Täuschungen 22

Der Rest der Nacht war auch nur unwesentlich besser verlaufen und er war mehr als froh, dass er Poppys Rat zur Abwechslung ohne lange Gegenwehr gefolgt war, denn Hermine war mindestens einmal pro Stunde schreiend aufgeschreckt und ließ sich nur durch Severus starke Arme und tröstende Worte wieder beruhigen. Der Trank, den die Heilerin ihr noch kurz bevor sie ging eingeflösst hatte, bewirkte wenigstens, dass sie danach schnell wieder einschlief. Trotzdem klopfte Severus das Herz jedes Mal bis zum Hals, an Schlafen war gar nicht zu denken.

Gegen neun schaute erst Poppy kurz herein und etwas später erkundigte sich auch Jean leise, wie es Hermine ginge.

„Die Mädchen haben gefrühstückt und sind zur Schule", merkte seine Schwiegermutter noch leise an, „Ich habe ihnen gesagt, dass Ihr noch schlaft, weil es gestern so spät geworden wäre."

„Und haben sie Dir das geglaubt?", brummte Severus und schälte sich ganz vorsichtig aus Hermines Armen.

„Nein, bestimmt nicht, aber sie haben wenigstens nichts gesagt", seufzte Jean, unter ihren Augen hatten sich dunkle Ringe gebildet und die Strapazen der vergangenen Nacht konnte sie auch sonst nicht verleugnen, „Ach, bevor ich es vergesse, Minerva wartet draußen auf Dich, sie möchte kurz mit Dir sprechen."

„Bleibst Du bitte hier, ich möchte nicht, dass sie alleine ist, wenn sie wieder wach wird", bat Severus und schlang seinen Morgenmantel fest um die Hüften.

„Natürlich", versicherte ihm Jean und nahm auf der Bettkante platz.

Im Wohnzimmer erwartete seine Schulleiterin ihn mit ernstem Blick und drückte ihm als erstes einen großen Becher mit starkem Tee in die Hand. „Wie geht es ihr?", fragte sie sofort, „Poppy erzählt grauenhafte Dinge!"

„Es war grauenhaft!", bestätigte Severus und ließ sich müde auf seinen Stuhl fallen, „Und mir graut es davor mir das heute genauer ansehen zu müssen!", murmelte er eher zu sich selbst, als zu seiner Chefin.

„Gut, dass Du es ansprichst, Severus", Minerva stand auf und ging zum Kamin, „ich habe nachgedacht und halte es für keine gute Idee, dass Du Dir diese Erinnerungen ansiehst!"

„Ach, nein?", Severus Kopf ruckte herum.

„Nein!", wiederholte Minerva fest und fixierte ihren Tränkemeister mit ihren dunklen Knopfaugen, dann seufzte sie, „Aber da ich um Deine Sturheit weiß und auch glaube, dass Du diese Erinnerungen sehen musst, um die letzten Zweifel in Deinem Herzen zu beseitigen…"

„Ich habe keine Zweifel mehr!", unterbrach sie Severus bestimmt.

„Diese Zweifel meine ich nicht!", stellte Minerva klar und setzte sich wieder auf den Stuhl neben ihm, „ich meine diese Reste von Verletztheit und Misstrauen, die Dein Verhältnis zu Deiner Frau immer noch belasten", sie beugte sich nahe an ihn heran, „Gib es zu, Severus! Man merkt es daran, wie übervorsichtig ihr miteinander umgeht! Und Hermine fühlt sich immer noch irgendwie schuldig!"

„Du wirst doch nicht im Ernst glauben, dass nach diesen Ereignissen alles sofort wieder beim Alten sein kann!", schnaubte Severus.

„Nein, so etwas braucht Zeit", gab Minerva zu, „und vielleicht auch etwas Greifbares!" Sie stand wieder auf, „Darum geh und sieh Dir diese Erinnerungen an, aber tue es nicht alleine, nimm jemanden mit!"

„Ich soll noch weitere Menschen da hineinziehen, wofür soll das gut sein?", zischte Severus.

