Täuschungen 18

Die Nacht war denkbar kurz gewesen, aber dafür so gut wie schon lange nicht mehr. Er hatte sich zwar nicht überwinden können, sie fest in seine Arme zu nehmen, aber es war schon ein großer Schritt nach vorne, ruhig ihrem Atem zu lauschen und ihre Gegenwart zu spüren. Nie war sein Schlaf entspannter und erholsamer, nie hatte er so sehr das Gefühl von Geborgenheit, als wenn er ihr so nahe war.

Dennoch gönnte er sich diesen Genuss nur wenige Stunden, denn Erstens hatte er noch einige Briefe schreiben müssen und Zweitens gab es bis zum nächsten Treffen noch viel zu erledigen.

Seine erste Aufgabe führte ihn bereits bei Tagesanbruch in die Nähe von Oxford.

Ob Professor Mildred Jennings allerdings besonders erfreut über die frühe Störung war, wagte er trotz geringem emphatischem Einfühlungsvermögen stark zu bezweifeln, ihr Gesichtsausdruck war dafür einfach zu verschlafen.

„Entschuldigen Sie, Professor, mein Name ist Severus Snape und ich hätte einige wichtige Fragen an Sie, die leider keinen Aufschub dulden."

„Ich weiß, wer Sie sind, Professor Snape", gähnte die gewichtige Dozentin und knotete den Morgenmantel zu, „aber hat das nicht Zeit bis nach dem Frühstück?"

„Nein, bedauerlicher Weise nicht!", bei der Körperfülle der Professorin hatte er Sorge, dass das Frühstück fließend ins Mittagessen überging.

„Dann kommen Sie rein und warten Sie einen Augenblick in meinem Arbeitszimmer, denn Anziehen darf ich mich doch wohl noch?", sie schenkte ihm einen finsteren Blick.

„Selbstverständlich", Severus verbeugte sich galant vor der Dame und begab sich in das recht chaotische Büro der Spezialistin für Alte Runen.

Glücklicherweise musste er nicht lange warten. Schon nach wenigen Minuten erschien Professor Jennings wieder und befestigte ihre langen schwarzen Haare in einem festen Knoten.

„Bevor ich mir Ihr Anliegen anhöre, Professor Snape, brauche ich aber unbedingt einen Tee, wollen Sie auch einen?"

„Gerne", nickte Severus und half ihr einen Sessel frei zu räumen, damit er sich setzen konnte, denn überall in diesem Raum lagen stapelweise Pergamente und Bücher herum, eine Ordnung war nicht zu erkennen, aber so wie er die Professorin kennengelernt hatte, gab es sie wohl irgendwo.

„Also, was kann ich für Sie tun?", eröffnete Professor Jennings das Gespräch, nachdem sie genießend einen tiefen Schluck eines sehr starken Tees genossen hatte.

„Was wissen Sie über die Verwunschenen Berge von Sorilana?", eröffnete Severus das Gespräch.

Professor Jennings zog überrascht die Augenbrauen hoch, und ihr verschlafenes Gesicht bekam urplötzlich etwas immens Wachsames. „So einiges, Professor Snape, aber Sie doch sicher auch, denn wenn ich recht informiert bin, war Ihre Frau gerade vor wenigen Wochen für eine große Forschungsreise dort unten", entgegnete sie unverbindlich.

„Das ist richtig, Madam", Severus musste innerlich grinsen, die Frau war wahrlich nicht dumm, „meine Frau war im Auftrag ihrer Universität dort, um Trankzutaten zu prüfen, die laut dem Ausrichter und Financier der Unternehmung, Slide Industries, helfen sollen das alte Rezept gegen den Vorläufer des Malariavirus zu finden. Denn das Volk, das man hinter dem mächtigen Zauberschutzwall vermutet, war dafür berühmt, vor Urzeiten einen solchen Trank brauen zu können."

„Pff!", entwich es Professor Jennings, während sie sich eine weitere Tasse Tee einschenkte, „wer´s glaubt!"

Severus Augenbraue schnellte ebenfalls empor, „Denken Sie nicht, dass dieses Volk einen solchen Trank brauen konnte?"

