Täuschungen 20 Erkenntnisse

Als Severus mit Ginny wieder zurück in seine Räume kam, gerieten sie gerade in eine heftige Diskussion, die wohl der Bericht von Professor Jennings ausgelöst hatte. Jedenfalls schloss er das aus dem puteroten Gesicht von Mister Potter, dem ungläubigen von Minerva und dem breit grinsenden von Mister Weasley.

„Sehr schön, Professor Jennings, Sie haben also schon ihre Thesen eingeleitet", war Severus erfreut und warf einen Blick auf die Notizwand, die Hermine wieder erstehen gelassen hatte, „haben Sie heraus finden können, was das Zeichen bedeutet?"

„Ja", nickte die Expertin für alte Runen und wies auf ihre Projektionswand, die direkt neben der anderen Tafel leuchtet, „ich wollte es gerade erklären, aber der Fundort hatte für einige Nachfragen gesorgt", sie warf einen schnellen Blick auf Mister Potter, „es bedeutet passender Weise ‚Begehren, Geilheit, Verlangen'."

Severus Reaktion war ein leises Grunzen und auch von den anderen waren überraschte Ausrufe zu hören, Mister Potters Gesichtsfarbe intensivierte sich noch um einige Grade und Hermine schloss für einen Augenblick ergeben die Augen.

„Gut", fasste sich Hogwarts Tränkemeister schnell wieder und fixierte Harry mit kühlem Blick, „Mister Potter gibt es noch weitere Mahle an ihrem Körper?"

„Nein!", zischte dieser zwischen zusammengepressten Zähnen hindurch.

„Sind Sie sicher? Wir könnten es hier und jetzt gerne überprüfen", bot Severus an.

„Nein, verdammt!", platzte Harry mit bebender Stimme heraus und funkelte seinen ehemaligen Lehrer wütend an.

„Ich hätte trotzdem gerne, dass Hermine einen Diagnosezauber spricht. Sind Sie einverstanden?"

„Hm, Diagnosezauber, ja, das ist o.K.!", gab Harry nach, er hatte wohl schon vor seinem inneren Auge einen öffentlichen Striptease gesehen.

Hermine war die ganze Situation ebenfalls sichtlich unangenehm, trotzdem zückte sie ihren Stab und schwang ihn unter leisem Gemurmel dreimal über ihren Freund. Ein grüner Schimmer umhüllte daraufhin Mister Potter und nur an seinem Ohr und an seinem Schritt ging der Schimmer ins rote über.

„Offensichtlich gibt es keine weiteren mysteriösen Zeichen an ihrem Körper", meinte Severus süffisant, „außer den bereits gefundenen. Aber", er drehte sich zu Hermine herum, „vielleicht hast Du ja nicht nur auf Mister Potters Körper Hinweise hinterlassen, sondern auch auf Deinem!"

Hermine schaute ihn erst etwas überrascht an, dann nickte sie langsam, „Das wäre nicht unwahrscheinlich. Aber mir ist noch nichts dergleichen aufgefallen und Dir doch auch nicht, oder?"

„Nein, aber weder Du, noch ich haben danach gesucht", meinte er trocken und vermied es Mister Potter anzuschauen, dessen Schnauben er gekonnt überhörte, „also sollten wir uns lieber verlässlicheren Methoden bedienen. Kannst Du den Spruch auch über Dich selbst sprechen oder soll das jemand anderes übernehmen?"

„Ich glaube, dass geht auch so", meinte Hermine, richtete ihren Zauberstab auf sich und wiederholte die Bewegungen, die ihren Körper ebenfalls in einen leichten grünlichen Schimmer hüllte, allerdings war er wesentlich bläulicher als der von Harry. Er musste sie später fragen, was das bedeutete. Aber im Augenblick gab es etwas viel Dringlicheres, denn was alle den Atem anhalten ließ, waren die drei roten Stellen die sich deutlich in ihrem Gesicht, auf ihrem Hinterkopf und an ihrer rechten Hand abzeichneten.