„Weil ich es so will!" entschied seine Chefin heftig, doch ihr Blick wurde weich, als sie das übernächtigte Gesicht ihres Tränkemeisters sah, „Aber auch weil ich Angst um Dich habe, Severus, ich bin in Sorge, dass Du vor Zorn und Wut Dinge tust, die unüberlegt und dumm wären", sie seufzte tief auf, „Ich will darüber wirklich nicht mit Dir diskutieren, tu ausnahmsweise einmal ohne Gegenrede was ich sage, denn weder Du noch ich haben im Augenblick Zeit und Kraft übrig, um sie mit solchen Diskussionen zu vergeuden!", sie erhob sich und strich ihren Umhang glatt, „Darum habe ich bereits Kingsley angeeult, ich halte ihn für den geeigneten Begleiter. Er war Auror und ist kampferprobt, er ist Euer Freund und involviert. Außerdem muss er als Zaubereiminister über diese Dinge sowieso Bescheid wissen, da kann er das auch zusammen mit Dir tun!"

Sie trank den letzten Schluck ihres Tees aus, „Er kommt heute nach dem Mittagessen, in einer Stunde haben wir noch eine Direktorenbesprechung in meinem Büro, da fällt es nicht so auf, dass er schon wieder hier in Hogwarts ist."

Sie sah ihn mit warmem Blick an, „Nutze die Zeit, Severus, iss etwas und versuch Dich auszuruhen, denn Du siehst wirklich furchtbar aus!"

Sein dunkles Grollen daraufhin überhörte sie glatt, bevor sie ging. Wie immer.

Missmutig starrte er seine leere Teetasse an, am liebsten hätte er sie einem Impuls folgend an die nächste Wand geworfen, diese und alle Teetassen dieser Welt gleich mit! Aber er hatte Sorge, dass der Krach Jean auf den Plan rufen könnte oder noch schlimmer, Hermine wecken würde. Darum erhob er sich steif und ging zurück ins Schlafzimmer, um seine Schwiegermutter wieder abzulösen.

„Alles ruhig!", antwortete sie auf seinen fragenden Blick, als er leise eintrat.

„Kommt Henry nicht heute zurück?", fiel Severus gerade ein und zog Hermines Bettdecke glatt.

„Ja, heute Nachmittag. Harry holt ihn in Heathrow vom Flieger ab", sie rieb sich über die Augen, „wenn Du bleibst, würde ich gerne ein Bad nehmen und mir etwas Frisches anziehen oder willst Du das zuerst tun?"

„Nein, kein Problem", brummte Severus und nahm im Sessel neben dem Bett platz, „Erst nach dem Mittagessen wäre es gut, wenn Du wieder hier wärst."

„Geht klar! Benutzt Du dann diese Schale?", fragte Jean mit bangem Blick.

„Ja."

„Ich bin sehr froh, dass Du Kingsley mitnimmst!", war sich Jean sicher, „Nur ein Dummkopf würde nach gestern Nacht so etwas alleine tun!"

Ein leises Stöhnen von Hermine ersparte ihm die Antwort auf diese Äußerung und Jean flüsterte schnell, „Bis später!"

Der prüfende Blick auf seine Frau zeigte jedoch, dass sie sich nur herumgedreht hatte und weiter schlief.

Er schloss die Augen und dachte über Minervas Behauptungen nach. Stimmte es, dass er distanziert war und dass er immer noch Reste von Misstrauen gegenüber Hermine in sich trug und sie diese auch spüren ließ? ‚Na', sagte sein Gewissen, ‚von was zeugt es denn, dass Du hier hundemüde im Sessel sitzt, in einem mehr als kühlen Schlafzimmer, anstatt dich zu ihr zu legen?'

Ja, von was zeugte das? Vielleicht von der durchaus berechtigten Sorge, sich in dieser grauenhaften Situation gänzlich zu verlieren? Einfach unterzugehen in all dem Undurchsichtigen und Verworrenen, in all den Fragen und Befürchtungen? Aber vor allem in all der ohnmächtigen Wut und dem unbändigen Zorn den er unter einer mehr als dünnen Oberfläche aus Selbstdisziplin und Beherrschung mühsam zu kontrollieren suchte. Oh, ja! Ganz gewiss. Bei Merlin!

