Kapitel 1 – Something (Cary Brothers)
Im Haase-Anwesen läutete es um kurz vor elf.
„Na endlich", gähnte Jochens Freundin 'Ehm müde, rappelte sich vom gelben Cordsofa auf, um die Haustür zu öffnen, in Erwartung den seit über einer Stunde bestellten Döner mit Boten vorzufinden.
„Gib dem ja kein Trinkgeld – wir hätten eben doch bei Mario bestellen sollen, der hätte zwar drei Euro für die Anfahrt genommen, aber wenigstens hätten wir dann nicht hungern müssen. Wer weiß überhaupt, wie das jetzt schmecken wird." Jochen fischte unter seinem Hintern die Fernbedienung für den DVD-Player hervor und stoppte den Film.
Heißhungrig und mit vor Vorfreude schon glasigen Augen drückte die Braunhaarige den Summer fürs Eisentor und ebenso enthusiastisch öffnete sie die Tür. „Auch wenn wir schon halb verhungert sind, es ist fantastisch, dass Sie end... Dr. Meier?", unterbrach sie sich selbst in ihrem Redeschwall.
„Wo's Bärbel?", fragte er gehetzt, ging schnurstracks an der kleinen Frau vorbei ins Haus.
„Ich wünsche Ihnen auch einen wunderschönen guten Abend", schnaubte sie verächtlich, nachdem sie die Tür wieder verschlossen hatte.
„Marc?", fragte Jochen verwundert, als Angesprochener ins Wohnzimmer getrampelt kam und im schummrigen Licht der gedämmten Deckenlampe und das LED-Licht des Fernsehers nur vage Vorstellungen haben wollte, dass er gerade ein romantischen Abend mit einem... Totengräber unterbrochen hatte. Noch dazu gab das Standbild des Flimmerkastens wahrlich warme Gefühle einher. Scott wurde gerade von Kate niedergeschossen. From Dusk Till Dawn, nein, wie romantisch.
Doch er hatte weitaus andere Probleme als seiner Antipathie gegenüber dieser Sargbauerin neuen Zündstoff zu geben, weil er sah, wie dieses halbe Mädchen-Kind Jochen in bösester Meier-Manier korrumpierte.
„Wo ist deine Mutter?", fauchte er ungehalten. Er hatte es eben doch schon einmal gefragt und Jochen war ja nun wohl nicht taub, sodass er es nicht gehört hätte.
„Hat man Ihnen schon mal gesagt, dass man mit Freundlichkeit, oder nur gespielter Höflichkeit im Leben sehr viel weiter kommt, als mit Forsch- und Frechheiten?", ertönte die Stimme von Jochens Freundin, die erstmal die Beleuchtung voll aufgedreht hatte.
„Ich weiß nicht, wo meine Mutter ist, uhm...", Gretchens kleiner Bruder sah hilflos an Marc vorbei zu seiner Freundin, die genervt die Augen verrollte, aber routiniert in ihrer eigenen am Stuhl des Esstisches hängenden Handtasche nach ihrem Filofax suchte.
Jochen bemerkte sofort, dass etwas nicht ganz koscher war, denn der sonst so furchtbar gebügelte Oberarzt vor ihm war kreidebleich und sah aus, als ob er am liebsten jeden unerwünschten Menschen auf der Welt eliminieren würde – angefangen bei seiner, Jochens, Freundin. Es konnte sich folglich nur um ein Problem handeln: um seine Schwester!
„Wo ist Gretchen? Und überhaupt, wolltet ihr morgen nicht nach Hawaii?"
Seufzend ließ sich Marc nach dem ewigen Hin- und Hergehen im Zimmer letztendlich doch auf die unbesetzte Zweiercouch plumpsen. Jawohl, plumpsen. Er hatte das Gefühl, dass er, seit man Gretchen in Handschellen, sie hatte sich nicht nur literarisch mit Händen und Füßen gewehrt, aus seinem Apartment abgeführt hatte, nicht mehr richtig atmete. Das tiefe Luft holen änderte aber nichts daran, dass er den flehenden Blick vergessen konnte, den Gretchen ihm zugeworfen hatte. Diese unsagbare Hilflosigkeit, die Angst, was alles kommen könnte, konnte man von ihren vor Tränen glänzenden Augen ablesen.
Er schlug unvermittelt den Kopf in den Nacken: „Deine Schwester sitzt wegen vorsätzlicher Tötung an Alexis von Buren in U-Haft!"
