Der Tag verging wie im Fluge, aber das war ja immer so, wenn man jede Minute wie eine Kostbarkeit festhalten wollte.
Nachdem er Hermine ebenfalls eine kurze Mitteilung mit der Bitte zukommen gelassen hatte, falls sie sich wohl genug fühlen sollte, ihren Abschlussbericht bereitzulegen, verbrachte er fast den ganzen restlichen Tag im Ministerium, bevor leider gegen 15:00 Uhr Kingsleys Sekretärin kam und mit einem bedauernden Blick die Akten mit einem einzigen Zauberstabwisch verschwinden ließ. Gerne hätte er mehr Zeit gehabt, aber er war auch nicht unzufrieden mit dem, was er herausgefunden hatte.
Mehr Zeit hätte er auch gerne für seine Familie gehabt, denn wie am Abend zuvor kamen seine Kinder viel zu kurz. Sogar Eileen beschwerte sich, „Dad, wir haben Dich den ganzen Tag über nicht gesehen und auch jetzt hast Du keine Geduld uns in Ruhe eine Gute-Nacht-Geschichte vorzulesen!"
„Das ist richtig", seufzte ihr Vater schuldbewusst, „aber es ist so schrecklich viel zu tun", und schon wieder zuckte seine Hand nach seiner Taschenuhr.
„Wenigstens ist Mum wieder da!", warf Sera gähnend ein und krabbelte kurz übers Bett um ihrem Vater einen dicken, feuchten Gute-Nacht-Kuss zu geben. Dann kuschelte sie sich in die Kissen und war keine zwei Sekunden später eingeschlafen. Immer wieder erstaunlich, wie Severus fand. Als er sich die Wange mit seinem Taschentuch trocken gewischt und Seras Bettdecke festgesteckt hatte, schaute ihn Eileens aber immer noch voller Unmut an.
„Es sind wirklich äußerst wichtige Dinge, Tochter", versuchte er es erneut und setzte sich auf ihre Bettkante, „Angelegenheiten die leider keinen Aufschub dulden."
„Aber Mum geht es immer noch nicht so richtig gut, sie hat den ganzen Tag im Bett gelegen und selbst da hatte sie keine Zeit für uns, weil sie entweder zu müde war oder irgendwelche Akten studieren musste!", Eileen war wirklich ärgerlich, sie überkreuzte sogar ihre Arme vor der Brust und schob ihre Unterlippe vor. Ungewöhnlich! Wo doch normaler Weise sie diejenige war, die Verständnis für die Belange der Erwachsenen hatte.
„Ist etwas geschehen?", erkundigte sich daher Severus mit gefurchter Stirn bei seiner Ältesten.
„Weiß nicht!", schmollte Eileen und funkelte ihren Vater an, „Erzähl Du es mir, Dad!"
„Was meinst Du denn genau?", fragte er, obwohl er schon mehr als eine Ahnung hatte, was Eileen wissen wollte.
„Was ist mit Mum und warum haltet Ihr dauernd Besprechungen ab und warum streiten sich Tante Ginny und Onkel Harry wegen Euch?"
„Woher weißt Du, dass sich die Potters streiten?", fragte Severus überrascht.
„Albus hat es heute Nachmittag erzählt", grummelte Eileen und ihre Augenbrauen schoben sich so eng zusammen, dass sie sich fast berührten „er sagt, seine Eltern hätten sich die halbe Nacht über irgendwelche Dinge, die in Afrika geschehen sind fürchterlich gezankt und dann hat Onkel Harry auf dem Sofa geschlafen und Tante Ginny hatte morgens beim Frühstücken ganz rote Augen."
Severus schaute seine unglückliche Tochter lange an, wie sollte er ihr nur diese furchtbare Geschichte erklären, ohne den eigentlichen Grund für den ganzen Schlamassel zu verraten.
„Eileen", probierte er es, „Menschen streiten sich schon mal, das kommt vor und ist meistens nicht weiter schlimm. Auch auf Sofas zu schlafen ist nicht sehr dramatisch, wenn denn das Sofa nicht zu unbequem ist. Aber wahrscheinlich ist es nur so, dass Mister Potter schnarcht, und Tante Ginny endlich mal ihre Ruhe haben wollte. Ich versprech Dir, das die zwei sich wieder vertragen!"
