27 Der Spruch

Durchaus zufrieden ließ Severus seinen Blick von einem zum anderen schweifen, alle waren pünktlich eingetroffen und saßen nun, ihn erwartungsvoll anschauend, in seinem Wohnzimmer. Nach einem kleinen Räuspern begann er gewohnt leise:

„Also, es ist fast eine Woche vergangen, indem wir alle unser Möglichstes getan haben, um mehr Licht in diese Geschichte zu bringen, lassen Sie uns zusammentragen, was wir seither herausgefunden haben", er schaute sich um, „Wer möchte dieses Mal beginnen?"

„Ich, wenn Sie erlauben, Professor Snape!", meldete sich Professor Jennings eifrig, die nach eigenen Worten erst vor einer Stunde aus Italien zurückgekehrt war, „mir ist es nämlich endlich gelungen die drei Zeichen zu entschlüsseln."

„Ausgezeichnet!", lobte Severus, wobei er ehrlicherweise gesagt, auch nichts anderes erwartet hatte.

Die Professorin erhob sich sehr schwerfällig aus dem extra verbreiterten Stuhl und zückte ihren Zauberstab.

„Es war wirklich nicht einfach, aber das systematische Vorgehen von Professor Granger bei der Platzwahl war eine entscheidende Hilfe", sie schenkte Hermine einen sehr wohlwollenden Blick, während sie begann eine der altafrikanischen Runen mit ihrem Zauberstab auf die Notizwand vor dem Kamin zu zeichnen, „Dieses Zeichen, das sich in Ihrem Mund befand, steht für ‚Sprechen' oder ‚Reden', wahlweise auch ‚Erzählen' oder gar ‚Plappern', erläuterte sie, und projizierte schon das nächste an die Wand, „Dann haben wir hier das Zeichen für ‚Helfen', ‚Gehorchen' oder vielleicht auch ‚Dienen', es war auf Ihrem Nacken zu finden."

Professor Jennings zeichnete auch das dritte Symbol auf die Wand, „Dieser Bursche hier allerdings hat mir einige Probleme bereitet, ich war lange der Meinung es bedeutet ‚Feuer' oder ‚Flamme', aber das passte irgendwie nicht richtig zu dem Ring als Versteck, daher auch mein Besuch in Italien, ich meinte mich nämlich zu erinnern, dass ich dort vor vielen Jahren auf einem stark verfallenen afrikanischen Fries ein ähnliches Zeichen gesehen habe und tatsächlich", sie strahlte in die Runde, „dort war es und ich komme zu dem Ergebnis, dass es das Zeichen für ‚Liebe' oder ‚Güte' oder wegen mir auch ‚Zuneigung' ist."

Ihr Grinsen wurde noch breiter, als sie sich recht schwungvoll zu Hermine herumdrehte, „Das macht auch viel mehr Sinn, oder Professor Granger?"

„Allerdings!", stimmte ihr Hermine lächelnd bei, während sie etwas versonnen an ihrem Ring drehte, „aber das mit dem Feuer und der Flamme war auch nicht so schlecht."

„Das würde auch zu dem alten Sprichwort passen, ‚In einem liebenden Haus brennt immer ein Feuer unterm Kessel'", grinste Ron und rieb sich den Bauch.

„Wo wir wieder einmal beim Essen wären, nicht wahr, Mister Weasley!", seufzte Minerva McGonagall und schüttelte den Kopf.

„Ich glaube das mit dem Feuer unterm Kessel ist etwas anders gedacht", flüsterte Harry und klopfte seinem Freund auf die Schulter.

„So? Warum denn, ich finde eine gute Mahlzeit wichtig, man sagt doch auch, dass Liebe durch den Magen geht", entgegnete Ron und angelte nach dem Teller mit den kleinen Häppchen, die Hermine extra für ihn geordert hatte.

„Das erklären wir Dir ein andermal", meinte Ginny und verdrehte die Augen.

„Sehr richtig, denn wir weichen ziemlich stark vom Thema ab, meine Damen und Herrn!", mahnte Severus streng, denn Ron hatte schon zu einer entsprechenden Entgegnung angesetzt.

