Täuschungen 24 Aufbruch in schweren Zeiten

Vielleicht hatte er irgendwie gehofft, dass ihn die wiederholte Betrachtung der furchtbaren Ereignisse nicht ganz so schwer treffen würde, wie das erste Mal. Vor allem da er den Erinnerungen selbst nun keine große Aufmerksamkeit mehr schenkte, sondern sein Augenmerk ausschließlich auf seine Frau legte.

Aber er hatte sich geirrt. Gründlich geirrt!

Es war noch viel, viel schwerer mit ansehen zu müssen, wie Hermine in ungläubigem Entsetzen, mit weit aufgerissenen Augen auf die Vorgänge aus ihrer Erinnerung starrte. Stumme Tränen liefen ihr bald die Wangen herab und als Severus nach ihrer Hand tastete, fühlte er die verkrampfte Faust, zu der sie ihre Hand geballt hatte.

Als sie zu der Sequenz kamen, in der Hide sie den zwei anderen überließ, entwich ihr ein gurgelndes Keuchen und ein fassungslos gemurmeltes „Mein Gott!"

Severus war drauf und dran sie aus der Erinnerung zu ziehen, aber als er seine Hand um ihre Schultern legen wollte, entzog sie sich ihm und schüttelte ohne den Blick abzuwenden, stumm den Kopf.

Bis zum letzten Fetzen sah sie sich alles an, erst als sie die Schale von selbst zurück in die Realität entließ, brach sie schließlich in haltloses Schluchzen aus und sackte auf ihre Knie. Severus war sogleich bei ihr, zog sie auf seinen Schoß und hielt sie ganz fest. Dankbar barg sie ihren Kopf tief in den Falten seiner Robe und ließ ihren Tränen freien Lauf.

Severus warf Kingsley einen hilflosen Blick zu, doch der Zaubereiminister machte eine beschwichtigende Geste, stand auf und zauberte einen dicken, warmen Teppich unter das Paar, denn trotz des brennenden Kamins war ein kalter Steinboden kein guter Platz. Dann gab er dem Tränkemeister ein Zeichen und verließ leise den Raum.

Sie saßen sehr lange dort neben dem Kamin in seinem Büro und es machte auch nichts, dass seine Beine einschliefen und seine Arme schwer wurden. Er würde hier wenn nötig bis in alle Ewigkeit sitzen, garantiert aber, bis sich das erste große Entsetzen in ihrem Inneren wenigstens ein wenig gelegt hatte.

Sanft streichelte er ihr immer wieder über den schmalen Rücken und legte seine Wange an ihren Kopf. Als er bemerkte, dass sie etwas ruhiger und ihr Schluchzen leiser wurde, brachte er seinen Mund nahe an ihr Ohr und flüsterte, „Soll ich Dich zu Bett bringen?"

Sie antwortete nicht, sondern schüttelte nur stumm den Kopf, also nahm er sein Streicheln wieder auf, rutschte aber etwas nach hinten, damit er sich an der Ecke des Kamins anlehnen konnte. So verging eine weitere Stunde. Er hörte seine Töchter mit Abby nach Hause kommen und lautstark nach ihrer Mutter und ihrem Vater fragen. Hörte seine Schwiegermutter, die eine recht plausible Erklärung für die Abwesenheit der Eltern fand und zuckte tatsächlich etwas zusammen, als etwas später jemand vom Gang aus an die Bürotüre klopfte, seine Frau vergrub sich daraufhin noch tiefer im Stoff seiner Robe. Zum Glück gab diese Person schnell wieder auf!

Auch war er mehr als froh, als er mitbekam, dass seine Schwiegermutter ihre Enkelinnen einlud ihren Großvater zu Hause in London zu empfangen. Es ging wirklich nichts über Jeans Klugheit und Einfühlungsvermögen.

