Täuschungen 39 Das weise Volk der Mkemeko

Bei genauerer Betrachtung der Dinge war es gleichwohl bizarr wie wunderschön.

Der glänzend goldener Pfad schlängelte sich eine sanfte Anhöhe hinab und verschwand immer wieder zwischen Bäumen und hinter Hügeln, nur um weiter hinten wieder lockend hervorzublitzen, bevor er sich am Horizont verlor. Und über allem lag der Schein eines riesigen, fast zum Greifen nahen Mondes. Alle standen einen Augenblick still und konnten sich dem Zauber dieses seltsamen Landes nicht entziehen.

„Also gut!", murmelte Hermine und setzte langsam, aber mit festem Schritt einen Fuß vor den anderen und Severus, Eileen, Jean und die anderen folgten ihr. Es war kein weiter Weg durch diese außergewöhnliche Gegend. Nur ein kurzweiliger Fußmarsch von einer halben Stunde durch eine Landschaft, die so gar nichts typisch Afrikanisches hatte und doch so eindeutig Afrikanisch war, wie es nur möglich war. Urwald, der nicht bedrohlich wirkte wechselte sich mit offenen Savannen ab, in denen der sanfte Wind das satte grüne Gras streichelte.

Leise Geräusche der Nacht begleiteten sie und alle waren so in dieser außergewöhnlichen Stimmung gefangen, die dieses Land und seine Landschaft hervorrief, dass keiner ein Wort sprach, bis sie endlich auf einem Bergrücken standen von dessen Kuppe aus sie eine riesige, hell erleuchtete Stadt in einem großen Talkessel liegen sahen.

Afrikanische Rundhäuser, weißgetüncht und goldverziert, mit Palmenblätterdächern und dampfenden Rauchöffnungen gruppierten sich bis zum Horizont um einige große Gebäude von denen das auffälligste ein mehrstöckiges Bauwerk oder eine Burg auf einem kleinen Hügel war. Alle blieben einen Augenblick beeindruckt stehen und sahen sich staunend um.

„Fühlt ihr es?", fragte Jean schließlich und sah die anderen an.

„Was sollen wir fühlen?", fragte Severus und konnte nur mit Mühe seine Augen von der Stadt lassen.

„Friede!", antwortete seine Schwiegermutter, als wenn es das normalste der Welt wäre, und musste schlucken, sie blickte lächelnd hinter sich, bevor sie leise murmelte, „'Die Tore sind aus reinen Perlen, Tränen, die gezählt'", dann zeigte sie auf die vor ihnen liegende Stadt, „'Brunnen, wie sie überfließen in den Straßen aus Gold!'".

Hermine schaute sie lange an, dann nickte er, „Du meinst die Stadt des Himmels, nicht wahr Mum?"

„Ganz genau, mein Schatz!", nickte Jean und atmete tief durch, „Jerusalem, die freie, zukünftige Stadt!" Sie lachte glücklich auf und küsste Tochter und Enkelin, „Danke, dass ich das sehen durfte!"

„Das ist aber bestimmt nicht Jerusalem, Jean!", war sich Severus sicher, obwohl auch er ziemlich friedvoll gestimmt war.

„Natürlich ist es das nicht, aber ich glaube, so haben sich die Israeliten Gottes heilige Stadt vorgestellt, ein bisschen wie ihre eigene und ein bisschen wie die aus den sagenhaften Geschichten, die man sich des Abends an den Lagerfeuern erzählte. Die goldene Stadt der Nacht. In der Stadt der Zwölf, in der alles anders ist und alles wunderbar! ‚Durst und Staub der langen Reise, wer denkt daran zurück?'" Dann wischte sie sich die Tränen aus den Augen und strahlte alle an, „Kommt, ich fühle es, sie warten auf uns!"

„Diese Frau ist unglaublich", murmelte Ron zu Harry, „stell Dir vor, sie hätte Magie, sie würde die gesamte magische Gemeinschaft in die Tasche stecken!"

„Das habe ich gehört, Ronald!", rief Jean lachend über die Schulter zurück und als Severus an Ron vorbei ging, beugte er sich zu ihm herüber und meinte kurz, „Nur ein Dummkopf kann meinen, dass Jean Granger keine Magie hat!"

Die anderen nickten einander grinsend zu und beeilten sich sie einzuholen.