Der zerschlissene Organizer aus Papier landete mit einem dumpfen Aufprall auf dem Parkett. Jochen, hätte er etwas in der Hand gehabt, wäre sicherlich auch alle Kraft aus den Gliedern gewichen – nur zu gut, dass er saß.
„Du... machst Witze!", war das Erste, was Jochen zu Stande brachte.
„Hörst du irgendjemanden lachen? Also wo ist deine Mutter?"
„Die ist von einem gewissen Herrn von Bismarck erst zum Abendessen eingeladen worden und anschließend Carmen. Vorstellung begann um 21 Uhr, mit Pause und Fahrt dürfte sie nicht vor 0 Uhr zu Hause sein", las das Mädchen aus dem dicken Planer vor.
Marc starrte sie sekundenlang perplex an, sagte letztlich jedoch nichts. Was interessierte es ihn denn, warum Jochens Freundin in ihrem Kalender die Termine von anderen Menschen eingetragen hatte – noch dazu so detailgetreu.
„Haben Sie Ihren Vater schon angerufen?", fragte dieses Mädchen ungerührt weiter, setzte sich neben Jochen auf die Couch, suchte aber schon in ihrer Hosentasche nach ihrem Telefon.
Marc formte Worte mit dem Mund, aber es dauerte lang erwartete Momente, bis dieser sich über die nahezu unaufgeforderte Dreistigkeit dieser Person ihm gegenüber erhaben fühlte.
Auch Jochen schaute seine Freundin eindringlich an, sich bitte nicht einzumischen.
„Natürlich habe ich meinen alten Herrn schon angerufen, der sitzt aber in der Schweiz und kommt nicht weg, da die Konten meiner Eltern wie durch Zauberhand eingefroren sind. Aber auch ich kann nicht an einem einzigen Schalter in dieser beschissenen Stadt an Geld herankommen", spie er, erhob sich wieder und lief durch das ganze Wohnzimmer.
„Ich bin nur hier, um Bärbel nach ihrem Kontostand zu fragen, oder dich...", sein Blick ruhte auf Jochen, „da Anwälte auch in der Nacht erst Geld wittern, um auch nur den Arsch in die Nähe eines Mandanten zu bewegen. Geldgeiles Pack!"
„Ich hab gedacht, die letzte Handyrechnung hat mein Konto gesprengt", seufzend lehnte sich Jochen in die Couch zurück, fuhr sich nachdenklich durch die Haare.
„Prima, darf man also auch davon ausgehen, dass man bei dir und deiner Mutter einen Riegel vors Geld geschoben hat! Hervorragend"
„Welchen Anwalt hat Ihnen Ihr Vater denn empfohlen?", bohrte das Mädchen weiter.
„Huh? Niemanden, er ist doch selber einer, er sollte..."
„Ihr Vater ist Zivilrechtler, Herr Dr. Meier", sagte 'Ehm so, als ob sie mit Lilly sprechen würde, wenn sie der Kleinen neue Akkord-Griffe auf der Gitarre beibrachte.
„Er sagte, er würde schon alles ins Lot bringen, wenn er wieder hier ist – und hör auf dich einzumischen, es hat dich niemand nach deiner unqualifizierten Meinung gefragt!"
„Sie verkennen hier gerade die Situation. Ihr Vater wollte sicher die Fäden nicht selbst in die Hand nehmen, vermutlich jemanden den er gut kennt beauftragen – nur dass es vielleicht ein bisschen zu spät ist, wenn er in drei Tagen doch einen Weg mit Ihrer Mutter zurück nach Berlin gefunden hat."
„Und du, Mädchen, überschreitest hier gerade gehörig die Schwelle deiner Möglichkeiten!"
„Dann rufen Sie Ihren Vater doch noch einmal an, verdammt noch eins – der wird Ihnen bestätigen, dass er auf dem Gebiet der Strafverteidigung ähnlich unbedarft ist, wie Sie, wenn sie einem Menschen im Gehirn herumfuhrwerken würden."
„Hört auf, alle beide", schrie Jochen unvermittelt in den Raum, und die beiden neben ihm wurden augenblicklich still.
Die Atmosphäre war drückend, da für Minuten niemand etwas sagte, sondern nur seinen eigenen Gedankengängen nachhing.
Doch auch nach dem einhundertsten Fluch, den Marc gen Hölle schickte, damit diese unsägliche Frau endlich verschwand, musste sein noch kleines bisschen übergebliebener rationaler Verstand eindeutig den Punkt an das Mädchen abgeben.
Schnaubend zückte er sein Handy, drückte die Wahlwiederholung und wartete, dass auch diesmal seine Mutter den Hörer abnahm.