„Tja, wer hat denn hier nicht richtig hingesehen?", konnte sich Harry nicht verkneifen Severus zuzuraunen, als alle etwas näher an Hermine herantraten.

Severus schenkte auch diesem Kommentar keine Beachtung, sondern schwang schnell seinen Stab, um mit einem Wisch Hermines Haarmähne in eine blankpolierte Glatze zu verwandeln.

„He!", rief seine Frau entsetzt und strich mit ihren Händen geschockt über ihren kahlen Schädel.

„Keine Sorge, wie Du weißt, liebe ich Dein Haar!", beruhigte sie Severus und drehte ihren Kopf behutsam ins Licht.

„Oh, hier hinten ist es!", freute sich Professor Jennings ganz aufgeregt und sprach geschwind einen Kopierzauber über die kleine schwarze Zeichnung auf Hermines Hinterkopf, „Jetzt das nächste!"

„Nein, erst will ich meine Haare wieder haben!", verlangte Hermine vehement und atmete erst wieder auf, als Severus ihren braunen Schopf neu wachsen lies.

„Ich will ja nicht, dass Du Dich erkältest!", murmelte er freundlich, dann winkte Severus seine Schwiegermutter heran und deutete auf Hermines Mund „Jean, ich glaube das hier ist Dein Ressort!"

Schnell hatte Jean ihre Brille aufgesetzt und aus ihrer Handtasche einen kleinen metallenen Mundspiegel gefischt, so etwas hatte anscheinend jeder gute Zahnarzt stets griffbereit, „Ich brauche aber deutlich mehr Licht", befand sie und als Ron geflissentlich seinen hell erleuchteten Zauberstab näher hielt, öffnete Hermine sogleich ihren Mund und ihre Mutter brauchte auch nicht lange um das Mal zu finden. „Es ist hier oben auf der Gaumenplatte, aber so klein, dass ich es vielleicht bei einer Routineuntersuchung übersehen hätte", meinte sie und ergänzte zufrieden, „Aber Deine Zähne, mein Schatz, sind in allerbester Ordnung!"

„Danke Mum", konnte Hermine nur noch rasch sagen, bevor Professor Jennings schon begann mit Hilfe des Muggelzahnarztwerkzeuges und eines Kopierzaubers die Zeichnung zu sichern.

„So, jetzt noch das letzte!", die Wangen von Professor Jennings glühten bereits vor Eifer.

Na, auf den Ort hätten sie auch ohne Diagnosezauber kommen können, dachte Severus, als Hermine ihren Ring abstreifte und auf die Tischplatte legte. Dann tippte sie mit ihrem Stab leicht gegen den Reif, schloss ihre Augen und es dauerte nicht lange, da wurde ein ähnliches Symbol wie die bereits zuvor gefundenen vom Ring aus an die Wand projiziert. Es war ein leichtes, dieses Zeichen zu kopieren.

„Sie können mein Büro benutzten Professor, damit Sie in Ruhe die Zeichen bestimmen können", bot Severus der Expertin an, die daraufhin sogleich mit ihrer schweren Aktentasche und den drei Kopien im Arbeitszimmer des Tränkemeisters verschwand.

„So", Severus rieb sich die Hände, er war bis jetzt äußerst zufrieden mit dem Verlauf dieser Besprechung, „Ich denke, Professor Jennings ist nun eine Weile beschäftigt und wir haben somit Zeit unsere anderen Erkenntnisse zusammenzutragen", er blickte sich um, „Wer möchte beginnen?"

„Ich!", Ronald Weasley sprang auf, „denn ich kann leider nicht lange bleiben, Kathrin hat heute Geburtstag und ich habe sie zum Essen eingeladen." Er grinste über seine sommersprossenübersäten Wangen.

„Ginny und ich haben noch mal mit der Hauselfe gesprochen und sie hat uns gerne ihre Erinnerung ausgehändigt", begann er, „wir sind dann ins Ministerium und haben diese Erinnerungen auf alle gängigen Zauber hin überprüft, „sein Blick schnellte zu Hermine herüber und er zuckte entschuldigend mit den Schultern, „wir konnten nichts finden."