Wenn er damals in Zeiten des Dunklen Lords diese Distanziertheit nicht gehabt hätte, wäre er nicht in der Lage gewesen seine Aufgabe zu erfüllen. Distanziertheit und Disziplin waren sein Selbstschutz und seine Erfolgsgarantie. Ein Muster, das er jetzt in einer wirklichen Krisenzeit wie selbstverständlich aus den Tiefen seines Wesens hervorgekramt hatte und ohne darüber nachzudenken anwendete.

Allerdings gab es einen entscheidenden Unterschied zu früher: Er war nicht mehr allein. Er hatte jetzt Frau und Kinder, die er mehr liebte als sein Leben, er hatte Freunde, die ihm halfen und ihn unterstützten. Er war nicht mehr allein.

„Severus…"

Hermines kraftlose Stimme riss ihn aus dem leichten Dämmerzustand in den er wohl über sein Gegrübel gefallen war.

„Ich bin hier!", murmelte er und war mit einem Schritt an ihrem Bett.

„Mir ist nicht gut", konnte sie noch hervorstoßen, bevor sie auch schon zu würgen begann.

Schnell hielt er ihr die Schüssel entgegen, die Poppy in der Nacht schon bereitgestellt hatte.

Als ihr Bauch nichts mehr hergab, sank sie entkräftet zurück in die Kissen.

„Nimm bitte diesen Trank, er beruhigt den Magen", bat Severus sie leise, nachdem er den Inhalt der Schüssel verschwinden gelassen hatte und hielt ihr ein kleines Fläschchen mit giftgrünem Inhalt entgegen.

Dankbar ließ sie sich von ihrem Mann beim Aufrichten helfen, damit sie die Medizin in kleinen Schlücken trinken konnte, dann schloss sie wieder entkräftet die Augen.

„In meinem Kopf dreht sich alles", flüsterte sie, „und er tut fürchterlich weh", sie öffnete ihre Augen einen winzigen Spalt.

„Das hängt wahrscheinlich alles mit gestern Nacht zusammen", er setzte sich auf die Bettkante, „Wir glauben, dass diese Nachwirkungen noch mindestens einen oder zwei Tage anhalten werden."

„Das ist… nicht sehr angenehm, aber… wenigstens … absehbar!", wisperte Hermine stockend und schloss erneut ihre Augen. Nun, ihren Humor hatte sie wenigstens noch nicht verloren.

Er studierte eine Weile ihre gefurchte Stirn, die sich allmählich glättete und nahm erleichtert wahr, wie ihr Atem ruhiger und gleichmäßiger wurde und als er sich sicher war, dass sie wieder eingeschlafen war, erhob er sich leise, um sich vorsichtig auf die andere Betthälfte zu legen, vielleicht war es ihm ja doch noch vergönnt etwas Schlaf zu finden.

Tatsächlich zeigte sein verwirrter Blick auf Hermines Muggelwecker schon fast Mittagszeit, als ein Zittern neben ihm ihn weckte. Hermine krampfte, ihre Kiefer pressten sich so fest aufeinander, dass es knirschte und weil Poppy bereits auf diese Möglichkeit hingewiesen hatte, kniete er schnell neben ihr und sorgte dafür, dass sie frei atmen konnte und sich nicht verletzte. Wie ihm die Heilerin eingeschärft hatte, war sie bei einem möglichen Krampf über 10 Minuten sofort zu konsultieren und wenn diese Anfälle häufiger auftreten würde und die Intervallzeiten dazwischen nicht ausreichten um Hermines Körper Zeit zur Regeneration zu geben, musste er ebenfalls sofort mit der Krankenstation Kontakt aufnehmen. Ansonsten sollte er sie weder festhalten, noch versuchen ihre Kiefer zu lockern oder ähnliches, also saß er lediglich neben ihr und starrte sie an. Er fühlte sich alles in allem furchtbar hilflos.