Er deutete auf die Schautafel, „Also, dann hätten wir also folgende Zeichen:

‚Sprechen'‚Reden', ‚Erzählen'

‚Liebe' oder ‚Güte' oder ‚Zuneigung'

‚Helfen', ‚Gehorchen' oder gar ‚Dienen'

‚Bewegung', ‚gehen', ‚fortschreiten'

‚Begehren', ‚Geilheit', ‚Verlangen'

‚Hören', ‚lauschen', ‚aufpassen'

‚Dunkel', ‚Nacht', ‚Finsternis'

‚Sonne', ‚Hell', ‚Licht',

‚Leid', ‚Schmerz', ‚Qual'"

Alle Symbole erschienen in den neun Feldern. Die von Hermine gezauberten waren rot, die anderen schwarz.

Jean hatte sich schon während Professor Jennings Ausführungen emsig Notizen gemacht, jetzt wies sie Severus aufgeregt an, „Kannst Du zwei Reihen mit jeweils sechs Runen bilden und mit Deinem Zauberstab jeweils zwei Begriffe untereinander schieben? Denn ich finde meine These mit den Paaren oder besser den Gegensätzen passt immer besser!"

„Natürlich, welche von den Zeichen passen für Dich denn zusammen?"

„Also als Erstes natürlich Dunkelheit und Licht!", bestimmte Jean, „Dann das Verlangen und die Liebe", sie kratzte sich kurz hinterm Ohr, „wobei das im besten Falle schon zusammen gehört!", sie schenkte Ron ein kurzes amüsiertes Lächeln, „Allerdings denke ich hier nicht an das Verlangen nach einer guten Mahlzeit."

„Vielleicht meint es aber auch nur Begierde oder Trieb, Dr. Granger", überlegte Professor Jennings, „dann passt es wieder."

„Ja, das habe ich mir auch gedacht", nickte Jean, „Dann wäre da auch noch die Bewegung und das Lauschen, auch das passt als Gegensatz zusammen."

„Richtig, man kann wirklich nur schlecht im Gehen lauschen, da macht man zuviel eigenen Krach!", stimmte Ron zu.

„Darum seid Ihr wohl auch soviel herumgelaufen in Afrika, nicht dass Ihr noch auf irgendwas gekommen wärt!", bemerkte Ginny sarkastisch und bedachte Harry mit einem süffisanten Blick.

„Ich persönlich glaube ja, dass das Zeichen auf Hermines Nacken für ‚Dienen' steht", überlegte Kingsley, „‚Helfen' würde besser auf die Hand passen."

„Aber ‚Gehorchen' würde auch passen, und ‚Demut' käme ebenfalls als Übersetzung in Frage", fügte Professor Jennings an.

„Auf jeden Fall hat es was mit der Haltung zu tun, die in Dienen, Helfen oder Demut steckt", spann Jean den Faden weiter, „Als Gegensatz würde übrigens sehr gut ‚herrschen', ‚gebieten' ‚führen' oder ‚bestimmen' passen", sie machte sich einige Notizen.

„Das Zeichen für ‚Herrscher' kennen wir übrigens", warf Professor Jennings begeistert ein und stürzte zu ihrer Tasche. „Es steht auch auf dem Fries und hier ist es", sie ließ das entsprechende Symbol in hellblauer Farbe in das Kästchen unter ‚Dienen', ‚Helfen' erscheinen.

„Dann fehlt nur noch etwas, das zu ‚sprechen', ‚reden' oder ‚plaudern' passt", sinnierte Severus und legte überlegend die Hand ans Kinn.

„Hat Professor Jennings nicht was von ‚plappern' gesagt?", fiel Ron auf und stopfte sich noch ein Brot in den schon reichlich gefüllten Mund.

„Und hat unsre Mum uns nicht beigebracht, dass man mit vollem Mund nicht spricht?", zischte Ginny ihrem Bruder vorwurfsvoll zu.

„Sehr gut, Ginny!", rief Jean, „Der Gegensatz zu Reden ist doch Schweigen oder?"

Minerva nickte ihr, aber auch Ginny Potter sehr anerkennend zu, fragte dann aber skeptisch, „Und was machen wir mit dem ‚Leiden' und der ‚Qual'?"

„Keine Ahnung", zuckte Jean mit der Schulter, „aber den Gegensatz dazu kann ich Dir sofort sagen!"

„Das ist ja nicht schwer", schnaubte Harry, „Da kommt doch nur das Glück und die Zufriedenheit in Frage!"

„Dann hätten wir auch zwölf Zeichen, das würde alles sehr gut passen", murmelte Kingsley, aber Hermine schüttelte den Kopf. Sie hatte ihre Unterlagen hervorgezogen und studierte eindringlich das Blatt mit den Streichungen aus ihrem Bericht.