Am Stadtrand angekommen, bemerkten sie es dann zum ersten Mal: Ein leises melodisches Summen, so ähnlich wie das von vorhin, aber doch angenehmer und sinnlicher. Es kam aus den Mauern der großen Burg und genau dorthin führte sie auch der goldene Pfad, der etwas heller leuchtete, als die anderen goldenen Straßen und Wege der Stadt.

Wieder ein großes Tor, und Jean konnte sich einen sehr zufriedenen Laut nicht verkneifen, als sie sahen, dass diese Türe übersäht war mit kostbaren Edelsteinen, die exakt das gleiche Zeichen darstellten, wie Hermine und Eileen es vorhin am Tor beschrieben hatten.

„Mach es auf!", bat Severus seine Frau und dieses Mal musste Hermine nicht lange überlegen und drückte gegen das Torblatt. Als es aufschwang bot sich ihnen ein überwältigendes Bild.

Ein gigantisches Rund öffnete sich, um ein vielfaches größer als das tatsächliche Gebäude und daher bestimmt magisch. Es war voller Menschen, hunderte, tausende, sie lachten und tanzten, sie sangen und feierten. In der Mitte war eine kleine Erhöhung und am Rand dieses Podestes lagen zwölf reich verzierte Kissen. Es duftete so sehr nach köstlichen Speisen, dass Rons Bauch vernehmlich anfing zu knurren. Typisch!

Einige Minuten lang blieben die sechs Besucherinnen und Besucher unentdeckt. Dann ertönte ein lautes Pochen und Severus konnte auf der Erhöhung Mbaba erkennen, die sie erspäht hatte und um Ruhe bat.

„Freunde! Wir haben Gäste, hohen Besuch!", sie verbeugte sich tief vor der kleinen Gruppe, „Seid willkommen!"

Jean, Ron, Harry, Eileen und Hermine und schließlich auch Severus erwiderten ihre Ehrerbietung und verbeugten sich vor diesem außergewöhnlichen Volk und seinem Rat.

„Tretet herbei, wir viel zu erzählen! Großes, glückliches Fest!", strahlte Mbaba mit leiser Stimme, die aber bis in die letzte Ecke deutlich zu verstehen war und großer Jubel machte sich breit. Es wurde eine Schneise gebildet und die sechs schritten langsam zur Mitte. Dabei versuchten unzählige Hände sie zu berühren und in einer fremden Sprache riefen ihnen die Menschen mit lachenden Gesichtern Unverständliches zu.

„Kommt hierher!", wies Mbaba ihre Gäste an, „hier ruhiger und Platz zum Sitzen und Essen!"

Gerne folgten ihr alle zu einer kleinen Nische, die ebenfalls mit weichen Sitzkissen ausgelegt war und natürlich war Ron der erste, der sich über die große Platte mit appetitlich duftenden Speisen hermachte, die plötzlich in der Mitte erschien.

„Nun erzähl schon, was genau passiert ist!", verlangte Harry von Hermine, als auch er seinen ersten Hunger gestillt hatte.

„Tja", machte Hermine und nahm dankbar den Becher entgegen, den Mbaba ihr reichte, „Sie haben schlimme Dinge gesagt und mich mit diesem Kind erpresst den Spruch zu sprechen. Dann musste ich hineingehen und als sie sahen, dass mir nichts geschah, sind sie mir einer nach dem anderen gefolgt. Bis dass als letzter auch Slide drinne war, da ist das Tor zugefallen und alles ist sehr schnell eskaliert.

„Was kein Wunder war, ich hätte auch Panik bekommen, wenn man mir einen baldigen, qualvollen Tot vorhersagt", murmelte Severus.

„Und dann?", ging es Jean nicht schnell genug.

„Dann ist Severus wie ein Racheengel aus dem Gebüsch gestiegen und wir mussten uns mit diesen Menschen arg auseinandersetzen, bevor ich schließlich gezwungen war den Purgatorium zu sprechen", seufzte Hermine.

„Großer Spaß!", befand Mbaba, die jetzt genüsslich an einer Fleischkeule nagte.

„Na ja", schränkte Hermine ein und stellte den goldenen Becher wieder hin, „es war nicht sehr spaßig mitzuerleben, wie sich alle nach und nach in goldene Skelette verwandelt haben."

„Das mit dem Dunghaufen, den Du über Hide ausgeschüttet hast, fand ich schon recht amüsant!", befand Severus leise.