„Mutter, hier ist noch mal Marc, kannst du noch einmal Emanuel an den Hörer... ja – aber mach fix."
Marc drehte sich zu den beiden sitzenden Geschöpfen auf der Couch um. Jochen flüsterte seiner Freundin etwas Unverständliches zu, und es freute Marc zu sehen, dass das Mädchen sich schuldbewusst auf die Lippe biss.
„Wenn du wieder hier bist, was würdest du dann tun?", fragte er unvermittelt und die anderen beiden im Raum schauten ihn erwartungsvoll an.
Nach einigen Minuten der Stille, bemerkte Jochen mit einer erschreckenden Leichtigkeit, die er sich von seiner Freundin vermutlich abgeschaut hatte, dass Marcs rechtes Auge verdächtig flatterte und auch Zornesröte langsam über seinen Hals in sein Gesicht schoss:
„Und warum kann ich das nicht schon heute erledigen, wenn du es nicht mal schaffst bis Freitag hier zu sein? Es geht hier nicht um irgendeinen Kunstfehler, Vater, ich dachte du bist dir dessen bewusst! Also her mit den Namen." Er gestikulierte wild mit seiner Hand, die er nicht mit samt Handy am Ohr hielt, die bedeuten sollte, dass er etwas zum Schreiben benötigte.
Jochen sprang sofort auf und kramte aus dem kleinen Büroeckchen, was sich seine Mutter eingerichtet hatte, Papier und Kugelschreiber, welche er dann auf den Tisch legte.
Marc setzte sich nun doch wieder hin, und schrieb fünf verschiedene Namen auf, zu einem sogar die genaue Anschrift und Telefonnummer.
Er hatte seit fast vier Monaten nicht eine einzige Zigarette mehr geraucht, doch nun war ihm wieder danach.
Es würde ihn beruhigen, das hatte es immer getan!
„Danke", sagte der Oberarzt matt und in einem kitschigen Roman seiner Mutter hätte man seine Stimme als belegt und ausgetrocknet bezeichnet.
Während er die erste Nummer zittrig in sein Smart-Phone tippte, stöhnte Jochen gequält auf: „Heute Abend erreichst du da eh nichts mehr!"
Doch Marc hob den Zeigefinger, während er begann zu reden: „Herr Nomsen?... Meier hier..." Er stand nun doch wieder auf, und erklärte in knappen Sätzen, wer er war, oder besser, wer sein Vater war, die Situation um Gretchen und die Dringlichkeit, die die Staatsanwältin betitelt hatte, dass seine Freundin einen Rechtsbeistand benötigte.
'Ehm stellte drei Gläser auf dem Wohnzimmertisch ab und brachte in einer weiteren Fuhre eine Cola und eine Wasserflasche aus der Küche mit. Ebenfalls stellte sie einen Aschenbecher auf Marcs Seite hin.
Nach spannenden aber auch zehrenden Minuten legte Marc unschlüssig wieder auf.
„Sag ich ja: Geldgeiles Pack, die Anwälte. Ich hab keine Zigaretten dabei", sagte er knapp, nachdem er einen großen Schluck getrunken hatte - es sollte so etwas wie ein Waffenstillstand zwischen ihm und 'Ehm darstellen. Er war für das kurze Kopfnicken, was an schüchterne asiatische Mädchen erinnerte, sehr dankbar, dass sie es nicht größer aufbauschte.
Abermals in ihrer Handtasche kramend fischte sie zu Marcs Überraschung eine Packung Menthol-Zigaretten hervor.
Was rauchte man nicht alles, wenn es nötig war!
„Ich wusste gar nicht, dass du auch rauchst?", sagte er teilnahmslos, als er sich forsch eine Zigarette in den Mund stopfte, diese genüsslich ansteckte und sich eine weitere aus der Schachtel vorsorglich hinters rechte Ohr klemmte.
„Ich hab immer welche dabei – meine Mutter raucht", sagte Marcs Gegenüber leichthin und verstaute die Drogen wieder in ihrem Wundertäschchen.
Danach griff sie ungefragt die Liste vom Tisch und suchte im Browser ihres Smart-Phones die dazugehörigen Telefonnummern von den verbliebenen vier Anwälten.
„Weißt du eigentlich irgendwelche Details? Wie kommen die ausgerechnet auf Gretchen? Sie hat Alexis doch seit über einem Jahr nicht mehr gesehen", fragte Jochen matt.
