Täuschungen 33 Lose Fäden

Wie er es präzise vorhergesagt hatte, vergingen - nach der kleinen Auszeit, die ihnen Hermines Geburtstag schenkte - die nächsten drei Wochen wie im Fluge. Allerdings waren sie reich gefüllt an vielfältigen Aufgaben, aber auch einigen sehr, nun sagen wir mal, interessanten Erfahrungen.

Die erste Erkenntnis lieferten Kingsley und eine extra eingerichtete Arbeitsgruppe aus drei Experten der Aurorenzentrale. Denn sie analysierten sehr geschickt, dass der ordnungsgemäß angemeldete Portschlüssel neben dem vermuteten Einwegespiegel auch noch einen hochinteressanten Streit- und Ärgerortungssensor aufwies und seine kluge Frau entwickelte daraufhin einen Trank dessen Dämpfe genau diesen speziellen Sensor in vortrefflicher Weise bediente.

Ein wahres Meisterstück.

Sie vermischte dazu sehr geschickt einen gefilterten Gefühlstrank mit einem Geschreinebel und füllte dieses hochexplosive Gemisch in eine kleine Schale mit festverschließbarem Deckel. Dieses Gefäß fand seinen Platz in ihrem Büro und wurde hin und wieder vorsichtig geöffnet, damit der Portschlüssel durch die hölzernen Wände der Schublade hindurch mit Streitszenen gefüttert wurde und so seine Aufgabe erfüllen konnte.

Für die negativen Gefühle im Trank sorgte übrigens der Besuch auf einer Muggelbeerdigung in Edinburgh, die Visite in Ginnys Mannschaftskabine nach dem unglücklich verlorenen Quiddisch-Spiel gegen Frankreich und eine kleine, widerliche Teestunde mit Simon Beaty und schon waren Schmerz, Enttäuschung, Eifersucht und Misstrauen per Spezialzauber eingefangen und zur Weiterarbeit bereit.

Das Geschrei mussten sie dann allerdings mit mehr Aufwand erzeugen. Hermine hatte berechtigte Sorge, dass dieser modifizierte Portschlüssel auch noch einen Stimmenerkennungszauber hatte. Dafür veranstalteten die Granger-Snapes erneut einen Theaterabend. Eileen, die sich so überzeugend bei Mister Hides Besuch gezeigt hatte, wurde sorgsam in das Drehbuch eingebunden und nachdem Hermine und Severus mehrere Tage über den Inhalt ihrer Streitereien gestritten hatten, schickten sie Sera für eine exklusive Übernachtung in James Baumhaus zu den Potters.

Dann küsste Hermine Mann und Kind innig und versicherte beiden ihre tiefe Liebe und Zuneigung, danach drückte sie jedem seufzend ein kleines Fläschchen Zaubertrank in die Hände und erklärte, während sie auch schon ihren Flakon mit einem Schluck austrank, „Es wird nicht schön werden. Tut mir leid! Ein ‚Alles nervt mich an-Trank' für uns beide und für Dich Eileen, ein schwach dosierter Traurigkeitstrank, wir haben genau eine Stunde Zeit!"

Severus hatte die fatale Wirkung des Trankes sofort gespürt, das elende Ticken der Wohnzimmeruhr machte ihn mit jedem Tick, Tack rasender und er hätte sie am liebsten zerschlagen mögen und auch Eileens unordentlich hingeworfene Malutensilien lösten eine Welle des Zorns in ihm aus. Sich mühsam beherrschend, hatte er Hermine herrisch angewiesen, sofort den Sammelzauber zu sprechen. Ihre Reaktion war mehr als zickig und barsch gewesen und verursachte bei ihrer Tochter augenblicklich ein bebendes Kinn.

Na großartig! Mussten Hermines Tränke auch immer so gut funktionieren?

Jedenfalls wurde in der nächsten Stunde quer durch die ganze Wohnung soviel geschrien, geweint und unterstellt, wie in all den Jahren zuvor nicht. Alle drei liefen nach anfänglichem Skrupel zur Höchstform auf und bald brauchte keiner mehr ein Manuskript.

Es war grauenvoll!