„Es fehlt noch was", war sie sich sicher, „irgendwas Verbindendes, denn ich kann für einen Zauber nicht einfach zwölf Begriffe nennen, ich muss sie in einen Spruch binden oder fassen und sei es nur durch ein kleines ‚und', ein ‚oder' oder ein ‚aber'. Das war schon immer so glaube ich."

„Zählt dieses Wort dann auch?", erkundigte sich Hermines Mutter interessiert, „und zählt es dann jedes Mal oder nur einmal?"

„Das ist ganz unterschiedlich", antwortete ihre Tochter und verfiel unbewusst in ihren Vortragsstil, „Die Anzahl der Wörter in einem Spruch hat grundsätzlich bereits eine gewisse Bedeutung, darum ist Arithmantik für alle Zauberkunstmeister Pflichtfach. Für eine bestimmte Gruppe von Sprüchen ist aber auch die Betonung alleine schon ausreichend und wir wissen ja, wie das mit den vielen unterschiedlichen Sprachen ist, das ist eine Wissenschaft für sich", sie schaute zu Professor Jennings.

„Und was für eine!", seufzte diese, „Die afrikanischen Dialekte und Sprachen dieser speziellen Epoche zeichnen sich nämlich dummerweise dadurch aus, dass sie viel mit Überlieferung und wenig mit Verschriftlichung arbeiten."

„Dann ist es ja gut, dass wir zwei uns die letzten Tage intensiv mit den Überlieferungen aus dieser Zeit beschäftigt haben!", Jean nickte ihrer Tochter zu und zückte eine dicke schwarze Kladde.

„Sehr richtig", atmete Hermine zufrieden auf, „wir haben nämlich außer viel Staub und Unmengen an unbearbeitetem und unsortiertem Material aus mehreren Jahrtausenden Zaubereigeschichte auch einige sehr interessante Details über dieses sagenumwobene Volk gefunden."

„In Edinburgh gibt es Unterlagen, die sich mit dem afrikanischen Volk der Mkemeko beschäftigten?", Ron schaute sehr beeindruckt aus der Wäsche.

„Jawohl, der Ruf dieses sagenhaften Volkes mit ihrem außerordentlichen Wissen reichte bis zu uns nach Schottland", Hermine konnte ihren Stolz auf ihre Universität mit ihrer jahrhunderte langen Tradition nicht verbergen, schränkte dann aber ein, „allerdings nicht zur Blütezeit dieses Volkes, da lebten die Menschen dieser Region wohl noch auf den Bäumen. Aber vor über 800 Jahren war ein Professor der Universität durch einen fehlgeschlagenen Zauber bis nach Zentralafrika gelangt und weil er Zeit hatte und ihm wohl auch kein geeigneter Gegenzauber eingefallen ist, hat er sich über 20 Jahre lang dort intensiv umgesehen und alles gesammelt, was für ihn und sein Steckenpferd interessant war."

„Was hatte er denn für ein Hobby, wilde Tiere oder Pflanzen?", fragte Ron.

„Die Politik!", grinste Hermine und zwinkerte Kingsley zu, „Meister Polyphon Harper, so hieß der Forscher hat sich die Gesellschaftsformen aller afrikanischen Zauberersippen genau angeschaut und ein unglaublich dickes Buch darüber geschrieben", alle schauten Hermine beeindruckt an, denn wenn sie ein Buch schon unglaublich dick fand, dann musste es wirklich bemerkenswerte Ausmaße haben.

„Wer interessiert sich denn für so was?", murmelte Ron und rümpfte die Nase.

„Leider niemand", seufzte Hermine, „und so geriet das Buch auch vollkommen in Vergessenheit"

„Und wir mussten es unter einem fürchterlichen Haufen zerfleddertem Pergament aus der hintersten Ecke dieses riesigen Kellers fischen! Wie gut, dass ich keine Stauballergie habe!", stöhnte Jean.

„Dann wärst Du spätestens jetzt desensibilisiert!", lachte Hermine.

„Meine Damen, kommen Sie zur Sache, was stand drin?", mahnte Severus ungeduldig, nicht dass jetzt noch eine ellenlange Diskussion über die Ordnung und Sauberkeit in den Archiven der Edinburgher Universität entbrannte, seine Frau machte nämlich ganz den Eindruck, als ob sie schon fertig ausgearbeitete Pläne in der Tasche hätte, um diesem untragbaren Missstand ab sofort energisch entgegenzutreten.

„Tja! Das dieses Volk wirklich in mehr als nur einer Hinsicht beeindruckend war!", antwortete Hermine und strahlte in die Runde.