„Doch, sehr wahrscheinlich! Aber der Rest Ihrer Erklärung", sie schnaubte in ihren Tee, „ich bitte Sie, Professor!"

Er lehnte sich vor und fragte lauernd, „Sie meinen also, dass dies nicht der Grund für die Expedition war?"

„Natürlich nicht!", winkte Mildred Jennings verächtlich ab, „und Sie auch nicht, sonst wären Sie nicht hier! Also, legen Sie die Karten auf den Tisch, Snape: Wofür brauchen Sie mich wirklich?"

„Wie ich schon sagte, ich möchte wissen, was Sie wissen!"

„Ich werde Ihnen gerne alles sagen, was ich weiß, wenn Sie mir sagen, was Sie wissen, Professor", lächelte Professor Jennings lieblich und ihre grauen Augen bohrten sich in seine.

Severus überlegte, wie viel er preisgeben konnte und sollte, als die Uhr im Zimmer sieben Mal schlug. Verdammt, Kingsley hatte ihm nur noch weitere 7 Stunden Zeit gegeben, er musste sich hier beeilen oder dafür sorgen, dass ein anderer die Unterlagen im Ministerium prüfte.

Seufzend griff er in seine Innentasche und zog ein einzelnes Blatt hervor.

„Ich habe hier eine Zeichnung, zu der ich gerne Ihre Meinung hören möchte", antwortete Severus. Es war die Kopie des Males, das Ginny Potter hinter Harrys Ohr gefunden hatte.

Professor Jennings, entfaltete das Blatt mit einem kleinen zufriedenen Grinsen, das aber schlagartig verschwand, als sie die Zeichnung erkannte.

„Sie kennen das Symbol?"

„Aber ja!"

„Meine Frau hat es Mister Potter hinter das rechte Ohr gezeichnet."

„Oh!", Professor Jennings klopfte sich anerkennend auf die Oberschenkel, „Wie passend!"

„Wie bitte?"

„Ich sagte: ‚Wie passend', Professor, denn das Zeichen bedeutet in unserer Sprache soviel wie ‚lauschen, hören, aufpassen', jedenfalls, soweit man das nach gut 6.000 Jahren noch sagen kann", sie funkelte ihn an, „Gibt es noch mehr Zeichnungen, die ihre Frau auf Mister Potter hinterlassen hat?"

„Vielleicht", ließ sich Severus alle Optionen offen. Er musste unbedingt dafür sorgen, dass diese gerissene Frau ihm nicht das Heft aus der Hand nahm, dafür war ein kleiner Angriff immer gut, „Wenn Sie so viel über die Verwunschenen Berge wissen und als ausgewiesene Fachfrau für Afrikanische Runen weit über die Landesgrenzen hinaus bekannt sind, warum waren Sie eigentlich nicht Teil dieser Expedition - denn ich gehe doch davon aus, dass Sie sich beworben haben, nicht wahr?", erkundigte er sich freundlich und nippte an seinem Tee.

Das runde Gesicht von Mildred Jennings verdüsterte sich drastisch und das Glitzern in ihren Augen nahm eindeutig zu, „Das hat unterschiedliche Gründe", knirschte sie.

„Ach, und die währen?", ließ Severus nicht locker.

„Nun, die ablehnende Begründung der Firma Slide verwies auf mein Körpergewicht", presste sie mit kaum verborgener Wut hervor.

„So? Wie charmant!", Severus stellte die Tasse wieder zurück auf den Unterteller, ließ die Professorin aber keinen Moment aus den Augen, „Und der wahre Beweggrund für die Absage?"

„Tja, das wird wohl mein allzu großes Misstrauen gegenüber Thomas Slide gewesen sein!"

„Wenn Sie Slide nicht trauen, warum wollten Sie dann seine Expedition unterstützen?", verstand Severus gerade nicht.

„Wer sagt denn, dass ich diesen Menschen und sein Imperium unterstützen wollte? Ich wollte ihn auf keinen Fall unterstützen, ich wollte ihn kontrollieren!", stellte Professor Jennings energisch klar.

„Wobei, wenn ich fragen darf?"

„Bei seinen Machenschaften der mächtigste Mann der Welt zu werden!", ihre Augen sprühten vor Zorn.