Als Hermine endlich mit zitternden Händen den Zauber schloss, war er schweißgebadet und heiser, seine Frau hatte rot verquollene Augen und eine völlig desolate Frisur und seine Tochter beteuerte, dass sie sich in ihrem ganzen Leben noch nie so schrecklich gefühlt habe und er konnte ihr beinahe zustimmen.

Streiten und Streit waren eben noch lange nicht das gleiche! Es machte ihm unglaublichen Spaß mit Hermine herumzudiskutieren und sich intelligente Wortgefechte zu liefern, aber er hasste es, sich mit ihr ernsthaft zu zanken. Außerdem konnte er es nicht ertragen seine Töchter traurig zu sehen. Darum musste er auch erst Eileen und dann seine Frau lange und fest an sich drücken, um beiden zu zeigen, dass das alles wirklich nur ein Spiel war. Trotzdem wollte Eileen in dieser Nacht nicht alleine schlafen, was ihre Eltern nur zu gut verstehen konnten.

Die zweite Erkenntnis bescherte ihnen Mister Harry Potter. Er warf seine völlig verschlafene beste Freundin und ihren ebenfalls noch müden Ehemann an einem Dienstagmorgen um fünf Uhr zehn aus dem Bett. Diese Aktion überlebte er nur knapp, weil er selbst so übernächtigt aussah und eine wirklich interessante Entdeckung zu berichten wusste.

Fast eine Woche lang hatten Ronald Weasley und er tagsüber in den Archiven des Ministeriums gewühlt, unter dem Vorwand dem Magier- und Hexenbüro bei ihrem Personalnotstand auszuhelfen, in Wirklichkeit aber, um die Lebensläufe von Mister Hide und Misses Broomberry zu rekonstruieren. Die Nächte verbrachten sie dann in den entsprechenden Stadt- und Gemeindebüros der Muggelstädte in denen Hide und Broomberry gewohnt hatten.

Dabei hatten sie relativ schnell herausgefunden, dass Hide in einer reichen Familie in Belfast aufgewachsen war. Sein Vater war ein sehr angesehener Geschäftmann mit einer Vorliebe für alles was kurze Röcke trug und große Oberweiten besaß. Seiner Mutter schien dieses Hobby nicht besonders zu gefallen, sie flüchtete sich jedenfalls mit jedem weiteren Jahr ihrer Ehe in die Perfektion ihrer Crupzucht und verbrachte mit den Jahren immer weniger Zeit mit ihrem Mann.

So weit, so langweilig! Der entscheidende Durchbruch gelang den beiden aber, als Mister Weasley einen kurzen sowie illegalen, aber äußerst aufschlussreichen Blick in die Krankenakte von Misses Hide werfen konnte. Darin war nämlich vermerkt, dass Misses Hide aufgrund einer schleichenden Erbkrankheit keine Kinder bekommen konnte und sie sich deswegen einiger sehr komplizierter und garantiert auch schmerzhafter Behandlungen unterzogen hatte. Letztlich ohne Erfolg. Trotzdem verzeichnete das zuständige Registrierungsbüro in Belfast den Hides die Geburt eines gesunden Jungen und Erben im April des Jahres 1980.

„Ist Albert Hide denn nun ein Adoptivkind oder brachte der Vater ihn aus einer seiner unzähligen Beziehungen in die Familie?", fragte Hermine gähnend und rührte in ihrem Tee herum.

„Wir sind von der zweiten Variante ausgegangen, denn er sieht seinem Vater einfach zu ähnlich", hatte Mister Potter geantwortete und sich die Augen gerieben.

„Wie konnte denn dann dieser Mister Hide so viele Affären habe?", verstand Severus nicht, er fand Albert Hide widerwärtig und hässlich.

„Tja, Schönheit alleine macht es bei Frauen offensichtlich nicht", grinste ihn Harry frech an und fügte dann schnell hinzu, „und ich kann Ihnen sagen, Professor, dieser Hide Senior hat wirklich nichts ausgelassen!"

„Schön und weiter?", Severus hasste es so früh am Morgen, ohne Dusche und Rasur noch im Morgenmantel und ohne Frühstück sich die Frechheiten fremder Menschen anhören zu müssen.

„Nur Geduld, Sir!", mahnte Harry und biss noch ein Stück von seinem Toastbrot ab, „Ich habe ewig dafür gebraucht die Namen seiner ganzen Liebschaften in Erfahrung zu bringen und ich bezweifle stark, dass ich sie auch nur annähernd alle weiß", wieder ein Toaststück das abgebissen und zerkaut werden musste, Severus raufte sich die Haare.

