Kapitel 2 – Lean On (Bill Withers)

Er wünschte sich nichts sehnlicher als aufzuwachen.

Aus diesem vollkommen grotesken Albtraum, in der seine Freundin im Knast saß, deren Mutter gerade vor seinen Augen zusammengebrochen war und er sich wie eine Seele im falschen Körper nicht mehr bewegen konnte.

Doch nach der ersten Schrecksekunde kniete er schon neben Bärbel und besah sich die zitternde Frau, die sich panisch mit der rechten Hand noch immer den schmerzenden Kiefer hielt. Dicke Schweißperlen hatten sich auf der Stirn der Mutter gebildet und der Hilfe suchende Blick, den die am Boden Liegende Marc zuwarf, sprach Bände darüber, dass sie sich in der konkreten Situation wahrlich mehr Sorgen über Gretchen machte, als über ihren eigenen Gesundheitszustand.

Sporadisch nahm der Oberarzt wahr, dass Jochens Freundin gerade am Telefon die fünf W-Fragen beantwortete, da Bärbel zusehends das Bewusstsein verlor.

„Hier bleiben, Bärbel", schrie er schon fast und auch wenn man es nur aus schlechten Arztsendungen kannte, dass man dem Patienten ins Gesicht fasste und schüttelte, so tat er es trotzdem.

„Mama", Jochen streichelte seiner Mutter immer wieder über die Schläfe, schaute ihr in die flatternden Augen, wusste wohl, dass seine Mutter jetzt unter gar keinen Umständen der Schwäche erliegen durfte.

Doch es half nichts, nach einigen Sekunden, die den drei noch bewusst Anwesenden wie Stunden vorkamen, schloss die Rothaarige die Augen.

„Scheiße", plärrte Marc vorweg. Er hatte sich in der Zwischenzeit schon bis zur Unterwäsche von Bärbel vorgearbeitet, um ihrem Brustkorb mehr Freiraum zu geben.

„Ich mach die Lunge, du das Herz", befahl er Jochen routiniert, presste dann aber schon seinen Mund auf Bärbels, beatmete sie zwei Mal kurz hintereinander, ehe Jochen in einer kräftigen Herzmassage beide Hände übereinander auf das Brustbein pumpte.

Irgendwann würde Marc Jochen sagen, dass er noch nie so etwas wie Stolz für Gretchens jungen Bruder empfunden hatte, doch dafür, dass es seine Mutter und er noch Arzt im Studium war, parierte er und konzentrierte er sich, wie ein Profi. Stolz, oh ja, das konnte man auf den Sohn in dem Moment wirklich sein.

Jochens Freundin hatte sich nützlich gemacht, indem sie auf der Straße nach Krankenwagen und Notarzt Ausschau hielt, um diese dann zum richtigen Haus zu lotsen.

Sekunden, Minuten, Stunden, wer konnte das schon genau beurteilen, wenn es um ein Menschenleben ging, verstrichen, bis Marc endlich die erlösende Sirene des Einsatzhorns vernahm, immer näher kommend.

Noch nie war er so glücklich gewesen Gordon zu sehen.

Es ging alles rasend schnell von Statten, in denen Bärbel an ein EKG angeschlossen, daraufhin mit Paddles beschossen und auf eine Liege gehievt wurde. Innerhalb weniger Minuten fand sich Marc mit dem blonden Sanitäter und Jochen im Krankenwagen wieder. Hinter ihnen wurde die Tür kraftvoll zugeschmissen und man befand sich in Windeseile auf dem Weg ins EKH.


Ein Bypass.

Nichts sonderlich Schwieriges.

Dennoch fühlte er sich als Assistent unbeholfen und wollte die Angelegenheit allerliebst selbst in die Hand nehmen, auch wenn er sehr wohl wusste, dass der spezialisierte Kardiologe Dr. (an seinem zweiten Doktortitel gerade arbeitend) Ebersbusch eine solche nahezu winzige Operation lapidar als Routine bezeichnen konnte.

Vielleicht war ihm aber auch nur deshalb so furchtbar schlecht und elend zumute, weil er bei seiner letzten OP, in der er assistiert hatte, den Patienten leider in die Pathologie schieben musste – Gretchens Vater. Es mochte vermessen klingen, aber es wäre ihm so viel lieber gewesen, wenn er damals – und auch jetzt – die Verantwortung getragen hätte. Denn niemand hatte das Recht Gretchen noch einmal so weh zu tun.

„Fertig - zumachen", nuschelte der Mann neben ihm.