Severus schnappte innerlich nach Luft, hier war jemand, der Jeans Thesen teilte, ohne ihre Fakten zu kennen, er musste sich entscheiden und wie in alten Zeiten tat er das innerhalb von wenigen Sekunden.

„Professor Jennings, dürfte ich bitte jemanden eine Nachricht über ihren Kamin zukommen lassen?"

„Aber sicher, Pergament und Feder liegen da und das Flohpulver ist in der runden Schale. Ich hole mir in der Zeit ein paar Scheiben Toast", nutzte Professor Jennings die unverhoffte Pause und eilte behände aus dem Raum.

Die kurze Nachricht in Minerva war schnell geschrieben und wenige Sekunden später in den grünen Flammen des Kamins verschwunden.

„Es gibt noch eine zweite Zeichnung", setzte er das Gespräch fort, als Professor Jennings mit einem sehr vollen Tablett auf dem sich Unmengen an Toast, Butter und Marmeladen stapelte, zurückkam. Er setzte sich wieder in den Sessel, zog das zweite Blatt aus seiner Robe und reichte es ihr.

Dieses Mal war die Reaktion der Professorin noch ungewöhnlicher. Sie verschluckte sich und Severus glaubte schon, dass sie anstelle eines Tees, einen Eulenaugentrank genommen haben müsste, denn ihre Augen wurden riesengroß.

„Großer Gott!", keuchte sie, als sie wieder einigermaßen Luft bekam, „das ist ja unglaublich!" Dann sprang sie in einer ungeahnten Schnelligkeit auf und wühlte zielgerichtet in einem sehr wackeligen Stapel unterhalb der Stehlampe herum. Dass sie ihm dabei mit ihrem ausladenden Hinterteil dicht vor die Nase herumwackelte, versuchte er zu übersehen, was sich allerdings angesichts der Fülle als nicht so einfach gestaltete.

„Hier ist es!", triumphierte die Professorin nach einigem offensichtlich anstrengenden Kramen erfreut, als sie endlich ein schmales Büchlein in die Höhe hielt.

„Ach, Sie beschäftigen sich auch mit Muggelliteratur?", Severus konnte seine Enttäuschung nur schlecht verbergen, für Kindermärchenbücher hätte er nicht eine Professorin für Alte Runen aufsuchen müssen.

„Natürlich!", ließ sich Professor Jennings nicht in ihrer Begeisterung bremsen.

„Nun, ich kenne dieses Buch bereits, meine Schwiegermutter fand es kürzlich in unsere Bibliothek.

„Möglich, möglich", japste Professor Jennings und blätterte eilig Seite um Seite des Buches durch, dabei murmelte sie unverständliche Worte und beschwor Pergament und Feder herbei um sich eilig Notizen zu machen.

Sie hatte schon ein ganzes Blatt unter des Tränkemeisters ungeduldigem Blick gefüllt, als es an der Haustüre klopfte.

„Gehen Sie, Snape und sagen Sie allen, dass sie später wiederkommen sollen", scheuchte sie Severus kurz angebunden und ohne von dem Buch aufzuschauen.

Doch Severus, der dem Wunsch der Professorin nachkam, brauchte keinen abzuweisen, denn er fand seine etwas verdutzte Schwiegermutter vor der Türe vor.

„Severus, was tue ich hier im Morgenmantel und ohne Frühstück, anstatt in einer Stunde meinen ersten Patienten zu behandeln?", fragte diese Severus empört und schaute sich verwundert um, als der sie auch schon ins Haus zog.

„Ich brauche Dich, Jean. Deine Patienten können warten, Minerva wird ihnen wenn nötig ausrichten lassen, dass Du zu einem Notfall gerufen worden wärst."

Er schob seine Schwiegermutter durch den Flur ins Arbeitszimmer, wo Professor Jennings immer noch über dem Büchlein brütete, aber erstaunt den Blick hob, als Jean Granger vor ihr stand.

„Professor Mildred Jennings, das ist die Mutter meiner Frau, Dr. Jean Granger", stellte Severus die Damen einander vor, „Dr. Granger teilt ihre Einschätzung bezüglich der Firma Slide voll und ganz und hat einige interessante Thesen aus der Lektüre dieses Buches dort gezogen. Ich könnte mir denken, dass ein Austausch für beide Seiten hilfreich wäre."