„Gestern hatte ich dann ehrlich genug von diesen ganzen Affären und wollte eigentlich schon aufgeben, da warf mir Ron einen Stapel Unterlagen auf den Schreibtisch, in denen die verschiedenen Gremien, Ausschüsse und Räte aufgezählt waren, in denen sich Mister Hide so engagierte", noch ein Bissen und seinem ehemaligen Tränkemeister entwich ein sehr bedrohliches Knurren, welches dafür sorgte, dass seine Frau ihre Hand beruhigend auf seine legte.

„Also, ich lese da, dass er unter anderem auch für ein Jahr dem Förderkreis der Universität von Belfast vorstand und ratet mal, wer just zu dieser Zeit dort eine Gastprofessur hatte?"

„Misses Broomberry!", rief Hermine aufgeregt.

„Jawohl!", strahlte der unrasierte Nachtruhestörer, „Misses Broomberry! Professorin in Sligo für Alte Flüche. Verheiratet mit Sebastian Broomberry einem fast doppelt so alten Zauberer von den Hebriden. Keine Kinder!"

„Das beweist aber nur, dass sich Hide Senior und die Broomberry wahrscheinlich gekannt haben, aber mehr noch nicht!", schnaubte Severus. Wehe, wenn das alles war, was dieser Potter hatte!

„Sehr richtig, Sir!", strahlte Harry unbeeindruckt, „aber dass Misses Broomberry nach dieser Gastprofessur in Belfast, völlig ungeplant ein Forschungssemester einlegt und sich, wohlgemerkt ohne Mann, auf eine abgelegene Alm in den österreichischen Alpen zurückzieht schon."

„Was hat sie denn da erforscht?", fragte sich Hermine zwischen ihrer zweiten und dritten Tasse Tee gerade.

„Offiziell ‚Bauernflüche und Verwünschungen im Wandel der Zeit'", grinste Harry und Hermine musste in ihren Tee prusten.

Auch um Severus Mund zuckte es, als er sich erkundigte, „Wann war denn dieses unglaublich bahnbrechende Forschungssemester?"

„Danke, dass Sie fragen!", freute sich Harry, „Professor Broomberry kommt just im Mai 1980 zurück nach Sligo!"

„Aber die letzte Verbindung haben Sie nicht, oder? Zufälle soll es geben, auch dumme!"

„Nein, hätte ich nicht", gab Harry zu, „wenn da nicht diese wahnsinnig gottesfürchtige Bäuerin gewesen wäre, die auf dem Weg zu ihrer Schwester just bei besagter Hütte, in ein heftiges Gewitter geraten war und unsere Professorin für Alte Flüche in den Wehen liegend vorgefunden hätte. Sie hat darauf bestanden das Kind, einen sehr schwächlich aussehenden Jungen sofort zu taufen und hat das dann später bei ihrem Pfarrer in die Kirchenbücher eintragen lassen."

Severus zog beeindruckt die linke Augenbraue hinauf, „Auf welchen Namen?"

„Tja, da war unsere, ach so schlaue Professorin leider etwas dumm, sie nennt der Bäuerin den deutschen Namen Albert Thomas Riedel."

„Grundgütiger!", keuchte Hermine und verschluckte sich fast an ihrem Tee, „Dieser Mensch ist auch Jahre nach seinem Tod noch überall da wo sich Unheil anbahnt!"

„Allerdings!", schnaubte auch Severus, „Aber da ist die Verbindung! Was wissen wir denn sonst noch über Professor Broomberry?"

„Nicht besonders viel", Harry kratzte sich am Kopf und wühlte in seinen Unterlagen, „Sie ist das uneheliche Kind einer Muggelkrankenschwester aus London, vom Vater wissen wir nichts. In ihrer Schulzeit hier in Hogwarts fiel sie lediglich dadurch auf, dass sie unglaublich ehrgeizig war. Und einen Hang zur schwarzen Magie sagte man ihr auch nach", er schenkte Severus einen bezeichnenden Blick, „Sie war übrigens in Slytherin!"

„So?", erstaunt hob der Oberslytherin auch die rechte Augenbraue, „Na, dann wissen wir bald mehr!", war er sich sicher. Für so etwas hatte er seine eigenen Quellen.

