entweder haben die das enorm diskret gehandhabt, z.B. durch Barzuwendungen oder Sachgaben oder aber es gibt keine Zahlungen."

„Nun gut, dann fällt diese Möglichkeit eben weg", brummte Severus und notierte das auf der Wand vor ihnen.

„Aber jetzt kommts", strahlte Ron, „Ich habe den ganzen Nachmittag damit verbracht, alle Zeugen nochmals zu befragen - außer Dich natürlich, Hermine - und habe mich längere Zeit mit Professor Drumbel über Slide unterhalten", fuhr er fort, „und der Professor ist von dieser Firma begeistert. Er war schon öfters bei Thomas Slide zu Hause und überlegt zurzeit, ob er nicht ein Angebot der Firma als Cheftränkemeister annehmen soll."

„Na, das ist doch schon mal was!", Severus rieb sich grimmig die Hände und notierte auch diese Information.

„Ja, Slide schleicht schon länger um Drumbel herum und an der Uni fragt sich jeder, warum", kommentierte Hermine und lehrte die ersten beiden Flakons, „er ist ja wirklich ein guter Kerl, und auch ein recht passabler Tränkemeister, aber auch ein bisschen blauäugig und einfältig."

„Nun, vielleicht findet Slide gerade diese Eigenschaft nützlich?", überlegte Minerva.

„Das denke ich auch!", stimmte Ron zufrieden zu und griff wieder zu seinem Brot, kurz bevor er rein biss, meinte er noch etwas vorwurfsvoll zu Hermine, „Du hast mir übrigens gar nicht gesagt, dass Du noch mal zu Carter zurück bist, weil Du was vergessen hast!"

Hermine legte die Stirn in Falten, „Ich soll was vergessen haben? Nein! Ich bin nicht noch einmal zu Ambros zurück."

„Aber klar, die Hauselfe Pitti hat es gesagt, ich habe sie heute getroffen", beharrte Ron.

„Wirklich nicht!", Hermine schüttelte vehement den Kopf, „ich bin sofort zurück nach Hogwarts, es war eh schon so spät und Eileen wartete mit ihren Hausaufgaben bei Minerva auf mich."

„Bist Du Dir sicher?", fragte Ron und legte das Brot wieder auf den Teller zurück.

„Absolut, sonst hätte ich es Dir doch auch gesagt!"

„Verflucht!", stotterte Ron entsetzt.

„Bei Merlin!", stimmte Severus zu und Harry musterte Hermine mit einem undefinierbaren Ausdruck.

„Was denn?", wollte sie wissen.

„Ich glaube, die Herren wollen Dir diskret zu verstehen geben, dass Du dann wohl die Person bist, die Ambros Carter vergiftet hat", erklärte Jean ihrer Tochter und Minerva nickte zustimmend.

„Wie bitte?", entrüstete sich Hermine und ließ vor Schreck ihr Toast fallen „Ich habe garantiert keinen vergiftet und schon gar nicht Ambros! Das wird ja immer verrückter!"

„Beruhige Dich!", brummte Severus, „Es glaubt auch keiner hier im Raum, dass Du es warst, aber es gibt ja immer noch die Möglichkeit von Verwandlungstränken und Veränderungszaubern.

„Großer Gott! Um eine Elfe zu täuschen, muss das aber ein richtig guter Zauber oder Trank gewesen sein!", überlegte Hermine mit tief gefurchter Stirn und ließ sich ermattet in die Sofakissen zurückfallen.

„Wohl wahr!", stimmte Kingsley zu, „passt aber alles sehr gut in Deine These von der Intrige, Severus."

„Es war meine These!", korrigierte Minerva süffisant.

„Und meine!", erinnerte ihn auch Jean.

„Ja, schon gut! Nur lasst uns keine falschen Schlüsse ziehen!", warnte Severus nachdenklich, sein Blick fiel auf denn Aktenberg auf dem Esstisch, „Mister Potter, was haben Sie, außer diesem ganzen Stapel an Akten?"

„Ich habe mich intensiv mit den Reisevorbereitungen auseinandergesetzt, wer welche Teilnehmer ausgesucht hat und welchen Hintergrund die unterschiedlichen Personen so haben."

„Interessant und was haben Sie herausgefunden?", vielleicht war Mister Superehebrecher doch zum Denken fähig.