„Sie haben das Buch auch?", fragte Jean überrascht, als sie erkannte, worin die Professorin so emsig arbeitete.

„Aber sicher, es ist von meiner Urgroßmutter, sie hat ihre wichtigsten Arbeiten immer als Sagen und Legenden getarnt. Sie war ein sehr vorsichtiger Mensch und der felsenfesten Überzeugung, dass manche Geheimnisse auch solche bleiben sollten."

„Aber sie hat sie doch erforscht?", fragte Severus und übersah Jeans sehr selbstgefälligen Blick, mit dem sie ihn bedachte.

„Natürlich, sie war schrecklich neugierig, aber auch sehr klug, daher hat sie auch einige von diesen Rätseln gelöst."

„Hat sie auch das Geheimnis um die Verwunschenen Berge enträtselt?", erkundigte sich Jean sofort.

Professor Jennings schüttelte bedauernd den Kopf, „Nein, leider nicht, sie war nicht die richtig."

„Oh, sie glauben auch an diese Prophezeiung?", Jean strahlte die Professorin aufgeregt an.

„Aber sicher!", nickte Professor Jennings, „sie ist der Schlüssel zu allem!"

„Das sehe ich auch so!", nickte Jean hochzufrieden und zog sich einen Hocker herbei den sie von einem mittleren Bücherstapel befreite.

„Möchten Sie auch einen Tee, Dr. Granger?", fiel der Hausherrin ihre Unhöflichkeit auf, wobei sie Severus einen vorwurfsvollen Blick zuwarf, „Ich hatte nämlich auch noch kein Frühstück, bevor mich ihr Schwiegersohn aus dem Bett geklingelt hat."

„Das wäre sehr freundlich von Ihnen, ohne Tee bin ich morgens nur ein halber Mensch!", seufzte Jean und schenkte Severus den gleichen vorwurfvollen Blick.

„Haben Sie schon herausgefunden, was das zweite Zeichen bedeutet?", wechselte Severus geschickt das Thema, während Professor Jennings Jean eine Tasse Tee einschenkte und den Toastberg näher zu sich zog.

„Es gibt zwei Zeichnungen?", fragte Jean verblüfft. Stimmte, sie war vor Harrys Geständnis gegangen, fiel Severus wieder ein.

„Ja, Mister Potter hatte noch an einem anderen Körperteil ein ähnliches Muster", gab er zu.

„An welchem eigentlich", erkundigte sich Professor Jennings und Jean schaute ihn ebenfalls sehr interessiert an.

„Das tut nichts zu Sache", versuchte Severus in einem Anflug von Solidarität die Intimsphäre von Hermines Freund zu retten.

„Doch, tut es!", widersprach Professor Jennings, „denn so wie das erste Zeichen, für ‚hören, lauschen, aufpassen', hinter Mister Potters Ohr zu finden war, so könnte auch der Fundort der zweiten Zeichnung wichtig sein.

„Sagen Sie mir erst, was es bedeutet", man sollte ihm immerhin nicht nachsagen, dass er es nicht wenigsten probiert hatte.

„Grundgütiger", um Professor Jennings Mundwinkel zuckte es, „ist das Körperteil so diskret?"

„Unbedingt!", nickte Severus ernst.

„Na dann!", gluckste sie und zusammen mit ihrem Lachen setzte sich auch ihr beeindruckender Vorbau in heftige Bewegungen.

Als sie sich wieder beruhigt hatte, warf sie einen Blick auf ihre Notizen, „leider kann ich Ihnen noch nicht genau sagen, was es heißt, dafür müsste ich etwas Zeit haben, um unterschiedliche Quellen zu vergleichen, aber bis morgen sollte ich eine ungefähre Bedeutung ermittelt haben."

„In Ordnung!", nickte Severus, „aber jetzt, wo wir Ihnen gesagt haben, was wir wissen, möchten wir auch gerne an Ihrem Wissen teil haben."

„Ja, das ist wohl fair", Professor Jennings zückte ihren Zauberstab und beschwor eine große leuchtende Wand vor ihrem Schreibtisch herauf. Darauf erschien als erstes ein Luftbild der Verwunschenen Berge, was allerdings nicht sehr erquicklich war, denn es zeigte nur Nebel.