Marc schwor sich, dass er nie wieder „Fettklops" denken würde, wenn der Name dieses grandiosen Mannes neben ihm fallen würde. Nein, er würde sich auch jeden einzelnen seiner Kollegen zur Brust nehmen, wenn sie über den Kardiologen hinter seinem Rücken tratschten und schon erwähnten Kosenamen benutzten.

„Sollten Sie nicht eigentlich auf Pre-Honeymoon-Reise sein, Dr. Meier?", fragte der Fett... Dr. Ebersbusch, nachdem er mit Marc in den Waschraum vorangeschritten war, sich des Kittels, Handschuhe und Maske entledigte.

„Hm...", sagte Marc eintönig und schaute sein eigenes Spiegelbild an, das ihn anschrie: „Mann, siehst du scheiße aus."

Und das war noch untertrieben. Er hatte tiefe Augenringe, die schon fast wie Löcher wirkten, seine Haut war der Fellfarbe eines vor kurzem gestorbenen Berliner Eisbären fast gleichgekommen und der einst so sinnige Mund mit den verschmitzten Grübchen war zu einem spröden blassrosa Etwas zusammengeschrumpelt.

Marc Meier hatte, um es kurz zu machen, in seinem ganzen Leben noch niemals so beschissen ausgesehen, so richtig beschissen.

„Dr. Meier?"

Angesprochener wandte sich von seinem Spiegelbild und seinen Gedanken ab, schaute sein Gegenüber fragend an.

„Ich bin nachsichtig mit Ihnen, passiert ja nun nicht alle Tage, dass Schwiegermama in Spe einen Herzinfarkt bekommt. Aber, wo ist überhaupt Gretchen, wollte ich wissen. Sie war ja nicht bei ihrem Bru..."

Der Chirurg trocknete sich forsch die Hände ab. „Gretchen sitzt im Knast, was glauben Sie denn wohl sonst, warum die so rüstige Dame sonst einen Herzkasper bekommen hat", fauchte Marc und ging zur Korridortür heraus. Nach einigen Sekunden, in denen er den Flur schon hinunter gelaufen war, hörte er Ebersbusch schnaufend rufen: „Das ist doch nicht Ihr Ernst, Meier. Mit so etwas macht man keine Witze."

Marc hatte für ihn noch nicht mal mehr den Stinkefinger übrig.


Dass dieser Tag, diese letzten Stunden schlimmer waren als alles bisher Dagewesene in seinem Leben, wurde bewiesen, als er sich darüber freute, dass Jochens Freundin neben Gretchens Bruder saß. Er freute sich über die Anwesenheit des Totengräbers – na bravo!

„OP ist gut verlaufen", sagte der Oberarzt, wenn auch nicht für diese Abteilung, knapp, lehnte sich an die den Plastikstühlen gegenüberliegende Fensterwand und fuhr sich nervös durch die Haare.

Das tiefe Luft holen des Pärchens war nicht zu überhören.

„Wann kann ich zu ihr?", fragte Jochen hoffnungsvoll.

„Im Moment noch gar nicht", schnaubte Marc verächtlich, „vielleicht aber in ein, zwei Stunden. Ich frag die Nachtschwester, ob sie euch beide irgendwo einquartieren kann", fügte er dann aber beschwichtigend hinzu.

„Ich hole jetzt Kaffee, will irgendjemand noch Kaffee?" 'Ehm erhob sich schon, mit samt Mantel und Handtasche, als ob sie es geradezu eilig hatte dem Gespräch des Übernachtens aus dem Weg zu gehen. Jochen und Marc nahmen aber beide dankend an.

„Sie wird aber wieder völlig gesund, oder?", fragte Jochen schmächtig und erst jetzt bemerkte Marc die rot geränderten Augen seines Gegenüber.

Marc nickte aufmunternd und schloss für einen kurzen Moment selbst die Augen. Als er sie wieder öffnete, stand Jochens Freundin vor ihm, Kaffeebecher in der einen Hand und einen weißen Zettel mit einer Telefonnummer und Anschrift darauf gekritzelt.

„Ich weiß, ich soll mich nicht einmischen, aber sollte ihre weitere Anwaltsjagd genauso missglücken wie die letzten drei, rufen Sie den hier an. Er handelt zwar moralisch verwerflich, aber er ist gewieft und wird Ihnen auch ohne Geld weiterhelfen können."

„Hmpf", sagte Marc nur abwertend, zerknüllte den Zettel belanglos, steckte ihn aber trotzdem in seine Hosentasche.

„Du siehst so aus, als ob du in Aufbruchsstimmung bist", witzelte Jochen, als er auf ihren bereits angezogenen Mantel zeigte.

'Ehm räusperte sich umständlich: „Nun, du weißt doch, ich hab um drei Uhr wieder anzufangen."