Nachdem alle durch den Kamin nach London gefloht waren, wurde es still im Kerker und auch seine Frau entspannte sich von Minute zu Minute mehr, bis er erleichtert erkannte, dass sie eingeschlafen war. Er wartete noch eine kleine Weile, dann erhob er sich möglichst vorsichtig, was angesichts seiner steifen Glieder nicht leicht war und hob sie ein weiteres Mal auf seine Arme, um sie ins Schlafzimmer zu tragen und dort behutsam ins Bett zu legen.

Ein Blick auf seine Taschenuhr zeigte, dass es kurz vor sechs war und er war hin und hergerissen, ob er die Zeit nutzen sollte, um noch das ein oder andere zu erledigen. Aber wenn er seine noch im Schlaf unglücklich wirkende Frau betrachtete, gab es nur eine Art den Abend zu verbringen und zwei kleine Zauberstabschlenker später war auch er in Nachtwäsche gekleidet.

Er konnte sich nicht daran erinnern jemals so früh am Tag im Bett gelegen zu haben, ohne dass er krank gewesen wäre oder sie beide das Bett für gewisse andere Aktivitäten geteilt hatten, und noch verwunderlicher war es, dass er tatsächlich relativ schnell in einen tiefen Schlaf verfiel, aus dem er erst im Morgengrauen des nächsten Tages erwachte.

Als er seine Augen aufschlug, fühlte er sich besser, wach und ausgeruht, wie schon lange nicht mehr, allerdings erkannte er verwundert, dass er alleine war. Sofort schlug er die Bettdecke zurück und griff nach seinem Morgenmantel. Wo mochte sie hingegangen sein? Sein erster Weg führte ihn ins Bad, aber dort war sie nicht, dann eilte er ins Wohnzimmer, in sein Büro und von dort zum Zimmer der Mädchen, nichts. Sein Herz begann schnell und hart in seiner Brust zu schlagen, doch dann bemerkte er den schwachen Lichtschein unter der Türe zu ihrem Büro. Er atmete erleichtert auf, klopfte leise an und trat ein.

Hermine hatte das Denkarium von seinem Büro herübergebracht, es stand nun auf ihrem Schreibtisch, daneben Feder und Pergament. Gerade eben tauchte sie aus den grauschwarzen Schwaden auf, wischte sich mit versteinertem Gesicht die Tränen von den bleichen Wangen und notierte sich mit zitternden Fingern einige Zeilen, dann tauchte sie wieder ein. Dieses Prozedere wiederholte sich etliche Male, bevor sie ihren Mann immer noch im Türrahmen stehend, entdeckte.

„Severus", überrascht hielt sie in ihrem Tun inne.

„Was tust Du da?", fragte er und kam näher.

„Ich,… ich analysiere", antwortete sie gepresst und trocknete mit ihrem Ärmel die Augen.

Er trat mit besorgtem Gesichtsausdruck ganz nahe an den Schreibtisch heran und reichte ihr sein Taschentuch, „Hermine…", begann er.

„Nein!", unterbrach sie ihn mit bebender Stimme, „Bevor Du mir Vorwürfe machst oder Ratschläge gibst, setzt Dich bitte und beantworte mir eine Frage!"

Er wollte ihr schon entgegnen, dass es ihm nicht darum ging, sie zu belehren, schluckte aber diese Bemerkung herunter, als er ihren Blick bemerkte und nahm tatsächlich in ihrem Besucherstuhl platz.

„Und die wäre?", erkundigte er sich leise.

Sie nahm tief Luft und sah ihn eindringlich an, „Was fühlst Du?"

„Was ich fühle?", er war wirklich überrascht.

„Richtig, und bitte sei ehrlich!", bat sie.