Severus konnte ein dunkles Knurren nicht unterdrücken, „Geht das auch noch etwas konkreter?"

„Sei nicht so ungeduldig", rügte ihn seine Frau, „Also, wo war ich, ach ja, beeindruckend!" sie nahm tief Luft, „Dieses Volk war kein Patriarchat, sondern ein Matriarchat, sie wurden also von Frauen geführt und die Mitglieder des Ältestenrates, der in einigen Aufzeichnungen genannt wurde, bestand nur aus Frauen."

„Das heißt ja noch lange nichts", schnaubte Severus, „auch Frauen sind nur Menschen und daher ebenfalls den Verführungen der Macht und der Habsucht unterworfen und quälen können sie mindestens genau so gut wie wir Männer!"

„Da kann ich Dir leider nur zustimmen", Hermines Schultern sackten herunter und in ihre Stimme schlich sich ein leichtes Zittern.

Verdammt! Das war nicht sehr sensibel gewesen, schollt er sich in Gedanken, und Harry und Rons Blick sagten das gleiche. Glücklicher Weise fuhr ihre Mutter schnell an ihrer Stelle fort, „Das wirklich besondere an diesem Volk war ihr Kodex, die Regeln nach denen sie lebten. Meister Harper beschreibt es folgender Maßen", sie setzte ihre Lesebrille auf und las aus ihren Aufzeichnungen vor, „Man erzählt sich verwunderliche Dinge, so soll den Mkemekos Geld oder eine Währung untereinander fremd gewesen sein. Jeder gab den zwölften Teil seiner Ernte oder seines Ertrages aus Geschäften mit anderen Völkern an den Rat ab und dieser verteilte diese Abgabe unter das Volk. Alle Entscheidungen, wofür dieser Überschuss ausgegeben wurde, mussten vom Rat einvernehmlich getroffen werden, in Zweifelsfällen wurde das ganze Volk befragt." Jean kramte wieder in ihrer Kladde, „außerdem erwähnt Meister Harper mehrfach, dass die Bildung und das Lernen einen großen Stellenwert und ein großes Ansehen genoss. So gab es eine Schulpflicht und ein breit angelegtes Bildungssystem mit sogenannten Meisterhäusern, an denen Gelehrte ihre Spezialgebiete unterrichteten. Die Vorsitzenden dieser Häuser bildeten dann den Meisterrat, dem alle neuen Zaubersprüche oder Zaubertränke vorgelegt werden mussten."

„Hört sich wirklich sehr modern an", nickte Kingsley anerkennend.

„Nicht nur das, es hört sich unglaublich sozial an", korrigierte Hermine, „Meister Harper schreibt über mehrere Abschnitte, wie wichtig dem Rat der Zusammenhalt untereinander war und wie viel Wert sie auf Spiritualität und geistige Erbauung gelegt haben."

„Darum glaube ich auch nicht, dass das Verbindungswort zwischen den Begriffen ein ‚und' sein kann, sondern eher eine Verneinung", fügte Jean an.

Minerva zog die Stirn in Falten, „Meinst Du das im Sinne von ‚kein' oder ‚nie'?"

„Ja, so in etwa", Jean nickte heftig, „aber um so einen Spruch zu konzipieren, bedarf es Spezialisten auf diesem Gebiet und wie gut, dass wir so jemanden haben", sie deutete stolz auf Hermine.

„Also, ich bin bestimmt kein Spezialist auf dem Gebiet altafrikanischer Sprüche", wehrte ihre Tochter zuerst einmal kategorisch ab, „aber ich habe mir vorhin während ich einige Bahnen geschwommen bin, die ganzen gestrichenen Buchstaben und Silben aus dem Bericht an die Wand projiziert und mit den Begriffen die wir schon kennen verglichen."

Sie stand auf und stellte sich vor die Tafel, „Wenn ich darf, würde ich den Begriff ‚Licht' gegen ‚Tag' austauschen und ‚Dunkelheit' mit ‚Nacht' ersetzen", ihr Zauberstab erledigte das sofort, „dann würde ich ‚Reden' wie Ron es vorgeschlagen hat gegen ‚Plappern' wechseln."

Sie steckte ihren Stab wieder weg, überkreuzte ihre Arme vor der Brust und legte den Kopf schief, „Und wenn ich dann Deine Theorie von den Gegensätzen aufnehme, Mum, und mir die Werte dieser Gesellschaft dazu denke, dann könnte ich mir einen Spruch vorstellen, der ungefähr so lauten könnte:

„Kein Licht, sondern Dunkelheit,

Keine Eile, sondern Lauschen,

Kein Plappern, sondern Schweigen

Kein Begehren, sondern Liebe,

Kein Herrschen, sondern Dienen,

Kein Leiden, sondern Glück."