„Soll das heißen, dass sie weder einen Zauber, noch einen Trank nachweisen konnten?", fragte Severus bestürzt nach.

„Sehr richtig, Professor", antwortete Ron, „und jeder normale Auror hätte nach fünf langen Stunden mit allen möglichen und unmöglichen Testreihen beschlossen, dass Professor Hermine Granger, zwar ach so unschuldig aussieht, aber dennoch ihren Vorgesetzen vergiftet hat."

Die ach so unschuldig aussehende Professorin hatte sich schon voller Empörung aufgerichtet um ihrem Freund in aller Deutlichkeit kundzutun, dass sie auf gar keinen Fall Amos Carter vergiftet habe, als Ginny beruhigend die Hand hob, „Aber da mein verehrter Bruder keineswegs unter die Rubrik ‚normal' fällt", sie grinste Ron hämisch an, „hat er natürlich auch noch eine sechste und siebte Stunde drangehangen und stellt Euch vor, als er endlich sein Gehirn eingeschaltet hat", hier wurde sie von einem entrüsteten „Wie bitte!" ihres Bruders unterbrochen, „da erinnerte er sich an einen chinesischen Trank, der genau dies konnte: Völlig unnachweisbar sein, sogar für Elfen und alle anderen magischen Wesen."

„Welcher Trank sollte das denn sein?", grübelte Severus und auch Hermine hatte ihre Stirn in wilde Denkfalten gelegt.

„Er heißt ‚Geister der Morgenröte' und ist der mächtigste Kopiertrank von dem ich je gehört habe", gab Misses Potter einen weiteren Hinweis, „und er besteht zu einem nicht unerheblichen Teil aus dem Samen des Morgenmoses", sie schaute Hermine eindringlich an, „Na, klingelt da etwas bei Dir?"

Ihre Freundin schaute aber eher ratlos, bis dass sie einen kleinen Schrei ausstieß und sich schnell wie der Wind aus ihrer Decke schälte, um ins Schlafzimmer zu rennen.

Ginny strich sich sehr zufrieden über ihre Robe. Auf Hermines Gedächtnis war eben verlass – wenn keiner daran herumfuschte, versteht sich.

Tatsächlich kam Hermine wenige Sekunden später mit einem dicken Stapel Akten zurück, in dem noch einige der rosa Zettel klebten, die Ginny dort als Markierung angebracht hatte.

„Hier muss es irgendwo sein", murmelte sie, als sie aufgeregt den Aktenberg durchforstete, „Genau!", rief sie plötzlich und ihre Wangen waren wieder vor Aufregung gerötet, „hier ist er!", sie zog einen Antrag aus dem Stapel, studierte eingehend die letzte Seite und hielt ihn dann mit glänzenden Augen Severus hin.

Dieser las sich etwas ratlos die Beschreibung durch, „Hier steht, dass es sich bei diesem Trank um ein verbessertes Rezept gegen Hämorriden handelt", er schaute Hermine fragend an.

„Ja, ja", winkte diese ungeduldig ab, „das steht da, aber lies Dir doch bitte mal nur die Zutatenliste durch, fällt Dir da was auf?"

„Hm", Severus schlug Seite drei und vier des Antrages auf, „auf den ersten Blick nicht, außer dass eine ungewöhnlich hohe Menge an Morgenmoossamen Verwendung findet."

„Richtig", mischte sich Ginny ein, „genau daran habe ich mich erinnert, als Ron mir die wichtigsten Bestandteile des Trankes vorgelesen hat. Ich habe dann schnell noch mal in den Originalunterlagen von Slide nachgesehen und genau diesen Trank hier gefunden!"

„Warum war Slide denn so dumm einen solch mächtigen Trank zu beantragen?", fragte Jean und schaute in die Runde.