„Und was habt Ihr damit zutun?", ließ sie nicht locker.
Severus hatte schon den Mund geöffnet um eine ausweichende Erklärung abzugeben, doch er wurde von einem kleinen Räuspern unterbrochen. Als er sich überrascht umdrehte, sah er seine Frau mit schwachem Lächeln im Türrahmen gelehnt stehen.
„Dein Dad hat gar nichts damit zu tun, mein Schatz", meinte Hermine leise und kam näher, „denn wie Du weißt, ist Dein Vater immer völlig unschuldig und ich leider an allem und jedem schuld! Ergo bin ich natürlich auch allein der Grund, warum sich die Potters streiten."
„Die ganze Streiterei in letzter Zeit macht mir aber Angst!", wisperte Eileen, wobei sich ihr finsterer Blick beim Anblick ihrer Mutter schon um einige Grade aufgehellt hatte.
„Kann ich gut verstehen!", bestätigte Hermine aus tiefstem Herzen, setzte sich auf die andere Bettkante und nahm ihre Tochter fest in ihre Arme, „aber manchmal muss man streiten, um Dinge klarer zu sehen und es ist immer besser die Sachen offen anzusprechen und auszudiskutieren, als sie totzuschweigen!", flüsterte sie in Eileens Ohr.
„Wenn das so ist, sagst Du mir dann auch endlich, was mit Dir los ist?", bat Eileen leise.
„Ach, meine Große", lächelte Hermine, ihre Tochter war wirklich clever, „Es ist nichts Schlimmes und Madam Pomfreys Tränke schmecken zwar widerlich, aber sie helfen", antwortete sie und gab Eileen einen zärtlichen Kuss.
„Wogegen helfen die denn nun?", Eileen war ihrer Mutter wirklich sehr ähnlich, sie gab auch niemals auf.
„Gegen Übelkeit und Schwindel und gegen diese blöde Müdigkeit, mein Schatz", antwortete Hermine wahrheitsgemäß.
Eileen ließ diese Informationen einen Augenblick sacken, dann wurden aber ihre schwarzen Augen groß und größer und sie rückte entschlossen von Hermine ab, als ihr ein unglaublicher Gedanke in den Sinn kam, „Bekommst Du etwa auch ein Kind, Mum, so wie Tante Ginny?"
Ihre Eltern tauschten einen schnellen Blick, bevor Hermine langsam nickte, „Ja, mein Schatz, auch ich bekomme im nächsten Frühjahr ein Kind."
„Echt?", staunte Eileen und sie starrte ihre Mutter ganz aufgeregt an.
„Ja, echt!", lächelte Hermine, „Aber es soll noch keiner wissen, daher müssen wir Dich bitten, es noch niemandem zu verraten. Auch Sera nicht."
„Warum denn nicht?", hakte Eileen misstrauisch nach.
„Weil wir alle damit überraschen wollen!", sprang Severus ein, als er Hermines hilfesuchenden Blick auffing, „und Du weißt genau, dass Deine Schwester kein Geheimnis für sich behalten kann!" Allerdings, nicht einmal drei Minuten lang!
„O.K. Aber wann sagt Ihr es dann? Etwa zu Deinem Geburtstag, Mum?", fragte Eileen begeistert und rechnete schon in Gedanken aus, wie lange es noch bis zum 19. September wäre.
„Vielleicht. Aber besser wäre noch zu Halloween", überlegte Hermine, „und weißt Du was, das könntest Du dann gut für uns übernehmen."
„Oh…", freute sich Eileen und ihre Wangen färbten sich vor Aufregung rot.
Anscheinend war die Aussicht auf ein neues Geschwisterkind so phänomenal, dass Eileen sogar für den Augenblick vergaß nach dem Grund für die ganzen Besprechungen zu fragen. Aber da machten sich beide nichts vor, es war nur eine Frage der Zeit, bis ihre schlaue Tochter dieses Thema wieder aufgreifen würde.
Daher nutzte Severus aufatmend die Gunst des Augenblicks, stand auf, richtete seine Weste und verlangte resolut „So, und jetzt wird endlich geschlafen!"