Glücklicherweise dauerte es nur wenige Minuten, bis sich Hermines Gesichtszüge endlich wieder entspannten und das Zittern ihres Körpers nachließ. Trotzdem hatte der Anfall sowohl ihn als auch sie erneut in Schweiß gebadet und er sackte erschöpft zurück in die Kissen.

Als sein Herzschlag sich wieder normalisiert hatte, stand er steifbeinig auf und reckte sich, dann schaute er nach dem Kamin und erhöhte die Brennleistung, ihm war kalt und er fühlte sich mehr als mies. Um seine verspannten Glieder in Schwung zu bringen, nahm er allmählich ein stetiges Auf und Ab vor dem Kamin auf. Sein immer wieder zum Bett huschender kritischer Blick sagte ihm, dass Hermine wieder schlief. Erst der Mittagschlag der Wohnzimmeruhr eine dreiviertel Stunde später, ließ sie erwachen und leise stöhnend drehte sie sich einige Male hin und her.

Als sie mit ihrer Hand müde über Augen und Stirn fuhr, trat er nahe an ihr Bett heran und setzte sich erneut auf die Kante.

„Mir tut alles weh!", stöhnte sie, „Aber wenigstens ist mir nicht mehr schlecht!"

„Du hattest einen Krampf", erklärte Severus und strich ihre Bettdecke glatt.

„Das erklärt einiges", seufzte sie, versuchte seinen Blick einzufangen, doch er wich ihr aus, er hatte Sorge, dass sie in seinen Augen die Angst und das Entsetzen lesen konnte, dass er in der Nacht und am Morgen empfunden hatte.

„Ein heißes Bad wäre sicherlich eine gute Idee", schlug er schließlich vor und rückte einige Gegenstände auf dem Nachttisch zurecht, „wenn Du willst, lasse ich Dir eines ein."

„Ja, das wäre klasse", nickte Hermine, griff aber nach seiner Hand, „War es gestern so schlimm, wie Du aussiehst Severus?"

Verdammt, sie kannte ihn wirklich zu gut! Er schaute sie einige Augenblicke nachdenklich an und überlegte schon, ob er sie glatt anlügen sollte, aber das würde sie eh herausbekommen.

„Ziemlich", meinte er murmelnd und führte ihre Hand zu seinen Lippen.

„Hast Du es Dir bereits angesehen?", fragte sie bang.

„Nein", sanft legte er ihre Hand wieder zurück auf die Bettdecke und stand auf.

„Und wann wirst Du es tun?"

„Heute am Nachmittag", er zückte seinen Zauberstab und sorgte für eine noch höhere Brennleistung des Kaminfeuers.

„Nimm den Cardioamoristrank, sonst regst Du Dich zu sehr auf und Dein Magen kommt auch wieder aus dem Tritt", riet Hermine und legte sich stöhnend auf die linke Seite, damit sie ihm mit den Augen besser folgen konnte.

„Darüber habe ich auch schon nachgedacht, allerdings wollte ich Dich vorher fragen, ob es Probleme mit der Anwendungshäufigkeit gibt, ich hatte ihn vor wenigen Tagen erst genommen."

„Da gibt es keine Bedenken", war sich Hermine sicher, „vor allem da die Wirkungsdauer nur etwa 5 - 10 Stunden umfassen müsste. Maximal."

„Minerva will, dass ich Kingsley mitnehme", brummte er nach einer Weile, in der er intensiv dem lodernden Spiel der Flammen zusah.

„Oh, da bin ich sehr froh, Severus", sagte Hermine sofort, „ich wollte Dich auch schon darum bitten es nicht alleine zu tun und Kingsley ist eine wirklich gute Wahl!"

Dass er Kingsley mitnehmen sollte, war ihm tatsächlich lange nicht so unrecht, wie er es Minerva vorgemacht hatte. Er hasste es nur, sich von ihr herumkommandieren zu lassen! Aber wenn er ehrlich war, hatte er Angst vor dem was ihn in diesen Erinnerungsschwaden erwartete.