Professor Jennings war in einer Schnelligkeit aufgesprungen, die man ihr gar nicht zugetraut hätte und was ihren Sessel gequält knarren ließ. Blitzschnell hatte sie Hermines Spruchentwurf auf die magische Tafel geschrieben, „Das ist gut, sehr gut sogar", murmelte sie dabei und bekam rote Flecken auf den Wangen, „aber es sind noch zu viele Worte, können Sie es noch reduzieren?"

Hermine hatte sich neben sie gestellt und kniff ihre Augen zusammen, während sie auf den Spruch starrte, „Das ist kein Problem, aber das mit dem ‚Glück' gefällt mir noch nicht. Ich hatte auch keine Silben mehr." Sie starrte abwechselnd auf den Spruch und auf ihre Notizen.

„Es ist ja auch ein Zustand und keine Haltung", bestätigte Jean und gesellte sich zu den beiden anderen.

„Du könntest versuchen es wegzulassen, vielleicht muss an die zwölfte Stelle etwas ganz anderes", stimmte Minerva Jean zu.

„Lass auch das ‚sondern' weg", schlug Ginny vor und ließ mit ihrem Stab die sechs Wörter verschwinden.

Severus legte die Stirn in Falten und murmelte Hermines Spruch leise vor sich hin, er war zwar kein begnadeter Sprucherfinder, aber er hatte ein gutes Gefühl für Rhythmik und Maß. Kein Tag, Nacht,

Keine Eile, Lauschen,

Kein Plappern, Schweigen

Kein Begehren, Liebe,

Kein Herrschen, Dienen,

Kein Leiden.

Stand jetzt an der Tafel und er sah Hermines Nasenspitze an, dass sie noch nicht zufrieden war, aus einem Impuls heraus zückte er seinen Stab und ließ das ‚Kein' vor Leiden verschwinden. Hermine blinzelte verwirrt, dann sah sie ihn verstehend an und nickte ihm mit zusammengepressten Lippen traurig zu, „Du hast recht, Severus! Das passte auch nicht!"

Dann zog sie ebenfalls ihren Stab und bat Professor Jennings spontan, „Können Sie mir das Zeichen für 12 zeigen?"

„Aber sicher, meine Liebe, hier ist es", ein Wisch genügte und das Zeichen erschien neben dem Spruch.

Hermine prägte sich genau die relativ einfachen Striche der Rune ein, dann murmelte sie wie zur Probe:

„Kein Tag, Nacht,

Keine Eile, Lauschen,

Kein Plappern, Schweigen

Kein Begehren, Liebe,

Kein Herrschen, Dienen,

Leiden", dann schwang sie ihren Stab und zeichnete die Linien des Zeichens ‚Zwölf' nach.

Sie war gerade im Begriff sich zufrieden umzudrehen und eine weitere Überlegung oder Erkenntnis anzufügen, als sie ein heftiges Zittern überfiel. Severus dachte sofort an einen erneuten Krampfanfall und wollte sie stützen, aber er kam nicht an sie heran, eine funkelnde Wand aus tausend schillernden Glitzerpunkten umgab seine Frau, die mit angstvoll geweiteten Augen zu Boden sackte.

Alles schrie erschrocken auf und sein Herz schlug ihm augenblicklich bis zum Hals. Vor allem, da jetzt zu dem strahlenden Glitzer auch noch ein leises Summen dazukam und das weiße Glitzerlicht immer heller und greller wurde, bis alle sich abwenden oder schützend die Hände vor die Augen legen mussten.

Das ganze Spektakel dauerte nur dreißig, vierzig Sekunden, dann war es so plötzlich vorbei, wie es begonnen hatte.

Kaum war die blendende Lichtwand verschwunden da war Severus mit zwei langen Schritten bei Hermine, nahm sie auf seine Arme um sie auf das Sofa zu legen und Ronald Weasley anzubrüllen, nicht untätig da herum zu lungern, sondern augenblicklich Madam Pomfrey zu holen.

Aber da schlug Hermine auch schon die Augen auf und verschluckte sich prompt an ihrer eigenen Spucke. Es dauerte eine ganze Weile, bis sie sich davon erholt hatte, dann japste sie aufgeregt, „Ich weiß es wieder, bei Gott, ich weiß es!"