Er gab Hermine ein Zeichen ihm schnell ins Wohnzimmer zu folgen.
Doch so einfach ließ Eileen ihre Mutter natürlich nicht weg und so dauerte es schon noch eine kleine Weile, bis Hermine leise die Türe des Kinderzimmers hinter sich schließen konnte.
Severus wartete schon ungeduldig auf sie, „Und, was denkt sie über ein weiteres Geschwisterkind?"
„Sie findet es „der absolute Wahnsinn", lächelte Hermine und lehnte sich gegen die Wand.
„Ja, in der Tat!", seufzte Severus und trat näher zu ihr hin, „Und wie geht es Dir nun? Besser?", fragte ihr Mann und musterte sie gründlich, die dunklen Ringe unter ihren Augen waren zwar schwächer, aber immer noch da, sonst sah sie aber etwas gesünder aus. Gut! Außerdem trug sie immer noch Schlafanzug und Morgenmantel, also hatte sie wirklich Poppys Rat befolgt und den Tag über im Bett verbracht. Sehr gut!
Hermine seufzte leise und sah ihren Mann interessiert an, als er etwas zögerlich, aber immerhin, noch etwas näher an sie heran trat. „Ja und Nein", antwortete sie leise und lehnte ihren Kopf an seine Brust.
„Bitte etwas genauer, Miss Granger!", verlangte Severus und hätte gerne sein Kinn auf ihren Scheitel abgelegt, aber etwas hielt ihn zurück.
„Die Übelkeit und der Schwindel sind weg, aber meine Kondition ist desolat, Professor!"
„Dann sollten Sie sich nicht übernehmen und wieder ins Bett gehen!", schlug Severus vor und wollte sie schon auf seine Arme heben.
„Auf keinen Fall", Hermine schüttelte energisch den Kopf, „ich will dabei sein und wissen, was es Neues gibt, außerdem habe ich auch ganz interessante Informationen!"
„Oh, sehr gut!", Severus hob sie trotzdem hoch, „aber wenn Du schon nicht ins Bett willst, dann musst Du eben wieder die Couch nehmen!"
„Wird das jetzt zur Gewohnheit mich alle paar Tage umherzutragen?", erkundigte sich Hermine bei ihrem Mann.
„Vielleicht", brummte der ausweichend. Er hatte wohl bemerkt, dass sie ihren Kopf in seine Halsbeuge geschmiegt hatte und sein blödes Herz genoss ihren warmen Atem an seinem Hals.
„So? Nun, ich hätte nichts dagegen!", schnurrte Hermine leise. Ganz klar, sein Herz hatte sein Urteil über Schuld und Unschuld schon längst getroffen.
Kaum hatte er seine Frau auf das Sofa verfrachtet und ihr ihre Decke gereicht, als es auch schon klopfte. Es war Jean, die ein großes Gemälde schleppte.
„Guten Abend zusammen, schlafen die Mädchen schon?", wollte sie wissen und hiefte das Bild auf einen Sessel. Es war leer, nur sanfte, grüne Weiden erstreckten sich auf der Leinwand, „Minerva hat es mir in die Hände gedrückt, denn Professor Dumbledore will später auch kommen, aber er hat noch außerhalb zu tun. Minerva verspätet sich ebenfalls einige Minuten, es kam noch eine wichtige Eileule an", erklärte sie, als sie Severus fragenden Blick sah.
„Wie geht es Dir, mein Schatz?", auch ihre Mutter beäugte Hermine kritisch, nachdem sie ihr einen Kuss gegeben hatte, „Poppy ist recht zufrieden, wie ich von Minerva hörte."
„Ja, aber erst, nachdem sie mich unglaublich zur Schnecke gemacht hat!", knirschte Hermine beschämt, ihr Gesichtsausdruck sprach Bände.
„Hast Du verdient!", war Jeans mitleidsloser Kommentar.
„Wahrscheinlich", gab Hermine seufzend zu und nahm gerne einen der Becher Tee, die Severus Jean und ihr entgegenhielt.
Als alle mit Tee versorgt waren, atmete er tief durch, „Es ist gut, dass Du die Erste bist, Jean, denn bevor die anderen kommen, muss ich mit Euch noch etwas besprechen", sagte er und schaute Hermine ernst an. Er lief einige Schritte vor dem Kamin auf und ab, dann drehte er sich zum Sofa um, „Hermine, ich habe Dir von den Löschungen in Deinem Gedächtnis erzählt."