Jean griff in ihre Morgenrocktasche und zog ihr Brillenetui hervor, vielleicht hielt sie die Wolken für eine Sehstörung.

„Dieser Nebel hier ist das Einzige was man sieht, wenn man über die Region fliegt. Egal zu welcher Jahres- oder Tageszeit. Immer Nebel", erläuterte Professor Jennings.

„Dann sind das wohl eindeutig magische Wolken", murmelte Jean.

„Genau, und sie sind wohl der erste Muggel, der diesen Nebel überhaupt sieht, denn es liegt ein Bann für alle nichtmagischen Menschen auf diesem Gebiet, so ähnlich wie um das Ministerium oder auch um Hogwarts", sie tippte mit dem Zauberstab in Richtung der Schautafel und ein weiteres Bild erschien, dieses Mal aber ohne Nebel.

„So sieht es übrigens aus, wenn man die Bilder mit einem speziellen Zauberspruch bearbeitet. Eine gute Freundin von mir, Professor Imogen Hayling hat daran jahrelang getüftelt.

Severus trat nahe an die Tafel heran, um sich jede Kleinigkeit anzusehen. „Wie viele Menschen kennen dieses Verfahren?", wollte er dann wissen.

„Das ist eine gute Frage", seufzte Professor Jennings, „die ich Ihnen schnell beantwortet hätte, bevor Imogen vor einem Jahr spurlos verschwand."

„Sie ist verschwunden?", auch Jean schien sofort Böses zu ahnen.

„Genau, und das mitsamt einem wichtigen Teil ihrer umfänglichen Forschung!", Professor Jennings schüttelte betrübt den Kopf, „das Ministerium hat alle Hebel in Bewegung gesetzt, aber nichts, keine Spur, kein Hinweis, wie vom Erdboden verschluckt."

Jean trat zu ihrem Schwiegersohn und studierte ebenfalls das gestochen scharfe Bild, „Es ist ein riesiges Fels- oder Bergplateau, das in weiten Teilen von dichtem Urwald umgeben ist", fasste sie ihre Eindrücke leise zusammen, „aber ich gehe davon aus, dass man nicht einfach darauf landen oder sich dorthin abseilen kann?"

„Nein, wurde alles schon versucht! Es gibt auch in der Luft eine unsichtbare, aber unglaublich feste Barriere".

„Und wie denken Sie, kommt man hindurch?"

„Tja, das ist die Frage aller Fragen!", Professor Jennings schwang wieder ihren Zauberstab, es erschienen etwa zwölf Felder, die sie nach und nach mit fünf Zeichnungen füllte, ähnlich denen, die Harry am Körper trug.

„Ich glaube, dass dies hier der Schlüssel ist", erklärte sie mit roten Wangen, „Das sind die Schriftzeichen aus dem Buch. Meine Urgroßmutter hat sie auf ihren Reisen damals schon gefunden und sorgsam kopiert."

„Wo hat sie sie denn genau gefunden?", fragte Jean und besah sich auch diese Bilder sehr eingehend.

„Das kann ich Ihnen leider auch nicht sagen, darüber vermerkt sie nichts, aber vielleicht kann uns Ihre Frau da weiterhelfen." Professor Jennings sah Severus erwartungsvoll an.

„Das wird sehr schwer werden, denn sie kann sich leider nicht daran erinnern überhaupt nach diesen Zeichen gesucht zu haben, geschweige denn, sie gefunden zu haben", seufzte er.

„Sie hat nicht danach gesucht und kann sich nicht erinnern?", Professor Jennings schaute ihn sorgenvoll an, „Wollen Sie damit sagen, dass man sie dazu gezwungen hat und anschließend ihren Geist obliviatet hat?"

„Davon gehen wir zurzeit leider aus!", gab Severus zu.

„Oh, mein Gott, das ist ja schlimmer als ich befürchtet habe, dann hat Slide sein Ziel vielleicht bereits erreicht oder ist ganz nahe dran!" Professor Jennings Gesicht verlor jede Farbe und sie ließ sich schwer auf den ächzenden Sessel zurückfallen, bevor sie in brütendes Schweigen verfiel.