„Das ist ganz einfach, Dr. Granger", erklärte Kingsley, „weil die Ministerien regelmäßige Kontrollen in den Laboren solcher Firmen durchführen und wenn wir bei einer solchen über diesen Trank ohne Zulassung gestolpert wären, hätte es ziemlichen Ärger gegeben, immerhin ist der Samen des Morgenmooses eine anzeigepflichtige Zutat, deren Verbleib wir bis aufs kleinste Gramm nach verfolgen."

„Dann war es also viel einfacher diesen Trank als unauffälliges Mittel zu tarnen?", nickte Jean verstehend.

„Oh ja, denn wir werden jeden zweiten Tag mit neuen Heiltränken gegen solche Wehwehchen zugeschüttet, die Genehmigung kommt daher ziemlich rasch."

„Gut", nickte Jean, „aber ich habe noch nicht verstanden, wie ihr den Trank nachweisen konntet, wenn er doch unnachweisbar ist?"

„Schön, dass sie fragen", freute sich Ron, „das Einzige was diesen Trank verraten kann, ist die Person, die ihn nimmt. Wo ist ihr Denkarium, Professor?"

„In meinem Büro. Aber was wollen Sie damit sagen?", antwortete Severus etwas ungeduldig.

„Würden Sie es bitte holen, Severus", übernahm Ginny wieder, „Denn unserer Meinung nach liegt darin der Schlüssel! Wir wissen, dass Slide einen unnachweislichen Kopiertrank herstellen kann, wir wissen alle, dass Hermine Granger nie im Leben ihren Vorgesetzten vergiften würde, daher muss uns die Person selbst den Hinweis geben."

Während Severus das Denkarium hereingeholt und auf den Esstisch stellte, erklärte sie weiter, „Wir haben uns die Erinnerung immer und immer wieder angesehen und dann haben wir es bemerkt. Es sind zwei kleine Details, sehen Sie selbst."

Ginny schüttete die Erinnerung der Elfe in die Schale und winkte den Professor und Hermine heran.

Beide stellten sich vor die Schale und beugten sich langsam vor, bis sie mit einem Satz in die Erinnerung gezogen wurden.

Er erkannte sofort die leere Eingangshalle von Carters Anwesen und er schaute schon Hermine fragend an, als diese auf die Elfe deutete, die gerade aus der Küchentür trat. Sie balancierte ein großes Tablett auf ihren dünnen Ärmchen und versuchte nicht über Amos Carters Kater Holmes zu stolpern, der ihr immer wieder um die Beine strich und herzergreifend Miaute.

„Du bekommst ja gleich was, aber erst muss Pitti noch die Gläser wegstellen", versuchte die Elfe den Kater zu beruhigen. Sie hatte auch schon den halben Weg zum Esszimmer geschafft, als es an der Türe klingelte.

„Komme, komme", rief sie sofort eilig und wäre beinahe über Holmes gefallen, der Pittis Richtungsänderung so schnell nicht mitgekommen hatte.

„Entschuldige Pitti, aber ich habe noch einige Unterlagen bei Professor Carter liegen gelassen, ich hole sie schnell", wie erwartet war es Hermine - oder die Person, die in diesem Augenblick Hermine darstellt. Tatsächlich war keinerlei Unterschied zu seiner Frau zu bemerken und auch Hermine selbst zuckte ratlos die Schultern.

Die Elfe verbeugte sich tief vor der jungen Professorin, „Natürlich, Professor Granger, aber der Professor ist nicht mehr im Labor, sondern in seinem Arbeitszimmer", erklärte Pitti entschuldigend.

„Das macht nichts, ich finde den Weg alleine, Du musst ihn nicht rufen", erklärte Hermine freundlich und machte sich zielstrebig Richtung Labor auf den Weg.