Hermine reichte ihrem Mann unaufgefordert den Zauberstab zurück, damit er Harrys Erkenntnisse notieren konnte. Sie waren schon ein wirklich eingespieltes Paar, ging es ihm kurz durch den Sinn.

„Die vierundzwanzig Personen der Expedition kamen aus ganz unterschiedlichen Bezügen, Slide stellte zehn Teilnehmer. Eine", er deutete auf Hermine, „die Universität von Edinburgh, das Ministerium vier und neun waren Wissenschaftlerinnen, die sich auf die Ausschreibung der Firma Slide hin gemeldet hatten."

Severus hatte schnell alle Daten festgehalten. „Irgendwelche Auffälligkeiten?", fragte er.

„Nun, wie man es nimmt", Harry blätterte in seinen Unterlagen, „Die unabhängigen Wissenschaftlerinnen sind alles sehr angesehene und vielfach ausgezeichnete Fachleute auf ihren Spezialgebieten. Es waren Fluchbrecherinnen darunter, eine sehr bekannte Linguistin, zwei Zauberkunstmeisterinnen, drei Arithmantikerinnen und zwei Spezialistinnen für alte Runen. Die Leute vom Ministerium waren aus der Abteilung für Auslandsbeziehungen, der Mysteriumsabteilung und der Aurorenzentrale, zusätzlich delegierte auch das Ministerium einen speziell geschulten Übersetzer. Slide selbst stellte ebenfalls hervorragende Leute, alles erfahrene Meister auf den Gebieten Tränkekunde, Kräuterkunde und Zaubereigeschichte."

„Und was wollen Sie uns damit sagen?", forschte Severus etwas ungeduldig nach.

„Ich will nichts sagen, nur etwas fragen", korrigierte Harry etwas spitz, „nämlich, warum Slide unbedingt einen Vertreter der Uni dabei haben wollte", Harry wies auf Severus detaillierte Notizen, „sie hatten doch alles was man braucht, warum dann noch einen Tränkemeister?"

Severus überflog nochmals die Teilnehmerdaten und obwohl es ihm etwas widerstrebte, musste er Harrys Fragestellung zustimmen, es gab auf den ersten Blick keinen einleuchtenden Grund für dieses Beharren.

„Was hast Du denn eigentlich die sieben Wochen dort unten getan, Hermine?", fragte Ron.

„Also, unser Auftrag lautete, die Zutaten vor Ort zu prüfen und aufgrund der vorhandenen Gegebenheiten mögliche Trankkonzepte zu erstellen, besonders im Hinblick auf ein mögliches Mittel gegen den Malariaerreger."

„Wie ich schon sagte", Harry zuckte mit den Schultern, „eine Hermine Granger kann man zwar immer gebrauchen, aber ob sie so unglaublich nötig gewesen wäre, bezweifle ich stark."

„Und warum bist Du da nicht früher drauf gekommen?", wollte Ginny mit leicht aggressivem Unterton wissen.

„Weiß nicht, ich hatte irgendwie nicht so viel Zeit zum Nachdenken", entschuldigte sich Harry mit schuldbewusstem Gesicht, „wir sind andauernd durch immer ähnlichen Urwald gezogen, haben Lianen und Gebüsch mit diesen blöden Macheten beseitigt, weil unsere Zauberstäbe sonst die sensiblen Zauber dort gestört hätten und was meine schmerzenden Arme nicht schafften, dass hat dann die enorme Hitze und die hohe Luftfeuchtigkeit erledigt", er zuckte mit den Schultern, „Ich habe echt nur meinen Job gemacht."

„Mein Mitleid hält sich in Grenzen!", schnaubte Severus verächtlich.

„Und ich habe mir mehr als einmal gewünscht, dass Sie Kingsley nicht darum gebeten hätten, mich gegen Petersen auszutauschen!", Harry funkelte seinen ehemaligen Tränkemeister finster an, dann glitt sein Blick aber zu Hermine herüber und er meinte versöhnlicher, „Wobei ich trotzdem wieder gehen würde, denn Petersen ist ein echter Idiot."