„Ähm, Professor?", versuchte Severus nach einigen Minuten die Denkpause abzukürzen, immerhin hatte er es eilig.

„Was?", schreckte diese etwas verwirrt aus ihren dunklen Gedanken.

„Können Sie uns vielleicht sagen, was diese Zeichen bedeuten?"

„Die Zeichen?", Professor Jennings Kopf ruckte zur Bildtafel, „Ach ja, entschuldigen Sie, aber was Sie da berichten sind keine guten Nachrichten!" Tatsächlich? Zu dieser Überzeugung waren sie auch schon ohne die Runenexpertin gekommen!

„Nun", nahm Mildred Jennings den Faden wieder auf, „Die fünf bekannten bedeuten Folgendes:

Bewegung, gehen, fortschreiten

Hören, lauschen, aufpassen

Dunkel, Nacht, Finsternis

Sonne, Hell, Licht,

Leid, Schmerz, Qual", sie rieb sich die Augen, „Natürlich können auch Übersetzungsfehler drin sein, denn über Grammatik oder ähnliches, haben wir so gut wie keine Informationen."

Jean starrte die Übersetzungen an und murmelte dann, „Ich glaube das passt doch recht gut zu Hermines Berichten oder?", sie schaute Severus bekümmert an.

„Das sehe ich ähnlich", er presste die Lippen so fest zusammen, dass sie ganz weiß wurden „Meine Frau berichtete, dass die ganze Forschungsgruppe ständig umher gelaufen sei, dass sie aber nichts Bedeutendes gefunden hätte, die Slideleute dagegen bester Laune schienen. Sie klagte zusammen mit Mister Potter über eine andauernde Müdigkeit, die in dieser Art bei den anderen nicht vorkam. Außerdem war sie in einem körperlich sehr schlechten Zustand, als sie heimkam. Aber vor allem habe ich in ihrem Geist eine große, schwerwiegende Löschung bemerkt, ein sogenanntes grünes Wetterleuchten. Vielleicht wissen Sie was das bedeutet."

„Ja, leider, ich habe davon gelesen", nickte Professor Jennings.

„Wir gehen davon aus, dass man sie durch die Vergiftung von Amos Carter geschickt zur Teilnahme an dieser Expedition gebracht hat, dass man sie dann systematisch unter irgendeinen Zauber oder Trank gesetzt hat, um sie in der Nacht zu Dingen zu zwingen, von denen die Suche nach diesen Zeichen höchstwahrscheinlich noch das Netteste war."

„Grundgütiger!", stammelte Professor Jennings, „das tut mir sehr leid!"

„Es wird demjenigen mehr als leid tun, der dafür Verantwortlich ist!", knirschte Severus.

„Professor, warum halten Sie 12 Felder vor?", erkundigte sich Jean und deutete auf die Tafel vor ihnen.

„Weil eines der wenigen Dinge, die wir über das Volk der Mkemeko ziemlich verlässlich wissen ist, dass ihre Heilige Zahl die 12 war. Sie hatten einen Rat aus 12 Weisen, die sie politisch regierten, sie hatten 12 Göttinnen, die sie anbeteten und sie hatten 12 Zauberer, die für die Entwicklung der legendären Zaubersprüche und Zaubertränke zuständig waren. Außerdem nannten sie ihr Land ‚Das Zwölfte', was in ihrer Sprache Twiolog heißt, daher gehen wir davon aus, dass es sich um einen Zauberspruch aus 12 Komponenten handelt."

„Severus, waren es nicht 11 Frauen, die außer Hermine an der Forschungsreise teilgenommen haben?"

„Ja, das ist richtig, neun externe Wissenschaftlerinnen, eine Tränkemeisterin von Slide eine Ministeriumsmitarbeiterin und die Vertreterin der Universität von Edinbrugh."

„Aha!", Jean nickte bestätigt. Dann widmete sie sich wieder der Tafel.

„Sie meinen also", rekapitulierte sie an Professor Jennings gewandt, „dass man 12 Zeichen finden kann, die, wenn die richtige Person sie korrekt zusammensetzt einen Zugang zu ihrem Land ermöglicht."

„So in etwa, aber wir wissen auch, dass das Finden schon mal nicht so einfach ist, sonst wüssten wir auch die restlichen Zeichen bereits und ich persönlich zweifle sehr daran, dass der Spruch alleine schon reicht."