Severus schloss kurz die Augen, bevor er etwas widerwillig zugab, „Es wird Dich vielleicht verwundern, aber ich fühle vor allem eines: Angst! Ich habe riesengroße, fast panische Angst um Dich, Hermine, und diese Angst wird nur noch übertroffen von dieser unbändigen, rasenden Wut auf all jene, die Dir und uns das angetan haben", er ballte seine Fäuste und als er merkte, dass diese Wut seine Stimme laut hatte werden lassen, hielt er inne und zuckte mit den Schultern, „Das ist im Groben alles was ich momentan fühle", er machte eine entschuldigende Handbewegung, „Natürlich sind da auch noch die Schuldgefühle, weil ich Dich nicht davon abgehalten habe an dieser verdammten Expedition teilzunehmen und weil ich Dir so schnell und leicht Deine Affäre geglaubt habe! Und zugegeben fühle ich auch eine nicht geringe Portion Erleichterung, weil Du mich nicht betrogen hast oder gar verlassen wolltest."

Er beugte sich nach vorne und ergriff ihre Hand, die neben dem Denkarium abwesend mit der Schreibfeder spielte.

„Und was fühlst Du?", fragte er zärtlich.

Sie schaute ihn an und ihre Augen füllten sich wieder mit heißen Tränen und ihr Kinn begann heftig zu beben, „Schmerz!", schluchzte sie schließlich, „und ein grauenhaftes, gewaltiges Chaos! Ich bin völlig außer mir, Severus!"

Er kam um den Schreibtisch herum und nahm sie in die Arme. „Das verstehe ich gut und ist angesichts der Geschehnisse nur zu verständlich!"

„Das macht es aber nicht besser, Severus!", schniefte sie und vergrub ihr Gesicht an seiner Schulter.

„Hm, aber analysieren hilft Dir?", erkundigte er sich.

„Ja, ich glaube schon", nickte sie zaghaft, „immerhin hat es mir damals geholfen!" Richtig, er hatte ganz vergessen, dass sie bereits einmal ähnlich furchtbare Erfahrungen machen musste.

„Ich habe die halbe Nacht darüber nachgedacht", fuhr sie fort, „Ich brauche Ordnung, Struktur und ein Ziel, ich muss etwas tun, ich will dieses unerträgliche Gefühl loswerden in dem Spiel anderer Leute eine bloße Marionette zu sein. Die Fäden an denen ich hänge sind nicht nur demütigend, sie schnüren mir auch die Luft ab, verstehst Du das?"

„Nur zu gut, meine Liebe", schnaubte Severus frustriert.

Er schob sie etwas von sich weg und schaute ihr tief in die Augen, „aber ich möchte auch, dass Du Dich dabei nicht übernimmst und ich möchte Dich dringend bitten, Dir dabei helfen zu lassen. Denn wie Sie wissen, Miss Granger", er verfiel in seine beste Lehrerart, „ist ein gutes Team immer besser als die Summe der Einzelnen!"

Gespannt wartete er, ob sie auf diesen Ton eingehen würde und ein winziges erleichtertes Lächeln nistete in seinen Mundwinkeln, als sie sich losmachte und nach seinem Taschentuch angelte, um sich lautstark wie immer die Nase zu putzen „Ich hätte nicht geglaubt, dass ein alter Slytherin wie Sie, Professor, um die Werte eines Teams weiß!", ließ sie ihn anschließend wissen.

Mit seinem hochmütigsten Blick betrachtete er sie über seine lange Nasenspitze und meinte dann schnarrend: „Jeder vernünftige Slytherin hat ein gutes Team, das er für sich arbeiten lässt, Miss Granger, aus diesem Grunde habe ich übrigens geheiratet!"

„So", trotz ihrer immer noch tränennassen Augen, ihrer roten Nase, und den bleichen Wangen, konnte man mit viel Phantasie den alten Schalk in ihrem Gesicht erkennen, „gut zu wissen, Professor! Ich werde mir das sorgsam merken und Sie bei passender Gelegenheit daran erinnern!"

„Tun Sie das, Miss Granger, tun Sie das, aber vorher wird gefrühstückt!", beschloss Severus resolut und orderte über den Kamin ein reichhaltiges Frühstück für zwei Personen.