Severus bedachte Hermines besten Freund mit ernstem Blick. Es stimmte, er persönlich hatte sich für Potter ausgesprochen, Kingsley wollte eigentlich einen anderen Auror mitschicken. War dies jetzt auch Teil der Intrige oder eher ein Zufall gewesen? Auch diese Frage notierte er sorgsam auf der Tafel, die sich immer mehr füllte, leider nicht nur mit Antworten, sondern mit vielen weiteren Fragen und Ungereimtheiten.

„Minerva", er drehte sich seufzend zu seiner Chefin um, „hast Du mit Albus sprechen können?"

„Ja, Auftrag ausgeführt", nickte Hogwarts Schulleiterin, „Er sagt, er müsse sich zwar noch weiter umhören, aber was er schon über Slide und Slideindustries wusste, war nicht uninteressant, „Sie zückte ebenfalls einen Block, „Die Firma Slide gibt es schon seit über 400 Jahren, sie wird in der sechsten Generation von Thomas Slide geführt. Die Slides sind eine sehr traditionsbewusste irische Zaubererfamilie. Die Stadt Sligo hat ihren Namen von ihnen oder umgekehrt, da sind sich die Historiker nicht so ganz einig", sie blätterte einige Seiten weiter und rückte ihre Brille gerade, „Interessant fand ich zwei Dinge. Erstens pflegte die Familie Slide immer schon enge Kontakte zu unseren englischen Reinblüterfamilien, besonders zu den Blacks und den Malfoys, aber auch den Notts und Lestranges", Minerva schaute Severus wissend an, „zudem weiß keiner, wer Thomas Slides Vater ist. Seine Mutter, Veronice Slide hat Zeit ihres Lebens beharrlich geschwiegen, sie ist vor einigen Jahren auf einer ähnlichen Forschungsreise nach Afrika gestorben."

„Oh", machte Severus, „das wusste ich gar nicht, wie interessant!"

„Thomas Slide begründet sein Afrika Engagement immer mit dem Tod seiner Mutter", warf Kingsley ein, „Er hat mehrfach erwähnt, dass ihm die Bekämpfung der dortigen Krankheiten ein Herzensanliegen wäre."

„Gibt es Vermutungen über den Vater?", fragte Ginny.

„Nein", Minerva schüttelte den Kopf, „nur wilde Spekulationen, die sich stets als haltlos erwiesen."

„Wilde Spekulationen sind doch das Spezialgebiet von Albus", spottete Severus, „Er wird sicherlich etwas herausfinden."

Er legte die Hände auf den Rücken und las sich nochmals alle bisher zusammengetragenen Fakten und Fragen durch, „Was wissen wir denn noch?"

Ginny räusperte sich und wies auf den Stapel Anträge, „Ihnen ist ja schon die unglaubliche Menge an Anträgen aufgefallen. Slide gehört zu den drei größten Heiltränkeunternehmen der Welt. Sie beschäftigen hunderte von Tränkemeistern in mindesten 20 Laboren auf dem ganzen Globus. Alles wird von Sligo aus gesteuert, von Thomas Slide persönlich, Albert Hide ist seine rechte Hand. Ich habe versucht, mir einen groben Überblick zu verschaffen, aber meine Kenntnisse auf dem Gebiet der Tränkekunde reichen leider nicht, um die Finessen bei den beantragten Tränken zu erkennen. Ich habe ungefähr 50 herausgefischt, die entweder Sie, Severus oder ein anderer Tränkemeister gründlicher unter die Lupe nehmen sollte."

Im Stapel lugten hier und da kleine rosa Zettel heraus, das waren dann sicher die 50, mit denen man beginnen musste. Mit einem großen Seufzen schrieb er auch das auf die Aufgabenseite der Tafel.

„Wer hat noch etwas herausgefunden?", fragte er in die Runde und war doch schon innerlich damit beschäftigt, die morgigen Aufgaben für alle zu verteilen.

„Ich!", rief Jean fröhlich.

„Du?", rief Severus erstaunt.

Jean stemmte ihre Hände auf die Hüften, „Jawohl, oder denkt Ihr etwa, eine Muggel könnte nicht recherchieren?"

„Sicher doch!", beruhigte Ron sie, „Denn immerhin haben Sie ja eine Tochter hervorgebracht, die Meister im Recherchieren ist." Da hatte er wohl recht, es gab keine, die diese Kunst so beherrschte, wie Hermine.

„Und was hast Du recherchiert?", erkundigte sich Severus interessiert.