„Du meinst das, was Du das grüne Wetterleuchten nennst?", nickte Hermine und sah ihn aufmerksam an.
„Sehr richtig!", Severus schöpfte erneut tief Atem, „Ich halte es für unabdingbar, dass ich versuche diese Erinnerungen zurückzuholen."
„Geht das denn?", fragte Hermine.
„Ja, aber es nicht einfach und ist sicherlich alles andere als angenehm", nickte Severus finster.
„Ist das wirklich nötig?", fragte Jean zweifelnd.
„Unbedingt!", antwortete er seiner Schwiegermutter, dann fixierte er Hermine mit seinem Adlerblick, „Was denkst Du?"
„Ich bin mir nicht sicher, Severus", war ihre ausweichende Antwort, aber in ihren Augen war deutlich Angst zu lesen.
Severus presste die Lippen fest aufeinander und nahm sein Auf und Ab wieder auf, dabei versuchte er zu erklären, „Es sind sicherlich schlimme Dinge dort verborgen und ich möchte nichts lieber, als Dir das zu ersparen, Hermine, aber ich weiß auch, dass es leider nicht mehr lange dauern wird und dieses typische unbestimmte Gefühl wird sich bei Dir einstellen und sich immer häufiger und weiter in Dir ausbreiten. Grünes Wetterleuchten ist tückisch. Du wirst Albträume bekommen und vielleicht Schwermütig werden und Du weißt genau, wo das hinführen kann."
„Severus, denk auch an das Kind", mahnte Jean leise.
„Natürlich denke ich an das Kind, aber ich denke auch an Ihre Gesundheit!", seufzte ihr Schwiegersohn, „und ich weiß mir sonst keinen Rat, um die psychischen Folgen zu verhindern und zudem an diese Informationen zu gelangen!"
„Vielleicht solltest Du dann noch einige Wochen oder besser einige Monate warten!", versuchte Jean es erneut.
„Das halte ich nicht für klug!", war sich Severus sicher, „Ich habe das untrügliche Gefühl, einfach schnell genauer wissen zu müssen, was dort passiert ist, ob es z.B. Slide schon mit Hermines Hilfe gelungen ist das Geheimnis zu lüften oder wie viel noch fehlt."
Er blieb stehen und verschränkte die Arme vor der Brust, „Ich will ehrlich sein. Ich will auch endlich Klarheit haben und wissen wer Dir das angetan hat! Diese Menschen müssen gestoppt werden und sie müssen zur Verantwortung gezogen werden für das, was sie getan haben!"
„Oh, Severus…", Jean sah ihn mit angstvollem Blick an.
„Wann willst Du es tun?", meldete sich Hermine mit seltsam dünner Stimme.
„Bald", seufzte Severus und setzte sich zu ihr aufs Sofa, ihr Gesicht war so weiß, wie die Wand.
„Gut, dann tue es so schnell als möglich, denn die Albträume haben schon begonnen!"
„Was?", rief Severus entsetzt, „Davon hast Du mir gar nichts erzählt!"
„Wann denn auch?", zuckte Hermine schwach mit den Schultern und Severus nahm sein Auf und Ab wieder auf.
„Von was hast Du geträumt?", fragte er schließlich und setzte sich wieder zu ihr auf die Couch.
„Ich weiß es nicht", schüttelte sie bedauernd den Kopf und legte den Kopf an seine Schulter, „es sind keine Bilder, es sind nur Stimmen und Gefühle. Die Träume zerrinnen mir sobald ich aufwache wie Sand zwischen den Händen, nur das furchtbar beklemmende Gefühl von Leid, Schmerz und Angst, das bleibt wie der kalte Schweiß auf meinem Körper, noch stundenlang kleben."
Er wechselte mit seiner Schwiegermutter einen entschlossenen Blick, „Dann machen wir es noch diese Woche, kannst Du dann hierbleiben Jean?"
„Natürlich, wenn Ihr mich braucht, bleibe ich", nickte sie fest, „Aber ich möchte auch, dass Ihr vorher mit Madam Pomfrey sprecht, Severus!"