„Gut! Das war es im Groben. Ich wollte Ihnen das nur sagen, bevor ich jetzt ins Bett gehe und mal wenigstens fünf Stunden an einem Stück schlafe."

„Wo ist eigentlich ihr Freund Weasley?", fiel Severus ein, als er Harry mit zwei weiteren Scheiben Toast als Wegzehrung, zur Türe brachte.

„Seine Freundin geht heute zurück nach Amerika, er wollte gerne da sein, wenn sie appariert", erklärte Harry, „Er mag sie wirklich!"

„Sie ist annehmbar!", war des Tränkemeisters gnädiger Kommentar.

„Das finden wir auch", grinste Harry, „Ach, da fällt mir ein, ich soll Sie von meiner Frau fragen, ob Sie eigentlich an der Spur mit den Tränken weitergearbeitet haben?"

„Ja, habe ich", nickte Severus, „Ich habe ungefähr die Hälfte der Anträge ausgewertet und komme auf insgesamt 56 Tränke in den letzten vier Monaten, die große Mengen teurer und mächtiger Zutaten enthalten, die weder notwendig noch besonders nützlich sind. Fünf habe ich selbst nachgebraut und die Abteilung für experimentelle Zauberei hat weitere 10 getestet, wir kommen alle zum gleichen Ergebnis."

„Wer saß denn da in der Prüfungskommission?", schüttelte Harry den Kopf über solche Schlamperei.

„Das ist ja das Interessante, Mister Potter!", er senkte seine Stimme, nicht dass doch der eine oder andere Schüler schon durch die Gänge stromerte oder seine Mädchen wach wurden, „Ambros Carter ist der zuständige, externe Sachverständige in dieser Kommission."

„Aber der war doch die letzten Wochen krank!", wisperte nun auch Harry.

„Sehr richtig und seine Vertreterin ist eine uns wohlbekannte Hermine Granger."

„Oh, wie praktisch, denn die war ja mal kurz in Afrika beschäftigt"

„Wieder richtig und raten Sie, wer seither in diesem Ausschuss sitzt!", er sah seinen ehemaligen Schüler scharf an.

„Professor Drumble?", riet Harry sofort.

„Ausgezeichnet!", lobte Severus, Mister Potter sollte öfters nicht schlafen, da wirkte er geistig wesentlich fiter.

„Na, das ist ja ein Ding!"

„Ja, so könnte man es auch sagen", vielleicht war Mister Potters geistige Raffinessen auch schon aufgebraucht für diesen Tag, „Bleiben Sie und Ihr Freund an Hide dran, meine Schwiegermutter ist sich sicher, dass beide mit dem Foltern und Quälen nicht erst in Afrika begonnen haben!"

„Das ist bei dieser Kaltschnäuzigkeit auch unwahrscheinlich!", bestätigte Harry und verstubbelte sein unordentliches Haar noch unvorteilhafter!

„Richten Sie bitte meinen Dank an Mister Weasley aus und grüßen Sie Ihre Gattin. Zudem halte ich eine erneute Zusammenkunft im gewohnten Kreise am 09. Oktober für hilfreich."

„Ich werde es beiden ausrichten, einen guten Morgen Ihnen, Professor!", grüßte Harry und schlurfte gähnend die Kerkertreppe hinauf.

„Und Ihnen eine gute Nacht, Mister Potter, fallen Sie nicht über ihre eigenen Füße!", riet ihm Severus noch, bevor er um die Ecke bog.

Ja, richtig, die geschmuggelten Zutaten in harmlosen Gebrauchstränken war die Erkenntnis Nummer drei gewesen und hatte besonders seine rachefeindliche Frau mit großer Genugtuung erfüllt. Denn jetzt war klar, egal wie das Abenteuer Afrika enden würde, sie konnten Slide alleine wegen dieser Unregelmäßigkeiten mehr als empfindlich treffen.

Ihm persönlich war diese Form der Vergeltung allerdings viel zu wenig befriedigend, denn es flossen weder Tränen noch Blut und beides war wirklich das Mindeste was er von einer anständigen Sühnung erwartete.

Aber na ja, mit dieser Frau und ihrer Familie musste man sich eben mit dem begnügen, was man so bekam.