Unter leisem Stöhnen rappelte sich Severus hoch und half gerade Hermine auf die Füße, die sich ihr schmerzendes Steißbein rieb, als alle drei erstaunt inne hielten und sich zum großen goldenen Tor umdrehten.
Von dort war nämlich wieder dieses seltsame Summen zu hören und wurde von Sekunde zu Sekunde lauter und lauter.
„Was…?", murmelte Mbaba überrascht, doch dann nickte sie, „Ah, habe kleine Gazelle und kluge Mutter vergessen!"
„Gazelle? …Was meint sie damit?", fragte Hermine allarmiert und sah Severus fragend an.
„Nun, es war so", begann ihr Ehemann und wusste schon jetzt, dass seine Ausführungen seiner Frau gar nicht gefallen würden, „dass Deine eigensinnige Mutter, genau wie Deine eigensinnige Tochter sich nicht an meine Anweisungen gehalten haben, sondern ihre Dickköpfe durchsetzen mussten und den Portschlüssel mitbenutzt haben.
„Wie bitte?", Hermine stemmte entsetzt ihre Hände auf die Hüften, „Eileen ist hier in Afrika und meine Mutter auch?"
„Ich fürchte ja!", gab Severus zu und war heilfroh, dass seine Frau vom Öffnungsmechanismus des Tores abgelenkt wurde!
„Mum? Dad?", vernahmen sie auch sogleich den suchenden Ruf ihrer aufgeregten Ältesten und schon lugte sie durch den Torspalt, „Wo seid ihr?"
„Hier, mein Schatz!", rief Hermine, warf ihrem Mann noch einen letzten sehr vorwurfsvollen Blick zu und lief zum Eingang zurück.
„Oh, Mum! Ich bin ja so froh!", strahlte Eileen voller Erleichterung, als sie sie erspähte und warf sich in ihre Arme. Hinter ihr drängten auch Jean, Kingsley, Harry und Ron durch die breite Öffnung, „Hermine, Severus, geht es Euch gut?", riefen sie durcheinander und alle waren mehr als erleichtert, als sie beide von einigen kleinen Blessuren abgesehen, wohlauf fanden.
„Kingsley, Harry, habt Ihr Euch um das Kind gekümmert?", fragte Hermine sogleich, als sie alle ausgiebig umarmt hatte.
„Natürlich", nickte Englands Zaubereiminister, „ich habe diverse Diagnosezauber gesprochen und sie dann mit einem der Notfallportschlüssel zu Poppy auf die Krankenstation bringen lassen."
„Es schien aber nichts Ernstes zu sein", bestätigte auch Harry, „Wahrscheinlich war es ein Muggelkind, denn ich konnte keinerlei Magie spüren."
„Gut!", nickte Hermine beruhigt und befreite mit einem kleinen Zauberstabschlenker Schmutz und Dreck von Severus und ihrer Robe, „Aber sagt mal, wie seid ihr eigentlich hier hereingekommen?"
„Das war Eileen!", strahlte Jean stolz und gab ihrer Enkeltochter einen dicken Kuss.
„Wirklich? Wie hast Du das geschafft, mein Schatz?"
„Och, das war ganz einfach", winkte Eileen leicht beschämt ab, „Außerdem war es Grandmas Idee, sie meinte, ich sei eine Hexe und wäre nicht dumm, wollte kein Gold sondern nur meine Eltern wieder und könnte das schaffen", sie deutete auf Ron Weasley, „wir hatten ja auch den Spruch, er lag direkt neben dem Feuer und Onkel Ron hat ihn gerettet. So brauchten wir nur noch das Zeichen und das wusste Grandma. Es ging wirklich leicht."
„Du konntest Dich noch an die Wischfolgen erinnern?", staunte auch Severus und blinzelte seine Schwiegermutter an.
„Natürlich, sie sehen aus wie ein verschlungenes ‚W' und ein umgedrehtes Schiff!", erklärte Jean grinsend, „Außerdem konnte ich es einfach nicht mehr mit ansehen, dass Harry und Ron vor dem Tor Amok liefen!", schüttelte Jean den Kopf, „da musste es doch einen effektiveren Weg geben hineinzukommen!"
„Du bist unglaublich!", befand Severus beeindruckt und korrigierte sich dann mit Blick auf seine Tochter, „Ihr beide seid unglaublich! Aber seid gewiss, über Euren Aufenthalt hier reden wir noch zu gegebener Zeit!"