„Das hatte ich sowieso vor", nickte er.
„Und ich werde Henry heute noch eine SMS schreiben, dass er seinen Aufenthalt abbrechen muss, ich finde, wir brauchen ihn hier genau so nötig, wie die Armen in den Slums von Buenos Aires", beschloss Jean und begann in ihrer Handtasche herum zu kramen.
„Du wirst die SMS erst in London schreiben können, Mum", erinnerte sie Hermine an die Unmöglichkeit in Hogwarts irgendwelche elektronischen Geräte benutzen zu können.
„Ach, ja, das vergess ich immer wieder!", Jean schüttelte über sich selbst den Kopf.
Die Wohnzimmeruhr schlug acht Mal und pünktlich trudelten Mister Weasley und die Potters ein.
Ron stürzte sich sofort mit Begeisterung auf die Reste des Abendbrotes, die Hermine extra für ihn zurückgehalten hatte.
Als nächstes kamen Kingsley und Minerva, dicht gefolgt von der schwergewichtigen Expertin für Alte Runen.
„Meine Damen und Herren", räusperte sich Severus, als er die verwunderten Blicke der anderen wahrnahm, „die meisten von Ihnen und Euch kennen vielleicht Professor Mildred Jennings, sie lehrt Alte Runen in Oxford und hat einige interessante Thesen zu unserem Problem, sie wird sie Ihnen sicherlich gerne erläutern. In dieser Zeit würde ich gerne kurz mit Ihnen Misses Potter unter vier Augen sprechen".
Verwundert schaute Ginny ihren ehemaligen Tränkelehrer an, mit einem fragenden Blick auf ihren Mann und Hermine, die aber beide nur kurz mit den Schultern zuckten, folgte sie ihm zögernd in sein Büro.
„Bitte setzen Sie sich", bat er Misses Potter und verwandelte den harten Besucherstuhl wieder in ein wesentlich komfortableres Exemplar. Als Ginny Platz genommen hatte und ihn neugierig ansah, musste er aber erst ein paar Schritte vor seinem Kamin auf und ab marschieren, denn er hatte dieses Gespräch ganz spontan erbeten, als er Ginnys unglücklichen Gesichtsausdruck gesehen hatte.
„Er hat es Ihnen erzählt, nicht wahr?", eröffnete er dann etwas unvermittelt.
„Was?", fragte Ginny, „das mit dem zweiten Zeichen?"
„Richtig."
„Ja, das hat er mir erzählt", schnaubte Ginny und verschränkte die Arme vor der Brust. Bei Merlin, heute hatte er aber genug unglückliche Frauen zu trösten.
„Und ich entnehme Ihrem Gesichtsausdruck und Ihrer Antwort, dass Sie über diese Tatsache ziemlich wütend sind."
„Nein, ich bin nicht wütend", Ginny stand vom Stuhl auf und stemmte ihre Hände auf die Hüften, „wenn ich nur wütend wäre, käme ich damit ganz gut klar, Severus, aber leider bin ich nicht nur wütend, sondern vor allem maßlos enttäuscht und ich bin schrecklich verstört und weiß echt nicht, was ich von all dem halten soll!"
Ihr traten Tränen in die Augen und sie ließ den Kopf hängen um schließlich ihr Gesicht leise schluchzend in ihren Händen zu bergen.
Severus trat einen kleinen Schritt zu ihr heran und legte unsicher und etwas ungeschickt seine Hand auf ihre Schulter. Ginny zuckte unter dieser Berührung zusammen und hob den Blick, „Entschuldigen Sie Professor, aber…"
„Sie müssen sich nicht entschuldigen, Ginny", versuchte sie Severus zu beruhigen und reichte ihr sein Taschentuch, „ich kann mich sehr gut in Sie hineinversetzen, vielleicht verstehen Sie dann auch – im Gegensatz zu ihrem Mann – meine Reaktion auf die Geständnisse meiner Frau."
„Ja, das tue ich", nickte Ginny und spielte mit dem Saum seines Taschentuches.
„Und bedenken Sie, dass Sie sich viel besser halten, als ich es getan habe, immerhin haben sie nicht etliche Tage vor der Kloschüssel verbracht", fügte Severus hinzu.