Nach mehreren Tassen starken Tees und mehr verspeistem Toast, Obst und Eier, als er eigentlich erwartet hatte, stellten sie gemeinsam einen Plan für den Tag und für die nächste Woche auf.

Darauf standen viele, viele Punkte. Unter anderem baten sie als Erstes die Heilerin zu einem Gespräch in die Kerker und er hätte nie geglaubt, dass er jemals dankbar und erleichtert sein würde, dass Harry Potter wirklich der Vater eines Kindes wäre, dass seine Frau erwartete. Aber es war so, definitiv!

Danach besprach er mit Hermine seine These von der temporären Wirkzeit des Öffnungszaubers und sie waren sich einig, dass sie mehr über dieses Volk und die Sagenwelt des zentralen Afrikas herausfinden mussten. Darum beschlossen sie, dass Hermine nach einer zweistündigen Mittagsruhe, zwecks Erhalt oder Widererlangung des körperlichen und seelischen Wohlbefindens, mit ihrer Mutter zusammen nach Edinburgh flohen sollte, um dort in den geheimen Archiven der Universität zu forschen. Immerhin war ihr Vater wieder zu Hause und konnte sich um die Praxis kümmern.

Severus wollte in der Zwischenzeit Teile von Hermines Erinnerung den Potters zeigen, Harry und Ginny hatten wohl ein Recht auf diese furchtbaren Fakten. Danach würde er Prof. Jennings einen Besuch abstatten, sie müsste vielleicht endlich erste Ergebnisse zu den Übersetzungen der Zeichen haben.

„Wissen wir eigentlich, was Slide im Augenblick tut, oder dieser Hide oder die anderen?", fiel Severus ein, kurz bevor er sich zum Aufbruch nach London fertig machte.

„Ich schreibe Kingsley eine Nachricht, er soll sich darum kümmern!", versprach Hermine und ordnete einige Papiere.

„Was denkst Du", überlegte er laut, „ich könnte mir vorstellen, dass ein erneutes Treffen, um alles Aktuelle zusammenzutragen und uns alle auf den neuesten Erkenntnisstand zu bringen nicht schlecht wäre. Am Donnerstag, hier um 20:00 Uhr?"

„Gute Idee! Ich sorge dafür, dass alle bescheid wissen!", versprach Hermine und drehte sich schon um, ungeduldig endlich die vielen Aufträge bearbeiten zu können, als sie Severus Hand am Ärmel ihrer Robe zurückhielt.

„Warte!", murmelte er und zog sie zu sich heran, „Übernimm Dich bitte nicht!", bat er sie eindringlich und küsste ihren Mund.

„Ich versuche es, ehrlich!", beteuerte Hermine und schmiegte sich fest an ihn heran.

„Wenn es Dir nicht gut geht oder Du Dich überfordert fühlst, dann ruf mich!", verlangte Severus und deutete auf seinen Ring.

Sie seufzte tief auf und blickte ihm nickend mit ihren hellen braunen Augen entgegen, „Wie gesagt, ich versuche es!"

„Gut!", erwiderte er und schaute sie eine ganze Weile an, er focht in seinem Inneren einen erbitterten Kampf zwischen Kopf und Herz aus und als er sich endlich entschieden hatte, wurde sein Blick sehr intensiv und durchdringend, „Ich habe Dir das in letzter Zeit nicht gesagt, Hermine", flüsterte er, „es hat so vieles dazwischen gestanden, aber Du sollst doch wissen, dass ich Dich von Herzen liebe, mehr als alles andere auf dieser Welt!"

Sie antwortete nicht, dafür füllten sich aber ihre Augen schon wieder mit Tränen und sie beeilte sich, sich auf die Zehenspitzen zu stellen und ihn voller Leidenschaft zu küssen.

Nun, solche Antworten waren ihm die liebsten!