Leider übersah sie dabei Holmes, der wie Severus wusste, eine eindeutige Vorliebe für Hermine besaß und sich durch das Reiben an ihrem Bein in Erinnerung zu bringen versuchte. Durch dieses Hindernis aus dem Tritt gebracht, konnte sich Hermine gerade noch so fangen, bevor sie der Länge nach im Flur gelegen hätte, doch das wilde Rudern ihrer Arme bewirkte, dass ihr Zauberstab aus dem Ärmel rutschte und leise klimpernd über die blanken Fliesen sprang. Schnell bückte sie sich und griff nach ihm, um ihn wieder zurückzustecken, das nutzte der freche Kater um auch Hermines Hände zu umschmeicheln. Sie schenkte ihm einige tätschelnde Handbewegungen und lächelte Pitti schnell zu, bevor sie auch schon hinter der Labortür verschwunden war. Das Letzte was die Erinnerung hergab, war ein leises Niesen, dann gab es einen Ruck und die beiden standen wieder in ihrem Wohnzimmer.

„Und, ist es Euch aufgefallen?", wollte Ron sofort wissen.

Severus und Hermine schauten sich an und ließen im Geist die Szene nochmals Revue passieren, dann blitze es in Hermine Augen auf, „Das Niesen!"

„Genau!", freute sich Ginny, „Die Person war allergisch gegen Katzen und besonders viel Ahnung schien sie auch nicht von diesen Tieren zu haben"

„Stimmt, ich hätte Holmes sicher hinter den Ohren gegrault, denn das liebt er abgöttisch", versicherte Hermine lächelnd.

„Aber da ist noch was, na, kommt Ihr nicht drauf, Hermine? Professor?", hakte Ron nach und sah gespannt von einem zum anderen.

„Nun sagen Sie schon, Weasley", knurrte Severus ungeduldig, „Sie haben sich diese winzige Erinnerung doch auch mehrfach ansehen müssen, bevor es Ihnen aufgefallen ist!"

„Allerdings, aber ich bin ja auch nur ihr Freund und nicht ihr Ehemann!", stichelte Ron, kam dem Wunsch seines ehemaligen Zaubertranklehrers aber schnell nach, als sich dessen Augen zu Schlitzen verengten.

„Es ist der Zauberstab!", er strahlte beide an.

„Was ist mit dem Stab?", fragte Hermine nach.

„Du nimmst ihn mit der falschen Hand und steckst ihn in den falschen Ärmel!", Ron schlug sich triumphierend auf die Schenkel.

Severus funkelte ihn misstrauisch an, dann beugte er sich wieder über das Denkarium um Rons Aussage zu überprüfen. Als er wenige Augenblicke später wieder in seinem Wohnzimmer stand, nickte er bestätigend. „In der Tat, Mister Weasley, er steckte im linken Ärmel als er heraus fiel, aber die Person greift mit der linken Hand danach und steckt ihn in den rechten Ärmel, wir haben es also mit jemanden zu tun, der Linkshänder ist und eine Katzenallergie hat!"

„Ganz genau, Professor!"

„Das war sehr gute Arbeit, Mister Weasley, Misses Potter!", bestätigte Severus und notierte alle Ergebnisse auf der Wand.

„Großer Merlin!", keuchte Ron perplex, „Habe ich was an den Ohren oder haben Sie uns gerade eben gelobt?"

„Gute Arbeit wird von mir immer honoriert", behauptete Severus und blitzte Ron an, „Wenn Sie in der Vergangenheit noch nicht oft in den Genuss einer solchen Rückmeldung gekommen sind, Mister Weasley, kann das nur daran liegen, dass es nicht viel gab, was es zu honorieren gab!"

„Und schon ist alles wieder beim Alten!", seufzte der Rotschopf und ließ sich aufs Sofa fallen.

Severus drehte sich mit einem winzigen Grinsen in den Mundwinkeln schwungvoll um und schaute in die Runde „So, wer macht weiter?"

„Ich!" meldete sich Hermine und kramte eine dicke Mappe hervor, deren ausgefranste Pappränder sich wellten, „Auf Deinen Wunsch hin, Severus, habe ich mir meine Notizen zum Abschlussbericht vorgenommen. Ich hatte ihn noch in Cornwall und Abby war so nett und hat meine Tasche von dort geholt", sie öffnete die Laschen und breitete die Pergamente vor sich aus, „Beim ersten Durchsehen ist mir nichts Ungewöhnliches aufgefallen, aber wie bei vielem in dieser ganzen Geschichte, kamen die interessanten Dinge erst beim zweiten Blick zu Tage."