„Ja, das war einer meiner besseren Ideen heute!", nickte Hermine glucksend.

„Löwenfrau und dunkler Mann großartige Kämpfer!", lobte Mbaba derweil mit feierlichem Gesicht und erhobenem Becher und Hermine und Severus prosteten ihr doch etwas geschmeichelt zu.

„Sie waren an ihrem Schicksal selbst schuld!", griff Severus den Faden von eben wieder auf, denn er empfand keinerlei Mitleid. Er war nur heilfroh, dass diese Kreaturen unschädlich gemacht waren und diese Strafe war sicherlich angemessener als Askaban es je hätte sein können!

„Vielleicht, aber dennoch, es ist immer schlimm, wenn eine Menschenseele verloren geht!", war sich Hermine sicher.

„Haben Sie noch etwas gesagt, bevor sie die nächste und übernächste Ewigkeit als stumme Hüter auf den unsichtbaren Zinnen dieses Landes fristen und sich dabei die Afrikanische Sonne auf die Rippen brennen lassen?", wollte Harry wissen.

„Ja, allerdings, das haben sie…", nickte Hermine.

„Sie haben schreckliche Dinge gesagt", grollte Mbaba finster.

„Wobei sie auch mehr oder weniger zugegeben haben, dass sie Amos vergiftet haben und wahrscheinlich geht auch die Freundin von Professor Jennings auf ihr Konto!"

„Und alles andere?", fragte Harry leise.

„Das auch!", nickte Hermine, „Die Kommission zur Bewilligung von Heiltränken war der eigentlich Auslöser, dort wollten Sie Drumble sitzen haben. Dafür musste erst Amos ausgeschaltet werde und ich nach Afrika geschickt werden."

„Aber Du wärst doch wiedergekommen", gab Ron zu bedenken.

„Nein", widersprach Hermine und versuchte so leise zu sprechen, dass Eileen nichts mitbekam, „Sie wollten mich eigentlich hier töten. Vorher allerdings wollten sie etwas Spaß mit mir haben, wie sie sich auszudrücken pflegten."

„Aber dann eröffneten sich ihnen plötzlich wundervolle neue Möglichkeiten", ergänzte Harry ebenso leise.

„Genau! Die Zeichen erschienen nach und nach und ich habe dann unter Zwang den Spruch entwickelt und so mussten sie nur noch die drei Monate abwarten und sich die Zwischenzeit damit zu vertreiben, uns alle sehr, sehr unglücklich zu machen."

„Und Du hast auch noch Mitleid mit diesen Kreaturen und willst ihr Seelenheil retten!", verstand Severus nicht.

„Sie haben Strafe verdient, ja, aber wie gesagt, sie haben ihr Leben verwirkt!"

„Haben sie auch etwas über ihre Verbindung untereinander gesagt?", fiel Harry zwischen zwei Bissen Hirse noch ein.

„Nein, leider nicht, aber es muss mehr als eine geschäftliche Beziehung gewesen sein. Eher Freundschaft oder mehr!"

„Was für eine Geschichte!", stöhnte Jean und gähnte vernehmlich.

„Allerdings!", stimmte Severus kopfschüttelnd zu, „Nichts ist, wie es scheint, es wird immer noch alles schlimmer, als es schon war und schließlich mündet es in einer goldenen Stadt, die seit vielen tausend Jahren kein Fremder mehr betreten hat. Aber meine Frau löst fast nebenbei ein Menschheitsrätsel und wir sitzen alle gemütlich bei einem Festessen und werden von hunderten von zu Stein gewordenen goldenen Verbrechern bewacht. Wenn das mal kein Drama ist!"

„Frohe Geschichte, dunkler Mann!", widersprach Mbaba energisch, „Wir treffen mutige und kluge Löwenfrau, sehr weise Mutter und wunderbare kleine Gazelle!", sie streichelte Eileen übers Haar, „dann legte sie ihre Hand sachte auf Hermines Bauch und lächelte versonnen vor sich hin. „Neues Leben wächst und wird auch große und mächtige Frau", dann lachte sie, als sie Severus geschocktes Gesicht sah.

„Was? Noch ein Mädchen?", keuchte er entsetzt.

„Natürlich, dunkler Mann", lachte sie noch lauter und wischte sich die Tränen aus den Augen, „Du wirst lieben, sehr, sehr lieben!"

„Du bist schwanger?", staunte Ron und vergaß sogar zu essen.