„Das ist nicht dein Ernst", das leichte Grinsen von Jochen war wie erloschen und hinterließ eine Eiseskälte.

„Du wusstest, dass ich nur ein paar Stunden Zeit..."

„Das war bevor meine Schwester im Knast saß und meine Mutter von einem Herzinfarkt heimgesucht wurde. Und du stehst hier, abmarschbereit, als ob die letzten Stunden überhaupt nicht stattgefunden hätten."

„Sh, du musst hier nicht so rumschreien! Außerdem hat Dr. Meier doch gerade gesagt, dass die OP okay war, wir können die nächsten Sunden eh nichts mehr erreichen und die Behörden und Kanzleien haben heute früh erst wieder ab zehn Uhr geöffnet."

„Ich glaub's nicht", Jochen lief einige Schritte hin und her.

Marc hingegen beobachtete fasziniert, wie Gretchens Bruder die Faust zusammenballte. Der kleine Mann war tatsächlich erstmals in der Geschichte, seit er mit dieser Totengräberin zusammen war, wahrlich wütend auf seine Freundin – na endlich!

„Du siehst das alles so pragmatisch, wie ein Eisklotz, schlimmer, wie eine Maschine. Gott, was hab ich mir in drei Teufels Namen nur angelacht", echauffierte er sich.

„Soll heißen?", fragte 'Ehm unruhig. Marc blinzelte ein paar Mal, ob er auch richtig schaute, denn ihre Unterlippe bebte verdächtig.

„Dass ich in den schwersten Stunden meines Leben stecke und von meiner Freundin erwarte, dass sie mir beisteht, verdammt nochmal. Aber nein, diese geht lieber, und sargt ein paar Altenheimleichen ein. Vermutlich wäre es dir viel lieber gewesen, meine Mutter wäre auch verreckt, hättest du wenigstens was zu arbeiten gehabt, was?"

Weder Jochen noch Marc, der ja nun wahrlich auf Schnelligkeit trainiert wurde, sahen die gepfefferte Ohrfeige kommen.

Es klatschte heftig, sodass sich selbst einige Schwestern umdrehten, die eine Zeit lang so getan hatten, den Streit nicht mitbekommen zu haben.

„Du hast die schwärzesten Stunden? Du? Deine Schwester, deine Mutter, bestimmt, aber du? Wenn du rumheulen willst, weil es dir selber den Boden unter den Füßen wegreißt, geh zur nächsten Bar, erzähle deinen Unmut über dein ach so beschissenes Leben und deiner noch roboterhafteren Freundin einem Barkeeper, der dich und deine Probleme beweihräuchert."

Jochen ließ eine Art höhnisches Grunzen von sich, das vor Spott und Sarkasmus nur so triefte, blickte dann zu Marc: „Du hattest Recht, um ehrlich zu sein, Gretchen und Du hattet die ganze Zeit recht, meine Exfreundin hier ist nichts weiter als eine emotionslose Hülle, die zu tieferer Emotion gar nicht fähig ist." Er grabschte seine Jacke von den Stühlen, stieß beim Vorbeigehen mit seiner linken Schulter gegen ihre und verschwand dann ohne ein weiteres Wort.

Marc hätte zu gern applaudiert.

Ein cooler Abgang und eine noch coolere Entscheidung diesen Totengräber endlich von der Bettkante zu schupsen.

„Tja, hmm... na dann viel Glück noch und so, 'ne", er war ja auch kein Unmensch und meinte es nur gut.

'Ehm drehte sich allerdings abrupt um und sah ihn sekundenlang sprachlos an, bis sich ihr gesamter Körper entspannte, sie sich lasziv die rechte Hand zum Gesicht führte, ihren Mittelfinger tief in die Mundhöhle schob, mit Spucke befeuchtete und mit dem linken Unterarm vor ihrem Bauch einen Winkel formte, um diesen dann als Stütze zu verwenden und ihn dann old fashioned für das allseits bekannte „Fuck you" vorzubereiten.

„Fick dich, Meier", spie sie emotional und verließ den Korridor ebenfalls in dieselbe Richtung, in die Jochen gegangen war.

Marc hoffte inständig, dass Jochen sie nicht zurück nehmen würde, auch wenn sie noch so betteln und bitten würde. Die Frau war einfach zu... gruselig in jeder übertragenen Art.

Doch wenige Zeit später, nachdem sich das Drama auf dem OP-Flur gelegt hatte, wurde ihm jäh bewusst, dass er müde war, so unendlich müde, nur noch nach Hause wollte und schlafen.


Original Writing: 21. Februar 2011

Original Air-Date: 28. Oktober 2011

lg

manney