Sie reichte ihrem Mann eines der Blätter, „Was bemerkst Du an meiner Dokumentation der dritten Forschungswoche?"

Severus nahm das Pergament und las es sich gründlich durch, „Nun, wie Du sagtest, eigentlich nichts", seine Augen huschten suchend über das Blatt, „Der Inhalt ist unspektakulär und die Art und Weise ist wie immer viel zu wortreich und ausufernd beschrieben, aber sonst", er kniff die Augen zusammen und legte die Stirn in Falten, „wobei..?"

„Ja?", Hermine schaute ihn genauso gespannt an, wie es zuvor Ron bei ihnen getan hatte.

„Wahrscheinlich warst Du müde und unkonzentriert, denn Du machst ungewöhnlich viele Fehler, die Du dann durchstreichst, anstatt einen Korrekturzauber zu benutzen."

„Ganz genau!", freute sich Hermine, „ich streiche eigentlich höchst selten etwas durch, denn ich hasse unordentliche Abhandlungen mit Streichungen und Flecken!"

„Dann sind es Hinweise!", rief Jean enthusiastisch und sprang aufgeregt vom Stuhl auf, „Und darum will dieser Hide auch unbedingt den Bericht, weil er Sorge hat, dass Du genau das darin versteckt haben könntest!"

„Hast Du schon diese möglichen Hinweise extrahieren können?", fragte Severus nach.

„Nicht nur das, ich habe sie sorgsam in der Reihenfolge der Notizen auf ein Blatt geschrieben und für jeden von Euch vervielfältigt."

„Dann können wir ja in den nächsten Tagen darüber nachgrübeln", freute sich Severus.

„Mir ist aber noch etwas aufgefallen", war Hermine noch nicht fertig, „Der Bericht umfasst fast 150 Blätter und auf jedem 12. ist ein Tintenfleck!"

„Professor Jennings erwähnte, dass die 12 eine ungemein wichtige Rolle in der Welt der Mondmenschen spielt", erinnerte sich Severus und schrieb auch dies auf. „Ergaben die ungeheure Anzahl von Anträgen irgendwelche zusätzlichen Informationen?"

„Keine!", verneinte seine Frau, „Aber ich möchte mir sie noch mal in Ruhe ansehen, denn wenn es stimmt, dass die Firma Tränke als Tränke tarnt, muss man die unbedeutenden wohl genauer prüfen."

„Gut, mach das.", stimmte Severus zu und räusperte sich um seine eigenen Erkenntnisse vorzutragen, „Ich selbst habe, dank unseres Zaubereiministers, Gelegenheit gehabt einige Blicke in das Geschäfts- und Privatleben von Thomas Slide zu werfen."

„Und zu welchen Erkenntnissen bist Du gekommen?", fragte Kingsley.

„Es war höchst erstaunlich und beeindruckend!", meinte Severus, „Dieser Kerl hat seine Finger

überall, er ist in hunderten von kleinen Firmen stiller Teilhaber und sitzt in unzähligen Aufsichtsräten und Kuratorien, in Vorständen und Gremien. Übrigens sind diese Geldbeteiligungen nicht willkürlich oder gar unbedacht gewählt, nein, jede dieser kleinen, meist unbekannten Firmen, Labore und Institute ist etwas Besonderes. Jede dieser Firmen ist einzigartig und führend auf ihrem Gebiet", er machte eine kleine Pause und sah sich um, „und ratet, wann diese Geschäftsbeziehungen zumeist eingefädelt wurden?"

„Keine Ahnung, die Firma Slide gibt es ja schon ewig", überlegte Kingsley.

„Ja, das stimmt, aber diese besonderen Geschäftsverbindungen wurden fast alle zu den Blütezeiten des dunklen Lords geschlossen!"

Ein Raunen ging durch den Raum und Severus war schon klar, dass diese Information für genügend Diskussionsbedarf sorgte, daher schüttete er sich erst einmal einen Becher Tee ein.