„Ja, ich erwarte ein Kind", nickte Hermine und ließ sich von ihrem Freund, der eilig seine fettigen Finger an seiner Jeans abgewischt hatte herzlich in die Arme schließen.

Grundgütiger noch ein Mädchen, ging es Severus derweil entgeistert durch den Sinn, wie konnte sie ihm das nur antun? Und wie konnte er ihm das antun, dieser unfähige Nichtsnutz von Potter! Er blitzte Harry vorwurfsvoll an.

Hatte er nicht nach all den furchtbaren Geschehnissen der letzten Wochen und Monate wenigstens etwas Trost und Belohnung verdient? Wirklich, wirklich sehr verdient!

Er wollte schon in tiefstes Selbstmitleid versinken, als sich zwei dünne Arme um seinen Bauch schlangen und seine Älteste tröstend meinte, „Mach Dir nichts draus, Dad, mit Mädchen hast Du doch schon Übung!"

Ja, vielleicht hatte er das, obwohl er stark bezweifelte das er die Pubertät in diesem Hühnerhaufen überleben würde, gerade deswegen wäre etwas männlicher Beistand nicht schlecht gewesen.

Gar nicht schlecht!

Gar nicht schlecht fühlten sich allerdings auch die zwei schlanken Arme an, die sich liebevoll um seinen Nacken legten und ihn in eine feste Umarmung zogen. Hermine schmiegte ihre Wange dicht an seine und er hörte ihre leise Stimme in seinem Kopf, ‚Freu Dich, Severus, denn stell Dir vor, Du hättest einen kleinen Harry zu Hause herum laufen.'

‚Bei Merlin!', schnaufte er entsetzt und ihn schüttelte es. Doch dann kam ihm eine Idee und er schob seine Frau und seine Tochter sanft aber entschieden weg, räusperte sich und zog seine Weste gerade, „Also!", verkündete er hoheitsvoll, „Da mir wirklich gar nichts, aber auch gar nichts erspart bleibt, bestimme ich, obwohl das eigentlich wieder Hermines Vorrecht wäre, wenigstens den Namen dieses Kindes!"

„Bravo, mein Lieber", klopfte ihm Jean auf die Schulter und Hermine gab ihm einen Kuss. Er schaute sich sorgsam in der kleinen Runde um und sein Blick blieb an Harry Potter hängen, der ihn sehr aufmerksam ansah.

„Nun, ich hatte schon immer eine Schwäche für… Petunia", erklärte er, was zu einem wunderbar entgleisten Gesicht bei Mister Potter führte und auch großes Erstaunen in den Augen der anderen erzeugte. Er ließ sie einen Augenblick in dem Glauben an eine verheerende Geschmacksverirrung, bis er das kleine Grinsen rund um seine Mundwinkel nicht mehr verbergen konnte, „Aber ich denke", brummte er, „Lillian wäre eine bessere Wahl!"

Erleichtert atmeten Harry und auch die anderen auf. „Eine sehr gute Wahl, Professor!", nickte Hermines bester Freund und auch Hermine schien sehr einverstanden, denn sie drückte fest seine Hand.

„Ja, in der Tat, das scheint mir auch so, Harry!", stimmte Severus selbstgefällig ein, „Allerdings werden wir Ihre Frau bitten müssen, die Patenschaft zu übernehmen, klären Sie das bitte zuhause."

„Das wird sie sicherlich freuen, Professor!", grinste Harry Potter und in seinen grünen Augen funkelte es.

„Severus!", entschied sein ehemaliger Tränkelehrer in einem Anflug von Wahnsinn und reichte ihm seine Hand.

„Das wird sie sicherlich freuen, Severus!", nickte Harry Potter stammelnd und wusste gerade nicht wie ihm geschah.

Er wusste auch nicht, was da mal wieder in ihn gefahren war! Dieses Land bekam ihm nicht. Definitiv nicht! Es bekam ihn nicht, inmitten eines sagenhaften Volkes, von Freunden umgeben und nahe den Menschen, die er mehr liebte als alles auf dieser Welt zu sitzen! All das machte ihn nur sentimental.

Bei Merlin, er wurde alt! Sentimental, alt und ein Softy! Argh!

Allerdings machte ihn das alles auch ziemlich glücklich und das war doch weitaus mehr, als man zu Beginn dieses Dramas erwarten konnte!

In der Tat!