„Geheimnisse und Sagen!" grinste Jean kryptisch, „Ich habe einen sehr unterhaltsamen Nachmittag in Eurer Bibliothek verbracht und mit Hilfe dieser überaus netten und hilfsbereiten Bibliothekarin, vieles was dort über die Verwunschenen Berge von Sorilana zu finden ist, durchgesehen. Es war eine unerwartet große Menge."

„Und was hast Du herausgefunden?", fragte Minerva, obwohl Severus noch an der ‚überaus netten und hilfsbereiten Bibliothekarin' hing, denn Madam Pince fanden die wenigsten Menschen überaus nett.

„Eine ganze Menge, sehr interessant das alles, wirklich!", Jean kramte in ihrer Tasche und beförderte neben ihrer Brille ein dickes, vergilbtes Buch zu Tage, „Ich habe mich nämlich gefragt, warum die Forschungsreise ausgerechnet dorthin ging und was es mit diesen Verwunschenen Bergen überhaupt auf sich hat. Und hier in diesem Buch steht, dass das Volk der Mkemeko vor sechs bis achttausend Jahren genau dort in dieser Region ein unglaubliches Reich aufgebaut hatte und ihre Könige für ihre machtvollen Zaubertränke bis an die Ränder der damals bekannten Welt berühmt waren."

„Das ist auch uns bekannt", kommentierte Severus etwas enttäuscht.

„Schon klar", gab sich Jean ungerührt, „aber wusstet Ihr auch, was ihr sagenumwobenster Trank war?

„Einer gegen diese schwüle Hitze dort wäre toll gewesen!", murmelte Harry und strubbelte sich durch sein Haar.

„Laut Fachliteratur und dem Forschungsauftrag der Uni", dozierte Hermine leise vom Sofa aus, „war es ein Trank gegen einen Virus der unserem heutigen Malariaerreger sehr ähnlich war, eine Art Vorgänger sozusagen."

„Ja", nickte Jean, „das stand auch in den Büchern, die ich gelesen habe, aber in einem Muggelbuch über die phantastische Sagenwelt Afrikas stand noch etwas ganz anderes", sie fischte wieder in ihrer Tasche und zog nun ein noch zerfledderteres Buch heraus, das mit einem großen blauen ‚M' auf seinem Rücken gekennzeichnet war, „Hier drin wird in sehr schöner Erzählweise berichtet, dass das Volk der Mondmenschen - was übrigens nichts anderes als Mkemeko in unserer Sprache bedeutet - die Gabe hatte, aus allem und jedem, Gold zu machen."

„Sie wissen aber schon, dass dies ein Buch aus der Kinderabteilung ist!", warf Ron zweifelnd ein.

„Natürlich Ron!" gab sich Jean unerschütterlich und fügte hinzu, „und in jeder Sage und Legende steckt bekanntlich ein Funke Wahrheit!

„Ja, schon…" gab Ron widerwillig zu.

„Na also!"

„Meinen Sie wirklich, dass dieses Volk einen ‚Stein der Weisen' erschaffen konnte?", fragte Harry erstaunt.

„Nein, keinen wie Euer Mister Flammeri oder wie der hieß, denn von lebenserhaltenden oder lebensverlängernden Fähigkeiten stand da nichts."

„Sie glauben also, Dr. Granger, dass Slide eine Expedition nach Afrika unternimmt, um dort an etwas zu gelangen, das ihm unermesslichen Reichtum ermöglicht?", fragte Kingsley und tippte sich nachdenklich ans Kinn.

„So in der Art", bestätigte Jean, „wenn unserer Theorie von der Intrige stimmt, dann muss der Auslöser für all das ein sehr, sehr großes Verlangen sein und es gibt nun mal - außer der Liebe und dem Hass - für uns Menschen nur noch zwei vergleichbare Triebfedern: Macht und Reichtum!"

„Und das eine bedingt sehr oft das andere", murmelte Minerva und rückte ihre Brille erneut zurecht.

Es war einige Augenblicke still im Raum und man hörte das Prasseln des Kamins und das tiefe Ticken der Wohnzimmeruhr, dann räusperte sich Severus, „Wenn Deine Vermutungen zutreffen, Jean, wie passt das alles zu der Vergiftung und allem anderen?"