„Ich weiß gar nichts. Gretchen hat auch nie nur ein Wort darüber verloren, wie sie Alexis dazu gebracht hat, die Ehe annullieren zu lassen."
„Mich interessiert viel mehr, warum sie damals so abrupt nach der Hochzeit einen Schlussstrich gezogen hatte", dachte Jochen laut nach.
„Wegen mir!"
Jochen nickte und seine Freundin hustete theatralisch.
„Wolltest du irgendwas sagen?", fragte Marc nun wieder ein bisschen gereizter, doch das Mädchen schüttelte nur den Kopf und gab ihm das Telefon in die Hand. Die Nummer war bereits gewählt.
Nachdem auch der zweite und dritte vorgeschlagene Anwalt erst im Laufe der Woche sich des Problems um Gretchen annehmen wollten, der andere sogar erst sagte, dass er sich erst die Akte durchlesen müsste, um zu schauen, ob es überhaupt einen Ausweg geben würde, da er seine 100% Gewinnsparte nicht gefährden wollte, kam in Form einer hyperventilierenden Bärbel das nächste große Problem die Tür herein gepoltert.
„Margarethe? Margarethe", die Stimme der sonst so agilen Dame war brüchig und leidend.
„Fuck", drückte zuerst Marc und einen Moment auch Jochen seinen Unmut über Bärbel aus, die vermutlich durch Marcs parkenden Wagen vor der Haustür so kurz vor dem Urlaub, zu völlig falschen Schlussfolgerungen gekommen war. Doch vermutlich wäre es noch immer besser gewesen, sie über eine schon wieder gescheiterte Beziehung ihrer Tochter zu informieren, als über die groteske Tatsache, dass die einzige Frau, die vermutlich noch nicht einmal in ihrem Leben eine Fliege erschlagen hatte, im Knast wegen Mordes an einem Millionär saß.
„Language", schalt 'Ehm die beiden Kerle unvermittelt.
„Marga... Marc?" Abrupt blieb Bärbel im Türrahmen des Wohnzimmers stehen. Alle Sorgenfalten schienen durch ein friedvolles Lächeln ersetzt, als sie „das Schlimmste" ausschließen konnte, da kein heulendes Gretchen auf der Couch saß.
„B-Bärbel", Marc bemühte sich um Fassung und genügend Konsens in seinen Gehirnwindungen, nachdem er sich mit solchen Anwälten über die Gleichung 2+2=4 auseinandergesetzt hatte.
Seine weißen Zähne blitzen hinter einem falschen Lächeln hervor. Jochen schlug die Augen nieder, weil er ahnte, dass seine Mutter den faulen Braten 100 Meilen gegen den Wind roch, und seine Freundin stand mit einem ebenfalls sehr aufgesetzten Lächeln auf: „Frau Haase? Ich wollte... uhm, gerade Tee kochen, mögen Sie auch einen?"
Bärbel runzelte abermals die Stirn: „Du bist ein Schatz, danke 'Ehm... aber: was ist hier los? Wo ist Gretchen?"
„Du solltest dich vielleicht erstmal setzen, Bä..."
„Wo ist meine Tochter, Marc? Warum sitzt du überhaupt hier, euer Flieger geht in weniger als sechs Stunden und du sitzt hier – allein?" Ihre Stimme nahm mit jedem Wort eine Oktave zu. Ein wahrlich schlechtes Zeichen, egal wie alt eine Frau war. Die Hysterie war nicht mehr weit entfernt.
„Uhm, eines nach dem anderen, Gretchen ist... ist..." Marc rang nach den richtigen Worten, wie sollte man jemanden... Wie sollte er einer solch guten Mutter, gar Mutterglucke, denn beibringen, dass ausgerechnet das zartbesaitete Gretchen, ihre Tochter, in U-Haft genommen worden war. Dem Vorwand der Verdunklungsgefahr, sich in Hawaii abzusetzen, ganz vorweg?
„Gretchen sitzt im Gefängnis", rollte es genervt und mit der Situation ebenfalls eindeutig überfordert von Jochens Zunge.
„Ganz prima Jochen", Marc warf ihm einen vernichtenden Blick zu.
„Was? Du bist doch auch zu jedem Menschen so direkt,... Mama?", schrie Jochen und sprang erstmalig seit gefühlten Stunden von seinem Sitzplatz auf.
Bärbel hatte sich nahezu schon verkrampft den Unterkieferknochen gehalten, bevor ihr ein paar Sekunden später die Beine wegklappten...
Original Writing: 08. Januar 2011
Original Air-Date: 16. Oktober 2011
lg
manney