„Du nimmst ihn doch mit, oder?", hakte seine Frau nach.

Er warf ihr einen schnellen Blick zu, „Ja, tue ich. Hör auf Dir Sorgen zu machen!"

„Ach Severus, das geht leider nicht", meinte Hermine bedauernd.

„Ja, das kann ich gut verstehen!", stimmte Severus nachdenklich zu, auch er konnte nicht damit aufhören sich zu sorgen. Wütend zu sein und sich zu sorgen.

Dann drückte er aber den Rücken durch und deutete resolut Richtung Bad, „Komm, lass uns zusehen, dass Deine Glieder sich wieder entspannen können", er trat ans Bett um die Bettdecke zurückzuschlagen. Dann legte er routiniert seine Hände hinter ihren Nacken und unter ihre Kniekehlen und hob sie sanft auf seine Arme.

„Das ist das einzig Gute an alldem", murmelte Hermine auf dem Weg zum Bad und als sie Severus fragenden Blick bemerkte, ergänzte sie, „dass Du mich dauernd durch die Gegend trägst!"

„So, so, Frau Professor wird also gerne auf Händen getragen", bemerkte Severus süffisant und ließ sie im Badezimmer auf den Wannenrand gleiten.

„Ab und an", spezifizierte seine Frau mit einem kleinen Lächeln, „Aber bevor ich bade, würde ich mir gerne die Zähne putzen, ich habe einen fruchtbaren Geschmack im Mund."

Er nickte verständnisvoll und beschwor einen Hocker herauf, auf den sie sich setzen konnte. Während Hermine gründlich und penibel wie immer ihre Zähne pflegte und anschließend ausgiebig gurgelte, ließ er das Badewasser ein und legte Handtücher heraus.

Als sie fertig war, knöpfte sie ihren Schlafanzug auf und er stand etwas unschlüssig daneben, als sie auch ihre Pyjamahose von den Beinen streifte. Wie immer, wenn seine Frau sich entkleidete erregte ihn ihr Anblick. Er liebte den matten Glanz ihre Haut mit den vielen kleinen Sommersprossen auf Armen und Dekollete und er liebte es, wie sie es tat, es hatte immer etwas Sinnliches und Lockendes für ihn.

Er räusperte sich vernehmlich, „Wenn es Dir recht ist, nehme ich eine kurze Dusche", sagte er etwas steif und wendete mühsam den Blick ab, als Hermine sich mit einem tiefen, erleichternden Atemzug ins warme Wasser gleiten ließ.

„Natürlich!", nickte Hermine, schaute ihn aber bekümmert an, als er den Morgenmantel ablegte. Er hielt inne, als er ihren Blick auffing, „Ich kann auch warten, bis Du fertig bist."

„Nein", schüttelte Hermine ihre Locken, „das ist es nicht, ich fände es nur schöner, wenn Du anstatt einer Dusche ein Bad nehmen würdest."

Seine Augenbraue schnellte empor, „Oh", er hatte verstanden, „ich wollte Dich nicht stören", erklärte er beschämt.

„Ich weiß, aber wenn wir schon dabei sind, das ist eigentlich das, was mich stört, Severus!", antwortete Hermine ernst, „und das, was mir wirklich unglaubliche Sorgen bereitet."

„Es macht Dir Sorge, dass ich Dich nicht stören will?", er sah sie fragend an und sie senkte traurig den Blick.

„Nein und Ja", seufzte sie und ihr Kinn begann schon wieder zu zittern, „Du bist mir so furchtbar fern. Ich habe schreckliche Angst, Severus. Um uns beide! Ich vergehe seit Wochen vor Furcht, dass ich, auch ohne Dich zu betrügen, mit dieser Reise unsere Beziehung, unsere Liebe aufs Spiel gesetzt habe, denn ich bin mir sicher, dass ich ein Leben ohne Dich nicht ertragen könnte!"