„Nun, das habe ich mich auch gefragt", antwortete Hermines Mutter mit leuchtenden Augen, „und ich hätte da einen sehr interessanten Hinweis anzubieten, der ebenfalls hier drin steht."

Sie machte ein sehr zufriedenes Gesicht und atmete tief durch.

„Spannen Sie uns nicht so auf die Folter, Misses Granger!", verlangte Harry ungeduldig.

„Schon gut, es steht auf Seite 88. Dort wird vom plötzlichen Verschwinden dieser Mondmenschen berichtet. Sie hätten sich entschlossen diese Welt zu verlassen, weil sie zu sehr bedrängt worden wären."

„Kein Wunder! Wahrscheinlich wollten alle diesen Trank, diesen Zauber oder was es auch war, um ebenfalls Gold herzustellen und reich zu werden", vermutete Ron.

„Ja, das kann gut sein", stimmte Jean Granger zu, „jedenfalls sei ihr ganzes Reich von jetzt auf gleich verschwunden und von dichtem Urwald bedeckt worden. Und alle, die seither nach diesem Wundervolk und ihrem mächtigen Wissen gesucht hätten, müssten kläglich scheitern, weil niemand auf dieser Welt die Zauber brechen könnte, die sie zu ihrem Schutz aufgebaut hätten."

„Und wo ist jetzt die Verbindung zur Vergiftung von Amos Carter?", Harry legte seine Stirn in Falten und schaute fragend in die Runde, nicht, dass er was verpasst hätte.

„Gleich, gleich, mein Lieber!", rief Jean voller Aufregung, „Das steht auf Seite 90. ‚Erst wenn die uralte Prophezeiung sich erfüllt", hier wurde sie durch ein kollektiv genervtes Stöhnen ihres Schwiegersohnes und Harry Potters unterbrochen, „und eine Frau mit großer Macht und Klugheit kommt, ohne List und Gier, aber voller Sehnsucht und Verlangen, dann zeigen sich unsere Zeichen und es wird sich fügen'."

„Was soll sich denn da fügen?", rätselte Ron leise, er stand wohl ebenfalls nicht auf undurchsichtige Prophezeiungen.

„Na? Was denkt Ihr?", Jean schaute sich mit leuchtenden Augen in der Runde um.

„Gewohnheitsbedürftig!", urteilte Severus, „aber durchaus interessant, ich werde es notieren."

„Vergesst nicht", gab Jean mit erhobenen Zeigefinger zu bedenken, „dass es bei dieser Expedition einen auch für Zaubererkreise ungewöhnlich deutlichen Überhang an Frauen gab, es waren nur Wissenschaftlerinnen, die Slide aus dem Wettbewerb heraus mitgenommen hat!"

„Richtig, das spricht für Deine These!", nickte Minerva.

„Steht da was über die Zeichen?", fragte Harry.

„Nein, aber das ganze Buch ist voller seltsamer Symbole", Jean blätterte in dem Buch und alle beugten sich nahe zu ihr hin, um einen Blick auf die Bilder zu erhaschen.

„Seht ihr?", sie hielt den anderen einige exemplarische Seiten entgegen. Darauf waren überall verschlungene Linien und Kreise zu sehen.

„Harry?", Ginny deutete aufgeregt auf die erste Seite des Buches, „Sieht das nicht so ähnlich aus, wie dieser komische Fleck hinter Deinem Ohr?"

„Du hast einen Fleck hinter Deinem Ohr?", fragten sowohl Hermine, als auch Ron.

„Ginny hat es erst vor wenigen Tagen entdeckt", Mister Potter wurde ein wenig rot, was auf eine durchaus interessante Begebenheit schließen ließ.

„Zeig her!", verlangte Hermine und Harry beugte sich zu ihr herunter, damit sie das Zeichen genau betrachten konnte, „Stimmt, es sieht haargenau so aus, wie die Zeichnung in dem Buch!"

„Ist es magisch?", verlangte Minerva zu wissen und Hermine schnappte sich erneut Severus Zauberstab, von Blässe war übrigens fast nichts mehr in ihrem Gesicht zu sehen, vielmehr leuchteten ihre Wangen vor Aufregungen.

„Eindeutig, und der Zauber ging von meinem Zauberstab aus", antwortete sie, als sie die Prüfzauber ausgewertet hatte.

„Du hast mir ein Zeichen hinters Ohr gebrannt?", entrüstete sich Harry, „Warum?"