Als er den Eindruck hatte, dass man sich wieder anderen Themen widmen könne, bat er um Ruhe, „Kingsley, konntest Du etwas über den Tod von Misses Slide herausfinden?"

„Nein, leider nicht, nur soviel, dass Thomas Slide seine Mutter in einem eigenen Mausoleum auf seinem Privatbesitz nahe Sligo bestattet hat, diese Begräbnisstätte hat außer ihm noch nie ein Mensch oder ein anderes magisches Wesen betreten."

„Der Typ ist schon ziemlich eigen! Wer war eigentlich damals an dieser Expedition beteiligt?", wollte Ron wissen, als Severus noch überlegte, ob er versuchen sollte sich das Mausoleum mal näher anzusehen, „gibt es Überschneidungen zu der von diesem Jahr?"

„Ja, tatsächlich, eine", antwortete Kingsley nachdem er einen schnellen Blick in seine Unterlagen geworfen hatte, „Albert Hide war damals der Begleiter von Misses Slide und in diesem Sommer ja bekanntermaßen der Expeditionsleiter."

„Interessant!", befand Severus, „bleibst Du an der Sache dran oder siehst Du keine Chance an weitere Informationen zu gelangen?"

„Doch, ich habe da noch die ein oder andere Option offen, nur so etwas dauert, wenn man es unauffällig machen will!"

„Ich stimme Dir zu, wir dürfen kein Aufsehen erregen!", bekräftige Severus, „Was ist mit den anderen Expeditionsteilnehmerinnen und –teilnehmer, Mister Potter?"

„Nun, es wäre ein Leichtes gewesen, bei jeder der Damen und Herren anzuklopfen und mich nach ihrem Befinden zu erkundigen", begann Harry und man merkte ihm an, dass er immer noch ärgerlich und beschämt war, „aber ein solches Vorgehen hielt ich nicht für klug. Daher bin ich ins Archiv gestiegen und habe mich bis zum Mittag mit Geburtsurkunden, Abschlusszeugnissen und Anstellungsverträgen herumgeschlagen. Danach habe ich mit Ortungszaubern geprüft, wo die jeweiligen Personen sich zurzeit aufhalten und in welchen familiären Kontexten sie sich befinden", auch er reichte Severus und Kingsley einige dicht beschriebene Seiten Pergament.

„Irgendwelche nennenswerten Auffälligkeiten oder Verbindungen?", murmelte Severus, als er Potters Aufstellung überflog.

„Ich bin mir nicht sicher", gab Harry zu und rieb sich den Nacken.

„Geht es etwas genauer, Mister Potter", nörgelte Severus.

„Auf dem Papier gibt es nichts Außergewöhnliches, Professor", stieß Harry hervor, „aber mein Gefühl sagt mir, dass es irgendwo eine Querverbindung gibt, ich habe sie nur noch nicht gefunden!"

„Dann bleiben Sie dran!" Severus steckte Harrys Notizen in die Innentasche seiner Robe, dann schaute er Minerva an, „Wo bleibt Albus eigentlich?"

„Ich weiß auch nicht, er sagte, er käme später, aber wann das sein soll, hat er nicht gesagt." Minervas Blick ging zur Wohnzimmeruhr die gerade zum Anschlagen der 9. Stunde ansetzte.

„Oh, so spät schon", schreckte Ron auf, „ich muss los!", er schaute Severus auffordernd an, „Wenn Sie einen Auftrag für mich haben, schicken Sie mir eine Eule oder eine Nachricht per Kamin, Professor."

„Werde ich, Danke Mister Weasley!"

„Nimm unsere Glückwünsche an Kathrin mit, Ron!", rief Hermine ihm hinterher, „sie ist endlich mal eine vernünftige Bekanntschaft!"

„Und vor allen Dingen eine so dauerhafte Bekanntschaft!", stimmte Ginny leise zu.