„Schon klar, Dad", murmelte Eileen schuldbewusst, grinste dann aber ihre Großmutter verschwörerisch zu, „aber das war es wert!", flüsterte sie leise und Jean schien ganz ihrer Meinung zu sein.
„Und was ist sonst so geschehen", wollte Kingsley wissen, als Severus gerade tief Luft holte, um Tochter und Schwiegermutter eindringlich klar zu machen, dass ein solcher Ungehorsam ernsthafte Folgen hätte haben können.
„Genau", nickte Harry, „Wo sind Slide, Hide und die anderen?"
„Da und da und da", seufzte Hermine und alle reckten den Kopf.
„Ich kann nichts sehen!"
„Es gibt auch nicht mehr viel zu sehen, sie haben sich im Purgatorium für das Böse entschieden."
„Oh, großer Merlin! Ist das nicht dieser komplizierte Feuerzauber, von dem es heißt, dass ihn nur etwa zehn Menschen auf der Welt wirklich beherrschen?", staunte Ron.
„Genau", stimmte Harry zu und machte ein sehr nachdenkliches Gesicht, „ich glaube ich habe darüber gelesen, er bildet das Fegefeuer nach, in dem sich die Seelen der Verstorbenen entscheiden müssen, ob sie das Gute oder das Schlechte wählen. Himmel oder Hölle."
„Nun, ja, er ist nicht ganz einfach, man muss sich sehr gut konzentrieren", gab Hermine doch leicht geschmeichelt zu, „aber ich wollte ihnen eben eine Chance geben."
„Diese Menschen wollten keine Chance, Hermine, sie wollten Dich töten!", schnaubte Severus, „und mich gleich mit", setzte er leise nach.
„Was ihnen aber leider nicht gelungen ist!", hörten sie eine Stimme direkt hinter sich. Die ganze Gruppe wirbelte herum und Severus schob eilig Eileen hinter sich.
„Drumble!", keuchte Hermine und starrte auf ihren Professorenkollegen, der mit gezücktem Zauberstab vor ihnen stand, „Was machen Sie denn hier?"
„Das zu Ende bringen, was diese Idioten nicht geschafft haben!", lachte er und er hatte einen leicht irren Ton in seiner Stimme, was allerdings nichts Ungewöhnliches war, soweit Severus wusste.
„Aber warum?", konnte Hermine das Verhalten Drumbles immer noch nicht einordnen.
„Weil ich so endlich Jemand sein werde, ich muss Sie nur noch aus dem Weg räumen und Ihre besserwisserische Sippe gleich mit."
„Aber Sie sind doch schon jetzt Jemand", schüttelte Hermine verwirrt den Kopf.
„Quatsch!", schleuderte Drumbel ihr entgegen, „Ich bin doch immer nur zweite Wahl! Immer heißt es nur „Granger hier" und Granger da"! Ich bin es so leid!"
„Phönix", versuchte Hermine es noch einmal und atmete tief ein, „Vielleicht neigen Sie ab und an zu eigenwilligen Methoden, aber Sie sind doch dessen ungeachtet ein hervorragender und anerkannter Tränkemeister, sonst hätte Ambros Carter Sie doch nie berufen."
„Ach, Unsinn! Carter wollte eigentlich jemand Anderen, das hat er mal Professor Erin bei einem Empfang erzählt. Ich war nur eine Notlösung. Und in den Ausschuss zur Bewilligung experimenteller Tränke hat er mich auch nicht gelassen. Er hält mich für eine Null!", Drumbel Kinn zitterte und er sah aus, als wenn er gleich anfangen wollte zu heulen.
„Sie werden garantiert seine Anerkennung nicht bekommen, wenn Sie uns hier alle umbringen Drumble!", warf Severus ein. Denn immerhin mochte Ambros die Familie Granger-Snape sehr.
„Nein, vielleicht nicht, Snape", fauchte Drumble bitter, „aber das ist mir inzwischen egal. Ich will etwas ganz anderes!"
„Und das wäre?"
„Ich werde der mächtigste Zauberer werden, den die Menschheit je gesehen hat", sprudelte es aus Drumble nur so heraus, „Ich werde Geschichtsbücher füllen und noch in vielen Generationen wird man von mir erzählen!" Bei Merlin, noch so ein machtgeiler Irrer. Starben die denn eigentlich nie aus, verdammt?