„Vielleicht, weil der Platz auf Ihrer Stirn schon belegt war!", schnaubte Severus leise und erntete missbilligende Blicke von allen Seiten.

„Ich kann mich zwar weder an das Zeichen selbst erinnern, noch daran, es dir eingebrannt zu haben, aber wenn es so sein sollte, dann nur aus einem einzigen Grund", entgegnete Hermine.

„Und der wäre?"

„Damit ich es nicht vergesse."

„Warum denn dann hinters Ohr?", wollte Ron wissen.

„Dort sieht man es nur, wenn man sehr genau hin sieht. Außerdem gibt es da ein Muggelsprichwort", antwortete Jean, „'Schreib es Dir hinter die Ohren', im Sinne von, merke es Dir."

„Bei Merlin!", ergriff Kingsley das Wort, „Sollte es möglich sein, dass unsere Hermine das Geheimnis der Verwunschenen Berge gelöst hat? Oder der Lösung schon mal näher gekommen ist, als je ein anderer Zauberer oder Hexe zuvor?"

„Vielleicht", nickte Severus, er traute seiner Frau so gut wie alles zu, „vielleicht wurde sie aber nur benutzt und diese Möglichkeit macht mir wirklich Sorge!"

„Von wem? Von Slide?", fragte Minerva.

„Ich glaube schon, denn dass alle Slide-Leute der Expedition so guter Dinge waren und Thomas Slide sogar ein riesiges Fest veranstaltete, nur um eine offensichtlich fehlgeschlagene Mission zu begrüßen, ist doch wohl mehr als seltsam."

„Du hast recht!", Kingsley wurde schon wieder blass, „Da stimmt etwas nicht! Ganz und gar nicht! Harry, Ron, Ihr seid für diese Sondermission abkommandiert, ich lasse Eure Abteilungsleiter davon in Kenntnis setzen! Severus, ich verlängere Deine Akteneinsicht um weitere 24 Stunden, länger geht nicht, dann muss ich den Ministerrat und den Zaubergamot einschalten, sieh zu, dass Du mir morgen Abend einen umfassenden Bericht vorlegst!"

„Ich denke, dass das reicht!", nickte Severus grimmig, „Meine Damen, meine Herren: Die vielen losen Enden dieser Geschichte gilt es zusammenzufügen. Es gibt viel zu tun! Wir treffen uns morgen um die gleiche Zeit wieder hier, bis dahin möchte ich Dich bitten Jean, noch einmal in die Bibliothek einzutauchen, wenn Du möchtest auch in die von Edinburgh, Deine Tochter wird Dir da sicherlich behilflich sein können. Mister Weasley, bitten Sie die Elfe, Ihnen die Erinnerung an ihre Begegnung mit Hermine zu überlassen und überprüfen Sie sie auf Hinweise zu Verwandlungszaubern etc..

„Ich helfe ihm dabei!" bot sich Ginny an.

„Sehr gut! Hermine, wenn Du Dich morgen gut genug fühlst, könntest Du dann die Anträge durchsehen, die Mister Potter uns angeschleppt hat?"

„Ich denke schon" willigte Hermine mit glänzenden Augen ein.

„Mister Potter, wir brauchen einen Abdruck dieser Zeichnung hinter ihrem Ohr, ich werde mich an Professor Mildred Jennings damit wenden, sie lehrt Alte Runen in Oxford und ist wirklich fähig."

„Geht klar, Professor", nickte Harry, „Soll ich die Akten von Slide für Sie weiter durchsehen?"

„Nein, das mache ich selbst, aber mir wäre es lieb, wenn Sie sich mit den Expeditionsteilnehmerinnen und -teilnehmer nochmals genauer beschäftigen, die müssen doch etwas bemerkt haben, besonders Misses Broomberry, die mit Hermine ein Zelt geteilt hat, ist interessant."

„Hm, gute Idee!"

„Ich versuche mal herauszufinden, an was oder wobei Misses Slide in Afrika umgekommen ist, das könnte ebenfalls einige interessante Hinweise liefern", schlug Kingsley vor und griff sich seinen Umhang, er musste zurück zu seinem Empfang.

„Sehr gut, dann sehen wir uns also morgen", schloss Severus die Besprechung grimmig, „ich danke Euch und Ihnen allen vielmals!"