„Ich habe nicht vor, meines ohne Dich zu führen, Hermine!", stellte Severus sofort klar, doch dann seufzte auch er tief, setzte sich wieder auf den Wannenrand und starrte auf die Schaumkrone die sachte auf dem Wasser schwamm und ihren Körper verbarg „daher sitzt die Bestürzung und der Schmerz, dass es vielleicht doch möglich war Dich zu verlieren, an jemand anderen zu verlieren", konkretisierte er, „so unglaublich tief. Mir ist in den letzten Wochen, nein, schon seit Beginn dieses Sommers auf sehr schmerzliche Weise klar geworden, wie abhängig ich von Dir und Deiner Liebe bin, und wie schutzlos ich mittlerweile dem gegenüber stehe.

„Und jetzt versuchst Du Deinen Schutz wieder aufzurichten?", versuchte Hermine seine Gedankengänge nachzuvollziehen.

„Wahrscheinlich", gab Severus zu, „ich denke, es ist nicht fair Dir gegenüber, aber ich kann im Augenblick nichts dagegen tun."

„Ich verstehe", nickte sie, legte aber nach einer Weile des nachdenklichen Schweigens zaghaft ihre rechte Hand auf seine und streichelte mit ihren Fingerspitzen sachte über den Handrücken, bis ihre Fingerkuppe an seinem Ehering hängen blieb, „allerdings hat mich meine Schutzlosigkeit über die sieben Wochen Afrika gerettet", murmelte sie wie zu sich selbst.

„Was meinst Du damit?", fragte er leise.

„Ohne die wundervollen Erinnerungen an Dich, an die Mädchen und an die anderen Menschen, die ich bedingungslos und vorbehaltlos liebe, hätte ich das Gefühl gehabt, vor Heimweh sterben zu müssen."

„Wenn da keine geliebten Menschen gewesen wären, hättest Du kein Heimweh gehabt", gab Severus zu bedenken.

„Oh! Wie armselig und jämmerlich wäre das denn, Severus?", schnaubte Hermine und wischte sich die Tränen aus den Augen, „Sag mir, was es Besseres gibt, als dieses unglaubliche Gefühl zu wissen, dass man vermisst und ungeduldig erwartet, ja, sogar ersehnt wird. Wie schön ist die Vorfreude auf das Strahlen in den Augen seiner Familie und Freunde, und die Glücksschauer und die wundervolle Geborgenheit, wenn man sich dann wiedersieht, wenn man sich endlich erneut spürt und den anderen fühlt. Nichts kommt dagegen an, Severus, absolut nichts!" Ihre Augen leuchteten und ihre Stimme war fest und kraftvoll, „und nichts davon hätte ich jemals erlebt, wenn ich um meine Gefühle eine dicke Mauer gezogen hätte. Nichts!

Sie setzte sich in der Wanne auf und ihre Brüste blitzten glänzend aus dem Wasser.

„Und das eine sage ich Dir, Severus Snape", in ihren Augen funkelte wilde Entschlossenheit, „Ich bin ich nicht gewillt Dich aufzugeben, bei Gott! Ich bin nicht bereit uns beide aufzugeben, um keinen verdammten Preis dieser Welt und Du kannst Dir Deinen Schutzdings sonst wo hin stecken, denn er wird Dir nichts, gar nichts nützen!"

Ein kleines Lächeln zupfte an seinen Mundwinkeln. Bei Merlin, er hatte beinahe vergessen, wie schön sie war und dass er ihr wirklich noch nie hatte widerstehen können und besonders dann nicht, wenn sie ihn so ansah. Ohne groß nachzudenken, einfach so aus einem inneren Impuls heraus, beugte er sich zu ihr herunter, fasste mit seiner Rechten in ihren Nacken, zog sie zu sich heran und küsste sie.

Und obwohl sie zuerst etwas überrascht schien, dauerte es nur Millisekunden und auch sie schlang ihre Arme um seinen Nacken und erwiderte diesen Kuss inniglich.

Es war der erste richtige Kuss seit dem belauschten Gespräch am Meer vor fast drei Wochen und er war wundervoll!