„Nun gut", führte Severus wieder zu den wichtigen Dingen des Lebens zurück, „bliebe noch abzuwarten was Professor Jennings herausgefunden hat und zu fragen, ob meiner hochgeschätzten Schwiegermutter wiederum etwas Kluges in den Sinn gekommen ist."

„Vielen Dank, dass Du heute an die Möglichkeit glaubst, dass ich etwas zur Lösung dieser ganzen Sache beitragen könnte, Severus!", säuselte Jean mit einer gehörigen Portion Spott in ihrer Stimme, „und tatsächlich kam mir zwischen einem Weisheitszahn und zwei Klammern, einer Zyste und einer Überkronung ein durchaus interessanter Gedanke."

„Es ist mir immer wieder ein Rätsel, wie man bei diesen Dingen überhaupt auf andere Gedanken kommen kann!", murmelte Harry leise und fing sich einen kleinen, vorwurfsvollen Knuffer seiner Frau ein.

„Und der wäre?"

„Wir haben bekanntlich folgende Begriffe:

Hören, Lauschen, Aufpassen

Begehren, Geilheit, Verlangen

Bewegung, gehen, fortschreiten

Dunkel, Nacht, Finsternis

Sonne, Hell, Licht,

Leid, Schmerz, Qual

setzte Jean an, „davon sind schon mal zwei Paare oder eher Gegensätze, vielleicht finden sich noch mehr solche Verbindungen."

„Du meinst Dunkelheit und Licht?", fragte Minerva interessiert nach.

„Richtig und sicherlich ist auch ‚Aufpassen und Lauschen' und ‚Bewegung und Gehen' ein Gegensatz in sich. Warten wir ab, was die Runenexpertin herausfindet, und sehen wir dann, ob meine Theorie haltbar ist." Jean stand auf und leerte ihre Tasse, „So, heute muss ich mal etwas früher ins Bett. Es wirkt nicht sehr vertrauenerweckend auf Patienten, wenn ihre Zahnärztin ständig gähnt."

„Sag ihnen, dass die Zahnärztin gerade mithilft, eines der größten Rätsel der Erde zu lösen und nebenbei noch eine riesige, undurchsichtige Sache aufklärt, dann haben sie sicher Verständnis", schlug Severus vor.

„Besser nicht, dann halten sie mich nämlich für verrückt und zeigen mich bei der königlichen Zahnärztekammer an!", lachte Jean, gab Hermine einen Kuss und strich Severus über den Arm,

„wir sehen uns morgen Abend! Eine gute Nacht Euch allen!"

„Gut, dann machen wir auch Schluss", entschied Severus, er hatte schon das mehrfach verstohlene Gähnen seiner Frau bemerkt. Es war ein langer, anstrengender Tag gewesen und etwas Ruhe tat ihnen sicherlich allen gut.

„Ich würde sagen, Du sagst Bescheid, wenn wir uns wieder treffen sollen?", nickte Minerva und schnappte sich seufzend Albus leeren Rahmen.

„Ich frage dann, ob meine Mum wieder auf die Kinder aufpasst", versprach Ginny und sah Harry auffordernd an, der sich daraufhin sofort erhob und ihr ihren Umhang reichte.

Als alle gegangen waren, sah ihn Hermine erwartungsvoll an und reckte ihm ihre Arme entgegen.

„Muss ich laufen oder darf ich auf Ihren bewährten Service zurückgreifen, Professor?"

„Wer so schwer gearbeitet hat, wie Du heute, der sollte dafür auch belohnt werden", war sich Severus sicher und trug Hermine ins Badezimmer, damit sie noch eine Dusche oder ein Bad nehmen konnte. Indes schaute er nach Professor Jennings, die aber dermaßen in ihren Unterlagen vertieft war, dass er ihr lieber eine kurze Nachricht hinterließ mit der Wegbeschreibung zu einem nahegelegenen Gästezimmer.

Abschließend sicherte und kopierte er die vielen Notizen auf der Wand und löschte schließlich die Lichter, um sich ebenfalls zur Ruhe zu begeben.

Es war wirklich ein langer, langer Tag gewesen.