„Doch habe ich, nur wegen etwas anderem, wie Sie wissen!", gelang Ginny ein sehr schmales Lächeln.
„Ja, ich erinnere mich", erwiderte der Tränkemeister und auch an seinem Mundwinkel zuckte ein kleines Grinsen. Dann räusperte er sich und sein Blick wurde wieder ernst, „Ginny, ich habe Professor Jennings heute morgen besucht, weil sie weiß, was die Zeichen bedeuten. Das Mahl hinter dem Ohr ihres Mannes heißt soviel wie ‚hören, lauschen, aufpassen', daher nehme ich an, dass der Fundort des zweiten Mahles, ebenfalls nicht unbedacht gewählt wurde", er zuckte kurz mit seiner linken Augenbraue, bevor er zum wirklich Wichtigen kam, „Außerdem habe ich vorhin mit Hermine besprochen, dass wir die Löschungen soweit es geht wieder herstellen müssen."
„Ist das möglich?", erkundigte sich Ginny sogleich, „ und wird das ihrem Kind nicht schaden?"
„Ja, es ist möglich, ich habe vor einigen Jahren einen speziellen Trank entwickelt und natürlich werden wir uns vorher ausführlich mit Madam Pomfrey beraten."
Ginny nickte und ließ sich wieder auf den Stuhl sinken, ihr Blick war auf das weiße Stofftaschentuch in ihrer Hand gerichtet „Severus, das mit dem Zeichen, das ist es nicht allein."
„Dass hatte ich auch nicht gedacht."
„Viel, viel schlimmer fand ich seine Erinnerungen."
„Hm! Verständlich!", befand Severus.
„Und wenn ich mir auch vollkommen sicher bin, dass er mich von Herzen liebt und mich bisher noch nie betrogen hat, dann war es doch unglaublich schockierend ihn mit einer anderen Frau zu sehen", sie schöpfte tief Atem, dann schüttelte sie den Kopf, „Nein, ich will ehrlich Ihnen gegenüber sein, das Schlimmste war, ihn mit Hermine zusammen zu sehen!"
„Auch diesen Eindruck kann ich nur bestätigen!", murmelte Severus und ein empfindlicher Stich ging durch seine Brust, als er an die Szenen aus Hermines Gedächtnis dachte. „Ohne Trank hätte ich ihrem Gemahl höchstwahrscheinlich den Hals herumgedreht und das vollkommen ohne Magie!"
„Ja... Und sie denken, dass dies alles einem Plan folgt?", fragte Ginny ungläubig und lehnte sich im Stuhl zurück.
„In der Tat! Mit jeder Stunde und mit jeder Information die ich bekomme, immer mehr", war sich Severus sicher und nahm hinter seinem Schreibtisch Platz.
„Aber was soll es denn für einen Sinn haben, soviel Leid, Streit und Misstrauen über uns alle zu bringen, wenn es doch nur um dieses Volk hinter dem Zauberwall ging?", verstand Ginny nicht.
„Hm", überlegte Severus, „vielleicht kann uns da ebenfalls Professor Jennings weiterhelfen, denn eines der Zeichen, die ihr aus dem Muggelbuch bekannt waren, bedeutet soviel wie „Leid, Schmerz oder Qual."
Er schob den Stuhl entschlossen nach hinten und sah Ginny auffordernd an, „Kommen Sie, Misses Potter, lassen Sie uns nicht länger klagen, sondern es uns herausfinden!", dann hielt er inne und blitzte sie an, „Sollte allerdings dabei herauskommen, dass weder Slide noch sonst ein anderer etwas damit zu tun hatte, sondern das Ganze nur eine geschickte Tarnung für eine simple Affäre war, dann rächen wir uns beide auf grausame Art und tun es ihnen gleich."
„Aber Professor, ich steh doch gar nicht auf Sie!", entsetzte sich Ginny, aber auch in ihren Augen funkelte der Schalk.
„Das spielt doch keine Rolle, man muss Opfer bringen, Misses Potter!", entgegnete Severus mit hochgezogenen Augenbrauen.
„Na gut", murmelte Ginny, als er ihr die Türe aufhielt, „es könnte ja auch wirklich schlimmer kommen!"