„Dazu reicht es aber garantiert nicht, uns umzubringen", knurrte Severus und rollte mit den Augen.
Er konnte diesen Verrückten einfach nicht ernst nehmen! Zudem hatte er bemerkt, dass Mbaba hinter Drumble getreten war und auch Harry und Ron sich stetig immer mehr nach rechts und links schoben. Noch einige wenige günstige Momente und sie hatten den verrückten Tränkeprofessor eingekreist.
„Nein, das ist nur der Anfang", erklärte der gerade mit leuchtenden Augen, „Eigentlich wollte ich auch nur den Sitz im Ausschuss haben, aber jetzt, wo Thomes Slide tot ist, werde ich als sein soeben neuernannter Cheftränkemeister die Geschäfte übernehmen und dann hält mich nichts mehr auf!"
„Falsch!", unterbrach ihn die Älteste der Mkemeko sanft.
Nun war es an Drumble herumzuwirbeln und überrascht zu starren, aber es blieb ihm keine Zeit mehr Fragen zu stellen, denn Mbaba stampfte zweimal mit ihrem Stab auf und der Tränkemeister für experimentelle Tränkekunde in Edinburgh sackte wie es nasser Sack zu Boden.
Alle traten neugierig näher, wichen dann aber schnell zurück, denn der leblose Körper des Professors zitterte und bebte und dann kam aus seiner Nase, seinen Ohren und seinem Mund ein lila Nebel, der sich zu einer großen pulsierenden Wolke verdichtete.
Mbaba hob den Stab und murmelte einige Worte, die bewirkten dass sich die Wolke zögerlich aber dennoch Stück für Stück auf die Stabspitze zu bewegte und schließlich von ihm aufgesaugt wurde. Es dauerte einige Augenblicke, bis aller Nebel verschwunden war und nur noch ein stöhnender und stark schwitzender Drumble zurückblieb.
„Was war das? Ein Imperiuszauber?", fragte Hermine und beugte sich über ihren Kollegen.
„Ein Dämonenzauber. Verstärkt schlechte Gefühle in Menschen. War schon einige Monde in ihm, wegen Farbe", erklärte Mbaba, „Bringt ihn heim, wenn er erwacht, er keine Erinnerung an letzte Wochen."
„Ich erledige das", bot sich Kingsley an und packte sich Drumble auf die Schulter, „ich sag auch gleich Ginny und Minerva bescheid, dass alles o.K. ist."
„Danke Dir, Kingsley!", war Hermine froh und strich ihm liebevoll über den Arm.
„Guter Freund!", nickte Mbaba, als Kingsley zum Abschied in die Runde schaute und mit einem der Notfallportschlüssel verschwand.
„Sehr, sehr guter Freund!", bestätigte Hermine.
„So, nun alles gut!", entschied Mbaba zufrieden und verneigte sich vor der kleine Gruppe, „Seid Willkommen, Freunde und Familie von Löwenfrau!", grüßte sie voller Freude, „Ganz besonders aber Du, kleine Gazelle!", sie verbeugte sich tief vor Eileen, die sich etwas verunsichert nah an ihre Mutter herandrängte und die Älteste der Mkemeko mit großen schwarzen Augen eingehend betrachtete.
„Bist Du eine der Mondmenschen?", fragte sie und verbeugte sich ebenfalls etwas unsicher vor Mbaba.
„Ja, ich Älteste der Mkemeko und sehr große Freude Dich zu sehen!", strahlte Mbaba, hob ihren Stab und winkte allen zu, „Nun geht! Volk wartet! Großes Fest!"
Im nächsten Augenblick war sie auch schon verschwunden und alle starten sich erstaunt an.
„Und wohin sollen wir gehen?", grummelte Severus, der immer noch so seine Schwierigkeiten mit Mbabas Auftauchen und Verschwinden hatte, „eine kleine Richtungsansage wäre schon eine Hilfe gewesen.
„Nun", grinste Jean, „fändest du diesen dezenten Hinweis vielleicht schon ausreichend?" und sie wies auf den goldenen Pfad, der sich aus den fünf goldenen Skeletten ergoss und nach und nach ins Landesinnere schlängelte.
Eileen und Hermine schnappten beeindruckt nach Luft.
„Na, da bekommen wir aber mal einen goldenen Weg gewiesen!", murmelte Severus fasziniert, reichte seiner Tochter die Hand und bat Hermine mit einer eleganten Geste, „Nach Ihnen, werte Auserwählte!"