„Ein Volk, das für seine Tränke berühmt war, wird seinen Schutzbann garantiert noch mit einem speziellen Trank und wirkungsvollen, abschreckenden Flüchen gesichert haben!", gab Severus zu bedenken.

„Das denke ich auch, alles andere wäre zu einfach."

„Auch da passt meine Tochter ja recht gut ins Bild!", überlegte Jean, „sie verfügt über Kompetenzen in Tränkekunde und Zauberkunst."

„Außerdem", ergänzte Professor Jennings wohlwollend, „ist sie für ihr logisches Denkvermögen bekannt und gilt als äußerst machtvolle Hexe."

„Und die restlichen Expertinnen", war sich Severus sicher, „konnten sie bei auftretenden Unsicherheiten gut unterstützen!"

„Professor Snape!", Jennings sprang vom Sessel auf und fegte die Toastkrümmel von ihrem Umhang, „Sie müssen herausbekommen, was sich in dem grünen Wetterleuchten verbirgt! Anderenfalls wissen wir nicht, was in Afrika wirklich geschehen ist!"

„Ich hatte es befürchtet!", seufzte Severus. Er sammelte sich kurz, blickte dann Professor Jennings an, die wie ein monströser Rachengel mit auf den Hüften gestemmten Armen vor ihm stand, und bat sie eindringlich, „Von Ihnen brauche ich so schnell wie möglich die Übersetzung, schaffen Sie das bis heute Abend um 20:00 Uhr?"

„Wenn ich meine Vorlesung heute Mittag absage, müsste das hinzubekommen sein", nickte sie.

„Gut! Kommen Sie nach Hogwarts in die Kerker, wir erwarten Sie dort."

Er wand sich seiner Schwiegermutter zu, die sich ein weiteres Toaststück geschnappt hatte und darauf gedankenverloren herumkaute während sie sich erneut die Zeichen mit schief gelegtem Kopf ansah, „Jean, bitte lass Dir von Hermine die Zutatenliste geben und alle Aufzeichnungen der Reise, vielleicht finden wir dort ja einen Hinweis auf den Trank oder auf weitere Zeichen."

„Ich habe eine wichtige OP in weniger als einer halben Stunde und habe mich noch nicht einmal angezogen, außerdem sollte ich doch noch die Bibliothek weiter durchforschen."

„Nun gut, dann bringe ich Dich schnell nach Hause und bitte Hermine selbst darum", seufzte ihr Schwiegersohn und blickte unwillig auf seine Taschenuhr. Verdammt, es war schon fast 8:00 Uhr.

„Wenn Sie wollen, können Sie durch den Kamin gehen", bot Professor Jennings Jean an.

„Danke, das ist sehr nett von Ihnen", Jean lächelte die Professorin freundlich an, „aber ich bräuchte auch noch Kopien von der Bedeutung der Schriftzeichen und am besten auch von den Zeichen selbst, geht das?"

„Das ist kein Problem", meinte diese, zückte ihren Zauberstab und wenige Sekunden später hatte Jean einen kleinen Stapel Papier in der Hand.

„Ausgezeichnet!", freute sich Hermines Mutter, „Aber ich hätte da auch noch eine Frage."

„Und die wäre?"

„Wissen Sie, woran Slides Mutter in Afrika gestorben ist?"

„Nein, aber wenn ich raten müsste", Professor Jennings Augen sprühten wieder Funken, „würde ich auf einen Fluch oder sonst einen Abwehrzauber tippen!"

„Das wäre auch meine Vermutung gewesen!", die beiden Frauen schauten sich verstehend an, dann schüttelte Jean Professor Jennings Hand und warf wie eine erfahrene Hexe eine Handvoll Flohpulver in den Kamin um schneller in den grünen Flammen zu verschwinden, wie man Kieferorthopädin sagen konnte.

„Ihre Schwiegermutter ist eine äußerst patente Frau!", war Professor Jennings Urteil, als das Glimmen erlosch.

„Ganz meine Meinung!", stimmte ihr Severus zu und verabschiedete sich ebenfalls zügig, ihm saß die Zeit im Nacken.